Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Vierter Band

Part 21

Chapter 213,386 wordsPublic domain

Ganz London wußte, daß die Bischöfe vor dem Geheimen Rathe standen. Das Publikum war in gespannter Erwartung. Eine große Menschenmenge füllte die Höfe von Whitehall und alle umliegenden Straßen. Viele Leute pflegten sich damals an Sommerabenden an der kühlen Themseluft zu erlaben; an diesem Abend aber war der ganze Fluß mit Böten bedeckt. Als die sieben Bischöfe in Begleitung einer Wache erschienen, konnte das Volk seine Gefühle nicht mehr beherrschen. Tausende fielen auf die Knie und beteten laut für die Männer, welche mit dem christlichen Muthe eines Ridley und Latimer einem von der ganzen Bigotterie der Maria erfüllten Tyrannen Trotz geboten hatten. Viele sprangen in den Fluß und riefen, bis über den Hüften in Schlamm und Wasser stehend, die heiligen Väter um ihren Segen an. Auf der ganzen Strecke von Whitehall bis zur London-Brücke fuhr die königliche Barke zwischen Reihen von Böten, aus denen beständig der Ruf: „Gott segne Eure Lordschaften!“ ertönte. Der König gab in seiner Angst Befehl, daß die Besatzung des Tower verstärkt, die Garden zum Feuern bereit gehalten und zwei Compagnien von jedem Regiment im ganzen Reiche unverzüglich nach London berufen werden sollten. Die Militairmacht aber, die er als das zuverlässigste Werkzeug zur Bändigung des Volkes ansah, theilte alle Gefühle desselben. Selbst die Schildwachen, welche am Verrätherthore unter Waffen standen, baten die Märtyrer, die sie bewachen sollten, um ihren Segen. Der Gouverneur des Tower war Sir Eduard Hales. Er war nicht eben geneigt, seine Gefangenen freundlich zu behandeln, denn er war von der Kirche, für die sie litten, abgefallen und bekleidete kraft der Dispensationsgewalt, gegen die sie protestirt hatten, mehrere einträgliche Stellen. Mit Entrüstung vernahm er, daß seine Soldaten auf das Wohl der Bischöfe tranken, und er befahl seinen Offizieren, dies ein für allemal zu verbieten; aber diese brachten ihm die Meldung, daß es sich nicht mehr verhindern lasse und daß in der ganzen Besatzung keine andre Gesundheit mehr ausgebracht werde. Übrigens bewiesen die Truppen ihre Verehrung für die Väter der Kirche nicht allein durch Toaste. Im ganzen Tower herrschte eine so andächtige Stimmung, daß fromme Geistliche dem Himmel dankten, daß er aus Bösem Gutes hervorgehen ließe und die Verfolgung seiner treuen Diener zum Rettungsmittel für viele Seelen machte. Tag für Tag sah man die Equipagen und Livreen der vornehmsten Kavaliere Englands vor den Eingängen des Gefängnisses, und Tausende von Zuschauern aus den bürgerlichen Klassen bedeckten fortwährend Towerhill.[101] Von den verschiedenen Zeichen der öffentlichen Verehrung und Theilnahme für die Prälaten erfüllte aber namentlich eines mehr als alle anderen den König mit Zorn und Besorgniß. Er erfuhr, daß eine Deputation von zehn nonconformistischen Geistlichen die Bischöfe im Tower besucht hatte. Er ließ vier von ihnen zu sich entbieten und machte ihnen persönlich heftige Vorwürfe; sie aber antworteten ihm muthig, daß sie es für ihre Pflicht hielten, vergangene Streitigkeiten zu vergessen und zu den Männern zu stehen, welche die Träger des protestantischen Glaubens seien.[102]

[Anmerkung 100: Sancroft’s Bericht, abgedruckt aus Tanner’s Handschriften.]

