Part 8
In Oxford wurde er mit großem Gepränge empfangen, mit einer lateinischen Ansprache begrüßt, mit einigen der schönsten Erzeugnisse der akademischen Presse beschenkt, durch Musikaufführungen unterhalten und zu einem glänzenden Feste in dem Sheldon’schen Theater eingeladen. Er reiste nach wenigen Stunden wieder ab, indem er die Kürze seines Aufenthalts damit entschuldigte, daß er die Collegien schon früher gesehen habe und daß sein gegenwärtiger Besuch nicht ein Besuch der Wißbegierde, sondern des Wohlwollens sei. Da man sehr wohl wußte, daß er die Oxforder nicht liebte und auch von ihnen nicht geliebt wurde, so gab seine Eile Anlaß zu einigen müßigen Gerüchten, die bei dem großen Haufen Glauben fanden. Man sagte, er sei deshalb hinweggeeilt, ohne von dem ihm zu Ehren veranstalteten glänzenden Mahle zu kosten, weil ein anonymer Brief ihm den warnenden Wink gegeben habe, daß, wenn er im Theater etwas äße oder tränke, es um ihn geschehen sei. Es ist jedoch schwer zu glauben, daß ein Fürst, der kaum durch die dringendsten Bitten seiner Freunde zu bewegen war, die einfachsten Vorsichtsmaßregeln gegen Meuchelmörder zu beobachten, von deren Anschlägen er notorische Beweise hatte, sich durch eine so alberne Erdichtung hätte schrecken lassen sollen, und es ist ganz gewiß, daß die Stationen seiner Reise festgesetzt waren und daß er so lange in Oxford blieb, als es mit den im vorhinein getroffenen Arrangements vereinbar war.[63]
Bei seiner Wiederankunft in der Hauptstadt wurde er durch ein prächtiges Schauspiel bewillkommnet, das während seiner Abwesenheit mit großem Kostenaufwande vorbereitet worden war. Sidney, jetzt Earl von Romney und Feldzeugmeister, hatte beschlossen, London durch ein Schauspiel, wie es England in so großartigem Maßstabe noch nie gesehen hatte, in Erstaunen zu setzen. Die ganze Geschicklichkeit der Pyrotechniker seines Departements wurde aufgeboten, um ein Feuerwerk herzustellen, das sich mit jedem messen konnte, welches man in den Gärten von Versailles oder auf dem großen Teiche im Haag gesehen hatte. Saint-Jamessquare wurde zum Schauplatze gewählt. Alle Fenster der prächtigen Paläste auf der nördlichen, westlichen und östlichen Seite waren mit vornehmen Leuten besetzt. Der König erschien am Fenster von Romney’s Empfangszimmer. Die Prinzessin von Dänemark mit ihrem Gemahl und ihrem Hofstaate befand sich in einem anstoßenden Hause. Das ganze diplomatische Corps war in der Wohnung des Gesandten der Vereinigten Provinzen versammelt. Eine mächtige Flammenpyramide warf leuchtende Cascaden aus, welche von den Hunderttausenden, die sich in den benachbarten Straßen und Parks drängten, gesehen wurden. Die Generalstaaten erfuhren durch ihren Correspondenten, daß trotz der ungeheuren Menschenmenge die Nacht ohne die geringste Störung vergangen sei.[64]
[_Die Wahlen._] Inzwischen waren die Wahlen ziemlich zu Ende. In allen Theilen des Landes zeigte es sich deutlich, daß die Wahlkörper im allgemeinen für den König und für den Krieg waren. Die City von London, welche im Jahre 1690 vier Tories gewählt hatte, wählte 1695 vier Whigs. Ueber die Vorgänge zu Westminster ist ein Bericht von mehr als gewöhnlicher Umständlichkeit auf uns gekommen. Im Jahre 1690 hatten die über die Sacheverell’sche Klausel entrüsteten Wähler zwei Tories gewählt. Im Jahr 1695 wurde, sobald man erfuhr, daß wahrscheinlich ein neues Parlament einberufen werden würde, ein Meeting gehalten, in welchem beschlossen wurde, eine Deputation mit einer Einladung an zwei Commissare des Schatzes, Karl Montague und Sir Stephan Fox, abzusenden. Sir Walter Clarges repräsentirte das toryistische Interesse. An dem Tage des Vorschlags der Candidaten zogen nahe an fünftausend Wähler zu Pferde durch die