Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20.

Part 14

Chapter 143,348 wordsPublic domain

Die Vergleicher bildeten die Hauptstärke der jakobitischen Partei in England; aber die Nichtvergleicher hatten bisher in Saint-Germains die ungetheilte Herrschaft besessen. Kein Protestant, kein gemäßigter Katholik, Niemand, der nur anzudeuten wagte, daß ein Gesetz der königlichen Prärogative Fesseln anlegen könne, hatte von dem verbannten Könige die geringste Gunstbezeigung zu erwarten. Die Priester und der Apostel Melfort, der erklärte Feind der protestantischen Religion und der bürgerlichen Freiheit, der Parlamente, der Geschwornengerichte und der Habeascorpusacte, waren im ausschließlichen Besitz des königlichen Ohres. Herbert wurde Kanzler genannt, hatte den Vortritt vor den übrigen Staatsbeamten, trug eine mit Gold gestickte schwarze Robe und führte ein Siegel; aber er war Mitglied der englischen Kirche und deshalb hatte er keinen Sitz im Staatsrathe.[7]

Die Sache war die, daß die Fehler von Jakob's Geist und Herz unheilbar waren. Seiner Ansicht nach konnte zwischen ihm und seinen Unterthanen keine Gegenseitigkeit der Verpflichtung stattfinden. Es war ihre Schuldigkeit, Eigenthum, Freiheit und Leben zu wagen, um ihn wieder auf den Thron zu bringen, und dann geduldig zu tragen, was er über sie zu verhängen für gut finden würde. Sie hatten vor ihm nicht mehr Anspruch auf Verdienst, als vor Gott. Wenn sie Alles gethan hatten, waren sie immer noch werthlose Knechte. Das höchste Lob, das dem Royalisten gebührte, der sein Blut auf dem Schlachtfelde oder auf dem Blutgerüst für die erbliche Monarchie vergoß, bestand einfach darin, daß er kein Hochverräther war. Nach all' den harten Lehren, die der entthronte König erfahren, war er noch immer eben so geneigt, die englische Kirche auszuplündern und zu erniedrigen, wie an dem Tage, da er den knieenden Fellows des Magdalenencollegiums sagte, sie sollten ihm aus den Augen gehen, oder an dem Tage, wo er die Bischöfe in den Tower schickte. Er pflegte zu sagen, daß er lieber sterben wolle, ohne England wiederzusehen, als mit Denen kapituliren, denen er zu befehlen habe.[8] In der Erklärung vom April 1692 zeigt sich der ganze Mensch ohne Maske, erfüllt von seinen imaginären Rechten, unfähig zu begreifen, wie irgend Jemand außer ihm irgend ein Recht haben könne, einfältig, halsstarrig und grausam. Ein andres Dokument, das er um die nämliche Zeit aufsetzte, beweist womöglich noch deutlicher, wie wenig Nutzen er aus einer harten Erfahrung gezogen hatte. In diesem Aufsatze entwickelt er den Plan, nach dem er zu regieren gedachte, wenn er wieder eingesetzt werden sollte. Er stellte es als Regel auf, daß ein Commissar des Schatzes, ein oder zwei Staatssekretäre, der Kriegssekretär, die Mehrheit der Großbeamten des Hofstaats, die Mehrheit der Kammerherren, die Mehrheit der Offiziere von der Armee, stets Katholiken sein müßten.[9]

