Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Vierter Band
Part 6
[_Admiral Herbert._] Arthur Herbert war bei den Seeleuten sehr beliebt und galt für einen der tüchtigsten adeligen Marineoffiziere. Man hatte allgemein vermuthet, daß er sich den Wünschen des Königs bereitwillig fügen werde, denn er fragte wenig nach der Religion, war vergnügungslustig und verschwenderisch, hatte kein Privatvermögen, bezog aus seinen Stellen ein jährliches Einkommen von viertausend Pfund und wurde seit langer Zeit zu den ergebensten persönlichen Anhängern Jakob’s gerechnet. Als aber der Contreadmiral im Privatkabinet vorgenommen und das Versprechen von ihm verlangt wurde, daß er für die Aufhebung der Testacte stimmen wolle, antwortete er, seine Ehre und sein Gewissen erlaubten ihm nicht, ein solches Versprechen zu geben. „Niemand zweifelt an Ihrer Ehre“, sagte der König, „aber ein Mann, der so lebt wie Sie, sollte nicht von seinem Gewissen sprechen.“ Auf diesen Vorwurf, einen Vorwurf, der dem Geliebten der Katharine Sedley übel anstand, erwiederte Herbert mit männlicher Offenheit: „Ich habe meine Fehler, Sire, aber ich könnte Leute nennen, welche viel häufiger von ihrem Gewissen sprechen als ich und dabei ein eben so lockeres Leben führen.“ Er wurde aller seiner Stellen entsetzt und die Rechnung über seine Ausgaben und Einnahmen als Kammerherr wurden mit großer und, wie er klagte, ungerechter Strenge geprüft.[31]
Es war jetzt augenscheinlich, daß jede Hoffnung auf ein Bündnis zwischen der anglikanischen und römischen Kirche zu dem Zwecke, die Ämter und Einnahmen unter sich zu theilen und die puritanischen Secten zu unterdrücken, aufgegeben werden mußte. Es blieb weiter nichts übrig, als der Versuch, eine Koalition zwischen der römischen Kirche und den puritanischen Secten gegen die anglikanische Kirche zu Stande zu bringen.
[Anmerkung 31: Barillon, 14.(24.) März 1687; Lord Russell an +Dr.+ Fitzwilliam, 1. April; +Burnet I. 671, 672+. In +Clarke’s Life of James the Second, II. 204+ ist die Unterredung etwas anders erzählt. Diese Stelle aber ist kein Theil der eigenen Memoiren des Königs.]
[_Die Indulgenzerklärung._] Am 18. März kündigte der König dem Geheimen Rathe an, daß er beschlossen habe, das Parlament bis Ende November zu prorogiren und allen seinen Unterthanen aus eigner Machtvollkommenheit völlige Gewissensfreiheit zu gewähren.[32] Am 4. April erschien die denkwürdige Indulgenzerklärung.
In dieser Erklärung sagte der König, es sei sein innigster Wunsch, seine Unterthanen als Mitglieder derjenigen Kirche zu sehen, der er selbst angehöre. Da dies aber nicht sein könne, erkläre er, daß es seine Absicht sei, sie in der freien Ausübung ihrer Religion zu schützen. Er wiederholte alle die schönen Redensarten, welche acht Jahre früher, als er selbst ein Unterdrückter war, so oft aus seinem Munde kamen, die er aber nicht mehr gebrauchte, seitdem ein Wechsel des Glücks ihm die Macht verliehen hatte, selbst ein Unterdrücker zu werden. Er sei schon längst überzeugt, sagte er, daß man dem Gewissen keinen Zwang anthun dürfe, daß Verfolgungen der Zunahme der Bevölkerung und dem Handel nachtheilig seien und nie zu dem Zwecke führten, den die Verfolger erreichen wollten. Er wiederholte das schon oft gegebene und eben so oft gebrochene Versprechen, daß er die Staatskirche im Genusse ihrer gesetzlichen Rechte schützen wolle. Hierauf erklärte er, ebenfalls aus eigner Machtvollkommenheit, eine lange Reihe von Gesetzen für null und nichtig, hob alle Strafbestimmungen gegen alle Klassen von Nonconformisten auf, ermächtigte die römischen Katholiken wie auch die protestantischen Dissenters, ihren Gottesdienst öffentlich zu halten, verbot seinen Unterthanen bei Strafe seines allerhöchsten Mißfallens, irgend eine religiöse Versammlung zu stören, und schaffte auch alle diejenigen Gesetze ab, welche die Befähigung zu bürgerlichen und militairischen Ämtern von einem Religionseide abhängig machten.[33]
