Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Vierter Band

Part 3

Chapter 33,380 wordsPublic domain

Burnet wird gewöhnlich als ein auffallend ungenauer Geschichtsschreiber getadelt; aber ich halte diesen Vorwurf für ungerecht. Er scheint nur deshalb ungenau zu sein, weil seine Darstellung einer besonders strengen und unfreundlichen Kritik unterzogen worden ist. Wenn ein Whig sich die Mühe nehmen wollte +Reresby’s Memoirs, North’s Examen, Mulgrave’s Account of the Revolution+ oder +Clarke’s Life of James the Second+ einer ähnlichen Prüfung zu unterwerfen, so würde es sich bald zeigen, daß Burnet keineswegs der ungenaueste Geschichtsschreiber seiner Zeit war.]

[_Er vermittelt eine innigere Annäherung zwischen dem Prinzen und der Prinzessin._] Alle Eigenthümlichkeiten seines Characters machten ihn ganz dazu geeignet, der Friedensstifter zwischen Wilhelm und Marien zu werden. Wenn Personen, die einander achten und lieben sollten, durch eine Ursache von einander fern gehalten werden, welche drei freimüthig gesprochene Worte beseitigen könnten, so ist es ein Glück für sie, wenn sie einen indiscreten Freund haben, der mit der ganzen Wahrheit herausplatzt. Burnet sagte der Prinzessin ganz offen, welches Gefühl an dem Herzen ihres Gemahls nagte. Sie erfuhr jetzt zum ersten Male mit nicht geringem Erstaunen, daß, wenn sie Königin von England würde, Wilhelm ihren Thron nicht theilen sollte. Sie erklärte mit den innigsten Worten, daß es keinen Beweis von ehelicher Unterwerfung und Liebe gebe, zu dem sie nicht jeden Augenblick bereit wäre. Unter vielen Entschuldigungen und feierlichen Versicherungen, daß kein andrer Mensch ihm ein Wort in den Mund gelegt habe, sagte ihr Burnet nun, daß das Heilmittel in ihrer Hand liege. Wenn die Krone ihr zugefallen sei, könne sie leicht ihr Parlament dazu bewegen, daß es ihrem Gatten nicht nur den Königstitel gewährte, sondern ihm sogar durch ein Gesetz die Zügel der Regierung in die Hand gab. „Aber,“ setzte er hinzu, „Ihre königliche Hoheit müssen wohl überlegen, ehe Sie einen solchen Entschluß aussprechen, denn es ist ein Entschluß, dessen Zurücknahme weder rathsam noch leicht sein würde, wenn er einmal angekündigt wäre.“ -- „Ich bedarf keiner Zeit zur Überlegung,“ antwortete Marie. „Es ist genug, daß ich eine Gelegenheit habe, um dem Prinzen meine Achtung zu beweisen. Theilen Sie ihm mit was ich gesagt habe, und bringen Sie ihn zu mir, damit er es aus meinem eigenen Munde höre.“ Burnet wollte den Prinzen sogleich herbeiholen, aber er war viele Meilen weit entfernt auf einer Hirschjagd. Erst am folgenden Tage konnte die entscheidende Unterredung stattfinden. „Ich habe erst gestern erfahren,“ sagte Marie, „daß zwischen den Gesetzen Englands und den Gesetzen Gottes ein solcher Unterschied obwaltet. Aber ich verspreche Ihnen, daß Sie jederzeit der Gebieter sein sollen, und ich verlange keinen andren Lohn dafür, als daß Sie das Gebot, welches den Gatten vorschreibt, ihre Frauen zu lieben, ebenso befolgen, wie ich das Gebot halte, welches den Frauen vorschreibt, ihren Gatten zu gehorchen.“ Dieser Beweis von edelmüthiger Zuneigung gewann ihr Wilhelm’s Herz vollständig. Von diesem Augenblicke an bis zu dem traurigen Tage, an welchem er ohnmächtig von ihrem Sterbebett hinweggetragen wurde, herrschte vollkommene Freundschaft und unbegrenztes Vertrauen zwischen ihnen. Viele von ihren Briefen an ihn sind noch vorhanden und sie enthalten zahlreiche Beweise, daß es diesem Manne, der in den Augen der Menge für so unliebenswürdig galt, gelungen war, einer schönen und tugendhaften Frau, welche in Hinsicht der Geburt über ihm stand, eine bis zur abgöttischen Verehrung gehende Liebe einzuflößen.

