Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11)

Part 13

Chapter 133,176 wordsPublic domain

Wenige Stunden nach diesem Scharmützel ereignete sich ein Vorfall, der jeder Wahrscheinlichkeit eines ernsten Kampfes zwischen den beiden Armeen ein Ende machte. Churchill und einige von seinen Hauptcomplicen befanden sich in Salisbury. Zwei der Verschwornen, Kirke und Trelawney, hatten sich nach Warminster begeben, wo ihre Regimenter standen. Alles war reif zur Ausführung des lange erwogenen Verraths.

Churchill rieth dem Könige, Warminster zu besuchen und die dort stehenden Truppen zu inspiciren. Jakob willigte ein und sein Wagen hielt schon am Thore des bischöflichen Palastes, als er mit einem Male heftiges Nasenbluten bekam. Er mußte die Reise aufschieben und sich einer ärztlichen Behandlung unterziehen. Drei Tage vergingen, ehe die Blutung völlig gestillt war und während dieser drei Tage kamen ihm beunruhigende Gerüchte zu Ohren.

Eine so weitverzweigte Verschwörung wie die, an deren Spitze Churchill stand, konnte unmöglich lange streng geheim gehalten werden. Man hatte zwar keine Beweise, die einer Jury oder einem Kriegsgericht hätten vorgelegt werden können, aber es circulirten sonderbare Gerüchte im Lager. Feversham, der das Obercommando führte, meldete, daß ein schlechter Geist in der Armee herrsche. Man machte den König darauf aufmerksam, daß gewisse Personen seiner nächsten Umgebung nicht seine Freunde seien und daß es nur ein Schritt weiser Vorsicht sein würde, wenn er Churchill und Grafton unter Bedeckung nach Portsmouth sendete. Jakob verwarf diesen Rath. Neigung zum Argwohn gehörte nicht zu seinen Fehlern. Im Gegentheil, er setzte ein so großes Vertrauen in Versicherungen der Treue und Anhänglichkeit, wie man es wohl von einem gutmüthigen und unerfahrenen jungen Menschen, nicht aber von einem in Jahren vorgerückten Staatsmann hätte erwarten sollen, der die Welt kennen gelernt, der von schurkischen Ränken und Intriguen viel zu leiden gehabt hatte und dessen eigner Character keineswegs ein vortheilhaftes Muster der menschlichen Natur war. Es dürfte schwer sein, einen zweiten Mann zu finden, der sein Wort so leichtsinnig brach, als Jakob und der dabei so schwer zu dem Glauben zu bringen war, daß Andere ihr Wort gegen ihn brechen könnten. Nichtsdestoweniger machten ihn die ihm zukommenden Berichte über die Stimmung seiner Armee sehr besorgt. Er sehnte sich jetzt nicht mehr nach einer Schlacht, ja er begann sogar an den Rückzug zu denken. Samstag Abend, den 24. November berief er einen Kriegsrath zusammen, dem auch diejenigen Offiziere beiwohnten, gegen die er ernstlich gewarnt worden war. Feversham sprach sich dahin aus, daß der Rückzug wünschenswerth sei. Churchill stimmte für das Gegentheil. Die Berathung dauerte bis Mitternacht. Endlich erklärte der König, daß er sich zu dem Rückzuge entschieden habe.

[Anmerkung 127: +Whittle's Diary+; +History of the Desertion+; +Luttrell's Diary.+]

[_Churchill's und Grafton's Abfall._] Churchill bemerkte oder glaubte zu bemerken, daß man ihm nicht traute und vermochte trotz seiner nicht gewöhnlichen Selbstbeherrschung seine Angst nicht zu verbergen. Er entfloh daher noch vor Tagesanbruch mit Grafton ins Lager des Prinzen.[128]

Er ließ eine schriftliche Erklärung zurück, welche in dem anständigen Tone gehalten war, den er bei aller Strafbarkeit und Ehrlosigkeit doch stets beobachtete. Er erkannte an, daß er der Gunst des Königs Alles verdanke. Interesse und Dankbarkeit, sagte er, zogen ihn nach der nämlichen Seite hin. Unter keiner andren Regierung könne er hoffen so einflußreich und mächtig zu werden, als er es gewesen sei; aber alle solche Rücksichten müßten einer höheren Pflicht weichen. Er sei Protestant und sein Gewissen gestatte ihm nicht, gegen den Protestantismus das Schwert zu ziehen. Übrigens aber werde er stets bereit sein, zur Vertheidigung der geheiligten Person und der gesetzlichen Rechte seines gnädigen Gebieters Gut und Leben aufzuopfern.[129]

