Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11)
Part 11
[_Unterredung des Königs mit den Bischöfen._] Während dieser Vorgänge in Devonshire herrschte in London große Gährung. Die Erklärung des Prinzen war trotz aller Vorsichtsmaßregeln jetzt in Jedermanns Händen. Am 6. November beschied Jakob, der noch immer nicht wußte, auf welchem Theile der Küste die Eroberer gelandet waren, den Primas nebst drei anderen Bischöfen, Compton von London, White von Peterborough und Sprat von Rochester, zu einer Conferenz in sein Privatkabinet. Der König hörte die warmen Loyalitätsversicherungen der Prälaten gnädig an und gab ihnen sein Wort darauf, daß er sie nicht in Verdacht habe. »Aber wo ist die Rechtfertigung, die Sie mir bringen sollten?« fragte er dann. »Sire,« antwortete Sancroft, »wir haben keine solche mitgebracht, denn wir drängen uns nicht danach, uns vor der Welt rein zu waschen. Es ist uns nichts Neues, daß wir verleumdet und fälschlich angeklagt werden. Unser Gewissen und Eure Majestät sprechen uns frei: dies genügt uns.« -- »Ja,« entgegnete der König, »aber eine Erklärung von Ihnen ist um meinetwillen nothwendig.« Hierauf zeigte er den Prälaten ein Exemplar von dem Manifeste des Prinzen und sagte: »Lesen Sie, wie hier von Ihnen gesprochen ist« -- »Sire,« versetzte einer von den Bischöfen, »nicht Einer unter Fünfhundert hält dieses Manifest für ächt.« -- »Nein!« rief der König mit Heftigkeit; »dann würden diese Fünfhundert den Prinzen herbeirufen, um mich zu ermorden!« -- »Das wolle Gott verhüten!« erwiederten die Prälaten einstimmig. Aber der niemals helle Verstand des Königs war jetzt völlig verwirrt. Es war eine seiner Eigenheiten, daß, wenn man seiner Ansicht nicht beipflichtete, er glaubte, man ziehe seine Wahrhaftigkeit in Zweifel. »Dieses Papier wäre nicht ächt?« rief er aus, indem er die Blätter umwendete. »Verdiene ich keinen Glauben? Hat mein Wort gar keinen Werth?« -- »Jedenfalls, Sire,« sagte einer der Bischöfe, »ist dies keine geistliche Angelegenheit, sondern sie gehört in das Bereich der Civilgewalt. Gott hat Eurer Majestät das Schwert in die Hand gegeben, und es kommt uns nicht zu, in Ihre Functionen einzugreifen.« Dann sagte der Erzbischof mit der sanften und gemäßigten Ironie, welche die schmerzlichsten Wunden schlägt, der König müsse ihn entschuldigen, wenn er zu keinem politischen Schriftstück seine Hand leihe. »Ich und meine Amtsbrüder, Sire,« setzte er hinzu, »haben für unsre Einmischung in Staatsangelegenheiten schon hart genug büßen müssen, und wir werden uns vor einem derartigen Wiederholungsfalle sorgfältig hüten. Wir unterschrieben einst eine durchaus harmlose Petition, wir überreichten dieselbe auf die ehrerbietigste Weise, und wir mußten erfahren, daß wir ein schweres Verbrechen begangen hatten. Nur durch Gottes gnädigen Schutz wurden wir vom Untergange gerettet. Und, Sire, der Grund, den Eurer Majestät Fiskal und Prokurator damals anführten, war der, daß wir außerhalb des Parlaments Privatleute seien und daß Privatleute eine strafbare Anmaßung begingen, wenn sie sich in die Politik mischten. Sie griffen uns mit einer solchen Heftigkeit an, daß ich meinestheils mich für verloren hielt.