Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20.

Part 17

Chapter 172,975 wordsPublic domain

Das Schicksal des Gefangenen war einige Zeit zweifelhaft. Die Minister hofften, er werde dahin zu bringen sein, seinen eignen Kopf auf Unkosten der Köpfe der Pamphletisten zu retten, in deren Diensten er gearbeitet. Aber seine natürliche Standhaftigkeit wurde durch geistliche Stimulationsmittel aufrechterhalten, welche die eidverweigernden Priester vortrefflich anzuwenden verstanden. Er erlitt standhaft den Tod und schmähte die Regierung bis zum letzten Augenblicke. Die Jakobiten beschwerten sich laut über die Gefühllosigkeit der Richter, die ihn verurtheilt, und der Königin, die seine Hinrichtung zugegeben hatte, und stellten ihn mit eben nicht besonderer Consequenz als einen armen unwissenden Handwerker, der die Natur und Tendenz der Handlung, wegen der er den Tod erlitten, nicht gekannt, und als einen Märtyrer dar, der für den verbannten König und die verfolgte Kirche heldenmüthig sein Leben gelassen habe.[40]

[_Schriften und Kunstgriffe der Jakobiten._] Die Minister irrten sich sehr, wenn sie glaubten, daß Anderton's Schicksal Andere abhalten werde, sein Beispiel nachzuahmen. Seine Hinrichtung veranlaßte mehrere kaum minder heftige Pamphlets als das wegen dessen er verurtheilt worden. Collier frohlockte in einer Schrift, die er +»Remarks on the London Gazette«+ betitelte, mit herzloser Freude über das Blutbad von Landen und über die massenhafte Zerstörung englischen Eigenthums an der Küste von Spanien.[41] Andere Schriftsteller thaten ihr Möglichstes, um unter den Arbeitern Aufstände zu entzünden, denn es war die Doctrin der Jakobiten, daß Unruhen, wo und wie sie immer beginnen möchten, in eine Restauration auszulaufen versprächen. Eine Phrase, die ohne Commentar als purer Unsinn erscheinen muß, die aber in Wirklichkeit sehr bedeutungsvoll war, führten sie damals vielfach im Munde, und sie wurde sogar eine Parole, an der die Mitglieder der Partei einander erkannten: »Schlagt es herum, es wird zu meinem Vater kommen.« Der verborgene Sinn dieser Redensart war: »Stürzt das Land in Verwirrung, man wird zuletzt zu König Jakob greifen müssen.«[42] Der Handel florirte nicht und viele fleißige Menschen hatten keine Arbeit. Die mißvergnügten Straßendichter verfertigten in Folge dessen an die nothleidenden Klassen gerichtete Lieder. Zahlreiche Exemplare einer Ballade, welche die Weber aufforderte, sich gegen die Regierung zu erheben, wurden in dem Hause des Quäkers gefunden, der Jakob's Erklärung gedruckt hatte.[43] Alle erdenklichen Mittel wurden angewendet, um auch unter einer weit gefährlicheren Klasse von Leuten, unter den Matrosen, Unzufriedenheit zu erwecken, und unglücklicherweise lieferten die Mängel der Marineverwaltung den Feinden des Staats nur zu reichlichen Zündstoff. Einige Seeleute desertirten, andere stifteten Meutereien an; es fanden Hinrichtungen statt, und diesen folgten neue Balladen und Flugblätter, welche die Hinrichtungen als barbarische Mordthaten darstellten. Gerüchte, daß die Regierung beschlossen habe, ihre Vertheidiger um ihren sauerverdienten Lohn zu betrügen, wurden mit so großem Erfolge verbreitet, daß ein zahlreicher Haufe Weiber von Wapping und Rotherhithe Whitehall belagerte und tumultuarisch den ihren Männern gebührenden Lohn verlangte. Marie war so taktvoll und gutherzig, vier dieser ungestümen Petentinnen in den Saal einführen zu lassen, wo sie eben eine Staatsrathssitzung hielt. Sie hörte ihre Klagen an und versicherte ihnen in eigner Person, daß das Gerücht, welches sie beunruhigt habe, ungegründet sei.