Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20.

Part 10

Chapter 103,446 wordsPublic domain

So wenig der geistige, wie auch der sittliche Character Blount's Achtung zu verdienen scheinen, so müssen wir doch ihm in bedeutendem Maße die Emancipation der englischen Presse zuschreiben. Zwischen ihm und den Censoren herrschte eine langdauernde Fehde. Vor der Revolution war eine seiner heterodoxen Schriften von Lestrange abscheulich verstümmelt und schließlich auf Befehl von Lestrange's Vorgesetzten, dem Bischof von London, unterdrückt worden.[104] Bohun war ein kaum minder strenger Kritiker als Lestrange, und Blount begann daher gegen die Censur und die Censoren zu Felde zu ziehen. Die Feindseligkeiten wurden mit einer Abhandlung eröffnet, welche ohne jede Censur erschien und den Titel führt: +A Just Vindication of Learning and of the Liberty of the Press, by Philopatris.[105]+ Wer diese Schrift liest, und nicht weiß, daß Blount einer der gewissenlosesten Plagiatoren war, die es je gegeben hat, wird sich wundern, neben den armseligen Gedanken und dürren Worten eines Pamphletisten dritten Ranges Stellen von so erhabenem Gedankenflug und Styl zu finden, daß sie dem größten Namen in der Literatur Ehre machen würden. Dies kommt daher, weil die +Just Vindication+ hauptsächlich aus zusammengelesenen Extracten aus den +Areopagitica+ Milton's besteht. Diese herrliche Ansprache war von der Generation, an die sie gerichtet war, nicht beachtet worden, der Vergessenheit anheim gefallen und jedem literarischen Spitzbuben preisgegeben. Die schriftstellerische Thätigkeit Blount's glich den architektonischen Arbeiten der Barbaren, die das Coliseum und das Theater von Pompeji als Steinbrüche benutzten, aus jonischen Friesen Hütten bauten und an Säulen von Lazulith Kuhställe lehnten. Blount schloß, wie Milton, mit dem Rathe, daß jedes Buch ohne Censur gedruckt und nur der Name des Verfassers oder Verlegers registrirt werden sollte.[106] Die +Just Vindication+ wurde gut aufgenommen und der Schlag bald wiederholt. Es gab noch viele schöne Stellen in den +Areopagitica+, welche Blount in seinem ersten Pamphlet nicht benutzt hatte. Aus diesen Stellen setzte er ein zweites Pamphlet zusammen, betitelt: +Reasons for the Liberty of Unlicensed Printing.+[107] Diesen »Gründen« hing er eine Nachschrift an, betitelt: +A Just and True Character of Edmund Bohun.+ Diese Characteristik war mit der äußersten Heftigkeit geschrieben. Es waren darin Stellen aus den Schriften des Censors citirt, um zu beweisen, daß er den Doctrinen des passiven Gehorsams und des Nichtwiderstandes huldigte. Er wurde beschuldigt, seine Macht systematisch zu dem Zwecke angewendet zu haben, die Feinde der Souveraine, deren Brod er aß, zu begünstigen, und ihre Freunde zum Schweigen zu bringen, und es wurde behauptet, er sei der Freund und Schüler seines Vorgängers Sir Roger. Blount's »Characteristik Bohun's« durfte nicht öffentlich verkauft werden, aber sie wurde weit verbreitet. Während sie von Hand zu Hand ging und während die Whigs allenthalben über den neuen Censor als über einen zweiten Lestrange Zeter schrieen, wurde er ersucht, das Erscheinen eines anonymen Werkes, betitelt: +King William and Queen Mary Conquerors+, zu autorisiren.[108] Er verstand sich gern und willig dazu, denn es herrschte in der That zwischen den Doctrinen, denen er schon längst huldigte, und den in dieser Abhandlung entwickelten Doctrinen eine so genaue Uebereinstimmung, daß Viele den Verfasser in ihm vermutheten, eine Vermuthung, die durch eine Stelle, in welcher seinen politischen Schriften ein Compliment gemacht war, nicht geschwächt wurde. Allein der wahre Autor war der nämliche Blount, welcher gerade damals sich bemühte, das Publikum sowohl gegen die Censuracte als auch gegen den Censor aufzubringen. Blount's Beweggründe sind leicht zu errathen. Seine Ansichten waren denen, die er bei dieser Gelegenheit in der beleidigendsten Weise aufstellte, direct entgegengesetzt. Man kann daher unmöglich zweifeln, daß er die Absicht hatte, Bohun in eine Schlinge zu locken und zu verderben. Es war ein gemeiner und schändlicher Plan. Doch kann man nicht leugnen, daß die Schlinge sehr geschickt gelegt und der Köder gut gewählt war. Es gelang dem Republikaner einen Hochtory zu spielen. Es gelang dem Atheisten einen Hochkirchlichen zu spielen. Das Pamphlet schloß mit einem inbrünstigen Gebet: Der Gott des Lichts und der Liebe möge den Verstand der Engländer erleuchten und ihren Willen lenken, auf daß sie erkennen möchten, was ihrer Ruhe frommte. Der Censor war entzückt. Auf jeder Seite sah er seine eigenen Gedanken klarer ausgedrückt, als er selbst sie je ausgesprochen hatte. Seiner Meinung nach war der wahre Anspruch Ihrer Majestäten auf Gehorsam noch nie so augenfällig dargelegt worden. Jeder Jakobit, der diese wundervolle Abhandlung läse, müsse unfehlbar bekehrt werden. Die Eidverweigerer würden schaarenweis die Eide leisten. Die so lange gespaltene Nation würde endlich zur Einigkeit gelangen. Aus diesen lieblichen Träumen wurde Bohun einige Stunden nach dem Erscheinen der Schrift, die ihn entzückt, durch die Nachricht geweckt, daß der Titel ganz London in Flammen gesetzt und daß die abscheulichen Worte »König Wilhelm und Königin Marie Eroberer« die Entrüstung einer Masse von Leuten erregt, die gar nicht weiter gelesen hätten. Schon vier Tage nach dem Erscheinen hörte er, daß sich das Haus der Gemeinen der Sache angenommen habe, daß das Buch von einigen Mitgliedern ein Schandbuch genannt worden sei und daß der Stabträger, weil der Verfasser unbekannt war, den Censor aufsuche.[109] Bohun war nie ein starker Geist gewesen; die Wuth und Plötzlichkeit des Sturmes aber, der jetzt über ihn hereinbrach, versetzte ihn in die größte Bestürzung und Verwirrung. Er begab sich in die Kammer. Die meisten von den Mitgliedern, denen er in den Gängen und Vorhallen begegnete, zeigten ihm ein finstres Gesicht. Als er vor die Schranke gerufen wurde und nach drei tiefen Verbeugungen das Haupt zu erheben und um sich zu blicken wagte, konnte er in den zornigen und verächtlichen Blicken, die von allen Seiten nach ihm geworfen wurden, seine Verurtheilung lesen. Er stockte, versprach und widersprach sich, nannte den Sprecher Mylord und rief durch seine verworrenen Reden einen Sturm rohen Gelächters hervor, der ihn immer mehr verwirrte. Sobald er sich wieder entfernt hatte, wurde der einstimmige Beschluß gefaßt, daß die ruchlose Schrift im Palasthofe vom Henker verbrannt werden sollte. Außerdem wurde ohne Abstimmung beschlossen, daß der König ersucht werden solle, Bohun des Censoramtes zu entheben. Der arme Mann, vor Gram und Furcht einer Ohnmacht nahe, wurde durch die Beamten des Hauses in ein Gefängniß abgeführt.[110]

