Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Elfter Band: enthaltend Kapitel 21 und 22.

Part 25

Chapter 253,361 wordsPublic domain

[_Zusammenkünfte Portland’s mit Boufflers._] Gegen Ende Juni ließ Portland Boufflers freundlich um eine halbstündige Unterredung bitten. Boufflers schickte sogleich einen Expressen an Ludwig und erhielt in der kürzesten Zeit, die ein Courier brauchte, um nach Versailles und wieder zurück zu eilen, Antwort. Ludwig befahl dem Marschall, Portland’s Wunsch zu erfüllen, so wenig als möglich zu sagen, und so viel als möglich zu erfahren.[115]

Am 28. Juni nach altem Style, fand in der Nähe von Hal, einer ungefähr zehn Meilen von Brüssel auf der Straße nach Mons liegenden Stadt die erste Zusammenkunft statt. Nachdem die ersten Begrüßungen gewechselt waren, stiegen Boufflers und Portland ab, ihre Begleiter zogen sich zurück und die beiden Unterhändler blieben in einem Garten allein. Hier gingen sie zwei Stunden lang auf und ab und erledigten in dieser kurzen Zeit mehr als die Bevollmächtigten in Ryswick in eben so vielen Monaten zu erledigen vermochten.[116]

Bis dahin hatte die französische Regierung den zwar natürlichen, aber durchaus irrigen Verdacht gehegt, daß Wilhelm den Krieg in die Länge ziehen wolle, daß er sich nur deshalb dazu verstanden habe zu unterhandeln, weil er es nicht wagen dürfe, sich der öffentlichen Meinung England’s und Holland’s zu widersetzen, daß er aber das Scheitern der Unterhandlungen wünsche, und daß das eigensinnige Verhalten des Hauses Oesterreich und die Schwierigkeiten, die in Ryswick entstanden waren, hauptsächlich seinen Machinationen zuzuschreiben seien. Dieser Verdacht war jetzt beseitigt. Kalte und ernste, aber achtungsvolle Artigkeiten wurden zwischen den beiden großen Fürsten gewechselt, deren Feindschaft Europa seit einem Vierteljahrhundert in beständiger Aufregung erhielt. Die Unterhandlungen zwischen Boufflers und Portland schritten so rasch vorwärts als die Nothwendigkeit häufiger Referate nach Versailles es gestattete. Ihre fünf ersten Conferenzen wurden unter freiem Himmel gehalten; bei der sechsten aber zogen sie sich in ein kleines Haus zurück, in welches Portland Tische und Schreibmaterialien hatte bringen lassen, und hier wurde das Ergebniß ihrer Arbeiten zu Papier gebracht.

Die zu erledigenden Hauptpunkte waren vier an der Zahl. Wilhelm hatte zuerst zwei Zugeständnisse von Ludwig verlangt, und Ludwig hatte zwei Zugeständnisse von Wilhelm verlangt.

Wilhelm’s erste Forderung war, daß Frankreich sich verpflichten sollte, keinem Versuche, den Jakob oder seine Anhänger machen könnten, um die bestehende Ordnung der Dinge in England zu stören, direct oder indirect Beistand oder Vorschub zu leisten.

Wilhelm’s zweite Forderung war, daß Jakob nicht mehr gestattet sein sollte, an einem England so gefährlich nahen Orte wie Saint-Germains zu wohnen.

Auf die erste dieser Forderungen entgegnete Ludwig, daß er vollkommen bereit sei, sich auf das Feierlichste zu verpflichten, keinem Versuche zur Störung der bestehenden Ordnung der Dinge in England in irgend einer Weise Unterstützung oder Vorschub zu leisten, daß es aber mit seiner Ehre unverträglich sei, daß der Name seines Vetters und Gastes in dem Vertrage genannt werde.

