Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11)

Part 2

Chapter 23,554 wordsPublic domain

In Folge derartiger Betrachtungen fingen die kundigsten und aufgeklärtesten Tories an zuzugeben, daß sie in der Lehre vom passiven Gehorsam doch zu weit gegangen waren. Der Streit zwischen diesen Männern und den Whigs bezüglich der gegenseitigen Verpflichtungen der Könige und Unterthanen war jetzt kein Prinzipstreit mehr. Es blieben allerdings noch einige gerichtliche Streitpunkte zwischen der Partei, welche jederzeit die Rechtmäßigkeit des gewaltsamen Widerstandes behauptet hatten, und den Neubekehrten. Das Andenken des gesegneten Märtyrers wurde von den alten Kavalieren, welche bereit waren, gegen seinen entarteten Sohn die Waffen zu ergreifen, noch immer so hoch als je verehrt. Sie sprachen noch immer mit Abscheu von dem langen Parlamente, von dem Ryehousecomplot und von dem Aufstande im Westen. Aber wie sie auch über die Vergangenheit denken mochten, ihre Ansicht von der Gegenwart war entschieden whiggistisch, denn sie waren jetzt der Meinung, daß äußerster Druck gewaltsamen Widerstand rechtfertigen könne und daß der Druck, unter dem die Nation eben seufzte, den äußersten Grad erreicht habe.[1]

Man darf jedoch nicht glauben, daß alle Tories selbst unter den damaligen Umständen einem Prinzipe entsagten, daß sie von Kindheit auf als einen wesentlichen Bestandtheil des Christenthums betrachten gelernt, zu dem sie sich viele Jahre lang mit prahlender Heftigkeit bekannt und das sie durch Verfolgung zu verbreiten gesucht hatten. Manche hielten aus wirklicher Überzeugung, Andere aus Scham an dem alten Glauben fest. Der größere Theil aber selbst von Denen, welche nach wie vor jeden gewaltsamen Widerstand gegen den Landesherrn für unstatthaft erklärten, war geneigt, im Falle eines Bürgerkriegs neutral zu bleiben. Keine Herausforderung sollte sie zum Aufstande bewegen, wenn aber ein solcher ausbräche, so glaubten sie sich nicht verpflichtet, für Jakob II. zu kämpfen, wie sie für Karl I. gekämpft haben würden. Paulus habe den Christen in Rom verboten, sich gegen die Herrschaft Nero's zu empören; aber es sei kein Grund zu der Annahme vorhanden, daß, wenn der Apostel noch gelebt hätte, als die Legionen und der Senat sich gegen den ruchlosen Kaiser erhoben, er den Brüdern befohlen haben würde, zur Unterstützung der Tyrannei zu den Waffen zu eilen. Die Pflicht der verfolgten Kirche sei klar: sie müsse geduldig ausharren und ihre Sache Gott anheim stellen. Wenn es aber Gott, dessen weise Fürsorge stets das Böse zum Guten lenkt, gefallen sollte, wie es ihm oft gefallen habe, sich zur Abstellung ihrer Leiden der Vermittelung solcher Menschen zu bedienen, deren heftige Leidenschaften ihre Lehren nicht zu bezähmen vermocht hätten, so könne sie dankbar von ihm eine Befreiung annehmen, welche auf eigne Hand zu bewerkstelligen ihre Grundsätze ihr nicht gestatteten. So waren die meisten von den Tories, welche noch immer jeden Gedanken an einen Angriff auf die Regierung aufrichtig zurückwiesen, doch keineswegs gemeint, sie zu vertheidigen, und freuten sich vielleicht, während sie sich ihrer eigenen Gewissensscrupel rühmten, im Stillen darüber, daß nicht Jedermann so bedenklich war als sie.

Die Whigs sahen, daß ihre Zeit gekommen war. Ob sie das Schwert gegen die Regierung ziehen sollten, war schon seit sechs oder sieben Jahren bei ihnen nur noch eine Frage der Klugheit und jetzt gebot ihnen eben die Klugheit, einen kühnen Weg einzuschlagen.

