Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Vierter Band

Part 15

Chapter 153,248 wordsPublic domain

[_Eine kirchliche Specialcommission wird nach Oxford gesandt._] Cartwright, Bischof von Chester, Wright, Oberrichter der Kings Bench, und Sir Thomas Jenner, ein Baron des Schatzkammergerichts, erhielten eine Specialvollmacht zur Visitation des Collegiums. Am 20. October kamen sie in Oxford an, begleitet von drei Schwadronen Kavalerie mit gezogenen Säbeln. Am folgenden Morgen nahmen die Commissare im Hörsaale des Magdalenen-Collegiums ihre Sitze ein und Cartwright hielt eine loyale Rede, welche noch vor wenigen Jahren von den Oxfordern mit lautem Beifall aufgenommen worden wäre, die aber jetzt mit stummem Unwillen angehört wurde. Es erfolgte hierauf eine lange Debatte. Der Präsident vertheidigte seine Rechte mit Geschick, Mäßigung und Entschiedenheit. Er versicherte seine hohe Achtung vor der königlichen Autorität, behauptete aber fest, daß er nach den Gesetzen Englands ein Eigenthumsrecht an das Haus und an die mit der Präsidentur verbundenen Einkünfte habe. Dieses Rechts könne ihn ein Machtspruch des Landesherrn nicht berauben. „Wollen Sie sich unsrer Visitation unterwerfen?“ fragte der Bischof. „Ich unterwerfe mich derselben,“ antwortete Hough mit weiser Vorsicht, „in so weit sie mit dem Gesetz im Einklange steht, weiter nicht.“ -- „Wollen Sie den Schlüssel zu Ihrer Wohnung ausliefern?“ fragte Cartwright. Hough schwieg. Die Frage wurde wiederholt, und Hough antwortete nun mild aber entschieden, daß er dies nicht thun werde. Die Commissare nannten ihn einen unberufenen Eindringling und forderten die Collegiaten auf, seine Autorität nicht mehr anzuerkennen und für die Aufnahme des Bischofs von Oxford zu stimmen. Charnock versprach bereitwilligst Gehorsam, Smith gab eine ausweichende Antwort, die Hauptmasse der Collegiaten aber erklärte auf das Bestimmteste, daß sie Hough noch immer als ihren rechtmäßigen Präsidenten betrachteten.

[_Hough’s Protest._] Jetzt bat Hough um die Erlaubniß, selbst noch einige Worte an die Commissare richten zu dürfen. Sie bewilligten ihm dies sehr artig, vielleicht weil sie nach seinem ruhigen und gelassenen Benehmen erwarteten, daß er ein Zugeständniß machen werde. „Mylords,“ sprach er, „Sie haben mich heute meines freien Eigenthums beraubt; ich protestire hiermit gegen Ihr ganzes Verfahren als gesetzwidrig, ungerecht und nichtig und appellire an unsren erlauchten Gebieter, den König, in seinen Gerichtshöfen.“ Ein lautes beifälliges Gemurmel erhob sich unter den Studirenden, welche den Saal füllten. Die Commissare waren wüthend. Man suchte die Verbrecher, welche applaudirt hatten, herauszufinden, aber vergebens. Der ganze Zorn der Commission richtete sich nun gegen Hough. „Glauben Sie nicht, daß Sie uns trotzen können,“ rief Jenner mit einem Wortspiel auf den Namen des Präsidenten.[21] „Ich werde die Autorität Seiner Majestät aufrecht erhalten, so lange ich Athem in meiner Brust habe,“ setzte Wright hinzu. „Das Alles kommt von Ihrem nach Popularität haschenden Protest. Sie haben den Landfrieden gebrochen und sollen sich dafür vor der Kings Bench verantworten. Ich verpflichte Sie bei Strafe von tausend Pfund, beim nächsten Termine zu erscheinen. Wir wollen sehen, ob die Civilgewalt Sie nicht bändigen wird. Reicht sie nicht aus, so sollen Sie auch die militairische haben.“ Oxford befand sich in der That in einer Stimmung, welche die Commissare nicht wenig beunruhigte. Die Soldaten erhielten Befehl, ihre Carabiner zu laden, und man sagte, es sei ein expresser Bote nach London geschickt worden, um schleunige Nachsendung von Verstärkungen zu verlangen. Es fand jedoch keine Ruhestörung statt.

[Anmerkung 21: Im Deutschen läßt sich das Wortspiel nicht wiedergeben. +Hough+ und +huff+ (trotzen) wird im Englischen ziemlich gleich ausgesprochen. D. Übers.]

