Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Vierter Band

Part 4

Chapter 43,454 wordsPublic domain

Während der nächsten achtzehn Monate war einige Hoffnung, daß der Einfuß Halifax’ überwiegen und daß der Hof von Whitehall zur Politik der Tripleallianz zurückkehren werde. An diese Hoffnung klammerte sich Wilhelm mit Vorliebe an und sparte keine Mühe, um Karl günstig zu stimmen. Die gastliche Aufnahme, welche Monmouth im Haag fand, muß hauptsächlich dem ernstlichen Bestreben des Prinzen, die wirklichen Wünsche von Monmouth’s Vater zu erfüllen, zugeschrieben werden. Sobald Karl gestorben war, schlug Wilhelm in unabänderlicher Verfolgung seines Zieles wieder ein andres Verfahren ein. Er hatte Monmouth aufgenommen, um dem verstorbenen Könige zu gefallen; damit nun der gegenwärtige König keine Ursache zu Beschwerden haben sollte, wurde Monmouth fortgeschickt. Wir haben gesehen, daß beim Ausbruche des Aufstandes im Westen die in holländischen Diensten stehenden britischen Regimenter durch die thätigen Bemühungen des Prinzen auf die erste Aufforderung in ihre Heimath zurückgesandt wurden. Wilhelm erbot sich sogar, persönlich ein Commando gegen die Rebellen zu übernehmen, und daß dieses Anerbieten vollkommen aufrichtig gemeint war, kann von Niemandem, der seine vertraulichen Briefe an Bentinck gelesen hat, bezweifelt werden.[15]

Der Prinz gab sich zu dieser Zeit augenscheinlich der Hoffnung hin, daß der große Plan, dem in seinem Geiste alles Andre untergeordnet war, den Beifall und die Unterstützung seines Schwiegervaters erhalten werde. Der hohe Ton, den Jakob damals gegen Frankreich annahm, die Bereitwilligkeit, mit der er sich zu einem Defensivbündnisse mit den Vereinigten Provinzen verstand, und seine Geneigtheit zu einer Verbindung mit dem Hause Österreich bestärkten diese Erwartung. Aber bald verfinsterte sich der Horizont. Die Entlassung Halifax’, der Bruch zwischen Jakob und dem Parlamente, die Prorogation desselben und die ausdrückliche Erklärung, welche der König den auswärtigen Gesandten gab, daß die festländische Politik seine Aufmerksamkeit nicht länger von inneren Maßregeln zur Befestigung seiner Hoheitsrechte und zur Förderung der Interessen seiner Kirche ablenken sollte, machten der Täuschung ein Ende. Es war klar, daß England, wenn Jakob sein Beherrscher war, im Fall einer europäischen Krisis entweder unthätig bleiben oder im Einklange mit Frankreich handeln würde. Und die europäische Krisis rückte immer näher. Das Haus Österreich war durch eine Reihe von Siegen gegen fernere Gefahr von Seiten der Türkei gesichert worden und hatte daher nicht mehr nöthig, die Übergriffe und Beleidigungen Ludwig’s geduldig zu ertragen.

[Anmerkung 15: Zum Beispiel: +„Je crois M. Feversham un très brave et honeste homme. Mais je doute s’il a assez d’expérience à diriger une si grande affaire qu’il a sur le bras. Dieu lui donne un succès prompt et heureux. Mais je ne suis pas hors d’inquiétude.“+ -- 7.(17.) Juli 1685. Als er die Nachricht von der Schlacht von Sedgemoor erhalten hatte, schrieb er wieder: +„Dieu soit loué du bon succès que les troupes du Roy ont eu contres les rebelles. Je ne doute pas que cette affaire ne soit entièrement assoupie, et que le règne du Roy sera heureux, ce que Dieu veuille.“+ -- 10.(20.) Juli.]

