Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Dritter Band
Part 4
[_Argyle's Zwistigkeiten mit seinen Begleitern._] Die schon in Holland begonnenen Zänkereien hatten zwar während des ganzen bisherigen Verlaufs der Expedition noch nicht aufgehört; in Tarbet aber wurden sie heftiger als je. Der Ausschuß wollte sich selbst in die patriarchalische Oberherrschaft des Earl über die Campbells einmischen und ihm nicht einmal gestatten, den militärischen Rang seiner Stammverwandten nach eignem Ermessen zu bestimmen. Während diese streitsüchtigen Friedensstörer ihm seine Macht in den Hochlanden zu entreißen suchten, unterhielten sie ihre eigne Correspondenz mit dem Niederlande und wechselten Briefe, die dem nominellen General nie mitgetheilt wurden. Hume und seine Verbündeten hatten sich die Oberaufsicht über die Vorräthe vorbehalten und sie führten diesen wichtigen Zweig der Kriegsverwaltung mit einer Lässigkeit, welche von Treulosigkeit kaum zu unterscheiden war, ließen die Waffen verderben, vergeudeten die Lebensmittel und lebten in verschwenderischer Üppigkeit zu einer Zeit, wo sie allen Untergebenen mit dem Beispiele der Mäßigkeit hätten vorangehen sollen.
Die große Frage war nun, ob die Hochlande oder die Niederlande[30] der Schauplatz des Krieges sein sollten. Des Earl's Hauptziel war für jetzt, seine Autorität über sein eignes Gebiet zu befestigen, die fremden Clans, welche aus Perthshire in Argyleshire eingedrungen waren, wieder hinauszutreiben und seinen alten Stammsitz zu Inverary wieder einzunehmen. Dann konnte er hoffen, vier- bis fünftausend Schwerter zu seiner Verfügung zu haben, und mit einer solchen Streitmacht würde er im Stande gewesen sein, diese wilden Gegenden gegen die ganze Macht des Königreichs Schottland zu vertheidigen, so wie auch eine vortreffliche Grundlage zu Angriffsoperationen gewonnen haben. Dies scheint der vernünftigste Weg gewesen zu sein, der ihm offen stand. Rumbold, der eine ausgezeichnete Kriegsschule durchgemacht hatte und von dem man, da er Engländer war, erwarten konnte, daß er ein unparteiischer Schiedsrichter zwischen den schottischen Factionen sein werde, that Alles, was in seinen Kräften stand, um den Earl zu unterstützen. Hume und Cochrane aber waren durchaus unfügsam, ihre Eifersucht auf Argyle war in der That stärker, als der Wunsch, daß die Expedition gelingen möge. Sie sahen, daß er zwischen seinen Bergen und Seen und an der Spitze eines hauptsächlich aus Mitgliedern seines eignen Stammes gebildeten Heeres im Stande sein werde, ihren Widerstand zu brechen und die volle Autorität eines Generals auszuüben. Sie munkelten, daß die Niederländer die Einzigen seien, denen die gute Sache wirklich am Herzen liege, und daß die Campbells weder für die Freiheit, noch für die Kirche Gottes, sondern lediglich für Mac Callum More die Waffen ergriffen hätten. Cochrane erklärte, er werde nach Ayrshire gehen, und wenn er allein, mit nichts als einer Heugabel in der Hand gehen sollte. Nach langem Widerstreben willigte Argyle endlich gegen seine bessere Überzeugung darein, daß sein kleines Heer getheilt wurde. Er blieb mit Rumbold in den Hochlanden und Cochrane und Hume traten an die Spitze des Korps, das zu einem Einfall in die Niederlande absegelte.