Auf die zweite Forderung entgegnete Ludwig, daß er einem unglücklichen Könige, der in seinem Lande eine Zufluchtsstätte gesucht habe, seine Gastfreundschaft nicht versagen und daß er nicht einmal versprechen könne, den Wunsch zu äußern, Jakob möchte Saint-Germains verlassen. Aber Boufflers gab, als ob er seine eigne Idee ausspräche, obgleich er ohne Zweifel nichts sagte, was nicht mit den Wünschen seines Gebieters übereinstimmte, zu verstehen, daß die Sache sich wahrscheinlich arrangiren lassen werde, und nannte Avignon als einen Ort, wo die verbannte Familie residiren könnte, ohne der englischen Regierung Grund zu Besorgnissen zu geben.

Ludwig verlangte dagegen seinerseits erstens, daß den Jakobiten eine allgemeine Amnestie gewährt werden, und zweitens, daß Marie von Modena ihr Leibgedinge von funfzigtausend Pfund jährlich erhalten sollte.

Die Bewilligung der ersten von diesen beiden Forderungen verweigerte Wilhelm entschieden. Er werde stets bereit sein, die Vergehen von Männern zu verzeihen, welche den Willen zeigten, in Zukunft ruhig unter seiner Regierung zu leben; allein er könne sich nicht dazu verstehen, die Ausübung seines Begnadigungsrechtes zum Gegenstande eines Uebereinkommens mit einer auswärtigen Macht zu machen. Das von Marien von Modena beanspruchte Jahrgeld werde er gern bezahlen, wenn er die Gewißheit habe, daß es nicht zu Machinationen gegen seinen Thron und seine Person, zur Unterhaltung eines neuen Etablissements an der Küste von Kent wie das Hunt’s oder zum Ankauf von Pferden und Waffen zu einem neuen Attentate wie das von Turnham Green verwendet werden würde. Boufflers habe von Avignon gesprochen. Wenn Jakob und seine Gemahlin dort ihren Aufenthalt nähmen, so sollten wegen des Jahrgeldes keine weiteren Schwierigkeiten gemacht werden.

[_Die Friedensbedingungen zwischen Frankreich und England werden festgesetzt._] Endlich waren alle streitigen Punkte geordnet. Nach langen Discussionen wurde ein Artikel aufgesetzt, in welchem Ludwig sein Ehrenwort gab, daß er keinen Versuch zum Umsturz oder zur Beunruhigung der bestehenden Regierung England’s irgendwie begünstigen werde. Dagegen versprach auch Wilhelm, kein Unternehmen gegen die Regierung Frankreich’s zu begünstigen. Dieses Versprechen hatte Ludwig nicht verlangt und er schien daher anfangs geneigt, es als eine Beleidigung zu betrachten. Sein Thron, sagte er, stehe vollkommen fest und Niemand bestreite sein Recht auf denselben. Es gebe in seinem Lande keine Eidverweigerer, keine Verschwörer, und er halte es für unvereinbar mit seiner Würde, einen Vertragspunkt zu genehmigen, in welchem zu liegen scheine, daß er Complots und Aufstände befürchte, wie sie eine aus einer Revolution hervorgegangene Dynastie naturgemäß fürchten müsse. Er gab jedoch in diesem Punkte nach, und man kam überein, daß die Verpflichtung streng gegenseitig sein sollte. Wilhelm verlangte nicht mehr, daß Jakob’s Name genannt werde und Ludwig verlangte nicht mehr, daß den Anhängern Jakob’s eine Amnestie bewilligt werde. Es wurde festgesetzt, daß in dem Vertrage weder über den Aufenthaltsort des verbannten Königs von England, noch über das Leibgedinge seiner Gemahlin etwas erwähnt werden sollte. Aber Wilhelm autorisirte seine Bevollmächtigten beim Congresse, zu erklären, das Marie von Modena das haben solle, worauf eine vorzunehmende Untersuchung ihren rechtmäßigen Anspruch darthun werde. Auf was sie rechtmäßigen Anspruch hatte, war eine Frage, deren Beantwortung ganz Westminsterhall in Verlegenheit gesetzt haben würde. Doch es war ausgemacht, daß sie ohne Sträuben so viel erhalten würde, als sie nur irgend verlangen konnte, sobald sie sich mit ihrem Gemahl in die Provence oder nach Italien zurückgezogen haben würde.[117]

