Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11)
Part 18
[_Die irische Nacht._] Ein zweiter Tag der Aufregung und des Schreckens ging zu Ende und auf ihn folgte die seltsamste und grauenvollste Nacht, welche England je gesehen. Gegen Abend machte der Pöbel einen Angriff auf ein stattliches Haus, das vor wenigen Monaten für Lord Powis erbaut worden war, unter Georg II. die Wohnung des Herzogs von Newcastle wurde und sich noch jetzt unter den Gebäuden der nordwestlichen Seite von Lincoln's Inn Fields auszeichnet. Es wurden einige Truppen hingeschickt, welche den Pöbel zerstreuten; die Ruhe schien hergestellt zu sein und die Bürger gingen sorglos zu Bett. In diesem Augenblicke tauchte ein Gerücht auf, das rasch zu einem furchtbaren Geschrei anschwoll, in einer Stunde von Piccadilly bis Whitechapel flog und sich durch alle Straßen und Gassen der Hauptstadt verbreitete. Es hieß, die Irländer, welche Feversham entlassen, marschirten nach London und machten unterwegs Alles, Männer, Frauen und Kinder, nieder. Um ein Uhr Morgens schlugen die Trommeln der Miliz Generalmarsch. Allenthalben weinten die geängstigten Frauen und rangen die Hände, während ihre Väter und Gatten sich zum Kampfe fertig machten. Noch vor zwei Uhr gewährte die Stadt das Ansehen ernster Kampfbereitschaft, das einem wirklichen Feinde gewiß Respect eingeflößt haben würde, wenn ein solcher im Anzuge gewesen wäre. An allen Fenstern brannten Lichter. Auf den öffentlichen Plätzen war es so hell wie am Tage. Alle Hauptzugänge waren verbarrikadirt. Mehr als zwanzigtausend Piken und Musketen zogen sich die Straßen entlang. Die späte Morgensonne des Wintersolstitiums fand die ganze City noch unter den Waffen. Die Londoner erinnerten sich viele Jahre lang lebhaft dieser Nacht, die sie die irische Nacht nannten. Als es sich zeigte, daß kein Grund zu Besorgnissen vorhanden gewesen war, versuchte man den Ursprung des Gerüchts zu entdecken, das eine so große Aufregung veranlaßt hatte. Es stellte sich heraus, daß einige Personen, welche aussahen und gekleidet waren wie eben vom Lande hereinkommende Bauern, kurz vor Mitternacht das Gerücht zuerst in den Vorstädten ausgesprengt hatten; woher diese Leute aber kamen und in wessen Dienste sie standen, blieb ein Geheimniß. Bald kamen von vielen Seiten Nachrichten, welche das Publikum noch bestürzter machten. Der Schrecken hatte sich nicht auf London allein beschränkt. Das Gerücht, daß irische Soldaten im Anzuge seien, um die Protestanten niederzumetzeln, war mit boshafter Arglist in vielen weit von einander entfernten Städten zu gleicher Zeit verbreitet worden. Eine große Anzahl Briefe, welche sehr geschickt abgefaßt waren, um das unwissende Volk zu ängstigen, waren durch Diligencen, Landkutschen und durch die Post nach verschiedenen Gegenden Englands gesandt worden. Alle diese Briefe kamen fast gleichzeitig in ihre Bestimmungsorte. In hundert Städten zugleich bemächtigte sich des niederen Volkes der Wahn, daß bewaffnete Barbaren in der Nähe seien, welche eben so empörende Verbrechen verüben wollten, wie die, welche den Aufstand von Ulster geschändet hatten. Kein Protestant sollte verschont bleiben, Kinder sollten durch die Folter gezwungen werden, ihre Eltern zu ermorden, Säuglinge sollten auf Lanzen gespießt oder in die brennenden Trümmern der vor einigen Stunden noch friedlichen Wohnungen geworfen werden. Große Volksmassen traten unter die Waffen; an einigen Orten fing man schon an, die Brücken abzubrechen und Barrikaden zu errichten; bald aber legte sich die Aufregung wieder. In vielen Districten erfuhren die so schändlich Betrogenen mit einer mit Beschämung