Umsonst schrieben die ausgezeichnetsten Vergleicher von London Briefe auf Briefe voll vernünftigen Rathes und eindringlicher Bitten an ihn. Umsonst bewiesen sie ihm aufs Klarste die Unmöglichkeit, das Uebergewicht des Papismus in einem Lande zu befestigen, wo mindestens neunundvierzig Funfzigstel der Bevölkerung und viel mehr als neunundvierzig Funfzigstel des Vermögens und der Intelligenz protestantisch seien. Umsonst theilten sie ihrem Gebieter mit, daß die Erklärung vom April 1692 von seinen Feinden mit Frohlocken, von seinen Freunden mit tiefer Betrübniß gelesen, daß sie von den Usurpatoren gedruckt und verbreitet worden sei, daß sie mehr als alle Libelle der Whigs dazu beigetragen, die Nation gegen ihn aufzubringen, und den Flottenoffizieren, die ihm ihre Unterstützung versprochen gehabt, einen plausiblen Vorwand geliefert habe, das ihm gegebene Wort zu brechen und die Flotte zu zerstören, die ihn in sein Königreich zurückbringen sollte. Er blieb so lange taub gegen die Vorstellungen seiner besten Freunde in England, bis diese Vorstellungen in Versailles ein Echo zu finden begannen. Alles was Ludwig und seine Minister über den Zustand unsrer Insel in Erfahrung bringen konnten, überzeugte sie, daß Jakob nie wieder eingesetzt werden würde, wenn er es nicht über sich gewann, seinen Unterthanen große Zugeständnisse zu machen. Es wurde ihm daher, zwar freundlich und artig, aber sehr nachdrücklich zu verstehen gegeben, daß er wohl thun würde, seine Entschließungen und seine Rathgeber zu ändern. Frankreich könne den Krieg nicht zu dem Zwecke fortsetzen, einer Nation einen Souverain aufzudringen, den sie nicht haben wolle. Es seufze unter der Wucht der öffentlichen Lasten, sein Handel und seine Industrie stockten, seine Feldfrüchte und sein Wein seien mißrathen. Das Landvolk verhungere, schon lasse sich das beginnende Murren der Provinzialstände vernehmen. Es gebe eine Grenze für das Maß der Opfer, die auch der unumschränkteste Fürst von Denen verlangen könne, über die er herrsche. So sehr auch der Allerchristlichste König wünsche, die Sache der erblichen Monarchie und der reinen Religion in der ganzen Welt aufrecht zu erhalten, so habe er doch vor Allem Pflichten gegen sein eignes Land, und wenn nicht bald eine Contrerevolution in England einträte, würden diese Pflichten gegen sein eignes Königreich ihn in die schmerzliche Nothwendigkeit versetzen, mit dem Prinzen von Oranien zu unterhandeln. Jakob werde daher wohl thun Alles aufzubieten, was er mit seiner Ehre und seinem Gewissen vereinbaren könne, um die Herzen seines Volks wieder zu gewinnen.

[_Ministerwechsel in Saint-Germains. Middleton._] So gedrängt, gab Jakob mit Widerstreben nach und verstand sich dazu, einem der Ausgezeichnetsten unter den Vergleichern, dem Earl von Middleton, einen Antheil an der Leitung seiner Angelegenheiten zu bewilligen.

Middleton's Familie und Pairie waren schottischen Ursprungs. Er war mit einigen der vornehmsten Häuser England's nahe verwandt, er hatte lange in England gelebt, war von Karl II. zu einem der englischen Staatssekretäre ernannt und von Jakob mit der Leitung des englischen Hauses der Gemeinen beauftragt worden. Seine Talente und Kenntnisse waren bedeutend, sein Character sanft und edel, seine Manieren leutselig, und sein politisches Verhalten war durchaus consequent und ehrenwerth gewesen. Er hatte sich, als der Papismus dominirte, entschieden geweigert, die königliche Gunst durch Apostasie zu erkaufen. Römisch-katholische Geistliche waren abgeschickt worden, um ihn zu bekehren, und die Stadt hatte sich höchlich an der Gewandtheit ergötzt, mit der der Laie die Theologen schlug. Ein Priester wollte ihm die Lehre von der Transsubstantiation demonstriren und leitete die Sache in der gewöhnlichen Form ein. »Eure Lordschaft glaubt an die Dreieinigkeit?« -- »Wer sagt Ihnen das?« entgegnete Middleton. »Wie? Sie glauben nicht an die Dreieinigkeit?« rief der Priester ganz erstaunt. »Nein,« antwortete Middleton. »Beweisen Sie mir, daß Ihre Religion die wahre ist, wenn Sie es können, aber katechesiren Sie mich nicht über die meinige.« Da es sich klar zeigte, daß der Sekretär kein Disputant war, dem sich leicht beikommen ließ, so endete die Disputation fast sogleich nachdem sie begonnen hatte.[10] Als das Glück sich wendete, blieb Middleton der Sache der erblichen Monarchie mit einer Standhaftigkeit treu, die um so achtungswerther war, als es ihm ein Leichtes gewesen sein würde, sich mit der neuen Regierung auszusöhnen. Seine Gesinnungen waren so wohl bekannt, daß er, als das Land von der Besorgniß einer Invasion und eines Aufstandes bewegt war, verhaftet und in den Tower geschickt wurde, aber man entdeckte keinen Grund, auf welchen hin man ihn des Hochverraths hätte anklagen können, und als die gefährliche Krisis vorüber war, wurde er wieder in Freiheit gesetzt. Er scheint auch wirklich während der drei Jahre, welche auf die Revolution folgten, keineswegs ein thätiger Verschwörer gewesen zu sein. Er sah ein, daß eine Restauration nur mit der allgemeinen Zustimmung der Nation herbeigeführt werden konnte und daß die Nation ohne Garantien gegen Papismus und Willkürherrschaft nie in eine Restauration willigen würde. Daher war er überzeugt, daß es, so lange sein verbannter Gebieter sich hartnäckig weigerte solche Garantien zu geben, schlimmer als nutzlos sein würde, gegen die bestehende Regierung zu conspiriren.