« -- »Ich danke Ihnen für diese Lection, Mylord von Canterbury,« sagte der König; »ich hätte gedacht, daß Sie sich nicht für verloren halten würden, wenn Sie in meine Hände fielen.« Eine solche Sprache würde einem milden Herrscher ganz wohl angestanden haben, aber sie klang sehr sonderbar aus dem Munde eines Fürsten, der eine Frau lebendig verbrannt hatte, weil sie einen seiner fliehenden Feinde bei sich aufgenommen, und dessen eigner Neffe in nutzloser Verzweiflung seine Knie flehend umschlungen hatte. Der Erzbischof ließ sich dadurch nicht zum Schweigen bringen. Er fuhr in seiner Rede fort und zählte die Beleidigungen auf, welche die Creaturen des Hofes der Kirche Englands zugefügt, wobei die Verhöhnung seiner eigenen Schreibart besonders hervorgehoben wurde. Der König wußte nichts weiter zu erwiedern, als daß es unnütz sei vergangene Beschwerden wieder aufzuwärmen und daß er geglaubt habe, diese Dinge seien völlig vergessen. Während er selbst nie die geringste Beleidigung vergaß, war es ihm unbegreiflich, wie Andere nur einige Wochen lang die empfindlichste Beleidigung, die er jemals zugefügt, im Gedächtniß behalten konnten.
Endlich kam das Gespräch wieder auf den Punkt, von dem es ausgegangen war. Der König bestand darauf, daß die Bischöfe öffentlich ihren Abscheu gegen das Unternehmen des Prinzen erklären sollten. Unter zahlreichen Versicherungen der unterwürfigsten Loyalität weigerten sie sich dessen beharrlich. Der Prinz, sagten sie, behaupte sowohl von weltlichen als von geistlichen Peers eingeladen worden zu sein. Die Beschuldigung sei gemeinsam, warum solle also nicht auch die Rechtfertigung gemeinsam sein? »Ich errathe Alles,« sagte der König; »einige weltliche Peers sind bei Ihnen gewesen und haben Sie überredet, mir in dieser Angelegenheit einen Strich durch die Rechnung zu machen.« Die Bischöfe versicherten feierlich, daß dem nicht so sei. Aber es würde sonderbar aussehen, bemerkten sie, wenn in einer Frage, bei welcher hochwichtige politische und militairische Rücksichten im Spiele seien, die weltlichen Peers völlig übergangen würden und die Prälaten allein eine hervorragende Rolle spielen sollten. »Ich will es nun einmal so,« entgegnete Jakob. »Ich bin Ihr König und ich muß wissen, was das Zweckmäßigste ist. Ich will meinen eigenen Weg gehen, und ich verlange von Ihnen, daß Sie mich unterstützen.« Die Bischöfe versicherten ihn, daß sie vollkommen bereit seien, ihn im Bereiche ihres Wirkungskreises zu unterstützen, als christliche Geistliche mit ihren Gebeten und als Peers des Königreichs mit ihrem parlamentarischen Rathe. Jakob, der weder die Gebete von Ketzern, noch den Rath von Parlamenten brauchte, sah sich bitter getäuscht. Nach einem langen Wortwechsel sagte er endlich: »Genug, ich will Sie nicht weiter belästigen. Da Sie mir nicht beistehen wollen, muß ich mich auf mich selbst und auf meine eigenen Waffen beschränken.«[103]
[Anmerkung 103: +Clarke's Life of James the Second, II. 210+; +Sprat's Narrative+; Citters, 6.(16.) Nov. 1688.]