[_Schwierigkeiten, durch Spanien und den Kaiser veranlaßt._] Vor Ende Juli war Alles geordnet, soweit Frankreich und England betheiligt waren. Inzwischen erfuhren die in Ryswick versammelten Gesandten, daß Boufflers und Portland wiederholte Zusammenkünfte in Brabant gehalten und daß sie in höchst regelwidriger und unpassender Weise, ohne Beglaubigungsschreiben, ohne Vermittelung, ohne Noten, ohne Protokolle, ohne gegenseitig ihre Schritte zu zählen und ohne einander Excellenz zu nennen, mit einander unterhandelten. Sie waren so barbarisch unerfahren in den ersten Anfangsgründen der edlen Wissenschaft der Diplomatie, daß sie das Werk, der Christenheit den Frieden wiederzugeben, beinahe zu Stande gebracht hatten, während sie unter einigen Aepfelbäumen umhergingen. Die Engländer und Holländer zollten Wilhelm’s Klugheit und Entschiedenheit lauten Beifall. Er hatte den Knoten zerhauen, den der Congreß nur verwirrt und zusammengezogen hatte. Er hatte in einem Monate gethan, was die im Haag versammelten Formalisten und Pedanten nicht in zehn Jahren zu Stande gebracht haben würden. Auch die französischen Bevollmächtigten waren nicht unzufrieden. „Es ist interessant,” sagt Harlay, ein geistreicher und verständiger Mann, „daß, während die Gesandten sich bekriegen, die Generäle Frieden schließen.”[118]

Aber Spanien behielt die nämliche Miene arroganter Sorglosigkeit bei, und die Gesandten des Kaisers, welche offenbar vergaßen, daß ihr Gebieter wenige Monate früher, ohne Wilhelm zu fragen, einen Neutralitätsvertrag für Italien abgeschlossen hatte, schienen es höchst auffallend zu finden, daß Wilhelm sich erdreistete zu unterhandeln, ohne ihren Gebieter zu fragen. Es zeigte sich mit jedem Tage deutlicher, daß der Wiener Hof es darauf anfing, den Krieg in die Länge zu ziehen. Am 10. Juli proponirten die französischen Gesandten nochmals billige und ehrenvolle Friedensbedingungen, setzten aber hinzu, daß wenn diese Bedingungen bis zum 21. August nicht angenommen wären, der Allerchristlichste König sich nicht an sein Anerbieten gebunden erachten würde.[119] Wilhelm ermahnte umsonst seine Verbündeten vernünftig zu sein. Alle Argumente prallten an dem unsinnigen Stolze der einen Linie des Hauses Oesterreich, und an der selbstsüchtigen Politik der andren ab. Der 21. August kam und verging, und der Tractat war nicht unterzeichnet; es stand Frankreich somit frei, seine Forderungen zu steigern, und es that dies. Denn gerade um diese Zeit traf die Nachricht von zwei harten Schlägen ein, welche Spanien betroffen hatten, der eine in der alten, der andre in der neuen Welt. Ein französisches Armeecorps unter Vendome’s Befehlen hatte Barcelona genommen. Ein französisches Geschwader war heimlich aus Brest ausgelaufen, hatte die verbündeten Flotten umgangen, war über das Atlantische Meer gefahren, hatte Carthagena geplündert und war mit Schätzen beladen nach Frankreich zurückgekehrt.[120] Die spanische Regierung sprang mit einem Male von übermüthiger Apathie zu niedriger Angst über und war bereit jede Bedingung anzunehmen, die der Sieger vorschreiben würde. Die französischen Bevollmächtigten kündigten dem Congresse an, daß ihr Gebieter entschlossen sei, Straßburg zu behalten, und daß, wenn die von ihm angebotenen Bedingungen in so modificirter Gestalt bis zum 10. September nicht angenommen wären, er sich für berechtigt halten würde, auf weiteren Modificationen zu bestehen. Noch nie war Wilhelm’s Geduld auf eine härtere Probe gestellt worden. Er wurde sowohl durch den Starrsinn seiner Verbündeten, wie durch die gebieterische Sprache des Feindes gereizt. Nicht ohne schweren Kampf und heftige Seelenqual entschloß er sich, in das zu willigen, was Frankreich jetzt vorschlug. Aber er fühlte, daß es ganz unmöglich sein würde, selbst wenn es wünschenswerth gewesen wäre, das Haus der Gemeinen und die Generalstaaten zu bewegen, den Krieg zu dem Zwecke fortzusetzen, um Frankreich eine einzelne Festung zu entreißen, eine Festung, an deren Schicksal weder England noch Holland ein unmittelbares Interesse hatten, eine Festung, die dem Reiche nur durch die unverständige Hartnäckigkeit des kaiserlichen Hofes verloren gegangen war. Er beschloß, die modificirten Bedingungen anzunehmen und ließ seinen Gesandten in Ryswick die Weisung zukommen, daß sie an dem festgesetzten Tage unterzeichnen sollten. Die Gesandten Spanien’s und Holland’s erhielten ähnliche Instructionen. Es unterlag keinem Zweifel, daß auch der Kaiser trotz seines Murrens und Protestirens dem Beispiele seiner Bundesgenossen bald folgen würde. Um ihm Zeit zur Ueberlegung zu lassen wurde festgesetzt, daß er in den Tractat aufgenommen werden solle, wenn er seinen Beitritt bis zum 1. November anzeigte.

