Geschichte Von England Seit Der Thronbesteigung Jakob S Des Zwe
Chapter 19
Man hat Grund zu der Vermuthung, daß die Regierung um diese Zeit ernstlich mit dem Plane umging, einen Schlag zu führen, der viele tausend Familien an den Bettelstab gebracht und auf die socialen Zustände aller Landestheile störend eingewirkt haben würde. Niemand durfte Wein, Bier oder Kaffee ohne Concession verkaufen. Es hieß nun, daß jeder Inhaber einer solchen Concession demnächst aufgefordert werden sollte, entweder dieselben Verpflichtungen einzugehen, welche den öffentlichen Beamten auferlegt worden waren, oder sein Geschäft aufzugeben.[80] Wäre ein solcher Schritt gethan worden, so würden ohne allen Zweifel die Wirthshäuser und öffentlichen Vergnügungsorte im ganzen Lande zu Hunderten geschlossen worden sein. Welche Wirkung ein solcher Eingriff in die Lebensgenüsse aller Stände hervorgebracht haben würde, läßt sich nur muthmaßen. Der durch Übel erzeugte Unwille steht nicht immer im Verhältnisse mit der Wichtigkeit derselben, und es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß die Einziehung von Schankconcessionen das bewirkt haben würde, was die Entziehung von Freibriefen nicht bewirkt hatte. Die Vornehmeren würden ihr Chokoladenhaus in St. James Street, die Geschäftsmänner ihre Kaffeekanne, bei der sie in Change Alley zu rauchen und zu politisiren pflegten, schmerzlich vermißt haben. Die Hälfte der Clubs hätte sich neue Versammlungslokale suchen müssen. Der Reisende würde des Nachts den Gasthof, in welchem er gewohnt war abzusteigen und seine Abendmahlzeit einzunehmen, verödet gefunden haben. Der Landmann würde die Bierschenke vermißt haben, wo er im Sommer auf der Bank vor der Thür, im Winter am Kamin seinen Krug zu trinken gewohnt war. Es war leicht möglich, daß die auf solche Art gereizte Nation sich zu einem allgemeinen Aufstande erhob, ohne auf die Hülfe fremder Verbündeter zu warten.
[Anmerkung 78: Citters, 6.(16.) April 1688; +Treasury Letter Book. March 14. 1687/88+; Ronquillo, 16.(26.) April.]
[Anmerkung 79: Citters, 18.(28.) Mai 1688.]
[Anmerkung 80: +Ibid.+ 18.(28.) Mai 1688.]
[_Entlassung Sawyer’s._] Es war nicht zu erwarten, daß ein Fürst, der von allen niederen Dienern der Regierung bei Strafe der Entlassung Unterstützung seiner Politik verlangte, einen Generalfiskal behalten würde, dessen Abneigung gegen diese Politik kein Geheimniß war. Sawyer hatte noch über anderthalb Jahr in seiner Stellung bleiben dürfen, nachdem er sich gegen die Dispensationsgewalt erklärt hatte. Diese ungewöhnliche Nachsicht verdankte er nur der außerordentlichen Schwierigkeit, die es der Regierung machte, einen Nachfolger für ihn zu finden. Es war um der pekuniären Interessen der Krone willen nothwendig, daß wenigstens einer der beiden ersten Staatsanwälte ein talentvoller und kenntnißreicher Mann war, und es war keineswegs leicht, einen diesen Anforderungen genügenden Juristen zu bewegen, daß er sich durch das tägliche Begehen von Handlungen, welche das nächste Parlament wahrscheinlich als schwere Übertretungen und Verbrechen betrachtete, sehr ernster Gefahr aussetzte. Es war nicht möglich gewesen, einen besseren Generalprokurator als Powis aufzutreiben, ein Mann, der sich zwar aus nichts ein Gewissen machte, der aber auch nicht einmal den gewöhnlichsten Pflichten seines Postens gewachsen war. Unter diesen Umständen hielt man es für wünschenswerth, die Arbeit zu theilen. Ein Fiskal, dessen Berufstüchtigkeit durch Gewissensskrupel bedeutend beeinträchtigt wurde, hatte einen Prokurator zur Seite, dessen Gewissenlosigkeit seinen Mangel an Befähigung einigermaßen ersetzte. Wenn es der Regierung um energische Durchführung des Gesetzes zu thun war, so wendete sie sich an Sawyer; wollte sie das Gesetz mit Füßen treten, so hielt sie sich an Powis. Dieses Arrangement wurde so lange beibehalten, bis der König die Dienste eines Anwalts erlangte, der zu gleicher Zeit noch gewissenloser als Powis und geschickter als Sawyer war.
