Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20.

Part 16

Chapter 163,421 wordsPublic domain

Vielleicht nie zeigte sich die Veränderung, welche die Fortschritte der Civilisation in der Kriegskunst herbeigeführt haben, auffallender als an diesem Tage. Ajax, der den trojanischen Heerführer mit einem Felsstücke zu Boden schlägt, das zwei gewöhnliche Männer kaum aufheben konnten, Horatius, der die Brücke gegen eine Armee vertheidigt, Richard Löwenherz, der längs der ganzen Schlachtlinie der Sarazenen hinsprengt, ohne einen Feind zu finden, der seine Herausforderung annimmt, Robert Bruce, der mit einem Schlage den Helm und Schädel Sir Henry Bohun's Angesichts der ganzen Armee England's und Schottland's spaltet: das sind die Helden der grauen Vorzeit. In einem solchen Zeitalter ist Körperkraft die unerläßlichste Eigenschaft eines Kriegers. Bei Landen waren zwei kränkliche Menschen, die in einem rohen Zustande der Gesellschaft für zu schwach gehalten worden wären, um an einem Kampfe nur Antheil zu nehmen, die Seelen zweier großen Heere. In einigen heidnischen Ländern würden sie als Säuglinge ausgesetzt, in der Christenheit würden sie sechshundert Jahre früher in ein stilles Kloster geschickt worden sein. Aber ihr Loos war ihnen zu einer Zeit gefallen, wo die Menschen dahinter gekommen waren, daß die Stärke der Muskeln der Stärke des Geistes bei weitem nachsteht. Es ist wahrscheinlich, daß von den hundertzwanzigtausend Soldaten, welche unter allen Fahnen des westlichen Europa bei Neerwinden versammelt waren, der verwachsene Zwerg, der den ungestümen Angriff Frankreich's leitete, und das asthmatische Skelett, das den langsamen Rückzug England's deckte, die beiden schwächlichsten Gestalten waren.

Die Franzosen waren Sieger, aber sie hatten ihren Sieg theuer erkauft. Mehr als zehntausend Mann der besten Truppen Ludwig's waren gefallen. Neerwinden gewährte einen Anblick, der die ältesten Soldaten schaudern machte. In den Straßen lagen die Leichen brusthoch. Unter den Gefallenen befanden sich einige vornehme Edelleute und einige berühmte Krieger, als da waren Montchevreuil und der verstümmelte Körper des Herzogs von Uzes, der den höchsten Rang unter dem ganzen Adel Frankreich's einnahm. Auch Sarsfield wurde von da hoffnungslos verwundet auf ein Krankenbett getragen, von dem er sich nie wieder erhob. Der Hof von Saint-Germains hatte ihm den hohlen Titel eines Earls von Lucan verliehen; aber die Geschichte kennt ihn unter dem Namen, der der unglücklichsten aller Nationen noch immer theuer ist. Die dortige Gegend, seit Jahrhunderten als das Schlachtfeld der kriegerischsten Nationen Europa's berühmt, hat nur zwei schrecklichere Tage gesehen: den von Malplaquet und den von Waterloo. Viele Monate lang war der Boden mit Schädeln und Gebeinen von Menschen und Pferden und mit Stücken von Hüten und Schuhen, Sätteln und Halftern besäet. Im nächsten Sommer schossen aus dem durch zwanzigtausend Leichen gedüngten Boden Millionen Mohnpflanzen empor. Der Reisende, der auf dem Wege von Saint-Tron nach Tirlemont diese große Fläche blendenden Scharlachs erblickte, die sich von Landen bis Neerwinden erstreckte, konnte sich schwerlich des Gedankens erwehren, daß die bildliche Vorhersagung des hebräischen Propheten, die Erde würde ihr Blut von sich geben und sich weigern, die Erschlagenen zu bedecken, buchstäblich in Erfüllung gegangen sei.[29]

