Geschichte Von England Seit Der Thronbesteigung Jakob S Des Zwe

Chapter 7

Chapter 73,340 wordsPublic domain

[_Benehmen der Dissenters._] Die Dissenters schwankten und man darf ihnen keinen Vorwurf daraus machen. Sie litten und der König hatte ihnen Linderung verschafft. Einige ausgezeichnete Geistliche waren ihrer Haft entlassen worden, andere hatten es gewagt, aus dem Exil zurückzukehren. Gemeinden, die ihre Zusammenkünfte bisher nur heimlich und im Dunklen hatten abhalten können, versammelten sich jetzt am hellen Tage und sangen laut ihre Psalmen vor den Augen von Magistratsbeamten, Kirchenvorstehern und Constablern. Bescheidene Gotteshäuser von puritanischer Bauart begannen sich in allen Gegenden Englands zu erheben. Der aufmerksame Reisende kann noch jetzt an einigen der ältesten Bethäuser die Jahrzahl 1687 erkennen. Dessen ungeachtet waren die Anerbietungen der Kirche für einen klugen Dissenter viel lockender als die des Königs. Die Indulgenzerklärung war in den Augen des Gesetzes null und nichtig. Sie suspendirte die Strafgesetze gegen Nonconformität nur auf so lange, als die Grundprinzipien der Verfassung und die rechtmäßige Autorität des gesetzgebenden Körpers aufgehoben blieben. Welchen Werth hatten Privilegien, die auf einen so schmachvollen und zugleich so unsicheren Besitztitel beruhten? Es konnte bald eine Thronerledigung eintreten, ein der Landeskirche anhängender Souverain konnte auf den Thron kommen und ein aus Mitgliedern der Landeskirche bestehendes Parlament gebildet werden. Wie beklagenswerth mußte dann die Lage der Dissenters werden, die sich mit Jesuiten gegen die Verfassung verbündet hatten! Die Kirche bot eine Indulgenz ganz andrer Art als die von Jakob gewährte dar, eine Indulgenz, die eben so rechtsgültig und heilig war als die Magna Charta. Beide streitende Parteien versprachen dem Separatisten Glaubensfreiheit; aber die eine Partei verlangte von ihm, daß er sie durch Aufopferung der bürgerlichen Freiheit erkaufen sollte, während die andre ihn zum Genuß der bürgerlichen und religiösen zugleich einlud.

