Part 23
[_Geldbewilligung._] Inzwischen beschäftigten sich die Gemeinen mit finanziellen Fragen von hoher Wichtigkeit. Die Voranschläge für das Jahr 1694 waren enorm. Der König schlug vor, die reguläre Armee, die England zu unterhalten hatte, noch um vier Dragoner-, acht Reiter- und fünfundzwanzig Infanterieregimenter zu vermehren. Die Gesammtzahl der Truppen, die Offiziere inbegriffen; würde dadurch auf ungefähr vierundneunzigtausend Mann gestiegen sein.[88] Cromwell hatte, während er drei widerspenstige Königreiche im Schach hielt und nebenbei in Europa und Amerika einen nachdrücklichen Krieg gegen Spanien führte, niemals zwei Dritttheile der Militärmacht gehabt, die Wilhelm jetzt für nöthig hielt. Die große Masse der Tories, mit drei Whighäuptern, Harley, Foley und Howe, an der Spitze, widersetzte sich jeder Vermehrung. Die große Masse der Whigs, mit Montague und Wharton an der Spitze, würde Alles bewilligt haben was man verlangte. Nach vielen langen Discussionen und wahrscheinlich auch vielen Abstimmungen im Geldbewilligungsausschusse erlangte der König den größten Theil des Gewünschten. Das Haus bewilligte ihm vier neue Dragoner-, sechs Reiter- und fünfzehn Infanterieregimenter. Die somit für das laufende Jahr bewilligte Gesammttruppenmacht belief sich auf dreiundachtzigtausend Mann, die Unterhaltungskosten auf zwei und eine halbe Million, einschließlich ungefähr zweihunderttausend Pfund für das Geschützwesen.[89]
Die Anschläge für die Marine wurden viel rascher angenommen, denn Whigs und Tories stimmten in der Ansicht überein, daß das maritime Ansehen England's um jeden Preis aufrecht erhalten werden müsse. Fünfhunderttausend Pfund wurden zur Bezahlung der schuldigen Soldrückstände und zwei Millionen für den Aufwand des Jahres 1694 bewilligt.[90]
[_Wege und Mittel; Lotterieanlehen._] Die Gemeinen gingen nun zur Berathung der Mittel und Wege über. Die Grundsteuer wurde mit vier Schilling vom Pfunde erneuert, und durch diese einfache aber energische Maßregel wurden etwa zwei Millionen sicher und schnell aufgebracht.[91] Ferner wurde eine Kopfsteuer ausgeschrieben.[92] Stempelabgaben gehörten schon längst zu den fiskalischen Hülfsquellen Holland's und Frankreich's, und haben auch bei uns während eines Theils der Regierung Karl's II. bestanden; aber man hatte sie eingehen lassen. Sie wurden jetzt wieder ins Leben gerufen und haben seitdem stets einen großen Theil des Staatseinkommens gebildet.[93] Die Miethkutschen der Hauptstadt wurden ebenfalls besteuert und trotz des Widerstandes der Weiber der Kutscher, die sich um Westminster Hall versammelten und die Abgeordneten insultirten, unter die Aufsicht von Commissaren gestellt.[94] Doch ungeachtet aller dieser Auskunftsmittel blieb noch immer ein starkes Deficit und man mußte abermals borgen. Eine neue Salzsteuer und einige andere Abgaben von geringerer Bedeutung wurden abgesondert, um einen Fond zu einer Anleihe zu bilden. Unter Garantie dieses Fonds sollte eine Million durch eine Lotterie aufgebracht werden, aber durch eine Lotterie, die mit den Lotterien einer späteren Periode fast nichts als den Namen gemein hatte. Die einzuzahlende Summe wurde in hunderttausend Antheile zu zehn Pfund getheilt. Die Zinsen jedes Antheils sollten sechzehn Jahre lang jährlich zwanzig Schilling, oder mit anderen Worten zehn Procent betragen. Aber zehn Procent auf sechzehn Jahre war