[Anmerkung 101: +Burnet, I. 741+; Citters, 8.(18.), 12.(22.) Juni 1688; +Luttrell’s Diary, June 8+; +Evelyn’s Diary+, Brief von +Dr.+ Ralson an seine Gattin vom 14. Juni abgedruckt aus Tanner’s Handschriften; +Reresby’s Memoirs+.]

[Anmerkung 102: +Reresby’s Memoirs+.]

[_Geburt des Prätendenten._] Kaum hatten sich die Thore des Tower hinter den Gefangenen geschlossen, so trat ein Ereigniß ein, welches die allgemeine Aufregung noch vermehrte. Es war angekündigt worden, daß die Königin erst im Juli ihre Entbindung erwarte. Den Tag nach dem Verhöre der Bischöfe aber bemerkte man, daß der König sich angelegentlich nach ihrem Befinden erkundigte. Sie saß jedoch diesen Abend noch bis gegen Mitternacht in Whitehall am Spieltisch. Dann aber wurde sie in einer Sänfte in den St. Jamespalast gebracht, wo in aller Eil Zimmer für sie eingerichtet worden waren. Bald darauf eilten Boten nach allen Richtungen hin, um Ärzte und Priester, Staatsräthe und Kammerdamen herbeizuholen. Binnen wenigen Stunden waren eine Menge Staatsbeamte und vornehme Damen im Zimmer der Königin versammelt, und hier wurde am Morgen des 10. Juni, einem Sonntage, der von den allzutreuen Freunden einer schlechten Sache lange in Ehren gehalten wurde, der unglücklichste aller Fürsten geboren, bestimmt zu siebenundsiebzig Jahren der Verbannung und des Umherirrens, zu einem Leben voll eitler Pläne, voll Ehrenbezeigungen, welche kränkender sind als offene Beleidigungen, und voll Hoffnungen, die das Herz vor Gram vergehen lassen.

[_Man hält ihn allgemein für untergeschoben._] Die traurigen Schicksale des armen Kindes begannen schon vor seiner Geburt. Die Nation über welche er nach der gewöhnlichen Erbfolgeordnung einst regiert haben würde, war fest überzeugt, daß seine Mutter gar nicht schwanger sei. Wäre seine Geburt auch durch noch so viele Zeugen bewiesen worden, ein großer Theil des Volks würde trotzdem wahrscheinlich bei der Behauptung geblieben sein, daß die Jesuiten ein geschicktes Taschenspielerkunststück ausgeführt hätten; der Beweis für die Thatsache ließ aber, theils durch Zufall, theils durch grobe Versehen manchen Einwürfen und Zweifeln Raum. Es waren zwar viele Personen beiderlei Geschlechts im königlichen Schlafgemache anwesend, als das Kind das Licht der Welt erblickte, aber keine von ihnen erfreute sich des öffentlichen Vertrauens im besonderen Grade. Von den anwesenden Geheimräthen waren die Hälfte Katholiken und die, welche sich Protestanten nannten, galten allgemein für Verräther an Gott und Vaterland. Unter den Kammerdamen befanden sich viele Französinnen, Italienerinnen und Portugiesinnen, und von den englischen Damen waren einige selbst Papistinnen, andere die Gattinnen von Papisten. Mehrere Personen, welche vorzugsweise hätten anwesend sein sollen, und deren Zeugniß allen Verständigen genügt haben würde, fehlten und man legte die Schuld an ihrer Abwesenheit dem Könige zur Last. Die Prinzessin Anna war von allen Bewohnern der ganzen Insel am meisten bei der Sache interessirt. Ihr Geschlecht und ihre Erfahrung berechtigte sie, als Wächterin des Geburtsrechts ihrer Schwester und ihres eigenen aufzutreten. Sie hatte starken Verdacht geschöpft, in welchem sie täglich durch geringfügige oder imaginäre Umstände bestärkt wurde. Es schien ihr, als ob die Königin geflissentlich ihren Fragen auswiche und sie schrieb diese Zurückhaltung, welche vielleicht im Zartgefühl ihren Grund hatte, dem Schuldbewußtsein zu.[103] In Folge dessen hatte Anna sich vorgenommen, an dem entscheidenden Tage anwesend zu sein und ein scharfes Auge zu haben. Sie hatte es aber nicht für nöthig gehalten, schon einen Monat vor diesem Tage auf ihrem Posten zu sein, sondern war mit Bewilligung und angeblich auf Anrathen ihres Vaters nach Bath gereist, um dort eine Brunnenkur zu gebrauchen. Sancroft, dessen hohe Stellung ihm die Pflicht auferlegte, anwesend zu sein, und in dessen Rechtschaffenheit die Nation volles Vertrauen setzte, war einige Stunden vorher von Jakob in den Tower geschickt worden. Die Hyde waren die geeigneten Beschützer der Rechte beider Prinzessinnen. Der holländische Gesandte konnte als der Vertreter Wilhelm’s betrachtet werden, der als der erste Prinz von Geblüt und als Gemahl der ältesten Tochter des Königs das größte Interesse an dem Ereignisse hatte. Jakob aber dachte nicht daran, ein männliches oder weibliches Mitglied der Familie Hyde herbeizurufen und eben so wenig wurde der holländische Gesandte zugezogen.