Kaum aber war er in seinem Gefängniß angekommen, so verlangte ein großer Theil der Mitglieder stürmisch nach einem angeseheneren Opfer. Burnet hatte kurz nachdem er Bischof von Salisbury geworden war an den Klerus seiner Diöcese einen Hirtenbrief erlassen, worin er ihn zur Eidesleistung ermahnte. In einer Stelle dieses Briefes führte er eine Sprache, die einige Aehnlichkeit mit der des Pamphlets hatte, das so eben zu den Flammen verurtheilt worden war. Es kamen zwar Abweichungen vor, die einem einsichtsvollen und unparteiischen Tribunal nicht hätten entgehen können. Aber das Tribunal, vor welchem Burnet stand, war weder ein einsichtsvolles, noch ein unparteiisches. Seine Fehler hatten ihm viele Feinde gemacht und seine Tugenden noch mehr. Die mißvergnügten Whigs klagten, daß er sich zum Hofe hinneige, die Hochkirchlichen, daß er sich zu den Dissenters hinneige, und es läßt sich auch nicht annehmen, daß ein Mann von solcher Kühnheit und so wenig Takt, ein so unbesonnener, freimüthiger und so rastlos thätiger Mann durchs Leben gegangen sein sollte, ohne die Pläne Einiger, deren Ansichten mit den seinigen übereinstimmten, zu durchkreuzen und ihre Gefühle zu verletzen. Mit ganz besonderem Uebelwollen wurde er von Howe betrachtet. Howe war, selbst als er im Amte war, niemals gewohnt gewesen, seine beißende und muthwillige Zunge zu zügeln, und er war unlängst in einer Weise aus dem Amte vertrieben worden, die ihn über die Maßen wild gemacht hatte. Die Geschichte seiner Entlassung ist nicht genau bekannt, aber sie war gewiß von Umständen begleitet, die ihn heftig gereizt hatten. Wenn man dem Gerücht glauben durfte, hatte er sich eingebildet, daß Marie ihn liebe, und eine Gelegenheit, die sich ihm darbot, als er ihr Vicekammerherr war, dazu benutzt, ihr Anträge zu machen, die ihren gerechten Unwillen erregten. Bald nach seiner Entlassung wurde er in Anklagestand versetzt, weil er in einem Anfall von Jähzorn einen seiner Diener innerhalb des Palastdistrikts barbarisch geschlagen hatte. Er war schuldig befunden, aber begnadigt worden; allein von diesem Augenblicke an zeigte er bei jeder Gelegenheit den wüthendsten persönlichen Haß gegen seine königliche Gebieterin, gegen ihren Gemahl und gegen Alle, die bei Einem von Beiden in Gunst standen. Es war bekannt, daß die Königin Burnet häufig zu Rathe zog, und Howe glaubte, daß ihre Strenge Burnet's Einfluß zuzuschreiben sei.[111] Jetzt war die Zeit gekommen, wo er sich rächen konnte. In einer langen und vortrefflich ausgearbeiteten Rede stellte der hämische Whig -- denn für einen solchen gab er sich noch aus -- Burnet als einen Tory von der schlimmsten Sorte dar. »Es sollte ein Gesetz geben,« sagte er, »das den Geistlichen bei Strafe verböte, in ihren Vorträgen von Politik zu sprechen. Früher versuchten sie uns dadurch zu knechten, daß sie das göttliche und unveräußerliche Recht des Fürsten predigten; jetzt wollen sie das nämliche Resultat dadurch erreichen, daß sie uns sagen, wir seien ein erobertes Volk.« Es wurde beantragt, den Bischof in Anklagestand zu versetzen. Gegen diesen Antrag ließ sich ein unverwerflicher Einwand erheben, den der Sprecher andeutete. Der Hirtenbrief war im Jahre 1689 geschrieben und stand daher unter dem Schutze der im Jahre 1690 erlassenen Begnadigungsacte. Dennoch scheute sich ein Mitglied nicht, zu sagen: »Gleichviel, man klage ihn nur an und zwinge ihn, die Acte zu seinen Gunsten geltend zu machen.« Indessen waren nur Wenige geneigt, ein eines Hauses der Gemeinen so unwürdiges Verfahren einzuschlagen. Ein Spaßvogel rief aus: »Man verbrenne ihn, man verbrenne ihn!«[112] und dieser schlechte Witz lief durch alle Bänke und wurde mit schallendem Gelächter aufgenommen. Es wurde beantragt, daß dieser Hirtenbrief vom Henker verbrannt werden solle. Dieser Antrag rief eine lange und heftige Debatte hervor, denn Burnet war ein Mann, der eben so warme Freunde als bittere Feinde hatte. Die große Mehrheit der Whigs hielt fest zu ihm und seine Gutherzigkeit und Hochsinnigkeit hatte ihm selbst unter den Tories Freunde verschafft. Der Kampf währte zwei Tage. Montague und Finch, Männer von weitauseinandergehenden Ansichten, figurirten unter den Vertheidigern des Bischofs in erster Reihe. Ein Versuch, sich des Gegenstandes durch Beantragung der vorläufigen Frage zu entledigen, scheiterte. Endlich wurde die Hauptfrage gestellt und der Hirtenbrief mit einer geringen Majorität in einem vollen Hause zu den Flammen verurtheilt. Es hatten hundertzweiundsechzig Mitglieder mit Ja, hundertfünfundfunfzig mit Nein gestimmt.[113] Die allgemeine Meinung, wenigstens in der Hauptstadt, scheint die gewesen zu sein, daß Burnet rücksichtslos behandelt worden sei.[114]

