Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Elfter Band: enthaltend Kapitel 21 und 22.

Part 19

Chapter 193,362 wordsPublic domain

[_Zusammentritt des Parlaments; Lage des Landes._] Während diese Dinge geschahen, begaben sich die Mitglieder der beiden Häuser aus allen Theilen des Landes nach Westminster. Nicht allein England, sondern ganz Europa sah der Eröffnung der Session mit der größten Spannung entgegen. Der öffentliche Credit hatte durch das Nichtzustandekommen der Landbank einen gewaltigen Stoß bekommen. Die Wiederherstellung der Valuta war noch nicht zur Hälfte vollendet. Der Mangel an Geld war noch immer äußerst empfindlich. Ein großer Theil des gemünzten Geldes wurde in geheime Schränke vergraben so wie es aus der Münze kam. Diejenigen Politiker, welche für die Erhöhung des Nominalwerthes der Münzen waren, hatten nur zu bereitwilliges Gehör bei einer unter schwerer Bedrängniß seufzenden Bevölkerung gefunden, und einmal schien die allgemeine Stimme der Nation auf ihrer Seite zu sein.[48] Natürlich häufte Jeder, der eine Herabsetzung des Münzfußes für wahrscheinlich hielt, soviel Geld auf als er irgend konnte, und so vermehrte das Geschrei nach kleinen Schillingen noch die Bedrängniß, aus der es entsprungen war.[49] Sowohl die Bundesgenossen als die Feinde England’s glaubten, daß seine Hülfsquellen erschöpft, daß sein Muth gebrochen sei, daß die Gemeinen, selbst in ruhigen und blühenden Zeiten so oft klagsüchtig und knauserig, sich jetzt entschieden weigern würden, eine neue Last zu tragen, und mit unwiderstehlichem Nachdruck darauf dringen würden, Frieden zu haben um jeden Preis.

[_Rede König Wilhelm’s bei Eröffnung der Session._] Doch alle diese Prophezeiungen wurden durch die Festigkeit und Geschicklichkeit der Whigführer und durch die Beharrlichkeit der Whigmajorität zu Schanden gemacht. Am 20. October traten die Häuser zusammen, Wilhelm hielt eine Rede an sie, die sich unter den vielen ausgezeichneten Reden, in denen seine eigenen Gedanken und Absichten in der würdevollen und verständigen Sprache Somers’ ausgedrückt sind, besonders auszeichnete. Man habe, sagte der König, alle Ursache, sich Glück zu wünschen. Allerdings seien die in der vorhergehenden Session zur Bestreitung der Kriegskosten votirten Gelder nicht aufgebracht worden und die Umprägung habe große Noth erzeugt. Dennoch aber habe der Feind auswärts keinen Vortheil erlangt, der Staat sei durch keine innere Erschütterung zerrissen worden, die Loyalität, welche die Armee und die Nation unter schweren Prüfungen bewiesen, habe alle Hoffnungen Derer vereitelt, welche England übelwollten. Es seien Friedensanträge gemacht worden, deren Erfolg noch ungewiß sei; soviel aber sei gewiß, daß es keinen sicheren und ehrenvollen Frieden für eine Nation geben könne, die nicht vorbereitet sei, den Krieg energisch fortzusetzen. „Ich bin überzeugt wir stimmen Alle in der Ansicht überein, daß wir nur mit dem Schwerte in der Hand mit Frankreich unterhandeln können.”

