Part 3
Leeds hatte viele Freunde und Anhänger im Hause der Gemeinen, aber sie konnten wenig sagen. Wharton’s Antrag wurde ohne Abstimmung angenommen und er selbst beauftragt, an die Schranke der Lords zu gehen und dort den Herzog im Namen der Gemeinen England’s anzuklagen. Noch ehe er aber diesen Auftrag ausführen konnte, wurde gemeldet, daß Se. Gnaden an der Thür sei und um Gehör bitten lasse.
Während Wharton bei den Gemeinen seinen Bericht erstattete, hatte Leeds eine Ansprache an die Lords gehalten. Er leugnete unter den feierlichsten Versicherungen, daß er jemals Geld für sich angenommen habe. Dagegen aber gestand er zu und rühmte sich dessen sogar, daß er Bates dazu aufgemuntert habe, von der Compagnie Geld zu nehmen, und er schien der Meinung, daß dies ein Dienst sei, den der Freund eines am Staatsruder stehenden Mannes billigerweise von diesem erwarten könne. Nur zu Viele machten damals in der That einen höchst albernen und verderblichen Unterschied zwischen einem Minister, der seinen Einfluß benutzte, um sich selbst Geschenke zu verschaffen, und einem Minister, der seinen Einfluß benutzte, um für seine Anhänger Geschenke zu erlangen. Jener war schlecht, dieser nur gutherzig. Leeds erzählte hierauf mit großer Selbstgefälligkeit eine Geschichte von sich, die in unseren Zeiten einen Staatsdiener nicht nur aus dem Amte, sondern aus jeder anständigen Gesellschaft vertreiben würde. „Als ich zu König Karl’s Zeiten Schatzmeister war, Mylords, sollte die Accise verpachtet werden. Es waren mehrere Bewerber da. Harry Savile, den ich sehr hoch schätzte, theilte mir mit, daß sie ihn um seine Fürsprache bei mir ersucht hätten, und bat mich ihnen zu sagen, er habe sein Möglichstes für sie gethan. „Wie?” entgegnete ich, „das soll ich ihnen Allen sagen, während doch nur Einer den Pacht haben kann?” -- „Thut nichts,” versetzte Harry, „sagen Sie es nur Allen; Der, welcher den Pacht bekommt, wird dann glauben, daß er ihn mir verdankt.” Die Herren kamen und ich sagte jedem von ihnen besonders: „Sie sind Mr. Savile sehr zu Dank verpflichtet, Sir;” oder: „Mr. Savile hat Ihnen einen großen Freundschaftsdienst erzeigt, Sir.” Schließlich erhielt Savile ein anständiges Präsent, und ich gratulirte ihm dazu. Ich war damals sein Schatten. Jetzt bin ich Mr. Bates’ Schatten.”
Der Herzog hatte diese Anekdote, die ein so grelles Licht auf den damaligen Zustand der politischen Moralität wirft, kaum erzählt, als ihm unter der Hand mitgetheilt wurde, daß im Hause der Gemeinen der Antrag gestellt worden sei, ihn in Anklagestand zu versetzen. Er eilte dahin, aber noch ehe er ankam, war die Frage bereits gestellt und angenommen. Dessenungeachtet drang er auf Einlaß, und er wurde eingelassen. Nach altem Brauche wurde innerhalb der Schranke ein Stuhl für ihn hingestellt und ihm angezeigt, daß das Haus bereit sei ihn anzuhören.