keine Lockspeise, welche Darleiher anzuziehen versprach. Man bot daher den Kapitalisten noch einen andren Köder. Auf ein Vierzigstel der Antheile sollten bedeutend höhere Zinsen bezahlt werden, als auf die anderen neununddreißig Vierzigstel. Welche von den Antheilen Prämien erhalten würden, sollte durch das Loos bestimmt werden. Das Verfahren beim Ziehen der Loose wurde von einem Abenteurer Namens Neale angegeben, der, nachdem er zwei Vermögen durchgebracht, froh gewesen war, daß er noch Thürhüter des Palastes wurde. Seine Amtspflichten bestanden darin, die Nummern auszurufen, wenn der Hof Hazard spielte, für Karten und Würfel zu sorgen und jeden Streit zu entscheiden, der auf der Kegelbahn oder am Spieltische entstand. Er war außerordentlich geschickt in der Verwaltung dieses nicht eben hohen Postens und hatte durch das Würfelspiel so viel Geld gewonnen, daß er sich in sehr kostspielige Spekulationen einlassen konnte und damals im Begriff war, den Boden in der Umgebung der Seven Dials mit Gebäuden zu bedecken. Er war vielleicht der beste Rathgeber, den man über die Details einer Lotterie befragen konnte. Es fehlte jedoch nicht an Personen, die es fast für unschicklich hielten, daß das Schatzamt sich des Beistandes eines Spielers von Profession bedienen sollte.[95]
Durch das sogenannte Lotterieanlehen wurde eine Million aufgebracht. Aber es fehlte noch eine Million, um das veranschlagte Einkommen für das Jahr 1694 mit den veranschlagten Ausgaben ins Gleichgewicht zu bringen. Der geniale und unternehmende Montague hatte einen Plan in Bereitschaft, zu dessen Annahme er die Gemeinen unter minder drückenden Finanzverlegenheiten schwerlich bewogen haben würde, der aber seinem umfassenden und energischen Geiste wichtigere commercielle und politische Vortheile zu bieten schien, als die sofortige Erleichterung der Finanzen.
[_Die Bank von England._] Es gelang ihm nicht nur auf zwölf Monate die Bedürfnisse des Staats zu decken, sondern auch ein großartiges Institut ins Leben zu rufen, das noch jetzt, nach Verlauf von mehr als anderthalb Jahrhunderten, in voller Blüthe steht, und das er noch als die Beste der Whigpartei durch alle Wechselfälle und als das Bollwerk der protestantischen Thronfolge in gefahrvollen Zeiten zu sehen erlebte.
Unter der Regierung Wilhelm's gab es noch alte Leute, die sich der Zeit erinnern konnten, wo es in der City von London noch kein einziges Bankierhaus gab. Noch zur Zeit der Restauration hatte jeder Kaufmann seine eigene Kasse im Hause und wenn ihm ein Wechsel präsentirt wurde, zählte er selbst die Kronen und Caroli auf seinen Ladentisch hin. Aber die Zunahme des Wohlstandes hatte ihre natürliche Folge, die Theilung der Arbeit, mit sich geführt. Noch vor dem Ende der Regierung Karl's II. war unter den Kaufleuten der Hauptstadt eine neue Methode Geld zu bezahlen und zu empfangen, aufgekommen. Es entstand eine Klasse von Agenten, deren Function darin bestand, das baare Geld der Handelshäuser zu verwahren. Dieser neue Geschäftszweig fiel naturgemäß in die Hände der Goldschmiede, welche gewohnt waren, mit den edlen Metallen große Geschäfte zu machen, und Keller besaßen, in denen Massen gemünzten Geldes vor Feuer und Dieben sicher aufbewahrt werden konnten. Alle Baarzahlungen wurden in den Läden der Goldschmiede von Lombard Street abgemacht. Andere Geschäftsleute gaben und empfingen nichts als Papier.