Aus diesen Gründen konnte ein Dissenter sich wohl entschließen, sein Loos mit dem der Staatskirche zu verknüpfen, selbst wenn er hätte glauben können, daß der Hof es aufrichtig meinte. Aber wer garantirte ihm für die Aufrichtigkeit des Hofes? Jedermann kannte das bisherige Benehmen Jakob’s. Es war zwar nicht gerade unmöglich, daß ein Verfolger durch Vernunftgründe und Erfahrungen von den Vortheilen der Religionsduldung überzeugt werden konnte. Aber Jakob behauptete, nicht erst neuerdings überzeugt worden zu sein; im Gegentheil, er versäumte keine Gelegenheit, um zu versichern, daß er schon seit vielen Jahren aus Grundsatz aller Unduldsamkeit feind gewesen sei. Dennoch hatte er noch vor wenigen Monaten Männer, Frauen und junge Mädchen um ihrer Religion willen bis zum Tode verfolgt. Hatte er damals gegen die bessere Überzeugung seines Gewissens gehandelt? oder sagte er jetzt eine wissentliche Unwahrheit? Aus diesem Dilemma gab es keinen Ausweg und jede der beiden Annahmen war für den Ruf der Rechtschaffenheit des Königs gleich verderblich. Außerdem war auch allbekannt, daß ihn die Jesuiten ganz in ihrer Gewalt hatten. Erst wenige Tage vor der Bekanntmachung der Indulgenz war dieser Orden dem wohlbekannten Willen des heiligen Stuhles zum Trotz mit einem neuen Beweise seines Vertrauens und seines Beifalls beehrt worden. Sein Beichtvater, Pater Mansuetus, ein Franziskaner, dessen menschenfreundlicher Character und tadelloser Lebenswandel die größte Achtung verdienten, den aber Tyrconnel und Petre schon längst haßten, war entlassen worden. Den dadurch erledigten Posten erhielt ein Engländer, Namens Warner, der von dem Glauben seines Vaterlandes abgefallen und Jesuit geworden war. Den gemäßigten Katholiken und dem Nuntius war dieser Wechsel nichts weniger als angenehm, und jeder Protestant erblickte darin einen Beweis, daß die Jesuiten eine unumschränkte Herrschaft über das Gemüth des Königs ausübten.[40] So großes Lob auch diese Väter mit Recht beanspruchen konnten, besondere Liberalität und Wahrheitsliebe konnte selbst die Schmeichelei ihnen nicht beimessen. Daß sie, wenn es das Interesse ihres Glaubens oder ihres Ordens galt, niemals Bedenken trugen, den Beistand des weltlichen Schwerts anzurufen, oder die Gesetze der Wahrheit und Treue zu verletzen, dies war der Welt nicht nur durch protestantische Ankläger, sondern auch durch Männer verkündet worden, deren Tugendhaftigkeit und Genie der Stolz der römischen Kirche war. Es war unglaublich, daß ein ergebener Schüler der Jesuiten der Gewissensfreiheit aus Grundsatz zugethan sein sollte; dagegen aber war es weder unglaublich noch unwahrscheinlich, daß er es für gerechtfertigt hielt, seine wahren Gesinnungen zu verbergen, um seiner Religion einen Dienst zu erzeigen. Es war gewiß, daß dem Könige im Herzen die Anglikaner lieber waren als die Puritaner; es war gewiß, daß, so lange er noch Hoffnung hatte, die Anhänger der Staatskirche zu gewinnen, er den Puritanern nie die geringste Freundlichkeit erwiesen hatte. Konnte es also wohl einem Zweifel unterliegen, daß er selbst jetzt noch die Puritaner willig aufopfern würde, wenn die Anglikaner sich seinen Wünschen fügten? Sein wiederholt gegebenes Versprechen hatte ihn nicht abgehalten, die gesetzlichen Rechte der Geistlichkeit anzutasten, welche so viele sprechende Beweise von treuer Anhänglichkeit an sein Haus gegeben hatte. Welche Sicherheit konnte sonach sein Wort Secten gewähren, welche durch die Erinnerung an tausend geschlagene und empfangene, nicht wieder gut zu machende Wunden von ihm geschieden waren?

[Anmerkung 40: Ellis’ Correspondenz, 15. März u. 27. Juli 1686; Barillon, 28. Febr. (10. März), 3.(13.) März, 6.(16.) März 1687; Ronquillo, 9.(19.) März 1687 in der Mackintosh-Sammlung.]