[44] Inzwischen kam der St. Bartholomäustag heran, und die große jährliche Messe, das Vergnügen arbeitsscheuer Lehrbuben und der Greuel puritanischer Aldermen, wurde mit der gewöhnlichen Schaustellung von Zwergen, Riesen und tanzenden Hunden, Feuerfressern und abgerichteten Elephanten in Smithfield eröffnet. Von allen Sehenswürdigkeiten aber übte keine so große Anziehungskraft aus, als eine dramatische Vorstellung, welche in der Idee, wenn auch gewiß nicht in der Ausführung, große Aehnlichkeit mit den unsterblichen Meisterwerken des Humors gehabt zu haben scheint, in denen Aristophanes Cleon und Lamachus lächerlich machte. Zwei herumziehende Comödianten gaben die Rollen Killegrew's und Delaval's. Die beiden Admiräle waren dargestellt, wie sie mit ihrer ganzen Flotte vor einigen französischen Kapern flohen und unter den Kanonen des Towers Schutz suchten. Die Rolle des Chorus wurde von einem Hanswurst gespielt, der seine Meinung über die Marineverwaltung sehr freimüthig aussprach. Ungeheure Menschenmassen strömten zu dieser wunderlichen Posse. Der Beifall war laut, die Einnahmen groß, und die Comödianten, welche zuerst nur die unglückliche und unpopuläre Admiralität durchzuhecheln gewagt hatten, begannen jetzt, durch die Straflosigkeit und den Erfolg dreist gemacht, und wahrscheinlich durch Leute viel höherer Stellung angeregt und bezahlt, auch über andere Verwaltungszweige ihre Witze zu machen. Diesem Versuche, die Zügellosigkeit der attischen Bühne wieder in die Mode zu bringen, wurde bald durch das Erscheinen einer starken Abtheilung Constabler, welche die Schauspieler ins Gefängniß abführten, ein Ziel gesetzt.[45] Mittlerweile wurden die Straßen London's jede Nacht mit aufwieglerischen Flugblättern besäet. In allen Wirthshäusern hinkten die Zeloten des erblichen Rechts mit Wein- und Punschgläsern an den Lippen umher. Diese Mode war eben aufgekommen, und die Nichteingeweihten wunderten sich höchlich, wie eine so große Menge frischer und gesunder Gentlemen urplötzlich lahm geworden sein könne. Die in das Geheimniß Eingeweihten aber wußten, daß das Wort +limp+ (hinken) ein geheiligtes Wort, daß jeder der vier Buchstaben, aus denen es bestand, der Anfangsbuchstabe eines erlauchten Namens war, und daß der loyale Unterthan, der beim Trinken hinkte, sein Glas auf das Wohl Ludwig's, Jakob's, Mariens und des Prinzen leerte.[46]

Aber nicht allein in der Hauptstadt ließen die Jakobiten damals ihren Witz in großem Maßstabe leuchten. Sie waren auch in Bath zahlreich vertreten, wo der Lordpräsident Caermarthen seine erschütterte Gesundheit wieder zu befestigen versuchte. Jeden Abend versammelten sie sich, um, wie sie es nannten, dem Marquis eine Serenade zu bringen. Mit anderen Worten, sie rotteten sich unter den Fenstern des kranken Mannes zusammen und sangen Spottlieder auf ihn.[47]