Straßen. Sie waren in drei Abtheilungen getheilt, und an der Spitze jeder Abtheilung ritt einer der Candidaten. Es war leicht, auf den ersten Blick die comparative Stärke der Parteien zu schätzen, denn die Cavalcade, welche Clarges folgte, war die mindest zahlreiche von den dreien, und man wußte sehr wohl, daß die Anhänger Montague’s für Fox und die Anhänger Fox’ für Montague stimmen würden. Die Geschäfte des Tages wurden durch lautes Geschrei gestört. Die Whigs schmähten den jakobitischen Candidaten, der es dahin bringen wolle, daß die Engländer in die Messe gingen, Frösche äßen und Holzschuhe trügen. Die Tories schimpften auf die beiden Staatsbeamten, welche mit der geraubten Habe der armen überlasteten Nation Schätze aufhäuften. Von Worten gingen die erbitterten Parteien zu Thätlichkeiten über und es entstand ein Tumult, der nicht ohne Mühe gedämpft werden konnte. Der Oberbailiff ging dann um die drei Reiterschaaren herum und erklärte nach flüchtiger Ueberzählung derselben, daß Montague und Fox ordnungsgemäß gewählt seien. Es wurde eine genaue Stimmenzählung verlangt. Die Tories boten alles Mögliche auf; weder Geld noch Tinte wurden gespart. Clarges gab in wenigen Stunden zweitausend Pfund aus, eine bedeutende Summe zu einer Zeit, wo das durchschnittliche Einkommen eines Parlamentsmitgliedes auf nicht mehr als achthundert Pfund jährlich geschätzt wurde. Im Laufe der auf die Proklamirung der Candidaten folgenden Nacht wurden Flugblätter voll Schmähungen gegen die beiden höfischen Emporkömmlinge, die sich durch Schurkerei aus Armuth und Dunkelheit zu Reichthum und Macht erhoben hätten, durch die ganze Hauptstadt verstreut. Der Bischof von London warb offen Stimmen gegen die Regierung, denn die Einmischung von Peers in die Wahlen war noch nicht von den Gemeinen für eine Privilegiumsverletzung erklärt worden. Doch es war Alles umsonst. Clarges stand am Ende der Stimmliste, ohne Aussicht sich zu erheben. Er zog sich zurück und Montague wurde auf den Schultern einer ungeheuren Menge von der Westminsterabtei nach seinem Amtsbureau in Whitehall getragen.[65]
Die nämliche Gesinnung trat an vielen anderen Orten zu Tage. Die Freisassen von Cumberland wiesen ihre Vertreter an, den König zu unterstützen und jede zur Fortsetzung des Kriegs für nöthig erachtete Summe zu bewilligen, und diesem Beispiele folgten noch mehrere andere Grafschaften und Städte.[66] Russell kam erst in England an, als die Ausschreiben erlassen waren. Aber er brauchte nur zu wählen, für welchen Ort er im Parlamente sitzen wollte. Seine Popularität war enorm, denn seine Schurkereien waren unbekannt, während seine dem Staate geleisteten Dienste allgemein bekannt waren. Er hatte die Schlacht von La Hogue gewonnen. Er hatte zwei Jahre im mittelländischen Meere commandirt. Er hatte daselbst die französischen Flotten in den Hafen von Toulon eingeschlossen und hatte die französischen Armeen in Catalonien aufgehalten und zurückgetrieben. Er hatte viele Schiffe, darunter zwei Linienschiffe genommen und hatte während seines langen Aufenthalts in einem entfernten Meere weder durch Krieg noch durch Unwetter ein einziges Fahrzeug verloren. Er hatte das rothe St. Georgskreuz zu einem Gegenstande des Schreckens für alle Fürsten und Republiken Italien’s gemacht. Das Resultat seiner Erfolge war, daß Gesandtschaften aus Florenz, Genua und Venedig unterwegs waren, um Wilhelm nachträglich zu seiner Thronbesteigung Glück zu wünschen. Russell’s Verdienste, von den Whigs geschickt vergrößert, machten einen solchen Eindruck, daß er nicht allein von Portsmouth, wo seine amtliche Stellung ihm einen großen Einfluß verlieh, und von Cambridgeshire, wo er bedeutende Privatbesitzungen hatte, sondern auch von Middlesex ins Parlament gewählt