Part 15
[_Middleton's Bericht über Versailles._] In der Woche, in der dieser berühmte Orden ins Leben trat, besuchte Middleton Versailles. Ein Brief, in welchem er seinen Freunden in England diesen Besuch schilderte, ist uns erhalten worden.[20] Er wurde Ludwig vorgestellt, sehr freundlich empfangen und war von Dankbarkeit und Bewunderung überwältigt. Von allen Wundern des Hofes -- so schrieb Middleton -- sei der Gebieter desselben das größte. Der Glanz der persönlichen Vorzüge des großen Königs verdunkle selbst den Glanz seines Glückes. Der Ton, in welchem Se. Allerchristlichste Majestät sich über die englische Politik ausspreche, sei im Ganzen höchst befriedigend. Nur über Einen Punkt seien dieser hochgebildete Fürst und seine geschickten und erfahrenen Minister sehr im Irrthum. Sie seien sämmtlich von der thörichten Idee erfüllt, daß der Prinz von Oranien ein großer Mann sei. Es sei keine Mühe gespart worden, um sie zu enttäuschen, aber ihre Verblendung sei unheilbar. Sie sähen durch ein Vergrößerungsglas von solcher Stärke, daß der Blutegel ihnen wie ein Leviathan erscheine. Middleton hätte wohl auf den Einfall kommen können, daß die Täuschung möglicherweise in seiner Anschauung liegen könne anstatt in der ihrigen. Ludwig und seine ihn umgebenden Rathgeber waren allerdings weit entfernt Wilhelm zu lieben; aber sie haßten ihn nicht mit der wahnsinnigen Heftigkeit, die in der Brust seiner englischen Feinde wüthete. Middleton war einer der einsichtsvollsten und gemäßigtsten Jakobiten; aber selbst sein Blick wurde durch die Böswilligkeit so verdunkelt, daß er über diesen Gegenstand Unsinn sprach, der seiner Talente unwürdig war. Er wie seine ganze Partei konnte an dem Usurpator nur Verabscheuungswerthes und Verächtliches sehen: das Herz eines Teufels, den Geist und die Manieren eines einfältigen, rohen holländischen Bauern, der in der Regel ein finstres Schweigen beobachtete, und wenn er sprechen mußte, kurze mürrische Antworten in schlechtem Englisch gab. Die französischen Staatsmänner dagegen beurtheilten Wilhelm's Fähigkeiten nach einer genauen Kenntniß der Art und Weise, wie er seit zwanzig Jahren Staatsangelegenheiten von größter Wichtigkeit und Schwierigkeit geleitet hatte. Seit dem Jahre 1673 spielte er gegen sie eine Partie um einen ungeheuern Einsatz; sie waren mit Recht stolz auf ihre eigene Geschicklichkeit in diesem Spiele, aber sie wußten, daß sie in ihm einen Gegner gefunden hatten, der ihnen mehr als gewachsen war. Bei Beginn des langen Kampfes war jeder Vortheil auf ihrer Seite gewesen. Sie hatten alle Hülfsquellen des größten Königreichs von Europa zu ihrer unumschränkten Verfügung, während er nur der Diener einer Republik war, deren ganzes Gebiet der Normandie oder Guyenne an Umfang nachstand. Eine Reihe von ausgezeichneten Generälen und Diplomaten hatten ihm gegenüber gestanden. Eine mächtige Partei in seinem Geburtslande hatte allen seinen Plänen beharrlich entgegengearbeitet; er hatte im Felde wie im Senate Niederlagen erlitten; aber seine Weisheit und Energie hatte die Niederlagen in Siege verwandelt. Trotz Allem, was man gethan, um ihn niederzuhalten, hatten sein Einfluß und sein Ruhm sich fortwährend gehoben und ausgebreitet. Das wichtigste und schwierigste Unternehmen in der Geschichte des modernen Europa war von ihm allein begonnen und glücklich durchgeführt worden. Er hatte die umfassendste Coalition gebildet, die die Welt seit Jahrhunderten gesehen, und diese Coalition würde sich sofort aufgelöst haben, wenn seine Oberleitung ihr entzogen worden wäre. Er hatte zwei Königreiche durch Diplomatie, ein drittes durch Eroberung gewonnen, und trotz fremder und einheimischer Feinde behauptete er noch immer den Besitz derselben. Daß solche Dinge durch ein alltägliches Geschöpf, durch einen Mann von den gewöhnlichsten Geisteskräften bewirkt worden seien, war eine Behauptung, die wohl unter den in Som's Kaffeehause zusammenkommenden eidverweigernden Pfarrern Glauben finden konnte, erfahrenen Staatsmännern von Versailles aber nothwendig ein Lächeln abzwingen mußte.