[_Vertrag von Augsburg._] In Folge dessen wurde im Juli 1686 zu Augsburg ein Vertrag unterzeichnet, durch den sich die Fürsten des Reichs zum Zwecke gegenseitiger Vertheidigung eng verbanden. Die Könige von Spanien und von Schweden waren diesem Bunde ebenfalls beigetreten, der König von Spanien als Besitzer der im burgundischen Kreise liegenden Provinzen, der König von Schweden als Herzog von Pommern. Die Verbündeten erklärten, daß sie nicht die Absicht hätten irgend eine Macht anzugreifen oder irgend eine zu beleidigen, daß sie aber entschlossen seien, keine Verletzung der Rechte zu dulden, welche das deutsche Reich unter Sanction des Völkerrechts und der öffentlichen Treue besitze. Sie verpflichteten sich, einander im Falle der Noth beizustehen und bestimmten das Truppencontingent, das jedes Mitglied des Bundes stellen mußte, wenn es nöthig werden sollte, einen Angriff zurückzuweisen.[16] Der Name Wilhelm’s war in dieser Urkunde nicht genannt aber Jedermann wußte, daß sie sein Werk war und sah voraus, daß er in nicht langer Zeit wieder an der Spitze einer Coalition gegen Frankreich stehen werde. Zwischen ihm und dem Vasallen Frankreichs konnte unter solchen Umständen kein herzliches Einvernehmen stattfinden. Es erfolgte zwar kein offener Bruch und kein Austausch von Drohungen oder Vorwürfen; aber Schwiegervater und Schwiegersohn waren vollständig und für immer geschieden.

[Anmerkung 16: Der Vertrag ist in dem +Recueil des Traités, IV. No. 209+ zu finden.]

[_Wilhelm wird das Oberhaupt der englischen Opposition._] Gerade zu der Zeit, als der Prinz so dem englischen Hofe entfremdet wurde, verschwanden die Ursachen, welche bisher eine Kälte zwischen ihm und den beiden großen Parteien des englischen Volks hervorgerufen hatten. Ein großer Theil, der Zahl nach vielleicht die Mehrheit der Whigs, hatte die Ansprüche Monmouth’s begünstigt, aber Monmouth existirte jetzt nicht mehr. Die Tories auf der andren Seite hatten gefürchtet, die Interessen der anglikanischen Kirche mochten unter der Leitung eines Mannes nicht sicher sein, der unter holländischen Presbyterianern aufgewachsen und dessen Ansichten über die Gewänder, die Ceremonien und die Bischöfe als latitudinarisch wohl bekannt waren; seitdem aber jener geliebten Kirche von einer ganz andren Seite weit furchtbarere Gefahren drohten, hatten diese Befürchtungen fast ihre ganze Kraft verloren. So kam es, daß beide große Parteien in dem nämlichen Augenblicke ihre Hoffnungen und ihre Liebe auf den nämlichen Führer zu richten begannen. Alte Republikaner konnten ihr Vertrauen einem Manne nicht versagen, der viele Jahre hindurch das höchste Amt einer Republik würdig bekleidet hatte, und alte Royalisten sahen ein, daß sie in Übereinstimmung mit ihren Grundsätzen handelten, wenn sie einem dem Throne so nahe gehenden Prinzen die tiefste Ehrerbietung bezeigten. Unter diesen Umständen war es von höchster Wichtigkeit, daß zwischen Wilhelm und Marien die vollkommenste Einigkeit herrschte. Eine Mißhelligkeit zwischen der präsumtiven Thronerbin und ihrem Gemahl hätte in der großen Masse, die sich von allen Seiten her um einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt schaarte, eine Spaltung hervorbringen müssen. Zum Glück wurde jede Gefahr einer solchen Mißhelligkeit im entscheidenden Augenblicke durch Burnet’s Dazwischenkunft beseitigt und der Prinz wurde das unbestrittene Haupt der ganzen Partei, welche der Regierung feindlich gegenüberstand, einer Partei, welche fast die ganze Nation in sich begriff.

