Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11)

Part 19

Chapter 193,547 wordsPublic domain

Middleton und einige andere Anhänger des Königs waren bereits aufgebrochen, um ihrem unglücklichen Gebieter beizustehen und ihn zu trösten. Sie fanden ihn in strengem Gewahrsam und sie wurden nicht eher zu ihm gelassen, als bis sie ihre Degen abgegeben hatten. Er war von einer ungeheuren Menge Volks umgeben. Einige whiggistische Gentlemen aus der Umgegend hatten eine starke Abtheilung Miliz zu seiner Bewachung herbeigeführt. Sie waren der sehr irrigen Meinung gewesen, daß sie sich durch seine Festhaltung bei seinen Feinden beliebt machen würden, und waren nicht wenig erstaunt, als sie vernahmen, daß die dem Könige zu Theil gewordene Behandlung von der provisorischen Regierung in London gemißbilligt werde, und eine Kavallerieabtheilung unterwegs sei, um ihn zu befreien. Feversham kam bald an. Er hatte seine Truppe in Sittingbourne zurückgelassen; aber man hatte nicht nöthig, Gewalt anzuwenden. Der König durfte ungehindert abreisen und wurde von seinen Freunden nach Rochester gebracht, wo er sich einige Ruhe gönnte, deren er dringend bedurfte. Er war in einem traurigen Zustande. Nicht nur sein niemals sehr heller Verstand war völlig verwirrt, sondern auch der persönliche Muth, den er in seinen jüngeren Jahren in mehreren Schlachten, zur See wie zu Lande bewiesen, hatte ihn verlassen. Die harte körperliche Behandlung, die er jetzt zum ersten Male erfahren, scheint ihn mehr als irgend ein andres Ereigniß seines bewegten Lebens niedergedrückt zu haben. Der Abfall seiner Armee, seiner Günstlinge und seiner Familie erschütterte ihn weniger als die Rohheiten, die er beim Anhalten seines Bootes ertragen hatte. Die Erinnerung an diese Rohheiten nagte noch lange an seinem Herzen und äußerte sich einmal in einer Weise, welche den verächtlichen Spott von ganz Europa erregte. Im vierten Jahre seiner Verbannung versuchte er es seine Unterthanen durch das Versprechen einer Amnestie wieder zu gewinnen. Dieser Amnestie war jedoch eine lange Liste von Ausnahmen beigegeben, und auf dieser Liste standen neben Churchill und Danby auch die armen Fischer, welche seine Taschen so unsanft untersucht hatten. Aus diesem Umstande kann man schließen, wie schmerzlich er die ihm widerfahrene rücksichtslose Behandlung empfunden haben muß, als sie noch neu war.[18]

Hätte er indessen nur das gewöhnliche Maß von gesundem Verstande besessen, so würde er eingesehen haben, daß Diejenigen, welche ihn festnahmen, ihm unabsichtlich einen großen Dienst erzeigt hatten. Die Ereignisse, welche seit seiner Abwesenheit von der Hauptstadt daselbst eingetreten waren, hätten ihn überzeugen müssen, daß, wenn seine Flucht gelungen wäre, er nie hätte zurückkehren dürfen. Er war wider seinen Willen vom gänzlichen Untergange errettet worden. Jetzt hatte er noch eine Aussicht, die letzte und einzige, die ihm noch blieb. So groß auch seine Vergehen sein mochten, ihn zu entthronen, so lange er noch in seinem Reiche war und sich den Bedingungen fügte, die ein freies Parlament ihm vorschrieb, wäre fast unmöglich gewesen.

Eine Weile schien er geneigt, zu bleiben. Er sandte Feversham von Rochester mit einem Briefe an Wilhelm. Der Inhalt dieses Briefes war, daß Seine Majestät auf der Rückreise nach Whitehall begriffen sei, daß er eine persönliche Unterredung mit dem Prinzen wünsche und daß der St. Jamespalast zum Empfang Seiner Hoheit eingerichtet werden solle.[19]

[Anmerkung 18: Siehe seine aus Saint-Germains datirte Proklamation vom 20. April 1692.]

