Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20.

Part 19

Chapter 193,446 wordsPublic domain

Es war zwar nicht leicht Wilhelm zu beherrschen; aber Sunderland erlangte doch einen solchen Grad von Gunst und Einfluß, daß es großes Erstaunen und selbst einigen Unwillen erregte. Allerdings war kaum ein Geist stark genug, um dem Zauber seiner Rede und seines Benehmens zu widerstehen. Jedermann ist geneigt an die Dankbarkeit und Anhänglichkeit auch der werthlosesten Menschen zu glauben, denen er große Wohlthaten erzeigt hat. Es kann daher kaum auffallen, daß der geschickteste aller Schmeichler ein geneigtes Ohr fand, als er mit allen äußeren Zeichen tiefer Bewegtheit um die Erlaubniß bat, alle seine Geisteskräfte dem Dienste des hochherzigen Beschützers zu widmen, dem er Vermögen, Freiheit und Leben verdankte. Es ist jedoch deshalb nicht anzunehmen, daß der König sich täuschen ließ. Er wird mit gutem Grunde geglaubt haben, daß zwar auf Sunderland's Betheuerungen nicht viel zu geben war, daß er aber um so mehr Vertrauen in seine Stellung setzen konnte, und Sunderland erwies sich im Ganzen wirklich als ein treuerer Diener wie ein minder verderbter Mann es hätte sein können. Er that zwar in aller Stille einige schüchterne Schritte zu einer Aussöhnung mit Jakob, allein man darf mit Gewißheit behaupten, daß, selbst wenn diese Schritte freundlich aufgenommen worden wären -- und sie scheinen sehr unfreundlich aufgenommen worden zu sein -- der zwiefache Renegat der jakobitischen Sache nie einen wirklichen Dienst geleistet haben würde. Er wußte recht gut, daß er etwas gethan hatte, was in Saint-Germains als unverzeihlich betrachtet werden mußte. Nicht daß er blos verrätherisch und undankbar gewesen wäre, Marlborough war eben so verrätherisch und undankbar gewesen, und Marlborough hatte Verzeihung erlangt. Aber Marlborough hatte sich nicht der gottlosen Heuchelei schuldig gemacht, die äußeren Zeichen einer Bekehrung zur Schau zu tragen. Marlborough hatte nicht vorgegeben, durch die Argumente der Jesuiten überzeugt, durch die göttliche Gnade berührt worden zu sein, sich nach der Aufnahme in den Schooß der allein wahren Kirche zu sehnen. Marlborough hatte nicht, als der Papismus überwiegend war, sich bekreuzigt, gebeichtet, Buße gethan, das heilige Abendmahl in Einer Gestalt genommen, war nicht, sobald ein Wechsel des Glückes eintrat, abermals abgefallen und hatte nicht der ganzen Welt erklärt, daß, als er im Beichtstuhl gekniet und die Hostie empfangen, er den König und die Priester nur ausgelacht habe. Sunderland's Verbrechen war ein solches, das Jakob nie vergeben konnte, und ein Verbrechen, das Jakob nie vergeben konnte, war in gewissem Sinne eine Empfehlung bei Wilhelm. Der Hof, ja selbst der Staatsrath waren mit Männern angefüllt, welche hoffen konnten, ihr Glück zu machen, wenn der verbannte König wieder auf den Thron gesetzt wurde. Sunderland aber hatte sich keinen Rückzug gesichert, er hatte alle Brücken hinter sich abgebrochen. Er war gegen den Einen so falsch gewesen, daß er nothgedrungen dem Andren treu sein mußte. Daß er in der Hauptsache der Regierung, die ihn jetzt beschützte, treu war, steht kaum zu bezweifeln, und da er treu war, konnte er nur nützlich sein. Er war in einigen Beziehungen ganz vorzüglich geeignet, damals ein Rathgeber der Krone zu sein, denn er besaß gerade die Talente und Kenntnisse, an denen es Wilhelm fehlte. Die Beiden zusammen würden einen vollendeten Staatsmann ausgemacht haben. Der Gebieter war fähig, große Pläne zu entwerfen und auszuführen, aber er vernachlässigte die kleinen Kunstgriffe, in denen der Diener sich auszeichnete. Der Gebieter sah weiter als andere Menschen; aber das Nahe sah Niemand so deutlich als der Diener. Der Gebieter war zwar in der Politik der großen Völkergemeinschaft gründlich erfahren, lernte aber die Politik seines eigenen Landes niemals genau kennen. Der Diener war mit der Stimmung und der Organisation der englischen Parteien so wie mit den starken und schwachen Seiten des Characters jedes angesehenen Engländers wohl vertraut.