[_Beschlüsse des Hauses der Gemeinen._] Die Gemeinen kehrten in ihren Saal zurück und Foley verlas die Rede von seinem Stuhle herab. Darauf folgte eine Debatte, welche durch die ganze Christenheit wiederhallte. Das war der stolzeste Tag in Montague’s Leben und einer der stolzesten Tage in der Geschichte des englischen Parlaments. Im Jahre 1798 stellte Burke die Verhandlungen jenes Tages, den Staatsmännern, denen im Kampfe mit der riesigen Macht der französischen Republik der Muth gesunken war, als Beispiel auf. Im Jahre 1822 stellte Huskisson die Verhandlungen jenes Tages einer Legislatur, die sich unter dem Drucke einer harten Bedrängniß versucht fühlte, den Werthregulator zu ändern und gegen die Staatsgläubiger wortbrüchig zu werden, als Beispiel auf. Ehe das Haus auseinanderging, schlug der junge Kanzler der Schatzkammer, dessen überwiegender Einfluß seit dem lächerlichen Scheitern des toryistischen Finanzplanes unbestritten war, drei denkwürdige Beschlüsse vor und setzte sie durch. Der erste, der mit einem einzigen halblauten Nein angenommen wurde, erklärte, daß die Gemeinen den König gegen alle fremden und einheimischen Feinde unterstützen und ihn in den Stand setzen würden, den Krieg energisch fortzuführen. Der zweite, der zwar nicht ohne Opposition, doch ohne Abstimmung durchging, erklärte, daß der Münzfuß weder in Feingehalt, noch in Gewicht, noch in Benennung geändert werden sollte. Der dritte, gegen den nicht ein einziger Opponent der Regierung seine Stimme zu erheben wagte, machte es dem Hause zur Pflicht, alle Ausfälle in sämmtlichen seit der Thronbesteigung des Königs errichteten parlamentarischen Fonds zu decken. Die Aufgabe, eine Antwort auf die Thronrede zu entwerfen, wurde einem ausschließlich aus Whigs bestehenden Comité übertragen. Montague war Präsident, und die beredte und lebendige Adresse, die er aufsetzte, kann noch jetzt in den Protokollen mit Interesse und Stolz gelesen werden.[50]

Binnen vierzehn Tagen wurden dritthalb Millionen für den Militäraufwand des Jahres, und beinahe ebensoviel für den Marineaufwand bewilligt. Die Mittel zur Unterhaltung von vierzigtausend Seeleuten wurden ohne Streit bewilligt. Ueber die Stärke des Landheeres fand eine Abstimmung statt. Der König verlangte siebenundachtzigtausend Soldaten und die Tories hielten diese Zahl für zu hoch. Die Forderung des Königs wurde mit zweihundertdreiundzwanzig gegen siebenundsechzig Stimmen bewilligt.

Die Mißvergnügten schmeichelten sich einige Zeit mit der Hoffnung, daß die energischen Beschlüsse der Gemeinen nichts weiter als Beschlüsse bleiben, daß es sich als unmöglich herausstellen würde, den öffentlichen Credit wiederherzustellen, Vorschüsse von Kapitalisten zu erlangen, oder der nothleidenden Bevölkerung Steuern auszupressen, und daß daher die vierzigtausend Seeleute und die siebenundachtzigtausend Soldaten nur auf dem Papiere existiren würden. Howe, der am ersten Tage der Session schüchterner gewesen, als man es bei ihm gewohnt war, versuchte acht Tage später, dem Ministerium entgegenzutreten. „Der König,” sagte er, „muß schlecht unterrichtet sein, sonst würde Se. Majestät nimmermehr das Parlament über den ruhigen Zustand des Landes beglückwünscht haben. Ich komme aus Gloucestershire, und ich kenne diesen Theil des Königreichs genau. Die Leute leben dort alle von Almosen oder sind durch Almosengeben ruinirt. Der Soldat verschafft sich seine Bedürfnisse mit dem Säbel in der Hand. Es haben bereits ernste Tumulte stattgefunden und noch ernstere sind zu befürchten.” Die Mißbilligung des Hauses sprach sich nachdrücklich aus. Mehrere Mitglieder erklärten, daß in ihren Grafschaften Alles ruhig sei. Wenn Gloucestershire sich in einem unruhigeren Zustand befinde als das übrige England, könne dies nicht daher rühren, daß es mit einem böswilligeren und gewissenloseren Agitator beglückt sei als irgend ein andrer Theil England’s einen aufzuweisen habe? Einige Gentlemen aus Gloucestershire bestritten Howe auch die von ihm behaupteten Thatsachen. Es herrschte dort, sagten sie, keine solche Noth, keine solche Unzufriedenheit, keine solche Unruhe wie er sie geschildert habe. In dieser wie in jeder andren Grafschaft sei die große Masse der Bevölkerung fest entschlossen, den König so lange in der kräftigen Fortführung des Kriegs zu unterstützen, bis er einen ehrenvollen Frieden schließen könnte.[51]