Es ist nicht der mindeste Grund zu der Annahme vorhanden, daß er schon um diese Zeit das große Unternehmen im Sinne hatte, zu dem ihn später die gebieterische Nothwendigkeit trieb. Er wußte sehr gut, daß die öffentliche Stimmung in England, wenn auch durch Kränkungen gereizt, doch zu einer Revolution keineswegs reif war. Gewiß würde er gern das Ärgerniß vermieden haben, das ein blutiger Streit zwischen Personen, welche durch die engsten Bande der Blutsverwandtschaft und der Verschwägerung an einander gekettet waren, nothwendig erregen mußte. Auch sein Ehrgeiz ließ es ihm nicht wünschenswerth erscheinen, die Größe, die im gewöhnlichen Laufe der Natur und des Rechts ihm zufallen konnte, einer Gewaltthätigkeit zu verdanken, denn er wußte jetzt, daß, wenn die Krone auf regelmäßigem Wege auf seine Gemahlin überging, zugleich mit derselben auch alle ihre Vorrechte ungeschmälert auf ihn selbst übergehen würden, daß sie aber, wenn sie durch eine Wahl erlangt wurde, unter den Bedingungen angenommen werden mußte, welche die Wähler zu stellen für gut fanden. Er schien daher geduldig den Tag erwarten zu wollen, wo er mit unbestrittenem Rechte die Regierung antreten konnte, und sich bis dahin darauf zu beschränken, als erster Prinz von Geblüt und als Oberhaupt der Partei, welche in der Nation entschieden das Übergewicht hatte, und die auch darauf rechnen konnte, in beiden Häusern eines zu versammelnden Parlaments entschieden zu überwiegen, einen großen Einfluß auf die englischen Angelegenheiten auszuüben.

[_Mordaunt schlägt Wilhelm eine Landung in England vor._] Indessen war er bereits durch einen Rathgeber, der weniger scharfsichtig, aber ungestümer war als er selbst, gedrängt worden, einen kühneren Weg einzuschlagen. Dieser Rathgeber war der junge Lord Mordaunt. Das damalige Zeitalter hat kein erfinderischeres Genie und keinen verwegeneren Geist hervorgebracht. Aber wenn ein Plan nur glänzend war, so fragte Mordaunt selten danach, ob er auch ausführbar sein würde, sein ganzes Leben war ein wilder Roman, zusammengesetzt aus geheimnißvollen Intriguen der Politik und der Liebe, aus heftigen und schnellen Wechseln des Schauplatzes und des Glücks, und aus Siegen, welche mehr denen eines Amadis und eines Lancelot, als denen eines Luxemburg und eines Eugen glichen. Die Episoden, welche mit dieser seltsamen Lebensgeschichte verflochten waren, entsprachen ganz der Hauptintrigue. Es waren darunter nächtliche Kämpfe mit edelmüthigen Räubern und Befreiungen vornehmer und schöner Damen aus den Händen von Entführern. Nachdem sich Mordaunt durch die Beredtsamkeit und Kühnheit ausgezeichnet, mit der er im Hause der Lords gegen den Hof aufgetreten war, zog er sich bald nach der Prorogation nach dem Haag zurück und empfahl dringend eine unverzügliche Landung in England. Er bildete sich ein, es sei eben so leicht, drei große Königreiche zu überrumpeln, als es ihm lange nachher wurde, Barcellona zu nehmen.

