Part 23
Die Lords waren zwölf Monate früher einer ähnlichen Bill bereitwillig beigetreten; seitdem aber hatten sie sich die Sache noch einmal überlegt und waren andren Sinnes geworden. Wenn ein Gesetz, das von jedem Mitgliede des Hauses der Gemeinen den Besitz eines Vermögens in Landgrundstücken von einigen hundert Pfund Rentenwerth verlangte, streng hätte durchgeführt werden können, so würde ein solches Gesetz allerdings den Landgentlemen von mäßigem Grundbesitz sehr vortheilhaft, den Großen des Reichs aber keineswegs vortheilhaft gewesen sein. Der Besitzer eines kleinen Gutes würde als Candidat für die Stadt, in deren Nachbarschaft seine Familie seit Jahrhunderten wohnte, aufgetreten sein, ohne die mindeste Besorgniß, daß sich ihm ein Alderman von London entgegenstellen würde, den die Wähler vor dem Tage des Vorschlags nie gesehen hatten und dessen Hauptanspruch auf ihre Gunst in einer mit Banknoten gefüllten Brieftasche bestand. Ein reicher Cavalier aber, der ein Vermögen von zehn- bis zwanzigtausend Pfund jährlicher Einkünfte besaß und über zwei bis drei Burgflecken zu gebieten hatte, würde ferner nicht mehr im Stande gewesen sein, seinen jüngeren Sohn, seinen jüngeren Bruder oder seinen Geschäftsmann ins Parlament zu bringen oder sich den Hosenbandorden oder einen höheren Grad in der Pairie zu verdienen, indem er einem Lord des Schatzes oder einem Generalfiskal einen Sitz verschaffte. Bei dieser Gelegenheit fiel demnach das Interesse der Häupter der Aristokratie, eines Norfolk und Somerset, eines Newcastle und Bedford, eines Pembroke und Dorset, mit dem der reichen Kaufleute der City und der jugendlichen Aspiranten des Temple zusammen und war dem Interesse eines Squires von tausend bis zwölfhundert Pfund Einkünften direct entgegengesetzt. An dem zur zweiten Lesung festgesetzten Tage waren die Lords sehr zahlreich anwesend. Es wurden mehrere Petitionen von Wahlkörpern, denen es hart dünkte, daß der Ausübung des Wahlrechts eine neue Beschränkung auferlegt werden sollte, überreicht und vorgelesen. Nach einer mehrstündigen Debatte wurde die Bill mit zweiundsechzig gegen siebenunddreißig Stimmen verworfen.[92] Nur drei Tage später schlug eine von Groll erfüllte zahlreiche Partei unter den Gemeinen vor, die so eben von den Peers verworfene Bill einer Grundsteuerbill anzuhängen. Dieser Antrag würde wahrscheinlich durchgegangen sein, hätte nicht Foley die Obliegenheiten seiner Stellung ein wenig überschritten und unter dem Vorgeben, der Ordnung das Wort zu reden, bewiesen, daß ein derartiges Anhängen in der Geschichte unserer Parlamente ohne Beispiel sei. Als die Frage gestellt wurde, erhoben die Jas ein so lautes Geschrei, daß man glaubte, sie bildeten die Majorität; bei der Abstimmung aber ergab es sich, daß ihre Zahl nur hundertfünfunddreißig betrug, während sich die Neins auf hundertdreiundsechzig beliefen.[93]
[_Bill zur Regulirung der Presse._] Auch noch andere parlamentarische Verhandlungen dieser Session verdienen Erwähnung. Während die Gemeinen eifrig mit dem großen Werke der Wiederherstellung der Finanzen beschäftigt waren, ereignete sich ein Vorfall, der eine kurze Zeit der jungen Preßfreiheit verderblich zu werden drohte, der sich aber gerade als das Mittel zur Befestigung derselben erwies. Eine von den vielen Zeitungen, welche seit dem Aufhören der Censur gegründet worden, war die Flying Post. Der Herausgeber, John Salisbury, war das Werkzeug einer Gesellschaft von Börsenspekulanten der City, in deren Interesse es zufällig lag, den Cours der Staatspapiere herunterzudrücken. Er veröffentlichte eines Tages einen unwahren und böswilligen Artikel, der offenbar den Zweck hatte, die Schatzkammerscheine zu verdächtigen. Von dem Credit der Schatzkammerscheine hing in diesem Augenblicke die politische Größe und die Handelsblüthe des Reichs ab. Das Haus der Gemeinen war empört, und der Sprecher erließ eine Vorladung an Salisbury. Es wurde ohne