wurde. Diese letztere Auszeichnung verdankte er allerdings hauptsächlich seinem Namen. Vor seiner Ankunft in England hatte man allgemein geglaubt, daß für die hauptstädtische Grafschaft zwei Tories gewählt werden würden. Somers und Shrewsbury waren der Meinung, daß diesem Unglück auf keinem andren Wege vorzubeugen sei, als indem man den Namen des tugendhaftesten aller Märtyrer der englischen Freiheit heraufbeschwöre. Sie baten Lady Russell, es zu gestatten, daß ihr ältester Sohn, ein fünfzehnjähriger Knabe, der eben seine Studien in Cambridge beginnen sollte, auf die Candidatenliste gesetzt werde. Er müsse, sagten sie, seinen neuen Titel Marquis von Tavistock auf einen Tag ablegen und sich Lord Russell nennen. Es würden keine Kosten erwachsen und kein Kampf stattfinden. Tausende von berittenen Gentlemen würden ihn zu den Wahlbühnen geleiten, Niemand würde es wagen gegen ihn aufzutreten, und er würde nicht nur selbst gewählt werden, sondern auch noch einen andren Whig ins Parlament bringen. Die verwittwete Mutter weigerte sich in einem mit ihrer ganzen vortrefflichen Einsicht und Gesinnung geschriebenen Briefe, ihren Sohn ihrer Partei zu opfern. Seine Erziehung, sagte sie, würde dadurch unterbrochen werden, der Kopf würde ihm schwindeln, sein Sieg würde ihm zum Verderben gereichen. Gerade in diesem Augenblicke kam der Admiral an. Er erschien vor den auf der Höhe von Hampstead Hill versammelten Wählern von Middlesex und wurde ohne Opposition gewählt.[67]
Gleichzeitig erhielten mehrere angesehene Mißvergnügte Beweise des öffentlichen Mißfallens. Johann Knight, der factiöseste und übermüthigste von denjenigen Jakobiten, welche ehrloserweise dem Könige Wilhelm Treue geschworen hatten, um sich für den Sitz im Parlamente zu qualificiren, hörte auf, die große Stadt Bristol zu vertreten. Exeter, die Hauptstadt des Westens, war in heftiger Aufregung. Man hatte lange geglaubt, daß die Befähigung, die Beredtsamkeit, die Erfahrung, das große Vermögen und die vornehme Abkunft Seymour’s es unmöglich machen würden, ihn zu verdrängen. Aber sein moralischer Ruf, der nie weit her gewesen, war während der letzten drei oder vier Jahre immer tiefer und tiefer gesunken. Er war ein giftiges Mitglied der Opposition gewesen, Bis er eine Stelle erlangt hatte. So lange er diese bekleidete, hatte er auch die unpopulärsten Maßregeln der Regierung vertheidigt, und sobald er aus dem Amte getreten war, war er wieder ein giftiger Opponent geworden. Sein Salpetercontract hatte einen tiefen Flecken auf seiner persönlichen Ehre zurückgelassen. Es wurden ihm daher zwei Candidaten gegenübergestellt und ein Wahlkampf, der längste und heftigste jener Zeit, fesselte die Aufmerksamkeit des ganzen Königreichs und wurde selbst von auswärtigen Regierungen mit Spannung beobachtet. Die Stimmenliste war fünf Wochen geöffnet. Die Geldausgaben waren auf beiden Seiten enorm. Die Wahlmänner von Exeter, welche, so lange die Wahl dauerte, herrlich und in Freuden lebten, sehnten sich durchaus nicht nach baldiger Beendigung ihres luxuriösen Carnevals. Sie aßen und tranken nach Herzenslust; sie zogen jeden Abend mit tüchtigen Knitteln aus, um für Mutter Kirche, oder für König Wilhelm zu streiten; aber die Stimmen fanden sich nur sehr langsam ein. Erst am Vorabend des Zusammentritts der Parlamentshäuser kam die Wahl zu Stande. Seymour war zu seinem großen Aerger geschlagen und mußte zu dem kleinen Wahlflecken Totneß seine Zuflucht nehmen.[68]
