Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20.

Part 24

Chapter 243,479 wordsPublic domain

In der abgeänderten Gestalt erhielt der Plan die Sanction der Gemeinen leichter als man nach der Heftigkeit des dagegen erhobenen Geschreis hätte erwarten sollen. Das Parlament stand allerdings unter dem Drange der Nothwendigkeit. Geld mußte man haben, und es war auf keinem andren Wege so leicht zu beschaffen. Was im Hause vorging, als es sich zu einem Ausschusse erklärt hatte, ist nicht mehr zu ermitteln; so lange aber der Sprecher auf seinem Stuhle war, fand keine Abstimmung statt.

Die Bill war indessen nicht außer Gefahr, als sie ins Oberhaus gekommen war. Einige Lords argwöhnten, der Plan einer Nationalbank sei zu dem Zwecke ersonnen worden, um das Ansehen des Geldes auf Kosten des Ansehens des Grundbesitzes zu heben. Andere meinten, dieser Plan, mochte er nun gut oder schlecht sein, hätte ihnen nicht in einer solchen Form vorgelegt werden sollen. Ob es gerathen sei, eine Corporation ins Leben zu rufen, die mit der Zeit die ganze Handelswelt beherrschen könne, und wie eine solche Corporation eingerichtet werden müsse, das seien Fragen, die ein einzelner Zweig der Legislatur nicht entscheiden dürfe. Es müsse den Peers vollkommen frei stehen, alle Details des vorgelegten Planes zu prüfen, Abänderungen vorzuschlagen und Conferenzen zu verlangen. Es sei daher höchst unbillig, daß ihnen das die Bank errichtende Gesetz als Theil eines Gesetzes zugesandt worden sei, welches der Krone Geld bewillige. Die Jakobiten hatten einige Hoffnung, daß die Session mit einem Streite zwischen den beiden Häusern enden, daß die Tonnengeldbill scheitern und daß Wilhelm den Feldzug ohne Geld beginnen werde. Es war nach dem neuen Style bereits Mai. Die Stadtsaison war vorüber und viele vornehme Familien hatten Conventgarden und Soho Square schon mit ihren Wäldern und Wiesen vertauscht. Doch es wurden Aufforderungen erlassen und es erfolgte ein starkes Zurückströmen nach der Stadt. Die vor Kurzem verödeten Bänke waren gedrängt voll. Die Sitzungen begannen zu einer ungewöhnlich frühen und dauerten bis zu einer ungewöhnlich späten Stunde. An dem Tage, an welchem die Bill einem Ausschusse überwiesen wurde, währte der Kampf ohne Unterbrechung von neun Uhr Morgens bis sechs Uhr Abends. Godolphin präsidirte. Nottingham und Rochester schlugen vor, alle auf die Bank Bezug habenden Klauseln zu streichen. Es wurde Einiges über die Gefahr gesagt, eine gigantische Corporation zu errichten, welche bald dem Könige und den drei Ständen des Reichs Gesetze geben werde. Den meisten Eindruck aber scheint auf die Peers die in ihrer Eigenschaft als Grundbesitzer an sie gerichtete Apellation gemacht zu haben. Der ganze Plan, ward gesagt, sei nur darauf abgesehen, die Wucherer auf Kosten des Adels und der Gentry zu bereichern. Wer Geld erspart habe, werde es lieber in die Bank legen, als es gegen mäßige Zinsen auf Hypothek ausleihen. Caermarthen sagte wenig oder nichts zur Vertheidigung des Planes, der allerdings das Werk seiner Nebenbuhler und Feinde war. Er gab zu, daß sich gegen die Art und Weise, wie die Gemeinen für die öffentlichen Bedürfnisse des Jahres gesorgt hätten, ernste Einwendungen machen ließen. Aber könnten Ihre Lordschaften eine Geldbill amendiren? Könnten sie sich in einen Kampf einlassen, welcher darauf hinauslaufen müsse, daß sie entweder nachgeben oder die schwere Verantwortlichkeit auf sich laden müßten, den Kanal während des Sommers ohne eine Flotte zu lassen? Dieses Argument schlug durch und bei der Abstimmung wurde das Amendement mit dreiundvierzig gegen einunddreißig Stimmen verworfen. Einige Stunden darauf erhielt die Bill die königliche Genehmigung und das Parlament wurde prorogirt.[105]