Zu Anfang des Jahres 1693 ging das Gerücht, daß Sunderland über alle die innere Verwaltung des Reichs betreffende wichtige Fragen zu Rathe gezogen werde, und dieses Gerücht bekam noch mehr Halt, als man erfuhr, daß er im Herbste vor dem Zusammentritt des Parlaments nach London gekommen war und ein großes Haus in der Nähe von Whitehall bezogen hatte. Die Kaffeehaus-Politiker waren überzeugt, daß er auf dem Punkte stand, ein hohes Amt zu erhalten. Vor der Hand war er jedoch so klug, sich mit der wirklichen Macht zu begnügen und den Schein derselben Anderen zu überlassen[57].

[_Sunderland räth dem Könige den Whigs den Vorzug zu geben._] Er war der Meinung daß, so lange der König versuchte die beiden großen Parteien einander die Wage halten zu lassen und seine Gunst beiden in gleichem Grade zu gewähren, beide sich zurückgesetzt glauben und keine der Regierung die aufrichtige und beharrliche Unterstützung angedeihen lassen würde, der man jetzt so dringend bedurfte. Se. Majestät müsse sich entschließen, der einen oder der andren den entschiedenen Vorzug zu geben, und es sprächen drei gewichtige Gründe dafür, diesen Vorzug den Whigs zu geben.

[_Gründe für die Bevorzugung der Whigs._] Erstens waren die Whigs grundsätzlich der herrschenden Dynastie zugethan. In ihren Augen war die Revolution nicht allein nothwendig, nicht allein gerechtfertigt, sondern sogar ein glückliches und ruhmvolles Ereigniß gewesen. Sie war der Triumph ihrer politischen Theorie gewesen. Als sie Wilhelm Treue schwuren, schwuren sie ohne Skrupel und Hintergedanken; sie waren so weit entfernt davon, seinen Rechtstitel in Frage zu stellen, daß sie ihn für den besten aller Rechtstitel hielten. Die Tories dagegen mißbilligten fast allgemein den Beschluß der Convention, die ihn auf den Thron gesetzt hatte. Einige von ihnen waren im Herzen Jakobiten und hatten ihm den Unterthaneneid blos deshalb geleistet, um ihm besser schaden zu können. Andere glaubten sich zwar verpflichtet, ihm als factischen König zu gehorchen, leugneten aber, daß er rechtmäßiger König sei, und wenn sie auch loyal gegen ihn waren, so waren sie es doch ohne Begeisterung. Es konnte demnach kaum einem Zweifel unterliegen, auf welche von den beiden Parteien er sicherer bauen könne.