[_Rückkehr des Wohlstandes._] Thatsächlich war die Fluth bereits im Zurückgehen begriffen. Von dem Augenblicke an wo die Gemeinen ihren festen Entschluß kundgaben, den Nominalwerth der Münzen nicht zu erhöhen, begann das geprägte Geld aus tausend Geldkassen und geheimen Fächern wieder zum Vorschein zu kommen. Es herrschte zwar noch Geldmangel, aber er wurde von Tag zu Tag weniger fühlbar. Die Nation war, obwohl noch immer leidend, von Freude und Dankbarkeit erfüllt. Ihre Stimmung glich der eines Menschen, welcher, nachdem er lange von einer Krankheit gepeinigt worden ist, die ihm das Leben verbitterte, sich endlich entschlossen hat, sich dem Messer des Wundarztes zu unterwerfen, eine schmerzhafte Operation glücklich bestanden hat und zwar noch die Schmerzen des Stahles fühlt, aber viele Jahre der Gesundheit und des heiteren Lebensgenusses vor sich sieht und Gott dankt, daß das Schlimmste überstanden ist.

Schon vier Tage nach dem Zusammentritt des Parlaments nahm der Handelsverkehr einen bemerkbaren Aufschwung. Der Discont auf Banknoten war um ein Dritttheil niedriger. Der Preis der Kerbhölzer, welche nach einem aus einem rohen Zeitalter auf uns gekommenen Gebrauch als Quittungen für an die Schatzkammer geleistete Zahlungen gegeben wurden, war gestiegen, der Wechselcours, der seit mehreren Monaten für England sehr ungünstig stand, begann in die Höhe zu gehen.[52]