[_Wilhelm's Rüstungen für den Feldzug._] Während Middleton die Franzosen vergebens zu überzeugen versuchte, daß Wilhelm's Talente bedeutend überschätzt würden, erfuhr Dieser, der Middleton's Werth volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, mit großer Besorgniß, daß der Hof von St. Germains den Beistand eines so ausgezeichneten Rathgebers herangezogen habe.[21] Doch war dies nur eine von den tausend Ursachen zu Besorgniß, welche während dieses Frühjahrs den Geist des Königs umlagerten. Er bereitete sich für den Beginn des Feldzugs vor, beschwor seine Verbündeten zeitig im Felde zu sein, feuerte die Trägen an, handelte mit den Habsüchtigen, schlichtete Streitigkeiten und legte Vorrangsfragen bei. Er hatte das Wiener Cabinet zu bewegen, in Zeiten Succurs nach Piemont zu schicken. Er hatte ein wachsames Auge auf die nordischen Potentaten zu richten, welche eine dritte Partei in Europa zu bilden versuchten. Er hatte in den Niederlanden den Kurfürsten von Bayern zu bevormunden. Er hatte für die Vertheidigung von Lüttich zu sorgen, eine Angelegenheit, welche die Behörden von Lüttich kaltblütig nicht für ihre Sache, sondern für die Sache England's und Holland's erklärten. Er hatte das Haus Braunschweig-Wolfenbüttel abzuhalten, mit dem Hause Braunschweig-Lüneburg handgemein zu werden; er hatte einen Streit zwischen dem Prinzen von Baden und dem Kurfürsten von Sachsen zu schlichten, von denen Jeder eine Armee am Rhein commandiren wollte, und er hatte den Landgrafen von Hessen zu bearbeiten, der sein eignes Contingent nicht stellte, und doch ein Contingent anderer Fürsten befehligen wollte.[22]
[_Ludwig rückt ins Feld._] Die Zeit zum Handeln war jetzt gekommen. Am 18. Mai verließ Ludwig Versailles, und Anfangs Juni war er unter den Mauern von Namur. Die Prinzessinnen, die ihn begleiteten, residirten in der Festung. Er übernahm das unmittelbare Commando der Armee Boufflers', welche bei Gembloux lagerte. Nicht viel über eine Meile davon stand die Armee Luxemburg's. Die in dieser Gegend unter den französischen Lilien versammelte Streitmacht belief sich auf nicht weniger als hundertzwanzigtausend Mann. Ludwig hatte gehofft, daß er im Stande sein werde, im Jahre 1693 die Kriegslist zu wiederholen, durch welche 1691 Mons und 1692 Namur genommen worden war, und er hatte beschlossen, daß entweder Lüttich oder Brüssel ihm zur Beute werden müsse. Aber Wilhelm hatte dieses Jahr bei guter Zeit ein Heer zusammenbringen können, das zwar dem gegnerischen nachstand, aber doch immer achtunggebietend war. Mit diesem Heere nahm er seine Stellung bei Löwen auf der Straße zwischen den beiden bedrohten Städten und beobachtete jede Bewegung des Feindes.