Cochrane's Ziel war Ayrshire; aber die Küste dieser Grafschaft war von englischen Fregatten bewacht und die Abenteurer mußten daher die Mündung des Clyde bis Greenock hinauffahren, das damals ein kleines, aus einer einzigen Reihe von Strohhütten bestehendes Fischerdorf war, jetzt aber ein großer, blühender Hafen ist, dessen Zolleinnahmen die Gesammteinkünfte, welche die Stuarts aus dem Königreiche Schottland zogen, um das Fünffache übersteigen. Bei Greenock stand eine Abtheilung Miliz; Cochrane aber brauchte Proviant und war daher entschlossen, zu landen. Hume machte Einwendungen, Cochrane aber bestand fest darauf und befahl einem Offizier, Namens Elphinstone, mit zwanzig Mann in einem Boot ans Ufer zu fahren. Aber der streitsüchtige Geist der Führer hatte alle Reihen angesteckt. Elphinstone antwortete, er sei nur verpflichtet, vernünftigen Befehlen zu gehorchen, dieser aber sei unvernünftig, kurz, er werde nicht gehen. Major Fullarton, ein braver Mann, den alle Parteien achteten, der aber ein spezieller Freund Argyle's war, unternahm es, mit nur zwölf Mann zu landen und es gelang ihm trotz des Feuers, das von der Küste aus auf ihn gerichtet wurde. Es entspann sich ein kleines Gefecht und die Miliz wich zurück. Cochrane rückte in Greenock ein, verschaffte sich Mehlvorrath, fand aber das Volk nicht geneigt zum Aufstande.
[Anmerkung 30: Nämlich die schottischen. D. Übers.]
[_Stimmung der schottischen Nation._] Die öffentliche Stimmung in Schottland war in der That nicht so, wie die Verbannten, welche durch die ihrer Klasse zu jeder Zeit eigne Verblendung bethört waren, sie erwartet hatten. Die Regierung war zwar gehässig und gehaßt, aber die Mißvergnügten waren in Parteien gespaltet, welche gegen einander fast eben so feindselig gesinnt waren, wie gegen ihre Beherrscher, und keine von diesen Parteien zeigte sonderliche Lust, sich den Einfallenden anzuschließen. Viele sprachen dem Aufstande jede Aussicht auf Erfolg ab, und der Muth vieler Anderen war durch lange und grausame Bedrückung wirksam gebrochen worden. Allerdings gab es noch eine Klasse von Enthusiasten, welche nicht gewohnt waren, die Aussichten des Gelingens zu erwägen, und die der Druck nicht gezähmt, sondern im Gegentheil aufs Äußerste erbittert hatte; aber diese Leute sahen keinen großen Unterschied zwischen Argyle und Jakob. Ihr Zorn war auf einen solchen Grad gestiegen, daß das, was jeder Andere glühenden Eifer genannt haben würde, in ihren Augen laodicäische Lauheit war. Auf der Vergangenheit des Earl lastete ein Flecken, den sie als die schändlichste Apostasie betrachteten. Die nämlichen Hochländer, die er jetzt zur Ausrottung des Prälatenthums aufrief, hatte er wenige Jahre vorher zur Vertheidigung desselben aufgerufen. Waren Sklaven, die von Religion nichts wußten und sich nicht um sie kümmerten, welche bereit waren, für Synodalverfassung, für Episkopat und für Papstthum zu kämpfen, wie es Mac Callum More gerade zu befehlen geruhte, würdige Bundesgenossen für das auserwählte Volk Gottes? Das in unschicklichem und intolerantem Tone gehaltene Manifest erschien diesen Fanatikern als ein feiges und weltliches Machwerk. Eine Verfassung, wie Argyle sie ihnen gegeben haben würde und wie sie nachher ein mächtigerer und glücklicherer Befreier ihnen gab, schien ihnen keines Kampfes werth. Sie verlangten nicht nur Gewissensfreiheit für sich, sondern auch unumschränkte Herrschaft über die Gewissen Andrer, nicht blos presbyterianische Lehre, Verfassung und Gottesdienst, sondern den Covenant in seiner äußersten Strenge. Sie waren nur dadurch zu befriedigen, daß alle Zwecke, um deretwillen die bürgerliche Gesellschaft besteht, der Herrschaft eines theologischen Systems aufgeopfert wurden. Wer da glaubte, daß keine Form des Kirchenregiments eine Verletzung der Nächstenliebe werth sei, wer Verständigung und