[_Einige von ihnen halten es mit dem Hofe. Care, Alsop, Rosewell._] Als die durch Bekanntmachung der Indulgenz verursachte Aufregung sich ein wenig gelegt hatte, zeigte es sich, daß in der puritanischen Partei eine Spaltung eingetreten war. Die Minorität, mit einigen wenigen thätigen Männern an der Spitze, deren Urtheil mangelhaft oder durch das Interesse geleitet war, unterstützte den König. Heinrich Care, welcher lange Zeit der heftigste und thätigste Pamphletist unter den Nonconformisten gewesen war und der in den Tagen des papistischen Complots Jakob in einer Schrift unter dem Titel +Packet of Advice from Rome+ (Nachrichtenpacket von Rom) mit schrankenloser Wuth angegriffen hatte, schmeichelte ihm jetzt eben so laut, als er ihn früher geschmäht und verleumdet hatte.[41] Der Hauptagent, dessen sich die Regierung zur Bearbeitung der Presbyterianer bedient hatte, war Vincenz Alsop, ein Geistlicher, der als Prediger wie auch als Schriftsteller nicht unbekannt war. Sein Sohn, der wegen Hochverraths bestraft worden war, wurde begnadigt, und daher widmete der Vater seinen ganzen Einfluß dem Hofe.[42] Mit Alsop verbunden war Thomas Rosewell. Rosewell war während der durch die Entdeckung des Ryehousecomplots herbeigeführten Verfolgung der Dissenters fälschlich angeklagt worden, daß er gegen die Regierung gepredigt habe. Jeffreys hatte auf seine Verurtheilung zum Tode angetragen und eine bestochene Jury hatte ihn den klarsten Beweisen von seiner Unschuld zum Trotz für schuldig erklärt. Die Ungerechtigkeit des Urtheils war so himmelschreiend, daß selbst die Höflinge sich darüber empört zeigten. Ein angesehener Tory, der den Verhandlungen des Prozesses beigewohnt hatte, ging augenblicklich zu Karl und erklärte, daß der Hals des loyalsten Unterthanen in England nicht mehr sicher sein würde, wenn man Rosewell hinrichtete. Die Geschwornen selbst wurden von Reue ergriffen, als sie überlegten, was sie gethan hatten, und boten Alles auf, um dem Gefangenen das Leben zu retten. Endlich wurde seine Begnadigung bewilligt, aber Rosewell mußte drückende Bürgschaft für sein ferneres Wohlverhalten stellen und zu bestimmten Zeiten persönlich vor dem Gerichtshofe der Kings Bench erscheinen. Seine Bürgschaften wurden jetzt auf königlichen Befehl erlassen und dadurch seine Dienste gewonnen.[43]

[Anmerkung 41: +Wood’s Athenae Oxonienses+; +Observator+; +Heraclitus Ridens+ an mehreren Stellen. Doch Care’s eigene Schriften sind das beste Material zur Würdigung seines Characters.]

[Anmerkung 42: +Calamy’s Account of the Ministers ejected or silenced after the Restoration, Northamptonshire+; +Wood’s Athenae Oxonienses+; +Biographia Britannica.+]

[Anmerkung 43: +Collection of State Trials+; +Samuel Rosewell’s Life of Thomas Rosewell, 1718+; +Calamy’s Account.+]

[_Lobb._] Das Geschäft, die Independenten zu gewinnen, war vornehmlich einem ihrer Geistlichen, Namens Stephan Lobb, übertragen. Lobb war ein schwacher, heftiger und ehrgeiziger Mann. Er hatte die Opposition gegen die Regierung so weit getrieben, daß sein Name in mehreren Proklamationen geächtet worden war, söhnte sich aber jetzt mit dem Hofe aus und ging in der Servilität eben so weit als er je in der Opposition gegangen war. Er schloß sich der jesuitischen Cabale an und rieth eifrig zu Maßregeln, vor denen die verständigsten und ehrenwerthesten Katholiken zurückschauderten. Man bemerkte, daß er fortwährend im Palaste und häufig im Privatkabinet des Königs war, daß er in einem Glanze lebte, an den die puritanischen Geistlichen nicht gewöhnt waren, und daß er beständig von Bittstellern belagert war, denen er durch seinen Einfluß Stellen und Begnadigungen verschaffen sollte.[44]

[Anmerkung 44: +London Gazette, March 15. 1685/6+; +Nichols’s Defence of the Church of England+; +Pierce’s Vindication of the Dissenters.+]

[_Penn._] Mit Lobb eng befreundet war Wilhelm Penn. Penn war nie ein characterfester Mann gewesen, das Leben, das er seit zwei Jahren führte, hatte sein sittliches Zartgefühl nicht wenig verhärtet, und wenn sein Gewissen ihm einmal Vorwürfe machte, so tröstete er sich immer wieder mit dem Gedanken, daß er einen guten und edlen Zweck verfolge und daß ihm seine Dienste nicht mit Geld bezahlt würden.