Daß die Indulgenzerklärung verfassungswidrig war, darüber sind beide große Parteien Englands zu allen Zeiten einig gewesen. Jeder, der in politischen Fragen ein Urtheil hat, muß einsehen, daß ein Fürst, der eine solche Erklärung erlassen darf, nichts Geringeres ist als ein absoluter Monarch. Auch kann man zur Vertheidigung dieser Handlung Jakob’s nicht die Gründe geltend machen, mit denen viele willkürliche Maßregeln der Stuarts vertheidigt oder entschuldigt worden sind. Man kann nicht sagen, daß er den Umfang seiner Prärogative verkannt habe, weil sie nicht genau bestimmt gewesen sei, denn er überschritt die Grenze angesichts einer ganz kürzlich erst festgestellten Grenzmarke. Funfzehn Jahre früher hatte sein Bruder auf Anrathen der Cabale auch eine Indulgenzerklärung erlassen, welche im Vergleich zu der Erklärung Jakob’s gemäßigt und vorsichtig genannt werden konnte. Die Erklärung Karl’s dispensirte nur von Strafgesetzen, die Erklärung Jakob’s dispensirte auch von allen Religionseiden. Die Erklärung Karl’s gestattete den Katholiken, nur in Privatwohnungen ihren Gottesdienst zu halten, nach der Erklärung Jakob’s konnten sie Tempel bauen und ausschmücken und sogar mit Kreuzen, Bildern und Rauchfässern in Prozession durch Fleet Street ziehen. Dennoch war die Erklärung Karl’s in alter Form für gesetzwidrig erklärt worden. Die Gemeinen hatten sich dahin ausgesprochen, daß der König nicht befugt sei, in kirchlichen Angelegenheiten von Gesetzen zu dispensiren. Karl hatte hierauf das mißliebige Schriftstück vor seinen Augen vernichten lassen, hatte mit eigner Hand das Siegel davon abgerissen und sowohl durch eine von ihm eigenhändig unterschriebene Botschaft als auch mündlich vom Throne herab in vollem Parlament beiden Häusern fest versprochen, daß der Schritt, der so großen Anstoß gegeben, als nie geschehen betrachtet werden solle. Die beiden Häuser hatten dann ohne eine einzige opponirende Stimme eine gemeinschaftliche Dankadresse für diese Erfüllung ihrer Wünsche an ihn gerichtet. Nie war eine Verfassungsfrage mit reiflicherer Erwägung, mit unzweideutigerer Klarheit und mit vollkommnerer Einhelligkeit entschieden worden.
Jakob’s Vertheidiger haben zu seiner Entschuldigung häufig das Erkenntniß anführt, welches der Gerichtshof der Kings Bench in der abgekarteten Klage gegen Sir Eduard Hales abgab; aber dieser Entschuldigungsgrund hat gar kein Gewicht. Jakob hatte diesen Ausspruch notorisch durch Bitten, durch Drohungen, durch Entlassung gewissenhafter Beamten und durch Besetzung der Richterbank mit anderen höfischer gesinnten Richtern erlangt. Und obgleich dieses Erkenntniß von der Advokatur wie von der Nation allgemein für verfassungswidrig erklärt wurde, erstreckte es sich doch nur so weit, daß der König aus besonderen Staatsgründen einzelnen Individuen Dispensationen von ausschließenden Gesetzen bewilligen dürfe. Daß er durch ein Alles über den Haufen werfendes Edict alle seine Unterthanen ermächtigen konnte, ganze Bände von Gesetzen nicht mehr zu befolgen, dies hatte kein Gerichtshof angesichts der feierlichen Entscheidung des Parlaments von 1673 zu behaupten gewagt.
[Anmerkung 32: +London Gazette, March 21, 1686/7.+]
[Anmerkung 33: +London Gazette, April 7+. 1087.]