[_Ruhestörungen in London._] Kaum hatten die Bischöfe den König verlassen, so brachte ein Courier die Nachricht, daß der Prinz von Oranien am vorigen Tage in Devonshire gelandet sei. Während der nächstfolgenden Woche war London in gewaltiger Aufregung. Am Sonntag, den 11. November, verbreitete sich das Gerücht, daß in dem unter dem Patronat des Königs zu Clerkenwell errichteten Kloster Messer, Bratroste und Siedekessel versteckt wären, welche zur Folterung von Ketzern hätten dienen sollen. Zahlreiche Menschenmassen belagerten das Gebäude und schickten sich eben an, es zu demoliren, als eine Truppenabtheilung ankam. Die Menge wurde auseinandergetrieben und mehrere von den Aufwieglern wurden niedergemacht. Die Leichen der Gefallenen wurden von einem Todtenschau-Gericht[104] untersucht, und dieses gab einen Ausspruch ab, der für die allgemeine Volksstimmung sehr bezeichnend war. Die Jury erklärte sich dahin, daß gewisse loyale und wohlgesinnte Personen, welche ausgegangen seien, um eine Versammlung von Landesverräthern und öffentlichen Feinden in einem Meßhause aufzuheben, vorsätzlich von den Soldaten ermordet wären, und dieses sonderbare Verdict war von sämmtlichen Geschwornen unterzeichnet. Die Mönche von Clerkenwell, welche diese Symptome der Volksstimmung natürlich nicht wenig beunruhigte, sorgten ängstlich für die Sicherung ihres Eigenthums. Es gelang ihnen auch, den größten Theil ihres Mobiliars fortzuschaffen, ehe dieses Vorhaben ruchbar geworden war. Endlich aber wurde der Verdacht des Pöbels doch rege, die beiden letzten Lastwagen wurden in Holborn angehalten und Alles was sich darauf befand, auf offener Straße verbrannt. Die Angst unter den Katholiken war so groß, daß alle ihre Gotteshäuser mit Ausnahme derjenigen, welche der königlichen Familie und den auswärtigen Gesandten gehörten, geschlossen wurden.[105]
Im Ganzen hatten jedoch die Dinge bis jetzt noch kein für Jakob ungünstiges Aussehen. Die Eingedrungenen befanden sich schon über eine Woche auf englischem Boden und noch hatte sich keine hervorragende Persönlichkeit ihnen angeschlossen. Weder im Norden noch im Osten war ein Aufstand ausgebrochen; kein Diener der Krone schien noch seiner Pflicht untreu geworden zu sein; die königliche Armee sammelte sich rasch in Salisbury, und wenn sie auch dem Heere Wilhelm's in der Kriegszucht nachstand, so war sie doch an Zahl demselben überlegen.
[Anmerkung 104: In England muß der Coroner bei unnatürlichen Todesfällen eine Jury von zwölf Personen versammeln, welche darüber zu entscheiden hat, ob ein Verbrechen begangen worden ist, um in diesem Falle bei den zuständigen Gerichten Anzeige zu machen. -- Der Übers.]
[Anmerkung 105: +Luttrell's Diary+; Neuigkeitsbrief in der Mackintosh-Sammlung; Adda, 16.(26.) Nov. 1688.]
[_Angesehene Männer fangen an zu dem Prinzen überzugehen._] Der Prinz war ohne Zweifel überrascht und gekränkt durch die Lauheit Derer, die ihn nach England eingeladen hatten. Das Volk von Devonshire hatte ihn zwar mit allen Zeichen der Freude empfangen, aber kein Adeliger, kein angesehener Gentleman war bis jetzt in sein Hauptquartier gekommen. Die Erklärung dieser auffallenden Erscheinung ist wahrscheinlich in dem Umstande zu suchen, daß er in einem Theile der Insel gelandet war, wo man ihn nicht erwartet hatte. Im Norden hatten seine Freunde alle Anstalten zu einem Aufstande getroffen, in der Voraussetzung, daß er bald mit einer Armee bei ihnen sein werde. Seine Freunde im Westen aber hatten gar nichts vorbereitet und waren natürlich betroffen, als sie plötzlich aufgefordert wurden, sich an die Spitze einer so wichtigen und gefährlichen Bewegung zu stellen. Dazu kam noch, daß sie die traurigen Folgen eines Aufstandes: Galgen, abgeschlagene Köpfe, zerrissene Glieder, Familien, die noch um tapfere Dulder trauerten, welche ihr Vaterland aufrichtig aber nicht mit Klugheit geliebt, frisch im Gedächtniß, ja dicht vor Augen hatten. Nach einer so schrecklichen und so neuen Warnung war einige Unschlüssigkeit natürlich. Ebenso natürlich aber war es auch, daß Wilhelm, der im Vertrauen auf die ihm aus England zugekommenen Versprechungen, nicht nur seinen eignen Ruf und sein persönliches Glück, sondern auch das Wohl und die Unabhängigkeit seines Vaterlandes aufs Spiel gesetzt hatte, sich bitter gekränkt fühlte. Er war in der That so aufgebracht, daß er schon davon sprach, sich nach Torbay zurückzuziehen, seine Truppen wieder einzuschiffen, nach Holland heimzukehren und Die, welche ihn verrathen hatten, ihrem verdienten Schicksale zu überlassen. Endlich am Montag, den 12. November, schloß sich ein in der Nähe von Crediton wohnender Gentleman, Namens Burrington, der Fahne des Prinzen an, und diesem Beispiele folgten bald mehrere von seinen Nachbarn.