[_Verhalten Caermarthen's._] Es ist sonderbar, daß der Lordpräsident zu derselben Zeit wo er in Bath als Wilhelmit insultirt wurde, in Saint-Germains für einen treuen Jakobiten galt. Wie er dazu kam, für einen solchen gehalten zu werden, ist eine sehr schwer zu beantwortende Frage. Einige Schriftsteller sind der Meinung, daß er, wie Shrewsbury, Russell, Godolphin und Marlborough, Verpflichtungen gegen den einen König übernahm, während er das Brot des andren aß. Diese Ansicht aber stützt sich nicht auf hinreichende Beweise. Für die Verräthereien Shrewsbury's, Russell's, Godolphin's und Marlborough's haben wir eine große Menge Beweise, die aus verschiedenen Quellen geschöpft sind und sich über mehrere Jahre erstrecken. Ueber Caermarthen's Verkehr mit Jakob aber besitzen wir keine anderen Nachrichten als die in einem kurzen Aufsatze enthaltenen, den Melfort am 16. October 1693 schrieb. Aus diesem Aufsatze geht klar und deutlich hervor, daß der verbannte König und seine Minister Mittheilungen erhalten hatten, die sie bewogen, Caermarthen als einen Freund zu betrachten. Aber wir haben keinen Beweis, daß sie ihn weder vor noch nach diesem Tage für einen solchen hielten.[48] Alles erwogen, scheint die wahrscheinlichste Erklärung des Geheimnisses die zu sein, daß Caermarthen von einem jakobitischen Emissär, der bei weitem nicht so schlau war als er, sondirt worden war und daß er, um dem von Middleton entworfenen neuen politischen Plan auf den Grund zu kommen, sich stellte, als ob er der Sache des verbannten Königs zugethan wäre; daß eine übertriebene Darstellung des Geschehenen nach Saint-Germains geschickt wurde, und daß man sich dort über eine Bekehrung freute, die sich bald als eine erheuchelte herausstellte. Es ist sonderbar, daß eine solche Bekehrung nur einen Augenblick für aufrichtig gehalten werden konnte. Es lag offenbar in Caermarthen's Interesse, sich zu den im factischen Besitze des Thrones befindlichen Souverainen zu halten. Er war ihr erster Minister und hatte keine Hoffnung, der erste Minister Jakob's zu werden. Es ist in der That kaum anzunehmen, daß das politische Verhalten eines schlauen, unersättlich ehrgeizigen und habsüchtigen Greises durch persönliche Parteilichkeit bedeutend influirt worden sein sollte. Aber wenn es überhaupt eine Person gab, für welche Caermarthen eingenommen war, so war diese Person unzweifelhaft Marie. Daß er sich ernstlich in ein Complot zu ihrer Entthronung eingelassen haben sollte, das ihm den Hals kosten konnte, wenn es scheiterte, und durch das er, wenn es gelang, ungeheuer an Macht und Reichthum verlieren mußte, war eine zu absurde Fabel, die nur Verbannte für möglich halten konnten.

Allerdings hatte Caermarthen in diesem Augenblicke besonders triftige Gründe, mit der Stellung, die er unter den Rathgebern Wilhelm's und Mariens einnahm, unzufrieden zu sein. Man hat nur zu starken Grund zu glauben, daß er damals mit einer selbst bei ihm beispiellosen Schnelligkeit unrechtmäßigen Gewinn aufhäufte.