[_Williams Generalprokurator._] Keiner der damals lebenden Advokaten hatte der Regierung giftiger opponirt als Wilhelm Williams. Er hatte sich unter der vorigen Regierung als Whig und Exclusionist hervorgethan. Als die Parteiwuth den höchsten Grad erreicht hatte, war er zum Sprecher des Unterhauses erwählt worden. Nach der Prorogation des oxforder Parlaments war er der gewöhnliche Rechtsbeistand der heftigsten Demagogen gewesen, die des Aufruhrs angeklagt wurden. Er besaß anerkanntermaßen bedeutende juristische Gewandtheit und Kenntnisse. Unbesonnene Überstürzung und Parteigeist hielt man für seine Hauptfehler; daß er noch andere Fehler hatte, in Vergleich mit denen die genannten als Tugenden gelten konnten, ahnete man damals noch nicht. Die Regierung suchte eine Gelegenheit, um ihm etwas anzuhaben, und es wurde ihr nicht schwer, eine solche zu finden. Er hatte auf Befehl des Hauses der Gemeinen einen von Dangerfield verfaßten erzählenden Bericht herausgegeben. Hätte ein Privatmann diese Schrift veröffentlicht, so würde sie unbestreitbar als ein aufrührerisches Libell zu betrachten gewesen sein. Es wurde bei der Kings Bench eine Criminaluntersuchung gegen Williams eingeleitet; er berief sich umsonst auf die Privilegien des Parlaments und wurde zu einer Geldbuße von zehntausend Pfund verurtheilt. Einen großen Theil dieser Summe bezahlte er baar und über den Rest gab er eine Schuldverschreibung. Der Earl von Peterborough, der in Dangerfield’s Erzählung in beleidigender Weise erwähnt war, wurde durch den Erfolg der Criminaluntersuchung ermuthigt, eine Civilklage auf eine bedeutende Entschädigungssumme anhängig zu machen. Williams gerieth dadurch in die größte Verlegenheit. Da bot sich ihm ein rettender Ausweg dar. Allerdings war es ein Ausweg, der einem Manne von festen Grundsätzen und edlem Character noch schrecklicher gewesen sein würde, als Armuth, Gefängniß und selbst Tod. Er konnte sich der Regierung verkaufen, deren Feind und Opfer er gewesen war; er konnte sich erbieten, bei jedem Angriffe auf die Freiheiten und die Religion, für welche er einen maßlosen Eifer gezeigt hatte, den gefährlichsten Posten zu übernehmen; er konnte seinen Whiggismus durch Dienste wieder gut machen, vor denen selbst die eingefleischtesten Tories, an deren Händen das Blut Russell’s und Sidney’s klebte, mit Abscheu zurückbebten. Der Handel wurde abgeschlossen. Der noch schuldige Rest der Strafsumme wurde erlassen und Peterborough durch Vermittelung des Königs zu einem Vergleich bewogen. Sawyer wurde abgesetzt, Powis wurde Generalfiskal, Williams wurde zum Generalprokurator ernannt, in den Adelstand erhoben und war bald ein Günstling des Königs. Obgleich im Range nur der zweite Kronjurist, gelang es ihm doch sehr bald, durch seine Gewandtheit, Gelehrsamkeit und Energie seinen Vorgesetzten völlig in den Schatten zu stellen[81].
Williams war noch nicht lange im Amte, als er aufgefordert wurde, in dem denkwürdigsten Staatsprozesse, von dem die Annalen der britischen Justiz berichten, eine Hauptrolle zu übernehmen.
[Anmerkung 81: +London Gazette, Dec. 15. 1687+. Siehe den Prozeß gegen Williams in der +Collection of State Trials+. +„Ha hecho,“+ sagt Ronquillo, +„grande susto el haber nombrado el abogado Williams, que fue el orador y el mas arrabiade de toda la casa des comunes en los ultimos terribles parlamentos del Rey difunto.“+ 27. Nov. (7. Dec.) 1687.]