[Anmerkung 19: +Clarke's Life of James, II, 261. Orig. Mem.+]

[_Wilhelm's Verlegenheit._] Wilhelm befand sich jetzt in Windsor. Er hatte mit schmerzlichem Bedauern die an der Küste von Kent stattgehabten Vorfälle erfahren. Kurz vor dem Eintreffen der Nachricht hatten seine Umgebungen bemerkt, daß er ungewöhnlich heiter war. Er hatte auch in der That Ursache, sich zu freuen. Er stand am Fuße eines erledigten Thrones. Es schien, als würden alle Parteien ihn einstimmig auffordern, denselben zu besteigen. Doch plötzlich trübten sich seine Aussichten. Es ergab sich, daß die Abdankung nicht vollständig gewesen war. Ein großer Theil seiner Anhänger trug gewiß Bedenken, einen König abzusetzen, der noch unter ihnen war, der sie aufforderte, ihre Beschwerden auf parlamentarischem Wege anzubringen, und der vollständige Abstellung derselben versprach. Der Prinz mußte seine neue Stellung erwägen und ein neues Verfahren einschlagen. Kein Weg stand ihm offen, gegen den sich nicht Einwendungen hätten machen lassen, kein Weg, der ihn in eine so vortheilhafte Lage versetzen konnte, als die war, in der er sich vor wenigen Stunden noch befand. Etwas konnte indessen gethan werden. Der erste Fluchtversuch des Königs war gescheitert. Das Wünschenswertheste war jetzt, daß er einen zweiten Versuch mit besserem Erfolge unternehmen möchte. Er mußte zu gleicher Zeit geängstigt und geködert werden. Die Liberalität, mit der man ihm bei der Unterhandlung zu Hungerford entgegengekommen war, und die er mit einem Treubruche vergolten hatte, war jetzt nicht mehr angewandt. Vergleichsvorschläge durften ihm nicht mehr gemacht werden, und wenn er solche machte, so mußte man sie kalt aufnehmen. Aber auch Gewalt durfte nicht gegen ihn angewendet, ja ihm nicht einmal angedroht werden. Indessen war es vielleicht nicht unmöglich, einen so schwachen Mann auch ohne Anwendung oder Androhung von Gewalt um seine persönliche Sicherheit besorgt zu machen. Dann dachte er gewiß bald wieder an die Flucht, und in diesem Falle mußte ihm die Flucht auf jede Weise erleichtert und dafür gesorgt werden, daß er nicht wieder durch einen diensteifrigen Tölpel zurückgehalten wurde.

[_Verhaftung Feversham's._] Dies war Wilhelm's Plan, und die Geschicklichkeit und Entschlossenheit, womit er denselben ausführte, contrastiren auffallend mit der ihm gegenüberstehenden Thorheit und Feigheit. Bald bot sich ihm eine vortreffliche Gelegenheit dar, sein Einschüchterungssystem zu beginnen. Feversham kam mit Jakob's Brief in Windsor an. Die Wahl des Boten war eben keine glückliche. Er hatte die königliche Armee entlassen und ihm gab man vorzugsweise die Verwirrung und Angst der irischen Nacht Schuld. Sein Benehmen wurde von der öffentlichen Meinung entschieden getadelt. Wilhelm hatte sich zu einigen drohenden Worten reizen lassen, und einige drohende Worte aus Wilhelm's Munde bedeuteten gewöhnlich etwas. Feversham wurde nach seinem Geleitsbriefe gefragt. Er hatte keinen. Indem er ohne einen solchen in einem feindlichen Lager erschien, hatte er sich nach den Kriegsgesetzen der strengsten Behandlung ausgesetzt. Wilhelm weigerte sich ihn zu empfangen und gab Befehl ihn festzunehmen.[20] Zulestein wurde sofort abgesandt, um Jakob zu benachrichtigen, daß der Prinz die verlangte Unterredung ablehne und wünsche, daß Seine Majestät in Rochester blieb.