[Anmerkung 1: Dieser Umschwung in den Ansichten eines Theiles der Torypartei ist in einem Schriftchen, welches zu Anfang des Jahres 1689 unter dem Titel erschien: +»A Dialogue betwen Two friends, wherein the Church of England is vindicated in joining with the Prince of Orange«+ trefflich dargestellt.]

[_Russell schlägt dem Prinzen von Oranien eine Landung in England vor._] Im Mai, vor der Geburt des Prinzen von Wales und während es noch ungewiß war, ob die Indulgenzerklärung in den Kirchen verlesen werden würde oder nicht, hatte sich Eduard Russell nach dem Haag begeben, hatte dem Prinzen von Oranien den Zustand der Volksstimmung eindringlich geschildert und Seiner Hoheit gerathen, an der Spitze einer starken Truppenmacht in England zu erscheinen und das Volk zu den Waffen zu rufen.

Wilhelm hatte die ganze Bedeutung der Krisis auf den ersten Blick erkannt. »Jetzt oder nie!« sagte er auf Lateinisch zu Dykvelt.[2] Gegen Russell sprach er sich vorsichtiger aus, gab zu, daß die Leiden des Staats von der Art seien, daß sie ein außergewöhnliches Heilmittel erheischten, sprach aber sehr ernstlich von dem möglichen Scheitern des Unternehmens und von dem Unheil, welches dadurch über Großbritannien und über ganz Europa gebracht werden konnte. Er wisse nur zu gut, daß Viele, die sich jetzt in hochtönenden Worten bereit erklärten, Gut und Blut dem Vaterlande zu opfern, wieder zaghaft werden würden, wenn ihnen die Aussicht auf eine Wiederholung der Blutigen Assisen nahe vor Augen träte, und er könne sich daher nicht mit unbestimmten Versicherungen von Geneigtheit begnügen, sondern verlange bestimmte Einladungen und schriftliche Unterstützungszusagen von einflußreichen und bedeutenden Männern. Russell bemerkte ihm dagegen, daß es gefährlich sein werde, eine größere Anzahl von Personen in den Plan einzuweihen. Wilhelm stimmte ihm bei und sagte, daß einige wenige Unterschriften genügen würden, wenn es die von Staatsmännern wären, welche große Parteien repräsentirten.[3]

[Anmerkung 2: +»Aut nunc, aut nunquam.«+ -- Witsen's Handschriften, citirt von Wagenaar, Buch 60.]

[Anmerkung 3: +Burnet, I. 763.+]