gemischten Freude, daß sich bis auf die Entfernung eines Achttagemarsches nicht ein einziger papistischer Soldat befinde. In einigen Orten erschienen zwar vereinzelte herumstreifende Banden von Irländern und forderten Lebensmittel; aber man darf es ihnen kaum als Verbrechen anrechnen, daß sie nicht Hungers sterben wollten, und es ist durch nichts bewiesen, daß sie irgend einen muthwilligen Frevel verübten. In der That waren sie auch bei weitem nicht so zahlreich, als man allgemein glaubte, und es sank ihnen aller Muth, als sie sich plötzlich, ohne Anführer und ohne Lebensmittel inmitten einer starken Bevölkerung erblickten, von der sie mit Gefühlen betrachtet wurden, wie man sie etwa gegen eine Heerde Wölfe empfindet. Von allen Unterthanen Jakob's hatte Niemand mehr Ursache, ihm zu fluchen, als diese unglücklichen Mitglieder seiner Kirche und Vertheidiger seines Thrones.[8]
Es macht dem englischen Character Ehre, daß trotz des Widerwillens, mit welchem die katholische Religion und das irische Volk damals betrachtet wurden, trotz der Anarchie, welche Jakob's Flucht herbeiführte, und trotz der kunstvollen Machinationen, welche angewendet wurden, um die Menge durch die Furcht zur Grausamkeit aufzustacheln, bei dieser Gelegenheit kein blutiges Verbrechen verübt ward. Allerdings wurde viel Eigenthum zerstört und geraubt, die Häuser vieler Katholiken wurden angegriffen, Parke wurden verwüstet und Wild geschossen und gestohlen. Manch' ehrwürdiges Denkmal der häuslichen Baukunst des Mittelalters zeigt noch heutigen Tages die Spuren der Gewaltthätigkeit des Volks. Die Straßen waren an vielen Stellen durch eine selbst errichtete Polizei gesperrt, welche jeden Reisenden anhielt, bis er bewies, daß er kein Papist war. Die Themse war von einer Art von Piraten heimgesucht, welche unter dem Vorwande, auf Waffen und Delinquenten zu fahnden, jedes vorüberfahrende Boot durchstöberten. Mißliebige Personen wurden insultirt und hin und her gestoßen. Andere gerade nicht mißliebige waren froh, wenn sie sich selbst und ihre Effecten dadurch loskaufen durften, daß sie den eifrigen Protestanten, die sich ohne gesetzliche Autorität das Amt von Untersuchungsrichtern angemaßt hatten, einige Guineen gaben. Aber inmitten dieser Verwirrung, welche mehrere Tage währte und sich über viele Grafschaften erstreckte, kam nicht ein einziger Katholik ums Leben. Der Pöbel zeigte kein Verlangen nach Blutvergießen, ausgenommen bei Jeffreys, und der Haß, den dieser abscheuliche Mann erweckte, stand der Menschlichkeit näher als der Grausamkeit.[9]
Viele Jahre später behauptete Hugo Speke, die irische Nacht sei sein Werk gewesen; er habe die Bauern angestellt, welche London aufgeregt, und er sei der Verfasser der Briefe, welche im ganzen Lande Schrecken verbreitet hatten. Seine Behauptung an sich ist nicht unwahrscheinlich, aber sie stützt sich auf kein andres Zeugniß als sein eignes Wort. Er war wohl der Mann dazu, eine solche Schurkerei zu begehen, aber auch eben so fähig, sich fälschlich einer solchen That zu rühmen.[10]
In London wurde Wilhelm mit Ungeduld erwartet; denn man zweifelte nicht, daß seine Energie und Einsicht die Ordnung und Sicherheit bald wieder herstellen werde. Seine Ankunft aber erlitt eine Verzögerung, wegen der er billigerweise nicht getadelt werden kann. Es war ursprünglich seine Absicht gewesen, sich von Hungerford nach Oxford zu begeben, wo ihm ein ehrenvoller und warmer Empfang zugesichert war; die Ankunft der Deputation von der Guildhall aber bewog ihn, seinen Plan zu ändern und direct nach der Hauptstadt zu eilen. Unterwegs erfuhr er, daß Feversham dem Befehle des Königs zufolge die