Abstimmung beschlossen, daß eine Bill eingebracht werden sollte, die das Veröffentlichen von Neuigkeiten ohne Censur verbot. Achtundvierzig Stunden darauf wurde die Bill schon überreicht und gelesen. Aber die Mitglieder hatten inzwischen Zeit gehabt, sich abzukühlen. Es gab fast Keinen unter ihnen, dessen Aufenthalt auf dem Lande im vergangenen Sommer durch die Londoner Journale nicht angenehmer gemacht worden wäre. So dürftig diese Journale auch Demjenigen erscheinen müssen, der jeden Morgen die Times auf seinem Frühstückstische findet, für die damalige Generation waren sie eine neue und reiche Quelle der Unterhaltung. Kein Gentleman von Devonshire oder Yorkshire, mochte er ein Whig oder ein Tory sein, konnte den Gedanken ertragen, wieder sieben Monate des Jahres hindurch in Bezug auf Alles was in der Welt vorging auf die Neuigkeitsbriefe beschränkt zu sein. Wäre die Bill angenommen worden, so hätten die Blätter, welche jetzt zweimal die Woche auf jedem Landsitze des Königreichs so ungeduldig erwartet wurden, nichts weiter enthalten, als was der Staatssekretär publik werden zu lassen für gut fand; sie wären factisch lauter London Gazettes gewesen, und der eifrigste Leser der London Gazette wäre über die wichtigsten Ereignisse seiner Zeit in Unkenntniß geblieben. Ein paar Stimmen erhoben sich jedoch auch zu Gunsten der Censur. „Diese Blätter,” sagten sie, „sind oft schädlichen Inhalts.” -- „Warum werden sie dann nicht gerichtlich verfolgt?” war die Antwort. „Hat der Generalfiskal jemals gegen eines von ihnen eine Klage angestellt? Und ist es nicht absurd, von uns zu verlangen, daß wir ein neues Abhülfsmittel durch ein Gesetz schaffen sollen, während das Abhülfsmittel, welches das Landrecht darbietet, noch nie versucht worden ist?” Bei der Abstimmung über die Frage, ob die Bill zum zweiten Male gelesen werden sollte, beliefen sich die Jas auf nur sechzehn, die Neins auf zweihundert.[94]
[_Bill zur Abschaffung der Vorrechte von Whitefriars und dem Savoy._] Eine andre Bill, welche bessere Aufnahme fand, muß als ein Beispiel von dem langsamen aber stetigen Fortschreiten der Civilisation erwähnt werden. Die alten Gerechtsame, welche einige Bezirke der Hauptstadt, unter denen Whitefriars der größte und schmachvollste war, genossen, hatten Mißbräuche hervorgerufen, die nicht länger geduldet werden konnten. Die Templeinsassen auf der einen Seite von Alsatia und die Bürger auf der andren hatten die Regierung und die Legislatur schon seit langer Zeit gedrängt, einen so empörenden Uebelstand zu beseitigen. Aber noch immer existirte dieses im Westen von der großen Schule der englischen Jurisprudenz, im Osten von dem großen Centralpunkte des englischen Handels begrenzte Labyrinth schmutziger und winkeliger Häuser, deren jedes vom Keller bis unter das Dach von dem Abschaume der Bevölkerung vollgepfropft war, dessen ganzes Leben einen beständigen Kampf mit der Gesellschaft bildete. Der beste Theil der Bewohner dieses Stadttheils bestand aus Schuldnern, welche die Bailiffs fürchteten. Die übrigen waren removirte Advokaten, Zeugen, welche Stroh in ihren Schuhen trugen, zum Zeichen für das Publikum, daß hier für eine halbe Krone ein falscher Eid zu bekommen sei, Gauner, Diebshehler, Geldbeschneider, Banknotenfälscher, aufgeputzte Frauenzimmer mit von Schminke und Branntwein gerötheten Wangen, die im Zorne häufigen Gebrauch von ihren Nägeln und Scheeren machten, deren Freundlichkeit aber noch weit gefährlicher war als ihr Zorn. Von diesem Auswurf der Menschheit wimmelten die engen Gassen des Sanctuariums. Das Klappern von Würfeln, der Ruf nach mehr Punsch und Wein und das Geräusch von Flüchen und Zotenliedern hörten die ganze Nacht nicht auf. Die Vorsteher des inneren Temple konnten den Scandal und Lärm nicht länger ertragen, und sie ließen den nach Whitefriars führenden Ausgang zumauern. Die Bewohner von Alsatia versammelten sich in großer Anzahl, griffen die Arbeiter