[_Ludwig kehrt nach Versailles zurück._] Ludwig war in seiner Hoffnung getäuscht. Er sah, daß es ihm nicht möglich sein würde, seine Eitelkeit so gefahrlos und so leicht wie in den beiden vorhergehenden Jahren zu befriedigen, sich ruhig vor eine große Stadt zu lagern, als Sieger in dieselbe einzuziehen und die Schlüssel in Empfang zu nehmen, ohne sich einer größern Gefahr auszusetzen als auf einer Hirschjagd in Fontainebleau. Bevor er Lüttich oder Brüssel belagern konnte, mußte er eine Schlacht liefern und gewinnen. Die Chancen waren allerdings günstig für ihn, denn seine Armee war zahlreicher, mit bessern Offizieren versehen und besser disciplinirt als die der Verbündeten. Luxemburg rieth ihm nachdrücklich gegen Wilhelm vorzurücken. Die französische Aristokratie wünschte mit unerschrockener Heiterkeit einen blutigen aber ruhmvollen Tag herbei, auf den eine Vertheilung zahlreicher Kreuze des neuen Ordens folgen würde. Wilhelm selbst war sich seiner Gefahr vollkommen bewußt und darauf vorbereitet, ihr mit kaltem aber schmerzlichem Muthe zu begegnen.[23] Gerade in diesem Augenblicke kündigte Ludwig seine Absicht an, auf der Stelle nach Versailles zurückzukehren und den Dauphin und Boufflers mit einem Theile der bei Namur versammelten Armee in die Pfalz zu schicken, um sich mit dem daselbst commandirenden Marschall Lorges zu vereinigen. Luxemburg war wie vom Donner gerührt und er machte kühne und dringende Gegenvorstellungen. Nie, sagte er, sei eine solche Gelegenheit versäumt worden. Wenn Se. Majestät gegen den Prinzen von Oranien marschire, sei der Sieg fast gewiß. Könne irgend ein Vortheil, der möglicherweise am Rhein zu erlangen sei, den Vortheil eines im Herzen von Brabant über die erste Armee und über den ersten Feldherrn der Coalition errungenen Sieges aufwiegen? Der Marschall demonstrirte, er bat, er fiel auf die Knie, aber vergebens, und er verließ den König in tiefster Betrübniß. Ludwig reiste eine Woche nach seiner Ankunft wieder aus dem Lager ab und führte nachher nie wieder Krieg in eigner Person.
Das Erstaunen in seiner ganzen Armee war groß. Alle Ehrfurcht, die er einflößte, konnte seine alten Generäle nicht abhalten zu murren und finster dreinzuschauen, seine jungen Edelleute, ihrem Unmuthe bald in Verwünschungen, bald in Sarkasmen Luft zu machen, und selbst seine gemeinen Soldaten, an ihren Wachtfeuern eine unehrerbietige Sprache zu führen. Seine Feinde frohlockten mit rachsüchtiger und beleidigender Freude. Sei es nicht sonderbar, fragten sie, daß dieser große Fürst mit allem Gepränge zum Kriegsschauplatze abgegangen und acht Tage später ihn mit demselben Gepränge wieder verlassen habe? Sei es nöthig gewesen, daß das ganze große Gefolge von Prinzessinnen, Ehrendamen und Kammerfrauen, Stallmeistern und Kammerherren, Köchen, Zuckerbäckern und Musikern, Wagenzügen, Saumpferden und Maulthieren, Silbergeschirr und Teppichen, vierhundert Meilen weit reiste, nur damit der Allerchristlichste König einen Blick auf seine Soldaten werfe und dann wieder umkehre? Die schmachvolle Wahrheit sei zu augenfällig, um bemäntelt werden zu können; er sei in die Niederlande gekommen in der Hoffnung, daß es ihm wieder gelingen werde, ohne die mindeste persönliche Gefahr etwas militärischen Ruhm zu erhaschen, und er sei lieber zurückgeeilt, als daß er sich den Zufällen einer offenen Schlacht ausgesetzt hätte.[24] Dies sei nicht das erste Mal, daß Se. Allerchristlichste Majestät die nämliche Art Vorsicht gezeigt habe. Siebzehn Jahre vorher habe er unter den Mauern von Bouchain demselben Gegner gegenüber gestanden. Wilhelm habe mit dem Feuer eines jugendlichen Commandeurs höchst unbesonnenerweise ihm eine Schlacht angeboten. Die geschicktesten Generäle seien der Meinung gewesen, daß, wenn Ludwig die Gelegenheit ergriffen hätte, der Krieg in einem Tage hätte beendigt sein können. Die französische Armee habe dringend danach verlangt, zum Angriff geführt zu werden. Der König habe seine Unterbefehlshaber zu sich berufen und sie um ihre Meinung befragt. Einige höfische Offiziere, denen seine Wünsche geschickt angedeutet worden seien, hätten vor Scham erröthend und stammelnd gegen eine Schlacht gestimmt. Umsonst hätten muthige und rechtschaffene Männer, die seine Ehre höher gehalten als ihr Leben, ihm bewiesen, daß er nach allen Grundsätzen der Kriegskunst die übereilte Herausforderung des Feindes annehmen müsse. Se. Majestät habe die ernste Besorgniß ausgesprochen, daß er es mit seinen Staatspflichten nicht vereinbaren könne, den ungestümen Regungen seines Blutes zu gehorchen, habe Kehrt gemacht und sei in sein Hauptquartier zurückgesprengt.[25] Sei es nicht entsetzlich, wenn man bedenke, was für Ströme des Blutes von Frankreich, Spanien, Deutschland und England geflossen seien und noch fließen sollten einem Manne zu Gefallen, dem es an dem ganz gewöhnlichen Muthe fehle, den man bei dem Geringsten der Hunderttausende finde, welche er seinem prahlerischen Ehrgeize aufgeopfert habe?