Zweitens waren die Whigs bezüglich der speciellen Angelegenheit, an der sein Herz gegenwärtig hing, im Allgemeinen geneigt, ihn kräftig zu unterstützen, die Tories hingegen ihm darin hinderlich zu sein. Die Gemüther beschäftigten sich damals lebhaft mit der Frage, in welcher Weise der Krieg geführt werden müsse. Diese Frage beantworteten die beiden Parteien sehr verschieden. Unter den Tories war seit einigen Monaten die Ansicht zur Geltung gekommen, daß die Politik England's streng insularisch sein, daß es die Vertheidigung Flanderns und des Rheins den Generalstaaten, dem Hause Oesterreich und den Fürsten des Reichs überlassen, und daß es die Feindseligkeiten zur See energisch fortsetzen, aber nur ein solches Landheer unterhalten müsse, das mit Hülfe der Miliz genügte, um einen Einfall abzuwehren. Es war klar, daß wenn dieses System angenommen wurde, eine sofortige Ermäßigung der so schwer auf der Nation lastenden Steuern eintreten konnte. Aber die Whigs behaupteten, diese Erleichterung werde theuer erkauft werden. Viele tausend tapfere englische Soldaten seien jetzt in Flandern, gleichwohl hätten die Alliirten die Franzosen nicht verhindern können, im Jahre 1691 Mons, 1692 Namur, 1693 Charleroy zu nehmen. Wenn die englischen Truppen zurückgerufen würden, so sei es gewiß, daß Ostende, Gent und Lüttich fallen müßten. Die deutschen Fürsten würden eilen, Jeder für sich Frieden zu schließen. Die spanischen Niederlande würden wahrscheinlich der französischen Monarchie einverleibt werden. Die Vereinigten Provinzen würden wieder eben so gefährdet sein, wie 1672, und würden jede Bedingung annehmen, die es Ludwig gefiele ihnen zu dictiren. Nach wenigen Monaten würde er im Stande sein, seine ganze Kraft gegen unsre Insel aufzubieten und dann würde es einen Kampf auf Leben und Tod geben. Allerdings könne man wohl hoffen, daß wir im Stande sein würden, unsern heimathlichen Boden selbst gegen einen solchen General und eine solche Armee, wie sie die Schlacht bei Landen gewonnen hatten, zu vertheidigen. Aber der Kampf müsse ein langer und schwerer werden. Wie viele fruchtbare Grafschaften würden in Wüsten verwandelt, wie viele blühende Städte in Asche gelegt werden, bevor man die Eingedrungenen vernichten oder heraustreiben könne! Ein einziger siegreicher Feldzug in Kent oder Middlesex würde mehr zur Verarmung der Nation beitragen, als zehn unglückliche Feldzüge in Brabant. Es ist bemerkenswerth, daß dieser Streit zwischen den beiden großen Parteien siebzig Jahre lang regelmäßig wieder erwachte, so oft unser Land mit Frankreich im Kriege lag. Daß England niemals große militärische Operationen auf dem Festlande unternehmen dürfe, blieb ein Fundamentalartikel des politischen Glaubens der Tories, bis die französische Revolution in ihren Ansichten eine vollständige Aenderung hervorbrachte.[58] Da es Wilhelm's Hauptzweck war, den Feldzug von 1694 in Flandern mit einem ungeheuern Kraftaufwande zu eröffnen, so war es hinlänglich klar, an wen er sich um Beistand wenden mußte.

Drittens waren die Whigs die stärkere Partei im Parlamente. Die allgemeine Wahl von 1690 war zwar nicht günstig für sie ausgefallen, sie waren einige Zeit die Minorität gewesen; aber seitdem hatten sie fortwährend mehr Boden gewonnen, bildeten jetzt der Zahl nach die volle Hälfte des Unterhauses, und ihre effective Stärke war ihrer Zahl mehr als entsprechend, denn in Energie, Rührigkeit und Disciplin waren sie ihren Gegnern entschieden überlegen. Ihre Organisation war zwar noch nicht so vollkommen, als sie es später wurde, aber sie hatten schon begonnen, eine kleine Schaar ausgezeichnete Männer, welche noch lange nachher unter dem Namen der Junta weit und breit bekannt war, zu Führern anzunehmen. Es giebt vielleicht in der alten wie in der neuen Geschichte kein zweites Beispiel einer solchen Autorität, wie sie dieses Concilium während zwanzig unruhiger Jahre über die Whigpartei ausübte. Die Männer, welche diese Autorität zu den Zeiten Wilhelm's und Mariens erlangten, behielten sie ohne Unterbrechung in und außer dem Amte bis Georg IV. den Thron bestieg.

[_Häupter der Whigpartei; Russell._] Einer dieser Männer war Russell. Von seinem schmachvollen Verkehr mit dem Hofe von Saint-Germains haben wir Beweise, die keinen Zweifel zulassen. Aber diese Beweise kamen erst viele Jahre nach seinem Tode vor die Augen der Welt. Wenn Gerüchte von seiner Schuld circulirten, so waren sie doch nur vag und unwahrscheinlich, sie stützten sich auf keinen Beweis, hatten keinen glaubwürdigen Urheber zum Gewährsmann und durften von seinen Zeitgenossen mit gutem Grunde als jakobitische Verleumdungen betrachtet werden. Ganz gewiß war es hingegen, daß er aus einem erlauchten Hause stammte, das für die Freiheit und die protestantische Religion Großes gethan und viel gelitten hatte, daß er die Einladung vom 30. Juni unterzeichnet, daß er mit dem Befreier bei Torbay gelandet war, daß er im Parlamente bei jeder Gelegenheit als eifriger Whig gesprochen und gestimmt, daß er einen großen Sieg erfochten, daß er sein Vaterland vor einer Invasion bewahrt hatte, und daß, seitdem er die Admiralität verlassen, Alles schlecht gegangen war. Wir dürfen uns daher nicht wundern, daß er unter seiner Partei einen bedeutenden Einfluß hatte.