Er war von Natur kein Mann von feinem Gefühl, und das Leben, welches er geführt, war nicht eben geeignet gewesen es zu verfeinern. Seit vielen Jahren war er eine Zielscheibe für theologischen und politischen Haß. Gelehrte Doktoren hatten Anathemas gegen ihn geschleudert; gemeine Poeten hatten ihn in Spottliedern verhöhnt; Fürsten und Minister hatten ihm nach dem Leben getrachtet; er war lange ein Umherirrender und Verbannter gewesen, in beständiger Gefahr aufgegriffen, in die spanischen Stiefeln gesteckt und gehängt und geviertheilt zu werden. Doch nichts von dem Allen scheint ihn irre gemacht zu haben. Sein Eigendünkel war gegen jeden Spott, sein unerschrockener Muth gegen jede Gefahr gewappnet. Bei dieser Gelegenheit aber scheint seine Standhaftigkeit ihn verlassen zu haben. Von dem volksthümlichen Zweige der Legislatur als ein Lehrer von Doctrinen, so servil, daß sie selbst Tories zuwider waren, gebrandmarkt zu werden, mit dem Herausgeber von Filmer in ein Verdammungsurtheil eingeschlossen zu sein, das war zu viel. Wie tief Burnet sich gekränkt fühlte, zeigte sich viele Jahre später, als nach seinem Tode seine +History of his Life and Times+ der Oeffentlichkeit übergeben wurde. In diesem Werke ergeht er sich gewöhnlich mit geschwätziger Weitschweifigkeit über Alles, was seine Person berührt, und erzählt zuweilen mit ergötzlicher Offenheit seine eigenen Fehler und den Tadel, den diese Fehler ihm zuzogen. Das vom Hause der Gemeinen über seinen Hirtenbrief verhängte schimpfliche Urtheil übergeht er jedoch mit einem sehr bedeutsamen Stillschweigen.[115]