[_Manövers Luxemburg's._] Obgleich die französische Armee in den Niederlanden durch den Abgang der vom Dauphin und Boufflers commandirten Truppentheile geschwächt worden war, und obgleich das verbündete Heer täglich durch die Ankunft frischer Truppen verstärkt wurde, so hatte Luxemburg doch noch die Uebermacht, und er vergrößerte diese Uebermacht durch eine schlaue Kriegslist. Er marschirte gegen Lüttich und that, als ob er diese Stadt belagern wolle. Wilhelm war besorgt, um so besorgter, weil er wußte, daß es unter den Einwohnern eine französische Partei gab. Er verließ seine Position bei Löwen, marschirte auf Niederhespen und schlug dort, den Fluß Gette im Rücken, sein Lager auf. Auf seinem Marsche erfuhr er, daß Huy den Franzosen seine Thore geöffnet habe. Diese Nachricht vermehrte seine Besorgniß wegen Lüttich und bestimmte ihn, ein Armeecorps dahin zu schicken, das genügte, um die Mißvergnügten innerhalb der Stadt in Schach zu halten und jeden Angriff von Außen abzuwehren.[26] Dies war genau das, was Luxemburg erwartet und gewünscht hatte. Seine List hatte ihren Zweck erreicht. Er wendete der Festung, welche bisher das Ziel seiner Operationen gewesen zu sein schien, den Rücken und eilte an die Gette. Wilhelm, der mehr als zwanzigtausend Mann detachirt und nur funfzigtausend Mann in seinem Lager gelassen hatte, erfuhr am 18. Juli mit Schrecken durch seine Kundschafter, daß der französische General mit nahe an achtzigtausend Mann ganz in der Nähe sei.
[_Schlacht bei Landen._] Noch lag es in der Macht des Königs, durch einen eiligen Rückzug die schmalen, aber tiefen, durch kürzliche Regengüsse angeschwollenen Gewässer der Gette zwischen seine Armee und den Feind zu bringen. Aber die Stellung, welche er einnahm, war stark und sie konnte leicht noch stärker gemacht werden. Alle seine Truppen mußten ans Werk. Es wurden Gräben gezogen, Schanzen aufgeworfen und Pallisaden eingerammt. Binnen wenigen Stunden hatte das Terrain ein ganz andres Aussehen gewonnen und der König glaubte fest, daß er selbst den Angriff einer ihm weit überlegenen Truppenmacht werde abwehren können. Diese Ueberzeugung entbehrte auch nicht eines Anscheins von Begründung. Als der Morgen des 19. Juli anbrach, sahen die tapfersten Männer in Ludwig's Armee ernst und besorgt die Festung, welche plötzlich aus der Erde gewachsen war, um ihre Fortschritte zu hemmen. Die Alliirten waren durch ein Brustwerk gedeckt. Hier und da waren längs der Verschanzungen kleine Redouten und Halbmonde angelegt. Hundert Geschütze waren über die Wälle vertheilt. Auf der linken Flanke lag das Dorf Romsdorf dicht an dem Flüßchen Landen, nach welchem die Engländer jene unglückliche Schlacht benannt haben. Zur Rechten lag das Dorf Neerwinden. Beide Dörfer waren nach niederländischer Sitte von Wassergräben und Hecken umgeben, und innerhalb dieser Umfriedigungen waren die von verschiedenen Familien bewohnten kleinen Bodenflächen durch fünf Fuß hohe und einen Fuß dicke Lehmmauern von einander getrennt. Alle diese Barrikaden hatte Wilhelm ausgebessert und verstärkt. Saint-Simon, der nach der Schlacht das Terrain besichtigte, sagt uns, er habe kaum begreifen können, wie so ausgedehnte und so furchtbare Befestigungen mit solcher Schnelligkeit hätten geschaffen werden können.