Er sprach, aber mit weniger Takt und Einsicht als gewöhnlich. Er pries seine eigenen dem Staate geleisteten Dienste. Ohne ihn, sagte er, würde es kein Haus der Gemeinen gegeben haben, das ihn hätte anklagen können, eine Prahlerei, die so überspannt war, daß seinen Zuhörern nothwendig die Lust vergehen mußte, ihm dasjenige Lob zuzugestehen, das sein Verhalten zur Zeit der Revolution wirklich verdiente. Ueber die gegen ihn erhobene Anklage sagte er nicht viel mehr als daß er unschuldig sei, daß man schon längst mit dem böswilligen Plane umgehe, ihn ins Verderben zu stürzen, daß er nicht auf Einzelnheiten eingehen wolle, daß die Facta, welche bewiesen worden seien, zweierlei Deutungen zuließen, und daß von diesen beiden Deutungen billigerweise die günstigere angenommen werden müsse. Er entfernte sich, nachdem er das Haus gebeten hatte, den eben gefaßten Beschluß noch einmal zu erwägen, oder, wenn dies nicht sein könne, ihm wenigstens bald Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Seine Freunde fühlten wohl, daß seine Rede keine Vertheidigung war, und sie versuchten es daher auch gar nicht, den Beschluß rückgängig zu machen, der unmittelbar vor seiner Anhörung gefaßt worden war. Wharton begab sich in zahlreicher Begleitung zu den Lords und zeigte ihnen an, daß die Gemeinen beschlossen hätten, den Herzog in Anklagestand zu versetzen. Es wurde ein Ausschuß ernannt, um die Artikel aufzusetzen und die Beweise vorzubereiten.[26]
Die Anklageartikel waren bald aufgesetzt, aber in der Beweiskette fehlte ein Glied. Dieses Glied konnte aller Wahrscheinlichkeit noch Robart liefern, wenn er streng verhört und mit anderen Zeugen confrontirt wurde. Die Gemeinen erließen eine Vorladung an ihn. Ein Bote begab sich damit nach der Wohnung des Herzogs von Leeds und erhielt dort den Bescheid, daß der Schweizer schon seit drei Tagen abwesend sei und daß der Portier nicht sagen könne, wo er sich aufhalte. Die Lords richteten unverzüglich eine Adresse an den König, worin sie ihn ersuchten, Befehl zu geben, daß die Häfen gesperrt und der Flüchtling festgenommen werde. Aber Robart war schon in Holland auf dem Wege nach seinen heimischen Bergen.
Die Flucht dieses Mannes machte es den Gemeinen unmöglich, die Sache weiter zu verfolgen. Sie beschuldigten Leeds mit Heftigkeit, daß er den Zeugen entfernt habe, der allein den juristischen Beweis für Thatsachen liefern konnte, welche durch moralische Beweise bereits festgestellt waren. Leeds, der jetzt wegen des Ausgangs der Anklage beruhigt war, gab sich das Ansehen eines schwer Beleidigten. „Mylords,” sagte er, „das Verfahren der Gemeinen ist beispiellos. Sie beschuldigen mich eines schweren Verbrechens, sie versprechen es zu beweisen; dann finden sie, daß sie nicht die Mittel haben es zu beweisen, und sie machen mir Vorwürfe, daß ich ihnen diese Mittel nicht liefere. Sie hätten gewiß eine solche Anklage nicht erheben sollen, ohne wohl zu überlegen, ob sie auch genügende Beweise hatten, um sie aufrecht zu erhalten, oder nicht. Wenn Robart’s Zeugniß, wie sie jetzt sagen, unerläßlich ist, warum ließen sie ihn nicht kommen und ihn seine Geschichte erzählen, ehe sie sich zur Anklage entschlossen? Sein Verschwinden haben sie ihrer eignen Maßlosigkeit, ihrer eignen Uebereilung zuzuschreiben. Er ist ein Ausländer, er