Am nächsten Morgen war im königlichen Lager Alles in der größten Bestürzung. Die Freunde des Königs waren wie vernichtet und seine Feinde konnten ihre Freude nicht unterdrücken. Jakob's Bestürzung wurde noch durch Nachrichten vermehrt, welche denselben Tag von Warminster einliefen. Kirke, welcher dort commandirte, hatte Befehlen, die er von Salisbury erhalten, den Gehorsam verweigert. Es konnte keinem Zweifel mehr unterliegen, daß auch er mit dem Prinzen von Oranien im Bunde stand. Es hieß, er sei schon mit allen seinen Truppen zum Feinde übergegangen, und obgleich dieses Gerücht falsch war, fand es doch einige Stunden lang vollen Glauben.[130] Jetzt ging dem unglücklichen Könige wieder ein neues Licht auf. Er glaubte zu errathen, warum man ihn vor einigen Tagen gedrängt hatte, Warminster zu besuchen. Er würde dort hülflos in der Gewalt der Verschwörer und in der Nähe der feindlichen Vorposten gewesen, Die, welche es versucht hätten ihn zu vertheidigen, würden leicht überwältigt und er als Gefangener in das Hauptquartier der feindlichen Armee gebracht worden sein. Vielleicht wäre ein noch schwärzerer Verrath verübt worden, denn Menschen, die einmal ein strafbares und gefährliches Unternehmen begonnen haben, sind nicht mehr Herren ihrer selbst und werden oft durch ein Verhängniß, das einen Theil ihrer verdienten Strafe bildet, zu Verbrechen getrieben, an die sie vorher nur mit Schaudern hätten denken können. Gewiß war es das Werk irgend eines Schutzheiligen, daß ein der katholischen Kirche ergebener König in dem Augenblicke, wo er blindlings der Gefangenschaft, ja vielleicht dem Tode entgegenzueilen im Begriffe war, plötzlich durch eine Unpäßlichkeit aufgehalten wurde, die er damals als ein Unglück betrachtete.

[Anmerkung 128: +Clarke's Life of James, II. 222. Orig. Mem.+: Barillon, 21. Nov. (1. Dec.) 1688; +Sheridan MS.+]

[Anmerkung 129: +First Collection of Papers+, 1688.]

[Anmerkung 130: Brief von Middleton an Preston aus Salisbury vom 25. Nov. »Schurkerei über Schurkerei,« sagt Middleton, »die letzte immer größer als die vorhergehende.« +Clarke's Life of James, II. 224. 225, Orig. Mem.+]

[_Rückzug der königlichen Armee von Salisbury._] Dies Alles bestärkte Jakob in dem am vorhergehenden Abend gefaßten Entschlusse. Es wurde Befehl zum unverweilten Rückzuge gegeben. Ganz Salisbury war in Aufruhr. Das Lager wurde mit der Verwirrung einer Flucht abgebrochen. Kein Mensch wußte mehr, wem er trauen und wem er gehorchen sollte. Die materielle Stärke der Armee hatte sich nur unbedeutend vermindert, aber ihre moralische Kraft war vernichtet. Viele, die sich geschämt haben würden, mit dem Übertritt zu dem Prinzen voranzugehen, folgten nun bereitwillig einem Beispiele, das sie nie gegeben haben würden, und viele Andere, die zu ihrem Könige gehalten haben würden, so lange er muthig gegen den Feind vorzurücken schien, hatten keine Lust, bei einer zurückweichenden Fahne zu bleiben.[131]