[_Einfluß der Maßnahmen des Hauses der Gemeinen auf die auswärtigen Regierungen._] Bald machte sich die Wirkung der edlen Festigkeit des Hauses der Gemeinen an jedem europäischen Hofe fühlbar. Das Haus war sogar in einer so freudigen Stimmung, daß es dem Könige schwer wurde, die Whigs von der Beantragung und Durchsetzung einer Resolution abzuhalten, nach welcher ihm eine Adresse überreicht werden sollte, die ihn ersuchte, sich in keine Unterhandlung mit Frankreich einzulassen, bis es ihn als König von England anerkannt habe.[53] Eine solche Adresse war unnöthig. Die Beschlüsse des Parlaments hatten Ludwig bereits die Ueberzeugung aufgedrungen, daß keine Aussicht zu einer Contrerevolution war. Ebensowenig Aussicht war dazu vorhanden, daß es ihm gelingen werde, den Vergleich zu Stande zu bringen, auf den er im Laufe der Unterhandlungen hingedeutet hatte. Es war nicht zu hoffen, daß Wilhelm oder die englische Nation jemals darein willigen würde, die englische Thronfolge zu einem Handelsobjecte mit Frankreich zu machen. Und selbst wenn Wilhelm und die englische Nation geneigt gewesen wären, den Frieden mit einem solchen Opfer des Ansehens zu erkaufen, würde es auf einer andren Seite unüberwindliche Schwierigkeiten gegeben haben. Jakob konnte von dem Auskunftsmittel, welches Ludwig vorgeschlagen, gar nicht sprechen hören. „Ich kann es ertragen,” sagte der Verbannte zu seinem Wohlthäter, „ich kann es mit christlicher Geduld ertragen, von dem Prinzen von Oranien beraubt zu sein; nie aber werde ich darein willigen, von meinem eigenen Sohne beraubt zu werden.” Ludwig erwähnte den Gegenstand auch nie wieder, Callieres erhielt Befehl, das Zugeständniß zu machen, von welchem der Friede der civilisirten Welt abhing. Er und Dykvelt kamen zusammen in den Haag zu dem Baron Lilienroth, dem Repräsentanten des Königs von Schweden, dessen Vermittelung die kriegführenden Mächte angenommen hatten. Dykvelt theilte Lilienroth mit, daß der Allerchristlichste König sich verpflichtet habe, den Prinzen von Oranien als König von Großbritannien anzuerkennen, sobald der Friedenstractat unterzeichnet sein würde, und er setzte mit einer sehr deutlichen Anspielung auf den von Frankreich vorgeschlagenen Vergleich hinzu, daß die Anerkennung ohne Beschränkung, Bedingung, oder Vorbehalt stattfinden werde. Callieres erklärte sodann, daß er das was Dykvelt gesagt habe, im Namen seines Gebieters betätige.[54] Ein Brief von Prior, der die erfreuliche Nachricht enthielt, wurde Jakob Vernon, dem Unterstaatssekretär, im Hause der Gemeinen übergeben. Die Nachricht lief durch die Bänke -- so drückt Vernon sich aus -- wie Feuer über ein Stoppelfeld. Jedes Herz war von einer Last befreit und Alles war Freude und Triumph.[55] Die whiggistischen Mitglieder konnten sich allerdings mit gutem Grunde Glück wünschen, denn der Weisheit und Entschlossenheit, die sie in einem Augenblicke der größten Gefahr und Noth bewiesen hatten, verdankte ihr Vaterland die nahe Aussicht auf einen ehrenvollen Frieden.

[_Besserung der Finanzen._] Inzwischen war der öffentliche Credit, der im Herbste auf den Nullpunkt gesunken war, in raschem Steigen begriffen. Gewöhnliche Finanzmänner waren starr vor Entsetzen, als sie erfuhren, daß zur Deckung der Ausfälle früherer Jahre mehr als fünf Millionen erfordert würden. Montague aber war kein gewöhnlicher Finanzmann. Ein von ihm vorgeschlagener kühner und einfacher Plan, im Volksmunde die Generalverpfändung (+General Mortgage+) genannt, stellte das Vertrauen wieder her. Es wurden neue Steuern ausgeschrieben, alte erhöht oder verlängert und so ein consolidirter Fond gebildet, der hinreichte, um jeder gerechten Anforderung an den Staat zu begegnen. Zu gleicher Zeit wurde die Bank von England durch eine neue Subscription erweitert, und die Bestimmungen wegen Einzahlung der Subscriptionsbeträge wurden solchergestalt entworfen, daß sowohl der Werth der Noten der Corporation als auch der der Staatsschuldscheine stieg.