Es ist auffallend, daß Johann Hampden auch bei dieser Wahl, wie bei der vorhergehenden, keinen Sitz erlangte. Seitdem er nicht mehr Parlamentsmitglied war, hatte er über seinen Unstern und seine unauslöschliche Schande gebrütet und gelegentlich seinem Unmuth in bitteren Pamphlets gegen die Regierung Luft gemacht. Als die Whigs am Hofe und im Parlamente zur Herrschaft gelangt waren, als Nottingham zurückgetreten und Caermarthen in Anklagestand versetzt worden war, faßte Hampden, wie es scheint, wieder Hoffnung, noch eine große Rolle im öffentlichen Leben spielen zu können. Aber den Führern seiner Partei war offenbar an einem Bundesgenossen von so hämischem und unruhigem Geiste nichts gelegen. Daher sah er sich immer vom Hause der Gemeinen ausgeschlossen. Er führte seit einigen Monaten ein trauriges Leben, indem er seine Sorgen bald unter den eleganten Spielern und den zarten Schönheiten, welche die Gesellschaftszimmer der Herzogin von Mazarine füllten, zu vergessen suchte, bald in religiöse Schwermuth versank. Der Gedanke an einen Selbstmord stieg oft in ihm auf. Nicht lange, so kam die Vertretung von Buckinghamshire zur Erledigung, der Grafschaft, die ihn und seine Vorfahren zu wiederholten Malen ins Parlament geschickt hatte, und er hoffte, daß er mit Hülfe Wharton’s, der über die Whigs von Buckinghamshire eine unumschränkte Herrschaft ausübte, ohne Schwierigkeit gewählt werden würde. Aber Wharton verwendete seinen Einfluß zu Gunsten eines andren Candidaten. Dies war ein vernichtender Schlag. Die Stadt wurde durch die Nachricht in Aufregung versetzt, daß Johann Hampden sich die Kehle durchschnitten, daß er noch einige Stunden gelebt, daß er tiefe Reue über seine Sünden an den Tag gelegt, Burnet’s geistlichen Beistand erbeten und der Herzogin von Mazarine eine feierliche Warnung zugesandt habe. Eine Coronersjury erklärte ihn für wahnsinnig. Der Unglückliche war mit den schönsten Aussichten ins Leben getreten. Er trug einen Namen, der mehr als adelig war. Er war der Erbe eines großen Vermögens und eines noch weit kostbareren Gutes: des Vertrauens und der Zuneigung von Hunderttausenden seiner Landsleute. Seine natürlichen Anlagen waren bedeutend und sie waren sorgfältig ausgebildet worden. Leider trieben Ehrgeiz und Parteigeist ihn an, sich in eine Lage voll Gefahren zu versetzen. Diesen Gefahren erwies seine Characterstärke sich nicht gewachsen. Er erniedrigte sich zu Bitten, die ihn zwar retteten, aber auch entehrten. Von diesem Augenblicke an kannte er keinen Seelenfrieden mehr. Seine Stimmung wurde verbittert und durch seine Stimmung wurde sein Verstand zerrüttet. Er suchte in Andachtsübungen und in Racheplänen, in fashionablen Vergnügungen und in politischen Bewegungen Erleichterung zu finden. Aber der schwarze Schatten wich nie wieder aus seinem Geiste, bis endlich im zwölften Jahre seiner Demüthigung ein trauriger Tod seinem traurigen Leben ein Ziel setzte.[69]
Das Ergebniß der allgemeinen Wahl bewies, daß Wilhelm einen günstigen Augenblick zur Auflösung gewählt hatte. Die Zahl der neuen Abgeordneten betrug ungefähr hundertsechzig und die meisten waren als der Regierung entschieden zugethan bekannt.[70]
[_Beunruhigender Zustand der Geldverhältnisse._] Es war von der höchsten Wichtigkeit, daß das Haus der Gemeinen in jenem Augenblicke geneigt war, in aufrichtigem Einklang mit dem Könige zu handeln. Denn es war durchaus nothwendig, ein Heilmittel gegen ein inneres Uebel anzuwenden, das allmälig eine furchtbare Ausdehnung erlangt hatte. Das Silbergeld, welches damals die feste Münzwährung des Landes bildete, befand sich in einem Zustande, der selbst die kühnsten und aufgeklärtesten Staatsmänner erschreckte.[71]