Jakob ging an diesem Tage bis Andover. Sein Schwiegersohn, Prinz Georg, und der Herzog von Ormond begleiteten ihn. Beide gehörten zu den Verschwornen und würden wahrscheinlich mit Churchill geflohen sein, hätte dieser es in Folge der Vorgänge im Kriegsrathe nicht für rathsam gehalten, seine Abreise zu beschleunigen. Dem Prinzen Georg kam seine Geistesbeschränktheit in diesem Falle besser zu statten, als es Klugheit gethan haben würde. Wenn ihm eine Nachricht gemeldet wurde, pflegte er auf Französisch auszurufen: +»Est-il possible?«+ (ist es möglich?) Diese Phrase war ihm jetzt sehr nützlich. +»Est-il possible?«+ rief er, als man ihn benachrichtigte, daß Churchill und Grafton vermißt wurden. Und als die schlimme Botschaft von Warminster kam, rief er abermals: +»Est-il possible?«+

[Anmerkung 131: +History of the Desertion+; +Luttrell's Diary.+]

[_Abfall des Prinzen Georg und Ormond's._] Prinz Georg und Ormond wurden in Andover eingeladen, mit dem Könige zu Abend zu speisen. Dies muß eine traurige Mahlzeit gewesen sein. Der König war von seinem Unglück zu Boden gedrückt, und sein Schwiegersohn war der langweiligste Gesellschafter, den es geben konnte. Karl II. sagte einmal: »Ich habe den Prinzen Georg nüchtern gesehen und habe ihn betrunken gesehen, aber mag er nüchtern oder betrunken sein, es ist nichts an ihm.«[132] Ormond, der während seines ganzen Lebens schweigsam und zurückhaltend gewesen, war in einem solchen Augenblicke gewiß auch nicht heiter. Sogleich nach beendeter Mahlzeit ging der König zur Ruhe. Für den Prinzen und Ormond standen schon Pferde bereit; sobald sie sich von der Tafel erhoben hatten, saßen sie auf und sprengten davon. In ihrer Begleitung befand sich der Earl von Drumlanrig, der älteste Sohn des Herzogs von Queensberry. Der Abfall dieses jungen Kavaliers war kein unwichtiges Ereigniß, denn Queensberry war das Oberhaupt der protestantischen Episcopalen Schottlands, einer Klasse, im Vergleich zu welcher die entschiedensten englischen Tories whiggistisch genannt werden konnten, und Drumlanrig selbst war Oberstlieutenant von Dundee's Regiment, eines Corps, das die Whigs noch mehr haßten, als Kirke's Lämmer. Dieses neue Unglück wurde dem Könige am nächsten Morgen gemeldet. Er war von der Nachricht weniger ergriffen, als man hatte erwarten sollen. Der Schlag, der ihn vierundzwanzig Stunden früher getroffen, hatte ihn auf fast jedes nur mögliche Unglück vorbereitet, und er konnte dem Prinzen Georg, der kaum zurechnungsfähig war, unmöglich ernstlich zürnen, daß er den Kunstgriffen eines Verführers wie Churchill erlegen war. »Wie?« rief Jakob, »ist +Est-il possible+ auch fort? Nun, im Grunde würde ein guter Dragoner ein größerer Verlust gewesen sein.«[133] Der Zorn des Königs schien sich in der That, und nicht ohne Grund, damals auf eine einzige Person zu concentriren. Von glühendem Rachedurst gegen Churchill erfüllt, reiste er weiter nach London und erfuhr bei seiner Ankunft daselbst ein neues Verbrechen des Erzverräthers. Seit einigen Stunden wurde die Prinzessin Anna vermißt.

[Anmerkung 132: Dartmouth's Note zu Burnet, I. 643.]

[Anmerkung 133: +Clarendon's Diary, Nov. 26+; +Clarke's Life of James, II. 224+; Prinz Georg's Brief an den König ist oft gedruckt worden.]