In der City war der Erfolg von Montague's Plan vollständig. Es hielt damals mindestens eben so schwer, eine Million zu acht Procent aufzubringen, als es gegenwärtig sein würde, dreißig Millionen zu vier Procent aufzubringen. Man hatte geglaubt, daß die Einzahlungen sehr langsam erfolgen würden, und die Acte bewilligte daher einen beträchtlichen Zeitraum dazu. Es bedurfte jedoch dieser Zeit nicht. Die neue Kapitalanlage war schon so populär, daß an dem Tage der Eröffnung der Bücher dreihunderttausend Pfund gezeichnet wurden; weitere dreihunderttausend Pfund wurden während der nächsten achtundvierzig Stunden gezeichnet, und in zehn Tagen wurde zur großen Freude aller Freunde der Regierung angezeigt, daß die Liste voll sei. Die ganze Summe, welche die Corporation dem Staate zu leihen verpflichtet war, wurde in die Schatzkammer eingezahlt, noch ehe die erste Rate fällig war.[106] Somers drückte freudig das große Siegel unter eine in Uebereinstimmung mit den vom Parlamente vorgeschriebenen Bedingungen entworfene Concessionsurkunde, und die Bank von England begann im Hause der Kramerinnung ihre Operationen. Hier konnte man viele Jahre lang Directoren, Sekretäre und Commis in verschiedenen Theilen eines geräumigen Saales arbeiten sehen. Das bei der Bank angestellte Personal betrug anfangs nur vierundfunfzig Köpfe. Jetzt sind es ihrer neunhundert. Die Summe, welche jährlich für Gehalte ausgegeben wurde, belief sich zuerst auf viertausenddreihundertfunfzig Pfund. Gegenwärtig übersteigt sie zweihundertzehntausend Pfund. Wir dürfen daraus wohl unbedenklich schließen, daß das Einkommen der Handlungscommis unter der Regierung Victoria's im Durchschnitt ungefähr dreimal so hoch ist als es unter der Regierung Wilhelm's III. war.[107]

Es zeigte sich bald, daß Montague, indem er die finanziellen Verlegenheiten des Landes geschickt benutzte, seiner Partei einen unschätzbaren Dienst leistete. Mehrere Generationen hindurch war die Bank von England ein specifisch whiggistisches Institut. Sie war nicht durch Zufall, sondern aus Nothwendigkeit whiggistisch. Sie hätte augenblicklich ihre Zahlungen einstellen müssen, wenn sie die Zinsen für die Summe, die sie der Regierung geliehen, nicht mehr bezahlt bekommen hätte, und Jakob würde von diesen Zinsen keinen Farthing bezahlt haben. Siebzehn Jahre nach Annahme der Tonnengeldbill schilderte Addison in einer seiner geistreichsten und reizendsten kleinen Allegorien die Lage der großen Compagnie, durch welche der ungeheure Reichthum London's beständig circulirte. Er sah den öffentlichen Credit auf einem Throne, in der Kramerhalle, die Große Charte über seinem Haupte, die Thronfolgeacte vor sich. Seine Berührung verwandelte Alles in Gold. Hinter seinem Sitze waren volle Geldsäcke bis zur Decke aufgehäuft. Zu beiden Seiten war der Boden mit Pyramiden von Guineen bedeckt. Plötzlich geht die Thür auf, und der Prätendent stürzt herein, in der einen Hand einen Schwamm, in der andren ein Schwert, das er gegen die Thronfolgeacte schwingt. Die schöne Königin sinkt in Ohnmacht. Der Zauber, durch den sie Alles um sich her in Schätze verwandelte, ist gebrochen. Die Geldsäcke schrumpfen zusammen wie aufgestochene Blasen. Die Haufen Goldstücke verwandeln sich in Bündel von Lumpen oder Kerbhölzern.[108]