[_Wilhelm verwirft den Rath._] Wilhelm hörte ihn an, überlegte sich die Sache und erwiederte endlich in allgemeinen Ausdrücken, er interessire sich sehr für die englischen Angelegenheiten und werde dieselben scharf im Auge behalten.[17] Was aber auch seine Absicht sein mochte, es ist nicht anzunehmen, daß er einen voreiligen und hitzköpfigen fahrenden Ritter zu seinem Vertrauten erwählt haben würde. Die beiden Männer hatten nichts mit einander gemein als persönlichen Muth, der bei ihnen bis zum fabelhaften Heroismus ging, Mordaunt wollte lediglich die Aufregung des Kampfes genießen und die Menschen in Erstaunen setzen, Wilhelm hatte beständig ein erhabenes Ziel vor Augen. Nach diesem Ziele trieb ihn eine gewaltige Leidenschaft, die ihn im Gewande einer heiligen Pflicht erschien. Auf dieses Ziel steuerte er mit einer Geduld hin, die, wie er einmal sagte, der Geduld eines Bootsführers glich, den er auf einem Kanale gegen eine widrige Strömung hatte ankämpfen sehen, der immer wieder zurückgeworfen wurde, aber nicht aufhörte zu rudern und zufrieden war, wenn er nach stundenlanger Arbeit um einige Yards vorwärts gekommen war.[18] Heldenthaten, die ihn seinem Ziele nicht näher brachten, mochten sie in den Augen des großen Haufens noch so ruhmvoll sein, waren seiner Ansicht nach kindische Eitelkeiten, aber kein Theil der wahren Aufgabe des Lebens.

Er beschloß, Mordaunt’s Rath zu verwerfen und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß dies ein weiser Entschluß war. Hätte Wilhelm im Jahre 1686 oder selbst 1687 das versucht, was er 1688 mit so glänzendem Erfolge unternahm, so würden zwar vielleicht auf seinen Ruf viele Whigs zu den Waffen gegriffen haben, aber er würde bald gesehen haben, daß die Nation noch nicht hinreichend vorbereitet war, um einen bewaffneten Befreier aus fremdem Lande willkommen zu heißen, und daß die Kirche noch nicht genugsam gereizt und beleidigt worden war, damit sie den Grundsatz, der seit so langer Zeit ihr Losungswort war, schon hätte vergessen haben können. Die alten Kavaliere würden sich um das königliche Banner geschaart haben und es würde wahrscheinlich in allen drei Königreichen ein eben so langer und heftiger Bürgerkrieg als der unter der vorigen Generation ausgebrochen sein. Während dieser Krieg auf den britischen Inseln wüthete, was konnte Ludwig inzwischen nicht Alles auf dem Continent versuchen? Und welche Aussichten hätte dann Holland gehabt, das von seinen Truppen entblößt und von seinem Statthalter verlassen gewesen wäre?

[Anmerkung 17: +Burnet I. 762.+]

[Anmerkung 18: +Temple’s Memoirs.+]

[_Unzufriedenheit in England nach dem Sturze der Hyde._] Wilhelm begnügte sich daher für jetzt, Maßregeln zu ergreifen, um der mächtigen Opposition, deren Oberhaupt er geworden war, Einigkeit und Lebenskraft einzuhauchen. Dies war nicht schwer. Der Fall der Hyde hatte durch ganz England eine heftige Aufregung und Entrüstung hervorgerufen. Man fühlte, daß es sich jetzt nicht mehr darum handelte, ob der Protestantismus herrschen, sondern ob er geduldet werden sollte. An die Stelle des Schatzmeisters war eine Commission getreten, deren Oberhaupt ein Papist war. Das Geheimsiegel war einem Papisten anvertraut worden und der Nachfolger des Lordlieutenants von Irland war ein Mann, der durchaus keinen andren Anspruch auf einen so hohen Posten hatte, als daß er Papist war. Tyrconnel wäre der Letzte gewesen, den eine Regierung, welcher das allgemeine Wohl des Landes am Herzen lag, nach Dublin als Stellvertreter geschickt hätte. Seine brutalen Manieren machten ihn geradezu unfähig, die Majestät der Krone zu repräsentiren. Sein beschränkter Verstand und sein heftiges Temperament machten ihn untauglich, wichtige Staatsgeschäfte zu leiten. Sein unversöhnlicher Haß gegen die Besitzer des größeren Theiles des irischen Grund und Bodens machte ihn ganz untauglich, gerade dieses Land zu verwalten. Aber die Maßlosigkeit seiner Bigotterie wurde als ein genügender Ersatz für die Maßlosigkeit seiner anderen Leidenschaften betrachtet und aus Rücksicht auf seinen Haß gegen den reformirten Glauben gestattete man ihm, seinem Hasse gegen den englischen Namen freien Lauf zu lassen. Dies war also der wirkliche Sinn der Achtung Seiner Majestät vor den Rechten der Überzeugung! Er wollte, daß sein Parlament alle den Papisten auferlegte Ausschließungen beseitigte, nur damit _er_ gleich drückende Ausschließungen über die Protestanten verhängen konnte. Es war klar, daß unter einem solchen Fürsten Glaubensabfall der einzige Weg zur Größe sein konnte. Dennoch wagten es nur Wenige, diesen Weg einzuschlagen, denn der Geist der Nation war furchtbar aufgeregt, und jeder Renegat hatte ein solches Maß von Hohn und Verachtung zu ertragen, daß auch die verhärtetsten Naturen nicht ganz unempfindlich dagegen bleiben konnten.