[_Zweite Indulgenzerklärung._] Am 27. April 1688 erließ der König eine zweite Indulgenzerklärung. In diesem Schriftstücke führte er die Erklärung vom vorjährigen April in ihrer ganzen Länge auf. Sein bisheriges Leben, sagte er dann, habe sein Volk überzeugen können, daß er nicht der Mann sei, der sich von einem einmal gefaßten Beschlusse so leicht abbringen lasse. Da aber heimtückische Menschen es versucht hätten, die Welt glauben zu machen, daß man ihn doch noch zum Nachgeben in dieser Angelegenheit werde bestimmen können, halte er es für nöthig, zu erklären, daß sein Vorsatz unwiderruflich fest stehe, daß er entschlossen sei, nur solche Männer anzustellen, welche bereit wären, ihn bei der Ausführung seiner Pläne zu unterstützen, und daß er in Gemäßheit dieses Entschlusses viele seiner ungehorsamen Diener von Civil- und Militairämtern habe entheben müssen. Schließlich zeigte er an, daß er spätestens im November ein Parlament einzuberufen gedenke, und ermahnte seine Unterthanen, solche Vertreter in dasselbe zu wählen, die ihn bei dem begonnenen großen Werke zu unterstützen geneigt wären[82].
[Anmerkung 82: +London Gazette, April 30. 1688+; Barillon, 26. April (6. Mai).]
[_Die Geistlichkeit erhält Befehl, sie von der Kanzel zu verlesen._] Diese Erklärung machte anfangs nur wenig Sensation. Sie enthielt nichts Neues und die Leute wunderten sich, daß der König es für nöthig hielt, ein feierliches Manifest zu erlassen, blos um ihnen zu sagen, daß er seinen Sinn nicht geändert habe[83]. Die Gleichgültigkeit, mit der die Ankündigung seines festen Entschlusses vom Publikum aufgenommen wurde, verdroß ihn wahrscheinlich und er glaubte ohne Zweifel, daß seine Würde und Autorität leiden könnten, wenn er nicht unverzüglich etwas Neues und Auffallendes thue. In Folge dessen verfügte er unterm 4. Mai durch einen Geheimrathsbefehl, daß seine Erklärung von vergangener Woche an zwei aufeinanderfolgenden Sonntagen beim öffentlichen Gottesdienste von den dienstthuenden Geistlichen aller Kirchen und Kapellen des Reiches verlesen werden solle. In London und seinen Vorstädten sollte die Verlesung am 20. und 27. Mai, in den anderen Landestheilen am 3. und 10. Juni stattfinden. Die Bischöfe waren angewiesen, Exemplare der Erklärung in ihren respectiven Diöcesen zu vertheilen[84].
Wenn man berücksichtigt, daß die Geistlichen der anglikanischen Kirche fast ohne Ausnahme die Indulgenzerklärung als eine Verletzung der Landesgesetze, als einen Wortbruch des Königs und als einen verderblichen Gewaltstreich gegen die Interessen und die Würde ihres Standes betrachteten, so wird man schwerlich daran zweifeln können, daß der Geheimrathsbefehl darauf berechnet war, als eine tiefe Kränkung von ihnen empfunden zu werden. Man glaubte im Volke, daß Petre diese Absicht durch ein der orientalischen Redeweise entlehntes rohes Gleichniß ausgesprochen habe. Er sollte gesagt haben, er wolle sie Koth essen lassen und zwar den abscheulichsten und ekelhaftesten Koth. Aber konnte man annehmen, daß die anglikanische Geistlichkeit diesem tyrannischen und gehässigen Befehle den Gehorsam verweigern werde? Der Character des Königs war willkürlich und streng und das Verfahren der kirchlichen Commission eben so summarisch wie das eines Kriegsgerichts. Wer sich aufzulehnen wagte, konnte in Zeit von acht Tagen seiner Stelle entsetzt, seines ganzen Einkommens beraubt, der ferneren Bekleidung jedes geistlichen Amts unfähig erklärt und in die Nothwendigkeit versetzt werden, von Haus zu Haus sein Brot zu erbetteln. Wenn der ganze Stand sich einmüthig dem königlichen Willen widersetzte, dann war es allerdings wahrscheinlich, daß selbst Jakob nicht den Muth haben würde, zehntausend Schuldige auf einmal zu bestrafen. Aber zu einer allgemeinen Verständigung in dieser Angelegenheit war keine Zeit. Am 7. Mai erschien der Befehl in der Gazette und schon am 20. sollte die Erklärung von allen Kanzeln Londons und dessen Umgegend verlesen werden. Er wäre damals mit der größten Anstrengung nicht möglich gewesen, binnen vierzehn Tagen die Ansichten nur des zehnten Theiles der im ganzen Lande zerstreuten Pfarrgeistlichen einzuholen, ja nur die Stimmen der Bischöfe hätten nicht leicht in so kurzer Zeit gesammelt werden können. Auch stand zu befürchten, daß, wenn die Geistlichkeit das Verlesen der Erklärung verweigerte, die protestantischen Dissenters die Weigerung falsch auslegen, die Hoffnung, von den Mitgliedern der anglikanischen Kirche Duldung zu erlangen, aufgeben und ihr ganzes Gewicht in die Wagschale des Hofes werfen würden.