[Anmerkung 20: +Clarendon's Diary, Dec. 16. 1688+; +Burnet, I. 800.+]

[_Ankunft Jakob's in London._] Aber es war zu spät. Jakob war bereits in London. Er war anfangs unschlüssig gewesen und hatte sich schon einmal wieder vorgenommen gehabt, einen neuen Versuch zur Flucht auf das Festland zu machen. Endlich aber gab er dem Andringen von Freunden, welche klüger waren als er, nach und reiste nach Whitehall ab. Am Sonntag Nachmittag den 16. December kam er daselbst an. Er hatte gefürchtet, das Volk, das während seiner Abwesenheit so viele Beweise von Haß gegen den Papismus gegeben, werde ihm einen schimpflichen Empfang bereiten. Aber gerade die Heftigkeit des neuerlichen Ausbruchs hatte eine Erschlaffung zur Folge gehabt. Der Sturm hatte sich selbst aufgezehrt. Heiterkeit und Mitleid waren auf die Wuth gefolgt. In keinem Stadttheile Londons äußerte sich die mindeste Neigung, den König zu beschimpfen; man hörte sogar einzelne Lebehochs, als er durch die City fuhr. Auf einigen Kirchthürmen läuteten die Glocken und ein paar Freudenfeuer wurden zu Ehren seiner Zurückkunft angezündet.[21] Sein kurz zuvor von der Verzweiflung überwältigter schwacher Geist wurde durch diese unerwarteten Zeichen der Gutherzigkeit und Theilnahme des Volks mit übermäßiger Freude erfüllt. In der frohesten Stimmung betrat er seine Wohnung, welche sehr bald ihr früheres Aussehen wieder annahm. Katholische Priester, welche in der vergangenen Woche froh gewesen waren, wenn sie sich in Kellern und Dachkammern vor der Wuth der Menge hatten verbergen können, kamen aus ihren Schlupfwinkeln hervor und machten Anspruch auf ihre früher innegehabten Gemächer im Palaste. Ein Jesuit sprach das Tischgebet an der königlichen Tafel. Der irische Jargon, damals jedem englischen Ohre der verhaßteste von allen Dialecten, wurde wieder überall in den Höfen und Gallerien vernommen. Der König selbst zeigte wieder seinen ganzen früheren Hochmuth. Er hielt einen Staatsrath, den letzten, dem er präsidirte, und berief selbst in dieser äußerst gefährlichen Lage Personen in denselben, welche gesetzlich nicht berechtigt waren, einen Sitz darin einzunehmen. Er sprach sein hohes Mißfallen über das Verfahren der Lords aus, die es gewagt hatten, während seiner Abwesenheit die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Er meinte, es sei ihre Pflicht gewesen, eher die Gesellschaft sich auflösen, die Häuser der Gesandten niederreißen und London in Brand stecken zu lassen, als sich die Functionen anzumaßen, welche er niederzulegen für gut befunden hatte. Unter den so Getadelten befanden sich einige Kavaliere und Prälaten, die ihm trotz aller seiner Fehler stets treu geblieben waren und selbst nach dieser Provocation nie weder durch die Hoffnung noch durch die Furcht bewogen werden konnten, ihre Unterthanentreue von ihm auf einen andren Souverain zu übertragen.[22]