[_Versuche Jakob’s, einen allgemeinen Friedensschluß zu verhindern._] Inzwischen erregte Jakob durch seine Klagen und Drohungen die Heiterkeit und das Mitleid von ganz Europa. Er hatte vergebens sein Recht geltend gemacht, als der alleinige wirkliche König von England einen Gesandten zu dem Congresse zu schicken.[121] Er hatte umsonst an sämmtliche römisch-katholische Fürsten der Conföderation eine Denkschrift gerichtet, in der er sie beschwor, sich mit Frankreich zu einem Kreuzzuge gegen England zu verbinden, um ihn wieder in sein Erbe einzusetzen und die gottlose Rechtsbill zu annulliren, welche Mitglieder der wahren Kirche vom Throne ausschloß.[122] Als er sah, daß diese Aufforderung unbeachtet blieb, erließ er einen feierlichen Protest gegen die Gültigkeit jedes Vertrags, an welchem die bestehende englische Regierung sich betheiligen würde. Er erklärte alle Verpflichtungen, die sein Königreich seit der Revolution eingegangen war, für null und nichtig und kündigte an, daß, wenn er wieder zur Gewalt gelangen sollte, er sich an keine dieser Verpflichtungen gebunden erachten würde. Er gab zu, daß er durch die Nichtachtung dieser Verpflichtungen große Calamitäten sowohl über seine eigenen Lande als über die ganze Christenheit bringen könne; aber er erklärte, daß er sich wegen dieser Calamitäten weder vor Gott noch vor den Menschen für verantwortlich halten werde. Es scheint fast unglaublich, daß selbst ein Stuart, ja der schlimmste und beschränkteste aller Stuarts wähnen konnte, das es die erste Pflicht nicht nur seiner Unterthanen, sondern der ganzen Menschheit sei, seine Rechte zu vertheidigen; das Franzosen, Deutsche, Italiener und Spanier ein Verbrechen begingen, wenn sie nicht Jahr auf Jahr für ihn ihr Blut vergössen und ihr Geld opferten; daß die Interessen der sechzig Millionen Menschen, für welche der Friede ein Segen gewesen wäre, im Vergleich mit den Interessen eines Einzelnen von gar keinem Gewicht seien.[123]