[_Einsetzung Parker’s._] Der Bischof von Oxford wurde mittelst Vollmacht ruhig eingesetzt, aber nur zwei Mitglieder des Magdalenen-Collegiums wohnten der Feierlichkeit bei. Mancherlei Anzeichen bewiesen, daß der Geist des Widerstandes sich auch des Volks bemächtigt hatte. Der Thürsteher des Collegiums warf seinen Schlüssel weg. Der Kellermeister weigerte sich, den Namen Hough’s aus dem Wirthschaftsbuche zu streichen. In der ganzen Stadt war kein Schlosser aufzutreiben, der die Thür der Präsidentenwohnung aufsprengen wollte. Die eigenen Diener der Commissare mußten die Thür mit eisernen Stangen erbrechen. Die Predigten, welche am nächstfolgenden Sonntage in der Universitätskirche gehalten wurden, waren voll von Bemerkungen, welche Cartwright tief kränkten; aber sie waren so gehalten, daß er nichts dagegen thun konnte.

Wäre Jakob nicht ganz verblendet gewesen, so würde er hier innegehalten haben. Die Collegiaten waren im Ganzen genommen nicht geneigt, den Widerstand noch weiter zu treiben. Sie waren der Meinung, daß sie ihre Achtung vor ihren Statuten und Eiden hinreichend bewiesen hätten, indem sie ihre Mitwirkung bei der Einsetzung eines Unberufenen verweigerten, und daß sie sich ihm jetzt, da er im factischen Besitze des Amtes war, als ihrem Oberhaupte unterwerfen könnten, ohne einen Vorwurf auf sich zu laden, bis er durch den Ausspruch eines competenten Gerichts entfernt wurde. Nur ein Collegiat, Doctor Fairfax, weigerte sich, auch nur soweit nachzugeben. Die Commissare würden zu einer solchen Verständigung gern die Hand geboten haben und einige Stunden lang herrschte eine Waffenruhe, von der Viele glaubten, daß sie zu einem gütlichen Vergleich führen werde. Aber bald war Alles wieder in Aufregung. Die Collegiaten sahen, daß die öffentliche Meinung sie offen der Kleinmüthigkeit beschuldigte; in der Stadt sprach man schon ironisch von einem Magdalenengewissen und sagte, der tapfere Hough und der brave Fairfax seien verrathen und verlassen worden. Noch ärgerlicher waren die Spötteleien Obadja Walker’s und seiner Renegatensippschaft. Das also, sagten diese Apostaten, sei das Ende von all den hochtrabenden Worten, in denen die Gesellschaft ihren Entschluß erklärt habe, treu zu ihrem rechtmäßigen Präsidenten und zu ihrem protestantischen Glauben zu stehen! Während die Collegiaten, tief gekränkt durch den öffentlichen Tadel, ihre bedingte Unterwerfung bereueten, erfuhren sie, daß diese den König noch keineswegs zufriedengestellt habe. Es sei nicht genug, sagte er, daß sie sich erboten hätten, dem Bischof von Oxford als factischem Präsidenten zu gehorchen; sie müßten auch die Commission und Alles was dieselbe gethan habe, als gesetzlich anerkennen. Sie müßten eingestehen, daß sie pflichtvergessen gehandelt hätten, müßten ihr Benehmen bereuen und versprechen, daß sie sich in Zukunft besser betragen wollten, müßten Seine Majestät um Verzeihung bitten und ihm zu Füßen fallen. Nur zwei Collegiaten, Charnock und Smith, über welche der König nicht zu klagen hatte, wurden von der Verpflichtung, diese erniedrigenden Entschuldigungen zu machen, ausgenommen.

Nie that Jakob einen thörichteren Fehlgriff. Die Collegiaten, schon mit sich selbst unzufrieden, weil sie so weit nachgegeben hatten, und durch den Tadel des Publikums gereizt, ergriffen eifrig die ihnen jetzt gebotene Gelegenheit, die öffentliche Achtung wieder zu gewinnen. Sie erklärten einstimmig, sie würden niemals deshalb, daß sie in ihrem Rechte gewesen seien, um Verzeihung bitten, und eben so wenig anerkennen, daß die Visitation ihres Collegiums und die Beraubung ihres Präsidenten gesetzlich gewesen sei.