[_Bekehrungen zum Papismus; Peterborough, Salisbury._] Allerdings hatten erst kürzlich mehrere bemerkenswerthe Übertritte stattgefunden; aber sie waren von der Art, daß sie der römischen Kirche wenig Ehre machten. Zwei vornehme Männer hatten sich in ihren Schooß aufnehmen lassen: Heinrich Mordaunt, Earl von Peterborough und Jakob Cecil, Earl von Salisbury. Aber Peterborough, früher ein thätiger Soldat, Hofmann und Diplomat, war jetzt durch Alter und Krankheit gebeugt und wer ihn, auf einen Stock gestützt und in Flanell und Pflaster eingehüllt, durch die Gallerien von Whitehall hinken sah, tröstete sich über seinen Abfall damit, daß er seinen Glauben erst gewechselt, nachdem er seine Körper- und Geisteskräfte überlebt hatte.[19] Salisbury war sprüchwörtlich albern. Sein Körper war in Folge sinnlicher Genüsse dermaßen aufgeschwollen, daß er sich fast nicht mehr bewegen konnte, und dieser träge Körper war der Wohnsitz eines eben so trägen Geistes. In populären Spottliedern war er als ein Mensch dargestellt, der dazu geschaffen war, betrogen zu werden, als ein Mensch, der bisher die Beute von Spielern gewesen und der eben so gut die Beute von Mönchen werden konnte. Ein Pasquill, das zur Zeit von Rochester’s Rücktritt an die Thür von Salisbury House am Strand angeheftet wurde, schildert in starken Ausdrücken das Entsetzen, mit dem der weise Robert Cecil, wenn er aus seinem Grabe auferstehen könnte, sehen würde, auf was für ein Geschöpf seine Würden und Ehren gekommen waren.[20]

[Anmerkung 19: Siehe die beiden Gedichte, betitelt: +The Converts+ und +The Delusion+.]

[Anmerkung 20: Die Verse befinden sich in der +Collection of State Poems+.]