Toleranz empfahl, der schwankte zwischen Jehova und Baal, wie sie sich ausdrückten. Wer Handlungen, wie die Ermordung des Kardinals Beatoun und des Erzbischofs Sharpe verdammte, verfiel in die nämlichen Fehler, um dessentwillen Saul als König über Israel verworfen worden war. Alle Maßregeln, durch welche unter civilisirten und christlichen Menschen die Schrecken des Kriegs gemildert werden, waren dem Herrn ein Gräuel. Pardon durfte weder genommen noch gegeben werden. Ein rasender Malaye, ein von einem Haufen verfolgter toller Hund: das waren die Vorbilder, die sich Krieger, welche zu gerechter Selbstvertheidigung kämpften, zum Muster nehmen sollten. Für Gründe, durch die sich Staatsmänner und Generäle bei ihren Schritten, leiten lassen, waren diese Zeloten durchaus unempfänglich. Wenn ein Mann es wagte, solche Gründe anzuführen, so war dies schon ein hinreichender Beweis, daß er nicht zu den Gläubigen gehörte. Wenn der göttliche Segen fehlte, so konnten auch schlaue Politiker, kriegserfahrene Heerführer, Waffenkisten aus Holland oder Regimenter nicht wiedergeborener Celten aus den Gebirgen von Lorn wenig ausrichten. War jedoch auf der andren Seite die Zeit des Herrn wirklich gekommen, so konnte er noch immer wie vor Alters durch das, was thöricht ist, die Weisen vor der Welt zu Schanden machen und durch Wenige eben so gut wie durch Viele erretten. Die breiten Schwerter Athol's und die Bajonette Claverhouse's konnten durch eben so bescheidene Waffen wie die Schleuder David's oder die Krüge Gideon's in die Flucht geschlagen werden.[31]
Nachdem Cochrane die Unmöglichkeit erkannt hatte, die Bevölkerung südlich vom Clyde zum Aufstande zu bewegen, kehrte er zu Argyle zurück, der sich auf der Insel Bute befand. Der Earl schlug nun abermals vor, einen Angriff auf Inverary zu versuchen; allein er stieß abermals auf hartnäckige Opposition. Die Seeleute hielten es mit Cochrane und Hume, die Hochländer unterwarfen sich unbedingt den Befehlen ihres Anführers. Es stand zu befürchten, daß es zwischen den beiden Parteien zu Thätlichkeiten kommen würde, und die Besorgniß vor einem solchen Unglück bewog den Ausschuß zu einigen Zugeständnissen. Das Schloß Ealan Ghierig, an der Mündung des Loch[32] Riddan gelegen, wurde zum Hauptwaffenplatz erwählt. Die Kriegsvorräthe wurden dort ausgeschifft und das Geschwader dicht an den Wällen an einer Stelle, wo es durch Felsen und Untiefen, welche ihrer Meinung nach eine Fregatte nicht passiren konnte, geschützt war, vor Anker gelegt. Dann wurden Außenwerke aufgeworfen und eine Batterie von einigen von den Schiffen genommenen kleinen Kanonen aufgefahren. Das Commando in dem Fort ward höchst unklugerweise Elphinstone übertragen, der schon Beweise gegeben hatte, daß er weit mehr geneigt war, sich mit seinen Vorgesetzten zu streiten, als gegen den Feind zu kämpfen.
Jetzt wurde auf einige Stunden ein wenig Energie entwickelt. Rumbold nahm das Schloß Ardkingglaß. Der Earl scharmützelte erfolgreich mit Athol's Truppen und war schon im Anrücken gegen Inverary begriffen, als er in Folge schlimmer Nachrichten von den Schiffen und durch Parteispaltungen im Ausschusse gezwungen wurde, wieder umzukehren. Die königlichen Fregatten waren Ealan Ghierig näher gekommen, als man es für möglich gehalten, und die Herren vom Niederland weigerten sich auf das Bestimmteste, noch weiter in's Hochland vorzurücken. Argyle eilte zurück nach Ealan Ghierig. Dort angelangt, schlug er einen Angriff auf die Fregatten vor. Seine Schiffe waren zwar zu einem solchen Unternehmen nicht hinreichend, aber sie wären durch eine Flotille von dreißig großen mit bewaffneten Hochländern wohlbemannten Fischerböten unterstützt worden. Der Ausschuß wollte jedoch von diesem Plane nichts hören und vereitelte denselben auch wirklich durch Anzettelung einer Meuterei unter dem Schiffsvolke.