[_Somers._] Aber der größte Mann unter den Mitgliedern der Junta, und in mancher Beziehung der größte Mann jener Zeit war der Lordsiegelbewahrer Somers. Er war gleich ausgezeichnet als Jurist und als Staatsmann, als Redner und als Schriftsteller. Seine Reden sind der Vergessenheit anheimgefallen, seine Staatsschriften aber existiren noch und sind Muster einer eleganten, klaren und würdevollen Beredtsamkeit. Er hatte einen großen Ruf im Hause der Gemeinen hinterlassen, in welchem er vier Jahre lang stets mit Vergnügen gehört worden war, und die whiggistischen Mitglieder betrachteten ihn noch immer als ihr Oberhaupt und hielten ihre Zusammenkünfte noch immer unter seinem Dache. Auf dem hohen Posten, zu dem er unlängst ernannt worden war, hatte er sich so benommen, daß nach wenigen Monaten selbst Parteigeist und Mißgunst aufhörten über seine Erhebung zu murren. Er vereinigte aber auch in der That alle Eigenschaften eines großen Richters in sich, einen regsamen Geist und scharfen Verstand, Fleiß, Rechtschaffenheit, Ausdauer und Milde. Im Rathe verschaffte ihm die gelassene Weisheit, die er in einem Maße besaß, wie man es bei Männern von so lebhaftem Geiste und von so entschiedenen Ansichten selten findet, die Autorität eines Orakels. Nicht minder deutlich zeigte sich die Ueberlegenheit seiner Talente in Privatzirkeln. Der Zauber seiner Unterhaltung wurde noch erhöht durch die Freimüthigkeit, mit der er seine Gedanken von sich gab.[59] Seine gute Laune und seine gute Erziehung verleugneten sich nie. In seinen Geberden, in seinen Mienen und in seiner Stimme sprach sich nur Wohlwollen aus. Seine Humanität war um so bemerkenswerther, als ihm die Natur einen Körper verliehen hatte, mit dem man in der Regel einen mürrischen und reizbaren Character verbunden findet. Sein Leben war eine lange Krankheit; seine Nerven waren schwach, seine Gesichtsfarbe bleich, seine Wangen von frühzeitigen Furchen durchzogen. Gleichwohl konnten seine Feinde nicht behaupten, daß er während seines langen und ruhelosen öffentlichen Lebens nur ein einzigesmal, selbst nicht durch plötzliche Herausforderung zu einer mit der milden Würde seines Characters unvereinbaren Heftigkeit gereizt worden wäre. Sie konnten nur behaupten, daß sein Wesen bei weitem nicht so sanft sei als die Welt glaube, daß er in Wirklichkeit zu heftigen Leidenschaften geneigt sei und daß zuweilen, während seine Stimme sanft und seine Worte freundlich und artig seien, seine schwächliche Gestalt vor unterdrückter Aufregung in ein fast convulsivisches Zittern gerathe. Man wird vielleicht der Ansicht sein, daß dieser Vorwurf gerade der höchste Lobspruch war.

Die gebildetsten Männer jener Zeit haben uns gesagt, daß es kaum etwas gab, worüber Somers nicht belehrend und unterhaltend hätte sprechen können. Er war nie gereist, und ein Engländer, der nicht gereist war, galt damals in der Regel nicht für befähigt, über Werke der Kunst ein Urtheil abzugeben. Aber gründliche Kenner der Meisterwerke des Vatikans und der florentinischen Galerie gestanden zu, daß Somers' Geschmack in der Malerei und Sculptur ganz vorzüglich war. Die Philologie war eines seiner Lieblingsstudien. Er hatte das ganze große Gebiet der alten und neuen Belletristik durchwandert. Er war zu gleicher Zeit ein freigebiger und ein streng unterscheidender Beschützer des Genies und des Wissens. Locke verdankte Somers Wohlstand. Durch Somers wurde Addison aus der Zelle eines Collegiums ans Licht gezogen. In fernen Ländern nannten große Gelehrte und Dichter, die sein Antlitz nie gesehen, den Namen Somers mit Achtung und Dankbarkeit. Er war der Wohlthäter Leclerc's und der Freund Filicaja's. Weder politische noch religiöse Meinungsverschiedenheiten hielten ihn ab, dem Talent seinen mächtigen Schutz angedeihen zu lassen. Hikes, der heftigste und intoleranteste aller Eidverweigerer, erhielt durch Somers' Verwendung die Erlaubniß, die teutonischen Alterthümer in gemächlicher Freiheit zu studiren. Vertue, ein strenger Katholik, wurde durch Somers scharfblickende und freigebige Gönnerschaft aus Armuth und Dunkelheit zum ersten Range unter den Kupferstechern seiner Zeit erhoben.