ist ängstlich, er hört, daß ein Vorgang, bei dem er betheiligt gewesen, vom Hause der Gemeinen für höchst strafbar erklärt, daß sein Herr angeklagt, daß sein Freund Bates im Gefängniß sei und daß jetzt an ihn die Reihe kommen solle. Natürlich bekommt er Furcht, flüchtet sich in sein Vaterland, und so weit ich ihn kenne, möchte ich wohl behaupten, daß er sich sobald nicht wieder in den Bereich einer Vorladung des Sprechers wagen wird. Aber was geht das Alles mich an? Soll ich mein ganzes Leben lang das Brandmal einer solchen Beschuldigung mit mir herumtragen, lediglich deshalb, weil die Heftigkeit meiner Ankläger ihren Zeugen aus England getrieben hat? Ich verlange sofortige Prozessirung. Ich fordere Eure Lordschaften auf zu beschließen, daß die Anklage zurückgewiesen werden soll, wenn die Gemeinen dieselbe nicht vor dem Schlusse der Session anbringen.” Einige befreundete Stimmen riefen: „Gut beantragt!” Aber die Peers im allgemeinen waren nicht geneigt einen Schritt zu thun, der für das Unterhaus und die große Masse Derer, welche dieses Haus vertrat, im höchsten Grade beleidigend gewesen wäre. Der Antrag des Herzogs fiel durch und einige Stunden darauf wurde das Parlament prorogirt.[27]
[_Leeds’ Entlassung._] Die Anklage wurde nie wieder erneuert. Der Beweis, der eine formelle Schuldigerklärung begründet haben würde, konnte nicht beigebracht werden, und eine formelle Schuldigerklärung würde Wharton’s Zweck schwerlich besser entsprochen haben, als die unformelle Schuldigerklärung, welche die ganze Nation bereits ausgesprochen hatte. Das Werk war vollbracht, die Whigs hatten die Oberhand. Leeds war nicht mehr erster Minister, ja überhaupt gar nicht mehr Minister. Wilhelm vermied, wahrscheinlich aus Achtung für das Andenken der geliebten Frau, die er vor kurzem verloren und der Leeds eine besondere Zuneigung bewiesen hatte, Alles was wie Härte aussehen konnte. Der gestürzte Staatsmann durfte noch eine beträchtliche Zeit lang den Titel Lordpräsident beibehalten und bei öffentlichen Gelegenheiten zwischen dem Großen Siegel und dem Geheimsiegel gehen. Aber man gab ihm zu verstehen, daß er wohl thun würde, nicht mehr im Ministerium zu erscheinen; die Geschäfte und das Patronat selbst desjenigen Departements, dessen nominelles Oberhaupt er war, gingen in andere Hände über, und der Posten, den er zum Scheine noch bekleidete, wurde in den politischen Kreisen als thatsächlich erledigt betrachtet.[28]
Er eilte in die Provinz und verbarg sich dort einige Monate vor den Augen der Oeffentlichkeit. Als jedoch das Parlament wieder zusammentrat, kam er aus seinem Versteck hervor. Obwohl er in weit vorgerückten Jahren stand und von Krankheit gequält wurde, war sein Ehrgeiz doch noch so glühend als je. Mit rastloser Energie begann er zum dritten Male zu klimmen, um, wie er sich schmeichelte, die schwindelnde Höhe wieder zu erreichen, auf der er schon zweimal gestanden hatte und von der er schon zweimal herabgestürzt war. Er nahm lebhaft Theil an der Debatte; aber wenn auch seine Beredtsamkeit und seine Kenntnisse ihm jederzeit die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer sicherten, so wurde ihm doch nie wieder, selbst als die Torypartei am Ruder war, der kleinste Antheil an der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten bewilligt.