[Anmerkung 83: Citters, 1.(11.) Mai 1688.]
[Anmerkung 84: +London Gazette, Mai 7. 1688.+]
[_Die Geistlichkeit ist unschlüssig._] Die Geistlichkeit war daher unschlüssig und diese Unschlüssigkeit läßt sich wohl entschuldigen, denn einige hochgestellte Laien, welche das öffentliche Vertrauen in hohem Maße genossen, waren geneigt, zur Unterwerfung zu rathen. Sie waren der Meinung, ein allgemeiner Widerstand stehe kaum zu erwarten und ein theilweiser werde für die Einzelnen verderblich und für die Kirche und die Nation im Allgemeinen nur von geringem Nutzen sein. Dies war die ausgesprochene Ansicht von Halifax und Nottingham. Der Tag rückte heran und noch war keine Verständigung und kein bestimmter Entschluß erzielt.[85]
[Anmerkung 85: Johnstone, 27. Mai 1688.]
[_Patriotismus der protestantischen Nonconformisten Londons._] In diesem Augenblicke erwarben sich die protestantischen Dissenters der Hauptstadt einen Anspruch auf die ewige Dankbarkeit ihres Vaterlandes. Die Regierung hatte sie bisher als einen Theil ihrer Stärke betrachtet. Einige von ihren thätigsten und lautesten Predigern hatten, durch die Gnadenbezeigungen des Hofes bestochen, Adressen zu Gunsten der Politik des Königs zu Stande gebracht. Andere, welche durch die Erinnerung an viele schwere Unbilden sowohl der anglikanischen Kirche als dem Hause Stuart entfremdet waren, hatten mit boshafter Schadenfreude gesehen, wie der tyrannische Fürst und die tyrannische Hierarchie durch bittere Feindschaft von einander getrennt waren und sich gegenseitig überboten, um den Beistand von Secten zu erlangen, die sie noch unlängst verfolgt und verachtet hatten. Aber so natürlich dieses Gefühl auch sein mochte, man hatte sich demselben lange genug hingegeben. Die Zeit war gekommen, wo man eine Wahl treffen mußte, und die Nonconformisten traten in einer hochherzigen Regung auf die Seite der Anglikaner, um gemeinschaftlich mit ihnen die Grundgesetze des Reichs zu vertheidigen. Baxter, Bates und Howe zeichneten sich durch ihre Anstrengungen, dieses Bündniß zu Stande zu bringen, besonders aus; aber die edle Begeisterung, welche die Gesammtheit der Puritaner beseelte, erleichterte ihnen die Aufgabe. Der Eifer der Pfarrer wurde von dem ihrer Gemeinden noch übertroffen. Diejenigen Presbyterianer- und Independentenprediger, welche Lust zeigten, mit dem Könige Partei gegen die Landeskirche zu nehmen, wurden nachdrücklich bedeutet, daß, wenn sie ihr Verfahren nicht änderten, ihre Gemeinden sie fernerhin weder hören noch bezahlen würden. Alsop, der sich mit der Hoffnung geschmeichelt hatte, daß er im Stande sein werde, einen großen Theil seiner Anhänger dem Könige zuzuführen, sah sich plötzlich von Denen, die ihn kurz zuvor noch als ihren geistlichen Führer verehrt hatten, verachtet und verabscheut, verfiel darüber in eine tiefe Schwermuth und verbarg sich vor den Blicken der Welt. Bei mehreren londoner Geistlichen erschienen Deputationen, um sie zu bitten, daß sie die Masse der Dissenters nicht nach den kriechenden Schmeicheleien beurtheilen möchten, welche kürzlich die Spalten der Gazette gefüllt hätten, und forderten sie, als bei dem großen Kampfe in vorderster Reihe stehend, auf, mit männlicher Tapferkeit für die Freiheiten Englands und den den Heiligen überlieferten Glauben zu streiten. Diese Versicherungen wurden freudig und dankend aufgenommen. Unter Denen aber, die sich zu entscheiden hatten, ob sie am nächsten Sonntage, den 20. Mai, dem Befehl des Königs nachkommen wollten oder nicht, herrschte noch immer große Ängstlichkeit und Meinungsverschiedenheit.