[_Der Tractat von Ryswick unterzeichnet._] Trotz aller seiner Proteste rückte der Tag des Friedensschlusses heran. Am 10. September versammelten sich die Gesandten Frankreich’s, England’s, Spanien’s und der Vereinigten Provinzen in Ryswick. Es waren drei Verträge zu unterzeichnen, und man stritt sich lange über die wichtige Frage, welcher zuerst unterzeichnet werden sollte. Es war ein Uhr Morgens, als man sich endlich dahin einigte, daß der Tractat zwischen Frankreich und den Generalstaaten den Vorzug haben sollte, und erst bei Tagesanbruch waren sämmtliche Instrumente vollzogen. Dann beglückwünschten die Bevollmächtigten einander unter vielen Verbeugungen, daß sie die Ehre gehabt hatten, zu einem so großen Werke etwas beizutragen.[124]

Eine Schaluppe erwartete Prior. Er eilte an Bord und nachdem er einen Aequinoctialsturm überstanden, landete er am dritten Tage an der Küste von Suffolk.[125]

[_Spannung in England._] Selten hatte in England eine größere Aufregung geherrscht als während des letzten Monats vor seiner Ankunft. Wenn der Westwind die holländischen Packetboote zurückhielt, stieg die Spannung des Volks aufs Höchste. Jeden Morgen standen Hunderttausende mit der Hoffnung auf zu hören, daß der Tractat unterzeichnet sei, und jede Post, welche ankam, ohne die gute Nachricht mitzubringen, verursachte bittere Enttäuschung. Die Mißvergnügten versicherten sogar laut, daß der Friede gar nicht zu Stande kommen und die Unterhandlungen noch in dieser späten Stunde abgebrochen werden würden. Einer von ihnen hatte Jemanden gesprochen, der eben von Saint-Germains angekommen war; ein Andrer hatte ein eigenhändiges Schreiben Ihrer Majestät gelesen, und Alle waren überzeugt, daß Ludwig den Usurpator niemals anerkennen werde. Viele von Denen, welche diese Sprache führten, waren so verblendet, daß sie auf die Richtigkeit ihrer Meinung hohe Wetten machten. Als die Nachricht von dem Falle Barcelona’s eintraf, waren alle hochverrätherischen Tavernen mit eidverweigernden Priestern angefüllt, welche lachten, laut sprachen und einander die Hände schüttelten.[126]

[_Ankunft der Friedensnachricht in England._] Endlich, am Nachmittag des 13. Septembers, erhielten einige Spekulanten in der City auf Privatwegen die gewisse Nachricht, daß der Tractat am Morgen des 11. vor Tagesanbruch unterzeichnet worden sei. Sie hielten die Sache geheim und beeilten sich, sie zu ihrem Vortheile zu benutzen; aber ihre eifrigen Bemühungen Bankactien zu kaufen, und die hohen Preise, die sie dafür boten, erweckten Verdacht, und man glaubte allgemein, daß am folgenden Tage etwas Wichtiges angezeigt werden würde. Am folgenden Tage erschien denn auch Prior mit dem Tractate vor den Lords Justices in Whitehall. Es wurde sogleich eine Fahne auf der Abtei, eine andre auf der Martinskirche ausgesteckt und die Kanonen des Towers verkündeten die frohe Botschaft. Alle Kirchthürme und befestigten Schlösser von Greenwich bis Chelsea antworteten. Es war keiner von den Tagen, an welchen die Zeitungen gewöhnlich erschienen; aber zum ersten Male wurden Extrablätter mit großgedruckten Ueberschriften in den Straßen ausgerufen. Der Cours der Bankactien stieg rasch von 84 auf 97. In wenigen Stunden begannen sich auf einigen Plätzen Triumphbögen zu erheben, während auf anderen mächtige Freudenfeuer emporloderten. Der holländische Gesandte schrieb an die Generalstaaten, daß er versuchen werde, seine Freude durch ein der Republik, die er vertrete, würdiges Feuer an den Tag zu legen, und er hielt Wort, denn eine solche Flamme hatte London noch nie gesehen. Hundertvierzig Fässer Pech prasselten und leuchteten vor seinem Hause am St. James Square und bildeten ein Feuer, das Pall Mall und Piccadilly so hell machte wie am Tage.[127]