Es fand keine Verfolgung statt, obgleich die Sonne noch hoch stand, als Wilhelm über die Gette ging. Die Sieger waren vom Marschiren und Kämpfen so erschöpft, daß sie sich kaum bewegen konnten, und die Pferde waren in einem noch schlimmeren Zustande als die Menschen. Ihr General hielt es für nothwendig, ihnen einige Zeit zur Ruhe und Erholung zu gönnen. Die französischen Cavaliere entlasteten ihre Saumpferde, soupirten heiter und stießen inmitten der Haufen von Leichen mit Champagner an, und als es dunkel wurde, legten sich ganze Brigaden freudig auf die Erde nieder, um in Reih' und Glied auf dem Schlachtfelde zu schlafen. Luxemburg's Unthätigkeit entging dem Tadel nicht. Niemand konnte leugnen, daß er im Gefecht eine große Geschicklichkeit und Energie entfaltet hatte; Einige aber meinten, es fehle ihm an Geduld und Ausdauer. Andere raunten einander zu, er wünsche nicht, einen Krieg zu beendigen, der ihn einem Hofe nothwendig mache, an welchem er in Friedenszeiten niemals Gunst, ja nicht einmal Gerechtigkeit gefunden haben würde.[30] Ludwig, der diesmal vielleicht nicht ganz frei von einigen Regungen von Eifersucht war, wußte angeblich das Lob, das er seinem Befehlshaber spendete, mit einem Tadel zu verbinden, der zwar schonend ausgedrückt, aber doch vollkommen verständlich war. »In der Schlacht« sagte er, »benahm sich der Herzog von Luxemburg wie Condé, und nach der Schlacht benahm sich der Prinz von Oranien wie Turenne.«

Die Geschicklichkeit und Energie, womit Wilhelm seine furchtbare Niederlage wieder gut machte, mußte in der That Bewunderung erwecken. »In einer Beziehung,« sagte der Admiral Coligny, »darf ich mich über Alexander, über Scipio, über Cäsar stellen. Sie haben allerdings große Schlachten gewonnen. Ich aber habe vier große Schlachten verloren, und doch zeige ich dem Feinde eine furchtbarere Front als je.« Das Blut Coligny's floß in Wilhelm's Adern, und mit dem Blute hatte er den unbezwinglichen Muth geerbt, der aus dem Mißgeschick eben so großen Ruhm zu ziehen wußte, als glücklichere Befehlshaber dem Erfolg verdankten. Die Niederlage von Landen war zwar ein harter Schlag und der König hegte einige Tage lang quälende Besorgnisse. Wenn Luxemburg weiter vordrang, war Alles verloren. Löwen mußte fallen, und eben so auch Mecheln, Nieuport und Ostende. Die batavische Grenze wäre gefährdet worden und das Geschrei nach Frieden konnte in ganz Holland so laut werden, daß weder die Generalstaaten noch der Statthalter ihm länger zu widerstehen vermochten.[31] Aber Luxemburg zögerte, und ein kurzer Verzug genügte Wilhelm. Vom Schlachtfelde bahnte er sich einen Weg durch die Massen der Fliehenden in die Gegend von Löwen, und dort begann er seine zerstreuten Truppen wieder zu sammeln. Die ängstliche Besorgniß, die er in diesem Augenblicke, dem unglücklichsten seines ganzen Lebens, wegen der beiden Personen empfand, die ihm am theuersten waren, gereicht seinem Character nicht zur Unehre. Sobald er in Sicherheit war, schrieb er an seine Gemahlin, um sie über seine Lage zu beruhigen.[32] In der Verwirrung der Flucht hatte er Portland aus dem Gesicht verloren, dessen Gesundheit damals sehr geschwächt war und der daher mehr als die gewöhnlichen Gefahren des Kriegs zu bestehen hatte. Ein kurzes Billet, das der König wenige Stunden später seinem Freunde zukommen ließ, ist noch vorhanden.[33] »Obgleich ich Sie diesen Abend zu sehen hoffe, kann ich doch nicht umhin an Sie zu schreiben, um Ihnen zu sagen, wie sehr ich mich freue, daß Sie so gut davongekommen sind. Gott gebe, daß Ihre Gesundheit bald ganz wiederhergestellt werde. Es hat ihm gefallen, schwere Prüfungen in rascher Aufeinanderfolge über mich zu verhängen. Ich muß trachten, mich seinem Willen ohne Murren zu unterwerfen und seinen Zorn weniger zu verdienen.«

Seine Truppen sammelten sich rasch wieder. Starke Corps, die er vielleicht unklugerweise von seiner Armee detachirt hatte, als er glaubte, daß Lüttich das Ziel des Feindes sei, stießen in Eilmärschen zu ihm. Drei Wochen nach seiner Niederlage hielt er einige Meilen von Brüssel eine Heerschau ab. Die Anzahl der unter den Waffen stehenden Mannschaften war größer als am Morgen der blutigen Schlacht von Landen; ihr Aussehen war soldatenmäßig und ihr Muth schien ungebrochen. Wilhelm schrieb jetzt an Heinsius, daß das Schlimmste vorüber sei. »Die Krisis,« sagte er, »ist eine fürchterliche gewesen. Gott sei Dank, daß sie so geendet hat.« Er hielt es jedoch nicht für gerathen, in diesem Augenblicke das Glück einer neuen Feldschlacht zu versuchen. Er ließ daher die Franzosen Charleroy belagern und nehmen, und dies war der einzige Vortheil, den sie aus der blutigsten Schlacht zogen, welche im 17. Jahrhundert in Europa geschlagen wurde.