Der Dienst, den Burnet seinem Vaterlande erzeigt, war von hoher Bedeutung. Es war eine Zeit gekommen, wo es für das Wohl des Staates sehr wichtig war, daß zwischen dem Prinzen und der Prinzessin vollkommene Eintracht herrschte.

[_Beziehungen Wilhelm’s zu den englischen Parteien._] Bis nach der Unterdrückung des Aufstandes im Westen hatten ernste Ursachen des Zwiespaltes Wilhelm sowohl von den Tories als von den Whigs getrennt. Er hatte mit großem Mißfallen die Versuche der Whigs beobachtet, der ausübenden Gewalt einige Befugnisse zu entziehen, die er zur Aufrechthaltung ihrer Wirksamkeit und ihrer Würde für nöthig hielt. Mit noch größerem Mißfallen hatte er die Unterstützung gesehen, welche ein großer Theil dieser Partei den Anmaßungen Monmouth’s angedeihen ließ. Es schien als ob die Opposition zuerst die Krone Englands des Tragens nicht mehr werth machen und sie dann einem Bastard und Betrüger aufs Haupt setzen wollte. Zu gleicher Zeit war das religiöse System des Prinzen weit verschieden von dem, welchem die Torypartei huldigte. Sie waren Arminianer und Prälatisten. Sie sahen mit Verachtung auf die protestantischen Kirchen des Continents herab und hielten jede Zeile ihrer eignen Liturgie und Rubrica für kaum weniger geheiligt als die Evangelien. Seine Ansichten über die metaphysischen Seiten der Theologie waren calvinistisch. Seine Ansichten bezüglich der Kirchenverfassungen und der gottesdienstlichen Formen waren latitudinarisch. Er gab zu, daß das Episcopat eine gesetzliche und zweckmäßige Form des Kirchenregiments sei; aber er sprach mit Bitterkeit und Hohn von der Bigotterie Derer, welche die bischöfliche Ordination für ein wesentliches Erforderniß einer christlichen Gesellschaft hielten. Gegen die durch die Liturgie vorgeschriebenen Gewänder und Gesten hatte er keine Bedenken, aber er gestand, daß ihm die Gebräuche der anglikanischen Kirche lieber sein würden, wenn sie ihn weniger an die Gebräuche der römischen Kirche erinnerten. Man hatte ihn ein ominöses Gemurmel von sich geben hören, als er in der Privatkapelle seiner Gemahlin zum ersten Male einen Altar nach anglikanischer Weise geschmückt sah, und es schien ihm nicht sonderlich zu gefallen, als er Hooker’s +Ecclesiastical Policy+ in ihrer Hand sah.[12]

[Anmerkung 12: +Dr.+ Hooper’s handschriftliche Erzählung im Anhange zu Lord Dungannon’s +Life of William+.]

[_Seine Gesinnungen gegen England._] Er verfolgte daher lange den Streit zwischen den englischen Parteien mit Aufmerksamkeit, aber ohne eine starke Vorliebe für die eine oder die andre Partei zu hegen. Er wurde auch bis ans Ende seines Lebens in der That niemals weder ein Whig, noch ein Tory. Es fehlte ihm das was die gemeinsame Grundlage beider Charactere ist, denn er wurde nie ein Engländer. Er rettete zwar England, liebte es aber nie und erlangte ebensowenig die Liebe der Engländer. Für ihn war es nur ein Verbannungsort, den er mit Widerwillen besuchte und mit Freuden verließ. Selbst als er dem Lande die Dienste leistete, deren günstige Wirkungen wir bis auf den heutigen Tag fühlen, war sein Hauptzweck nicht die Wohlfahrt desselben.