Durch den Einfluß dieser und anderer weniger hervorragender Männer wurden mehrere Dissentergemeinden bewogen, Dankadressen an den König zu richten. Toryistische Schriftsteller haben mit Recht bemerkt, daß die Sprache dieser Adressen so widerlich servil war wie nur in irgend einer der überschwenglichsten Lobreden, welche den Stuarts von Bischöfen gespendet worden sind. Bei genauer Untersuchung stellt es sich heraus, daß die Schmach nur einem sehr kleinen Theile der puritanischen Partei zur Last fällt. Es gab kaum einen Marktflecken in England, der nicht wenigstens ein kleines Häuflein Separatisten gehabt hätte, und man sparte keine Mühe, um sie zu einer Äußerung ihrer Dankbarkeit für die Indulgenz zu bewegen. Rundschreiben, welche sie zur Unterzeichnung aufforderten, wurden nach allen Gegenden des Landes in solchen Massen geschickt, daß, wie man scherzweise sagte, die Postfelleisen den Pferden zu schwer waren. Indessen belief sich die Gesammtzahl der Adressen, die man von allen über ganz England zerstreuten Presbyterianern, Independenten und Baptisten erlangen konnte, noch nicht auf sechzig; auch ist kein Grund zu der Vermuthung vorhanden, daß diese Adressen zahlreiche Unterschriften hatten.[45]

[Anmerkung 45: Die Adressen sind in der London Gazette zu finden.]

[_Die Mehrzahl der Puritaner ist gegen den Hof. Baxter._] Die große Masse der protestantischen Nonconformisten, welche fest an den bürgerlichen Freiheiten hing und den Versprechungen des Königs und der Jesuiten nicht traute, weigerte sich standhaft, für eine Begünstigung zu danken, hinter der man mit gutem Grund eine Schlinge argwöhnen durfte. Dies war die Stimmung aller angesehensten Oberhäupter der Partei. Zu ihnen gehörte Baxter. Er war, wie wir gesehen haben, bald nach Jakob’s Thronbesteigung in Untersuchung gezogen, von Jeffreys gröblich insultirt und von einer Jury, wie die höfischen Sheriffs der damaligen Zeit sie zu wählen pflegten, für schuldig erklärt worden. Baxter befand sich seit ungefähr anderthalb Jahren im Gefängniß, als der Hof ernstlich darauf zu denken begann, die Nonconformisten zu gewinnen. Er wurde nicht allein in Freiheit gesetzt, sondern auch bedeutet, daß er, wenn er sonst wollte, seinen Aufenthalt in London nehmen könnte, ohne die Anwendung der Fünfmeilenacte gegen sich zu fürchten. Die Regierung hoffte wahrscheinlich, daß die Erinnerung an vergangene Leiden und das Gefühl der gegenwärtigen Erlösung auf ihn die nämliche Wirkung äußern werde, wie auf Rosewell und Lobb. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als irrig. Baxter war weder zu bestechen, noch zu täuschen; er weigerte sich, irgend eine Dankadresse für die Indulgenz zu unterzeichnen und verwendete seinen ganzen Einfluß zur Herbeiführung eines guten Vernehmens zwischen der Staatskirche und den Presbyterianern.[46]

[Anmerkung 46: +Calamy’s Life of Baxter.+]