Luxemburg war jedoch entschlossen zu versuchen, ob selbst diese Stellung gegen die überlegene Anzahl und die ungestüme Tapferkeit seiner Soldaten sich würde behaupten lassen. Bald nach Sonnenaufgang begann der Donner der Geschütze gehört zu werden. Wilhelm's Batterien thaten gute Wirkung, bevor die französische Artillerie so aufgestellt werden konnte, daß sie das Feuer zu erwiedern vermochte. Erst um acht Uhr kam es zum Handgemenge. Das Dorf Neerwinden wurde von beiden Feldherren als derjenige Punkt betrachtet, von dem Alles abhing. Hier machte der französische linke Flügel unter den Befehlen Montchevreuil's, eines ergrauten Offiziers von hohem Rufe, und Berwick's, der sich trotz seiner Jugend rasch zu einer angesehenen Stelle unter den Heerführern seiner Zeit emporgeschwungen, einen Angriff. Berwick leitete ihn und drang in das Dorf, wurde aber unter einem furchtbaren Blutbade bald wieder daraus vertrieben. Seine Leute flohen oder wurden niedergehauen, und er selbst wurde, während er sie wieder zu sammeln versuchte und sie verwünschte, weil sie ihre Pflicht nicht besser thaten, von Feinden umringt. Er verbarg seine weiße Cocarde und hoffte dadurch sich mit Hülfe seiner Muttersprache für einen Offizier der englischen Armee ausgeben zu können; aber sein Gesicht wurde von einem der Brüder seiner Mutter, Georg Churchill, erkannt, welcher an diesem Tage eine Brigade commandirte. Es fand eine eilige Umarmung zwischen den beiden Verwandten statt und der Oheim führte den Neffen zu Wilhelm, der, so lange Alles gut zu gehen schien, bei der Nachhut blieb. Das Zusammentreffen zwischen dem König und dem Gefangenen, welche durch so enge Verwandtschaftsbande mit einander verbunden und durch so unsühnbare Feindschaft von einander getrennt waren, gewährte einen sonderbaren Anblick. Beide benahmen sich wie es ihnen ziemte. Wilhelm entblößte sich und richtete einige Worte artiger Begrüßung an seinen Gefangenen. Berwick's einzige Antwort war eine feierliche Verbeugung. Der König bedeckte sich wieder, der Herzog ebenfalls, und die beiden Vettern schieden für immer.
Mittlerweile waren die in völliger Verwirrung aus Neerwinden vertriebenen Franzosen durch eine Division unter dem Commando des Herzogs von Bourbon verstärkt worden und kehrten tapfer zum Angriff zurück. Wilhelm, der die Wichtigkeit dieses Postens sehr wohl erkannte, gab Befehl, daß von anderen Punkten seiner Schlachtlinie Truppen dahin aufbrechen sollten. Dieser zweite Kampf war lang und blutig. Die Angreifenden drangen abermals in das Dorf, sie wurden abermals unter fürchterlichem Blutvergießen daraus vertrieben und zeigten wenig Lust, den Angriff zu wiederholen.
Inzwischen hatte der Kampf längs der ganzen Verschanzungen der verbündeten Armee gewüthet. Wieder und immer wieder führte Luxemburg seine Truppen bis auf Pistolenschußweite an das Brustwerk heran, aber näher konnte er sie nicht bringen. Wieder und immer wieder wichen sie vor dem heftigen Feuer zurück, das gegen ihre Front und ihre Flanken gerichtet wurde. Es schien alles vorüber zu sein. Luxemburg zog sich zu einer außer Schußweite gelegenen Stelle zurück und berief einige seiner vornehmsten Offiziere zu einer Berathung zusammen. Sie besprachen sich eine Weile mit einander und ihre lebhaften Gesten wurden von Allen, die sie sehen konnten, mit hohem Interesse beobachtet.
Endlich kam Luxemburg zu einem Entschluß. Noch ein Versuch mußte gemacht werden, Neerwinden zu nehmen, und die unüberwindlichen Haustruppen, die Sieger von Steenkerke, mußten vorangehen.