[_Vernichtung der Smyrna-Flotte._] Die Trauerbotschaft von der Niederlage von Landen fand England durch nicht minder traurige Nachrichten von einer andren Seite bewegt. Seit vielen Monaten war der Handel mit dem Mittelländischen Meere durch den Krieg fast gänzlich gehemmt. Kein Kauffahrteischiff von London oder Amsterdam hatte Aussicht, ohne bewaffneten Schutz die Herkulessäulen zu erreichen, ohne von einem französischen Kaper geentert zu werden, und der Schutz von Kriegsschiffen war nicht leicht zu erlangen. Während des Jahres 1692 hatten sich starke Flotten, mit Waarenladungen für die spanischen, italienischen und türkischen Märkte reich befrachtet, in der Themse und im Texel gesammelt. Im Februar 1693 waren nahe an vierhundert Schiffe zum Auslaufen bereit. Der Werth ihrer Ladungen wurde auf mehrere Millionen Pfund Sterling geschätzt. Noch nie hatten die Galeonen, welche seit langer Zeit die Bewunderung und den Neid der Welt erweckten, so kostbare Güter von Westindien nach Sevilla gebracht. Die englische Regierung übernahm es im Einverständniß mit der holländischen, die mit dieser großen Masse von Schätzen beladenen Fahrzeuge zu eskortiren. Die französische Regierung nahm sich vor, sie aufzufangen.

Der Plan der Alliirten war, daß siebzig Linienschiffe und ungefähr dreißig Fregatten und Brigantinen unter den Befehlen Killegrew's und Delaval's, der beiden neuen Lords der englischen Admiralität, sich im Kanale versammeln und die Smyrna-Flotte, wie sie im Munde des Volks hieß, bis über die Grenzen hinaus begleiten sollten, innerhalb welcher Gefahr von Seiten des Brester Geschwaders zu befürchten stand. Der größere Theil der Flotte sollte dann zur Bewachung des Kanals zurückkehren, während Rooke mit zwanzig Segeln die Kauffahrer begleiten und das vor Toulon liegende Geschwader beschützen sollte. Der Plan der französischen Regierung war, daß das Brester Geschwader unter Tourville und das Touloner Geschwader unter d'Estrées in der Nähe der Meerenge von Gibraltar zusammentreffen und dort der Beute auflauern sollten.

Welcher Plan der klüger ersonnene war, ist zweifelhaft. Welcher von beiden aber am besten ausgeführt wurde, ist eine Frage, die keinen Zweifel zuläßt. Die ganze französische Flotte wurde von Einem Willen geleitet, mochte sie sich im Atlantischen oder im Mittelländischen Meere befinden. Die Flotte England's und die Flotte der Vereinigten Provinzen standen unter verschiedenen Autoritäten, und in England sowohl wie in den Vereinigten Provinzen zerfiel die Gewalt in so zahlreiche Abtheilungen und Unterabtheilungen, daß auf keinem Einzelnen eine schwere Verantwortlichkeit lastete. Das Frühjahr kam heran. Die Kaufleute beklagten sich laut, daß sie durch die Verzögerung schon mehr verloren hätten als sie durch die glücklichste Reise noch zu gewinnen hoffen dürften, und noch immer waren die Kriegsschiffe nicht halb bemannt und verproviantirt. Das Geschwader von Amsterdam traf erst spät im April an unsrer Küste ein, das Geschwader von Seeland erst Mitte Mai.[34] Es war Juni, als endlich die ungeheure Flotte, nahe an fünfhundert Segel stark, die Klippen England's aus dem Gesicht verlor.