[_Howe._] Wenn es irgend einen Mann gab, der in der Achtung der protestantischen Dissenters noch höher stand als Baxter, so war dies Johann Howe. Howe hatte, wie Baxter, durch den neuerlichen Umschwung der Politik persönlich gewonnen. Die nämliche Tyrannei, welche Baxter ins Gefängniß warf, hatte ihn in die Verbannung getrieben und bald nach Baxter’s Entlassung aus dem Gefängnisse der Kings Bench kehrte Howe von Utrecht nach England zurück. Man erwartete in Whitehall, daß Howe den ganzen Einfluß, den er auf seine Glaubensgenossen ausübte, zu Gunsten des Hofes verwenden werde. Der König selbst ließ sich herab, den Unterthan, den er unterdrückt hatte, um seinen Beistand zu bitten. Howe scheint geschwankt zu haben; der Einfuß Hampden’s aber, mit dem er intim befreundet war, vermochte ihn, der Sache der Verfassung treu zu bleiben. Eine Versammlung presbyterianischer Geistlichen wurde in seinem Hause gehalten, um über die Lage der Dinge zu berathen und über den einzuschlagenden Weg einen Beschluß zu fassen. Im Palaste erwartete man mit ängstlicher Spannung das Ergebniß. Zwei königliche Abgesandte wohnten der Verhandlung bei, und sie kamen mit der unwillkommnen Nachricht zurück, daß Howe sich entschieden gegen das Dispensationsrecht erklärt und nach langer Debatte die Majorität der Versammlung für sich gewonnen habe.[47]

[Anmerkung 47: +Calamy’s Life of Howe+. Den Antheil, den die Familie Hampden an dieser Angelegenheit gehabt, habe ich aus einem Briefe von Johnstone an Waristoun vom 13. Juni 1688 erfahren.]

[_Bunyan._] Neben Baxter und Howe muß noch ein andrer Mann genannt werden, der nach seiner Stellung und Gelehrsamkeit tief unter ihnen, an Tugend aber ihnen gleich, und an Genie hoch über ihnen stand, Johann Bunyan. Bunyan war ursprünglich Kesselflicker gewesen und hatte als gemeiner Soldat in der Parlamentsarmee gedient. Schon in seinen früheren Jahren hatten ihn furchtbare Gewissensbisse wegen seiner Jugendsünden gequält, von denen jedoch die schlimmsten solche gewesen zu sein scheinen, welche die Welt für verzeihlich hält. Seine große Reizbarkeit und seine glühende Phantasie machten seine inneren Kämpfe ganz besonders qualvoll. Er bildete sich ein, daß ein Verdammungsurtheil über ihn verhängt sei, daß er den heiligen Geist gelästert, daß er Christum verkauft habe und daß er thatsächlich von einem bösen Geiste besessen sei. Bald vernahm er laute Warnungsstimmen vom Himmel, bald versuchte ihn der Teufel durch gottlose Einflüsterungen. Er hatte Visionen von entfernten Berggipfeln, welche die Sonne glänzend beleuchtete, von denen er aber durch eine Schneewüste getrennt war. Er fühlte wie der Teufel ihn an den Kleidern zupfte; er glaubte, das Kainszeichen sei ihm aufgedrückt; er fürchtete daß er zerbersten werde, wie Judas. Diese Seelenkämpfe zerrütteten seine Gesundheit. Den einen Tag zitterte er wie ein vom Schlage Getroffener; ein andermal brannte es ihn wie Feuer in der Brust. Es ist kaum zu begreifen, daß er so entsetzlichen und andauernden Qualen nicht unterlag. Endlich zertheilten sich die Wolken. Aus dem Abgrunde der Verzweiflung erhob sich der Büßende in einen Zustand heiterer Glückseligkeit. Ein unwiderstehlicher Drang trieb ihn an, auch Andere des Segens theilhaftig werden zu lassen, dessen er selbst genoß.[48] Er schloß sich den Baptisten an und wurde Prediger und Schriftsteller. Seine Erziehung war die eines Handwerkers gewesen und er verstand keine andre Sprache als die englische, wie sie von dem niederen Volke gesprochen wird. Er hatte kein großes Musterwerk studirt, mit der einzigen, allerdings sehr bedeutenden Ausnahme unsrer herrlichen Bibelübersetzung. Seine Orthographie war schlecht; er machte häufige Verstöße gegen die Regeln der Grammatik. Doch sein angebornes Genie und seine durch eigene Erfahrung erworbene Kenntniß aller religiösen Gefühle, von der Verzweiflung bis zur Verzückung, ersetzten in ihm reichlich den Mangel an Gelehrsamkeit. Seine natürliche Beredtsamkeit erhob und rührte Zuhörer, welche bei den fleißig ausgearbeiteten Vorträgen großer Dialektiker und Hebraisten kalt blieben. Seine Werke waren unter den niederen Klassen weit verbreitet. Eines davon, des Pilgers Reise, wurde schon zu seinen Lebzeiten in mehrere fremde Sprachen übersetzt. Den Gelehrten und höher Gebildeten war es jedoch kaum bekannt, und die frommen Hüttenbewohner und Handwerker hatten sich bereits seit einem Jahrhundert daran erfreut, als es endlich von einem in der Literatur sehr hochstehenden Manne öffentlich empfohlen wurde. Die Kritik ließ sich nun herab, das Geheimniß einer so ausgedehnten und dauernden Popularität zu erforschen. Sie mußte gestehen, daß die unwissende Menge richtiger geurtheilt hatte als die Gelehrten und daß das verachtete Büchlein wirklich ein Meisterwerk war. Bunyan ist in der That ebenso gewiß der erste Allegoriker, wie Demosthenes der erste Redner und Shakespeare der erste Dramatiker ist. Zwar haben andere Allegoriker eine gleiche Erfindungsgabe gezeigt; aber kein andrer ist je im Stande gewesen, das Herz zu rühren und abstracte Begriffe zu Gegenständen des Entsetzens, des Mitleids und der Liebe zu machen.[49]