Doch sein Muth ward bald gebrochen. Kaum war er in seinen Palast eingezogen, so wurde ihm Zulestein gemeldet. Er überbrachte Wilhelm's kalte und ernste Botschaft. Der König bestand noch immer auf einer persönlichen Unterredung mit seinem Neffen. »Ich würde Rochester nicht verlassen haben,« sagte er, »wenn ich gewußt hätte, daß er dies nicht wünschte; da ich aber nun einmal hier bin, wird er hoffentlich in den St. Jamespalast kommen.« -- »Ich muß Eurer Majestät offen sagen,« entgegnete Zulestein, »daß Seine Hoheit nicht nach London kommen wird, so lange Truppen hier sind, welche nicht unter seinen Befehlen stehen.« Der König schwieg bestürzt über diese Antwort. Zulestein entfernte sich, und bald darauf trat ein Gentleman in das Schlafzimmer mit der Meldung, daß Feversham verhaftet worden sei.[23] Jakob erschrak nicht wenig darüber. Doch die Erinnerung an den Beifall, mit dem er begrüßt worden war, hielt seinen Muth noch immer aufrecht. Eine kühne Hoffnung stieg in ihm auf. Er glaubte London, so lange das Bollwerk des Protestantismus und des Whiggismus, werde bereitwilligst zu seinem Schutze die Waffen ergreifen. Er ließ den Gemeinderath fragen, ob er sich verbindlich machen wolle, ihn gegen den Prinzen zu vertheidigen, wenn er, der König, seine Residenz in der City aufschlüge. Der Gemeinderath aber hatte die Entziehung des Freibriefs und den Justizmord Cornish's nicht vergessen, und weigerte sich das verlangte Versprechen zu geben. Da sank dem Könige der Muth wieder. Wohin, fragte er, solle er sich um Schutz wenden? Es sei ganz das Nämliche, ob er holländische Truppen um sich habe, oder seine eigene Leibgarde. Was die Bürger betreffe, so wisse er jetzt, was ihre Lebehochrufe und ihre Freudenfeuer werth seien. Es bleibe ihm nichts Andres übrig als die Flucht, obgleich er recht wohl wisse, daß seine Feinde nichts sehnlicher wünschten, als daß er wieder fliehen möchte.[24]

[Anmerkung 21: +Clarke's Life of James, II. 262. Orig. Mem.+; +Burnet, I. 799.+ In der +History of the Desertion (1689)+ wird behauptet, die Lebehochs seien bei dieser Gelegenheit nur von einigen jugendlichen Gaffern ausgerufen worden, die Hauptmasse des Volks aber habe schweigend zugesehen. Oldmixon, der sich unter der Menge befand, sagt das Nämliche, und Ralph, dessen vorgefaßte Meinungen von denen Oldmixon's durchaus verschieden waren, erzählt uns, daß ein achtbarer Augenzeuge ihm dasselbe mitgetheilt habe. Die Wahrheit ist ohne Zweifel die, daß die Freudenbezeigungen an sich unbedeutend waren, aber außerordentlich schienen, weil man einen heftigen Ausbruch des öffentlichen Unwillens erwartet hatte. Barillon erwähnt auch, daß einige Zurufe und Freudenfeuer vorgekommen seien, setzt aber hinzu: +»Le peuple dans le fond est pour le Prince d'Orange.«+ -- 17.(27.) Dec. 1688.]

[Anmerkung 22: +London Gazette, Dec. 16. 1688+; +Mulgrave's Account of the Revolution; History of the Desertion+; +Burnet, I. 799+; +Evelyn's Diary, Dec. 13, 17. 1688+.]

[Anmerkung 23: +Clarke's Life of James, II. 262. Orig. Mem.+]

[Anmerkung 24: Barillon, 17.(27.) Dec. 1681; +Clarke's Life of James, II. 271+.]

[_Berathung in Windsor._] Während er sich in diesem Zustande von Angst und Ungewißheit befand, war sein Schicksal in Windsor der Gegenstand ernster Berathung. Wilhelm's Hof war jetzt mit ausgezeichneten Männern alter Parteien angefüllt. Die meisten Führer des Aufstandes im Norden hatten sich ihm zugesellt, und mehrere von den Lords, welche während der Anarchie der vergangenen Woche die Functionen einer provisorischen Regierung übernommen hatten, waren sogleich nach der Rückkehr des Königs von London ins holländische Hauptquartier abgereist. Einer von diesen war Halifax. Wilhelm hatte ihn mit großem Vergnügen willkommen geheißen, hatte aber ein sarkastisches Lächeln nicht unterdrücken können, als er diesen genialen und vollendeten Staatsmann, der so gern der Schiedsrichter in diesem großen Kampfe geworden wäre, gezwungen sah, den Mittelweg zu verlassen und auf eine Seite zu treten. Unter Denen, die sich damals nach Windsor begaben, waren auch Einige, welche Jakob's Gunst durch schmachvolle Dienstleistungen erkauft hatten und die jetzt das Verbrechen, ihr Vaterland verrathen zu haben, durch Verrath an ihrem Gebieter wieder gut machen wollten. Ein solcher Mann war Titus, der in Widerspruch mit dem Gesetz im Geheimen Rath gesessen und sich bemüht hatte, die Puritaner mit den Jesuiten zu einem Bunde gegen die Verfassung zu vereinigen. Ein solcher Mann war auch Williams, ein gewesener Demagog, der aus Eigennutz zum Vertheidiger der Prärogative geworden und der jetzt zu einem abermaligen Abfalle bereit war. Diese Männer ließ der Prinz mit gerechter Verachtung in seinem Vorzimmer vergebens auf eine Audienz warten.[25]