[_Vertreibung der Collegiaten._] Jetzt ließ sie der König das angedrohte ganze Gewicht seiner Hand fühlen. Durch ein summarisches Edict wurden sie zur Vertreibung verurtheilt. Diese Strafe wurde indessen noch nicht für genügend erachtet. Man wußte, daß viele Edelleute und Gentlemen, welche ein kirchliches Patronatrecht hatten, sich bemühen würden, für Männer zu sorgen, welche für die Gesetze Englands und für den protestantischen Glauben so viel gelitten. Deshalb erklärte die Hohe Commission die Vertriebenen für unfähig, irgend ein geistliches Amt wieder zu bekleiden, und Diejenigen, welche noch nicht ordinirt waren, wurden für unfähig erklärt, die geistliche Ordination zu empfangen. So hatte Jakob die Genugthuung, Viele von ihnen aus einer Lage, in der sie alle möglichen Annehmlichkeiten des Lebens genossen und die schönsten Aussichten auf zukünftige Anstellungen hatten, in hoffnungslose Dürftigkeit zurückgeworfen zu haben.

Aber all’ diese Strenge hatte gerade die entgegengesetzte Wirkung als er erwartete. Der Geist der Engländer, dieser trotzige Geist, den kein König aus dem Hause Stuart jemals durch Erfahrung erkennen lernte, empörte sich heftig gegen die Ungerechtigkeit. Oxford, der friedliche Sitz der Gelehrsamkeit und Loyalität, war in einem Zustande, ähnlich dem, in welchem sich London am Morgen nach dem Versuche Karl’s I., die fünf Parlamentsmitglieder festnehmen zu lassen, befunden hatte. Der Vicekanzler war am Tage der Vertreibung von den Commissaren zu Tische eingeladen worden. Er lehnte die Einladung ab. „Mein Geschmack,“ sagte er, „ist verschieden von dem des Obersten Kirke; ich kann unter dem Galgen nicht mit Appetit essen.“ Die Studenten weigerten sich, den neuen Vorsteher des Magdalenen-Collegiums zu grüßen. Smith erhielt den Spottnamen +Dr.+ Schuft und wurde in einem Kaffeehause öffentlich insultirt. Als Charnock die Demies aufforderte, in seiner Gegenwart ihre akademischen Übungen vorzunehmen, antworteten sie ihm, daß sie ihrer rechtmäßigen Vorsteher beraubt seien und sich keiner widerrechtlichen Autorität unterwerfen würden. Sie versammelten sich zum Studiren wie zum Gottesdienst auf eigne Hand. Man versuchte es, sie durch das Anerbieten der einträglichen Collegiaturen, welche eben für erledigt erklärt worden waren, zu verführen, aber ein Untergraduirter nach dem andren antwortete mit männlichem Freimuth, daß sein Gewissen ihm nicht gestatte, aus einem Unrecht für sich Nutzen zu ziehen. Ein Student, der sich zur Annahme einer Collegiatur überreden ließ, wurde von seinen Comiletonen aus dem Saale gestoßen. Es wurden junge Leute aus anderen Collegien eingeladen, aber mit geringem Erfolg; die reichste Stiftung des Landes schien selbst für arme Studenten alle Anziehungskraft verloren zu haben. Inzwischen wurde in London und im ganzen Lande Geld zur Unterstützung der vertriebenen Collegiaten gesammelt. Die Prinzessin von Oranien zeichnete zur großen Freude aller Protestanten zweihundert Pfund. Der König, beharrte nichtsdestoweniger bei dem eingeschlagenen Verfahren. Auf die Vertreibung der Collegiaten folgte bald die Ausstoßung einer Menge Demies. Währenddem nahmen die körperlichen und geistigen Kräfte des neuen Präsidenten mehr und mehr ab. Er hatte zu der Zeit, als sein Kollegium sich in offener Empörung gegen seine Autorität befand, noch einen schwachen Versuch gemacht, der Regierung einen Dienst zu leisten, indem er eine Vertheidigung der Indulgenzerklärung oder vielmehr der Lehre von der Transsubstantiation erscheinen ließ. Diese Schrift rief viele Entgegnungen hervor, namentlich eine von Burnet, die mit außerordentlicher Kraft und Schärfe geschrieben war. Wenige Wochen nach der Vertreibung der Demies starb Parker in dem Hause, von dem er gewaltsam Besitz ergriffen hatte. Man sagte damals, Reue und Scham hätten sein Ende beschleunigt. Er ruht in der schönen Vorkapelle des Collegiums, aber kein Denkstein bezeichnet sein Grab.