Die Wahrheit, welche dieses Gleichniß ausdrückte, schwebte den Leitern der Bank beständig vor. Ihr Interesse war mit dem der Regierung so innig verwoben, daß sie ihr um so bereitwilliger zu Hülfe kamen, je größer die öffentliche Gefahr war. Wenn in alten Zeiten der Staatsschatz leer war, wenn die Steuern langsam eingingen und wenn der Sold der Truppen und der Matrosen in Rückstand war, mußte der Kanzler der Schatzkammer mit dem Hute in der Hand, von dem Lord-Mayor und den Aldermen begleitet, in Cheapside und Cornhill auf und ab gehen und dadurch eine Summe zusammenbringen, daß er von diesem Strumpfwaarenhändler hundert Pfund, von jenem Eisenhändler zweihundert Pfund lieh.[109] Diese Zeiten waren vorüber. Die Regierung konnte jetzt anstatt mühsam aus zahlreichen kleinen Quellen kleine Summen zu schöpfen, aus einem ungeheuren Behälter, den alle jene kleinen Quellen fortwährend gefüllt erhielten, soviel nehmen als sie brauchte. Es ist schwerlich zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß das Gewicht der Bank, das beständig in der Wagschale der Whigs lag, viele Jahre lang das Gewicht der Kirche, das beständig in der Wagschale der Tories lag, fast aufwog.

[_Prorogation des Parlaments; ministerielle Arrangements._] Wenige Minuten nachdem die Bill, welche die Bank von England errichtete, die königliche Genehmigung erhalten hatte, wurde das Parlament vom Könige mit einer Rede prorogirt, in der er den Gemeinen herzlich für ihre Freigebigkeit dankte. Montague wurde sofort für seine Dienste mit der Stelle des Kanzlers der Schatzkammer belohnt.[110]