Diese große Veränderung erfolgte nicht ohne starke Opposition und viel Geschrei. Die Kaufleute der alten Schule beklagten sich bitter, daß eine Klasse von Männern, die sich noch vor dreißig Jahren auf ihr specielles Gewerbe beschränkt und schönes Geld verdient hatten, indem sie silberne Gefäße ciselirten, Edelsteine für die Damen faßten und den nach dem Continent Reisenden Pistolen und Thaler verkauften, die Schatzmeister der ganzen City geworden und auf dem besten Wege waren, die Beherrscher derselben zu werden. Diese Wucherer, sagte man, spielten Hazard mit dem, was Andere durch ihren Fleiß erworben und mit Sparsamkeit zurückgelegt hätten. Wenn das Glück gut gehe, so würde der Schurke, der das Geld aufbewahre, ein Alderman, gehe es schlecht, so mache der Betrogene, der das Geld hergegeben habe, bankerott. Auf der andren Seite wurden die Vortheile des neuen Gebrauchs in lebhafter Sprache hervorgehoben. Das neue System, sagte man, erspare sowohl Arbeit als Geld. Zwei Commis in einem Comtoir könnten soviel verrichten, als unter dem alten System zwanzig Commis in zwanzig verschiedenen Geschäften hätten verrichten müssen. Die Note eines Goldschmieds könne an einem Vormittage durch zehn verschiedene Hände gehen, und so könnten hundert Guineen, in seiner Geldkasse, ebensoviel thun, als früher tausend Guineen, in einer Menge verschiedener Kassen, einige auf Ludgate Hill, andere in Austin Friars, noch andere in Tower Street, gethan hatten.[96]
Allmälig gaben selbst Diejenigen nach und fügten sich in den herrschenden Gebrauch, die am lautesten gegen die Neuerung gemurrt hatten. Der Letzte, welcher aushielt, war merkwürdigerweise Sir Dudley North. Als er 1680, nachdem er sich viele Jahre im Auslande aufgehalten, nach London zurückkehrte, erregte der Gebrauch, durch Anweisungen auf Bankiers Zahlungen zu leisten, sein großes Erstaunen und Mißfallen. Er fand, daß er nicht zur Börse gehen konnte, ohne durch den Säulengang von Goldschmieden verfolgt zu werden, welche unter tiefen Verbeugungen um die Ehre baten ihm zu dienen. Er fuhr heftig auf, als seine Freunde ihn fragten, wo er sein Geld aufbewahre. »Wo anders als in meinem Hause?« entgegnete er. Nur mit Mühe war er zu bewegen, sein Geld den Händen eines der Lombardstreetmänner, wie sie genannt wurden, anzuvertrauen. Zum Unglück machte der Lombardstreetmann bankerott, und einige seiner Geschäftsfreunde litten schwer darunter. Dudley North verlor zwar nur fünfzig Pfund; aber dieser Verlust bestärkte ihn in seinem Widerwillen gegen das ganze Bankmysterium. Doch vergebens ermahnte er seine Mitbürger, zu der guten alten Sitte zurückzukehren und sich nicht, um ein klein wenig Arbeit zu ersparen, der Gefahr gänzlichen Ruins auszusetzen. Er stand allein der ganzen Bürgerschaft gegenüber.