an, tödteten einen von ihnen, rissen die Mauer ein, schlugen den Sheriff, der zur Herstellung der Ruhe herbeikam, zu Boden und nahmen ihm seine goldene Kette, die ohne Zweifel bald in den Schmelztiegel wanderte. Der Tumult wurde erst unterdrückt, als eine Compagnie der Fußgarden erschien. Dieser Frevel erregte allgemeinen Unwillen. Die City, empört über die dem Sheriff zugefügte Mißhandlung, rief laut nach Gerechtigkeit. Es war jedoch so schwierig, in den Höhlen von Whitefriars ein gerichtliches Verfahren einzuleiten, daß beinahe zwei Jahre vergingen, ehe ein einziger Unruhstifter verhaftet wurde.[95]
Das Savoy war ein andrer Platz der nämlichen Art, zwar kleiner und minder berüchtigt, aber von einer ebenso gesetzlosen Bevölkerung bewohnt. Ein unglücklicher Schneider, der sich dahin wagte, um eine Schuldforderung einzutreiben, wurde von dem ganzen Pöbelhaufen der Gauner, Betrüger und Buhldirnen angefallen. Er erbot sich, seinem Schuldner die ganze Forderung zu erlassen und das Gesindel zu tractiren; aber umsonst. Er hatte sich einen Eingriff in ihre Gerechtsame erlaubt, und dies war ein unverzeihliches Verbrechen. Er wurde zu Boden geschlagen, ausgezogen, getheert und befiedert. Dann band man ihm einen Strick um den Leib und schleifte ihn unter dem Geschrei: „Ein Bailiff! ein Bailiff!” nackend durch die Straßen. Schließlich mußte er niederknien und seine Eltern verfluchen. Nachdem er diese Ceremonie verrichtet hatte, erlaubte man ihm -- und die Erlaubniß wurde von vielen Bewohnern des Savoy getadelt, -- ohne einen einzigen Lumpen auf dem Leibe nach Hause zu hinken.[96] Der Sumpf von Allen, die Pässe der Grampians waren nicht unsicherer als dieser kleine Knäuel von Gassen, der von den Palästen des vornehmsten Adels eines blühenden und aufgeklärten Königreichs umgeben war.
Endlich im Jahre 1697 ging eine Bill zur Aufhebung der Privilegien dieser Stadtbezirke in beiden Häusern durch und erhielt die Genehmigung des Königs; die Bewohner von Alsatia und dem Savoy waren wüthend. Parlamentsmitglieder, die sich durch eifrige Unterstützung der Bill ausgezeichnet hatten, empfingen anonyme Zuschriften, worin ihnen mit Ermordung gedroht wurde; aber derartige Drohungen befestigten nur die allgemeine Ueberzeugung, daß es hohe Zeit sei, diese Banditennester zu zerstören. Es wurde eine Gnadenfrist von vierzehn Tagen bewilligt und bekannt gemacht, daß nach Ablauf dieser Frist das Gesindel, das ein Fluch für London gewesen war, unbarmherzig ans Tageslicht gezogen und verfolgt werden würde. Es fand eine tumultuarische Flucht nach Irland, nach Frankreich, nach den Colonien, nach Kellern und Mansarden in minder berüchtigten Stadtbezirken statt, und als an dem festgesetzten Tage die Beamten des Sheriffs die Grenze zu überschreiten wagten, fanden sie die Straßen, in denen wenige Wochen zuvor der Ruf: „Ein Verhaftsbefehl!” tausend wüthende Raufbolde und keifende Weiber hervorgelockt haben würde, eben so ruhig wie den Kreuzgang einer Kirche.[97]
[_Schluß der Session; Beförderungen und Ernennungen._] Am 16. April schloß der König die Session mit einer Rede, in der er den Häusern warmen und wohlverdienten Dank sagte für die Energie und Weisheit, welche die Nation aus commerciellen und finanziellen Verlegenheiten gerissen hatte, von denen unsre Geschichte kein zweites Beispiel aufzuweisen hat. Ehe er nach dem Continent abreiste, verlieh er einige neue Ehrenbezeigungen und traf einige neue ministerielle Arrangements. Jedes Mitglied der Whigjunta wurde durch einen Beweis der königlichen Gunst ausgezeichnet. Somers gab das Siegel ab, dessen Bewahrer er war; er erhielt es alsbald wieder und wurde gleichzeitig beauftragt, es einem Diplom beizufügen, das ihn zum Baron Somers von Evesham ernannte.