[_Shrewsbury Staatssekretär._] Shrewsbury hatte sich einige Wochen vorher zur Annahme der Siegel verstanden. Er hatte standhaft vom November bis zum März ausgehalten. Während er Entschuldigungen zu finden versuchte, die seine politischen Freunde befriedigen konnten, besuchte ihn Sir James Montgomery. Montgomery war jetzt der unglücklichste Mensch von der Welt. Nachdem er in einer großen Revolution eine große Rolle gespielt, nachdem er mit der erhabenen Function betraut gewesen, den durch die Stände erwählten Souverainen die Krone Schottland's zu überreichen, nachdem er mehrere Monate lang im Parlamente zu Edinburg ohne Nebenbuhler geherrscht, nachdem er nahe vor sich die Siegel des Staatssekretärs, eine Earlkrone, ein glänzendes Einkommen und die höchste Gewalt gesehen hatte, war er plötzlich in Dunkelheit und traurige Dürftigkeit versunken. Seine herrlichen Talente blieben ihm noch und er wurde deshalb von den Jakobiten benutzt; aber obwohl sie ihn benutzten, verachteten sie ihn, trauten ihm nicht und ließen ihn darben. Er verbrachte sein Leben damit, daß er zwischen England und Frankreich hin und her reiste, ohne in einem der beiden Länder eine bleibende Stätte zu finden. Bald wartete er im Vorzimmer zu Saint-Germains, wo die Priester ihn als einem Calvinisten finstre Blicke zuwarfen und wo selbst die protestantischen Jakobiten sich gegenseitig flüsternd vor dem alten Republikaner warnten. Bald hielt er sich in den Mansarden London's verborgen, bei jedem Fußtritte, den er auf der Treppe hörte, fürchtend, daß es der eines Bailiffs mit einem Executionsbefehl, oder der eines Staatsboten mit einem Verhaftsbefehl sein könnte. Er erhielt jetzt Zutritt zu Shrewsbury und wagte es wie ein Jacobit mit einem Mitjakobiten zu sprechen. Shrewsbury, der durchaus nicht geneigt war, sein Vermögen und seinen Kopf in die Hände eines Mannes zu geben, den er als unbesonnen und als treulos kannte, gab sehr vorsichtige Antworten. Auf einem uns nicht bekannt gewordenen Wege erfuhr Wilhelm Alles was bei dieser Gelegenheit vorgegangen war. Er ließ Shrewsbury kommen und sprach aufs neue eindringlich von dem Sekretärposten. Shrewsbury sträubte sich abermals, indem er sagte, seine Gesundheit sei schlecht. »Das,« entgegnete Wilhelm, »ist nicht Ihr einziger Grund.« -- »Nein, Sire, allerdings nicht,« versetzte Shrewsbury. Er begann hierauf von öffentlichen Verdrießlichkeiten zu sprechen und erwähnte das Schicksal der Dreijährigkeitsbill, die er selbst eingebracht hatte. Wilhelm aber fiel ihm ins Wort. »Es steckt noch ein andrer Grund dahinter. Wann haben Sie das letzte Mal mit Montgomery gesprochen?« Shrewsbury war wie vom Donner gerührt. Der König wiederholte einige Aeußerungen Montgomery's. Shrewsbury hatte sich inzwischen von seinem Schrecke erholt und sich erinnert, daß er bei der Unterredung, die der Regierung so genau hinterbracht worden war, zum Glück nichts Hochverrätherisches gesagt, wenn auch viel dergleichen gehört hatte. »Sire,« sagte er, »da Ihre Majestät so genau unterrichtet worden sind, werden Sie auch wissen, daß ich den Versuchen jenes Mannes, mich von dem Pfade meiner Unterthanenpflicht abzubringen, keinen Vorschub geleistet habe.« Wilhelm stellte dies nicht in Abrede, gab aber zu verstehen, daß solcher heimlicher Umgang mit anerkannten Jakobiten Verdacht erwecke, den Shrewsbury nur durch Annahme der Siegel entkräften könne. »Das wird mich vollkommen beruhigen,« sagte er. »Ich weiß, daß Sie ein Ehrenmann sind und daß, wenn Sie Sich einmal dazu verstehen mir zu dienen, Sie mir treu dienen werden.« So gedrängt, willigte Shrewsbury, zur großen Freude seiner ganzen Partei, ein und wurde für seine Bereitwilligkeit alsbald mit dem Herzogtitel und dem Hosenbandorden belohnt.[111]

So bildete sich allmälig ein Whigministerium. Es gab jetzt zwei whiggistische Staatssekretäre, einen whiggistischen Großsiegelbewahrer, einen whiggistischen ersten Lord der Admiralität und einen whiggistischen Kanzler der Schatzkammer. Der Lord Geheimsiegelbewahrer Pembroke konnte ebenfalls ein Whig genannt werden, denn sein Geist war so beschaffen, daß er willig den Eindruck jedes stärkeren Geistes aufnahm, mit dem er in Berührung gebracht wurde. Seymour wurde entlassen, nachdem er lange genug ein Commissar des Schatzes gewesen war, um einen großen Theil seines Einflusses auf die toryistischen Landgentlemen zu verlieren, die ihn meist angehört hatten wie ein Orakel, und seine Stelle wurde mit Johann Smith besetzt, einem eifrigen und talentvollen Whig, der an den Debatten der letzten Session thätigen Antheil genommen hatte.[112] Die einzigen Tories, welche noch hohe Aemter bei der ausübenden Verwaltung bekleideten, waren der Lordpräsident Caermarthen, der zwar zu fühlen begann, daß die Macht seinen Händen allgemach entschlüpfte, sich aber doch noch verzweifelt daran festklammerte, und der erste Lord des Schatzes, Godolphin, der sich wenig um Dinge bekümmerte, die außer dem Bereiche seines speciellen Departements lagen, und die Obliegenheiten dieses Departements mit Geschick und Emsigkeit erfüllte.