royalistische Armee entlassen habe und daß Tausende von Soldaten, des Zwanges der Disciplin enthoben und an dem Nothwendigsten Mangel leidend, in den Grafschaften, durch welche der Weg nach London führte, zerstreut umherirrten. Wilhelm hätte daher nicht ohne große Gefahr, nicht allein für seine Person, um die er sich wenig zu kümmern pflegte, sondern auch für die wichtigen Interessen, die er wahrzunehmen hatte, unter schwacher Bedeckung weiter vordringen können. Er mußte seine eigenen Bewegungen nach den Bewegungen seiner Truppen regeln, und Truppen konnten sich damals im tiefsten Winter nur langsam auf den Heerstraßen vorwärts bewegen. Er kam bei dieser Gelegenheit doch ein wenig aus seiner gewohnten Ruhe. »So darf man mir nicht kommen,« rief er mit Bitterkeit aus; »Mylord Feversham soll das bald erfahren.« Es wurden sofort die geeigneten Maßregeln getroffen, um den durch Jakob herbeigeführten Übeln abzuhelfen. Churchill und Grafton wurden beauftragt, die zerstreute Armee wieder zu sammeln und zu ordnen. Die englischen Soldaten wurden aufgefordert, ihren militairischen Character wieder anzunehmen, und die Irländer erhielten Befehl, ihre Waffen abzuliefern, widrigenfalls sie als Banditen betrachtet werden würden; zugleich aber wurde ihnen versprochen, daß, wenn sie sich gutwillig fügten, sie mit allem Nothwendigen versehen werden sollten.[11]
Die Befehle des Prinzen wurden fast ohne Widerstand, ausgenommen von Seiten der irischen Soldaten, welche in Tilbury gelegen hatten, ausgeführt. Einer von diesen drückte ein Pistol auf Grafton ab. Es verfehlte, und der Mörder wurde von einem Engländer auf der Stelle niedergeschossen. Ungefähr zweihundert der unglücklichen Fremden machten einen tapferen Versuch zur Rückkehr in ihr Vaterland. Sie bemächtigten sich eines reichbefrachteten Ostindienfahrers, der eben in die Themse eingelaufen war und versuchten es, in Gravesend Lootsen zu pressen. Sie fanden jedoch keinen und mußten sich daher ihrer eigenen Geschicklichkeit in der Schifffahrtskunde anvertrauen. Sie liefen mit ihrem Schiffe bald auf den Grund und wurden nach einigem Blutvergießen gezwungen, die Waffen zu strecken.[12]
Wilhelm befand sich jetzt seit fünf Wochen auf englischem Boden und während dieser ganzen Zeit war ihm das Glück nicht einen Augenblick untreu geworden, seine Klugheit und Festigkeit hatten sich glänzend bewährt; noch mehr aber hatte die Thorheit und der Kleinmuth Anderer für ihn gethan. Und jetzt, in dem Augenblicke, wo es schien, als ob der vollständigste Erfolg seine Pläne krönen sollte, wurden sie durch einen jener unerwarteten Zwischenfälle zerstört, welche so oft die klügsten Berechnungen des menschlichen Scharfsinns zu Schanden machen.
[Anmerkung 8: Citters, 14.(24.) Dec. 1688. +Luttrell's Diary+; Ellis' Correspondenz; +Oldmixon, 761+; +Speke's Secret History of the Revolution+; +Clarke's Life of James, II. 257+; +Eachard's History of the Revolution+; +History of the Desertion.+]
[Anmerkung 9: +Clarke's Life of James, II. 258.+]
[Anmerkung 10: +Secret History of the Revolution.+]
[Anmerkung 11: +Clarendon's Diary, Dec. 13. 1688+; Citters, 14.(24.) Dec.; +Eachard's History of the Revolution+.]
[Anmerkung 12: Citters, 14.(24.) Dec.; +Luttrell's Diary+.]
[_Der König wird unweit Sheerneß angehalten._] Am Morgen des 13. Decembers wurde die Bevölkerung von London, die sich noch nicht ganz von der Aufregung der irischen Nacht erholt hatte, durch das Gerücht überrascht, der König sei angehalten worden und befinde sich noch auf der Insel. Im Laufe des Tages gewann das Gerücht an Consistenz und erhielt noch vor dem Abend die vollkommenste Bestätigung.