[_Lovelace._] Schon waren aber auch Männer von wichtigerer Bedeutung aus verschiedenen Theilen des Landes nach Exeter aufgebrochen. Der erste von diesen war Johann Lord Lovelace, ein Mann, der sich durch feinen Geschmack, durch Prachtliebe und durch die tollkühne und maßlose Heftigkeit seines Whiggismus auszeichnete. Er war fünf- oder sechsmal wegen politischer Vergehen in Haft gewesen. Das letzte ihm zur Last gelegte Verbrechen war, daß er die Rechtsgültigkeit eines von einem römisch-katholischen Friedensrichter angestellten Verhaftbefehls verächtlich geleugnet hatte. Er war vor den Geheimen Rathe gefordert und streng verhört worden, aber mit geringem Erfolge. Er weigerte sich entschieden, sich schuldig zu bekennen und die Zeugenbeweise gegen ihn waren ungenügend. Er wurde entlassen, aber ehe er sich entfernte, rief Jakob ihm mit großer Heftigkeit zu: »Mylord, dies ist nicht der erste Streich, den Sie mir gespielt haben.« -- »Sire,« entgegnete Lovelace unerschrocken, »ich habe weder Eurer Majestät noch sonst Jemandem je einen Streich gespielt. Wer mich dessen bei Eurer Majestät angeklagt hat, ist ein Lügner.« Bald darauf war Lovelace von Denen, welche den Plan zu einer Revolution entworfen hatten, ins Vertrauen gezogen worden.[106] Sein Schloß, das seine Vorfahren von der Beute indisch-spanischer Galleonen erbaut, stand auf den Trümmern eines Hauses Unserer Lieben Frau in dem schönen Thale, durch welches die Themse, noch nicht durch die Nähe einer großen Hauptstadt verunreinigt, noch mit der Ebbe und Fluth des Meeres fallend und steigend, unter Buchenwäldern zwischen den lieblichen Anhöhen von Berkshire dahin strömt. Unter dem von italienischen Malern decorirten Prunksaale befand sich ein gewölbtes Souterrain, in welchem hin und wieder Gebeine von vorzeitlichen Mönchen gefunden worden waren. In diesem finstren Gemache hatten eine Anzahl eifriger und verwegener Gegner der Regierung während der angstvollen Zeit, als England mit Ungeduld auf protestantischen Wind wartete, viele nächtliche Zusammenkünfte gehalten.[107] Jetzt war der Augenblick zum Handeln gekommen, Lovelace brach mit siebzig wohl bewaffneten und berittenen Begleitern nach dem Westen auf. Er erreichte ohne Schwierigkeit Gloucestershire. Aber Beaufort, der Statthalter dieser Grafschaft, verwendete sein hohes Ansehen und seinen ganzen Einfluß zu Gunsten der Krone. Die Miliz war aufgeboten und eine starke Abtheilung derselben nach Cirencester verlegt worden. Als Lovelace hier ankam, wurde er bedeutet, daß ihm der Durchzug nicht gestattet werden könne. Er mußte daher entweder von seinem Vorhaben abstehen, oder sich durchschlagen. Er beschloß das Letztere zu versuchen und seine Freunde und Untergebenen schlugen sich tapfer. Es fand ein hitziges Gefecht statt. Die Miliz verlor einen Offizier und sechs oder sieben Mann; endlich aber wurde Lovelace's Truppe überwältigt und er selbst gefangen genommen und nach Gloucester Castle geschickt.[108]
[Anmerkung 106: Johnstone, 27. Febr. 1688; Citters unter demselben Datum.]