[_Verleihung neuer Titel._] Wilhelm bemühte sich indessen noch immer, seine Gunstbezeigungen zwischen den beiden Parteien zu theilen. Obgleich die Whigs die eigentliche Macht mehr und mehr an sich rissen, erhielten die Tories doch auch ihren Theil von ehrenvollen Auszeichnungen. So wurde Mulgrave, der während der letzten Session seine großen parlamentarischen Talente zu Gunsten der Politik des Königs aufgeboten hatte, zum Marquis von Normanby creirt und zum Cabinetsrath ernannt, aber nie um Rath gefragt. Er erhielt zu gleicher Zeit ein Jahrgeld von dreitausend Pfund. Caermarthen, den die neuerlichen Veränderungen tief gekränkt hatten, wurde durch ein glänzendes Zeichen der königlichen Zufriedenheit einigermaßen getröstet. Er wurde Herzog von Leeds. Es hatte ihm wenig über zwanzig Jahre Zeit gekostet, um sich von der Stellung eines Landgentleman von Yorkshire zur höchsten Stufe der Pairie emporzuschwingen. Zwei hochgestellte whiggistische Earls, Bedford und Devonshire, wurden zu gleicher Zeit zu Herzögen creirt. Es muß bemerkt werden, daß Bedford schon mehrere Male die Würde ausgeschlagen hatte, die er jetzt mit einigem Widerstreben annahm. Er erklärte, daß ihm sein Earltitel lieber sei als ein Herzogtitel, und er motivirte diese Bevorzugung durch einen sehr verständigen Grund. Ein Earl, der eine zahlreiche Familie habe, könne einen Sohn in den Tempel, einen andren auf ein Handelscomtoir der City schicken. Die Söhne eines Herzogs aber seien alle Lords und ein Lord könne sich seinen Lebensunterhalt weder in der Advokatur noch auf der Börse verdienen. Doch die Einwendungen des alten Mannes wurden besiegt, und den beiden vornehmen Häusern Russell und Cavendish, welche seit langer Zeit durch Freundschaft und durch Verschwägerung, durch gemeinsame Ansichten, durch gemeinsame Leiden und durch gemeinsame Triumphe eng verbunden waren, wurde an einem und demselben Tage die größte Ehre zu Theil, welche die Krone zu verleihen im Stande ist.[113]

[_Kriegsplan der Franzosen._] Die Gazette, welche diese Ernennungen anzeigte, zeigte auch an, daß der König nach dem Continent abgereist sei. Vor seiner Abreise hatte er mit seinen Ministern die Mittel zur Vereitelung eines von der französischen Regierung entworfenen Operationsplanes zur See berathen. Bisher war der Seekrieg hauptsächlich im Kanal und auf dem atlantischen Meere geführt worden. Jetzt aber hatte Ludwig beschlossen, seine Seemacht im Mittelländischen Meere zu concentriren. Er hoffte, daß mit ihrer Hülfe die Armee des Marschalls Noailles im Stande sein werde Barcelona zu nehmen, ganz Catalonien zu unterwerfen und Spanien zu zwingen, um Frieden zu bitten. Demgemäß segelte Tourville's Geschwader, aus dreiundfunfzig Kriegsschiffen bestehend, am 25. April von Brest ab und passirte am 4. Mai die Straße von Gibraltar.

[_Kriegsplan England's._] Um die Absichten des Feindes zu vereiteln, beschloß Wilhelm, Russell mit dem größeren Theile der combinirten Flotte England's und Holland's ins Mittelländische Meer zu schicken. In den britischen Gewässern sollte ein Geschwader unter den Befehlen des Earls von Berkeley bleiben. Talmash sollte sich mit einem starken Truppencorps an Bord dieses Geschwaders einschiffen und sollte Brest angreifen, das man in Abwesenheit Tourville's und seiner dreiundfunfzig Schiffe für leicht einnehmbar hielt.