Die Vortheile des neuen Systems machten sich in allen Theilen London's zu jeder Stunde jedes Tages fühlbar, und die Leute waren ebensowenig geneigt, sich dieser Vortheile aus Furcht vor selten eintretenden Verlusten zu entschlagen, als das Bauen von Häusern aus Furcht vor Feuer, oder das Bauen von Schiffen aus Furcht vor Stürmen zu unterlassen. Es ist ein interessantes Factum, daß ein Mann, der sich als Theoretiker von allen Kaufleuten seiner Zeit durch seinen umfassenden Blick und durch seine Erhabenheit über gemeine Vorurtheile auszeichnete, in der Praxis sich von allen Kaufleuten seiner Zeit durch die Zähigkeit unterschied, mit der er an einem veralteten Geschäftsmodus hing, nachdem schon längst die einfältigsten und unwissendsten Krämer diesen Modus mit einem andren vertauscht hatten, der einer großen handeltreibenden Gesellschaft bei weitem angemessener war.[97]
Kaum war das Bankiergeschäft ein abgesonderter und wichtiger Handelszweig geworden, so begann man eifrig die Frage zu verhandeln, ob es nicht zweckmäßig sein würde, eine Nationalbank zu errichten. Die allgemeine Meinung scheint einer Nationalbank entschieden günstig gewesen zu sein, und wir dürfen uns darüber nicht wundern, denn nur Wenige wußten damals, daß der Handel im allgemeinen von Einzelnen viel vortheilhafter betrieben werden kann, als von großen Gesellschaften, und das Bankgeschäft ist in der That einer von den wenigen Handelszweigen, welche durch große Handelsgesellschaften fast ebenso vortheilhaft betrieben werden können. Zwei öffentliche Banken waren schon seit langer Zeit in ganz Europa berühmt, die St. Georgsbank in Genua und die Bank von Amsterdam. Die ungeheuren Schätze, welche diese Etablissements in Verwahrung hatten, das Vertrauen, welches sie genossen, der Wohlstand, den sie erzeugt, ihre durch panische Schrecken, durch Kriege, durch Revolutionen geprüfte, gegen dies Alles bewährt erfundene Stabilität, waren Lieblingsthemata. Die St. Georgsbank bestand bereits nahe an drei Jahrhunderte. Sie hatte schon Depositen anzunehmen und Darlehen zu machen begonnen, ehe Columbus über den atlantischen Ocean fuhr, ehe Gama das Cap umschiffte, als ein christlicher Kaiser in Constantinopel regierte, als ein muhamedanischer Sultan in Granada herrschte, als Florenz eine Republik war, als Holland einem erblichen Fürsten gehorchte. Dies Alles war jetzt verändert. Neue Continente und neue Oceane waren entdeckt worden. Der Türke war in Constantinopel, der Castilianer in Granada; Florenz hatte seine erblichen Fürsten, Holland war eine Republik und noch immer nahm die St, Georgsbank Depositen an und machte Darlehen. Die Bank von Amsterdam war noch nicht viel über achtzig Jahre alt, aber auch ihre Solvenz hatte schon schwere Proben bestanden. Selbst in der furchtbaren Krisis von 1672, als das ganze Rheindelta von den französischen Armeen überschwemmt war, als man vom Dache des Stadthauses die weißen Fahnen sehen konnte, gab es einen Ort, wo inmitten der allgemeinen Bestürzung und Verwirrung noch immer Ruhe und Ordnung herrschten, und dieser Ort war die Bank. Warum sollte die Bank von London nicht eben so groß und eben so dauerhaft werden wie die Banken von Genua und Amsterdam? Gegen das Ende der Regierung Karl's II. wurden verschiedene Pläne vorgeschlagen, geprüft, angegriffen und vertheidigt. Einige Tagesschriftsteller behaupteten, eine Nationalbank müsse unter der Leitung des Königs stehen. Andere meinten, die Leitung müsse dem Lordmayor, den Aldermen und dem Gemeinderath der Hauptstadt übertragen werden.[98] Nach der Revolution wurde der Gegenstand mit einer vorher nicht gekannten Lebhaftigkeit discutirt, denn unter dem Einflusse der Freiheit hatte sich das Geschlecht der politischen Projectenmacher ungeheuer vermehrt. Die Regierung wurde mit einer Masse von Plänen überfluthet, welche zum Theil Träumen eines Kindes oder eines Fieberkranken glichen.