Inzwischen floß das neue Silbergeld rascher als je aus den Münzstätten. Die Noth, welche am 4. Mai 1696 begann, während der nächsten fünf Monate fast unerträglich war und von dem Tage, an welchem die Gemeinen erklärten, daß es ihr unabänderlicher Entschluß sei, den alten Münzfuß beizubehalten, leichter wurde, hörte im März 1697 auf, schmerzlich gefühlt zu werden. Einige Monate sollten jedoch noch vergehen, bevor sich der Credit von dem furchtbarsten Stoße, den er je erhalten hatte, vollkommen wieder erholte. Aber schon war der tiefe und feste Grund gelegt, auf dem sich das riesigste Gebäude von Handelsblüthe erheben sollte, das die Welt je gesehen. Die große Masse der Whigs schrieb die Wiedergenesung des Staats dem Genie und der Festigkeit ihres Führers Montague zu. Selbst seine Feinde mußten, wenn auch mit Unmuth und mit höhnischem Lächeln, gestehen, daß jeder seiner Pläne gelungen sei: die erste Banksubscription, die zweite Banksubscription, die Umprägung, die allgemeine Verpfändung und die Schatzkammerscheine. Einige Tories aber murmelten, daß er nicht mehr Lob verdiene als ein Verschwender, der sein ganzes Vermögen aufs Spiel setzt und der fortwährend Glück hat. England habe zwar glücklich eine furchtbare Krisis überstanden und sei um so kräftiger, weil es dieselbe bestanden; aber es sei in großer Gefahr gewesen unterzugehen, und der Minister, der es dieser Gefahr ausgesetzt habe, verdiene nicht gelobt, sondern gehängt zu werden. Andere gaben zu, daß die Pläne, welche allgemein Montague zugeschrieben wurden, vortrefflich seien, leugneten aber, daß diese Pläne Montague angehörten. Die Stimme der Verleumdung wurde jedoch auf einige Zeit durch den lauten Beifall des Parlaments und der City übertäubt. Die Autorität, welche der Kanzler der Schatzkammer im Hause der Gemeinen besaß, war ohne Beispiel und ohne Rivalität. Auch im Cabinet nahm sein Einfluß mit jedem Tage zu. Im Schatzamte war ihm Keiner mehr überlegen. In Folge des Fenwick’schen Bekenntnisses war der letzte Tory, der ein hohes und einflußreiches Amt im Staate bekleidete, entfernt worden, und es gab endlich ein reines Whigministerium.

[_Folgen des Fenwick’schen Bekenntnisses._] Man hatte es nicht verhindern können, daß Gerüchte über dieses Bekenntniß in Umlauf kamen. Der Gefangene hatte sogar Mittel gefunden sich mit seinen Freunden in Communication zu setzen und hatte ihnen wahrscheinlich zu wissen gethan, daß er nichts gegen sie, sehr viel aber gegen die Creaturen des Usurpators gesagt habe. Wilhelm wünschte die Sache den gewöhnlichen Gerichten zu überlassen und wollte durchaus nicht, daß sie anderwärts untersucht würde. Seine Räthe aber, welche die Denkweise zahlreicher und getheilter Versammlungen besser kannten als er, waren der Meinung, daß eine parlamentarische Discussion wenn auch vielleicht nicht wünschenswerth, doch unvermeidlich sei. Es stand in der Macht eines einzelnen Mitglieds jedes der beiden Häuser, eine solche Discussion zu erzwingen, und es gab in beiden Häusern Mitglieder, welche entweder aus Pflichtgefühl oder aus bloßem Hang zum Unheilstiften, entschlossen waren zu erfahren, ob der Angeklagte, wie erzählt wurde, gegen einige der vornehmsten Männer des Königreichs schwere Beschuldigungen erhoben habe. Wenn einmal eine Untersuchung stattfinden mußte, so war es gewiß wünschenswerth, daß die beschuldigten Staatsmänner zuerst darauf antrugen. Es war jedoch eine große Schwierigkeit dabei. Die Whigs, welche die Majorität des Unterhauses bildeten, waren bereit, wie ein Mann für die völlige Freisprechung Russell’s und Shrewsbury’s zu stimmen, und sie verlangten auch nicht danach, Marlborough, der nicht mehr im Staatsdienste war und daher wenig Neid erweckte, ein Brandmal aufzudrücken. Aber eine große Anzahl ehrenwerther Gentlemen, wie Wharton sie nannte, war durch nichts zu bewegen, einem Beschlusse beizutreten, der Godolphin freigesprochen hätte. Ihnen war Godolphin ein Dorn im Auge. Alle übrigen Tories, welche in den ersten Jahren der Regierung Wilhelm’s eine Hauptrolle bei der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten gespielt hatten, waren nach einander entlassen worden. Nottingham, Trevor, Leeds waren nicht mehr am Ruder. Pembroke war kaum ein Tory zu nennen und war niemals wirklich am Ruder gewesen, Godolphin aber bekleidete seinen Posten in Whitehall noch, und den Männern der Revolution schien es unerträglich, daß ein Mann, der im Staatsrathe Karl’s und Jakob’s gesessen und für eine Regentschaft gestimmt hatte, erster Finanzminister war. Die so Denkenden hatten mit boshafter Schadenfreude erfahren, daß der erste Lord des Schatzes in dem Bekenntnisse genannt war, von dem Jedermann sprach, und sie hatten sich vorgenommen, eine so günstige Gelegenheit, ihn aus dem Amte zu vertreiben, nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen. Auf der andren Seite mußte Jeder, der Fenwick’s Schrift gelesen und nicht im Rausche der Parteileidenschaft allen Sinn für Vernunft und Gerechtigkeit verloren hatte, nothwendig einsehen, daß es unmöglich war, zwischen zwei Theilen dieser Schrift einen Unterschied zu machen und alles auf Russell und Shrewsbury Bezügliche als falsch, alles auf Godolphin Bezügliche als wahr zu betrachten. Dies gab selbst Wharton zu, der von allen Staatsmännern am wenigsten von Gewissensscrupeln oder von Schamgefühlsregungen beunruhigt wurde.[56]