[_Heinrich Sidney._] Mit dieser Antwort kehrte Russell nach London zurück, wo er die Aufregung bedeutend gestiegen und noch täglich zunehmend fand. Die Einsperrung der Bischöfe und die Entbindung der Königin erleichterten ihm seine Aufgabe mehr als er es hätte erwarten können. Er eilte die Stimmen der Oberhäupter der Opposition zu sammeln und sein Hauptgehülfe bei diesem Geschäft war Heinrich Sidney, der Bruder Algernon's. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß Eduard Russell sowohl als Heinrich Sidney dem Hofstaate Jakob's angehört hatten, daß Beide theils aus politischen, theils aus Privatgründen seine Feinde geworden waren und daß Beide das Blut naher Verwandter zu rächen hatten, welche in einem und demselben Jahre als Opfer seiner unerbittlichen Strenge gefallen waren. Hier endet jedoch die Ähnlichkeit. Russel war, bei bedeutenden Fähigkeiten, stolz, sarkastisch, ruhelos und heftig. Sidney schien bei sanftem Gemüth und einnehmenden Manieren seine besonderen Fähigkeiten und Kenntnisse zu besitzen und in Genußsucht und Indolenz versunken zu sein. Von Gesicht und Gestalt war er auffallend hübsch. In seiner Jugend war er der Schrecken der Ehemänner gewesen und selbst jetzt, dem fünfzigsten Jahre nahe, war er noch der Liebling der Frauen und ein Gegenstand des Neides für jüngere Männer. Er hatte sich früher in amtlicher Stellung im Haag aufgehalten und es war ihm gelungen, sich Wilhelm's Vertrauen in hohem Grade zu erwerben. Viele wunderten sich darüber, denn man hätte glauben sollen, daß der ernsteste Staatsmann und der ausschweifendste Müßiggänger nichts mit einander gemein haben könnten. Swift konnte viele Jahre später nicht begreifen, daß ein Mann, den er nur als einen wissenschaftlich ungebildeten und frivolen alten Wüstling gekannt hatte, wirklich in einer großen Revolution eine große Rolle gespielt haben sollte. Doch selbst ein minder scharfsichtiger Beobachter als Swift hätte wissen können, daß es einen gewissen instinktartigen Takt giebt, der oft großen Rednern und Philosophen fehlt, aber oft bei Personen gefunden wird, die man für einfältige Menschen erklären würde, wenn man sie nur nach ihren Reden und Schriften beurtheilte. In der That, wer diesen Takt besitzt, für den ist es in gewissem Sinne ein Vortheil, wenn ihm die glänzenderen Talente mangeln, die ihn zu einem Gegenstande der Bewunderung, des Neides und der Furcht machen würden. Sidney war ein sprechender Beleg für diese Wahrheit. So untüchtig, unwissend und ausschweifend er zu sein schien, so erkannte er doch ober fühlte er vielmehr, gegen wen er zurückhaltend sein mußte und gegen wen er ohne Gefahr mittheilend sein durfte. In Folge dessen leistete er was Mordaunt mit all' seiner Lebhaftigkeit und all' seinem Erfindungsgeiste oder Burnet mit all' seinem vielseitigen Wissen und seiner fließenden Beredtsamkeit nie hätten ausführen können.[4]

[Anmerkung 4: +Sidney's Diary and Correspondence, edited by Blencowe+; +Mackay's Memoirs+ und Swift's Note; +Burnet, I. 763.+]

[_Devonshire._] Bei den alten Whigs konnte es keine Schwierigkeiten haben. Ihrer Meinung nach hatte es seit vielen Jahren kaum einen Augenblick gegeben, wo die öffentlichen Rechtsverletzungen nicht den Widerstand gerechtfertigt hätten. Devonshire, der als ihr Oberhaupt betrachtet werden konnte, hatte sowohl private als öffentliche Unbilden zu rächen. Er ging mit ganzem Herzen auf den Plan ein und bürgte für seine Partei.[5]

[Anmerkung 5: +Burnet, I. 764+; Chiffrirter Brief an Wilhelm vom 18. Juni 1688 in Dalrymple.]

[_Shrewsbury. -- Halifax._] Russell theilte den Plan Shrewsbury mit und Sidney sondirte Halifax. Shrewsbury entschloß sich mit einem Muthe und einer Entschiedenheit, welche späterhin seinem Character zu fehlen schienen. Er erklärte sich sofort bereit, sein Vermögen, seine Ehre und sein Leben aufs Spiel zu setzen. Halifax aber nahm die erste Andeutung des Vorhabens in einer Weise auf, welche bewies, daß es nutzlos und vielleicht sogar gefährlich gewesen wäre, sich deutlicher auszusprechen. Er war in der That auch nicht der Mann zu einem solchen Unternehmen. Sein Geist war unerschöpflich in subtilen Unterscheidungen und Einwendungen, sein Temperament friedliebend und nicht waghalsig. Er war bereit, dem Hofe im Hause der Lords und durch anonyme Schriften bis aufs Äußerste zu opponiren; aber seine vornehme Ruhe mit dem unsicheren und bewegten Leben eines Verschwörers zu vertauschen, sich in die Gewalt von Mitverschwornen zu geben, in beständiger Angst vor Verhaftbefehlen und Königsboten zu leben, ja vielleicht gar auf dem Schaffot zu enden, oder in einer Hintergasse im Haag von Almosen zu existiren, dazu hatte er wenig Lust. Er äußerte daher einige Worte, welche deutlich erkennen ließen, daß er nicht wünschte, in die Pläne seiner verwegeneren und ungestümeren Freunde eingeweiht zu werden. Sidney verstand ihn und sagte nichts mehr.[6]