[_Lords Justices ernannt._] Eine große Demüthigung konnte ihm nicht erspart werden. Wilhelm stand auf dem Punkte, das Commando der Armee in den Niederlanden zu übernehmen, und bevor er absegelte, mußte er bestimmen, von wem die Regierung in seiner Abwesenheit verwaltet werden sollte. Bisher hatte Marie die Viceregentschaft geführt, wenn er außerhalb England’s war; aber sie war nicht mehr. Er übertrug daher seine Autorität sieben Lords Justices: Tenison, Erzbischof von Canterbury, Somers, Großsiegelbewahrer, Pembroke, Geheimsiegelbewahrer, Devonshire, Lord Obersthofmeister, Dorset, Lord Kammerherr, Shrewsbury, Staatssekretär, und Godolphin, erster Commissar des Schatzes. Es ist aus dieser Namenliste leicht zu ersehen, nach welcher Seite die Wagschale der Macht sich jetzt neigte. Unter den sieben war Godolphin der einzige Tory. Der Lordpräsident, unter den hohen Laienwürdenträgern des Reichs noch immer der Zweite im Range, war übergangen, und diese Auslassung wurde allgemein als eine officielle Ankündigung seiner Ungnade betrachtet.[29]
[_Aussöhnung zwischen Wilhelm und der Prinzessin Anna._] Manche wunderten sich, daß die Prinzessin von Dänemark nicht zur Viceregentin ernannt wurde. Die Aussöhnung, welche begonnen hatte, als Marie im Sterben lag, war seit ihrem Tode, wenigstens dem äußeren Scheine nach, vollendet worden. Dies war eine von denjenigen Gelegenheiten, bei denen Sunderland sich besonders nützlich machen konnte. Er eignete sich vortrefflich dazu, eine persönliche Unterhandlung zu leiten, Groll zu mildern, verletzten Stolz zu beschwichtigen, von allen Gegenständen des irdischen Verlangens den zu wählen, von dem sich am ehesten erwarten ließ, daß er das Gemüth, mit dem er es zu thun hatte, anziehen werde. Bei dieser Gelegenheit war seine Aufgabe nicht schwer, denn er hatte zwei treffliche Stützen: Marlborough im Hofstaate Anna’s, und Somers im Cabinet Wilhelm’s.
Marlborough wünschte jetzt eben so sehr die Regierung zu unterstützen, wie er einst gewünscht hatte, sie zu stürzen. Mariens Tod hatte eine vollständige Umwandlung in allen seinen Plänen hervorgebracht. Es gab ein Ereigniß, dem er mit dem sehnlichsten Verlangen entgegensah: die Erhebung der Prinzessin auf den englischen Thron. Es war gewiß, daß er von dem Tage an, wo sie zu regieren begann, an ihrem Hofe alles das wurde, was Buckingham am Hofe Jakob’s I. gewesen war. Marlborough muß sich überdies noch ganz andere Talente zugetraut haben als sie Buckingham besaß: ein Genie für die Politik, nicht geringer als das Richelieu’s, ein Genie für den Krieg, nicht geringer als das Turenne’s. Vielleicht sah der entlassene General in seiner Dunkelheit und Unthätigkeit noch eine Zeit kommen, wo seine Macht, in Europa zu nützen und zu schaden, der der mächtigsten europäischen Fürsten gleich sein würde, wo der Kaiser auf der einen und Ludwig der Große auf der andren Seite ihm kriechend schmeicheln und den Hof machen und wo er jedes Jahr das größte Vermögen, das irgend ein englischer Unterthan jemals aufgehäuft hatte, um neue hunderttausend Pfund vermehren würde. Dies Alles konnte geschehen, wenn Mrs. Morley Königin wurde. Aber daß Mr. Freeman jemals Mrs. Morley als Königin sehen würde, war bis vor kurzem nicht sehr wahrscheinlich gewesen. Maria versprach viel länger zu leben als er und mindestens eben so lange als ihre Schwester. Daß Wilhelm Nachkommen erhalten würde, stand nicht zu erwarten. Dagegen erwartete man allgemein, daß er bald sterben würde. Seine Wittwe konnte sich wieder vermählen und Kinder hinterlassen, die ihr auf dem Throne folgen würden. Unter diesen Umständen konnte Marlborough mit Recht denken, daß er sehr wenig Interesse an der Aufrechthaltung der von der Convention festgestellten Thronfolgeordnung habe. Nichts versprach seinem Zwecke besser zu dienen, als Verwirrung und Bürgerkrieg, als eine neue