Dies war der Mann, den Jakob in Folge nachdrücklicher Vorstellungen von Seiten Versailles' jetzt einlud, zu ihm nach Frankreich zu kommen. Die große Masse der Vergleicher vernahm mit großer Freude, daß sie endlich im Staatsrathe zu Saint-Germains durch einen ihrer Lieblingsführer vertreten werden sollten. Einige Noblemen und Gentlemen, die zwar die Entthronung Jakob's nicht gebilligt hatten, denen aber sein verkehrtes und albernes Benehmen so zuwider geworden war, daß sie schon längst alle Verbindung mit ihm abgebrochen, begannen jetzt zu hoffen, daß er seinen Irrthum eingesehen habe. Mit Melfort hatten sie nichts zu thun haben wollen, mit Middleton setzten sie sich gern in Vernehmen. Der neue Minister conferirte auch mit den vier Verräthern, deren Schändlichkeit durch ihre Stellung, ihre Talente und ihre dem Staate geleisteten wichtigen Dienste eine besondere Bedeutsamkeit erlangt hat, mit Godolphin, dessen erster Lebenszweck darin bestand, bei beiden rivalisirenden Königen zu gleicher Zeit in Gunst zu bleiben und durch alle Revolutionen und Contrerevolutionen seinen Kopf, sein Vermögen und einen Platz im Schatzamte zu behalten; mit Shrewsbury, der, nachdem er einmal in einem unheilvollen Augenblicke verbrecherische und entehrende Verpflichtungen übernommen, nicht die Energie besessen hatte, sich von denselben loszureißen; mit Marlborough, der noch immer die aufrichtigste Reue wegen der Vergangenheit und die besten Absichten für die Zukunft an den Tag legte, und mit Russell, welcher erklärte, daß er noch der Nämliche sei, der er vor der Schlacht von La Hogue gewesen, und der das Versprechen erneuerte, zu thun was Monk gethan habe, unter der Bedingung, daß allen politischen Verbrechern ein Generalpardon zugesichert und daß die königliche Gewalt starken constitutionellen Beschränkungen unterworfen würde.

Ehe Middleton England verließ, hatte er die Meinung aller Oberhäupter der Vergleicher sondirt. Sie waren der Ansicht, daß es ein Mittel gebe, welches die streitenden Parteien des Vaterlandes mit einander aussöhnen und zur baldigen Pacifirung Europa's führen werde. Dieses Mittel sei, daß Jakob zu Gunsten des Prinzen von Wales die Krone niederlege und daß der Prinz von Wales protestantisch erzogen werde. Wenn Se. Majestät, was nur zu wahrscheinlich sei, sich weigern sollte, diesem Vorschlage Gehör zu geben, so müsse er wenigstens einwilligen, eine Erklärung zu erlassen, welche den ungünstigen Eindruck verwische, den seine Erklärung vom vergangenen Frühjahr gemacht habe. Es wurde mit aller Sorgfalt eine Schrift in der für zweckmäßig erachteten Fassung entworfen und nach langer Discussion genehmigt.

Zu Anfang des Jahres 1693 stahl sich Middleton, nachdem er die Ansichten der vornehmsten englischen Jakobiten gesammelt hatte, über den Kanal und erschien am Hofe von Saint-Germains. Es fehlte an diesem Hofe nicht an Verleumdern und Spöttern, deren Bosheit um so gefährlicher war, weil sie die Maske der Gutmüthigkeit und Scheinheiligkeit trug.