Die Nachwelt hat den König von dem Betrug, dessen sein Volk ihn beschuldigte, vollkommen freigesprochen. Unmöglich aber kann man ihn von der Thorheit und Verkehrtheit freisprechen, welche den Irrthum seiner Zeitgenossen erklären und entschuldigen. Er wußte recht gut, welche argwöhnischen Vermuthungen man im Publikum hegte,[104] und er hätte eben so gut wissen können, daß dieser Argwohn nicht durch das Zeugniß von Mitgliedern der römischen Kirche oder solchen Personen zerstreut werden konnte, die sich zwar Mitglieder der anglikanischen Kirche nannten, aber sich ganz bereit gezeigt hatten, die Interessen dieser Kirche zu opfern, um seine Gunst zu gewinnen. Daß der Eintritt des Ereignisses ihn vor der erwarteten Zeit überraschte, ist wahr, aber er hatte immerhin zwölf Stunden vor sich, um seine Anordnungen zu treffen. So gut als er den St. Jamespalast mit Bigotten und Schmarotzern füllen konnte, deren Wort die Nation nicht traute, eben so gut hätte er auch für die Anwesenheit einiger angesehenen Personen sorgen können, deren treue Anhänglichkeit an die Prinzessinnen und an die Landeskirche außer Zweifel stand.

Zu einer späteren Zeit, als er für seine tollkühne Verachtung der öffentlichen Meinung schwer gebüßt hatte, pflegte man in Saint-Germain ihn dadurch zu entschuldigen, daß man die Schuld auf Andere wälzte. Einige Jakobiten behaupteten, Anna habe sich absichtlich fern gehalten, ja sie scheuten sich nicht zu sagen, Sancroft habe den König herausgefordert, ihn in den Tower zu schicken, damit das Zeugniß, welches die Verleumdungen der Unzufriedenen widerlegen konnte, mangelhaft wäre.[105] Die Abgeschmacktheit dieser Beschuldigung ist handgreiflich. Konnte Anna oder Sancroft vermuthen, daß die Königin sich in ihrer Berechnung um einen ganzen Monat geirrt hatte? Wäre ihre Berechnung richtig gewesen, so würde Anna gewiß, um der Entbindung beiwohnen zu können, zur rechten Zeit von Bath zurückgekehrt und Sancroft nicht im Tower gewesen sein. Jedenfalls aber waren die mütterlichen Oheime der Tochter des Königs weder von London entfernt noch im Gefängniß. Die nämlichen Boten, welche die ganze Schaar der Renegaten, Dover, Peterborough, Murray, Sunderland und Mulgrave, herbeiholten, hätten ganz eben so leicht auch Clarendon herbeirufen können. Er war so gut Geheimer Rath als sie, und seine Wohnung befand sich in Jermyn Street, keine zweihundert Schritt von den Gemächern der Königin. Dennoch ließ man es ihn erst in der St. Jameskirche durch die Bewegung und das Geflüster der Gemeinde erfahren, daß seine Nichte aufgehört hatte, die präsumtive Thronerbin zu sein.[106] Gehörte er etwa deshalb nicht in das Entbindungszimmer, weil er ein naher Verwandter der Prinzessinnen von Oranien und von Dänemark war, oder weil er unerschütterlich treu an der anglikanischen Kirche hing?