[_Seine Gesinnungen gegen Holland und Frankreich._] All’ sein patriotisches Gefühl gehörte Holland. Hier befand sich das prächtige Grabmal, in welchem der große Staatsmann ruhte, dessen Blut, dessen Namen, dessen Character und dessen Genie er geerbt hatte. Hier war der bloße Klang seines Namens schon ein Zauberspruch, welcher durch drei Generationen die liebevolle Begeisterung der Landleute und Handwerker erweckt hatte. Die holländische Sprache war die Sprache seiner Kinderstube; unter dem holländischen Adel hatte er seine ersten Freunde gewählt; die Vergnügungen, die Bauart und die Gegenden seines Heimathlandes wurzelten tief in seinem Herzen. Zu ihm wendete er sich immer wieder mit unveränderter Zärtlichkeit von einem stolzeren und schöneren Nebenbuhler ab. In den Sälen von Whitehall sehnte er sich nach dem traulichen Hause im Busche im Haag und er fühlte sich nie glücklicher, als wenn er die Pracht von Windsor mit der bescheidenen Einfachheit von Loo vertauschen konnte. Während seiner glänzenden Verbannung fand er einigen Trost darin, daß er durch Bauen, Pflanzen und Graben um sich her einen Schauplatz schaffen konnte, der ihn an die regelmäßigen Gebäude von rothem Backstein, an die langen Kanäle und an die symmetrischen Blumenbeete erinnerte, unter denen er seine Jugend verlebt hatte. Doch selbst die Liebe zu seinem Vaterlande war einem andren Gefühle untergeordnet, welches schon frühzeitig in seiner Seele die Oberherrschaft gewann, das sich mit allen seinen Leidenschaften vermischte, das ihn zu großartigen Unternehmungen anspornte, das ihn aufrecht erhielt, wenn Kränkungen, Schmerzen, Krankheit und Sorgen ihn zu Boden drücken wollten, das gegen das Ende seiner Laufbahn einmal kurze Zeit erloschen zu sein schien, aber bald heftiger als je wieder hervorbrach und ihn noch beseelte, als das Sterbegebet an seinem Lager gesprochen wurde. Dieses Gefühl war der Haß gegen Frankreich und den prachtliebenden König, der in mehr als einer Hinsicht Frankreich repräsentirte und der mit seinen specifisch französischen Tugenden und Vorzügen jenen unruhigen, gewissenlosen und dünkelhaften Ehrgeiz verband, der zu wiederholten Malen den Zorn ganz Europa’s über Frankreich gebracht hat.