Bis zur Regierung Karl’s II. waren unsere Münzen vermittelst eines Verfahrens geschlagen worden, das noch aus dem 13. Jahrhunderte stammte. Eduard I. hatte geschickte Künstler aus Florenz kommen lassen, das zu seiner Zeit London gegenüber das war, was zur Zeit Wilhelm’s III. London Moskau gegenüber war. Die Instrumente, welche damals in unsrer Münze eingeführt worden waren, blieben, mit unbedeutenden Abänderungen, noch mehrere Generationen hindurch in Gebrauch. Das Metall wurde mit der Scheere zerschnitten und dann geformt und mit dem Hammer geprägt. Bei diesen Operationen war der Hand und dem Auge des Arbeiters viel überlassen. Es kam ganz natürlich vor, daß manche Stücke etwas mehr, andere etwas weniger als die gehörige Quantität Silber enthielten; nur selten waren sie vollkommen rund; und die Ränder waren nicht markirt. Man kam daher mit der Zeit dahinter, daß das Beschneiden des Geldes eine der leichtesten und einträglichsten Arten des Betrugs war. Unter der Regierung Elisabeth’s war es für nöthig erachtet worden zu verordnen, daß die Geldbeschneider, wie dies bei den Falschmünzern schon längst der Fall war, den auf den Hochverrath gesetzten Strafen unterworfen sein sollten.[72] Doch das Geldbeschneiden war ein zu einträgliches Geschäft, als daß es durch solche Maßregeln hätte verhindert werden können, und um die Zeit der Restauration begannen die Leute gewahr zu werden, daß ein großer Theil der coursirenden Kronen, halben Kronen und Schillinge eine kleine Verstümmelung erfahren hatten.
Die damalige Zeit war fruchtbar an Versuchen und Erfindungen in allen Zweigen der Wissenschaft. Es wurde eine große Verbesserung im Formen und Prägen der Münzen vorgeschlagen und im Tower von London ein Prägewerk aufgestellt, das in großem Umfange die menschliche Hand ersetzte. Dieses Werk wurde durch Pferde getrieben und würde von den Mechanikern unsrer Zeit wahrscheinlich eine rohe und schwache Maschine genannt werden. Die Münzen, die es lieferte, gehörten jedoch zu den besten in Europa. Sie waren nicht leicht nachzumachen, und da sie vollkommen rund und auf dem Rande mit einer Umschrift versehen waren, so war auch kein Beschneiden zu fürchten.[73]
Die gehämmerten Münzen und die geprägten Münzen coursirten nun zusammen, und sie wurden bei öffentlichen und folglich auch bei Privatzahlungen, ohne Unterschied genommen. Die damaligen Finanzmänner scheinen erwartet zu haben, daß das neue Geld, welches vortrefflich war, das alte schlechte bald verdrängen werde. Jeder Mensch mit gesundem Verstande hätte jedoch einsehen müssen, daß, wenn der Staat vollwichtige Münzen und zu leichte Münzen als gleich im Werthe behandelt, nicht die vollwichtigen Münzen die zu leichten aus dem Verkehr verdrängen werden, sondern ihrerseits verdrängt werden müssen. Eine beschnittene Krone galt auf englischem Gebiet bei Bezahlung einer Steuer oder einer Schuld ebensoviel als eine geprägte Krone. Sobald aber die geprägte Krone in den Schmelztiegel geworfen oder über den Kanal gebracht war, wurde sie viel werthvoller als eine beschnittene Krone. Man hätte daher so zuversichtlich voraussagen können, wie nur irgend etwas sich voraussagen läßt, was von menschlichem Willen abhängt, daß die geringeren Geldstücke auf dem einzigen Markte bleiben würden, auf dem sie den nämlichen Preis erlangen konnten wie die besseren Stücke, und daß die besseren eine Form annehmen oder an einen Ort eilen würden, wo aus ihrem höheren Werthe ein Gewinn zu ziehen war.[74]
Die Staatsmänner der damaligen Zeit übersahen jedoch in der Regel diese sehr naheliegenden Betrachtungen. Sie waren höchst erstaunt darüber, daß Jedermann so verkehrt sein sollte, sich lieber leichten Geldes als guten Geldes zu bedienen. Mit anderen Worten, sie wunderten sich, daß Niemand Lust hatte, zwölf Unzen Silber zu bezahlen, wenn zehn es auch thaten. Das Pferd im Tower ging noch immer im Kreise herum. Frische Wagenladungen guten Geldes gingen noch immer aus dem Prägewerke hervor und verschwanden noch immer eben so schnell als sie zum Vorschein kamen. Große Massen wurden eingeschmolzen, große