Die ganze Nation sprach es laut und offen aus, daß ein Betrug gespielt worden sei. Mehre Monate lang hätten die Papisten auf der Kanzel und durch die Presse, in Prosa und in Versen, in englischer und in lateinischer Sprache prophezeit, daß die Bitten der Kirche erhört und ein Prinz von Wales geboren werden würde, und sie hätten jetzt selbst ihre Prophezeiung erfüllt. Jeder nicht zu bestechende oder zu hintergehende Zeuge sei sorgfältig ausgeschlossen worden. Anna habe man arglistigerweise zu einer Reise nach Bath überredet. Der Primas sei gerade am Tage vor dem zur Ausführung des Betrugs bestimmten den Vorschriften des Gesetzes und der Privilegien der Peers zum Trotz ins Gefängniß geworfen worden. Nicht eine einzige männliche oder weibliche Person, die das geringste Interesse an der Enthüllung des Betrugs haben konnte, sei zugezogen worden. Man habe die Königin plötzlich mitten in der Nacht in den St. Jamespalast gebracht, weil dieses Gebäude, für unehrliche Zwecke passender eingerichtet als Whitehall, einige für die Absichten der Jesuiten vortrefflich geeignete Zimmer und Gänge enthalte. Hier sei inmitten eines Kreises von Zeloten, denen nichts, was die Interessen ihrer Kirche fördern konnte, ein Verbrechen dünkte, und von Höflingen, welche nichts, was zu ihrer Bereicherung und Erhebung beitragen konnte, für Sünde hielten, ein neugeborenes Kind ins Bett der Königin practicirt und dann triumphirend als Erbe dreier Königreiche herumgegeben worden. Durch diesen zwar unbegründeten, aber nicht ganz unnatürlichen Verdacht aufgeregt, drängten sich die Leute nur um so eifriger danach, den frommen Opfern des Tyrannen zu huldigen, der, nachdem er lange seinem Volke das empörendste Unrecht zugefügt, das Maß seiner Schändlichkeit voll machte, indem er sich noch empörender an seinen eigenen Kindern verging[107].

Der Prinz von Oranien, der selbst keinen Betrug argwöhnte und den Zustand der Volksstimmung in England nicht kannte, ordnete Dankgebete für seinen kleinen Schwager unter seinem eigenen Dache an und schickte Zulestein mit einem förmlichen Beglückwünschungsschreiben nach London. Zulestein hörte zu seinem großen Erstaunen Jedermann ganz offen von dem schändlichen Betruge sprechen, den die Jesuiten eben begangen haben sollten, und erblickte jede Stunde ein neues Pasquill auf die Schwangerschaft und die Entbindung der Königin. Er schrieb sehr bald nach dem Haag, von zehn Personen glaube nicht eine, daß die Königin dieses Kind geboren habe[108].