Daß in Portsmouth Anstalten zu einer Expedition getroffen wurden, an der die Landtruppen Theil nehmen sollten, ließ sich nicht verheimlichen. Ueber die Bestimmung des Geschwaders hatte man in der Rose und bei Garraway allerhand Vermuthungen. Einige sprachen von Rhe, Andere von Oleron, noch Andere von Rochelle, wieder Andere von Rochefort. Manche glaubten, ehe die Flotte sich in westlicher Richtung zu bewegen begann, sie sei nach Dünkirchen bestimmt. Manche Andere vermutheten dagegen, daß Brest der Angriffspunkt sein werde; aber sie vermutheten dies eben nur, denn das Geheimniß wurde besser bewahrt als die meisten andern Geheimnisse der damaligen Zeit.[114] Russell versicherte bis zu dem Augenblicke wo er bereit war die Anker zu lichten, seinen jakobitischen Freunden beständig, er wisse von nichts. Seine Verschwiegenheit blieb selbst Marlborough's Kunstgriffen gegenüber fest. Doch Marlborough hatte andere Quellen. An diese Quellen wendete er sich, und es gelang ihm endlich, den ganzen Plan der Regierung zu entdecken. Er schrieb sofort an Jakob. Er habe, sagte er, so eben in Erfahrung gebracht, daß zwölf Regimenter Infanterie und zwei Regimenter Marinesoldaten unter Talmash's Commando auf dem Punkte ständen sich einzuschiffen, um den Hafen von Brest und die daselbst liegenden Schiffe zu zerstören. »Dies,« setzte er hinzu, »würde ein großer Vortheil für England sein. Aber keine Rücksicht kann und soll mich jemals abhalten, Ihnen Alles mitzutheilen, wovon ich glaube, daß es Ihnen nützlich sein kann.« Dann, warnte er Jakob vor Russell. »Ich versuchte vor einiger Zeit, dies von ihm zu erfahren; aber er behauptete stets, nichts davon zu wissen, obgleich ich fest überzeugt bin, daß er den Plan schon seit mehr als sechs Wochen kannte. Dies scheint mir ein schlimmes Zeichen von der Gesinnung dieses Mannes.«

Die von Marlborough erhaltene Benachrichtigung theilte Jakob der französischen Regierung mit, und diese traf mit der ihr eigenen Energie und Eile ihre Maßregeln. Rasches Handeln war allerdings auch nöthig, denn als Marlborough seinen Brief schrieb, waren die Rüstungen in Portsmouth nahezu vollendet, und wäre der Wind den Engländern günstig gewesen, so hätte der Zweck der Expedition vielleicht ohne Kampf erreicht werden können. Aber widrige Winde hielten unsre Flotte noch einen Monat im Kanal zurück. Unterdessen war bei Brest ein zahlreiches Armeecorps zusammengezogen worden. Vauban war beauftragt, die Vertheidigungswerke in Stand zu setzen, und unter seiner geschickten Leitung wurden Batterien aufgefahren, welche jeden Punkt beherrschten, wo der Feind möglicherweise eine Landung versuchen konnte. Acht große Flöße, deren jedes eine Menge Mörser trug, wurden im Hafen vor Anker gelegt, und einige Tage vor Ankunft der Engländer war Alles zu ihrem Empfange bereit.