[Anmerkung 107: +Lyson's Magna Britannia, Berkshire.+]
[Anmerkung 108: +London Gazette, Nov. 15. 1688+; +Luttrell's Diary.+]
[_Colchester._] Andere waren glücklicher. An dem Tage, an welchem das Scharmützel bei Circencester stattfand, kam Richard Savage, Lord Colchester, Sohn und Erbe des Earls Rivers und durch eine unerlaubte Liebe Vater jenes unglücklichen Dichters[109], dessen Verbrechen und Mißgeschicke eine der dunkelsten Seiten der Literaturgeschichte füllen, mit sechzig bis siebzig Reitern in Exeter an. Mit ihm zugleich traf der kühne und unruhige Thomas Wharton ein. Wenige Stunden später kam Eduard Russell, Sohn des Earls von Bedford und Bruder des tugendhaften Edelmanns, dessen Blut auf dem Schaffot geflossen war. Kurz darauf wurde die Ankunft eines andren noch wichtigeren Mannes gemeldet.
[Anmerkung 109: Richard Savage. -- Der Übers.]
[_Abingdon._] Colchester, Wharton und Russell gehörten der Partei an, welche dem Hofe von jeher opponirt hatte. Jakob Bertin, Earl von Abingdon dagegen war stets als eine Stütze der Willkürherrschaft betrachtet worden. Er war in den Tagen der Ausschließungsbill Jakob treu geblieben, war als Lordlieutenant von Oxfordshire mit Energie und Strenge gegen die Anhänger Monmouth's verfahren und hatte zur Feier der Niederlage Argyle's Freudenfeuer angezündet. Aber die Furcht vor dem Papismus hatte ihn zur Opposition und Empörung getrieben. Er war der erste Peer des Reichs, der im Hauptquartier des Prinzen von Oranien erschien.[110]
Doch von Denen, die sich offen gegen seine Autorität auflehnten, hatte der König weniger zu befürchten, als von der im Dunklen schleichenden Verschwörung, deren Verzweigungen sich durch seine Armee und bis in seine Familie erstreckten. Als die Seele dieser Verschwörung muß Churchill betrachtet werden, der in Bezug auf Scharfblick und Gewandtheit seines Gleichen nicht hatte, den die Natur mit einer gewissen kaltblütigen Unerschrockenheit ausgestattet, die sich weder im Kampfe noch im Lügen je verleugnete, und welcher dabei einen hohen militairischen Rang einnahm und sich der Gunst der Prinzessin Anna in hohem Grade erfreute. Für ihn war jedoch die Zeit zu dem entscheidenden Schlage noch nicht gekommen. Indessen brachte er doch schon jetzt durch die Vermittelung eines untergeordneten Werkzeugs der Sache des Königs eine gefährliche, wenn nicht tödtliche Wunde bei.