[_Stimmung der protestantischen Dissenters._] Die Stellung der Parteien war jedoch von der Art, daß Jakob’s Indulgenzerklärung, obgleich der kühnste von allen Angriffen der Stuarts auf die öffentliche Freiheit, wohl geeignet war, gerade demjenigen Theile der Gesellschaft zu gefallen, der allen anderen Angriffen der Stuarts auf die öffentliche Freiheit den beharrlichsten Widerstand entgegengesetzt hatte. Es stand kaum zu erwarten, daß der durch ein hartes und streng gehandhabtes Gesetzbuch von seinen Landsleuten getrennte protestantische Nonconformist geneigt sein werde, die Gültigkeit eines Erlasses zu bestreiten, der ihn von unerträglichen Bedrückungen erlöste. Ein kalter und philosophischer Beobachter würde ohne Zweifel erklärt haben, daß alles Übel, das aus allen intoleranten Gesetzen, welche je von Parlamenten erlassen wurden, hervorgehen könne, nicht zu vergleichen sei mit dem Unheil, welches durch eine Übertragung der gesetzgebenden Gewalt vom Parlament auf den Souverain entstehen würde. Aber eine so ruhige und philosophische Überlegung kann man nicht von Leuten erwarten, die unter einem vorhandenen Drucke seufzen und denen die lockende Aussicht auf sofortige Erleichterung dargeboten wird. Ein puritanischer Theolog konnte allerdings nicht leugnen, daß die jetzt von der Krone beanspruchte Dispensationsgewalt mit den Grundprinzipien der Verfassung unvereinbar war. Aber es war vielleicht zu entschuldigen, wenn er fragte, was die Verfassung eigentlich für ihn sei. Die Gleichförmigkeitsacte hatte ihn trotz königlicher Versprechungen von einer Pfründe vertrieben, die sein rechtmäßiges Eigenthum war, und hatte ihn in Armuth und Abhängigkeit zurückgeworfen. Die Fünfmeilenacte hatte ihn von seiner Heimath, von seinen Verwandten, von seinen Freunden, von fast jedem öffentlichen Zufluchtsorte verbannt. Kraft der Conventikelacte war er seines Vermögens beraubt und aus einem schmutzigen Kerker in den andren mitten unter Straßenräuber und Diebe geworfen worden. Außerhalb des Gefängnisses wurde er beständig von den Gerichtsdienern verfolgt; er hatte Angeber durch Geldgeschenke zum Schweigen bringen, hatte sich in schimpflicher Verkleidung durch Fenster und Fallthüren heimlich zu seiner Gemeinde schleichen müssen, und während er das geweihte Wasser auf den Täufling sprengte oder das Brod des heiligen Abendmahls austheilte, hatte er in beständiger Angst auf das Zeichen horchen müssen, welches ihm sagte, daß die Sbirren der Justiz sich näherten. War es nicht bitterer Hohn, einen so ausgeplünderten und bedrückten Mann aufzufordern, daß er für das Eigenthum und die Freiheit seiner Plünderer und Bedrücker zum Märtyrer werden solle? Mochte die Indulgenzerklärung seinen glücklichen Nachbarn noch so despotisch erscheinen, ihm brachte sie Erlösung. Er wurde aufgefordert, nicht zwischen der Freiheit und der Knechtschaft, sondern zwischen zwei Jochen zu wählen, und es wäre nicht unnatürlich gewesen, wenn er das Joch des Königs für erträglicher gehalten hätte als das der Kirche.