Eine besonders hervorragende Rolle unter den politischen Quacksalbern, deren geschäftige Gesichter man täglich in der Vorhalle der Gemeinen sah, spielten Johann Briscoe und Hugo Chamberlayne, zwei Projectenmacher, welche würdig gewesen wären Mitglieder der Akademie zu sein, die Gulliver in Lagado gründete. Diese beiden Männer behaupteten, daß das einzige Heilmittel für jede Krankheit des Staates eine Landbank sei. Eine Landbank werde für England größere Wunder bewirken, als sie je für Israel gethan worden seien, Wunder, welche die Wachtelschwärme und den täglichen Mannaregen noch übertreffen würden. Es würde keine Steuern geben, und doch würde der Staatsschatz bis zum Ueberlaufen voll sein. Man würde keine Armentaxen brauchen, denn es würde keine Armen geben. Das Einkommen jedes Grundbesitzers würde sich verdoppeln, der Gewinn jedes Kaufmanns würde sich vermehren. Kurz, die Insel würde, um mich Briscoe's Ausdrucks zu bedienen, das Paradies der Welt werden. Die einzigen Verlierenden würden die Geldmänner sein, diese schlimmsten Feinde der Nation, welche der Gentry und den Freisassen mehr Schaden gethan hätten als ein Invasionsheer aus Frankreich je hätte anrichten können[99].
Diese segensreichen Folgen sollte die Landbank einfach dadurch herbeiführen, daß sie ungeheure Massen von Noten auf Grundhypothek ausgab. Die Theorie der Projectenmacher war, daß Jedermann, der Grundeigenthum besaß, außerdem auch Papiergeld zum vollen Werthbetrage seines Grundeigenthums haben sollte. Wenn also sein Gut zweitausend Pfund werth war, so sollte er dieses Gut und zweitausend Pfund in Papiergeld haben[100]. Sowohl Briscoe als Chamberlayne behandelten die Ansicht, daß eine Zuvielausgabe von Papiergeld eintreten könne, so lange es noch für jede Zehnpfundnote ein Stück Land im Werthe von zehn Pfund gebe, mit der größten Verachtung. Niemand, sagten sie, werde einen Goldschmied beschuldigen, zuviel Papier ausgegeben zu haben, so lange seine Keller Guineen und Kronen zum vollen Werthe aller seine Unterschrift tragenden Noten enthielten. Es sei aber Thatsache, daß kein Goldschmied in seinen Kellern Guineen und Kronen zum vollen Betrage aller seiner Noten habe. Und habe nicht eine Quadratmeile fruchtbaren Bodens in Taunton Dean mindestens eben so viel Recht, Vermögen genannt zu werden, wie ein Beutel voll Gold oder Silber? Die Projectenmacher konnten nicht leugnen, daß viele Leute ein Vorurtheil zu Gunsten der edlen Metalle hatten und daß daher die Landbank, wenn sie verpflichtet wäre, ihre Noten einzulösen, sehr bald ihre Zahlungen würde einstellen müssen. Diese Schwierigkeit umgingen sie durch den Vorschlag, daß die Noten nicht ausgewechselt werden und daß Jedermann gezwungen sein sollte, sie zu nehmen.