[_Schrecken der Jakobiten._] Der Schrecken unter den Jakobiten war groß. Einige von Denen, welche auf Ludwig’s Festigkeit hoch gewettet hatten, ergriffen die Flucht. Ein unglücklicher Zelot des göttlichen Rechts ertränkte sich. Doch bald faßte die Partei wieder Muth. Der Tractat war zwar unterzeichnet, aber ratificirt wurde er gewiß nie. In Kurzem kam die Ratification, der Friede wurde feierlich durch die Herolde proklamirt und auch die hartnäckigsten Eidverweigerer begannen zu verzweifeln. Einige Geistliche, welche Jakob acht Jahre lang treu geblieben waren, leisteten jetzt Wilhelm den Huldigungseid. Wahrscheinlich waren es Männer, welche, wie Sherlock, der Ansicht waren, daß eine feststehende, wenn auch in ihrem Ursprunge illegitime Regierung Anspruch auf den Gehorsam von Christen habe, die aber geglaubt hatten, daß die Regierung Wilhelm’s nicht wirklich feststehend genannt werden könne, so lange die größte europäische Macht sich nicht nur weigerte, sie anzuerkennen, sondern sogar ihren Rivalen kräftig unterstützte.[128] Die heftigeren und entschlosseneren Anhänger des verbannten Königshauses waren wüthend auf Ludwig. Er habe Die, welche ihn um Hülfe angefleht, hintergangen und verrathen. Man solle nicht von dem Elende seines Volks sprechen. Man solle nicht sagen, daß er jede Einnahmequelle erschöpft habe und daß in allen Provinzen seines Reichs das Landvolk in Lumpen gehüllt einhergehe und sich nicht einmal mehr mit dem gröbsten und schwärzesten Brode sättigen könne. Seine erste Pflicht sei die, welche er gegen die königliche Familie von England habe. Die Jakobiten sprachen und schrieben gegen ihn eben so absurd und fast eben so gemein, als sie lange gegen Wilhelm gesprochen und geschrieben hatten. Eines ihrer Libelle war so unanständig, daß die Lords Justices die Verhaftung des Verfassers anordneten.[129]

[_Allgemeine Freude._] Aber die Wuth und der Aerger beschränkten sich auf eine sehr kleine Anzahl. Seit dem Restaurationsjahre hatte man nie ähnliche Kundgebungen der allgemeinen Freude gesehen. In allen Gegenden des Reichs, wo der Friede proklamirt wurde, äußerte sich die Volksstimmung durch Bankets, feierliche Aufzüge, loyale Toaste, Salven, Trommelwirbel, Trompetenschall und Aufschlagen von Biertonnen. An einigen Orten begab sich die ganze Bevölkerung unaufgefordert in die Kirchen, um dem Himmel zu danken. An anderen fanden Aufzüge von weißgekleideten und mit Lorbeer bekränzten Mädchen statt, welche Fahnen mit der Inschrift: +God bless King William+ trugen. In jeder Grafschaftshauptstadt begleitete eine lange Cavalcade der angesehensten Gentlemen aus einem Umkreise von vielen Meilen den Mayor zum Marktkreuze. Ein Festtag genügte noch nicht zur Aeußerung so vieler Freude. Am 4. November, dem Geburtstage des Königs, und am 5., dem Jahrestage seiner Landung in Torbay, erneuerten sich das Glockengeläute, der Jubel und die Illuminationen in London wie im ganzen Lande.[130] An dem Tage, an welchem er in seine Hauptstadt zurückkehrte, wurde in den zweitausend Straßen dieses ungeheuren Marktes keine Arbeit gethan und kein Laden geöffnet. Die Hauptstraßen waren für diesen Tag mit Sand bestreut worden; alle Innungen hatten sich neue Fahnen, alle Magistratspersonen neue Amtskleider angeschafft. Zwölftausend Pfund Sterling waren auf Veranstaltung von Feuerwerken verwendet worden. Große Massen Volks aus allen benachbarten Grafschaften waren herbeigeströmt, um das Schauspiel mit anzusehen. Die City war nie in einer loyaleren oder heiterern Stimmung gewesen. Die schlimmen Tage waren vorüber. Die Guinee war auf einundzwanzig Schilling sechs Pence gefallen, die Banknote war auf Pari gestiegen. Die großen, schweren und scharf geprägten neuen Kronen und halben Kronen klangen auf allen Ladentischen.