Tourville war bereits in See gegangen und steuerte südwärts. Killegrew und Deleval aber waren so nachlässig oder so unglücklich, daß sie von seinen Bewegungen keine Kenntniß hatten. Sie waren anfangs überzeugt, daß er noch im Hafen von Brest liege. Dann kam ihnen das Gerücht zu Ohren, daß in nördlicher Richtung segelnde Schiff gesehen worden seien, und sie vermutheten, daß er ihre Abwesenheit benutzte, um die Küste von Devonshire zu bedrohen. Sie scheinen es nicht für möglich gehalten zu haben, daß er sich mit dem Touloner Geschwader vereinigt haben und in der Nähe von Gibraltar ungeduldig seine Beute erwarten könne. Nachdem sie daher die Smyrna-Flotte ungefähr zweihundert Meilen über Ushant hinaus begleitet hatten, erklärten sie am 6. Juni ihre Absicht, sich von Rooke zu trennen. Rooke machte Einwendungen, aber vergebens. Er mußte sich fügen und mit seinen zwanzig Kriegsschiffen dem Mittelländischen Meere zusteuern, während seine beiden Vorgesetzten mit dem Reste der Kriegsflotte in den Kanal zurückkehrten.

Inzwischen war es in England bekannt geworden, daß Tourville in aller Stille Brest verlassen hatte und nach Süden eilte, um sich mit Estrées zu verbinden. Die Zurückkunft Killegrew's und Delavals erweckte daher große Besorgniß. Es wurde sofort ein schnellsegelndes Fahrzeug abgesandt, um Rooke vor der ihm drohenden Gefahr zu warnen; diese Warnung aber kam ihm nicht zu. Er steuerte mit gutem Winde dem Kap Saint Vincent zu, und hier erfuhr er, daß in der nahen Bai von Lagos einige französische Schiffe lägen. Die erste Mittheilung, die er darüber erhielt, bewog ihn zu dem Glauben, daß ihre Anzahl nicht bedeutend sei, und sie wußten ihre Stärke so geschickt zu verbergen, daß er nicht eher eine Ahnung davon bekam, daß er der ganzen Kriegsflotte eines großen Königreichs gegenüberstehe, als bis sie nur noch eine halbe Stunde Seewegs von ihm entfernt waren. Gegen eine vierfache Uebermacht zu kämpfen, würde Wahnsinn gewesen sein. Es war schon viel, wenn es ihm gelang, sein Geschwader vor völliger Vernichtung zu bewahren. Er bot seine ganze Geschicklichkeit auf. Einige in der Nachhut segelnde holländische Kriegsschiffe opferten sich muthig auf, um die Flotte zu retten. Mit dem Reste des Geschwaders und etwa sechzig Handelsschiffen gelangte Rooke glücklich nach Madeira und von da nach Cork. Aber mehr als dreihundert von den Fahrzeugen, die er begleitet hatte, waren über den Ocean zerstreut. Einige entkamen nach Irland, andere nach Corunna, andere nach Lissabon, andere nach Cadix, einige wurden genommen und mehr noch vernichtet. Ein paar, die unter den Felsen von Gibraltar Schutz gesucht hatten und die der Feind bis dahin verfolgte, wurden versenkt, als man sah, daß sie nicht zu retten waren. Andere gingen in gleicher Weise unter den Batterien von Malaga zu Grunde. Der Gewinn für Frankreich scheint nicht groß gewesen zu sein; aber der Verlust für England und Holland war enorm.[35]

[_Aufregung in London._] Seit Menschengedenken hatte die City nie einen Tag von größerer Betrübniß und Aufregung erlebt als der war, an welchem die Nachricht von dem Gefecht in der Bai von Lagos ankam. Viele Kaufleute, sagte ein Augenzeuge, verließen die Börse so bleich, als wenn ihnen ihr Todesurtheil angekündigt worden wäre. Eine Deputation der Kaufleute, welche unter diesem schweren Unfalle litten, überreichte der Königin eine ihre Beschwerden enthaltende Adresse. Sie wurden in den Sitzungssaal des Staatsraths eingelassen, wo sie an der Spitze des Collegiums saß. Sie beauftragte Somers, in ihrem Namen zu antworten, und er hielt eine Ansprache an sie, welche gut berechnet war, ihre Gereiztheit zu beschwichtigen. Ihre Majestät, sagte er, nehme herzlichen Antheil an ihrem Unglücke und habe bereits einen Ausschuß des Geheimen Raths ernannt, um die Ursachen des kürzlichen Unfalls zu untersuchen und die besten Mittel zu erwägen, um ähnlichen Unfällen vorzubeugen.[36] Diese Antwort befriedigte die Betreffenden so vollständig, daß der Lordmayor bald darauf in den Palast kam, um der Königin für ihre Güte zu danken, ihr zu versichern, daß London ihr und ihrem Gemahl durch alle Wechselfälle treu bleiben werde, und ihr mitzutheilen, daß, so schwer auch der kürzliche Schlag von vielen großen Handelshäusern empfunden würde, der Gemeinderath dennoch einstimmig beschlossen habe, jede Summe vorzustrecken, welche die Regierung bedürfen möchte.[37]