[Anmerkung 6: +Ibid.+]

[_Danby und der Bischof Compton._] Hierauf wendete man sich nun zunächst an Danby und mit weit besserem Erfolg. Für seinen kühnen und thatkräftigen Geist hatten Gefahr und Aufregung, welche dem zarter organisirten Gemüth Halifax' unerträglich waren, einen großen Reiz. Die verschiedenen Charactere der beiden Staatsmänner waren schon in ihren Gesichtszügen zu erkennen. Halifax' Stirn, Auge und Mund verriethen einen ausgezeichneten Verstand und einen ungewöhnlichen Sinn für die Satire; aber sein Gesichtsausdruck war der eines Skeptikers, eines Sybariten, eines Mannes, der so leicht nicht Alles auf eine Karte setzt oder für irgend eine Sache zum Märtyrer wird. Wer sein Gesicht kennt, wird sich nicht wundern können, daß der Schriftsteller, der ihm am meisten Vergnügen machte, Montaigne war.[7] Danby war ein Skelett; sein hageres und faltenreiches, obgleich ansprechendes und edles Gesicht verrieth sowohl seine ausgezeichneten Geistesgaben, als auch seinen ruhelosen Ehrgeiz. Er hatte sich schon einmal aus der Dunkelheit auf den Gipfel der Macht emporgeschwungen und war dann plötzlich von seiner Höhe herabgestürzt. Sein Leben war in Gefahr gewesen und er hatte Jahre lang im Gefängniß zugebracht. Jetzt war er frei, aber damit war er nicht zufrieden, er wollte wieder groß werden. Als treuer Anhänger der anglikanischen Kirche und Feind des französischen Übergewichts konnte er nicht hoffen, an einem von Jesuiten wimmelnden und dem Hause Bourbon ergebenen Hofe etwas Großes zu werden. Wenn er aber eine Hauptrolle in einer Revolution übernahm, welche alle Pläne der Papisten vereiteln, der langen Vasallenschaft Englands ein Ziel setzen und die königliche Macht auf ein erlauchtes Paar übertragen sollte, dessen eheliches Band er geknüpft hatte, so konnte er mit neuem Glanze aus seiner Dunkelheit hervortreten. Die Whigs, deren Groll ihn neun Jahre früher aus dem Amte gestoßen hatte, verbanden bei seinem glücklichen Wiedererscheinen gewiß ihren Beifallsjubel mit dem seiner alten Freunde, der Kavaliere. Schon hatte er sich mit einem der Ausgezeichnetsten von Denen, welche ihn vormals angeklagt hatten, mit dem Earl von Devonshire, vollständig wieder ausgesöhnt. Die beiden Kavaliere waren in einem Dorfe im Peak zusammengekommen und hatten einander ihrer freundschaftlichen Gesinnungen versichert. Devonshire hatte offen eingestanden, daß die Whigs sich einer großen Ungerechtigkeit schuldig gemacht und hatte erklärt, daß sie jetzt von ihrem Irrthum überzeugt wären. Auch Danby hatte Mancherlei zurückzunehmen. Er hatte einst wirklich oder vorgeblich der Lehre vom passiven Gehorsame im weitesten Sinne gehuldigt. Auf seine Anregung oder mit seiner Genehmigung war ein Gesetz beantragt worden, das, wenn es angenommen worden wäre, alle Diejenigen, die sich weigerten eidlich zu erklären, daß sie gewaltsamen Widerstand unter allen Umständen für unerlaubt hielten, vom Parlament ausgeschlossen haben würde. Aber sein scharfer Verstand, durch die Sorge um das öffentliche wie um sein persönliches Wohl vollständig erleuchtet, ließ sich jetzt nicht mehr durch solche kindische Trugschlüsse täuschen, wenn dies überhaupt jemals der Fall gewesen war. Er erklärte sofort seinen Beitritt zu der Verschwörung, und bemühte sich dann, die Mitwirkung Compton's, des suspendirten Bischofs von London zu gewinnen, was ihm auch ohne Schwierigkeit gelang. Kein Prälat war von der Regierung so rücksichtslos und ungerecht behandelt worden als Compton, auch hatte kein Prälat soviel von einer Revolution zu erwarten als er, denn er war der Erzieher der Prinzessin von Oranien gewesen und man glaubte allgemein, daß er ihr Vertrauen in hohem Maße genoß. Er hatte wie seine Collegen, so lange er noch nicht unterdrückt wurde, entschieden behauptet, daß es ein Verbrechen sei, sich gegen den Druck aufzulehnen; seitdem er aber vor der Hohen Commission gestanden, war ein neues Licht in ihm aufgegangen.[8]