Am Montag den 17. December wurden sämmtliche in Windsor anwesende Peers zu einer feierlichen Berathung in das Schloß berufen. Der Gegenstand der Besprechung war die Frage, wie es mit dem Könige gehalten werden sollte. Wilhelm hielt es nicht für passend, der Discussion beizuwohnen. Er entfernte sich daher und Halifax wurde aufgefordert, den Präsidentenstuhl einzunehmen. Über einen Punkt waren die Lords einig, daß nämlich der König da wo er war nicht bleiben dürfe. Jedermann fühlte, daß es unpassend sein würde, wenn der eine Fürst sich in Whitehall, der andre in St. James verschanzte und es auf einem Flächenraume von hundert Acres zwei feindliche Besatzungen gab. Eine solche Situation mußte fast unvermeidlich Argwohn, Beleidigungen und Reibungen hervorrufen, welche einen blutigen Ausgang nehmen konnten. Die versammelten Lords hielten es daher für zweckmäßig, daß Jakob aus London entfernt wurde. Ham, das Lauderdale von dem geraubten Gelde Schottlands und von den Geschenken Frankreichs am Ufer der Themse erbaut und ausgeschmückt hatte und das für das prächtigste Lustschloß Englands galt, wurde als ein geeigneter Aufenthaltsort vorgeschlagen. Sobald die Lords diesen Beschluß gefaßt hatten, ließen sie den Prinzen bitten, daß er zu ihnen kommen möchte, und Halifax theilte ihm ihre Meinung mit. Wilhelm hörte sie an und billigte sie. Es wurde sogleich ein kurzes Schreiben an den König aufgesetzt. »Durch wem sollen wir es ihm zu senden?« fragte Wilhelm dann. -- »Sollte es nicht durch einen Offizier Eurer Hoheit überbracht werden?« entgegnete Halifax. -- »Nein, Mylords, mit Verlaub,« erwiederte der Prinz; »es wird auf Anrathen Eurer Herrlichkeiten abgesandt, und daher müssen Einige von Ihnen es überbringen.« Und ohne weitere Einwendungen abzuwarten, ernannte er Halifax, Shrewsbury und Delamere zu Überbringern.[26]