Middleton fand bei seiner Ankunft, daß zahlreiche, von den ihn fürchtenden und hassenden Priestern fabricirte Lügen bereits in Umlauf gesetzt waren. Es hatten auch einige Nichtvergleicher von London geschrieben, daß er im Herzen ein Presbyterianer und Republikaner sei. Er wurde jedoch sehr freundlich aufgenommen und zugleich mit Melfort zum Staatssekretär ernannt.[11]

[_Jakob erläßt eine neue Erklärung._] Es zeigte sich bald, daß Jakob fest entschlossen war, nie auf die Krone zu verzichten oder zuzugeben, das der Prinz von Wales als Ketzer erzogen wurde, und es schien lange zweifelhaft, ob irgend welche Beweisgründe und Bitten ihn bewegen würden, die von seinen Freunden in England entworfene Erklärung zu unterzeichnen. Das Schriftstück war allerdings sehr verschieden von jedem, das bisher unter seinem großen Siegel erschienen war. Man ließ ihn darin versprechen, daß er allen seinen Unterthanen, die ihm bei seiner Landung auf der Insel keinen Widerstand entgegensetzen würden, vollständige Amnestie gewähren wolle; daß er sogleich nach seiner Wiedereinsetzung ein Parlament zusammenberufen werde; daß er alle diejenigen während der Usurpation erlassenen Gesetze, die ihm die beiden Häuser zur Bestätigung vorlegen würden, bestätigen werde; daß er sein Recht auf die Kaminsteuer aufgeben, daß er die Staatskirche im Genusse aller ihrer Besitzungen und Privilegien schützen und vertheidigen werde; daß er die Testacte nicht wieder verletzen, daß er die Bestimmung des Umfangs seiner Dispensationsgewalt der Legislatur überlassen und die Ansiedlungsacte in Irland aufrecht erhalten wolle.

Er sträubte sich lange und heftig. Er berief sich auf sein Gewissen. Könne ein Sohn der heiligen römisch-katholisch-apostolischen Kirche sich verpflichten, das Ketzerthum zu beschützen und zu vertheidigen und ein Gesetz in Anwendung zu bringen, das die wahren Gläubigen vom Amte ausschließe? Einige der Geistlichen, von denen es an seinem Hofe wimmelte, sagten ihm, er könne ein solches Versprechen, wie seine pflichtvergessenen Unterthanen es verlangten, nicht ohne Sünde geben. In diesem Punkte konnte die Ansicht Middleton's, der ein Protestant war, von keinem Gewicht sein. Aber Middleton fand einen Bundesgenossen an Dem, den er als seinen Nebenbuhler und Feind betrachtete. Erschreckt durch den allgemeinen Haß, als dessen Zielscheibe er sich kannte, und fürchtend, daß man ihn in England wie in Frankreich für den Starrsinn seines Gebieters verantwortlich machen würde, legte er die Sache mehreren ausgezeichneten Doctoren der Sorbonne vor. Diese gelehrten Casuisten erklärten die Declaration vom religiösen Gesichtspunkte für tadellos. Der große Bossuet, Bischof von Meaux, den die gallikanische Kirche als einen Vater von fast eben so großer Autorität wie Cyprian oder Augustus betrachtete, bewies durch gewichtige theologische wie politische Argumente, daß der Skrupel, der Jakob quälte, ganz genau zu denen gehöre, vor denen ein viel weiserer König mit den Worten gewarnt habe: »Sei nicht allzu gewissenhaft.«[12] Die Autorität der französischen Theologen wurde durch die Autorität der französischen Regierung unterstützt. Die Sprache, die man in Versailles führte, war so nachdrücklich, das Jakob besorgt zu werden begann. Wie, wenn Ludwig sich ernstlich verletzt fühlen, seine Gastfreundschaft mit Undank vergolten glauben, mit den Usurpatoren Frieden schließen und seine unglücklichen Gäste ersuchen sollte, sich nach einem andren Asyle umzusehen? Es war nothwendig sich zu fügen. Am 17. April 1693 wurde die Erklärung unterzeichnet und besiegelt. Der Schlußsatz war ein Gebet. »Wir kommen, um unser gutes Recht geltend zu machen und die Freiheiten unsres Volkes zu begründen. Möge Gott uns zum Gelingen des Einen verhelfen, wie wir die Befestigung der Anderen aufrichtig wünschen.«[13] Das Gebet wurde erhört. Jakob's Erfolg stand in genauem Verhältniß zu seiner Aufrichtigkeit. Wie es mit seiner Aufrichtigkeit aussah, davon haben wir die sprechendsten Beweise. Kaum hatte er den Himmel zum Zeugen der Wahrheit seiner Versprechungen angerufen, so befahl er Melfort, eine Abschrift der Erklärung mit Erläuterungen, welche den Papst beruhigen konnten, nach Rom zu senden. Melfort's Brief schließt folgendermaßen: »Im Grunde ist der Zweck dieser Erklärung lediglich, uns nach England zurückzubringen. Wir werden den Kampf der Katholiken mit viel größerem Vortheile in Whitehall ausfechten können als in Saint-Germains.«[14]