[_Wycherley, Tindal, Haines._] Dies waren im Range die höchststehenden von Jakob’s Proselyten. Außerdem gab es noch Renegaten ganz andrer Art, unbemittelte Leute von Talent, die aber keine Grundsätze und keine Spur von Ehrgefühl besaßen. Man hat Grund zu glauben, daß Wilhelm Wycherley, der zügelloseste und hartherzigste Schriftsteller einer ganz besonders zügellosen und hartherzigen Schule, zu diesen gehörte.[21] Gewiß ist, daß Matthäus Tindal, der sich später durch seine Schriften gegen das Christenthum einen Namen machte, um diese Zeit in den Schooß der alleinseligmachenden Kirche aufgenommen wurde, ein Schritt, den, wie man leicht denken kann, die Theologen, mit denen er nachmals polemisirte, nicht vergessen hatten.[22] Ein noch ehrloserer Apostat war Joseph Haines, dessen Name jetzt so gut wie vergessen ist, der aber damals als ein Abenteurer von vielseitiger Begabung, als Gauner, Falschmünzer, falscher Zeuge, falscher Bürge, Tanzmeister, Possenreißer, Dichter und Schauspieler wohl bekannt war. Einige von seinen Prologen und Epilogen wurden von seinen Zeitgenossen viel bewundert und sein Schauspielertalent war allgemein anerkannt. Dieser Mann wurde Katholik, ging im Gefolge Castelmaine’s mit nach Italien, wurde aber bald wegen schlechter Aufführung wieder entlassen. Wenn man einer Tradition glauben darf, die sich lange im Garderobezimmer erhalten hat, so hatte Haines die Frechheit zu behaupten, daß ihm die Jungfrau Maria erschienen sei und ihn zur Buße aufgefordert habe. Nach der Revolution versuchte er es sich mit der Stadt durch eine Buße auszusöhnen, die noch skandalöser war als sein Vergehen. Eines Abends, ehe er in einer Posse auftrat, erschien er in ein weißes Betttuch gehüllt und mit einer Kerze in der Hand auf der Bühne und trug einige gottlose, unanständige Knittelverse vor, die er seinen Widerruf nannte.[23]

[Anmerkung 21: Die Nachrichten, die wir über Wycherley haben, sind äußerst dürftig; zweierlei aber ist gewiß: daß er sich in seinen späteren Jahren einen Papisten nannte und daß er von Jakob Geld erhielt. Ich zweifle kaum daran, daß er ein bezahlter Convertit war.]

[Anmerkung 22: Siehe den Artikel über ihn in der +Biographia Britannica+.]

[Anmerkung 23: Siehe Jakob Quin’s Bericht über Haines in +Davies’s Miscellanies+; +Tom Brown’s Works+; +Lives of Sharpers+; Dryden’s Epilog zu der +Secular Masque+.]

[_Dryden._] Mit dem Namen Haines wurde in vielen Libellen der Name eines berühmteren Renegaten, Johann Dryden’s verbunden. Dryden näherte sich jetzt dem Abend seines Lebens. Nach vielen Erfolgen und vielen Enttäuschungen hatte er endlich mit allgemeiner Zustimmung die erste Stelle unter den lebenden Dichtern Englands erhalten. Er hatte größere Ansprüche auf den Dank Jakob’s als irgend ein andrer Schriftsteller des Königreichs. Doch Jakob war an Versen wenig, sehr viel aber am Gelde gelegen. Vom Tage seiner Thronbesteigung an bemühte er sich kleine Ersparnisse zu machen, welche einer Regierung den Vorwurf der Knauserei zuziehen, ohne die Finanzlast merklich zu erleichten. Zu den Opfern seiner unverständigen Sparsamkeit gehörte auch der +Poeta Laureatus+. Es wurde Befehl gegeben, daß in dem neuen Diplom, welches durch die Erledigung der Krone nöthig geworden war, das jährlich gespendete Faß Sect, das ursprünglich Jonson bewilligt und auch dessen Nachfolgern zugestanden worden war, weggelassen werden sollte.[24] Dies war die einzige Notiz, welche der König im ersten Jahre seiner Regierung von dem gewaltigen Satiriker zu nehmen geruhte, der im kritischesten Augenblicke des großen Kampfes wegen der Ausschließungsbill in den Reihen der Whigs Schrecken verbreitet hatte. Dryden war arm und seine Armuth drückte ihn nieder. Von Religion wußte er wenig und kümmerte sich auch nicht darum. Wenn irgend ein Gefühl tief in seiner Brust wurzelte, so war es der Widerwille gegen die Priester jeden Glaubens, gegen Leviten, Auguren, Muftis, römisch-katholische Geistliche, presbyterianische und anglikanische Geistliche. Er war von Natur kein hochherziger Mann, und seine Bestrebungen waren nicht von der Art, daß sie seinem Sinne höhere Würde und größeres Zartgefühl verleihen konnten. Er hatte viele Jahre lang sich seinen Unterhalt dadurch erworben, daß er dem verderbten Geschmacke des Publikums diente und reichen, adeligen Gönnern auf die plumpste Manier schmeichelte. Selbstachtung und ein feines Schicklichkeitsgefühl konnte man von einem Manne, der das Leben eines Bettlers und Speichelleckers geführt hatte, nicht erwarten. Da er die Bemerkung machte, daß seine Dienste unbeachtet bleiben würden, wenn er fortführe sich einen Protestanten zu nennen, so erklärte er sich zum Papisten. Augenblicklich ließ die Knauserei des Königs nach. Dryden wurde mit einem Jahrgelde von hundert Pfund belohnt und dazu verwendet, seine neue Religion in Prosa und in Versen zu vertheidigen.