[Anmerkung 7: In Betreff Montaigne's siehe Halifax' Brief an Cotton. Ich weiß nicht, ob Halifax' Kopf in der Westminsterabtei nicht ein richtigeres Bild von ihm giebt als alle gemalten oder gestochenen Portraits, die ich von ihm gesehen habe.]

[Anmerkung 8: Siehe Danby's Einleitung zu den Actenstücken, die er 1710 veröffentlichte, so wie auch +Burnet, I. 764.+]

[_Nottingham._] Danby und Compton wünschten Beide, sich der Unterstützung Nottingham's zu versichern. Der ganze Plan wurde ihm mitgetheilt und er billigte denselben. Aber schon nach wenigen Tagen fing er an besorgt zu werden. Seine Seele war nicht stark genug, um sich von anerzogenen Vorurtheilen loszureißen. Er ging von einem Geistlichen zum andern, legte ihnen in allgemeinen Ausdrücken angenommene Fälle von Tyrannei vor und fragte sie, ob in solchen Fällen der Widerstand erlaubt sei. Die Antworten, die er erhielt, vermehrten seine Angst. Endlich sagte er seinen Mitverschwornen, daß er nicht weiter mit ihnen gehen könne. Wenn sie ihn für fähig hielten, sie zu verrathen, so sollten sie ihn umbringen, und er werde sie schwerlich deshalb tadeln, denn indem er zurücktrete, nachdem er so weit gegangen sei, gebe er ihnen eine Art von Recht über sein Leben. Er versichere aber, daß sie von ihm nichts zu fürchten hatten; er werde ihr Geheimniß streng bewahren und könne nicht anders als ihnen den besten Erfolg wünschen, aber sein Gewissen gestatte ihm nicht, thätigen Antheil an einem Aufstande zu nehmen. Sie vernahmen sein Bekenntniß mit Argwohn und Verachtung. Sidney, der sehr unbestimmte Begriffe von Gewissensscrupeln hatte, benachrichtigte den Prinzen, daß Nottingham Angst bekommen habe. Man ist es jedoch Nottingham schuldig, zu sagen, daß sein allgemeiner Lebenswandel uns zu dem Glauben berechtigt, daß er bei dieser Gelegenheit durchaus rechtschaffen, wenn auch höchst unklug und unentschlossen handelte.[9]

[Anmerkung 9: +Burnet, I. 764+; Sidney an den Prinzen von Oranien, 30. Juni 1688, in Dalrymple.]

[_Lumley._] Einen vollständigeren Erfolg hatten die Agenten des Prinzen bei Lord Lumley, der wohl wußte, daß er trotz des hochwichtigen Dienstes, den er zur Zeit des Aufstandes im Westen geleistet, in Whitehall nicht blos als Ketzer, sondern als Renegat verhaßt war, und der sich daher mehr als die meisten gebornen Protestanten danach sehnte, zur Vertheidigung des Protestantismus die Waffen zu ergreifen.[10]

[Anmerkung 10: +Burnet, I. 763+; Lumley an Wilhelm, 31. Mai 1688 in Dalrymple.]