[_Der Ostindischen Compagnie eine neue Concession verliehen._] Der Kampf zwischen den beiden Ostindischen Compagnien war im Herbste 1693 heftiger als je. Da das Haus der Gemeinen die alte Compagnie jedem Vergleiche hartnäckig abhold gefunden, hatte es kurz vor dem Schlusse der vorigen Session den König ersucht, die in der Concessionsurkunde vorgeschriebene dreijährige Aufkündigung erfolgen zu lassen. Child und seine Collegen begannen jetzt ernstlich besorgt zu werden. Jeden Tag erwarteten sie die gefürchtete Anzeige. Ja, sie waren sogar nicht sicher, ob ihnen ihr ausschließliches Privilegium nicht ohne jede vorherige Anzeige entzogen werden möchte, denn sie sahen, daß sie ihre Concession verwirkt hatten, indem sie es aus Unachtsamkeit unterlassen, die kürzlich auf ihr Actienkapital gelegte Steuer zur gesetzlich bestimmten Zeit zu entrichten, und obwohl es unter gewöhnlichen Umständen als eine Rücksichtslosigkeit der Regierung betrachtet worden wäre, aus einem solchen Versehen Vortheil zu ziehen, so war doch das Publikum nicht geneigt, der alten Compagnie etwas mehr als den strikten Buchstaben des Vertrags zuzugestehen. Es war Alles verloren, wenn die Concession nicht vor dem Zusammentritt des Parlaments erneuert wurde. Es steht fast außer allem Zweifel, daß die Operationen der Gesellschaft in der Hauptsache noch immer von Child geleitet wurden. Aber er scheint eingesehen zu haben, daß seine Inpopularität die seiner Obhut anvertrauten Interessen nachtheilig berührt hatte, und er drängte sich daher der öffentlichen Aufmerksamkeit nicht auf. Seine Stelle wurde ostensibel durch seinen nahen Verwandten, Sir Thomas Cook, ausgefüllt, einem der größten Kaufleute von London und Parlamentsmitgliede für Colchester. Die Directoren stellten Cook das ganze ungeheure Vermögen, das in ihrer Schatzkammer lag, zur unumschränkten Verfügung, und in kurzer Zeit wurden nahe an hunderttausend Pfund für Bestechungen in großartigem Maßstabe ausgegeben. Nach welchen Verhältnissen diese enorme Summe unter die Großen von Whitehall vertheilt wurde und wieviel davon in die Taschen der Zwischenagenten floß, ist noch heute ein Geheimniß. Soviel wissen wir jedoch mit Bestimmtheit, daß Seymour und Caermarthen Tausende empfingen.

Das Resultat dieser Bestechungen war, daß der Generalfiskal Befehl erhielt, einen Freibrief zu entwerfen, der der alten Compagnie die alten Privilegien aufs Neue bewilligte. Kein Minister aber konnte es nach dem was im Parlamente vorgegangen war, wagen, der Krone zur Erneuerung des Monopols ohne Bedingungen zu rathen. Die Directoren sahen, daß sie keine Wahl hatten und verstanden sich mit Widerstreben dazu, die neue Concession unter Bedingungen anzunehmen, die im Wesentlichen dieselben waren, wie sie das Haus der Gemeinen sanctionirt hatte.

Es ist wahrscheinlich, daß zwei Jahre früher ein solcher Vergleich die Fehde, welche die City zerriß, gedämpft haben würde. Aber ein langer Kampf, in welchem Satyre und Verleumdung nicht gespart worden waren, hatte die Gemüther erhitzt. Das Geschrei Dowgate's gegen Leadenhall Street war lauter als je. Es wurden Einsprüche erhoben und Petitionen unterzeichnet, und in diesen Petitionen wurde ein Prinzip, mit dem man bisher absichtlich hinter dem Berge gehalten hatte, keck aufgestellt. So lange es zweifelhaft war, auf welcher Seite die königliche Prärogative angewendet werden würde, hatte man diese Prärogative nicht bestritten. Sobald es sich aber zeigte, daß die alte Compagnie Aussicht hatte, eine Erneuerung des Monopols unter dem großen Siegel zu erlangen, begann die neue Compagnie mit Heftigkeit zu behaupten, daß kein Monopol anders als durch eine Parlamentsacte creirt werden könne. Nachdem der Geheime Rath, welchem Caermarthen präsidirte, die ausführliche Erörterung durch die beiderseitigen Anwälte angehört hatte, entschied er zu Gunsten der alten Compagnie und ordnete die Untersiegelung des Freibriefs an.[49]