Das Benehmen der gefangenen Prälaten erhöhte inzwischen die allgemeine Theilnahme, die ihre Lage erweckte. Am Abend des „schwarzen Freitags“, wie man den Tag ihrer Einkerkerung nannte, kamen sie gerade zur Stunde des Gottesdienstes in ihrem Gefängnisse an. Sie begaben sich sogleich in die Kapelle. Der Zufall wollte, daß im zweiten Vorlesestück die Worte vorkamen: „In allen Dingen lasset uns beweisen als die Diener Gottes in großer Geduld und Trübsalen, in Nöthen und Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen.“ Alle eifrigen Anhänger der Staatskirche freuten sich dieses Zusammentreffens und erinnerten sich, wie ein ganz ähnliches vor fast vierzig Jahren Karl I. in seiner Todesstunde getröstet und erhoben hatte.

Am Abend des folgenden Tages, Samstag den 9. Juni, kam ein Schreiben von Sunderland, welcher dem Kaplan des Tower befahl, am nächsten Morgen beim Gottesdienste die Erklärung zu verlesen. Da die in dem Geheimrathsbefehl zur Verlesung in London bestimmte Zeit längst verstrichen war, so konnte dieses Verfahren der Regierung nur als eine ganz gemeine und kindische persönliche Insulte gegen die ehrwürdigen Gefangenen betrachtet werden. Der Kaplan weigerte sich zu gehorchen; er wurde sofort entlassen und die Kapelle geschlossen[109].

[Anmerkung 103: Correspondenz zwischen Anna und Marie in Dalrymple; +Clarendon’s Diary Oct. 31. 1688+.]

[Anmerkung 104: Dies geht aus Clarendon’s Tagebuche vom 31. Oct. 1688 klar hervor.]

[Anmerkung 105: +Clarke’s Life of James the Second, II. 159. 160.+]

[Anmerkung 106: +Clarendon’s Diary, June 10. 1688.+]

[Anmerkung 107: Johnstone giebt in kurzen Worten eine treffliche Übersicht der gegen den König erhobenen Beschuldigungen. „Die große Masse des Volks ist der Meinung, daß Alles ein Betrug sei, denn, sagen sie, die Berechnung treffe nicht zu, die Prinzessin sei entfernt und weder Jemand von der Familie Clarendon noch der holländische Gesandte herbeigerufen worden; dazu komme noch der plötzliche Eintritt des Ereignisses, die Predigten, die Zuversicht der Priester und die Eil.“ -- 13. Juni 1688.]

[Anmerkung 108: Ronquillo, 26. Juli (5. Aug.). Ronquillo setzt hinzu, daß Zulestein’s Bericht über den Zustand der öffentlichen Meinung vollkommen wahr sei.]

[Anmerkung 109: Citters, 12.(22.) Juni 1688; +Luttrell’s Diary, June 18.+]

[_Die Bischöfe werden vor die Kings Bench gestellt und müssen Bürgschaft leisten._] Die Bischöfe erbauten Alle, die sich ihnen näherten, durch die Standhaftigkeit und Freudigkeit, mit der sie ihre Haft ertrugen, durch die Bescheidenheit und Demuth, mit der sie die Beifallsbezeigungen und Segenswünsche der ganzen Nation aufnahmen, und durch die loyale Anhänglichkeit, die sie für den Tyrannen, der sie in’s Verderben stürzen wollte, an den Tag legten. Am Freitag den 15. Juni, dem ersten Sitzungstage der Kings Bench, wurden sie vor diesen Gerichtshof gestellt. Eine ungeheure Menschenmenge erwartete ihre Ankunft. Vom Landungsplatze bis zur Court of Requests gingen sie durch eine Doppelreihe von Zuschauern, welche ihnen Segenswünsche und Beifall zuriefen. „Lieben Freunde,“ sagten die Gefangenen im Vorübergehen, „ehret den König und gedenket unserer in Euren Gebeten.“ Diese demüthigen und frommen Worte rührten Viele bis zu Thränen. Als sich der Zug endlich durch das Gedränge einen Weg gebahnt hatte und vor den Richtern angekommen war, verlas der Generalfiskal die Anklage, welche er auf hohen Befehl ausgearbeitet hatte und stellte den Antrag, daß die Beklagten aufgefordert werden sollten, auf die Klage einzugehen. Der Vertheidiger wendete dagegen ein, die Bischöfe seien gesetzwidrig verhaftet worden, und ihr Erscheinen vor dem Gerichtshofe sei daher nicht ordnungsgemäß. Die Frage, ob ein Peer unter einer Anklage wegen Libells sein Erscheinen vor Gericht gehörig zu verbürgen habe, wurde ausführlich erörtert und endlich von der Mehrheit der Richter zu Gunsten der Krone entschieden. Die Gefangenen erklärten sich nun für nichtschuldig. Der vierzehnte Tag darauf, der 29. Juni, wurde zur Verhandlung ihres Prozesses anberaumt. Bis dahin wurden sie gegen das persönliche Versprechen, sich zu stellen, in Freiheit gesetzt. Die Kronanwälte thaten sehr weise daran, aß sie keine fremde Bürgschaft verlangten, denn Halifax hatte dafür gesorgt, daß einundzwanzig weltliche Peers vom höchsten Ansehen, je drei für einen Angeklagten, zur Bürgschaftleistung bereit waren, und eine solche Gesinnungsäußerung des hohen Adels würde für die Regierung ein harter Schlag gewesen sein. Eben so wußte man, daß einer der reichsten, Dissenters der Hauptstadt um die Ehre nachgesucht hatte, für Ken Bürgschaft leisten zu dürfen.