[_Absendung der Einladung an Wilhelm._] Im Monat Juni hatten die ins Geheimniß Eingeweihten häufige Zusammenkünfte, und am Letzten dieses Monats, dem Tage, an welchem die Bischöfe für nichtschuldig erklärt wurden, geschah endlich der entscheidende Schritt. Es wurde eine von Sidney geschriebene, aber von einer in der Abfassung derartiger Aufsätze geübteren Person entworfene förmliche Einladung nach dem Haag abgeschickt. In diesem Schreiben wurde Wilhelm versichert, daß neunzehn Zwanzigstel des englischen Volks sich nach einer Änderung sehnten und sich gern zur Herbeiführung einer solchen verbinden würden, wenn sie den Beistand einer solchen auswärtigen Macht erlangen könnten, welche die sich in Waffen Erhebenden vor der Gefahr sichere, zerstreut und niedergehauen zu werden, ehe sie sich in irgend einer militairischen Ordnung formiren könnten. Wenn Seine Hoheit an der Spitze eines Truppencorps in England erschiene, würden viele Tausende zu seinen Fahnen eilen, und er würde bald über eine der regulären Armee Englands weit überlegene Streitmacht zu verfügen haben. Überdies könne sich die Regierung selbst auf diese Armee nicht unbedingt verlassen. Die Offiziere seien unzufrieden und die gemeinen Soldaten theilten den Widerwillen gegen den Papismus, der in dem Stande, welchem sie angehörten, allgemein sei. Bei der Seemacht sei die protestantische Gesinnung noch allgemeiner. Es sei daher von Wichtigkeit, daß ein entscheidender Schritt geschehe, so lange sich die Dinge in diesem Zustande befänden. Das Unternehmen würde viel schwieriger sein, wenn es verschoben würde, bis der König durch Umgestaltung der Wahlkörper und der Regimenter sich ein Parlament und ein Heer gebildet habe, auf die er sich verlassen könnte. Die Verschwornen baten demnach den Prinzen dringend, so schleunig als möglich zu ihnen zu kommen. Sie gaben ihr Ehrenwort darauf, daß sie sich ihm anschließen würden und machten sich anheischig, die Mitwirkung einer so großen Anzahl Personen zu erlangen, als man ohne Gefahr in ein so wichtiges und gefährliches Geheimniß ziehen könne. Über einen Punkt hielten sie es für ihre Pflicht, Seiner Hoheit eine Vorstellung zu machen. Er habe die Meinung der großen Masse der Engländer über die kürzliche Geburt eines Prinzen nicht zu seinem Vortheile benutzt, sondern im Gegentheil Glückwünsche nach Whitehall gesandt, wodurch es scheinen müsse, als ob das Kind, welches den Namen eines Prinzen von Wales bekommen habe, der rechtmäßige Erbe des Thrones sei. Dies sei ein großer Fehler gewesen und habe den Eifer abgekühlt. Nicht Einer unter Tausend zweifle daran, daß der Knabe untergeschoben sei und der Prinz würde seinen Vortheil nicht richtig erkennen, wenn er nicht die verdächtigen Umstände, welche die Niederkunft der Königin begleitet hätten, unter den Gründen für seine bewaffnete Erhebung obenan stelle.[11]

Dieses Schreiben war mit den Namenschiffern der sieben Oberhäupter der Verschwörung, Shrewsbury, Devonshire, Danby, Lumley, Compton, Russell und Sidney, unterzeichnet. Herbert übernahm das Amt des Überbringers. Seine Sendung war mit nicht geringer Gefahr verknüpft. Er legte die Tracht eines gemeinen Matrosen an und erreichte am Freitag nach dem Prozesse der Bischöfe die niederländische Küste. Er eilte augenblicklich zu dem Prinzen. Bentinck und Dyckvelt wurden gerufen und es vergingen mehrere Tage unter Berathungen. Das erste Resultat dieser Berathungen war, daß das Gebet für den Prinzen von Wales nicht mehr in der Kapelle des Prinzen verlesen wurde.[12]

[Anmerkung 11: Siehe die ausführliche Einladung bei Dalrymple.]

[Anmerkung 12: Sidney's Brief an Wilhelm, 30. Juni 1688; Avaux, 11.(21.), 12.(22.) Juli.]