Die Großmuth, mit welcher Somers seine Gegner behandelte, gereichte ihm zu um so größerer Ehre, weil er in seinen politischen Ansichten nicht hin und her schwankte. Vom Anfang bis zum Ende seines öffentlichen Lebens war er ein standhafter Whig. Er erhob zwar stets, wenn seine Partei im Staate die Oberhand hatte, seine Stimme gegen gewaltthätige und rachsüchtige Maßregeln, aber er verließ seine Freunde nie. Selbst als ihre thörichte Nichtachtung seines Rathes sie an den Rand des Verderbens gebracht hatte.

Seine natürlichen Geistesgaben und seine erworbenen Kenntnisse wurden selbst von seinen Verleumdern nicht geleugnet. Die hämischsten Tories mußten mit einem unwilligen Murren, das den Werth ihres Lobes noch erhöhte, zugeben, daß er alle geistigen Eigenschaften eines großen Mannes besaß und daß von allen seinen Zeitgenossen in ihm allein glänzende Beredtsamkeit und Witz mit der ruhigen und stetigen Besonnenheit vereinigt gefunden wurden, welche den Erfolg im Leben sichern. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß er in dem schamlosesten der vielen Libelle, welche gegen ihn erschienen, unter dem Namen Cicero geschmäht wird. Da seine Talente nicht in Zweifel gestellt werden konnten, so beschuldigte man ihn der Irreligiosität und Unmoralität. Daß er heterodox sei, glaubten alle Landvikare und fuchsjagenden Squires fest; aber bezüglich der Natur und Ausdehnung seiner Heterodoxie waren die Meinungen sehr verschieden. Er scheint ein Niederkirchlicher von der Schule Tillotson's gewesen zu sein, den er stets liebte und verehrte, und er wurde wie dieser von den Bigotten ein Presbyterianer, ein Arianer, ein Socinianer, ein Deist und ein Atheist genannt.

Das Privatleben dieses großen Staatsmannes und Richters wurde boshaft untersucht und Geschichten über seinen ausschweifenden Wandel erzählt, die sich fort und fort vergrößerten, bis sie selbst für die Leichtgläubigkeit des Parteigeistes zu abgeschmackt wurden. Endlich, nachdem er schon längst zu Flanell und Hühnerbrühe verurtheilt war, ließ eine schamlose Courtisane, die ihn wahrscheinlich nie anderwärts als in der Prosceniumsloge im Theater gesehen hatte, wenn sie unten maskirt ihrem Gewerbe nachging, ein Libell erscheinen, in welchem sie ihn als den Gebieter eines kostspieligeren Harems schilderte, als ihn der Großsultan besitze. Man hat indeß Grund zu glauben, daß ein kleiner Wahrheitskern vorhanden war, an den sich diese große Masse von Erdichtungen ansetzte, und daß die Weisheit und Selbstbeherrschung, woran es Somers im Senate, auf dem Richterstuhle, in der Rathsversammlung oder in der Gesellschaft von Schöngeistern, Gelehrten und Philosophen nie fehlte, ihn für weibliche Reize nicht ganz unempfänglich machten.[60]

[_Montague._] Ein andrer Führer der Whigpartei war Karl Montague. Er wurde oft, nachdem er sich zu Macht, Ehren und Reichthümern erhoben hatte, von denen, die seinen Erfolg beneideten, ein Emporkömmling genannt. Daß sie ihn so nannten, darf uns mit Recht Wunder nehmen, denn nur wenige von den Staatsmännern seiner Zeit konnten einen Stammbaum aufweisen wie der seinige. Er stammte aus einer Familie, die so alt war wie die Eroberung; er hatte Anwartschaft auf den Earlstitel und war väterlicherseits der Vetter dreier Earls. Aber er war der jüngere Sohn eines jüngeren Bruders, und diese Phrase war von jeher seit der Zeit Shakespeare's und Raleigh's, und vielleicht schon vor ihrer Zeit sprichwörtlich, um einen Mann zu bezeichnen, der so arm war, daß er zu der niedrigsten Dienstbarkeit verurtheilt oder zu dem verzweifeltsten Abenteuer bereit war.