Der Beschluß der Lords schien einhellig zu sein; aber es waren Einige darunter, welche die Entscheidung, mit der sie einverstanden zu sein vorgaben, keineswegs billigten und den König mit einer Strenge behandelt zu sehen wünschten, die sie nicht offen anzuempfehlen wagten. Es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, daß das Oberhaupt dieser Partei ein Peer war, der ein heftiger Tory gewesen und der nachher als Eidverweigerer starb: Clarendon. Die Rapidität, mit der er in dieser Krisis von einem Extrem zum andren übersprang, muß Leuten, die in friedlichen Zeiten leben, unglaublich erscheinen, wird aber Diejenigen nicht Wunder nehmen, welche Gelegenheit hatten, den Gang von Revolutionen zu beobachten. Er wußte, daß die Rücksichtslosigkeit, mit der er in Anwesenheit des Königs das ganze Regierungssystem getadelt, seinen ehemaligen Gebieter tief gekränkt hatte. Auf der andren Seite durfte er als Oheim der Prinzessinnen hoffen, bei der bevorstehenden neuen Ordnung der Dinge groß und reich zu werden. Die englische Colonie in Irland betrachtete ihn als ihren Freund und Beschützer, und er sah ein, daß von dem Vertrauen und der Zuneigung dieser wichtigen Partei seine zukünftige Bedeutung großentheils abhing. Diesen Rücksichten mußten jetzt die Prinzipien weichen, zu denen er sich während seines ganzen Lebens mit Ostentation bekannt hatte. Er begab sich ins Kabinet des Prinzen und stellte ihm vor, wie gefährlich es sein würde, wenn man den König frei ließe. Die irischen Protestanten seien dann in der größten Gefahr. Es gebe keinen andren Weg, um ihr Eigenthum und ihr Leben zu sichern, als die strenge Gefangenhaltung des Königs. Ihm ein englisches Schloß zu seinem Aufenthalt anzuweisen, dürfte nicht klug gehandelt sein; aber man könnte ihn über's Meer schicken und in die Festung Vreda einschließen, bis die Angelegenheiten der britischen Inseln geordnet seien. Wenn der Prinz in Besitz einer solchen Geißel sei, würde Tyrconnel wahrscheinlich das Staatsschwert niederlegen und die Oberherrschaft Englands in Irland würde ohne einen Schwertstreich wiederhergestellt werden. Wenn dagegen Jakob nach Frankreich entkäme und an der Spitze einer fremden Armee in Dublin erschiene, so müßte dies die verderblichsten Folgen nach sich ziehen. Wilhelm gab zu, daß diese Gründe sehr gewichtig seien, erklärte aber, daß er sich dadurch nicht bestimmen lassen könne. Er kenne den Character seiner Gemahlin und wisse, daß sie nie in einen solchen Schritt willigen werde. Auch würde es ihm selbst nicht zur Ehre gereichen, wenn er seinen besiegten Verwandten so rücksichtslos behandelte. Übrigens könne man gar nicht wissen, ob Großmuth in diesem Falle nicht die beste Politik sei. Wer könne sagen, welchen Eindruck eine solche Strenge, wie Clarendon sie anempfahl, auf die öffentliche Meinung machen werde? Sei es unmöglich, daß die loyale Begeisterung, welche das verkehrte Benehmen des Königs erstickt hatte, wieder auflebte, sobald es bekannt würde, daß er sich innerhalb der Mauern einer ausländischen Festung befinde? Aus diesen Gründen beschloß Wilhelm, seinen Schwiegervater keinem persönlichen Zwange zu unterwerfen, und es ist kaum daran zu zweifeln, daß dies ein weiser Entschluß war.[27]

Jakob blieb, während über sein Schicksal deliberirt wurde, durch die Größe und Nähe der Gefahr gleichsam wie festgebannt, in Whitehall, eben so unfähig zu kämpfen, wie zu fliehen. Am Abend traf die Nachricht ein, daß die Holländer Chelsea und Kensington in Besitz genommen hatten. Dessenungeachtet schickte sich der König an, wie gewöhnlich zur Ruhe zu gehen. Die Coldstreamgarden hatten im Palaste den Dienst. Sie standen unter den Befehlen Wilhelm's, Earl von Craven, eines hochbetagten Mannes, der sich fünfzig Jahre früher im Kriege und in der Liebe ausgezeichnet, der bei Kreuznach seine hoffnungslose Stellung mit solchem Muthe behauptet hatte, daß der große Gustav ihm auf die Schulter klopfte, und von dem man glaubte, daß er unter tausend Mitbewerbern das Herz der unglücklichen Königin von Böhmen erobert habe. Craven stand jetzt in seinem achtzigsten Lebensjahre; aber die Zeit hatte seinen Muth nicht gebrochen.[28]

[Anmerkung 25: +Mulgrave's Account of the Revolution+; +Clarendon's Diary, Dec. 16. 1688.+]

[Anmerkung 26: +Burnet, I. 800+; +Clarendon's Diary, Dec. 17. 1688+; Citters, 18.(28.) Dec. 1688.]