[98] Russell wurde Earl von Oxford und Viscount Barfleur. Noch nie war ein Titel einem auf fremdem Gebiet liegenden Schlachtfelde entlehnt worden. Aber der damals aufgestellte Präcedenzfall hat wiederholte Nachahmung gefunden, und die Namen Saint-Vincent, Trafalgar, Camperdown und Douro werden jetzt von den Nachkommen großer Commandeurs geführt. Russell scheint seinen Earltitel nach der ihm eigenen Weise nicht nur ohne Dankbarkeit, sondern sogar murrend und als ob ihm ein großes Unrecht geschähe, angenommen zu haben. Was galt ihm eine Adelskrone? Er hatte ja kein Kind, das sie erben konnte. Die einzige Auszeichnung, die für ihn einen Werth gehabt haben würde, war der Hosenbandorden, und diesen hatte Portland erhalten. Solche Dinge, meinte er, seien natürlich nur für die Holländer, und es sei eine unerhörte Anmaßung von einem Engländer, hätte er auch einen Sieg erfochten, der den Staat gerettet, zu erwarten, daß seine Ansprüche berücksichtigt werden könnten, bevor nicht alle Mynheers im Palaste versorgt seien.[99]
Wharton behielt seine Stelle als Haushofmeister des Königs und wurde außerdem mit dem einträglichen Amte des Oberrichters in Eyre, südlich vom Trent, bedacht, und sein Bruder Godwin Wharton wurde zum Lord der Admiralität ernannt.[100]
Obgleich Godolphin’s Rücktritt im October angenommen worden war, so wurde doch erst nach der Prorogation eine neue Schatzcommission ernannt. Ueber die Frage, wer erster Commissar werden sollte, ward lange und heftig debattirt. Denn Montague hatten seine Fehler viele Feinde gemacht, und seine Tugenden nicht minder. Starre Formalisten nannten ihn hohnlächelnd einen Schöngeist und Dichter, der allerdings einige Gewandtheit in der Debatte besitze, der aber schon viel höher erhoben worden sei, als seine Leistungen es verdienten und als sein Geist es vertrüge. Es würde thöricht sein, einem so jungen Laffen bloß deshalb, weil er fließend und elegant zu sprechen verstehe, in ein Amt einzusetzen, von dem das Wohl des Königreichs abhänge. Sir Stephan Fox qualificire sich von allen Lords des Schatzes sicherlich am Besten dazu, an der Spitze der Commission zu stehen. Er sei ein Mann in reiferen Jahren, ernst, erfahren, pünktlich und fleißig, und er habe nie in seinem Leben einen Vers gemacht. Der König schwankte ziemlich lange zwischen den beiden Candidaten; aber die Zeit gereichte Montague entschieden zum Vortheil, denn vom ersten bis zum letzten Tage der Session stieg sein Ruhm fortwährend. Die Stimme des Hauses der Gemeinen und der City bezeichnete ihn laut als den geeignetsten ersten Minister der Finanzen. Endlich trat Sir Stephan Fox, wenn auch nicht sehr bereitwillig, von der Concurrenz zurück. Er wünschte es jedoch in der London Gazette angezeigt, daß die Stelle des ersten Lords ihm angeboten, aber von ihm abgelehnt worden war. Eine solche Anzeige wäre eine Beleidigung für Montague gewesen, und Montague, von Glück und Ruhm aufgebläht, war nicht in der Stimmung, sich Beleidigungen gefallen zu lassen. Der Streit wurde beigelegt. Montague ward erster Lord des Schatzes und den erledigten Sitz im Staatsrathe erhielt Sir Thomas Littleton, einer der tüchtigsten und consequentesten Whigs im Hause der Gemeinen. Aus Rücksicht für Fox wurden diese Ernennungen jedoch nicht in der Gazette angezeigt.[101]
Dorset legte seine Stelle als Oberkammerherr nieder, doch nicht mit Unmuth, und zog sich, mit königlichen Gunstbezeigungen beladen, ins Privatleben zurück. Sein Nachfolger war Sunderland, der auch, nicht ohne viel Murren von verschiedenen Seiten, zu einem der Lords Justices ernannt wurde.