[_Jakobitische Libelle; Wilhelm Anderton._] Die Mißstimmung, welche die öffentlichen Calamitäten naturgemäß erzeugten, wurde durch alle Parteikunstgriffe genährt. Nie waren die jakobitischen Pamphletisten so heftig und rücksichtslos gewesen als während dieses unglücklichen Sommers. Die Polizei spürte in Folge dessen thätiger als je den Höhlen nach, aus denen so viel Hochverrath hervorging. Mit großer Mühe und nach langem Suchen wurde endlich die wichtigste aller uncensirten Pressen entdeckt. Diese Presse gehörte einem Jakobiten, Namens Wilhelm Anderton, der wegen seiner Unerschrockenheit und seines Fanatismus zu Dienstleistungen tauglich war, vor denen vorsichtige und gewissenhafte Männer zurückschrecken. Seit zwei Jahren wurde er von den Agenten der Regierung beobachtet; aber wo er sein Gewerbe betrieb, war ein undurchdringliches Geheimniß. Endlich aber entdeckte man ihn in einem Hause unweit Saint James Street, wo er unter einem angenommenen Namen bekannt war und für einen Goldarbeiter gehalten wurde. Ein Beamter der Preßpolizei begab sich mit mehreren Dienern dahin und fand Anderton's Frau und Mutter als Schildwachen an der Thür postirt. Die beiden Frauen kannten den Beamten, fielen über ihn her, packten ihn bei den Haaren und riefen »Diebe« und »Mörder«. Dadurch gaben sie Anderton das Alarmzeichen. Er verbarg seine Arbeitsutensilien, kam mit ganz unbefangener Miene heraus und bot dem Beamten, dem Censor, dem Staatssekretär und selbst der kleinen Habichtsnase[38] Trotz. Nach kurzer Gegenwehr wurde er festgenommen. Sein Zimmer wurde durchsucht und auf den ersten Blick zeigte sich kein Beweis für seine Schuld darin. Bald aber fand man hinter dem Bett eine Thür, die in ein dunkles Gemach führte. Dieses Gemach enthielt eine Buchdruckerpresse, Typen und Stöße frischgedruckter Schriften. Eine dieser Schriften, betitelt: »+Remarks on the Present Confederacy and the Late Revolution,+« ist vielleicht das heftigste aller jakobitischen Libelle. Der Prinz von Oranien wird darin allen Ernstes beschuldigt, daß er funfzig von seinen verwundeten englischen Soldaten habe lebendig verbrennen lassen. Das leitende Prinzip seiner ganzen Handlungsweise, heißt es unter Andrem, ist weder Eitelkeit noch Ehrgeiz, noch Habsucht, sondern ein tödtlicher Haß gegen die Engländer und der Drang, sie unglücklich zu machen. Die Nation wird mit Heftigkeit aufgefordert, sich bei Strafe des strengsten Gerichts zu erheben und sich von dieser Plage, diesem Fluche, diesem Tyrannen zu befreien, dessen Verderbtheit es fast unglaublich erscheinen lasse, daß er von einem Menschenpaar gezeugt sein könne. Außerdem wurden von einer andren, etwas minder heftigen, aber vielleicht noch gefährlicheren Schrift, betitelt: »+A French Conquest neither desirable nor practicable,+« eine Menge Exemplare vorgefunden. Auch in dieser Schrift wird das Volk aufgefordert, sich zu erheben. Es wird ihm versichert, daß ein großer Theil der Armee auf seiner Seite sei. Die Streitkräfte des Prinzen von Oranien würden zusammenschmelzen, heißt es; er werde froh sein, wenn er mit dem Leben davonkomme, und es wird höhnend die mildherzige Hoffnung ausgesprochen, daß es nicht nöthig sein werde, ihm ein schlimmeres Leid zuzufügen, als ihn nach Loo zurückzuschicken, wo er, von einem Luxus umgeben, den die Engländer theuer bezahlt hätten, fernerhin leben möchte.