[Anmerkung 27: +Burnet, I, 800+; +Conduct of the Duchess of Marlborough+; +Mulgrave's Account of the Revolution.+ Clarendon sagt davon nichts unter dem richtigen Datum, aber man sehe sein Tagebuch vom 19. August 1689.]

[Anmerkung 28: +Harte's Life of Gustavus Adolphus.+]

[_Die holländischen Truppen besetzen Whitehall._] Es war zehn Uhr vorüber als ihm gemeldet wurde, daß drei Bataillone von der Infanterie des Prinzen, nebst einigen Reitern, mit brennenden Lunten und vollkommen kampffertig durch die lange Hauptallee des St. Jamesparks heranrückten. Graf Solms, der die fremden Truppen befehligte, sagte, er habe Befehl, die Posten in der Umgebung von Whitehall militairisch zu besetzen und forderte Craven auf, sich gutwillig zurückzuziehen. Craven schwur, er werde sich eher in Stücken hauen lassen; als aber der König, der sich eben auskleidete, erfuhr was vorging, verbot er dem tapferen alten Soldaten jeden Widerstandsversuch, der doch keinen Erfolg haben konnte. Um elf Uhr waren die Coldstreamgarden abgezogen und holländische Schildwachen machten auf allen Seiten des Palastes die Runde. Einige vom Gefolge des Königs fragten ihn, ob er es wagen wolle, sich, von Feinden umringt, niederzulegen. Er antwortete, daß sie ihn kaum schlechter behandeln könnten, als seine eigenen Unterthanen ihn behandelt hätten, und mit der gefühllosen Gleichgültigkeit eines durch das Unglück abgestumpften Mannes legte er sich zu Bett.[29]

[Anmerkung 29: +Clarke's Life of James, II, 264+, größtentheils aus den +Orig. Memoirs. Mulgrave's Account of the Revolution+; +Rapin de Thoyras+. Es muß bemerkt werden, daß Rapin an diesen Vorgängen thätigen Antheil hatte.]

[_Das Schreiben des Prinzen wird Jakob überbracht._] Es war kaum erst wieder ruhig geworden im Palaste, so gerieth aufs neue Alles in Bewegung. Kurz nach Mitternacht kamen die drei Lords von Windsor an. Middleton wurde ersucht, sie zu empfangen. Sie erklärten ihm, daß sie mit einer Sendung betraut seien, welche keinen Aufschub gestatte. Der König ward aus seinem ersten Schlummer geweckt, und sie wurden in sein Schlafzimmer eingeführt. Sie überreichten ihm das ihnen anvertraute Schreiben und kündigten ihm an, daß der Prinz in einigen Stunden in Westminster eintreffen und daß Seine Majestät wohl thun werde, vor zehn Uhr nach Ham abzureisen. Jakob machte einige Einwendungen. Ham gefiel ihm nicht. Im Sommer sei es ein ganz angenehmer Aufenthalt, um Weihnachten aber sei es dort kalt und unbehaglich, und überdies sei auch das Schloß nicht möblirt. Halifax antwortete, daß sofort Möbeln hingeschickt werden sollten. Die drei Abgesandten entfernten sich; Middleton aber eilte ihnen nach, um ihnen zu sagen, daß Rochester dem Könige viel lieber sein werde als Ham. Sie erwiederten, daß sie keine Vollmacht hätten, den Wunsch des Königs zu erfüllen, daß sie aber augenblicklich einen Expressen an den Prinzen absenden wollten, der in Sion House zu übernachten gedenke. Es ging unverzüglich ein Courier ab, der noch vor Tagesanbruch mit Wilhelm's Einwilligung zurückkam. Wilhelm gab seine Zustimmung in der That sehr gern, denn es unterlag keinem Zweifel, daß Rochester deshalb gewählt worden war, weil es große Erleichterungen für die Flucht darbot, und daß Jakob fliehen möchte, war der sehnlichste Wunsch seines Neffen.[30]