[_Flucht der Prinzessin Anna._] Anna, welche keinen andren Willen als den der Churchill hatte, war vor acht Tagen durch sie bewogen worden, eigenhändig dem Prinzen Wilhelm zu versichern, daß sie sein Unternehmen billige. Sie schrieb ihm, daß sie ganz in den Händen ihrer Freunde sei und ganz nach deren Bestimmung entweder im Palaste bleiben oder in der Stadt einen Zufluchtsort suchen werde.[134] Am Sonntag, den 25. November mußte sie und Diejenigen, welche für sie dachten und handelten, plötzlich einen Entschluß fassen. An diesem Nachmittag brachte ein Courier von Salisbury die Nachricht, daß Churchill verschwunden sei, daß Grafton ihn begleitet habe, daß auch Kirke untreu geworden und die ganze königliche Armee im vollen Rückzüge begriffen sei. Wie gewöhnlich, wenn wichtige Nachrichten, gleichviel ob gute oder schlimme, in der Stadt anlangten, so versammelte sich auch an diesem Abende eine große Menschenmenge in den Gallerien von Whitehall. Neugierde und ängstliche Spannung sprach aus allen Gesichtern. Die Königin ergoß sich in wohl zu entschuldigende Äußerungen des Unwillens über den Hauptverräther und schonte dabei auch seine allzu parteiische Gebieterin nicht ganz. An den Zugängen des Palastflügels, den Anna bewohnte, wurden die Schildwachen verstärkt. Die Prinzessin war in der größten Angst. In wenigen Stunden mußte ihr Vater in Westminster eintreffen. Daß er sie persönlich mit Strenge behandeln würde, war nicht anzunehmen, aber sie durfte nicht hoffen, daß er ihr fernerhin den Umgang mit ihrer Freundin gestatten werde. Es war kaum daran zu zweifeln, daß Sara festgenommen und einem strengen Verhör durch gewandte und rücksichtslose Inquisitoren unterworfen werden würde. Jedenfalls wurden ihre Papiere mit Beschlag belegt, und vielleicht fand man darunter Beweise, die ihr Leben in Gefahr brachten. In diesem Falle war das Schlimmste zu fürchten. Die Rache des unerbittlichen Königs kannte keinen Unterschied des Geschlechts; um viel geringfügigerer Vergehen willen als diejenigen, deren Lady Churchill möglicherweise überführt werden konnte, hatte er Frauen aufs Schaffott und auf den Scheiterhaufen geschickt. Ihre starke Zuneigung zu Lady Churchill verlieh dem Geiste der Prinzessin eine ungewöhnliche Energie. Es gab kein Band, das sie um des Gegenstandes ihrer abgöttischen Liebe willen nicht zerrissen, keine Gefahr, der sie sich für sie nicht ausgesetzt haben würde. »Eher springe ich aus dem Fenster,« rief sie aus, »als daß ich mich von meinem Vater hier finden lasse!« Die Freundin übernahm es, ihre Flucht zu bewerkstelligen. Sie berieth sich in aller Eil mit einigen Oberhäuptern der Verschwörung und binnen wenigen Stunden waren alle Anstalten zur Flucht getroffen. Am Abend zog sich Anna wie gewöhnlich in ihre Gemächer zurück. Sobald es völlig dunkel geworden war, stand sie auf und schlich leise, von ihrer Freundin Sara und einigen Kammerfrauen begleitet, im Morgenrock und Hausschuhen die Hintertreppe hinunter. Die Flüchtlinge gelangten unangefochten auf die Straße, wo ein Miethwagen sie erwartete. Zwei Männer bewachten die bescheidene Equipage: Compton, Bischof von London, der alte Lehrer der Prinzessin, und der prachtliebende, talentvolle Dorset, den die Größe der öffentlichen Gefahr aus seiner üppigen Ruhe aufgerüttelt hatte. Der Wagen fuhr sogleich nach Aldersgate Street, wo damals der städtische Palast der Bischöfe von London im Schatten ihrer Kathedrale stand. Hier brachte die Prinzessin die Nacht zu. Am folgenden Morgen reiste sie nach dem Eppingwalde ab, wo Dorset ein altes Schloß besaß, das schon vor langer Zeit zerstört worden ist. In dieser gastlichen Wohnung, viele Jahre lang der Lieblingsaufenthalt von Schöngeistern und Dichtern, hielten die Flüchtlinge eine kurze Rast. Sie konnten es nicht ohne Gefahr versuchen, Wilhelm's Hauptquartier zu erreichen, denn der Weg dahin führte durch eine von königlichen Truppen besetzte Gegend. Es wurde daher beschlossen, daß Anna sich zu den Insurgenten im Norden begeben sollte. Compton legte für diese Zeit seinen geistlichen Character völlig ab. Gefahr und Kampf hatten in seiner Brust wieder das ganze kriegerische Feuer entzündet, das ihn achtundzwanzig Jahre früher beseelte, als er unter der Leibgarde diente. In einem Büffelwams und Reiterstiefeln, das Schwert an der Seite und Pistolen in den Holstern, ritt er vor dem Wagen der Prinzessin her. Lange vor ihrer Ankunft in Nottingham war sie bereits von einer Leibwache von Gentlemen umgeben, die sie aus eignem Antriebe begleiteten. Sie ersuchten den Bischof, sich als Oberst an ihre Spitze zu stellen, und er erfüllte ihren Wunsch mit einer Bereitwilligkeit, welche bei den strengen Kirchenmännern großes Ärgerniß erregte und seinem Rufe selbst in den Augen der Whigs keinen Vortheil brachte.[135]