[_Mariens Verhalten._] Von Seiten seiner Gemahlin hatte Wilhelm keine Opposition zu fürchten. Er übte eine unbeschränkte Gewalt über ihren Geist aus und, was noch merkwürdiger war, er hatte ihre ganze Zuneigung gewonnen. Er ersetzte ihr die Eltern, die sie durch den Tod und durch Entfremdung verloren hatte, die Kinder, die ihren Gebeten versagt worden, und das Vaterland, aus dem sie verbannt war. Er theilte die Herrschaft über ihr Herz nur mit ihrem Gott. An ihrem Vater hatte sie wahrscheinlich nie mit Liebe gehangen, sie hatte ihn in früher Jugend verlassen, seit vielen Jahren hatte sie ihn nicht gesehen und sein Benehmen gegen sie seit ihrer Vermählung hatte weder Zärtlichkeit von seiner Seite verrathen noch in ihr ein derartiges Gefühl erwecken können. Er hatte alles Mögliche gethan, um ihr häusliches Glück zu stören und unter ihrem Dache ein förmliches System von Spioniererei, Aushorcherei und Angeberei eingeführt. Er bezog größere Einkünfte als irgend einer seiner Vorgänger und bewilligte ihrer jüngeren Schwester ein regelmäßiges Jahrgehalt von vierzigtausend Pfund;[13] die muthmaßliche Erbin seines Thrones aber hatte nie die geringste Geldunterstützung von ihm erhalten und war kaum im Stande, den ihrem hohen Range unter den europäischen Fürstinnen zukommenden Aufwand zu machen. Sie hatte es gewagt, sich für ihren alten Freund und Lehrer Compton bei ihm zu verwenden, der von seinen bischöflichen Functionen suspendirt worden war, weil er sich geweigert hatte, eine Handlung empörender Ungerechtigkeit zu begehen, aber ihre Fürsprache war ungnädig abgewiesen werden.[14] Von dem Tage an, wo es sich klar herausgestellt hatte, daß sie und ihr Gemahl entschlossen waren, sich bei dem Umsturze der englischen Verfassung nicht zu betheiligen, war es ein Hauptzweck der Politik Jakob's gewesen, sie Beide zu kränken. Er hatte die britischen Regimenter aus Holland zurückberufen, er hatte mit Tyrconnel und mit Frankreich gegen Mariens Rechte conspirirt und Anstalten getroffen, um sie wenigstens einer der drei Kronen zu berauben, auf welche sie bei seinem Tode Anspruch gehabt haben würde. Jetzt glaubte die große Masse seines Volks und viele Personen von hohem Range und ausgezeichneten Fähigkeiten, daß er einen unächten Prinzen von Wales in die königliche Familie eingeschmuggelt habe, um sie eines reichen Erbtheils zu berauben, und man konnte nicht zweifeln, daß auch sie den herrschenden Argwohn theilte. Einen solchen Vater konnte sie unmöglich lieben. Ihre religiösen Grundsätze waren allerdings so streng, daß sie sich wahrscheinlich bemüht haben würde, das was sie für ihre Pflicht hielt, auch gegen einen nicht geliebten Vater zu erfüllen. In dem vorliegenden Falle aber war sie der Meinung, daß Jakob's Anrecht auf ihren Gehorsam einem geheiligteren Anrechte weichen müsse. In der That stimmen alle Theologen und Publicisten darin überein, daß, wenn die Tochter des Fürsten eines Landes mit dem Fürsten eines andren Landes vermählt ist, sie ihr eignes Volk und ihr Vaterhaus vergessen und im Falle eines Bruches zwischen ihrem Gemahl und ihren Eltern auf die Seite des Ersteren treten muß. Dies ist die feststehende Regel, selbst wenn der Gatte im Unrecht wäre; in Mariens Augen aber war das von Wilhelm beabsichtigte Unternehmen nicht nur gerecht, sondern heilig.

[Anmerkung 13: Bonrepaux, 18.(28.) Juli 1687.]

[Anmerkung 14: Birch's Auszüge im Britischen Museum.]