Es ist nicht schwer, die Fortschritte des Gefühls zu verfolgen, welches nach und nach die Alleinherrschaft in Wilhelm’s Seele erlangte. Als er kaum erst dem Knabenalter entwachsen, war sein Vaterland in prahlerischem Trotze gegen Recht und Gerechtigkeit überfallen, verwüstet und allen Excessen der Raubsucht, Ausschweifung und Grausamkeit preisgegeben worden. Die Holländer hatten sich in ihrer Bedrängniß vor dem Eroberer gedemüthigt und um Gnade gefleht. Darauf war ihnen der Bescheid geworden, daß wenn sie Frieden wünschten, sie ihre Selbstständigkeit aufgeben und alljährlich dem Hause Bourbon huldigen müßten. Die schwer beleidigte Nation hatte, zur Verzweiflung getrieben, ihre Deiche durchbrochen und das Meer als Bundesgenossen gegen die französische Tyrannei zu Hülfe gerufen. Mitten in den Greueln dieses Kampfes, während die Landleute entsetzt vor den Eroberern flohen, während Hunderte von schönen Gärten und Lusthäusern in den Fluthen begraben, während die Berathungen der Generalstaaten durch die Ohnmachten und das laute Weinen alter Senatoren unterbrochen wurden, welche den Gedanken nicht ertragen konnten, die Freiheit und den Ruhm ihres Vaterlandes zu überleben, war Wilhelm an die Spitze der Geschäfte berufen worden. Eine Zeit lang dünkte ihm jeder Widerstand hoffnungslos. Er sah sich vergebens nach Hülfe um. Spanien war ausgesogen, Deutschland zerrissen, England bestochen. Es schien dem jungen Statthalter, als ob ihm nichts weiter übrig bliebe, als mit dem Schwerte in der Hand zu fallen, oder der Aeneas einer großen Völkerwanderung zu werden und in Gegenden, welche außer dem Bereiche der Tyrannei Frankreichs lagen, ein neues Holland zu gründen. Dann wäre kein Hinderniß mehr vorhanden gewesen, das die Fortschritte des Hauses Bourbon hätte hemmen können. Noch wenige Jahre und dieses Haus würde seine Besitzungen durch Lothringen und Flandern, Castilien und Arragonien, Neapel und Mailand, Mexico und Peru vergrößert haben. Ludwig hätte sich dann die Kaiserkrone aufsetzen, einen Prinzen seines Hauses auf den Thron Polens erheben und der Alleinherrscher in Europa von den scythischen Wüsten bis zum Atlantischen Ocean, sowie in Amerika von den Gegenden nördlich vom Wendekreis des Krebses bis zu den Gegenden südlich vom Wendekreis des Steinbocks werden können. Dies waren die Aussichten, die sich Wilhelm darboten, als er in das öffentliche Leben eintrat und welche ihn bis zu seinem letzten Tage unaufhörlich verfolgten. Die französische Monarchie war für ihn das was die römische Republik für Hannibal, was das ottomanische Reich für Scanderbeg, was die südliche Herrschaft für Wallace war. Die Religion gab diesem glühenden und unverlöschlichen Hasse ihre Weihe. Hunderte von calvinistischen Predigern verkündeten, daß die nämliche Macht, welche Simson vom Mutterleibe an dazu bestimmt, die Geißel der Philister zu werden, und welche Gideon von der Dreschtenne abgerufen, um die Midianiter zu schlagen, Wilhelm von Oranien zum Vorkämpfer aller freien Nationen und aller reinen Kirchen erkoren habe, und diese Ansicht war nicht ohne Einfluß auf sein Gemüth geblieben. Dem Vertrauen, welches dieser heldenmüthige Fatalist in seine erhabene Bestimmung und in seine heilige Sache setzte, ist zum Theil seine auffallende Gleichgültigkeit gegen jede Gefahr zuzuschreiben. Er hatte ein großes Werk zu vollbringen und bis es vollbracht war, konnte ihm nichts schaden. Daher kam es auch, daß er trotz der Prophezeiungen der Ärzte von hoffnungslos scheinenden Krankheiten genas, daß Schaaren von Mördern sich vergebens gegen sein Leben verschworen, daß der offene Nachen, dem er sich in sternenloser Nacht auf einem tobenden Ocean an einer verrätherischen Küste anvertraute, ihn wohlbehalten ans Land trug und daß auf zwanzig Schlachtfeldern die Kanonenkugeln auf allen Seiten an ihm vorübersausten. Die Begeisterung und Ausdauer, womit er sich seiner Sendung widmete, haben kaum ein Beispiel in der Geschichte. Seinem großen Ziele gegenüber achtete er das Leben Anderer ebenso gering als sein eigenes. Selbst die menschlichsten und edelmüthigen Soldaten jener Zeit waren zu sehr daran gewöhnt, das Blutvergießen und die Verheerungen, welche von großen kriegerischen Unternehmungen unzertrennlich sind, mit kalter Gleichgültigkeit zu betrachten, und Wilhelm’s Herz war nicht allein durch berufsmäßige Unempfindlichkeit, sondern auch durch die noch starrere Unempfindlichkeit gestählt, welche die Wirkung des Pflichtgefühls ist. Drei große Coalitionen, drei lange und blutige Kriege, in denen ganz Europa von der Weichsel bis zum westlichen Ocean unter den Waffen stand, sind lediglich seiner unbezwinglichen Energie zuzuschreiben. Als im Jahre 1678 die Generalstaaten erschöpft und entmuthigt nach Ruhe verlangten, stimmte er noch immer dagegen, das Schwert in die Scheide zu stecken, und der Friede wurde nur geschlossen, weil er seinen wilden und entschlossenen Geist nicht auch Anderen einhauchen konnte. Noch im letzten Augenblicke schlug er in der Hoffnung, dadurch die Unterhandlungen abzubrechen, von denen er wohl wußte, daß sie dem Abschlusse nahe waren, eine der blutigsten und hartnäckigsten Schlachten jener Zeit. Von dem Tage an, wo der Friede von Nymwegen unterzeichnet worden war, begann er auf eine neue Coalition zu sinnen. Sein Streit mit Ludwig, der nun vom Schlachtfelde in das Kabinet versetzt wurde, ward bald durch eine Privatfehde noch erbitterter. Die beiden Rivalen waren einander in Talenten, Character, Manieren und Ansichten gerade entgegengesetzt. Ludwig, fein und würdevoll, verschwenderisch und ausschweifend, ein Freund von Prunk und Feind von persönlicher Gefahr, ein freigebiger Beschützer der Künste und Wissenschaften und ein grausamer Verfolger der Calvinisten, bildete einen auffallenden Contrast mit Wilhelm, der einfach in seinen Neigungen, unfreundlich in seinem Benehmen, unermüdlich und unerschrocken im Kriege, gleichgültig gegen alle Luxuszweige des Wissens und ein entschiedener Anhänger der genfer Theologie war. Die beiden Feinde beobachteten nicht lange jene Artigkeit, welche Männer ihres Ranges, selbst wenn sie einander an der Spitze von Armeen gegenüberstehen, selten aus den Augen setzen. Wilhelm gebrauchte zwar die Formalität, daß er Ludwig seine besten Dienste anbot; aber diese Höflichkeit wurde nach ihrem wahren Werthe gewürdigt und mit einer trocknen Zurückweisung vergolten. Der große König verachtete den kleinen Prinzen, der der Diener eines Bundes von Handelsstädten war und auf jedes Zeichen von Verachtung antwortete der unerschrockene Statthalter mit einer neuen Herausforderung, Wilhelm entlehnte seinen Namen, ein Name, den die Ereignisse des vorhergegangenen Jahrhunderts zu einem der glänzendsten und berühmtesten von ganz Europa gemacht hatten, von einer Stadt, welche nicht weit von Avignon an den Ufern der Rhone liegt und die, wie Avignon, obgleich von allen Seiten von französischem Gebiet umgeben, doch eigentlich nicht der französischen, sondern der kaiserlichen Krone als Lehen gehörte. Ludwig besetzte Orange mit der ihm eigenen übermüthigen Verachtung des Völkerrechts, schleifte die Befestigungswerke und eignete sich die Einkünfte der Stadt zu. Wilhelm erklärte laut bei Tische in Anwesenheit vieler Personen, der allerchristlichste König solle diese Beleidigung schwer bereuen, und als der Graf von Avaux ihn um eine nähere Erklärung dieser Worte bat, weigerte er sich auf das Bestimmteste, sie zu widerrufen oder wegzuerklären. Der Streit ging so weit, daß der französische Gesandte es nicht wagen durfte, sich im Empfangzimmer der Prinzessin blicken zu lassen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, öffentlich beleidigt zu werden.[13]