[Anmerkung 110: +Burnet, I. 790+; +Life of William, 1703.+]
[_Abfall Cornbury's._] Eduard Viscount Cornbury, der älteste Sohn des Earls von Clarendon, war ein junger Mann von unbedeutenden Geistesgaben, von lockeren Grundsätzen und heftigem Temperament. Man hatte ihn von Jugend auf gelehrt, seine Verwandtschaft mit der Prinzessin Anna als die Grundlage seines zukünftigen Glücks zu betrachten, und ihm eingeschärft, daß er ihr fleißig den Hof machen solle. Seinem Vater war es nie in den Sinn gekommen, daß die angestammte Loyalität der Hyde im Hause der Lieblingstochter des Königs gefährdet sein könnte; aber in diesem Hause führten die Churchill die unumschränkte Herrschaft und Cornbury wurde ihr Werkzeug. Er commandirte eines von den nach dem Westen gesandten Dragonerregimentern. Man hatte es so einzurichten gewußt, daß er am 14. November einige Stunden lang der höchste Offizier zu Salisbury war, so daß alle dort versammelten Truppen unter seinem Oberbefehl standen. Es muß auffallend erscheinen, daß zu einem so kritischen Zeitpunkte die Armee, auf welche Alles ankam, nur einen Augenblick dem Commando eines jungen Obersten überlassen werden konnte, der weder Talent noch Erfahrung hatte. Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß diese Anordnung das Resultat eines geschickt angelegten Planes war, und eben so wenig kann man darüber in Zweifel sein, welchem Kopfe und welchem Herzen dieser Plan zuzuschreiben ist.
Plötzlich erhielten drei von den in Salisbury stehenden Kavallerieregimentern Befehl zum Abmarsch nach dem Westen. Cornbury stellte sich an ihre Spitze und führte sie zuerst nach Blandford und dann nach Dorchester. Von Dorchester brachen sie nach einer kurzen Rast von einigen Stunden nach Axminster auf. Einige von den Offizieren begannen Verdacht zu schöpfen und verlangten eine Erklärung dieser sonderbaren Bewegungen. Cornbury antwortete, er habe Befehl, einen nächtlichen Angriff auf eine Truppenabtheilung zu machen, die der Prinz von Oranien bei Honiton postirt habe. Doch der Argwohn war einmal rege, es wurden weitere Fragen gestellt, aber ausweichend beantwortet. Endlich wurde Cornbury geradezu aufgefordert, seine Instruction vorzuzeigen. Er sah ein, daß es ihm nicht nur unmöglich sein würde, mit allen drei Regimentern überzugehen, sondern daß er sich auch selbst in einer höchst gefährlichen Lage befand. In Folge dessen stahl er sich mit einigen wenigen Begleitern fort in das holländische Hauptquartier. Der größte Theil seiner Truppen kehrte nach Salisbury zurück; ein andrer Theil aber, der von dem Hauptcorps detaschirt worden war und die Absichten des Befehlshabers nicht ahnete, marschirte bis Honiton. Hier sahen sie sich inmitten eines zu ihrem Empfange vollständig gerüsteten starken Armeecorps. Widerstand war unmöglich. Ihr Anführer drang in sie, unter Wilhelm zu dienen. Es wurde ihnen ein Monatssold als Geschenk angeboten, und die Meisten nahmen dies an.[111]
Die Nachricht von diesen Vorgängen kam am Fünfzehnten nach London. Jakob war am Morgen dieses Tages sehr heiterer Laune gewesen. Der Bischof Lamplugh hatte eben nach seiner Ankunft von Exeter dem Hofe seine Aufwartung gemacht und war sehr gnädig empfangen worden. »Mylord,« sagte der König zu ihm, »Sie sind ein ächter alter Kavalier.« Lamplugh erhielt zum Lohn für seine Loyalität sofort das schon seit mehr als dritthalb Jahren erledigte Erzbisthum York. Am Nachmittage, als der König sich eben zu Tisch setzte, kam ein Expresser mit der Nachricht von Cornbury's Abfall. Jakob erhob sich von der Tafel, ohne die Speisen zu berühren, genoß nichts als eine Brotrinde und ein Glas Wein und zog sich in sein Privatkabinet zurück. Er erfuhr später, daß nach seinem Weggange aus dem Speisesaale mehrere anwesende Lords, in die er das größte Vertrauen setzte, sich in der anstoßenden Gallerie die Hände geschüttelt und einander beglückwünscht hatten. Als die Botschaft der Königin mitgetheilt wurde, brach sie mit ihren Damen in Thränen und Wehklagen aus.[112]