Revolution, eine neue Abdankung, eine neue Erledigung des Thrones. Es war möglich, daß die Nation, gegen Wilhelm erbittert, und doch nicht mit Jakob ausgesöhnt, zwischen dem Hasse gegen Ausländer und dem Hasse gegen Jesuiten schwankend, dem holländischen sowohl als dem papistischen Könige eine Prinzessin vorzog, die zugleich eine Tochter unsres Landes und ein Mitglied unsrer Kirche war. Daß dies die wirkliche Erklärung von Marlborough’s dunklen und verwickelten Complotten war, davon waren, wie wir gesehen haben, einige von den eifrigsten Jakobiten fest überzeugt, und es ist auch in hohem Grade wahrscheinlich. Es ist ausgemacht, daß er seit mehreren Jahren keine Mühe gespart hatte, um die Armee und die Nation gegen die Regierung aufzubringen. Doch jetzt war Alles anders. Marie war nicht mehr. Durch die Rechtsbill war die Krone nach dem Tode Wilhelm’s Anna gesichert, und Wilhelm’s Tod konnte nicht mehr fern sein. In der That, alle Aerzte, die ihn behandelten, wunderten sich, daß er noch lebte, und wenn man zu den Gefahren der Krankheit die Gefahren des Kriegs rechnete, hatte es alle Wahrscheinlichkeit für sich, daß er in wenigen Monaten im Grabe liegen werde. Marlborough sah ein, daß es jetzt Wahnsinn sein würde, Alles in Verwirrung zu bringen und Alles auf’s Spiel zu setzen. Er hatte sein Möglichstes gethan, den Thron zu erschüttern, so lange es nicht wahrscheinlich war, daß Anna ihn je anders würde besteigen können, als durch gewaltsame Mittel. Aber er that sein Möglichstes, ihn zu befestigen, sobald es wahrscheinlich wurde, daß sie bald nach dem regelmäßigen Laufe der Natur und des Gesetzes berufen werden würde, ihn einzunehmen.
Die Prinzessin wurde durch die Churchill leicht bewogen, ein unterwürfiges und herzliches Beileidsschreiben an den König zu richten. Der König, welcher niemals sonderlich geneigt war, sich in einen Austausch unaufrichtiger Complimente einzulassen, und der noch von der ersten Heftigkeit seines Schmerzes zu Boden gedrückt wurde, schien wenig Lust zu haben, ihrem Entgegenkommen zu entsprechen. Somers aber, welcher erkannte, daß Alles auf dem Spiele stand, ging nach Kensington und verschaffte sich Zutritt in das königliche Cabinet. Wilhelm saß darin, so tief in schwermüthige Gedanken versunken, daß er den Eintritt eines Besuchs gar nicht zu bemerken schien. Nach einer ehrerbietigen Pause brach der Lord Siegelbewahrer das Schweigen und beschwor Se. Majestät, gewiß mit all’ der vorsichtigen Delikatesse, die ihm eigen war und die ihn so vorzüglich befähigte, wunde Stellen des Gemüths zu berühren, ohne sie zu verletzen, sich mit der Prinzessin zu versöhnen. „Thun Sie was Sie wollen,” sagte Wilhelm, „ich kann an keine Geschäftsangelegenheit denken.” Auf diese Ermächtigung hin schlossen die Vermittler eiligst einen Vertrag.[30] Anna kam nach Kensington und wurde freundlich aufgenommen; sie erhielt eine Wohnung im St. Jamespalaste, bekam wieder eine Ehrenwache, und nach langer Unterbrechung zeigten die Nummern der Gazette wieder an, daß auswärtige Gesandte die Ehre gehabt hätten, ihr vorgestellt zu werden.[31] Auch die Churchill durften wieder unter dem königlichen Dache wohnen. Aber Wilhelm schloß sie zuerst nicht in die Aussöhnung ein, die er mit ihrer Gebieterin angebahnt hatte. Marlborough blieb von militärischen und politischen Aemtern ausgeschlossen, und nicht ohne Schwierigkeit erlangte er Zutritt in dem königlichen Zirkel zu Kensington und Erlaubniß, dem Könige die Hand zu küssen.[32] Das Gefühl, mit dem der König ihn betrachtete, erklärt es hinreichend, warum Anna nicht zur Regentin ernannt wurde. Die Regentschaft Anna’s würde die Regentschaft Marlborough’s gewesen sein, und es kann nicht Wunder nehmen, daß ein Mann, dem man kein Amt im Staate oder Heere zu übertragen für rathsam hielt, nicht mit der gesammten Verwaltung des Landes betraut wurde.