Das Complot, welches Bohun ins Verderben stürzte, gereichte zwar Denen, die es geschmiedet, nicht zur Ehre, hatte aber wichtige und heilsame Folgen. Bevor das Verfahren des unglücklichen Censors der Beurtheilung des Parlaments vorgelegt wurde, hatten die Gemeinen, ohne Abstimmung und so weit es ersichtlich ist, ohne Discussion, beschlossen, daß die Acte, welche die Literatur einer Censur unterwarf, in Kraft bleiben solle. Jetzt indeß hatte die Frage eine neue Gestalt angenommen, und das Fortbestehen der Acte wurde nicht mehr als etwas Selbstverständliches betrachtet. Es begann sich eine der Freiheit der Presse günstige Stimmung zu zeigen, eine Stimmung, die allerdings noch keine große Ausdehnung und keine bedenkliche Intensität hatte. Das bestehende System, sagte man, sei sowohl dem Handel als den Wissenschaften nachtheilig. Könne man wohl erwarten, daß ein Kapitalist die zu einem großen literarischen Unternehmen erforderlichen Gelder vorstrecken, oder daß ein Gelehrter jahrelange Mühen und Forschungen auf ein solches Unternehmen verwenden werde, so lange es möglich sei, daß im letzten Augenblicke die Laune, die Bosheit oder die Dummheit eines Einzelnen den ganzen Plan zerstören könne? Und sei es gewiß, daß das Gesetz, das die Freiheit des Handels und des Gedankens so drückend beschränke, wirklich die Sicherheit des Staates vermehrt habe? Hätten nicht ganz neue Erfahrungen bewiesen, daß der Censor selbst ein Freund Ihrer Majestäten, oder noch schlimmer, ein alberner und verkehrter Freund sein könne; daß er ein Buch unterdrücken könne, von dem es in ihrem Interesse liege, daß jedes Haus im ganzen Lande ein Exemplar besitze, und daß er bereitwillig seine Sanction einem Libell geben könne, das die Tendenz habe, sie ihrem Volke verhaßt zu machen, und das von der Hand Ketch's zerrissen und verbrannt zu werden verdiene? Habe die Regierung durch Einführung einer literarischen Polizei, welche die Engländer verhindere, die Geschichte der blutigen Assisen zu besitzen, und ihnen dafür erlaube, Abhandlungen zu lesen, welche den König Wilhelm und die Königin Marie als Eroberer darstellten, etwa viel gewonnen?