[_Stimmung der anglikanischen Kirche._] Während solche Gedanken die Gemüther vieler Dissenters beschäftigten, war die anglikanische Partei in Angst und Bestürzung. Diese neue Wendung der Dinge war in der That beunruhigend. Das Haus Stuart im Bunde mit republikanischen und königsmörderischen Secten gegen die alten Kavaliere Englands; der Papismus im Bunde mit dem Puritanismus gegen ein kirchliches System, an welchem die Puritaner nichts weiter auszusetzen hatten, als daß es zuviel Papistisches beibehalten: das waren Zeichen und Wunder, welche alle Berechnungen der Staatsmänner über den Haufen warfen. Die Kirche sollte also mit einem Male von allen Seiten angegriffen werden, und zwar unter der Leitung Dessen, der ihrer Verfassung nach ihr Oberhaupt war. Es war kein Wunder, wenn sie von Erstaunen und Entsetzen ergriffen wurde. Und zu dem Erstaunen und dem Entsetzen gesellten sich noch andere bittere Gefühle: Groll gegen den meineidigen Fürsten, dem sie nur zu treu gedient, und Reue über die Grausamkeiten, die sie in Gemeinschaft mit ihm verübt hatte und für die er sie jetzt, wie es schien, bestrafen wollte. Ihre Strafe war gerecht, sie erntete was sie gesäet hatte. Als nach der Restauration ihre Macht den Höhepunkt erreicht, hatte sie nur Rache geschnaubt. Sie hatte die Stuarts aufgefordert, gedrängt, fast gezwungen, die kürzlich geleisteten Dienste der Presbyterianer mit schnödem Undanke zu vergelten. Hätte sie sich in jener Zeit ihrer höchsten Blüthe, wie es ihr geziemte, ihrer Feinde angenommen, so würde sie jetzt, in der Zeit der Noth, Freunde in ihnen gefunden haben. Vielleicht war es noch nicht zu spät, vielleicht konnte sie noch die Taktik ihres Bedrückers gegen ihn selbst kehren. Es gab unter den Anglikanern eine gemäßigte Partei, welche den protestantischen Dissenters immer freundlich gesinnt gewesen war. Allerdings war diese Partei nicht zahlreich, aber die Talente, Kenntnisse und Tugenden ihrer Mitglieder machten sie achtunggebietend. Sie war von den höchsten Würdenträgern der Kirche nicht mit günstigem Auge betrachtet und von den Frömmlern aus der Schule Laud’s schonungslos verunglimpft worden; aber von dem Tage, an welchem die Indulgenzerklärung erschien, bis zu dem Tage, wo Jakob’s Macht aufhörte Schrecken einzuflößen, schien die ganze Kirche von dem Geiste der verleumdeten Latitudinarier beseelt zu sein und von ihren Rathschlägen geleitet zu werden.
[_Der Hof und die Kirche._] Nun folgte eine Art von Versteigerung, die sonderbarste, von der uns die Geschichte erzählt. Der König auf der einen, die Kirche auf der andren Seite begannen einander zu überbieten, um die Gunst Derer zu erlangen, zu deren Unterdrückung sie bis dahin verbündet gewesen waren. Die protestantischen Dissenters, die noch vor wenigen Monaten eine verachtete und geächtete Klasse gewesen waren, hielten jetzt die Wage der Macht in ihrer Hand. Die Härte, mit der sie behandelt worden waren, wurde allgemein verdammt. Der Hof suchte die ganze Schuld auf die Hierarchie zu wälzen, und die Hierarchie warf sie zurück auf den Hof. Der König erklärte, daß er die Separatisten wider Willen nur deshalb verfolgt habe, weil seine Angelegenheiten in einem Zustande gewesen wären, bei dem er es nicht hatte wagen dürfen, dem Klerus der Staatskirche zu nahe zu treten. Dieser versicherte, daß er nur aus Ehrerbietung vor der Autorität des Königs an einer Strenge Theil genommen habe, die seinen Gefühlen durchaus fremd sei. Der König brachte eine Sammlung von Anekdoten von Rectoren und Vikaren zusammen, welche durch Androhung von Verfolgung von protestantischen Dissenters Geld erpreßt hatten. Er sprach häufig und öffentlich über diesen Gegenstand, drohte mit einer Untersuchung, welche die Pfarrer der ganzen Welt in ihrem wahren Character zeigen werde und erließ in der That mehrere Verordnungen, durch welche Agenten, auf die er sich verlassen zu können glaubte, ermächtigt wurden, den Betrag der Summen zu ermitteln, welche in verschiedenen Landestheilen von Bekennern der herrschenden Religion Sectirern abgepreßt worden waren. Die Vertheidiger der Landeskirche führten dagegen Beispiele von rechtschaffenen Pfarrern an, welche vom Hofe Verweise und Drohungen erhalten, weil sie auf der Kanzel Duldsamkeit empfohlen und sich geweigert hatten, kleine Gemeinden von Nonconformisten auszuspüren und zu Tode zu hetzen. Der König behauptete, daß einige Mitglieder der Staatskirche, die er privatim vorgenommen, sich erboten hatten, den Katholiken ausgedehnte Zugeständnisse zu machen, unter der Bedingung, daß die Verfolgung gegen die Puritaner ihren Fortgang behalte. Die angeklagten Anhänger der Staatskirche leugneten heftig die Wahrheit dieser Beschuldigung und behaupteten, daß, wenn sie sich mit dem, was der König für seine eigene Kirche verlangte, einverstanden erklärt hätten, er ihnen sehr gern gestattet haben würde, sich durch Verfolgung und Ausplünderung protestantischer Dissenters zu entschädigen.[34]