[102] Von den Tories wurde Sunderland gründlich verabscheut. Einige von den Whighäuptern hatten seinem einschmeichelnden Wesen nicht widerstehen können, und andre waren dankbar für die Dienste, die er unlängst der Partei geleistet. Doch die Führer vermochten nicht ihre Anhänger zurückzuhalten. Verständige Männer, die der bürgerlichen Freiheit und der protestantischen Religion zugethan waren, die sich außer dem Bereiche von Sunderland’s unwiderstehlichem Zauber befanden und welche wußten, daß er in der Hohen Commission gesessen, bei der Indulgenzerklärung mitgewirkt, als Zeuge gegen die sieben Bischöfe aufgetreten war und die Hostie von einem papistischen Priester empfangen hatte, konnten ihn nicht ohne Unwillen und Beschämung mit dem Stabe in der Hand zur Seite des Thrones stehen sehen. Noch empörender war es, daß einem solchen Manne in Abwesenheit des Souverains die Administration der Regierung anvertraut werden sollte. Wilhelm begriff diese Gesinnungen nicht. Sunderland war ein talentvoller und brauchbarer Diener; er war zwar ohne Grundsätze, aber dies waren alle englischen Staatsmänner dieser Generation, welche unter der unseligen Tyrannei der Frommen die Tugend verachten gelernt hatten und während des wilden Jubels der Restauration in die schmachvollste Lasterhaftigkeit versunken waren. Er war ein ächtes Musterexemplar seiner Klasse, vielleicht ein wenig schlechter als Leeds oder Godolphin und ungefähr eben so schlecht als Russell oder Marlborough. Warum er aus der Heerde vertrieben werden sollte, konnte der König nicht begreifen.
Trotz der Unzufriedenheit, welche Sunderland’s Erhebung erweckt hatte, war England diesen Sommer vollkommen ruhig und in vortrefflicher Stimmung. Jedermann, die fanatischen Jakobiten allein ausgenommen, freute sich über das rasche Wiederaufleben des Handels und über die nahe Aussicht auf Frieden. Auch Irland und Schottland waren nicht minder ruhig.
[_Zustand Irland’s._] In Irland hatte sich, seitdem Sidney nicht mehr Lordlieutenant war, nichts ereignet, was umständlichere Erwähnung verdiente. Die Regierung hatte die Colonisten ungehindert über die eingeborne Bevölkerung dominiren lassen, und die Colonisten hatten sich dafür der Regierung durchaus unterwürfig bezeigt. Die Verhandlungen der in Dublin tagenden lokalen Legislatur waren in keiner Hinsicht wichtiger oder interessanter gewesen als die Verhandlungen der gesetzgebenden Versammlung von Barbados. Das nennenswertheste Ereigniß in der parlamentarischen Geschichte Irland’s zu jener Zeit war vielleicht ein Streit zwischen den beiden Häusern, welcher durch eine Collision zwischen dem Wagen des Sprechers und dem Wagen des Kanzlers entstanden war. Es gab zwar Parteispaltungen, aber sie entsprangen lediglich aus persönlichen Prätensionen und Animositäten. Die Namen Whig und Tory waren über den St. Georgskanal gebracht worden, hatten aber unterwegs ihre ganze Bedeutung verloren. Ein Mann, der in Dublin ein Tory genannt wurde, würde in Westminster für einen eben so entschiedenen Whig gegolten haben als Wharton. Die Hochkirchlichsten in Irland verabscheuten und fürchteten den Papismus so sehr, daß sie geneigt waren, jeden Protestanten als einen Bruder zu betrachten. Sie erinnerten sich der Tyrannei Jakob’s, der Beraubungen, der Verbrennungen, der Confiscationen, des Kupfergeldes und der Verurtheilungsacte mit bitterem Grolle, und verehrten Wilhelm als ihren Befreier und Erhalter. Ja selbst für das Gedächtniß Cromwell’s konnten sie nicht umhin eine gewisse Achtung zu hegen, denn was er auch sonst gewesen sein mochte, er war immer der Vertheidiger und Rächer ihres Stammes gewesen. Die Parteispaltungen England’s hatten daher mit den Parteispaltungen Irland’s fast gar nichts gemein. In England gab es zwei Parteien von gleichem Stamme und Glauben, die mit einander kämpften; in Irland gab es zwei Kasten verschiedenen Stammes und Glaubens, von denen die eine die andre mit Füßen trat.
[_Zustand Schottland’s._] Auch Schottland war ruhig. Die Ernte des letzten Jahres war zwar knapp ausgefallen und es herrschte daher viel Noth. Aber der Muth der Nation wurde durch hochfliegende Hoffnungen aufrechterhalten, die in schmerzliche Enttäuschung ausgehen sollten. Ein schöner Traum von Wohlstand und Herrschaft erfüllte die Gemüther der Leute so vollständig, daß sie die gegenwärtige Noth kaum fühlten. Wie dieser Traum entstand und durch welches schreckliche Erwachen er zerstört wurde, soll nachher erzählt werden.