[_Wilhelm's Rückkehr nach England; militärische Erfolge Frankreich's._] Inzwischen war der Herbst weit vorgerückt und die Armeen in den Niederlanden hatten ihre Winterquartiere bezogen. Am letzten October landete Wilhelm wieder in England. Das Parlament stand auf dem Punkte zusammenzutreten, und er hatte allen Grund, eine noch stürmischere Session als die vorige zu erwarten. Das Volk war unzufrieden, und nicht ohne Ursache. Das Jahr war überall für die Verbündeten unglücklich gewesen, nicht allein auf der See und in den Niederlanden, sondern auch in Serbien, in Spanien, in Italien und in Deutschland. Die Türken hatten die Generäle des Reichs gezwungen, die Belagerung Belgrad's aufzuheben. Ein neucreirter Marschall von Frankreich, der Herzog von Noailles, war in Catalonien eingefallen und hatte die Festung Rosas genommen. Ein zweiter neucreirter Marschall, der geschickte und tapfere Catinat, war von den Alpen nach Piemont hinabgestiegen und hatte bei Marsiglia einen vollständigen Sieg über die Truppen des Herzogs von Savoyen erfochten. Diese Schlacht ist insofern denkwürdig, weil sie die erste einer langen Reihe von Schlachten war, in denen die irischen Truppen die durch Mißgeschick und schlechte Führung im einheimischen Kriege verlorene Ehre wiedererlangten. Einige von den Verbannten von Limerick bewiesen an jenem Tage unter dem französischen Banner eine Tapferkeit, die sie unter vielen Tausenden tapferer Männer auszeichnete. Es ist bemerkenswerth, daß an dem nämlichen Tage ein Bataillon der verfolgten und aus ihrem Vaterlande vertriebenen Hugenotten inmitten der allgemeinen Verwirrung fest zu dem Banner Savoyen's hielt und mit Verzweiflung bis zum letzten Augenblicke kämpfend fiel.

Der Herzog von Lorges war in die bereits zweimal verwüstete Pfalz eingerückt und hatte gefunden, daß Turenne und Duras ihm noch etwas zu zerstören übrig gelassen. Heidelberg, das eben aus seinen Trümmern wieder zu erstehen begann, wurde abermals geplündert, die friedlichen Bewohner niedergemacht und ihre Frauen und Kinder empörend geschändet. Selbst die Chöre der Kirchen wurden mit Blut befleckt; die Monstranzen und Kruzifixe von den Altären gerissen, die Gräber der alten Kurfürsten erbrochen, die ihrer Schweißtücher und Zierrathen entkleideten Leichname durch die Straßen geschleift. Der Schädel des Vaters der Herzogin von Orleans wurde von den Soldaten eines Fürsten, an dessen glänzendem Hofe sie unter den Damen den ersten Rang einnahm, in Stücken zerschlagen.