Jakob war mit untergelegten Pferden das südliche Ufer der Themse entlang gereist und hatte am Morgen des 12. Decembers Emley Ferry, in der Nähe der Insel Sheppey, erreicht. Hier lag das Fahrzeug, auf welchem er sich einschiffen wollte. Er ging an Bord, aber der Wind blies frisch und der Schiffer wollte es nicht wagen, ohne mehr Ballast in See zu gehen. Darüber wurde die günstige Gelegenheit einer Ebbe verloren. Es war nahe an Mitternacht, ehe das Boot flott zu werden begann. Inzwischen hatte sich die Nachricht, daß der König verschwunden, daß das Land ohne Regierung und London in der größten Bestürzung sei, rasch die Themse stromabwärts verbreitet und überall Gewaltthätigkeiten und Unruhen erzeugt. Die rauhen Fischer der Küste von Kent betrachteten das Boot mit argwöhnischen und gierigen Blicken. Es hieß, einige vornehm gekleidete Herren seien eiligst an Bord desselben gegangen. Vielleicht waren es Jesuiten, und vielleicht waren sie reich! Fünfzig bis sechzig Schiffer, vom Haß gegen den Papismus und vom Hang zum Plündern angetrieben, hielten das Boot an, als es eben wieder abfahren wollte. Sie erklärten den Passagieren, daß sie ans Land gehen und sich bei einem Magistratsbeamten legitimiren müßten. Das Aussehen des Königs erregte Verdacht. »Das ist Pater Petre!« rief Einer von der Horde; »ich erkenne ihn an seinen hohlen Backen.« -- »Durchsucht den alten Jesuiten mit dem Fratzengesicht!« erscholl es nun von allen Seiten. Er wurde sehr unsanft hin und her gestoßen und man nahm ihm seine Börse und seine Uhr. Er hatte seinen Krönungsring und einige andere werthvolle Kleinodien bei sich; aber diese entgingen den Nachforschungen der Räuber, die sich überhaupt so wenig auf Juwelen verstanden, daß sie die Diamanten auf seinen Schuhschnallen für Glasstückchen hielten.
Endlich wurden die Gefangenen ans Land gebracht und in einen Gasthof geführt. Hier hatte sich ein Volkshaufen versammelt, um sie zu sehen, und obgleich sich Jakob durch eine Perrücke von andrer Form und Farbe, als er sie gewöhnlich trug, entstellt hatte, wurde er doch sofort erkannt. Einen Augenblick schien der Pöbel von ehrfurchtsvoller Scheu ergriffen, aber die Zureden der Führer gaben ihm wieder Muth und der Anblick Hales', den sie genau kannten und tödtlich haßten, entflammte ihre Wuth. Sein Park lag in der Nähe und eine Horde Tumultuanten war eben damit beschäftigt, sein Haus zu demoliren und sein Wild zu schießen. Die Menge versicherte den König, daß sie ihm nichts zu Leibe thun wolle, ihn aber nicht abreisen lassen werde. Der Earl von Winchelsea, ein Protestant, aber eifriger Royalist, das Oberhaupt der Familie Finch und ein naher Verwandter Nottingham's, befand sich damals zufällig in Canterbury. Sobald er erfuhr was geschehen war, eilte er in Begleitung einiger kentischen Gentlemen nach der Küste. Durch ihre Verwendung erhielt der König eine anständigere Wohnung, aber er blieb ein Gefangener. Der Pöbel bewachte fortwährend das Haus, in das er gebracht worden war, und einige von den Rädelsführern lagen an der Thür seines Schlafzimmers. Er benahm sich dabei wie ein Mann, den die Last des Mißgeschicks völlig zu Boden drückt. Zuweilen sprach er in einem so hochmüthigen Tone, daß die Bauern, die ihn bewachten, zu unehrerbietigen Antworten gereizt wurden. Dann nahm er wieder zu Bitten seine Zuflucht. »Laßt mich gehen,« sagte er, »verschafft mir ein Boot. Der Prinz von Oranien trachtet mir nach dem Leben. Wenn Ihr mich jetzt nicht fliehen laßt, so wird es zu spät sein. Mein Blut wird dann über Euch kommen. Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich.« Über diesen letzten Text predigte er eine halbe Stunde lang. Er sprach über eine Menge verschiedener Gegenstände: über den Ungehorsam der Collegiaten des Magdalenenstiftes, über die durch den Brunnen der heiligen Winfrede bewirkten Wunder, über die Illoyalität der Schwarzröcke und über die Wunderkräfte eines Splitters vom wahrem Kreuze des Erlösers, den er leider verloren habe. »Was habe ich gethan?« fragte er die anwesenden kentischen Squires. »Sagen Sie mir die Wahrheit: welchen Fehler habe ich begangen?« Diejenigen, an welche er diese Frage richtete, waren zu human, als daß sie ihm die Antwort hätten geben sollen, die ihnen gewiß auf den Lippen schwebte, und sie hörten daher sein verworrenes Geschwätz mit mitleidigem Stillschweigen an.[13]
Als die Nachricht, daß er angehalten, insultirt, mit roher Härte behandelt und ausgeplündert worden sei und daß er sich noch in der Gewalt roher Bauern befinde, in der Hauptstadt ankam, äußerten sich verschiedenartige Leidenschaften. Strenge Staatskirchenmänner, welche wenige Stunden zuvor angefangen hatten zu glauben, daß sie ihrer Unterthanenpflichten gegen ihn entbunden seien, wurden wieder schwankend. Er hatte sein Reich nicht verlassen und also die Abdankung nicht vollendet. Sollte er sein königliches Amt wieder übernehmen, konnten sie ihm dann nach ihren Grundsätzen den Gehorsam verweigern? Einsichtsvolle Staatsmänner sahen mit tiefer Betrübniß voraus, daß alle Streitigkeiten, welche seine Flucht auf einen Augenblick beschwichtigt hatte, durch seine Rückkehr wieder angeregt und mit vermehrter Erbitterung fortgesetzt werden würden. Viele Leute aus dem Volke wurden, obgleich sie noch den Schmerz der ihnen unlängst zugefügten Unbilden fühlten, von Mitleid für einen von Räubern mißhandelten großen Fürsten ergriffen und waren zu der Hoffnung geneigt, welche mehr ihrer Gutherzigkeit als ihrem Verstande zur Ehre gereichte, daß er jetzt noch die Fehler bereuen könnte, die eine so entsetzliche Strafe über ihn gebracht hatten.
Von dem Augenblicke an, wo es bekannt wurde, daß der König sich noch in England befand, erschien Sancroft, der bis dahin als Präsident der provisorischen Regierung fungirt hatte, nicht mehr in den Sitzungen der Peers. Halifax, der eben aus dem holländischen Hauptquartier angekommen war, übernahm den Vorsitz. Seine Ansichten hatten sich in einigen Stunden völlig verändert. Sowohl politische als religiöse Gefühle bestimmten ihn jetzt, sich den Whigs anzuschließen. Wer die auf uns gekommenen Beweisstücke unbefangen prüft, muß der Meinung sein, daß er das Amt eines königlichen Commissars in der aufrichtigen Hoffnung übernahm, er werde eine Verständigung zwischen dem Könige und dem Prinzen unter billigen Bedingungen zu Stande bringen. Die Unterhandlung hatte mit günstigen Aussichten begonnen; der Prinz hatte Bedingungen gestellt, die der König selbst als billig anerkennen mußte und der beredte und geniale Trimmer durfte sich mit der Hoffnung schmeicheln, daß er im Stande sein werde, zwischen den erbitterten Parteien zu vermitteln, zwischen extremen Meinungen einen Vergleich zu dictiren, die Freiheiten und die Religion seines Vaterlandes zu sichern, ohne es den von einem Dynastiewechsel und einer streitigen Thronfolge unzertrennlichen Gefahren auszusetzen. Während er sich in derartigen, seinem Character so wohl zusagenden Gedanken wiegte, erfuhr er, daß er hintergangen worden war und daß man sich seiner als eines Werkzeugs bedient hatte, um die Nation zu hintergehen. Seine Sendung nach Hungerford war eine bloße Komödie gewesen. Der König hatte nicht daran gedacht, an den Bedingungen festzuhalten, welche die Commissare auf seinen Befehl vorschlagen hatten. Er hatte ihnen aufgetragen, zu erklären, daß es sein Wille sei, alle streitigen Fragen dem von ihm einberufenen Parlamente zur Entscheidung vorzulegen, und während sie sich dieses Auftrags entledigten, hatte er die