Der Schlag war allerdings hart. Zwar belief sich der unmittelbare Verlust der Krone und der unmittelbare Gewinn der Feinde auf kaum zweihundert Mann und eben so viele Pferde. Aber wo konnte der König von nun an hoffen, diejenigen Gesinnungen zu finden, welche die Stärke der Staaten und der Armeen bilden? Cornbury war der Erbe eines Hauses, das sich stets durch seine Anhänglichkeit an die Monarchie ausgezeichnet hatte. Sein Vater Clarendon und sein Oheim Rochester waren Männer, deren Loyalität für unerschütterlich galt. Wie stark mußte das Gefühl sein, gegen welches die am tiefsten wurzelnden angeerbten Vorurtheile nicht Stand hielten, das Gefühl, das einen jungen Offizier von vornehmer Geburt zu einer durch Vertrauensbruch und grobe Falschheit verschlimmerten Desertion bewegen konnte? Daß Cornbury kein besonders talentvoller und unternehmender Mann war, machte den Vorfall nur noch beunruhigender. Man konnte unmöglich daran zweifeln, daß er irgendwo einen mächtigen und gewandten Verführer hatte. Wer dieser Verführer war, das sollte sich bald zeigen. Mittlerweile aber konnte Niemand im königlichen Lager sicher sein, daß er nicht von Verräthern umgeben war. Politische Stellung, mititairischer Rang, Kavalierehre, Soldatenehre, die stärksten Betheuerungen, das reinste Adelsblut boten keine Sicherheit mehr. Jedermann konnte mit Grund zweifeln, ob nicht jeder Befehl, den er von seinem Vorgesetzten erhielt, den Zwecken des Feindes dienen sollte. Der pünktliche Gehorsam, ohne den eine Armee nichts als ein zügelloser Pöbelhaufe ist, mußte nothwendig vorbei sein. Welche Disciplin konnte man von Soldaten erwarten, welche eben einer Schlinge entgangen waren, indem sie sich weigerten, ihren commandirenden Offizier zu einer geheimen Expedition zu folgen, und indem sie auf Vorzeigung seiner Befehle drangen?
Cornbury wurde bald durch eine Menge in Rang und Fähigkeiten hoch über ihm stehender Überläufer unterstützt; einige Tage lang aber stand er ganz allein mit seiner Schande da und wurde von Vielen, welche nachher seinem Beispiele folgten und ihn darum beneideten, daß er zuerst den entehrenden Schritt gethan, heftig geschmäht. Unter diesen war sein eigner Vater. Der erste Ausbruch von Clarendon's Zorn und Schmerz war ergreifend. »O Gott!« rief er aus, »daß einer meiner Söhne ein Rebell werden mußte!« Vierzehn Tage später entschloß er selbst sich dazu, ein Rebell zu werden. Man würde ihm jedoch Unrecht thun, wollte man ihn für einen bloßen Heuchler erklären. In Revolutionen lebt der Mensch schnell; die Erfahrung von Jahren drängt sich in wenigen Stunden zusammen; alte Gewohnheiten im Denken und Handeln werden gewaltsam gebrochen; man wird mit Neuerungen, die auf den ersten Anblick Entsetzen und Abscheu erwecken, binnen wenigen Tagen vertraut, man findet sie erträglich, ja anziehend. Viele weit tugendhaftere und muthigere Männer als Clarendon waren vor dem Schlusse jenes denkwürdigen Jahres zu Handlungen bereit, die sie am Anfange desselben für ruchlos und entehrend erklärt haben würden.