Es dürfte zu bezweifeln sein, ob irgend ein englischer Dissenter die Last der Strafgesetze schwerer empfunden hat als Johann Bunyan. Von den siebenundzwanzig Jahren, welche seit der Restauration verstrichen waren, hatte er zwölf im Gefängniß zugebracht. Dennoch fuhr er fort zu predigen, aber um dies zu können, mußte er sich als Fuhrmann verkleiden. Oft wurde er, im Fuhrmannskittel und mit der Peitsche in der Hand, durch eine Hinterthür in die Versammlung eingeführt. Hätte er nur an seine eigene Ruhe und Sicherheit gedacht, so würde er die Indulgenzerklärung freudig begrüßt haben. Jetzt durfte er endlich am hellen Tage predigen und ermahnen. Seine Gemeinde wuchs mit reißender Schnelligkeit. Tausende hingen an seinen Lippen und in Bedford, wo er sich größtentheils aufhielt, gingen reiche Beisteuern zum Bau eines Bethauses für ihn ein. Er stand in so hohem Ansehen bei dem gemeinen Volke, daß die Regierung ihm gern ein städtisches Amt übertragen hätte; aber sein scharfer Verstand und sein treues englisches Herz widerstanden siegreich allen Versuchungen und Täuschungen. Er war fest überzeugt, daß die angebotene Duldung nur ein Köder sei, um die puritanische Partei damit ins Verderben zu locken; auch wollte er nicht durch Annahme einer Stelle, zu der er nicht gesetzlich qualificirt war, die Gültigkeit der Dispensationsgewalt anerkennen. Eine der letzten edlen Handlungen seines tugendreichen Lebens war die Ablehnung einer Unterredung, zu der er durch einen Agenten der Regierung eingeladen wurde.[50]

[Anmerkung 48: +Bunyan’s Grace Abounding.+]

[Anmerkung 49: Young stellt Bunyan’s Prosa auf gleiche Stufe mit Durfey’s Poesie. Die fashionablen Leute im +Spiritual Quixote+ stellen den +Pilgrim’s Progress+ mit +Jack the Giantkiller+ zusammen. Spät im achtzehnten Jahrhundert wagte Cowper nur eine Anspielung auf den großen Allegoriker:

Nicht nennen will ich dich, damit Dein Name Statt wohlverdienten Ruhm nicht Hohn Dir bringe.]