[_Noth in Frankreich._] Ein scharfblickendes Auge hätte indessen erkennen müssen, daß, so unglücklich auch die Verbündeten gewesen zu sein schienen, der Vortheil eigentlich auf ihrer Seite geblieben war. Der Kampf war ebensowohl ein finanzieller als ein militärischer. Der französische König hatte einige Monate vorher geäußert, das letzte Goldstück werde den Sieg davontragen, und er begann jetzt die Wahrheit dieses Ausspruchs schmerzlich zu empfinden. England war allerdings durch öffentliche Lasten schwer bedrückt; aber es hielt sich noch immer aufrecht. Frankreich war währenddem in raschem Sinken begriffen. Seine kürzlichen Anstrengungen waren zuviel für seine Kraft gewesen und hatten es verzehrt und entnervt. Noch nie hatten seine Beherrscher einen größeren Scharfsinn im Erdenken von Abgaben und eine größere Strenge im Eintreiben derselben an den Tag gelegt; aber kein Scharfsinn, keine Strenge vermochte die zu einem neuen Feldzuge wie der von 1693 erforderlichen Summen aufzubringen. In England war die Ernte reichlich ausgefallen. In Frankreich waren Getreide und Wein abermals mißrathen. Das Volk maß, wie gewöhnlich, der Regierung die Schuld bei, und die Regierung versuchte mit schmachvoller Unwissenheit oder noch schmachvollerer Unredlichkeit den öffentlichen Unwillen auf die Getreidehändler zu lenken. Es wurden Decrete erlassen, welche absichtlich zu dem Zwecke entworfen zu sein schienen, die Theuerung in Hungersnoth zu verwandeln. Man versicherte der Nation, es sei kein Grund zu Besorgniß vorhanden, der Ertrag der Feldfrüchte sei mehr als hinreichend und der Mangel sei nur durch die schändlichen Manipulationen der Wucherer erzeugt worden, die mit ihren Vorräthen zurückhielten, in der Hoffnung, einen enormen Gewinn zu erzielen. Es wurden Commissare zu Visitation der Kornspeicher ernannt und ermächtigt, alles Getreide, das die Eigenthümer nicht für ihren Bedarf brauchten, auf den Markt zu bringen. Eine solche Einmischung vergrößerte natürlich die Noth, der sie abhelfen sollte. Aber inmitten des allgemeinen Mangels gab es an einem Orte einen künstlich erzeugten Ueberfluß. Der unumschränkteste Fürst muß immer einige Scheu vor einer in der Umgebung seines Palastes versammelten großen Menschenmenge haben. Aehnliche Befürchtungen wie die, welche die Cäsaren bestimmt hatten, Afrika und Aegypten die Mittel auszupressen, dem römischen Pöbel den Mund zu stopfen, bewogen Ludwig, das Elend von zwanzig Provinzen zu vermehren, um eine gewaltige Stadt bei guter Laune zu erhalten. Er ließ in allen Kirchspielen der Hauptstadt Brot um weniger als den halben Marktpreis vertheilen. Die englischen Jakobiten waren einfältig genug, diese Anordnung als weise und human zu preisen. Die Ernte, sagten sie, sei in England gut, in Frankreich schlecht gewesen, und doch sei das Brot in Paris wohlfeiler als in London, und die Erklärung sei ganz einfach. Die Franzosen hätten einen Souverain, dessen Herz französisch sei und der mit der Fürsorge eines Vaters über sein Volk wache, während die Engländer mit einem holländischen Tyrannen beglückt seien, der ihr Getreide nach Holland schicke. Die Wahrheit ist, daß acht Tage solcher väterlicher Regierung wie die Ludwig's, ganz England, von Northumberland bis Cornwall, zu einem bewaffneten Aufstande getrieben haben würden. Damit in Paris Ueberfluß herrschen konnte, mußte die Bevölkerung der Normandie und des Anjou Nesseln essen. Damit es in Paris ruhig blieb, schlug sich das Landvolk längs der ganzen Loire und Seine mit den Schiffern und Truppen. Massen flohen aus diesen ländlichen Districten, wo das Pfund Brot fünf Sous kostete, nach dem glücklichen Orte, wo das Pfund Brot für zwei Sous zu haben war. Man mußte die verhungerten Menschenhaufen mit Gewalt von den Barrièren zurücktreiben und Denen, die nicht nach Hause gehen und ruhig verhungern wollten, mit den furchtbarsten Strafen drohen.[50]

Ludwig sah ein, daß die Kräfte Frankreich's durch die Anstrengungen des letzten Feldzugs übermäßig in Anspruch genommen worden waren. Selbst wenn es eine reichliche Ernte und Weinlese gehabt hätte, würde es nicht im Stande gewesen sein, 1694 das zu leisten, was es 1693 geleistet, und es war durchaus unmöglich, daß es zu einer Zeit des größten Mangels wieder Armeen ins Feld schicken konnte, welche an allen Punkten den Armeen der Coalition an Zahl überlegen waren. Neue Eroberungen waren nicht zu erwarten. Es war schon viel, wenn das auf allen Seiten von Feinden umlagerte ausgesogene und erschöpfte Land ohne Niederlage einen Vertheidigungskrieg zu bestehen vermochte. Ein so geschickter Staatsmann wie der König von Frankreich mußte nothwendig erkennen, daß es nur zu seinem Vortheile sein konnte, wenn er mit den Verbündeten unterhandelte, so lange sie durch die Erinnerung an die kolossalen Anstrengungen, die sein Land soeben gemacht hatte, noch in Respect erhalten wurden, und bevor die Erschlaffung, welche auf diese Anstrengungen gefolgt war, sichtbar zu werden begann.