Inzwischen war das Dokument, von dem man so viel erwartete, nach London geschickt worden. Dort wurde es auf einer geheimen Presse im Hause eines Quäkers gedruckt; denn es gab unter den Quäkern eine zwar kleine, aber eifrige und thätige Partei, welche die politischen Ansichten Wilhelm Penn's in sich aufgenommen hatten.[15] Eine solche Schrift zu verbreiten, war mit einiger Gefahr verknüpft; aber es fanden sich Agenten dazu. Mehrere Personen wurden festgenommen, als sie in den Straßen der Stadt Exemplare vertheilten. Hundert Packete wurden an einem Tage auf dem Wege nach der Flotte auf dem Postamte confiscirt. Bald aber gab die Regierung wohlweislich den Versuch auf, etwas zu unterdrücken, was sich nicht unterdrücken ließ, und veröffentlichte selbst die Erklärung ihrem vollständigen Inhalte nach, begleitet von einem strengen Commentar.[16]

[_Eindruck der neuen Erklärung._] Es bedurfte jedoch kaum eines Commentars. Die Erklärung verfehlte durchaus die Wirkung, welche Middleton erwartet hatte. Allerdings war sein Rath erst verlangt worden, als es gleichgültig war, welchen Rath er gab. Wenn Jakob im Januar 1689 ein solches Manifest erlassen hätte, so würde der Thron wahrscheinlich nicht für erledigt erklärt worden sein. Wenn er ein solches Manifest erlassen hätte, als er an der Spitze einer Armee auf der Küste der Normandie war, so würde er einen großen Theil der Nation für sich gewonnen haben und es wäre möglich gewesen, daß ein großer Theil der Flotte sich ihm angeschlossen hätte. Aber 1689 sowohl wie 1692 hatte er im Tone eines unversöhnlichen Tyrannen gesprochen, und es war jetzt zu spät, Milde und Achtung vor der Verfassung des Reichs zu heucheln. Der Contrast zwischen der neuen Erklärung und der vorhergehenden erregte allgemeines Mißtrauen und Verachtung. Wie konnte man dem Worte eines so unbeständigen Fürsten trauen, eines Fürsten, der von einem Extrem zum andren übersprang? Im Jahre 1692 war er nur durch die Köpfe und Glieder mehrerer Hundert armer Landleute und Fischer zu befriedigen, die sich vor Jahren einige rohe Freiheiten gegen ihn erlaubt hatten, über die sein Großvater Heinrich IV. herzlich gelacht haben würde. Im Jahre 1693 sollten die schmachvollsten und undankbarsten Verräthereien mit dem Mantel der Vergessenheit bedeckt werden. Caermarthen gab der allgemeinen Gesinnung einen Ausdruck. »Ich begreife das nicht,« sagte er. »Vorigen April sollte ich gehängt werden; diesen April soll ich vollständige Verzeihung haben. Ich kann mir nicht denken, was ich im Laufe des verflossenen Jahres gethan habe, um soviel Güte zu verdienen.« Man war allgemein der Ansicht, daß unter dieser ungewohnten Milde, unter dieser ungewohnten Achtung vor dem Gesetz eine Schlinge verborgen sei. Die Erklärung, sagte man, sei vortrefflich, und so sei auch der Krönungseid gewesen. Jedermann wisse, wie König Jakob seinen Krönungseid gehalten habe, und Jedermann könne errathen, wie er seine Erklärung halten werde. Während ernste Männer so argumentirten, waren die whiggistischen Spötter nicht sparsam mit Pasquillen. Zu gleicher Zeit ließen auch einige Nichtvergleicher ein unwilliges Murren vernehmen. Der König sei in schlechten Händen, sagten sie, in den Händen von Männern, welche die Monarchie haßten. Seine Gnade sei Grausamkeit von der schlimmsten Art. Die allgemeine Amnestie, die er seinen Feinden zugesichert, sei nichts weiter als eine allgemeine Proscription seiner Freunde. Bisher hätten die von dem Usurpator ernannten Richter unter einer zwar mangelhaften, aber doch nicht ganz unwirksamen Beschränkung gestanden. Sie hätten gewußt, daß ein Tag der Rechenschaft kommen könne und wären daher im Allgemeinen schonend gegen die verfolgten Anhänger des rechtmäßigen Königs verfahren. Diese Beschränkung habe Se. Majestät jetzt aufgehoben. Er habe Holt und Treby gesagt, daß sie bis zu seiner Landung in England Royalisten hängen könnten, ohne die mindeste Besorgniß, zur Rechenschaft gezogen zu werden.[17]