Die Theorien Chamberlayne's über das Circulationsmittel können vielleicht noch in unsrer Zeit Bewunderer finden. Aber er fügte seinen übrigen Irrthümern einen Irrthum hinzu, der mit ihm begann und endete. Er war so thöricht, in allen seinen Raisonnements als gewiß anzunehmen, daß der Werth eines Gutes sich genau im Verhältniß zu seiner Dauer verändere. Er behauptete, daß, wenn der jährliche Ertrag eines Gutes sich auf tausend Pfund belaufe, eine Abtretung dieses Gutes auf zwanzig Jahre zwanzigtausend Pfund und eine Abtretung auf hundert Jahre hunderttausend Pfund werth sein müsse. Wenn daher der Besitzer eines solchen Gutes es der Landbank auf hundert Jahre verpfändete, so könne die Landbank auf diese Sicherheit sofort für hunderttausend Pfund Noten ausgeben. Von dieser Ansicht war Chamberlayne weder durch Spott, noch durch Argumentation, noch durch arithmetische Beweise abzubringen. Man erinnerte ihn, daß der unbeschränkte Besitz von Grundeigenthum nicht mehr werth sei als das Zwanzigfache seines Ertrags. Wenn man daher sage, ein hundertjähriger Besitz sei fünfmal soviel werth als ein zwanzigjähriger, so könne man eben so gut sagen, ein hundertjähriger Besitz sei fünfmal soviel werth als ein unbeschränkter Besitz, mit anderen Worten hundert sei gleich fünfmal das Unendliche. Die, welche so raisonnirten, schlug man damit, daß man ihnen sagte, sie seien Wucherer, und es scheint, als ob eine große Anzahl Landgentlemen die Widerlegung für vollständig gehalten hätte.[101]
Im December 1693 legte Chamberlayne seinen Plan in seiner ganzen nackten Ungereimtheit den Gemeinen vor und bat um Gehör. Er machte sich mit Zuversichtlichkeit anheischig, auf jedes Freigut von hundertfunfzig Pfund jährlichem Rentenwerthe, das, wie er sich ausdrückte, in seine Landbank eingeschrieben würde, achttausend Pfund aufzubringen, und dies ohne den Eigenthümer des Besitzes zu berauben.[102] Alle im Hause anwesenden Squires müssen gewußt haben, daß für den unbeschränkten Besitz eines solchen Gutes bei freiem Verkauf kaum dreitausend Pfund zu erlangen gewesen wären. Man sollte denken, daß es dem ungebildetsten Fuchsjäger, der auf den Bänken zu finden war, hätte unglaublich erscheinen sollen, daß man für weniger als den unbeschränkten Besitz eines solchen Gutes auf irgend einem Wege achttausend Pfund erlangen könne. Aber Noth und Haß hatten die grundbesitzenden Gentlemen leichtgläubig gemacht. Sie bestanden darauf, daß Chamberlayne's Plan einem Ausschusse überwiesen werden solle, und der Ausschuß erklärte den Plan für ausführbar und nutzbringend für die Nation.[103] Indessen hatte die vereinte Kraft der Beweisführung und des Spottes doch selbst auf die unwissendsten Landleute im Hause einigen Eindruck zu machen begonnen. Der Bericht lag unbeachtet auf dem Tische und das Land blieb vor einem Unglücke bewahrt, im Vergleich zu dem die Niederlage von Landen und der Verlust der Smyrnaflotte Segnungen gewesen sein würden.
Nicht alle Projectenmacher jener geschäftigen Zeit waren jedoch so albern wie Chamberlayne. Einer von ihnen, Wilhelm Paterson, war ein genialer, wenn auch nicht immer das Richtige treffender Denker. Von seinem früheren Leben weiß man nicht viel mehr als daß er ein Schotte von Geburt und daß er in Westindien gewesen war. In welcher Eigenschaft er Westindien besucht hatte, war eine Frage, über welche seine Zeitgenossen verschiedener Meinung waren. Seine Freunde sagten, er sei als Missionär hingegangen, seine Feinde, er sei Bukanier gewesen. Er scheint von der Natur mit einer fruchtbaren Erfindungsgabe, einem heißblütigen Temperament und großer Ueberredungskunst bedacht gewesen zu sein und sich irgendwo in seinem Nomadenleben eine genaue Kenntniß des Rechnungswesens erworben zu haben.
Dieser Mann legte der Regierung im Jahre 1691 den Plan zu einer Nationalbank vor, und dieser Plan wurde sowohl von Staatsmännern als von Kaufleuten günstig aufgenommen. Aber es vergingen Jahre, ohne daß etwas geschah, bis sich endlich im Frühjahr 1694 die absolute Nothwendigkeit herausstellte, ein neues Mittel zur Bestreitung der Kriegskosten ausfindig zu machen. Da endlich wurde der von dem armen und obscuren schottischen Abenteurer ersonnene Plan von Montague wieder ernstlich aufgenommen. Mit Montague nahe verwandt war Michael Godfrey, der Bruder des Sir Edmondsbury Godfrey, dessen trauriges und geheimnißvolles Ende funfzehn Jahre früher einen furchtbaren Wuthausbruch des Volks veranlaßt hatte. Michael war einer der geschicktesten, rechtschaffensten und reichsten Handelsfürsten London's. Er war, wie es sich schon nach seiner nahen Verwandtschaft mit dem Märtyrer des protestantischen Glaubens erwarten ließ, ein eifriger Whig. Einige seiner Schriften sind noch vorhanden und beweisen, daß er einen scharfen und hellen Verstand besaß.