[_Godolphin’s Rücktritt._] Hätte Godolphin sich beharrlich geweigert, seine Stelle aufzugeben, so würden die Whighäupter in eine höchst unangenehme Verlegenheit gerathen sein. Aber ein Staatsmann von nicht gewöhnlicher Gewandtheit übernahm es, sie aus ihrer Verlegenheit zu reißen. In der Kunst, in den Herzen der Menschen zu lesen und sie zu leiten, hatte Sunderland nicht seines Gleichen, und er wünschte, wie er dies schon seit mehreren Jahren that, alle hohen Aemter im Königreiche mit Whigs besetzt zu sehen. Durch seine geschickte Bearbeitung wurde Godolphin bewogen, sich ins königliche Cabinet zu begeben und um die Erlaubniß zu bitten, sich aus dem Staatsdienste zurückzuziehen, und Wilhelm gab diese Erlaubniß mit einer Bereitwilligkeit, über welche Godolphin weit mehr erstaunt als erfreut war.[57]

[_Stimmung der Whigs über Fenwick._] Eines von den Mitteln, welche die Whigjunta anwendete, um in allen Reihen der Whigs eine noch nie dagewesene Disciplin einzuführen und aufrechtzuerhalten, war die häufige Abhaltung von Zusammenkünften der Mitglieder des Hauses der Gemeinen. Einige dieser Zusammenkünfte waren zahlreich, andere waren gewählt. Die zahlreicheren wurden in der „Rose” gehalten, einer in den politischen Libellen jener Zeit häufig genannten Taverne;[58] die kleineren bei Russell in Covent Garden, oder bei Somers in Lincoln’s Inn Fields.

An dem Tage, an welchem Godolphin sein hohes Amt niederlegte, wurden zwei gewählte Meetings veranstaltet. Am Morgen war Russell’s Haus der Zusammenkunftsort. Am Nachmittag fand sich eine zahlreiche Gesellschaft bei dem Lordsiegelbewahrer ein. Fenwick’s Bekenntniß, das bis dahin wahrscheinlich den meisten Anwesenden nur vom Hörensagen bekannt war, wurde vorgelesen. Die Entrüstung der Zuhörer wurde in hohem Grade erregt, namentlich durch eine Stelle, welche sagen zu wollen schien, daß nicht allein Russell, nicht allein Shrewsbury, sondern die große Masse der Whigpartei im Herzen jakobitisch sei, und zwar schon seit langer Zeit. „Der Mensch behauptet,” sagte man, „daß selbst das Mordcomplot ein whiggistischer Anschlag gewesen sei.” Die allgemeine Ansicht war, daß man über eine solche Beschuldigung nicht leicht hinweggehen dürfe. Es müsse eine feierliche Debatte und Entscheidung im Parlamente stattfinden. Das beste Verfahren werde sein, wenn der König selbst zu dem Gefangenen ginge und ihn verhörte und wenn Russell dann um die königliche Erlaubniß nachsuchte, den Gegenstand vor das Haus der Gemeinen zu bringen. Da Fenwick für die Geschichten, die er erzählte, keine andre Autorität zu haben behaupte als bloßes Hörensagen, so könne es nicht schwer halten, eine Resolution, die ihn als Verleumder brandmarkte, und eine Adresse an den Thron durchzubringen, welche um seine sofortige Prozessirung wegen Hochverraths ersuchte.[59]