Massen ausgeführt, große Massen zurückgelegt; aber kaum ein einziges neues Geldstück war in der Kasse eines Kaufladens oder in dem ledernen Beutel zu finden, den der Landwirth vom Viehmarkte mit nach Hause nahm. Bei den Einnahmen und Ausgaben der Schatzkammer überstieg der Betrag des geprägten Geldes nicht zehn Schilling auf hundert Pfund. Ein damaliger Schriftsteller erzählt einen Fall, wo ein Kaufmann in einer Summe von fünfunddreißig Pfund nur eine einzige halbe Krone geprägten Silbers empfing. Mittlerweile waren die Scheeren der Kipper in fortwährender Thätigkeit. Auch die Falschmünzer vermehrten sich und machten gute Geschäfte, denn je schlechter das Courantgeld wurde, um so leichter war es nachzumachen. Seit mehr als dreißig Jahren war dieses Uebel in stetem Wachsen begriffen. Anfangs hatte man es nicht beachtet; aber es war nach und nach ein unerträglicher Fluch für das Land geworden. Umsonst wurden die strengen Gesetze gegen Falschmünzer und Kipper mit Strenge gehandhabt. Bei jeder Session der Old Bailey wurden furchtbare Exempel statuirt. Schleifen mit vier, fünf, sechs Elenden, welche überführt waren, die Reichsmünzen nachgemacht oder verstümmelt zu haben, wurden jeden Monat Holborn Hill hinaufgezogen. An einem einzigen Morgen wurden sieben Männer und eine Frau wegen Geldbeschneidens verbrannt. Aber Alles war vergebens. Der Gewinn war so bedeutend, daß er gesetzlosen Menschen die Gefahr mehr als aufzuwiegen schien. Einige Kipper sollten großes Vermögen erworben haben. Einer insbesondere bot sechstausend Pfund für seine Begnadigung. Die Bestechungssumme wurde zwar nicht angenommen; aber der Ruf von seinem Reichthume verminderte sehr stark den Eindruck, den man durch das Schauspiel seiner Hinrichtung hervorzubringen bezweckte.[75] Ja die Härte der Strafen ermuthigte sogar zu dem Verbrechen. Denn so schädlich das Beschneiden war, erweckte es doch bei dem großen Haufen nicht einen solchen Abscheu, wie Mord, Brandstiftung, Raub, und selbst Diebstahl. Der Nachtheil, den die Gesammtheit der Kipper der ganzen Gesellschaft zufügte, war allerdings enorm; aber jeder einzelne Act des Beschneidens war eine Kleinigkeit. Eine halbe Krone auszugeben, nachdem man für einen Penny Silber davon abgeschnitten, erschien als ein geringfügiges, fast unmerkliches Vergehen. Selbst als die Nation am lautesten unter der Noth seufzte, welche der Zustand der Valuta erzeugte, hatte jeder Einzelne, der mit dem Tode bestraft wurde, weil er dazu beigetragen, die Valuta in diesen Zustand zu bringen, die allgemeine Theilnahme auf seiner Seite. Die Constabler wollten die Schuldigen nicht verhaften. Die Richter wollten sie nicht einsperren lassen. Die Zeugen wollten nicht die ganze Wahrheit sagen. Die Geschwornen wollten das Wort Schuldig nicht aussprechen. Umsonst sagte man dem Volke, daß die Verstümmler der Münzen weit mehr Unheil anrichteten als alle Straßenräuber und Diebe auf der ganzen Insel. Denn so groß auch die Gesammtmasse des Uebels war, auf den einzelnen Uebelthäter kam nur ein unendlich kleiner Theil dieses Uebels. Man hatte sich daher allgemein verschworen, den ordentlichen Gang des Gesetzes zu hemmen. So zahlreich auch die Verurtheilungen scheinen mochten, ihre Zahl war nur gering im Vergleich zu den Vergehen, und die verurtheilten Uebelthäter betrachteten sich als Gemordete und waren der festen Ueberzeugung, daß ihr Verbrechen, wenn es überhaupt ein Verbrechen war, eben so verzeihlich sei wie das eines Schulknaben, der sich im Garten des Nachbars einige Nüsse holt. Die ganze Beredtsamkeit des Gefängnißgeistlichen konnte sie nur selten dahin bringen, sich dem heilsamen Gebrauche anzubequemen, in ihren letzten Augenblicken die Größe ihrer Ruchlosigkeit anzuerkennen.[76]