[_Eine Parlamentssession in Edinburg._] Im Herbste des Jahres 1696 traten die schottischen Stände in Edinburg zusammen. Die Sitzungen waren spärlich besucht, und die Session dauerte nur fünf Wochen. Es wurde eine Summe von wenig über hunderttausend Pfund bewilligt und zwei Acten zur Sicherung der Regierung angenommen. Die eine von diesen beiden Acten verlangte von allen öffentlichen Angestellten die Unterzeichnung einer Vereinsurkunde ähnlich der, welche im Süden der Insel so allgemein unterzeichnet worden war. Die andre Acte bestimmte, daß das schottische Parlament durch den Tod des Königs nicht aufgelöst werden sollte.
[_Acte zur Errichtung von Schulen._] Das bei weitem wichtigste Ereigniß dieser kurzen Session war jedoch die Annahme einer Acte zur Errichtung von Schulen. Durch dieses denkwürdige Gesetz wurde, nach schottischer Ausdrucksweise, bestimmt und verordnet (+statuted and ordained+), daß jede Gemeinde im Lande für ein geräumiges Schulhaus sorgen und einen Lehrer mit mäßigem Gehalte anstellen sollte. Die Folgen dieses Gesetzes konnten natürlich nicht sogleich empfunden werden. Aber noch ehe ein Menschenalter verstrichen war, begann es sich unverkennbar zu zeigen, daß das gemeine Volk Schottland’s in der Intelligenz dem gemeinen Volke jedes andren Landes in Europa überlegen war. In welches Land der Schotte auch auswandern, welchem Berufe er sich widmen mochte, in Amerika oder in Indien, im Handel oder im Kriege, überall erhob ihn der Vortheil seiner ersten Schulbildung über seine Concurrenten. Wenn er als Ausläufer in ein Waarengeschäft aufgenommen ward, wurde er bald der erste unter seinen Collegen. Trat er in die Armee ein, so wurde er bald Sergeant. Zu gleicher Zeit machte Schottland, trotz seines sterilen Bodens und seines rauhen Klima’s, im Landbau, im Fabrikwesen, im Handel, in der Literatur, in den Wissenschaften, kurz in Allem was die Civilisation ausmacht, so bedeutende Fortschritte, wie die alte Welt sie nie gesehen und wie sie selbst in der neuen Welt kaum übertroffen worden sind.
Diese wunderbare Veränderung ist, wenn nicht einzig und allein, doch hauptsächlich dem nationalen Unterrichtssystem zuzuschreiben. Den Männern aber, durch welche dieses System eingeführt wurde, ist die Nachwelt keinen Dank schuldig. Sie wußten nicht was sie thaten; sie waren die unbewußten Werkzeuge der Aufklärung des Geistes und der Humanisirung der Herzen von Millionen. Ihr eigner Geist aber war so beschränkt und ihre Herzen so verhärtet wie die der Familiaren der Inquisition in Lissabon. In dem nämlichen Monate, in welchem die Acte zur Errichtung von Schulen mit dem Scepter berührt wurde, begannen die Häupter der Kirche und des Staats in Schottland mit Nachdruck zwei des zehnten Jahrhunderts würdige Verfolgungen, eine Verfolgung der Hexen und eine Verfolgung der Ungläubigen. Eine Anzahl unglücklicher Weiber, deren einziges Verbrechen darin bestand, daß sie alt und arm waren, wurden des Verkehrs mit dem Teufel angeklagt. Der Geheime Rath schämte sich nicht, ein Decret zur Prozessirung von zweiundzwanzig dieser unglücklichen Geschöpfe zu erlassen.[103] In den Läden der Edinburger Buchhändler wurde strenge Nachsuchung nach ketzerischen Schriften gehalten. Gottlose Bücher, zu denen die Weisen des Presbyteriums Thomas Burnet’s +Sacred Theory of the Earth+ rechneten, wurden aufs Strengste verboten.[104] Aber die bloße Vernichtung von Papier und Schafleder genügte den Bigotten nicht. Ihr Haß verlangte Opfer, welche Gefühl hatten, und sie ruhten nicht eher als bis sie ein Verbrechen verübt, wie es seitdem nie wieder unsre Insel geschändet hat.