Als am Morgen des Sechsundzwanzigsten Anna's Gemächer leer gefunden wurden, war die Bestürzung in Whitehall groß. Während ihre Kammerfrauen jammernd und händeringend durch die Höfe des Palastes liefen, während Lord Carven, der die Leibgarde zu Fuß commandirte, die Wachen in der Gallerie ausfragte, während der Kanzler die Papiere der Churchill versiegelte, stürzte die Amme der Prinzessin in die königlichen Gemächer und rief aus, ihre geliebte Herrin sei von den Papisten ermordet worden. Die Nachricht gelangte nach Westminsterhall. Hier erzählte man sich, Ihre Hoheit sei gewaltsam in ein Gefängniß gebracht worden. Als es nicht mehr geleugnet werden konnte, daß sie freiwillig entflohen war, wurden eine Menge Geschichten zur Motivirung ihrer Flucht erdichtet. Sie sei gröblich beleidigt und bedroht, ja sogar von ihrer gefühllosen Stiefmutter geschlagen worden, obgleich sie sich in Umständen befand, in denen eine Frau Anspruch auf eine besonders zarte Behandlung hat. Das durch eine mehrjährige schlechte Regierung argwöhnisch und reizbar gemachte Volk wurde durch diese Verleumdungen so aufgebracht, daß die Königin ihres Lebens kaum sicher war. Viele Katholiken und mehrere protestantische Tories von erprobter Loyalität eilten in den Palast, um sie im Fall eines Ausbruchs vertheidigen zu können. Inmitten dieses Schreckens und Entsetzens kam die Nachricht von der Flucht des Prinzen Georg. Dem Courier, welcher diese schlimme Botschaft überbrachte, folgte der König selbst auf dem Fuße. Es war bereits völlig dunkel, als der König ankam und von dem Verschwinden seiner Tochter unterrichtet wurde. Nach Allem, was er schon gelitten hatte, preßte dieser neue Schlag ihm einen Jammerschrei aus. »Gott stehe mir bei!« rief er aus; »meine eigenen Kinder haben mich verlassen!«[136]

[Anmerkung 134: Der vom 18. Nov. datirte Brief ist in Dalrymple zu finden.]

[Anmerkung 135: +Clarendon's Diary, Nov. 25, 26. 1688+; Citters, 26. Nov. (6. Dec.); +Ellis Correspondence, Dec. 19.+; +Duchess of Marlborough's Vindication+; +Burnet, I. 792+; Compton, an den Prinzen von Oranien, 2. Dec. 1688 in Dalrymple. Das militairische Kostüm des Bischofs wird in unzähligen Flugschriften und Spottgedichten erwähnt.]

[Anmerkung 136: Dartmouth's Note zu Burnet I. 792: Citters, 26. Nov. (6. Dec.) 1688; +Clarke's Life of James, II. 226. Orig. Mem.+; +Clarendon's Diary, Nov. 26.+; +Revolution Politics.+]