Durch die Giftigkeit der jakobitischen Pamphletisten gereizt und beunruhigt, beschloß die Regierung, an Anderton ein Exempel zu statuiren. Er wurde des Hochverraths angeklagt und vor die Schranken der Old Bailey gestellt. Treby, der jetzt Oberrichter der Common Pleas war, und Powell, der sich am Tage des Prozesses der Bischöfe ehrenvoll ausgezeichnet hatte, saßen auf der Richterbank. Es ist Schade, daß kein detaillirter Bericht über die Untersuchung auf uns gekommen ist und daß wir uns mit den fragmentarischen Aufschlüssen begnügen müssen, die wir aus den einander widersprechenden Darstellungen offenbar parteiischer, maßloser und unredlicher Schriftsteller sammeln können. Die Anklageschrift ist jedoch noch vorhanden und die notorischen Handlungen, die sie dem Angeklagten zur Last legt, erreichen unbestreitbar die Stufe des Hochverraths.[39] Die Unterthanen des Reichs aufzufordern, sich zu erheben und den König gewaltsam zu entthronen, und dieser Aufforderung den offenbar ironischen Ausdruck der Hoffnung beizufügen, daß es nicht nöthig sein werde, eine härtere Strafe als die Verbannung über ihn zu verhängen, ist gewiß ein Vergehen, das auch der mindest höfische Jurist als im Bereiche des Statuts Eduard's III. liegend anerkennen wird. Ueber diesen Punkt scheint man sich auch in der That weder bei dem Prozesse noch nachher gestritten zu haben.

Der Gefangene leugnete die Libelle gedruckt zu haben. Da die Zeugenbeweise nicht auf uns gekommen sind, so dürfen wir über diesen Punkt billigerweise den Richtern und Geschwornen Glauben schenken, welche die Aussagen der Zeugen anhörten.

Ein Argument, das Anderton's Rechtsbeistände ihm eingegeben hatten und das in den damaligen jakobitischen Pasquillen als unwiderlegbar dargestellt wird, war, daß, weil die Buchdruckerkunst unter der Regierung Eduard's III. noch unbekannt war, das Drucken selbst nach keinem Gesetz jener Regierung als ein notorischer Act des Hochverraths angesehen werden könne. Die Richter nahmen dieses Argument sehr leicht, und sie waren gewiß dazu berechtigt es so zu nehmen. Denn es ist ein Argument, das zu der Schlußfolgerung führen würde, daß es kein notorischer Act des Hochverraths sei, einen König vermittelst einer Guillotine zu enthaupten oder mit einer Miniébüchse zu erschießen.

Ferner wurde zu Anderton's Gunsten geltend gemacht -- und dies war allerdings ein Argument, das gegründeten Anspruch auf Berücksichtigung hatte -- daß zwischen dem Verfasser einer hochverrätherischen Schrift und dem bloßen Drucker derselben ein Unterschied gemacht werden müsse. Ersterer könne nicht behaupten, daß er den Sinn der Worte, die er selbst gewählt, nicht verstanden habe. Für Letzteren aber könnten die Worte möglicherweise gar keinen Sinn haben. Die Metaphern, die Anspielungen, die Sarkasmen könnten weit über der Sphäre seines Begriffsvermögens liegen, und während seine Hände sich mit den Typen beschäftigten, könnten seine Gedanken auf Dinge gerichtet sein, die mit dem ihm vorliegenden Manuscripte gar nichts zu thun hätten. Es ist unzweifelhaft wahr, daß es kein Verbrechen zu sein braucht, etwas zu drucken, was zu schreiben ein großes Verbrechen sein würde. Doch ist dies offenbar ein Gegenstand, bezüglich dessen sich keine allgemeine Regel aufstellen läßt. Ob Anderton als bloßes mechanisches Werkzeug zur Verbreitung einer Schrift beigetragen habe, deren Tendenz er nicht ahnete, oder ob er wissentlich seinen Beistand zur Anstiftung eines Aufruhrs geliehen, war eine Frage für die Jury, und die Jury durfte aus dem Annehmen eines falschen Namens, aus der Heimlichkeit, mit der er arbeitete, aus der scharfen Wacht, die seine Frau und seine Mutter hielten und aus der wüthenden Heftigkeit, mit der er, selbst als er sich bereits in der Gewalt der Polizeiagenten befand, noch die Regierung schmähte, mit gutem Grunde schließen, daß er nicht das unbewußte Werkzeug, sondern der intelligente und eifrige Complice von Hochverräthern war. Nachdem die zwölf Geschwornen eine beträchtliche Zeit mit einander deliberirt hatten, benachrichtigten sie den Gerichtshof, daß einer von ihnen Zweifel hege. Diese Zweifel wurden durch Treby's und Powell's Argumente gehoben, und das Verdict lautete auf schuldig.