Die Bischöfe durften nun in ihre Heimath zurückkehren. Das niedere Volk, welches von dem bei der Kings Bench beobachteten Gerichtsverfahren nichts wußte und nur sah, daß ihre Lieblinge, nachdem sie unter Bedeckung nach Westminster Hall gebracht worden waren, jetzt sich in voller Freiheit wieder entfernen durften, glaubte, die gute Sache habe gesiegt, und brach in lauten Beifallsjubel aus, während zugleich fröhliches Glockengeläute von allen Thürmen ertönte. Sprat erstaunte nicht wenig, als er die Glocken seiner eigenen Abtei lustig erklingen hörte. Er brachte sie sofort zum Schweigen, aber seine Einmischung erregte viel unwilliges Murren. Die Bischöfe wußten gar nicht, wie sie sich vor der zudringlichen Masse ihrer Freunde retten sollten. Lloyd wurde im Palasthofe von Verehrern zurückgehalten, die sich um die Gunst stritten, seine Hände zu berühren und den Saum seines Rockes zu küssen, bis endlich Clarendon ihn nicht ohne Anstrengung befreite und ihn durch eine Seitengasse nach Hause führte. Man sagte, Cartwright sei so unvorsichtig gewesen, sich unter das Volk zu mischen. Jemand, der ihn an seinem Bischofsgewand erkannte, erbat sich und erhielt seinen Segen. „Wißt Ihr, von wem Ihr Euch eben habt segnen lassen?“ rief einer der Umstehenden. „Nun, es war doch gewiß einer von den Sieben?“ versetzte Der, welcher eben mit dem Segen beehrt worden war. „Nein,“ entgegnete der Andere, „es war der papistische Bischof von Chester.“ -- „Papistischer Hund!“ rief der Protestant wüthend, „nimm Deinen Segen zurück!“

Der Zusammenlauf und die Aufregung waren so groß, daß der holländische Gesandte sich wunderte, den Tag ohne einen Aufstand enden zu sehen. Dem Könige war durchaus nicht wohl zu Muthe gewesen. Um jede Ruhestörung sogleich unterdrücken zu können, hatte er am Morgen in Hydepark mehrere Bataillone Infanterie gemustert. Es ist jedoch keineswegs ausgemacht, daß diese Truppen zu ihm gehalten haben würden, wenn er ihrer Dienste bedurft hätte. Als Sancroft am Nachmittag in Lambeth ankam, fand er die in dieser Vorstadt liegenden Grenadiergarden vor dem Eingange seines Palastes versammelt. Sie stellten sich in einer Doppelreihe auf und während er zwischen ihnen hinschritt, baten sie ihn um seinen Segen. Nur mit Mühe hielt er sie davon ab, daß sie zur Feier seiner Rückkehr in seine Wohnung ein Freudenfeuer anzündeten. Es brannten übrigens an jenem Abend mehrere Freudenfeuer in der Hauptstadt. Zwei Katholiken, welche so unbesonnen waren, einige Knaben zu schlagen, weil sie an diesen öffentlichen Freudenbezeigungen Theil nahmen, wurden vom Pöbel ergriffen, nackt ausgezogen und schimpflich gebrandmarkt[110].