[_Das Magdalenen-Collegium in ein papistisches Seminar verwandelt._] Der ganze Plan des Königs wurde nun vollends ausgeführt: das Collegium wurde zu einem papistischen Seminar umgestaltet. Bonaventura Giffard, der katholische Bischof von Madura, ward Präsident. In der Kapelle wurde katholischer Gottesdienst gehalten und an einem Tage zwölf Katholiken als Collegiaten aufgenommen. Einige servile Protestanten bewarben sich um die Aufnahme, wurden aber abschläglich beschieden. Smith, der loyal bis zur Begeisterung, aber noch immer ein aufrichtiges Mitglied der anglikanischen Kirche war, konnte das veränderte Aussehen des Hauses nicht ertragen. Er entfernte sich, kam der Aufforderung zur Rückkehr in seine Wohnung nicht nach, und wurde daher abgesetzt. So war das Beraubungswerk vollendet.[22]

Das Universitätssystem Englands ist von der Art, daß jedes Ereigniß, das die Interessen oder die Ehre irgend einer Universität berührt, im ganzen Lande nothwendig einen starken Eindruck machen muß. Jeder neue Schlag gegen das Magdalenen-Collegium wurde daher bis an die äußersten Endpunkte des Königreichs gefühlt. In den londoner Kaffeehäusern, in den juristischen Hochschulen, unter den Geistlichen aller Domkapitel, in Pfarrwohnungen und Landschlössern selbst der entferntesten Grafschaften war das Mitleid mit den Duldern und der Unwille gegen die Regierung beständig im Zunehmen. Hough’s Protest fand überall Beifall, das Aufsprengen seiner Thür wurde überall mit Abscheu erzählt und das über die Collegiaten verhängte Beraubungs- und Vertreibungsurtheil zerriß endlich die einst so engen und theuren Bande, welche die anglikanische Kirche mit dem Hause Stuart verknüpften.

[Anmerkung 22: Prozeßverfahren gegen das Magdalenen-Collegium zu Oxford wegen Nichterwählung Anton Farmer’s zum Präsidenten, in der +Collection of State Trials+, Ausgabe von Howell; +Luttrell’s Diary, June 15., 17., Oct. 24., Dec. 10. 1687+; +Smith’s Narrative+; Brief von Doctor Richard Rawlinson vom 31. Oct. 1687; +Reresby’s Memoirs+; +Burnet, I. 699+; +Cartwright’s Diary+; Citters, 25. Oct. (4. Nov.), 28. Oct. (7. Nov.), 8.(18.) u. 18.(28.) Nov. 1687.]

[_Groll der Geistlichkeit._] Bitterer Groll und schlimme Befürchtungen traten an die Stelle der Liebe und des Vertrauens. Es gab keinen Pfründner, keinen Rector und keinen Vikar, der nicht von der Angst gequält worden wäre, daß er, so friedlich sein Character und so unbedeutend seine Stelle sein mochte, vielleicht in wenigen Monaten durch einen willkürlichen Machtspruch aus seinem Hause vertrieben werden könne, um im zerrissenen Priesterrocke mit Frau und Kindern zu betteln, während sein durch uralte Gesetze und durch das königliche Wort gesichertes Eigenthum von einem Apostaten in Besitz genommen wurde. Das war also der Lohn für die heldenmüthige Loyalität, die sich in allen Wechselfällen fünfzig stürmischer Jahre nicht ein einziges Mal verleugnet hatte! Deshalb also hatte die Geistlichkeit für Karl I. Plünderung und Verfolgung ertragen, deshalb hatte sie Karl II. in seinem harten Kampfe mit der whiggistischen Opposition unterstützt, deshalb hatte sie in der vordersten Reihe gegen Diejenigen gestanden, welche Jakob seines Geburtsrechtes berauben wollten! Ihrer Treue allein verdankte ihr Unterdrücker die Macht, die er jetzt zu ihrem Verderben anwendete. Lange genug hatten sie mit bitterem Schmerze die Leiden aufgezählt, die sie von den Puritanern in den Tagen ihrer Macht hatten erdulden müssen. Der Puritaner war indessen einigermaßen zu entschuldigen. Er war ein erklärter Feind, er hatte sich für erlittenes Unrecht zu rächen und selbst er war nicht ganz ohne Mitleid gewesen, als er die Kirchenverfassung des Landes umgestaltete und Alle, die seinen Covenant nicht unterschreiben wollten, absetzte. Er hatte denen, die er ihrer Pfründen beraubte, wenigstens so viel davon gelassen, als sie zu ihrem Lebensunterhalte nothwendig brauchten. Aber des Königs Haß gegen die Kirche, die ihn vor der Verbannung bewahrt und auf den Thron erhoben hatte, war nicht so leicht zu sättigen. Nur der völlige Ruin seiner Opfer konnte ihn zufrieden stellen. Nicht genug, daß sie aus ihren Wohnungen vertrieben und ihres Einkommens beraubt wurden, auch jede andre Laufbahn, auf der Männer ihrer Art ihren Unterhalt suchen konnten, war ihnen mit raffinirter Böswilligkeit verschlossen und es blieb ihnen nichts Andres übrig, als die unsichere und beschämende Hülfsquelle der öffentlichen Mildthätigkeit.