[_Expedition gegen Brest._] Am 6. Juni befand sich die ganze verbündete Flotte etwa funfzehn Meilen westlich vom Cap Finisterre im Atlantischen Meere. Hier trennten sich Russell und Berkeley. Russell fuhr weiter nach dem Mittelländischen Meere, und Berkeley's Geschwader, mit den Truppen an Bord, steuerte nach der Küste der Bretagne und ankerte vor der Camaretbai, nahe bei der Einfahrt des Hafens von Brest. Talmash schlug vor, in der Camaretbai zu landen. Es erschien daher wünschenswerth, die Beschaffenheit der Küste genau zu untersuchen. Der älteste Sohn des Herzogs von Leeds, jetzt Marquis von Caermarthen, nahm es auf sich, in die Bucht einzufahren und die nöthigen Aufschlüsse zu erlangen. Die Leidenschaft dieses tapferen und excentrischen jungen Mannes für Seeabenteuer war unbezwinglich. Er hatte um den Rang eines Contreadmirals gebeten und ihn erhalten und begleitete die Expedition auf seiner eigenen Yacht »Peregrine,« die als ein Meisterstück der Schiffbaukunst berühmt war und schon mehr als einmal in dieser Geschichte erwähnt worden ist. Cutts, der sich durch seine Unerschrockenheit im irischen Kriege ausgezeichnet hatte und mit der irischen Peerswürde belohnt worden war, erbot sich, Caermarthen zu begleiten. Lord Mohun, der wahrscheinlich mit dem Wunsche, durch ehrenvolle Thaten den Schandfleck zu verwischen, den ein schmachvoller und unglücklich ausgegangener Streit auf seinen Namen geworfen, als Freiwilliger bei den Truppen diente, bestand ebenfalls darauf, von der Partie zu sein. Der Peregrine fuhr mit seiner tapferen Mannschaft in die Bucht ein und kam wohlbehalten, aber nicht ohne in großer Gefahr geschwebt zu haben, wieder heraus. Caermarthen berichtete, daß die Vertheidigungsanstalten, von denen er indeß nur einen kleinen Theil gesehen, furchtbar seien. Berkeley und Talmash aber vermutheten, daß er die Gefahr überschätzt habe. Sie wußten nicht, daß ihr Vorhaben schon längst in Versailles bekannt gewesen, daß eine Armee zu ihrem Empfange zusammengezogen worden war und daß der größte Ingenieur der Welt die Küste befestigt hatte. Sie zweifelten daher nicht, daß ihre Truppen unter dem Schutze der Kanonen ihrer Schiffe leicht würden ans Land gesetzt werden können. Am folgenden Morgen erhielt Caermarthen Ordre, mit acht Linienschiffen in die Bai einzufahren und die französischen Werke zu bombardiren. Talmash sollte mit ungefähr hundert Booten voll Soldaten folgen. Es stellte sich bald heraus, daß das Unternehmen sogar noch gefährlicher war, als es den Tag vorher geschienen hatte. Batterien, die man gar nicht bemerkt hatte, eröffneten ein so mörderisches Feuer gegen die Schiffe, daß mehrere Verdecke bald gesäubert waren. Starke Infanterie- und Cavalleriecorps kamen zum Vorschein und erwiesen sich nach ihren Uniformen als reguläre Truppen. Der junge Contreadmiral schickte schleunigst einen Offizier ab, um Talmash zu warnen. Aber Talmash war so vollständig von dem Wahne beherrscht, daß die Franzosen nicht darauf vorbereitet seien, einen Angriff abzuwehren, daß er jede Vorsichtsmaßregel unterließ und nicht einmal seinen eigenen Augen traute. Er glaubte fest, daß die Truppenmacht, die er an der Küste versammelt sah, ein bloßer Bauernschwarm sei, den man in der Eile aus der Umgegend zusammengetrieben habe. Ueberzeugt, daß diese Scheinsoldaten vor wirklichen Soldaten wie Schafe davonlaufen würden, befahl er seinen Leuten, nach dem Strande zu rudern. Er wurde bald eines Andren belehrt. Ein fürchterliches Feuer mähte seine Truppen rascher nieder als sie ans Ufer gelangen konnten. Er selbst war kaum auf trocknen Boden gesprungen, als eine Kanonenkugel ihn am Schenkel verwundete, so daß er in sein Boot zurückgetragen werden mußte. Seine Leute schifften sich in Verwirrung wieder ein. Schiffe und Boote eilten aus der Bucht herauszukommen, was ihnen jedoch erst gelang, nachdem vierhundert Matrosen und siebenhundert Soldaten gefallen waren. Noch viele Tage nachher spülten die Wellen fortwährend von Kugeln zerrissene und verstümmelte Leichname an den Strand der Bretagne. Die Batterie, von welcher Talmash seine Wunde erhielt, wird noch heute »des Engländer's Tod« genannt.