Wilhelm’s Gesinnungen gegen Frankreich erklären zugleich seine ganze Politik gegen England. Sein Gemeinsinn war ein europäischer. Der Hauptgegenstand seiner Sorge war nicht unsre Insel, ja selbst sein Geburtsland nicht, sondern die große Gemeinschaft der Nationen, der die Unterjochung durch ein zu mächtiges Mitglied drohte. Wer in dem Irrthume befangen ist, ihn als einen englischen Staatsmann zu betrachten, muß nothwendig sein ganzes Leben in einem falschen Lichte erblicken und wird nicht im Stande sein, irgend einen Grundsatz, sei es ein guter oder ein schlechter, ein whiggistischer oder ein toryistischer, zu entdecken, auf den sich seine wichtigsten Thaten zurückführen ließen. Betrachten wir ihn aber als einen Mann, dessen besondere Aufgabe es war, eine Masse von schwachen, zerrissenen und entmuthigten Staaten zu einem festen und starken Bunde gegen den gemeinsamen Feind zu sammeln, betrachten wir ihn als einen Mann, in dessen Augen England namentlich deshalb wichtig war, weil ohne dasselbe die von ihm beabsichtigte große Coalition unvollständig gewesen sein würde, so werden wir zugeben müssen, daß keine langjährige Laufbahn, von der uns die Geschichte erzählt, von Anfang bis zu Ende gleichmäßiger war als die dieses großen Fürsten.[14]

[Anmerkung 13: +Avaux Negotiations+, Aug. 10.(20.), Sept. 14.(24.), Sept. 28. (Oct. 8.), Dec. 7.(17.) 1682.]

[Anmerkung 14: Ich kann mir das Vergnügen nicht versagen, Massillon’s unfreundliche, aber scharfsinnige und edle Characteristik Wilhelm’s hier anzuführen: +„Un prince profond dans ses vues; habile à former des ligues et à reunir les esprits, plus heureux à exciter les guerres qu’à combattre; plus encore à craindre dans le secret du cabinet, qu’à la tête des armées; un ennemi que la haine du nom Français avait rendu capable d’imaginer de grandes choses et de les exécuter; un de ces génies qui semblent être nés pour mouvoir à leur gré les peuples et les souverains; un grand homme, s’il n’avoit jamais voulu être roi.“+ Grabrede auf den Dauphin.]