Wäre Marlborough stolzen und rachsüchtigen Charakters gewesen, so hätte er sich angereizt fühlen können, einen neuen Streit in der königlichen Familie zu entzünden und neue Cabalen in der Armee anzuzetteln; aber er hatte alle seine Leidenschaften, mit Ausnahme des Ehrgeizes und der Habsucht, streng in der Gewalt. Er kannte das Gefühl der Rache so wenig als das Gefühl der Dankbarkeit. Er hatte gegen die Regierung conspirirt, während sie ihn mit Gunstbezeigungen überhäufte. Jetzt unterstützte er sie, obgleich sie seine Unterstützung mit Schimpf vergalt. Er erkannte sein Interesse vollkommen, er beherrschte sein Temperament vollkommen, und so ertrug er mit Anstand die Unannehmlichkeiten seiner gegenwärtigen Lage und begnügte sich, den Eintritt eines Ereignisses zu erwarten, das ihn für einige Jahre der Geduld reichlich entschädigen konnte. Er hörte zwar nicht auf, mit dem Hofe von Saint-Germains zu correspondiren, aber die Correspondenz wurde nach und nach immer spärlicher und scheint seinerseits nur aus unbestimmten Versicherungen und leeren Entschuldigungen bestanden zu haben.
Das Ereigniß, das allen Aussichten Marlborough’s eine andre Gestalt gegeben, hatte die Gemüther heftigerer und starrsinnigerer Politiker mit hochfliegenden Hoffnungen und abscheulichen Plänen erfüllt.
[_Jakobitische Verschwörungen gegen Wilhelm’s Leben._] Während der ersten dritthalb Jahre nach Grandval’s Hinrichtung war kein ernstlicher Anschlag gegen das Leben Wilhelm’s geschmiedet worden. Einige hitzköpfige Mißvergnügte hatten wohl Pläne zu seiner Entführung und Ermordung gemacht; aber diese Pläne waren, so lange seine Gemahlin lebte, von deren Vater nicht begünstigt worden. Jakob hegte keine Bedenken und war auch, diese Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen, kein solcher Heuchler, daß er Bedenken dagegen hätte vorgeben sollen, seine Feinde durch Mittel aus dem Wege zu räumen, die er mit Recht für gemein und schändlich gehalten hatte, als sie von seinen Feinden gegen ihn angewendet wurden. Und wenn ja ein solches Bedenken in ihm aufgestiegen wäre, so fehlte es unter seinem Dache nicht an Casuisten, welche den Willen und die Fähigkeit hatten, sein Gewissen durch Sophismen zu beschwichtigen, wie sie die viel edleren Naturen eines Anton Babington und eines Eberhard Digby verdorben hatten. Die Rechtmäßigkeit des Meuchelmords, in Fällen wo Meuchelmord die Interessen der Kirche fördern konnte, in Zweifel ziehen, hieß die Autorität der berühmtesten Jesuiten, Bellarmine’s und Suarez’, Molina’s und Mariana’s bestreiten, ja sich gegen den Stuhl St. Peter’s selbst auflehnen. Ein Papst war zu Ehren des heimtückischen Gemetzels, in welchem Coligny umgekommen war, an der Spitze seiner Cardinäle in einer Prozession einhergeschritten, hatte ein Jubiläum proklamirt und die Kanonen von St. Angelo abfeuern lassen. Ein andrer Papst hatte in einer feierlichen Allocution die Ermordung Heinrich’s III. von Frankreich in hinreißender, der Ode des Propheten Habakuk entlehnten Sprache besungen und den Mörder über Pinehas und Judith erhoben.