[_Jakob hält eine Berathung mit den Lords._] Noch denselben Abend hielt er mit seinen ersten Ministern eine bis spät in die Nacht dauernde Berathung. Es wurde beschlossen, daß er alle zur Zeit in London anwesenden geistlichen und weltlichen Lords am folgenden Tage zu sich entbieten und sie feierlich um Rath fragen sollte. Demgemäß versammelten sich die Lords am Dienstag Nachmittag, den 27. November, im Speisesaale des Palastes. Die Versammlung bestand aus neun Prälaten und zwischen dreißig und vierzig weltlichen Edelleuten, sämmtlich Protestanten. Auch die beiden Staatssekretäre, Middleton und Preston, waren anwesend, obgleich sie nicht Peers des Reichs waren. Der König selbst präsidirte. Die Spuren schwerer körperlicher und geistiger Leiden waren in seinen Gesichtszügen und in seiner Haltung deutlich zu erkennen. Er eröffnete die Verhandlung mit der Erwähnung der Petition, die ihm kurz vor seiner Abreise nach Salisbury überreicht worden war. Der Inhalt dieser Petition war die Bitte um Einberufung eines freien Parlaments. In seiner damaligen Lage, sagte er, habe er es nicht für zweckmäßig gehalten, der Bitte zu willfahren. Während seiner Abwesenheit von London aber seien wichtige Veränderungen eingetreten; auch habe er bemerkt, das sein Volk überall den Zusammentritt der Kammern sehnlichst wünsche. Daher habe er seine getreuen Peers zu sich entboten, um ihren Rath zu hören.

Es trat eine Pause ein. Dann sagte Oxford, dem sein in Alter und Glanz unerreichter Stammbaum ein gewisses Übergewicht in der Versammlung gab, seiner Ansicht nach müßten die Lords, welche die von Seiner Majestät erwähnte Petition unterzeichnet hätten, ihre Meinungen jetzt aussprechen.

Diese Worte bestimmten Rochester zu reden. Er vertheidigte die Petition und erklärte, daß er noch immer nirgends eine Hoffnung für den Thron und das Land sehe, als in einem Parlament. Er wage es nicht zu behaupten, daß in einer so unheilvollen Bedrängniß selbst dieses Mittel wirksamen Erfolg haben werde; aber er wisse kein andres vorzuschlagen. Er setzte hinzu, daß es rathsam sein dürfte, Unterhandlungen mit dem Prinzen von Oranien zu eröffnen. Nach ihm sprachen Jeffreys und Godolphin, und Beide erklärten sich mit ihm einverstanden.

Jetzt stand Clarendon auf und ergoß sich zum Erstaunen Aller, die sich seiner lauten Loyalitätsversicherungen und der heftigen Äußerungen von Scham und Schmerz erinnerten, die ihm noch vor wenigen Tagen die Nachricht von dem Abfalle seines Sohnes entrissen hatte, in eine Schmährede gegen Tyrannei und Papismus. »Noch in diesem Augenblicke,« sagte er, »errichtet Seine Majestät in London ein Regiment, in welches keine Protestanten aufgenommen werden.« -- »Das ist nicht wahr!« rief Jakob mit Heftigkeit aus. Clarendon bestand auf seiner Behauptung und verließ dieses beleidigende Thema nur um auf ein noch beleidigenderes überzugehen. Er beschuldigte den unglücklichen König des Kleinmuths. Warum sei er nicht in Salisbury geblieben? warum habe er nicht das Glück einer Schlacht versucht? Könne man es dem Volke verargen, daß es sich dem Angreifer unterwarf, wenn es seinen König an der Spitze seiner Armee davonlaufen sehe? Jakob fühlte diese Vorwürfe tief und vergaß sie nicht so bald. In der That, selbst Whigs hielten Clarendon's Sprache für unpassend und unedel. Halifax sprach in einem ganz andren Tone. Seit mehreren Jahren der Gefahr hatte er mit bewundernswürdigem Talent die bürgerliche und kirchliche Verfassung seines Vaterlandes gegen die Prärogative vertheidigt. Aber sein klarer, für Begeisterung durchaus unempfänglicher und Extremen entschieden abgeneigter Verstand begann sich gerade in dem Augenblicke, wo die großsprecherischen Royalisten, welche noch vor Kurzem die Trimmers als wenig besser denn Rebellen verwünscht hatten, sich überall zum Aufstande erhoben, zur Sache des Königthums hinzuneigen. Er setzte seine Ehre darein, in diesem kritischen Augenblicke der Friedensstifter zwischen dem Throne und der Nation zu werden. Seine Talente und sein Character befähigten ihn zu diesem Amte und wenn sein Versuch scheiterte, so ist dies Ursachen zuzuschreiben, gegen die keine menschliche Geschicklichkeit etwas auszurichten vermochte, ganz besonders der Thorheit, Wortbrüchigkeit und Hartnäckigkeit des Fürsten, den er zu retten versuchte.