Zur damaligen Zeit reichten Personen, die kein specielles Interesse an einer allgemeinen Bill hatten, nur sehr selten Petitionen gegen oder für dieselbe beim Parlamente ein. Die eingegangenen Petitionen, welche bei dieser Gelegenheit den beiden Häusern gegen die Censur vorgelegt wurden, gingen daher von Buchhändlern, Buchbindern und Buchdruckern aus.[116] Aber die Ansicht, welche diese Klassen aussprachen, beschränkte sich sicherlich nicht auf sie.

Das dem Erlöschen nahe Gesetz hatte acht Jahre bestanden. Es wurde nur auf zwei Jahre erneuert. Aus einer leider lückenhaften Notiz in den Protokollen der Gemeinen geht hervor, daß eine Abstimmung über ein Amendement stattfand, über dessen Natur wir völlig im Dunkeln gelassen sind. Die Stimmen waren neunundneunzig gegen achtzig. Bei den Lords wurde nach dem Rathe, den fünfzig Jahre früher Milton gab, und den Blount ihm gestohlen hatte, vorgeschlagen, jedes Buch, auf dessen Titel der Name eines Verfassers oder Verlegers angegeben sei, von der Autorität des Censors auszuschließen. Dieses Amendement wurde verworfen und die Bill angenommen, jedoch nicht ohne einen von elf Peers unterzeichneten Protest, in welchem sie erklärten, daß es ihrer Ansicht nach nicht im Interesse des Staats liegen könne, alle Wissenschaft und wahre Belehrung der Willkür und dem Belieben eines bezahlten und vielleicht unwissenden Censors zu unterwerfen. Unter den Protestirenden befanden sich Halifax, Shrewsbury und Mulgrave, drei Edelleute, welche verschiedenen politischen Parteien angehörten, sich aber sämmtlich durch wissenschaftliche Bildung auszeichneten. Es ist zu beklagen, daß die Unterschriften Tillotson's und Burnet's fehlen, welche beide an diesem Tage anwesend waren. Dorset war abwesend.[117]