Der Hof hatte seine Physiognomie verändert. Die Schärpe und der Priesterrock der anglikanischen Geistlichen konnten sich daselbst kaum noch sehen lassen ohne spöttisches Lächeln und boshaftes Geflüster hervorzurufen. Die Hofdamen erlaubten sich nicht mehr zu kichern und die Kammerherren verbeugten sich bis zur Erde, wenn sich das puritanische Gesicht und die puritanische Tracht, welche in den vornehmen Zirkeln so lange Zeit Lieblingsgegenstände des Spotts gewesen waren, in den Gallerien des Palastes zeigten. Taunton, das zwei Generationen hindurch die Veste der Rundkopfpartei im Westen gewesen war, das die Armeen Karl’s I. zweimal tapfer zurückgeschlagen, sich zur Unterstützung Monmouth’s wie ein Mann erhoben hatte und von Kirke und Jeffreys in eine Schlachtbank verwandelt worden war, schien plötzlich die Stelle erobert zu haben, welche Oxford einst in der königlichen Gunst eingenommen.[35] Der König gewann es über sich, ausgezeichneten Dissenters sogar mit kriechender Höflichkeit zu begegnen. Einigen bot er Geld an, Anderen städtische Ehrenämter, noch Anderen Begnadigung von Verwandten und Freunden, die wegen Theilnahme an dem Ryehousecomplot oder wegen Anschluß an die Fahne Monmouth’s auf dem Kontinent umherirrten oder in den Zuckerplantagen von Barbados schwitzten. Er stellte sich sogar, als ob er mit den freundlichen Gesinnungen der englischen Puritaner gegen ihre auswärtigen Glaubensbrüder sympathisirte. Eine zweite und dritte Proklamation erschien in Edinburg, welche die den Presbyterianern durch das Februaredict gewährte nichtssagende Duldung bedeutend erweiterten.[36] Die verbannten Hugenotten, die der König seit vielen Monaten mit ungnädigem Auge angesehen und denen er die von der Nation aufgebrachten milden Gaben vorenthalten hatte, wurden jetzt unterstützt und gehätschelt. Es wurde ein Ministerialbefehl erlassen, der die öffentliche Mildthätigkeit nochmals zu ihren Gunsten aufrief. Die Vorschrift, welche von ihnen den Anschluß an die anglikanische Gottesverehrung als Bedingung des Empfangs einer Unterstützung verlangte, scheint zu dieser Zeit stillschweigend aufgehoben gewesen zu sein, und die Vertheidiger der Politik des Königs hatten die Frechheit zu behaupten, diese Vorschrift sei auf Andringen der Prälaten der Staatskirche erlassen worden, während wir aus den sichersten Quellen wissen, daß sie von ihm selbst im Einverständniß mit Barillon ersonnen worden war.[37]
Während der König sich so die Gunst seiner alten Gegner zu erwerben suchte, waren die Freunde der Landeskirche nicht weniger thätig. Von der Bitterkeit und dem Hohne, mit dem die Prälaten und Priester seit der Restauration die Sectirer zu behandeln pflegten, war kaum noch eine Spur zu erkennen. Die, welche man ganz kürzlich noch Schismatiker und Fanatiker genannt hatte, waren jetzt geliebte Mitprotestanten, Glaubensbrüder, die vielleicht schwach sein mochten, aber deren Gewissensskrupel immerhin zarte Rücksichtnahme verdienten. Wenn sie nur in dieser Krisis der englischen Verfassung und dem reformirten Glauben treu blieben, so sollte ihre Hochherzigkeit bald und reich belohnt werden. Anstatt einer Indulgenz, welche keine gesetzliche Gültigkeit hätte, sollten sie eine wirkliche, durch eine Parlamentsacte gesicherte Indulgenz haben. Ja, viele Mitglieder der Staatskirche, die sich bisher durch ihr starres Festhalten an jeder in der Liturgie vorgeschriebenen Geberde und Formel ausgezeichnet hatten, erklärten sich jetzt nicht nur zur Duldung, sondern sogar zur Gleichstellung geneigt. Der Streit um Chorröcke und Stellungen, sagten sie, habe nur zu lange Christen von einander getrennt, welche doch in den wesentlichen Glaubenspunkten übereinstimmten. Wenn der Kampf auf Tod und Leben gegen den gemeinsamen Feind vorüber wäre, dann würde man sehen, daß die anglikanische Geistlichkeit zu jedem billigen Zugeständnisse bereit sei. Wenn die Dissenters nur nicht unbescheiden wären, so würden ihnen nicht blos bürgerliche, sondern auch geistliche Ämter offen stehen, und Baxter und Howe würden ohne einen Flecken an ihrer Ehre oder ihrem Gewissen auf der Bank der Bischöfe sitzen können.