Wahlausschreiben verbrannt, war mit dem Staatssiegel entflohen, hatte die Armee entlassen, die Justizverwaltung suspendirt, die Regierung aufgelöst und war aus der Hauptstadt entflohen. Halifax sah nun ein, daß eine gütliche Verständigung nicht mehr möglich war. Wahrscheinlich empfand er wohl auch den Verdruß, welcher bei einem durch seine Weisheit weltberühmten Manne, der die Erfahrung macht, daß ein in jeder Beziehung tief unter ihm stehender Geist ihn betrogen hat, und bei einem großen Meister der Satire, der sich selbst in eine lächerliche Situation versetzt sieht, sehr natürlich ist. Sein Verstand und sein Unwille bewogen ihn in gleichem Maße, die Versöhnungspläne, auf welche er bisher hingearbeitet hatte, aufzugeben und sich an die Spitze Derer zu stellen, welche den Prinzen Wilhelm auf den Thron erheben wollten.[14]
Es existirt noch ein von ihm eigenhändig geschriebenes Tagebuch über die Vorgänge in der Rathsversammlung der Lords während seiner Präsidentschaft in derselben.[15] Es wurde keine Vorsichtsmaßregel, welche zur Verhütung von Gewaltthätigkeiten und Räubereien nöthig erschien, verabsäumt. Die Peers erließen auf ihre Verantwortung den Befehl, daß, wenn der Pöbel noch einmal aufstände, die Soldaten scharf schießen sollten. Jeffreys wurde nach Whitehall gebracht und über das Schicksal des Staatssiegels und der Wahlausschreiben befragt. Auf seine eigenen dringenden Bitten wurde er wieder in den Tower geschickt, als den einzigen Ort, wo er seines Lebens sicher sei, und er entfernte sich unter Dankesversicherungen und Segenswünschen gegen Diejenigen, die ihm den Schutz eines Gefängnisses gewährt hatten. Ein whiggistischer Edelmann trug darauf an, daß Oates in Freiheit gesetzt werden solle; aber dieser Antrag wurde verworfen.[16]
Die Geschäfte des Tages waren so ziemlich erledigt und Halifax wollte sich eben erheben, als ihm gemeldet wurde, daß ein Bote von Sheerneß angekommen sei. Kein Vorfall konnte unangenehmer und störender sein. Man lud eine große Verantwortlichkeit auf sich, mochte man etwas thun oder nicht. Halifax, der wahrscheinlich Zeit zu gewinnen wünschte, um sich mit dem Prinzen in Vernehmen zu setzen, hatte die Versammlung am liebsten vertagt; Mulgrave aber ersuchte die Lords, auf ihren Plätzen zu bleiben und führte den Boten ein. Der Mann erzählte seine Geschichte mit Thränen in den Augen und überreichte einen Brief, der vom König selbst geschrieben, aber an keine bestimmte Person gerichtet war, sondern nur den Beistand aller guten Engländer anrief.[17]
[Anmerkung 13: +Clarke's Life of James, II. 251. Orig. Mem.+; ein in Tindal's Fortsetzung zu Rapin abgedruckter Brief. Dieser interessante Brief befindet sich in den Harley'schen Handschriften, 6852.]
[Anmerkung 14: Mulgrave erfuhr von einer Dame, die er nicht nennt, daß der König erst dann entfliehen wollte, als er einen Brief von Halifax erhielt, der sich damals in Hungerford befand. Dieser Brief, sagte sie, habe Seine Majestät darauf aufmerksam gemacht, daß sein Leben in Gefahr sei, wenn er bleibe. Dies ist sicherlich ein Roman. Vor der Abreise der Commissare von London hatte der König Barillon gesagt, ihre Sendung sei eine bloße Finte, und den festen Entschluß ausgesprochen, das Land zu verlassen. Aus Reresby's eigner Erzählung geht hervor, daß Halifax sich schändlich hintergangen glaubte.]
[Anmerkung 15: +Harl. MS. 255.+]
[Anmerkung 16: +Halifax MS.+; Citters, 18.(28.) Dec. 1688.]
[Anmerkung 17: +Mulgrave's Account of the Revolution+.]
[_Die Lords geben Befehl zu seiner Freilassung._] Eine solche Bitte konnte man kaum unbeachtet lassen. Die Lords gaben Feversham Befehl, mit einer Abtheilung der Leibgarde an den Ort zu eilen, wo der König zurückgehalten wurde, und Seine Majestät in Freiheit zu setzen.