Die Haustruppen kamen in einer ihres alten und furchtbaren Rufes würdigen Weise heran. Zum drittenmale wurde Neerwinden genommen, zum drittenmale versuchte Wilhelm es wieder zu nehmen. An der Spitze eines der englischen Regimenter griff er die Garden Ludwig's mit einer solchen Wuth an, daß diese berühmte Schaar, zum erstenmale innerhalb der Erinnerung des ältesten Kriegers, zurückwich.[27] Nur durch die kräftigen Bemühungen Luxemburg's, des Herzogs von Chartres und des Herzogs von Bourbon wurden die durchbrochenen Reihen wieder gesammelt. Inzwischen aber waren das Centrum und der linke Flügel der alliirten Armee zu dem Zwecke, den Kampf bei Neerwinden zu unterstützen, so sehr geschwächt worden, daß die Verschanzungen auf anderen Punkten nicht mehr vertheidigt werden konnten. Kurz nach vier Uhr Nachmittags wich die ganze Linie. Alles war Gemetzel und Verwirrung. Solms war tödtlich verwundet worden und fiel noch lebend in die Hände des Feindes. Die englischen Soldaten, denen sein Name verhaßt war, beschuldigten ihn, in seinen Leiden einen eines Soldaten unwürdigen Kleinmuth bewiesen zu haben. Der Herzog von Ormond wurde im Gewühl zu Boden geschlagen, und er würde im nächsten Augenblicke eine Leiche gewesen sein, wäre nicht ein kostbarer Diamant an seinem Finger einem von der französischen Garde in die Augen gefallen, der mit Recht dachte, daß der Besitzer eines solchen Juwels ein werthvoller Gefangener sein müsse. Der Herzog wurde gerettet und bald gegen Berwick ausgewechselt. Ruvigny, von dem echten Refugiéhasse gegen das Land beseelt, das ihn verstoßen, wurde kämpfend im dichtesten Schlachtgewühl zum Gefangenen gemacht. Diejenigen, denen er in die Hände gefallen war, kannten ihn wohl und wußten, daß er, wenn sie ihn in ihr Lager brachten, für den Verrath, zu dem die Verfolgung ihn getrieben, mit seinem Kopfe büßen würde. Mit bewunderungswürdiger Großmuth thaten sie als kennten sie ihn nicht und ließen ihn im Tumulte entkommen.
Erst bei solchen Gelegenheiten trat die ganze Größe von Wilhelm's Character zu Tage. Inmitten der Flucht und des Getümmels, während Waffen und Fahnen weggeworfen wurden, während Massen von Fliehenden die Brücken und Furthen der Gette verstopften oder in ihren Fluthen umkamen, stellte sich der König, nachdem er Talmash beordert, den Rückzug zu beaufsichtigen, an die Spitze einiger tapferer Regimenter und hielt durch verzweifelte Anstrengungen den Feind auf. Er lief dabei größere Gefahr als Andere, denn er konnte nicht dahin gebracht werden, seinen schwächlichen Körper mit einem Brustharnisch zu beschweren, oder die Insignien des Hosenbandordens zu verbergen. Er betrachtete seinen Stern als einen guten Sammelpunkt für seine eigenen Truppen, und lächelte blos, wenn man ihm sagte, daß derselbe eine treffliche Zielscheibe für den Feind sei. Viele Tapfere fielen zu seiner Rechten und zu seiner Linken. Zwei Saumpferde, die im Felde stets in seiner Nähe waren, wurden durch Kanonenschüsse getödtet. Eine Flintenkugel ging durch die Locken seiner Perrücke, eine zweite durch seinen Rock, eine dritte streifte ihn an der Seite und zerriß sein blaues Ordensband. Noch viele Jahre später pflegten alte, ergraute Invaliden, die in den Gängen und Alleen des Chelsea Hospitals umherschlichen, sich zu erzählen, wie er an der Spitze von Galway's Reitern angriff, wie er viermal abstieg, um die Infanterie anzufeuern, wie er ein Corps, das weichen zu wollen schien, durch die Worte zurückrief: »So kämpft man nicht, Gentlemen! Hart auf den Leib müßt Ihr ihnen rücken. So, Gentlemen, so!« -- »Ihr hättet ihn sehen sollen,« schrieb ein Augenzeuge nur vier Tage nach der Schlacht, »wie er sich mit dem Degen in der Hand auf den Feind stürzte. Es ist ausgemacht, daß er und Andere einmal an der Spitze zweier englischer Regimenter gesehen wurde, und daß er mit diesen beiden Regimentern, Angesichts der ganzen Armee gegen sieben kämpfte und sie eine Viertelstunde lang vor sich her trieb. Dank sei dem Himmel, der ihn erhalten hat.« Der Feind setzte ihm so hart zu, daß er nur mit großer Mühe den Uebergang über die Gette bewerkstelligte. Eine kleine Schaar tapferer Männer, die seine Gefahr bis zum letzten Augenblicke theilte, vermochte kaum die Verfolger von ihm abzuhalten, als er die Brücke passirte.[28]