[_Berathung der londoner Geistlichkeit._] Die londoner Geistlichkeit, welche damals allgemein als die Elite ihres Standes anerkannt war, veranstaltete eine berathende Versammlung. Funfzehn Doctoren der Theologie waren anwesend. Tillotson, Dechant von Canterbury, der berühmteste Kanzelredner der damaligen Zeit, kam vom Krankenlager dahin. Sherlock, Vorsteher des Tempels, Patrick, Dechant von Peterborough und Oberpfarrer des wichtigen Kirchspiels St. Paul in Coventgarden, sowie auch Stillingfleet, Archidiakonus von London und Dechant der St. Pauls-Kathedrale, nahmen daran Theil. Die Versammlung im Allgemeinen schien der Ansicht zu sein, daß es im Grunde doch gerathen sei, dem Geheimrathsbefehl zu gehorchen. Der Streit begann hitzig zu werden und hätte vielleicht schlimme Folgen haben können, wäre er nicht durch die Festigkeit und Einsicht des Unterpfarrers von St. Giles, Cripplegate, Doctor Eduard Fowler, beendigt worden. Dieser Mann gehörte zu der kleinen aber ausgezeichneten Klasse von Theologen, welche die der Schule Calvin’s eigene Liebe zur bürgerlichen Freiheit mit der Theologie der Schule des Arminius verbanden[86]. Er erhob sich und sprach: „Ich will offen meine Meinung sagen. Die Sache ist so klar und einfach, daß lange Erörterungen kein neues Licht auf sie werfen können, sondern nur die Leidenschaften aufregen müssen. Lassen Sie einem Jeden blos Ja oder Nein sagen. Ich für meine Person kann mich durch das Votum der Majorität nicht binden lassen. Es würde mir leid thun, wenn dadurch unsre Einigkeit gestört werden sollte, aber mein Gewissen erlaubt mir nicht, diese Erklärung zu verlesen.“ Tillotson, Patrick, Sherlock und Stillingfleet erklärten, daß sie der nämlichen Meinung seien, und die Majorität fügte sich einer so achtbaren Minorität. Es wurde ein Beschluß schriftlich ausgefertigt, durch den sich alle Anwesenden gegen einander verpflichteten, die Erklärung nicht zu verlesen. Patrick war der Erste, der seinen Namen unterschrieb, Fowler der Zweite. Das Papier wurde dann in der Stadt herumgeschickt und war bald von fünfundachtzig Pfründeninhabern unterzeichnet[87].
Unterdessen beriethen sich mehrere Bischöfe in banger Sorge über das einzuschlagende Verfahren. Am 12. Mai war ein ernster und gelehrter Kreis um den Tisch des Primas zu Lambeth versammelt. Compton, Bischof von London, Turner, Bischof von Ely, White, Bischof von Peterborough, und Tenison, Oberpfarrer des Kirchspiels St. Martin, befanden sich unter den Anwesenden. Der Earl von Clarendon, ein warmer und unerschütterlicher Freund der Kirche, war ebenfalls eingeladen worden. Cartwright, Bischof von Chester, drängte sich, wahrscheinlich als Spion, in die Versammlung. So lange er anwesend war, konnten vertrauliche Mittheilungen nicht stattfinden; nach seinem Weggange aber wurde die große Frage, welche alle Gemüther erfüllte, zur Sprache gebracht und erörtert. Die allgemeine Ansicht war, daß die Erklärung nicht verlesen werden solle. An mehrere der achtbarsten Prälaten der Provinz Canterbury wurden sogleich Briefe geschrieben, durch welche dieselben aufgefordert wurden, unverzüglich nach London zu kommen, um ihren Metropoliten in dieser Angelegenheit zu unterstützen[88]. Da man kaum zweifeln konnte, daß diese Briefe geöffnet werden würden, wenn sie durch das Postamt in Lombard Street gingen, so wurden sie bis zu den nächsten Poststationen in den verschiedenen Richtungen durch reitende Boten befördert. Der Bischof von Winchester, dessen Loyalität sich bei Sedgemoor so glänzend erprobt hatte, beschloß trotz eines ernstlichen Unwohlseins der Aufforderung nachzukommen und sofort abzureisen, sah aber, daß er die Erschütterung des Fahrens nicht vertragen konnte. Der an Wilhelm Lloyd, Bischof von Norwich, gerichtete Brief wurde ungeachtet aller Vorsichtsmaßregeln von einem Postmeister zurückgehalten, und dieser Prälat, welcher keinem seiner Amtsbrüder in Muth und Eifer für die gemeinsame Sache seines Berufs nachstand, kam zu spät in London an[89]. Sein Namensvetter, Wilhelm Lloyd, Bischof von St. Asaph, ein frommer, rechtschaffener und gelehrter Mann, aber von schwacher Urtheilskraft und halb aufgerieben durch seine beharrlichen Anstrengungen, aus Daniel und der Offenbarung einige Aufschlüsse über den Papst und den König von Frankreich zu gewinnen, eilte nach der Hauptstadt und traf am Sechzehnten ein[90]. Am nächstfolgenden Tage kamen auch der treffliche Ken, Bischof von Bath und Wells, Lake, Bischof von Chichester, und Sir Johann Trelawney, Bischof von Bristol, ein Baronet aus einer alten und angesehenen Familie in Cornwall.