Zwei ausgezeichnete Männer, Samuel Johnson und Walter Scott, haben ihr Möglichstes gethan, um sich selbst und Andere zu überreden, daß dieser denkwürdige Glaubenswechsel aufrichtig war. Es war natürlich, daß sie einen Schandfleck von dem Gedächtnisse eines Mannes verwischen wollten, dessen Genie sie mit Recht bewunderten und mit dessen politischen Ansichten sie stark sympathisirten; der unparteiische Geschichtsschreiber aber muß ein ganz andres Urtheil aussprechen. Es wird jederzeit starker Zweifel gegen die Aufrichtigkeit einer Bekehrung erhoben werden, durch welche der Bekehrte unmittelbar gewinnt. Und in Dryden’s Falle ist nichts vorhanden, was diesen Zweifel entkräften konnte. Seine theologischen Schriften beweisen zur Genüge, daß er sich nie fleißig und ernstlich bemüht hat, die Wahrheit zu ergründen, und daß seine Kenntniß der Kirche, die er verließ, wie auch der, zu der er übertrat, höchst oberflächlich war. Eben so wenig benahm er sich in der Folge wie ein Mann, den ein starkes Pflichtgefühl zu einem Schritte von so hochwichtiger Bedeutung bewogen hatte. Wäre er ein solcher Mann gewesen, so würde die nämliche Überzeugung, die ihn in den Schooß der römischen Kirche geführt hatte, ihn abgehalten haben, allgemeine Regeln, welche diese Kirche in Übereinstimmung mit jeder andren christlichen Gemeinschaft als bindend anerkennt, gröblich und gewohnheitsmäßig zu verletzen. Es würde ein merklicher Unterschied zwischen seinen früheren und seinen späteren Werken zu erkennen gewesen sein; er würde mit Reue auf seine fast dreißigjährige literarische Laufbahn zurückgeblickt haben, während welcher er seine seltenen Talente für die Diction und den Versbau systematisch zur Verbreitung der Sittenverderbniß angewendet hatte. Nicht eine Zeile, welche darauf hinzielte, die Tugend verächtlich zu machen und unreine Begierden zu entzünden, würde von diesem Augenblicke an mehr aus seiner Feder geflossen sein. Leider aber ist es nur zu wahr, daß die Dramen, welche er nach seiner angeblichen Bekehrung schrieb, in keiner Hinsicht weniger unrein und profan sind, als die seiner Jugend. Selbst in seinen Übersetzungen wich er beständig von den Originalen ab, um Bilder aufzusuchen, die er hätte übergehen müssen, wenn er sie in den Originalen gefunden hätte. Das Schlechte wurde durch seine Übertragungen noch schlechter, und das Unschuldige wurde durch die Berührung mit seinem Geiste befleckt. Er machte die derbsten Satiren Juvenal’s noch derber, schob in die Erzählungen Boccacio’s schlüpfrige Schilderungen ein und befleckte die liebliche und reine Poesie der Georgica mit Schmutz, der Vergil’s Ekel erregt haben würde.