Die anglikanische Geistlichkeit und diejenigen Laien, welche dem protestantischen Episcopat mit Liebe zugethan waren, betrachteten daher jetzt den König mit Gefühlen, wie sie eine durch Undank noch verschlimmerte Ungerechtigkeit nothwendig, erregen muß. Indessen hatte der Anglikaner noch immer viele Bedenken des Gewissens und der Ehre zu überwinden, ehe er sich zum gewaltsamen Widerstande gegen die Regierung entschließen konnte. Man hatte ihn gelehrt, daß das göttliche Gesetz passiven Gehorsam ohne Bedingung oder Ausnahme vorschreibe. Diese Ansicht hatte er laut und offen ausgesprochen und die Insinuation, daß extreme Fälle eintreten könnten, welche dem Volke das Recht gäben, gegen königliche Tyrannei das Schwert zu ziehen, mit Verachtung zurückgewiesen. Sowohl Grundsatz als Scham hielten ihn demnach ab, das Beispiel der rebellischen Rundköpfe nachzuahmen, so lange noch einige Hoffnung auf friedliche und gesetzmäßige Befreiung vorhanden war, und eine solche Hoffnung konnte man vernünftigerweise wohl hegen, so lange die Prinzessin von Oranien die nächste Thronerbin war. Wenn er diese Glaubensprüfung geduldig überstand, so würden die Gesetze der Natur bald das für ihn thun, was er ohne Sünde und Schande nicht selbst für sich thun konnte. Die Bedrückungen der Kirche wurden dann abgestellt, ihr Eigenthum und ihre Würde durch neue Bürgschaften gesichert und die schändlichen Minister, die sie in Zeiten der Bedrängniß gekränkt und verhöhnt hatten, wurden exemplarisch bestraft.