[Anmerkung 86: Der verstorbene Alexander Knox, dieser ausgezeichnete Mann, dessen beredte Conversation und vortrefflich ausgearbeitete Briefe einen großen Einfluß auf die Gemüther seiner Landsleute ausübten, hat, wie ich vermuthe, vieles von seinem theologischen System und Fowler’s Schriften gelernt. Fowler’s Werk über den Zweck des Christenthums wurde von Johann Bunyan mit einer durch nichts zu rechtfertigenden Heftigkeit angegriffen, die sich nur durch die Herkunft und mangelhafte Erziehung des ehrlichen Kesselflickers einigermaßen entschuldigen läßt.]
[Anmerkung 87: Johnstone, 23. Mai 1688. Es existirt ein satirisches Gedicht auf diese Versammlung betitelt: „Die geistliche Cabale.“]
[Anmerkung 88: +Clarendon’s Diary, May 22. 1688.+]
[Anmerkung 89: Auszug aus Tanner’s Handschriften in +Howell’s State Trials+; +Life of Prideaux+; +Clarendon’s Diary, May 16. 1688+.]
[Anmerkung 90: +Clarendon’s Diary, May 16 & 17. 1688+.]
[_Berathung im Palast zu Lambeth._] Am Achtzehnten wurde im Palast des Primas zu Lambeth eine Versammlung von Prälaten und anderen ausgezeichneten Theologen gehalten. Tillotson, Tenison, Stillingfleet, Patrick und Sherlock waren dabei anwesend. Vor dem Beginn der Berathung wurde eine feierliche Betstunde gehalten. Nach einer langen Besprechung setzte der Erzbischof eigenhändig eine Petition auf, in der die allgemeine Ansicht ausgesprochen war. Sie war nicht im elegantesten Style abgefaßt. Sancroft zog sich durch den schwülstigen und unschönen Periodenbau sogar spöttelnden Tadel zu, den er mit weniger Geduld ertrug, als er bei viel härteren Prüfungen gezeigt hatte. Dem Inhalte nach aber konnte nichts geschickter entworfen sein, als dieses denkwürdige Actenstück. Man verwahrte sich entschieden gegen alle Illoyalität und Intoleranz, versicherte dem König, daß die Kirche noch immer, wie von jeher, dem Throne treu ergeben sei und daß die Bischöfe seiner Zeit am geeigneten Orte als Lords des Parlaments und als Mitglieder des Oberhauses der Convocation beweisen wurden, wie es ihnen keineswegs an humaner Rücksicht auf die Gewissensbedenken der Dissenters fehle. Aber das Parlament habe sowohl unter der vorigen wie unter der gegenwärtigen Regierung ausgesprochen, daß der Souverain nach der Verfassung nicht berechtigt sei, in kirchlichen Angelegenheiten von Gesetzen zu dispensiren. Deshalb sei die Erklärung gesetzwidrig und Klugheit, Ehre und Gewissen gestatte den Petenten nicht, sich bei der feierlichen Veröffentlichung einer ungesetzlichen Erklärung im Hause Gottes und während der Zeit des Gottesdienstes zu betheiligen.
Diese Petition wurde von dem Erzbischof und sechs seiner Suffraganen, Lloyd von St. Asaph, Turner von Ely, Lake von Chichester, Ken von Bath und Wells, White von Peterborough und Trelawney von Bristol, unterzeichnet. Der Bischof von London unterzeichnete nicht mit, weil er suspendirt war.