[33] Wilhelm wurde in Saint-Germains als ein Ungeheuer betrachtet, in Vergleich zu welchem Coligny und Heinrich III. Heilige waren. Gleichwohl weigerte sich Jakob einige Jahre lang, irgend ein Attentat gegen die Person seines Neffen zu sanctioniren. Die Gründe, die er für seine Weigerung anführte, sind so wie er sie eigenhändig niederschrieb, auf uns gekommen. Er heuchelte nicht den Glauben, daß Meuchelmord eine Sünde sei, die ein Christ verabscheuen müsse, oder eine Schurkerei, die eines Gentleman unwürdig sei, sondern er sagte bloß, daß die Schwierigkeiten groß seien und daß er seine Freunde nicht drängen wolle, sich einer großen Gefahr auszusetzen, da es nicht in seiner Macht stehe, sie wirksam zu unterstützen.[34] So lange Marie lebte, war es allerdings sehr zweifelhaft, ob die Ermordung ihres Gemahls der jakobitischen Sache wirklich nützen werde. Durch seinen Tod hätte die Regierung die aus seinen eminenten persönlichen Eigenschaften hervorgehende Kraft verloren, wäre aber zugleich auch von der Last seiner persönlichen Unpopularität befreit worden. Seine ganze Macht wäre mit einemmal auf seine Wittwe übergegangen, und die Nation würde sich wahrscheinlich mit Begeisterung um sie geschaart haben. Waren ihre politischen Fähigkeiten auch den seinigen nicht gleich, so besaß sie dagegen nicht sein abstoßendes Wesen, seinen fremden Accent und seine Parteilichkeit für alles Holländische und alles Calvinistische. Viele, die sie eines strafwürdigen Mangels an kindlicher Pietät beschuldigten, würden der Meinung gewesen sein, daß sie jetzt gewiß aller Pflichten gegen einen Vater entbunden sei, der sich mit dem Blute ihres Gatten befleckt habe. Die ganze Regierungsmaschine wäre ohne die Unterbrechung, welche gewöhnlich auf die Niederlegung der Krone folgte, in regelmäßigem Gange geblieben. Es hätte keine Auflösung des Parlaments, keine Suspension der Zölle und Accisen stattgefunden; alle Ernennungen hätten ihre Gültigkeit behalten, und Jakob hätte durch den Sturz seines Feindes nichts gewonnen als eine unfruchtbare Rache.
Der Tod der Königin änderte Alles. Wenn jetzt ein Dolch oder eine Kugel Wilhelm’s Herz traf, so war es wahrscheinlich, daß sofort allgemeine Anarchie eintrat. Das Parlament und der Geheimrath hörten auf zu existiren. Die Autorität der Minister und Richter erlosch mit Dem, von dem sie ausging. Es war nicht unwahrscheinlich, daß in einem solchen Augenblicke sich ohne Schwertstreich eine Restauration bewerkstelligen lassen würde.
[_Charnock._] Marie war daher kaum in die Gruft gesenkt, so begannen unruhige und gewissenlose Menschen ernstlich gegen das Leben Wilhelm’s zu conspiriren. Unter diesen Männern stand Charnock in Talenten, Muth und Energie obenan. Er hatte eine liberale Erziehung genossen und war unter der vorigen Regierung Fellow des Magdalenencollegiums zu Oxford gewesen. Er allein in dieser großen Gesellschaft hatte das gemeinsame Interesse verrathen, hatte sich zum Werkzeuge der Hohen Commission hergegeben, war öffentlich von der englischen Kirche abgefallen, und hatte zu der Zeit, wo sein Collegium ein papistisches Seminar war, das Amt des Vicepräsidenten bekleidet. Die Revolution kam und gab dem ganzen Laufe seines Lebens sofort eine andre Richtung. Aus dem stillen Kreuzgange und dem alten Eichenhaine am Ufer des Cherwell vertrieben, besuchte er Orte ganz andrer Art. Mehrere Jahre führte er das gefahrvolle und bewegte Leben eines Verschwörers, reiste mit geheimen Aufträgen zwischen England und Frankreich hin und her, wechselte öfters seine Wohnung in London und war in verschiedenen Kaffeehäusern unter verschiedenen Namen bekannt. Seine Dienste waren mit einem von dem verbannten Könige unterzeichneten Hauptmannspatent belohnt worden.