Karl Montague wurde frühzeitig für den geistlichen Beruf bestimmt, in die Schule zu Westminster aufgenommen und nachdem er sich hier durch seine Geschicklichkeit im lateinischen Versbau ausgezeichnet, nach Cambridge in das Trinity College geschickt. In Cambridge war die Philosophie Des Cartes' noch immer in den Schulen vorherrschend. Aber einige wenige hervorragende Geister hatten sich von dem großen Haufen getrennt und bildeten ein geziemendes Auditorium um einen weit größeren Lehrer.[61] Unter den vielversprechenden Jünglingen, welche stolz darauf waren, zu den Füßen Newton's zu sitzen, zeichnete sich der geistreiche und vielseitige Montague aus. Unter einer solchen Leitung machte der junge Student bedeutende Fortschritte in den ernsten Wissenschaften; aber die Poesie war sein Lieblingsstudium, und wenn die Universität ihre Söhne aufforderte, königliche Vermählungen und Leichenbegängnisse zu besingen, wurde es allgemein anerkannt, daß er seine Mitbewerber übertroffen habe. Sein Ruf drang bis nach London, er galt unter den Schöngeistern, welche bei Will ihre Zusammenkünfte hielten, für einen geistreichen jungen Mann, und die reizende Parodie, die er in Gemeinschaft mit seinem Freunde und Studiengenossen Prior auf Dryden's +Hind and Panther+ schrieb, wurde mit großem Beifall aufgenommen.

Zu dieser Zeit waren alle Wünsche Montague's auf die Kirche gerichtet. Späterhin, als er ein Peer mit zwölftausend Pfund jährlicher Einkünfte war, als seine Villa an der Themse für den prächtigsten aller Wohnsitze galt, als man von ihm sagte, daß er in Tokaier aus den kaiserlichen Kellern und in Suppen schwelge, die aus ostindischen Vogelnestern bereitet seien, von denen das Stück drei Guineen koste, machte es seinen Feinden Vergnügen, ihn daran zu erinnern, daß es eine Zeit gegeben, wo er sein Einkommen durch literarische Arbeiten auf nicht mehr als fünfzig Pfund gebracht, wo er sich glücklich geschätzt habe, wenn er ein Stück Hammelfleisch und eine Flasche Ale aus den Kellern des Collegiums gehabt, und wo ein Zehntenferkel der größte Luxus gewesen sei, auf den er zu hoffen gewagt habe. Die Revolution kam und gab seinem ganzen Lebensplan eine andre Gestalt. Durch den Einfluß Dorset's, der ein besonderes Vergnügen daran fand, sich vielversprechender junger Leute anzunehmen, erlangte er einen Sitz im Hause der Gemeinen. Der unbemittelte Gelehrte schwankte jedoch noch immer einige Monate lang zwischen der Politik und der Theologie. Allein es zeigte sich bald deutlich, daß unter der neuen Ordnung der Dinge parlamentarische Geschicklichkeit einen höheren Lohn erzielen müsse als jede andre Geschicklichkeit, und er fühlte, daß ihm in der parlamentarischen Geschicklichkeit Keiner überlegen sei. Er befand sich in der Stellung, zu der ihn die Natur ganz vorzüglich befähigt hatte, und einige Jahre hindurch war sein Leben eine Reihe von Triumphen.

Von ihm, wie von mehreren anderen seiner Zeitgenossen, insbesondere von Mulgrave und Sprat, kann man sagen, daß sein Ruhm durch die Thorheit der Verleger beeinträchtigt worden ist, welche bis auf unsre Zeit darin beharrt haben, seine Verse unter den Werken der britischen Dichter drucken zu lassen. Es vergeht kein Jahr, in welchem nicht Hunderte von Versen, die so gut sind als alle, die er je geschrieben, behufs der Bewerbung um den Newdigate-Preis zu Oxford oder um die Kanzler-Medaille zu Cambridge eingesandt würden. Sein Geist besaß allerdings große Schärfe und Kraft, aber nicht diejenige Schärfe und Kraft, welche große Dramen oder Oden producirt, und man thut ihm sehr Unrecht, wenn man seinen +Man of Honour+ und seine +Epistle on the Battle of the Boyne+ dem +Comus+ und +Alexander's Feast+ zur Seite stellt. Andere ausgezeichnete Staatsmänner, wie Walpole, Pulteney, Chatham, Fox, schrieben Verse, die nicht besser waren als die seinigen. Aber zum Glück für sie wurden ihre metrischen Werke nie für würdig gehalten, in eine Sammlung unserer nationalen Klassiker aufgenommen zu werden.