[Anmerkung 34: Verordnungen des Schatzamts. Siehe besonders die Instructionen vom 8. März 1687/88; +Burnet, I. 715+; +Reflections on His Majesty’s Proclamation for a Toleration in Scotland+; +Letters containing some Reflections on His Majesty’s Declaration for Liberty of Conscience+; +Apology for the Church of England with relation to the spirit of Persecution for which she is accused, 1687/88.+ Doch es ist mir unmöglich, alle Flugschriften anzuführen, aus denen ich mein Urtheil über den damaligen Stand der Parteien geschöpft habe.]
[Anmerkung 35: +Letter to a Dissenter+.]
[Anmerkung 36: +Wodrow, Appendix, vol. II. Nos. 132, 134.+]
[Anmerkung 37: +London Gazette, April 21. 1687+; +Animadversions on a late paper entituled a Letter to a Dissenter, by H. C. (Henry Care), 1687.+]
[_„Brief an einen Dissenter.“_] Von den zahlreichen damaligen Flugschriften, in denen die Sache des Hofes und die Sache der Kirche vor dem Puritaner, der jetzt durch eine sonderbare Wendung des Geschicks das Loos seiner Verfolger entscheiden sollte, eifrig und ängstlich entwickelt wurde, ist jetzt nur noch eine in der Erinnerung, betitelt: +Letter to a Dissenter+. In dieser meisterhaften kleinen Schrift waren alle Argumente, die einen Nonconformisten überzeugen konnten, daß es seine Pflicht und sein Interesse sei, ein Bündniß mit der Staatskirche einem Bündnisse mit dem Hofe vorzuziehen, auf einem engen Raume in der übersichtlichsten Ordnung zusammengestellt, mit geistreichem Witze erörtert und mit einer zwar lebhaften, aber selbst in den Momenten der leidenschaftlichsten Heftigkeit die Grenzen des Anstandes und der seinen Bildung nie überschreitenden Beredtsamkeit zur Geltung gebracht. Die Schrift machte einen ungeheuren Eindruck, denn da sie nur einen Bogen stark war, wurden über zwanzigtausend Exemplare durch die Post versandt und die Wirkung zeigte sich in jedem Winkel des Reichs. Es erschienen vierundzwanzig Antworten darauf, aber die ganze Stadt erklärte sie für schlecht und die von Lestrange für die schlechteste von allen vierundzwanzig.[38] Die Regierung war sehr ärgerlich und sparte keine Mühe, um den Verfasser des Briefs ausfindig zu machen; aber es war nicht möglich, rechtskräftige Beweise gegen ihn aufzubringen. Einige meinten die Denk- und Sprachweise Temple’s zu erkennen.[39] In Wirklichkeit aber gehörte dieser umfassende und scharfe Verstand, diese lebhafte Phantasie, dieser elegante und kräftige Styl, diese ruhige und edle, halb hofmännische, halb philosophische Würde, welche die heftigste Aufregung des Kampfes nicht einen Augenblick aus der Fassung bringen konnte, keinem Andren als Halifax an.
[Anmerkung 38: +Lestrange’s Answer to a Letter to a Dissenter+; +Care’s Animadversions on a Letter to a Dissenter+; +Dialogue between Harry and Roger+, nämlich Harry Care und Roger Lestrange.]
[Anmerkung 39: Der Brief war mit T. W. unterzeichnet. Care sagt in seinen +Animadversions+: „Dieser Herr Politiker T. W. oder W. T., denn einige Kritiker halten dies für die richtigere Lesart.“]