[_Wilhelm verhört Fenwick._] Die Ansicht der Versammlung wurde Wilhelm durch seine Minister mitgetheilt, und er verstand sich, wenn auch nicht ohne Widerstreben, dazu, mit dem Gefangenen zu sprechen. Fenwick wurde in das königliche Cabinet zu Kensington gebracht. Einige von den hohen Staatsbeamten und die Kronanwälte waren anwesend. „Ihre Schrift, Sir John,” sagte der König, „ist ganz und gar unbefriedigend. Anstatt mir eine Darstellung der von Ihnen und Ihren Mitschuldigen geschmiedeten Complots zu geben, deren Details Ihnen alle genau bekannt sein müssen, erzählen Sie mir Geschichten ohne Autorität, ohne Daten, ohne Ortsangaben, von Cavalieren und Gentlemen, mit denen Sie gar nicht in Verkehr gestanden zu haben behaupten. Kurz, Ihr Bekenntniß scheint offenbar eine Erdichtung zu sein, welche Diejenigen, die wirklich Anschläge gegen mich entworfen haben, meinen Blicken verbergen und mich veranlassen will, Diejenigen, denen ich guten Grund habe Vertrauen zu schenken, mit Mißtrauen zu betrachten und aus meiner Nähe zu entfernen. Wenn Sie auf irgend eine Vergünstigung von mir hoffen, so geben Sie mir diesen Augenblick und hier an dieser Stelle eine vollständige und offene Darlegung dessen was Sie aus Sich selbst wissen.” Fenwick erwiederte, dieses Verlangen treffe ihn zu unvorbereitet, und bat um Zeit. „Nein, Sir,” sagte der König, „wozu können Sie Zeit brauchen? Sie können nur dann Zeit brauchen, wenn Sie eine zweite Schrift wie diese aufsetzen wollen. Aber was ich von Ihnen verlange, ist eine einfache Erzählung dessen was Sie selbst gethan und gesehen haben, und eine solche Erzählung können Sie, wenn Sie sonst wollen, ohne Feder und Tinte geben.” Fenwick weigerte sich auf das Bestimmteste, irgend etwas zu sagen. „Nun, es sei denn,” sagte Wilhelm. „So will ich weder von Ihnen noch über Sie weiter etwas hören.”[60]

Fenwick wurde in sein Gefängniß zurückgeführt. Er hatte bei dieser Audienz eine Kühnheit und Entschiedenheit gezeigt, welche Diejenigen, die sein Benehmen beobachtet hatten, in Erstaunen setzten. Während der ganzen bisherigen Dauer seiner Haft hatte er stets ängstlich und muthlos geschienen und doch hatte er jetzt, bei dem Wendepunkte seines Schicksals, dem Zorne des Fürsten getrotzt, den er kurz zuvor demüthig um Nachsicht angefleht. In wenigen Stunden wurde das Räthsel aufgeklärt. Unmittelbar vor seiner Vorladung nach Kensington hatte er von seiner Gattin die Mittheilung erhalten, daß sein Leben nicht gefährdet sei, daß nur ein Belastungszeuge gegen ihn existire, daß es ihr und ihren Freunden gelungen sei, Goodman zu bestechen.[61]