[_Pläne der jesuitischen Cabale in Bezug auf die Thronfolge._] An das Ereigniß, von dem die anglikanische Kirche eine ehrenvolle und friedliche Erlösung von ihren Leiden erwartete, konnten auch die sorglosesten Mitglieder der jesuitischen Cabale nicht ohne quälende Besorgnisse denken. Wenn ihr Gebieter starb, ohne ihnen eine größere Sicherheit gegen die Strafgesetze zu hinterlassen als eine Indulgenzerklärung, welche die ganze Nation einstimmig für null und nichtig erklärt hatte, wenn ein von dem nämlichen Geiste, welcher in den Parlamenten Karl’s II. vorgeherrscht, beseeltes Parlament sich um den Thron eines protestantischen Landesoberhauptes versammelte, war dann nicht vorauszusehen, daß eine furchtbare Vergeltung ausgeübt, daß die alten Gesetze gegen den Papismus mit schonungsloser Strenge gehandhabt und daß noch härtere neue Gesetze dem Gesetzbuche einverleibt werden würden? Von diesen schlimmen Befürchtungen wurden die bösen Rathgeber der Krone schon seit langer Zeit gequält, und einige von ihnen hatten sonderbare und verzweifelte Schutzmittel ersonnen. Jakob hatte den Thron kaum bestiegen, so begann man sich in Whitehall schon zuzuflüstern, daß, wenn die Prinzessin Anna katholisch werden wollte, es mit Hülfe Ludwig’s vielleicht nicht unmöglich sein würde, das Geburtsrecht ihrer älteren Schwester auf sie zu übertragen. Bei der französischen Gesandtschaft fand diese Idee großen Beifall und Bonrepaux war der Meinung, daß Jakob’s Einwilligung nicht schwer zu erlangen sein werde.[23] Bald jedoch zeigte es sich deutlich, daß Anna der Landeskirche unerschütterlich treu war. Der Gedanke, sie zur Königin zu machen, wurde daher wieder aufgegeben. Dessenungeachtet nährte ein kleines Häuflein Fanatiker noch immer die kühne Hoffnung, daß es ihnen gelingen könne, die Thronfolgeordnung zu ändern. Der Plan dieser Männer wurde in einem Entwurfe dargelegt, von dem noch eine schlechte französische Übersetzung vorhanden ist. Es sei zu hoffen, sagten sie, daß der König im Stande sein werde, den wahren Glauben zu befestigen, ohne zu extremen Mitteln zu greifen; im schlimmsten Fall aber könne er die Verfügung über seine Krone Ludwig anheimstellen. Es sei für die Engländer immer noch besser, wenn sie Vasallen Frankreichs wären, als Sklaven des Teufels.[24] Dieses höchst merkwürdige Actenstück ging unter den Jesuiten und Höflingen von Hand zu Hand, bis endlich einige ausgezeichnete Katholiken, in denen die Bigotterie noch nicht allen Patriotismus erstickt hatte, dem holländischen Gesandten eine Abschrift anfertigten. Dieser zeigte den Aufsatz dem Könige, und Jakob erklärte denselben für eine erbärmliche Fälschung, die von einem holländischen Pamphletschmierer ersonnen sein müsse. Der holländische Gesandte antwortete mit Entschiedenheit, daß er durch das Zeugniß mehrerer ausgezeichneter Mitglieder der eigenen Kirche Seiner Majestät das Gegentheil beweisen könne, ja daß es sogar nicht schwer sein werde, den Verfasser ausfindig zu machen, welcher im Grunde nur das niedergeschrieben habe, wovon viele Priester und geschäftige Politiker täglich in den Gallerien des Palastes sprächen. Der König hielt es nicht für rathsam, nach dem Verfasser zu forschen, nahm den Vorwurf der Fälschung zurück und versicherte mit großer Heftigkeit und Feierlichkeit, daß es ihm nie in den Sinn gekommen sei, seine älteste Tochter zu enterben. „Niemand,“ sagte er, „hat es je gewagt, eine solche Idee gegen mich zu äußern, und ich würde auch nie darauf hören. Gott befiehlt uns nicht, die wahre Religion durch Ungerechtigkeit zu verbreiten, und dies würde die empörendste, widernatürlichste Ungerechtigkeit sein“.[25] Trotz aller dieser Betheuerungen meldete Barillon wenige Tage später seinem Hofe, daß Jakob angefangen habe, auf Einflüsterungen in Betreff einer Änderung der Thronfolgeordnung zu hören, daß die Sache zwar sehr kitzlich sei, daß man aber gegründete Hoffnung habe, mit der Zeit und durch vorsichtiges Verfahren einen Weg zu finden, um die Krone mit Ausschließung der beiden Prinzessinnen auf ein römisch-katholisches Haupt zu bringen.[26] Dieser Plan wurde noch viele Monate von den heftigsten und überspanntesten Papisten am Hofe besprochen, und es wurden wirklich Candidaten für den Königsthron genannt.[27]

[Anmerkung 23: +„Quand on connoit le dedans de cette cour aussi intimement que je la connois, on peut croire que Sa Majesté Britannique donnera volontiers dans ces sortes de projets.“+ Bonrepaux an Seignelay, 18.(28.) März 1686.]

[Anmerkung 24: +„Que, quand pour établir la religion Catholique et pour la confirmer icy, il+ (Jakob) +devroit se rendre en quelque façon dépendant de la France, et mettre la décision de la succession à la couronne entre les mains de ce monarque là, qu’il seroit obligé de le faire, parcequ’il vaudroit mieux pour ses sujets qu’ils devinssent vassaux du Roy de France, étant Catholiques, que de demeurer comme esclaves du Diable.“+ -- Dieses Schriftstück befindet sich sowohl im französischen als auch im holländischen Archive.]

[Anmerkung 25: Citters, 6.(16.) u. 17.(27.) Aug.; Barillon, 19.(29.) Aug.]

[Anmerkung 26: Barillon, 13.(23.) Sept. 1686. +„La succession est une matière fort délicate à traiter. Je sais pourtant qu’on en parle au Roy d’Angleterre et qu’on ne désespère pas avec le temps de trouver des moyens pour faire passer la couronne sur la tête d’un héritier Catholique.“+]

[Anmerkung 27: Bonrepaux, 11.(21.) Juli 1687.]