[Anmerkung 50: Fortsetzung von Bunyan’s Biographie im Anhang zu seiner „Überströmenden Gnade.“]

[_Kiffin._] So groß Bunyan’s Ansehen bei den Baptisten war, Wilhelm Kiffin’s Ansehen war noch größer. Kiffin war in Bezug auf Rang und Reichthum der Erste unter ihnen. Er pflegte seine geistlichen Talente bei ihren Versammlungen auszuüben, erwarb sich aber nicht durch Predigen seinen Unterhalt. Er machte große Handelsgeschäfte, stand an der Börse in hohem Ansehen und hatte sich ein bedeutendes Vermögen gesammelt. Niemand hätte vielleicht unter den dermaligen Verhältnissen dem Hofe werthvollere Dienste leisten können als er. Aber zwischen ihm und dem Hofe stand die Erinnerung an ein entsetzliches Ereigniß. Er war der Großvater der Gebrüder Hewling, der beiden muthigen Jünglinge, welche von allen Opfern der blutigen Assisen vielleicht am allgemeinsten bedauert worden waren. Für das traurige Loos des einen von ihnen war Jakob ganz besonders verantwortlich. Jeffreys hatte dem jüngeren Bruder einen Aufschub bewilligt. Churchill hatte der Schwester der beiden jungen Männer eine Audienz beim Könige verschafft, und sie hatte um Gnade gefleht; aber des Königs Herz war unerbittlich gewesen. Es war für die ganze Familie ein harter Schlag; am meisten aber war Kiffin zu bedauern. Er war siebzig Jahr alt, als er vereinsamt dastand. Diejenigen überlebend, die ihn hatten überleben sollen. Die herzlosen und feilen Schmarotzer von Whitehall glaubten, indem sie nach sich selbst urtheilten, der alte Mann werde durch einen Aldermansmantel und durch eine Geldentschädigung für das verwirkte Vermögen seiner Enkel leicht wieder zu gewinnen sein. Penn wurde zu dem Verführungswerke ausersehen; aber seine Bemühungen waren vergebens. Der König beschloß hierauf, die Wirkung seiner persönlichen Artigkeit zu versuchen. Kiffin wurde in den Palast beschieden. Er fand einen glänzenden Kreis von Kavalieren und Gentlemen versammelt. Jakob kam ihm sogleich entgegen, redete ihn sehr freundlich an und schloß mit den Worten: „Ich habe Sie zu einem der Aldermen von London bestimmt, Herr Kiffin.“ Der alte Mann sah den König fest an, brach in Thränen aus und antwortete: „Sire, ich bin abgenutzt, ich bin nicht mehr fähig, Eurer Majestät oder der Hauptstadt zu dienen. Und überdies, Sire, hat der Tod meiner armen Jungen mir das Herz gebrochen. Diese Wunde ist noch heute so frisch wie jemals, und ich werde sie mit ins Grab nehmen.“ Der König schwieg einige Augenblicke sichtlich bewegt und sagte dann: „Ich werde einen Balsam für diese Wunde finden, Herr Kiffin.“ Es war gewiß nicht Jakob’s Absicht, etwas Kränkendes oder Übermüthiges zu sagen, im Gegentheil, er scheint sich in einer ungewöhnlich weichen Stimmung befunden zu haben. Dennoch wirft keine Äußerung die uns von ihm berichtet wird, ein so nachtheiliges Licht auf seinen Character als diese wenigen Worte. Es sind die Worte eines hartherzigen, niedrig denkenden Mannes, der sich keine Verwundung des Gefühls denken kann, welche durch eine Stelle oder durch eine Pension nicht vollkommen zu heilen wäre.[51]