Jetzt forderte Sir Eduard Hales seine Gebühren von den Bischöfen, die seine Gefangenen gewesen waren. Sie weigerten sich, einem Beamten, dessen Bestallung sie nach ihren Grundsätzen für null und nichtig ansahen, etwas für eine in ihren Augen gesetzwidrige Haft zu bezahlen. Hierauf gab ihnen der Gouverneur sehr deutlich zu verstehen, daß, wenn sie noch einmal in seine Hände kämen, er sie in schwere Eisen legen und auf die nackten Steine betten werde. „Wir haben uns die Ungnade unsres Königs zugezogen,“ war ihre Antwort, „und wir empfinden dies sehr schmerzlich; ein Mitunterthan aber, der uns droht, strengt nutzlos seine Lunge an.“ Man kann leicht denken, mit welchem Unwillen das ohnehin schon gereizte Volk erfuhr, daß ein vom protestantischen Glauben Abgefallener, der den Grundgesetzen Englands zum Hohn einen Commandoposten bekleidete, es gewagt hatte, ehrwürdigen Geistlichen mit allen Barbareien von Lollard’s Tower zu drohen[111].

[Anmerkung 110: Über die Ereignisse dieses Tages sehe man die +Collection of State Trials+; +Clarendon’s Diary+; +Luttrell’s Diary+; Citters, 15.(25.) Juni; Johnstone, 18. Juni und +Revolution Politics.+]

[Anmerkung 111: Johnstone, 18. Juni 1688; +Evelyn’s Diary, June 29.+]

[_Aufregung der Gemüther._] Bis zu dem Tage des Prozesses hatte sich die Aufregung nach den entferntesten Winkeln der Insel verbreitet. Aus Schottland erhielten die Bischöfe Zuschriften, in denen sie der Sympathie aller Presbyterianer dieses dem Prälatenthum so lange und so bitter Feind gewesenen Landes versichert wurden[112]. Die Bevölkerung von Cornwall, ein trotziges, kühnes und herkulisches Geschlecht, das ein stärkeres Provinzialgefühl hatte, als man es in irgend einem andren Theile des Landes fand, nahm großen Antheil an der Gefahr, in welcher Trelawney schwebte, den sie weniger als einen Leiter der Kirche, denn als das Oberhaupt eines angesehenen Hauses und als den Erben von zwanzig Ahnen verehrten, welche schon in hohem Ansehen standen, ehe die Normannen den Fuß auf englischen Boden gesetzt hatten. In der ganzen Grafschaft sang das Landvolk eine Ballade, deren Refrain noch nicht vergessen ist:

„Und bringt man Trelawney um, bringt man Trelawney um, Wollen dreißigtausend cornische Burschen wissen warum?“

Die Bergleute sangen das Lied mit einer kleinen Variation:

„Wollen Zwanzigtausend unter der Erde wissen warum.“[113]

In manchen Theilen des Landes sprachen die Bauern laut eine sonderbare Hoffnung aus, welche nie aufgehört hat, in ihren Herzen fortzuleben. Sie meinten, ihr protestantischer Herzog, ihr geliebter Monmouth, werde plötzlich wieder erscheinen, sie zum Siege führen und den König wie die Jesuiten unter seinen Füßen zertreten[114].