[_Einzug des Königs in London._] Nach einigen Tagen ungeduldiger Erwartung erfuhr man am 14. Nov., daß Se. Majestät in Margate gelandet sei. Am 15. spät Abends erreichte er Greenwich und stieg in dem prächtigen Gebäude ab, das unter seinen Auspicien aus einem Palast in ein Hospital verwandelt wurde. Am nächsten Morgen, einem heiteren und warmen Morgen, schlossen sich achtzig sechsspännige Equipagen mit Edelleuten, Prälaten, Geheimräthen und Richtern seinem Zuge an. In Southwark wurde er von dem Lordmayor und den Aldermen mit allem Pomp empfangen. Der Weg durch diesen Stadttheil bis zur Brücke war von der Surreymiliz, der Weg von der Brücke bis Walbrook von drei Regimentern der Citymiliz besetzt. Durch ganz Cheapside hatten sich die Wahlbürger zu beiden Seiten mit ihren Innungsfahnen aufgestellt. Am östlichen Ende des St. Pauls-Kirchhofes standen die Knaben der Schule Eduard’s VI. in der Tracht des 16. Jahrhunderts, die sie noch jetzt tragen. Um die Kathedrale herum, Ludgate Hill und Fleet Street entlang waren drei weitere Regimenter Londoner aufgestellt. Von Temple Bar bis zum Eingangsthore von Whitehall standen die Milizen von Middlesex und die Fußgarden unter Waffen. Auf der ganzen Strecke waren alle Fenster mit Teppichen, Bändern und Fahnen geschmückt. Den schönsten Anblick aber gewährte die unzählige Masse der Zuschauer, alle in ihren Sonntagskleidern, und in solchen Kleidern, wie sie in anderen Ländern nur die höheren Klassen tragen konnten. „Nie,” schrieb Wilhelm diesen Abend an Heinsius, „habe ich eine solche Menge wohlgekleideter Leute gesehen.” Nicht minder angenehm berührten den König die Aeußerungen von Freude und Zuneigung, mit denen er vom Anfang bis zum Ende seines Triumphzuges begrüßt wurde. Von dem Augenblicke an, wo er in Greenwich in seinen Wagen stieg, bis zu dem Augenblicke, wo er im Hofe von Whitehall wieder ausstieg, war er von endlosen Lebehochrufen begleitet. Kaum war er in seinem Palaste angekommen, so wurden ihm Beglückwünschungsadressen von allen großen Corporationen des Landes überreicht. Man bemerkte, daß unter diesen Corporationen die Universität Oxford die erste war. Die beredte Ansprache, in welcher diese gelehrte Körperschaft die Weisheit, den Muth und die Energie Sr. Majestät pries, wurde von den Eidverweigerern mit heftigem Verdrusse, von den Whigs mit Entzücken gelesen.[131]