Keine Klasse des Volks aber las die Erklärung mit größerem Abscheu und Unwillen als die eingeborne Aristokratie Irland's. Das sei also der Lohn für ihre Loyalität. So hielten die Könige ihre Versprechungen. Als England Jakob verstoßen, als Schottland nichts habe von ihm wissen wollen, seien die Irländer ihm noch treu geblieben, und er habe in Anerkennung dessen feierlich ein Gesetz sanctionirt, durch welches ihnen ein großes Ländergebiet, dessen sie beraubt worden waren, zurückgegeben wurde. Seitdem sei nichts geschehen, was ihren Anspruch auf seine Gunst vermindert habe. Sie hätten seine Sache bis zum letzten Augenblicke vertheidigt, sie hätten noch lange nachdem er sie verlassen, für ihn gestritten; Viele von ihnen seien, als sie nicht mehr im Stande gewesen, gegen die Uebermacht zu kämpfen, ihm in die Verbannung gefolgt, und jetzt zeige es sich, daß er mit seinen bittersten Feinden auf Kosten seiner treuesten Freunde Frieden schließen wolle. Es herrschte große Unzufriedenheit in den irischen Regimentern, welche in den Niederlanden und an den Grenzen Deutschland's und Italien's zerstreut standen. Selbst die Whigs gaben zu, daß die O und Mac einmal Recht hatten, und fragten triumphirend, ob man von einem Fürsten, der gegen seine ergebenen Diener sein Wort gebrochen, erwarten dürfe, daß er es seinen Feinden gegenüber halten werde?[18]

[_Rüstungen der Franzosen für den Feldzug._] Während die Erklärung in England den Gegenstand des allgemeinen Tagesgesprächs bildete, begannen auf dem Festlande die militärischen Operationen wieder. Die Rüstungen Frankreich's waren so gewaltig, daß sie selbst Diejenigen in Erstaunen setzten, die seine Hülfsquellen und die Talente seiner Beherrscher am höchsten anschlugen. Sein Ackerbau und sein Handel lagen darnieder. Die Weingärten Burgund's, die unabsehbaren Kornfelder der Beauce hatten eine Mißernte gegeben; die Webstühle Lyon's feierten und die Kauffahrteischiffe verfaulten im Hafen von Marseille. Dennoch zeigte die Monarchie ihren zahlreichen Feinden eine trotzigere und drohendere Stirn als je. Ludwig hatte sich vorgenommen keinen Schritt zu einer Aussöhnung mit der neuen englischen Regierung zu thun, bevor nicht durch eine weitere Anstrengung die ganze Macht seines Reichs entfaltet sein würde. Eine gewaltige Anstrengung war es in der That, aber zu erschöpfend, um wiederholt werden zu können. Er entwickelte ungeheure Streitkräfte zugleich an den Pyrenäen und an den Alpen, am Rhein und an der Maas, im Atlantischen und im Mittelländischen Meere.

[_Gründung des St. Ludwigsordens._] Damit nichts fehlte, was geeignet war, das kriegerische Feuer einer vorzugsweise tapferen Nation zu entzünden, gründete er einige Tage bevor er seinen Palast mit dem Lager vertauschte, einen neuen militärischen Ritterorden und stellte ihn unter den Schutz seines heiligen Ahnherrn und Patrons. Das neue Ludwigskreuz glänzte auf der Brust der Offiziere, die sich in den Laufgräben von Mons und Namur und auf den Schlachtfeldern von Fleurus und Steenkerke ausgezeichnet hatten, und der Anblick spornte Diejenigen, die sich erst noch einen ehrenvollen Ruf in den Waffen zu erwerben hatten, zu einem edlen Wetteifer an.[19]