[_Seine Politik durchaus consequent._] Der Leitfaden, den wir jetzt besitzen, wird es uns möglich machen, ohne Schwierigkeit den wirklich consequenten, obgleich anscheinend zuweilen gewundenen Gang zu verfolgen, den er gegen unsere inneren Factionen beobachtete. Er erkannte deutlich, was übrigens auch weit weniger scharfsichtigen Leuten als er war, nicht entging, daß das Unternehmen, an dem er mit ganzer Seele hing, wahrscheinlich gelingen würde, wenn England auf seiner Seite wäre, daß der Ausgang ungewiß sein würde, wenn England neutral bliebe, und daß es hoffnungslos sein würde, wenn England handelte, wie es in den Tagen der Cabale gehandelt hätte. Nicht weniger deutlich sah er, daß zwischen der äußeren und der inneren Politik Englands ein enger Zusammenhang stattfand, daß der Regent dieses Landes, wenn er mit dem gesetzgebenden Körper harmonirte, stets einen großen Einfluß auf die Angelegenheiten der Christenheit ausüben und daß ihm offenbar daran gelegen sein mußte, der ungebührlichen Machtvergrößerung irgend eines festländischen Potentaten entgegenzuwirken; daß auf der andren Seite der Souverain, wenn der gesetzgebende Körper ihm nicht traute und ihn in seinen freien Bewegungen hemmte, in der europäischen Politik nur von geringem Gewicht sein konnte und daß dieses ganze kleine Gewicht in die falsche Wagschale fallen würde. Der erste Wunsch des Prinzen war daher: Eintracht zwischen dem Throne und dem Parlamente. Wie diese Eintracht herzustellen war und auf welcher Seite Zugeständnisse gemacht werden mußten, dies waren seiner Ansicht nach Fragen von untergeordneter Bedeutung. Allerdings würde es ihm am liebsten gewesen sein, wenn eine vollständige Aussöhnung hätte bewirkt werden können, ohne einen Buchstaben von der Prärogative zu opfern, denn er hatte an der ungeschmälerten Aufrechthaltung derselben ein anwartschaftliches Interesse, und war von Natur mindestens eben so herrschsüchtig und ein eben so großer Feind von Beschränkung, als irgend ein Stuart. Aber es gab kein Kleinod der Krone, das er nicht, selbst nachdem sie auf sein eignes Haupt gesetzt worden, bereitwilligst zum Opfer gebracht hätte, wenn er überzeugt sein konnte, daß ein solches Opfer zur Erreichung seines großen Zieles unumgänglich nöthig war. Daher empfahl er auch der Regierung in den Tagen des papistischen Complots Nachgiebigkeit, obgleich er die Heftigkeit mißbilligte, mit der die Opposition die königliche Autorität angriff. Das Verfahren der Gemeinen bezüglich der inneren Angelegenheiten, sagte er, sei höchst unverständig, aber so lange die Gemeinen unzufrieden seien, könnten die Freiheiten Europa’s nicht sicher sein und dieser überwiegenden Rücksicht müsse jede andre weichen. Nach diesen Grundsätzen handelte er, als die Ausschließungsbill die ganze Nation erschütterte. Man hat keinen Grund zu der Annahme, daß er die Opposition aufgemuntert habe, diese Bill einzubringen oder die wiederholt gemachten Vergleichsvorschläge des Thrones zurückzuweisen. Als es aber klar wurde, daß, wenn diese Bill nicht durchging, ein ernster Bruch zwischen den Gemeinen und dem Hofe entstehen mußte, sprach er deutlich, obwohl mit gebührender Mäßigung, seine Ansicht dahin aus, daß man sich um jeden Preis mit den Vertretern des Volks versöhnen müsse. Als ein heftiger und reißender Umschwung der öffentlichen Meinung die Whigpartei eine Zeit lang völlig hilflos gelassen hatte, versuchte er es sein großes Ziel auf einem andren Wege zu erreichen, der seiner Natur vielleicht besser zusagte als der vorher betretene. Die veränderte Stimmung der Nation bot wenig Aussicht dar, daß ein Parlament gewählt werden würde, das geneigt war, die Wünsche des Souverains zu durchkreuzen. Karl war eine Zeit lang Herr. Ihn zu gewinnen, war daher des Prinzen erster Wunsch. Im Sommer 1683, fast in dem Augenblicke, als die Entdeckung des Ryehousecomplots die Niederlage der Whigs und den Sieg des Königs vollständig machte, traten anderwärts Ereignisse ein, welche Wilhelm nicht ohne die größte Angst und Besorgniß mit ansehen konnte. Die türkischen Heere rückten bis an die Vorstädte Wiens heran. Die große österreichische Monarchie, auf deren Unterstützung der Prinz gerechnet hatte, schien ihrem Untergange nahe zu sein. Bentinck wurde daher schleunigst vom Haag nach London gesandt, mit dem Auftrage nichts zu versäumen, was nöthig sein konnte, um den englischen Hof zu gewinnen, und ganz besonders war er angewiesen, in den stärksten Ausdrücken den Abscheu seines Gebieters gegen die Whigverschwörung zu versichern.