Diese beiden ausgezeichneten Männer nahmen sich des Paterson'schen Planes an. Montague übernahm es, das Haus der Gemeinen, Godfrey, die City zu bearbeiten. Es wurde vom Ausschusse für die Mittel und Wege ein Beifallsvotum erlangt und eine Bill auf den Tisch gelegt, deren Titel Veranlassung zu vielen Sarkasmen gab. Es war allerdings nicht leicht zu errathen, daß eine Bill, welche lediglich dahin lautete, eine neue Abgabe auf den Tonnengehalt der Schiffe zum Nutzen Derer zu legen, welche Geld zur Fortführung des Kriegs vorstreckten, thatsächlich eine Bill war, welche das größte commercielle Institut ins Leben rief, das die Welt je gesehen hat.
Der Plan war, daß die Regierung zwölfhunderttausend Pfund zu dem damals für mäßig geltenden Zinsfuße von acht Procent aufnehmen solle. Um die Kapitalisten zu bewegen, das Geld unter für den Staat so vortheilhaften Bedingungen rasch vorzustrecken, sollten die Unterzeichner unter dem Namen +Governor and Company of the Bank of England+ Corporationsrecht erhalten. Die Corporation sollte kein ausschließliches Privilegium haben und sollte keine anderen Geschäfte machen dürfen als mit Wechseln, Gold- und Silberbarren und verfallenen Pfändern.
Sobald der Plan allgemein bekannt wurde, brach ein eben so heftiger Federkrieg aus als der zwischen den Schwörenden und Nichtschwörenden, oder der zwischen der alten Ostindischen Compagnie und der neuen Ostindischen Compagnie. Die Projectenmacher, denen es nicht gelungen war, bei der Regierung Gehör zu finden, fielen wie Rasende über ihren glücklicheren Collegen her. Sämmtliche Goldschmiede und Pfandleiher erhoben ein wahres Wuthgeheul. Einige mißvergnügte Tories prophezeiten der Monarchie den Untergang. Es sei merkwürdig, sagten sie, daß Banken und Regierungen niemals neben einander hätten bestehen können. Die Banken seien republikanische Institute. Es gebe blühende Banken in Venedig, in Genua, in Amsterdam und in Hamburg. Aber wer habe je von einer Bank von Frankreich oder Spanien gehört?[104] Einige mißvergnügte Whigs prophezeiten dagegen unseren Freiheiten den Untergang. Es ist dies, sagten sie, ein furchtbareres Werkzeug der Tyrannei als die Hohe Commission, die Sternkammer, als selbst die funfzigtausend Soldaten Oliver's. Der ganze Reichthum der Nation wird in den Händen der Tonnengeldbank -- dies war der damals gebräuchliche Spottname -- sein. Die Verfügung über das Nationalvermögen, die einzige große Sicherheit für alle Rechte der Engländer, wird vom Hause der Gemeinen auf den Gouverneur und die Directoren der neuen Compagnie übergehen. Diese letzte Betrachtung war in der That von einigem Gewicht, was auch die Urheber der Bill zugaben. Es wurde daher die sehr zweckmäßige Klausel aufgenommen, welche der Bank verbot, der Krone ohne Ermächtigung von Seiten des Parlaments Geld vorzustrecken. Jede Uebertretung dieser heilsamen Bestimmung sollte mit dem Verluste des dreifachen Betrags der vorgestreckten Summe bestraft werden, und der König sollte nicht befugt sein, den geringsten Theil dieser Strafe zu erlassen.