Blount, durch dessen Bemühungen und Machinationen die Opposition gegen die Censur hervorgerufen worden war, lebte nicht so lange um diese Opposition mit Erfolg gekrönt zu sehen. Obgleich kein junger Mann mehr, war er von einer leidenschaftlichen Liebe zu der Schwester seiner verstorbenen Frau erfüllt. Nachdem er sich lange vergebens bemüht hatte, den Gegenstand seiner Liebe zu überzeugen, daß sie rechtmäßigerweise seine Gattin werden könne, brachte er sich endlich, ob aus Lebensüberdruß, oder in der Hoffnung, dadurch ihr Herz zu rühren, eine Wunde bei, an der er nach langem Siechthum starb. Er ist oft ein Gotteslästerer und Selbstmörder genannt worden, aber der wichtige Dienst, den er seinem Vaterlande, allerdings durch höchst unmoralische und entehrende Mittel leistete, ist fast unerwähnt geblieben.[118]

[_Zustand Irland's._] Spät in dieser geschäftsreichen und ereignißvollen Session wurde die Aufmerksamkeit der Häuser auf den Zustand Irland's gelenkt. Die Verwaltung dieses Reiches war während der sechs Monate, welche auf die Uebergabe von Limerick folgten, in einem ungeregelten Zustande gewesen. Erst als die irischen Truppen, welche zu Sarsfield hielten, nach Frankreich abgesegelt waren, und als die, die sich für das Zurückbleiben entschieden hatten, aufgelöst worden waren, erließ Wilhelm endlich eine Proklamation, in der er die Beendigung des Bürgerkrieges feierlich ankündigte. Von der Feindseligkeit der eingeborenen Bevölkerung war bei ihrem jetzigen Mangel an Anführern, Waffen und Organisation nichts weiter zu befürchten als gelegentliche Räubereien und Morde. Aber der Kriegsruf der Irländer war kaum verstummt, als sich auch schon das erste schwache Gemurmel der Engländer vernehmen ließ. Coningsby stand seit einigen Monaten an der Spitze der Verwaltung. Er machte sich der dominirenden Kaste bald im höchsten Grade verhaßt. Er war ein characterloser Mensch, von einer unersättlichen Gier nach Reichthümern beseelt und in einer Stellung, in der ein characterloser Mann leicht zu Reichthümern gelangen konnte. Ungeheure Summen Geldes, ungeheure Massen militärischer Vorräthe waren von England herübergeschickt worden, großartige Confiscationen fanden in Irland statt. Der habsüchtige Gouverneur hatte täglich Gelegenheit zu unterschlagen und zu erpressen, und er benutzte diese Gelegenheiten ohne Gewissensscrupel und ohne Scham. Dies war jedoch in den Augen der Colonisten noch nicht sein größtes Verbrechen. Seine Habgier würden sie ihm noch verziehen haben; aber die Milde, die er gegen ihre besiegten und geknechteten Feinde übte, konnten sie ihm nicht verzeihen. Seine Milde bestand allerdings nur darin, daß er das Geld mehr liebte als er die Papisten haßte, und daß er nicht abgeneigt war, Dem und Jenem von der unterdrückten Klasse ein wenig Gerechtigkeit für einen hohen Preis zu verkaufen. Leider betrachtete die herrschende Minderheit, noch blutend von den Wunden des letzten Kampfes und noch trunken von dem errungenen Siege, die unterjochte Mehrheit als eine Heerde Vieh, oder vielmehr als ein Rudel Wölfe. Der Mensch erkennt dem niedrigen Thiere keine Rechte zu, die sich mit seiner Bequemlichkeit nicht vertragen, und wie der Mensch die unter ihm stehenden Thiere behandelt, so glaubte der Cromwellianer die römischen Katholiken behandeln zu dürfen. Coningsby zog sich daher durch seine wenigen guten Thaten einen ärgeren Sturm von Vorwürfen zu, als durch seine vielen schlechten Thaten. Das Geschrei gegen ihn war so heftig, daß er abberufen werden mußte, und Sidney ging mit der ganzen Macht und dem ganzen Ansehen eines Vicekönigs hinüber, um in Dublin ein Parlament zu halten.[119]

Aber der sanfte Character und die gewinnenden Manieren Sidney's machten keineswegs einen versöhnenden Eindruck. Er selbst scheint zwar nicht nach unerlaubtem Gewinn gestrebt zu haben; aber er verstand es nicht, mit hinreichend fester Hand den Schwarm der Subalternbeamten zu zügeln, welche durch Coningsby's Beispiel und Protection ermuthigt worden waren, das Volk auszuplündern und ihre Dienste Supplikanten zu verkaufen. Auch war der neue Vicekönig nicht geneigt, die schwachen Ueberreste der einheimischen Aristokratie hart zu behandeln. Daher wurde er denn sehr bald für die angelsächsischen Colonisten ein Gegenstand des Mißtrauens und des Widerwillens. Sein erster Act war, daß er eine allgemeine Wahl ausschrieb. Die Katholiken waren von jeder Municipalcorporation ausgeschlossen worden; aber kein Gesetz hatte ihnen noch das Grafschaftswahlrecht entzogen. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß kein einziger katholischer Freisasse sich den Wahlorten zu nähern wagte. Die gewählten Mitglieder waren mit wenigen Ausnahmen Männer, die vom Geiste von Enniskillen und Londonderry beseelt waren, einem in der Zeit der Bedrängniß und Gefahr ungemein heldenmüthigen, in der Zeit des Glücks und der Macht aber nur zu oft grausamen und herrschsüchtigen Geiste. Sie verabscheuten den Civiltractat von Limerick und waren entrüstet, als sie erfuhren, daß der Lordlieutenant mit Bestimmtheit die parlamentarische Ratification dieses verhaßten Tractats von ihnen erwartete, eines Tractats, der den Götzendienst der Messe sanctionirte und die guten Protestanten verhinderte, ihre papistischen Nachbarn durch Anstellung von Civilklagen wegen zur Zeit des Kriegs ihnen zugefügter Unbilden zu Grunde zu richten.[120]

Am 5. October 1692 trat das Parlament zu Dublin in Chichester House zusammen. Es war ganz anders zusammengesetzt als die Versammlung, welche im Jahre 1689 denselben Namen getragen hatte. Kaum ein Peer, und nicht ein Mitglied des Hauses der Gemeinen, die in King's Inns gesessen, war hier zu sehen. Auf den Schwarm der O und Mac, der Nachkommen der ehemaligen Fürsten der Insel, waren Männer gefolgt, deren Namen einen sächsischen Ursprung verriethen. Ein einziger O, ein von dem Glauben seiner Väter Abgefallener, und drei Mac, offenbar Einwanderer aus Schottland und wahrscheinlich Presbyterianer, hatten Sitze in der Versammlung.

Das so zusammengesetzte Parlament besaß damals weniger Befugnisse als die gesetzgebenden Versammlungen von Jamaika oder von Virginien. Die in Dublin tagende Legislatur war nicht blos der absoluten Controle der in Westminster tagenden Legislatur unterworfen, sondern ein im 15. Jahrhundert während der Verwaltung des Lordstellvertreters Poynings erlassenes und nach ihm benanntes Gesetz hatte auch bestimmt, daß keine vom englischen Geheimen Rathe nicht erwogene und genehmigte Bill in einem der beiden irischen Häuser eingebracht und daß jede so berathene und genehmigte Bill entweder ohne Amendement angenommen oder verworfen werden müsse.[121]