Jetzt entstand allgemeine Verwirrung und Entmuthigung. Die Mundvorräthe waren vom Ausschusse so schlecht verwaltet worden, daß es den Truppen an Lebensmitteln fehlte. Die Hochländer desertirten daher zu Hunderten und der durch sein Mißgeschick gänzlich zu Boden gedrückte Earl gab dem Andringen Derer nach, welche noch immer hartnäckig darauf bestanden, daß er in das Niederland vorrücken solle.
Die kleine Armee brach demgemäß eiligst nach den Ufern des Loch Long auf, setzte bei Nacht in Böten über die Einfahrt und landete in Dumbartonshire. Hier erhielten sie am folgenden Morgen die Nachricht, daß die Fregatten einen Durchgang forcirt hatten, daß sämmtliche Schiffe des Earls genommen worden waren, und daß Elphinstone ohne Schwertstreich aus Ealan Ghierig geflohen sei und das Schloß mit allen Vorräthen dem Feinde überlassen habe.
Es blieb nun weiter nichts übrig, als auf jede Gefahr hin in das Niederland vorzudringen. Argyle beschloß einen kühnen Handstreich auf Glasgow zu wagen. Sobald aber dieser Entschluß bekannt wurde, ergriff dieselben Männer, die ihn bis zu diesem Augenblicke gedrängt hatten, in das Niederland zu eilen, ein panischer Schrecken, sie stritten, machten Gegenvorstellungen, und da ihr Streiten und ihre Vorstellungen erfolglos blieben, entwarfen sie den Plan, sich der Böte zu bemächtigen, auf eigne Hand zu entfliehen und es ihrem General und seinen Clansleuten zu überlassen, ohne Hülfe zu siegen oder unterzugehen. Dieser Plan schlug jedoch fehl, und die Feiglinge, die ihn gefaßt hatten, waren gezwungen, mit tapferen Männern die Gefahren des letzten Wagnisses zu theilen.
Auf dem Marsche durch die Gegend zwischen Loch Long und Loch Lomond wurden die Insurgenten fortwährend durch Abtheilungen der Miliz beunruhigt. Es fanden einige Gefechte statt, in denen der Vortheil auf Seiten des Earl blieb, aber die vor ihm her fliehenden Trupps verbreiteten die Nachricht von seinem Heranrücken und bald nach seinem Übergang über den Fluß Leven stieß er auf ein zahlreiches Corps regulärer und irregulärer Truppen, welche bereit waren, sich mit ihm zu messen.
Er war dafür, eine Schlacht anzunehmen, eben so auch Ayloffe. Hume aber erklärte es für Wahnsinn, mit dem Feinde anzubinden. Er sah ein Regiment in scharlachrother Uniform, und es konnten noch mehr dahinter stehen: eine solche Macht angreifen, hieße einem sicheren Tode in den Rachen eilen. Das Beste sei, sich bis zur Nacht ganz still zu verhalten und dann dem Feinde wo möglich zu entschlüpfen.
Es entspann sich ein heftiger Wortwechsel, der nur mit Mühe durch Rumbold's Vermittelung beschwichtigt wurde. Es war Abend geworden, und die beiden feindlichen Heere lagerten in nicht großer Entfernung von einander. Der Earl wagte es, einen nächtlichen Angriff vorzuschlagen, wurde aber auch diesmal wieder überstimmt.
[Anmerkung 31: Wer etwa glauben sollte, daß ich die Unvernunft und Wildheit dieser Menschen übertreibe, dem rathe ich, zwei Bücher zu lesen, die ihn überzeugen werden, daß ich die Farben eher gemildert als zu stark aufgetragen habe. Die Titel dieser beiden Werke sind: +Hind let loose+ und +Faithful Contendings displayed.+]
[Anmerkung 32: See. D. Übers.]
[_Argyle's Truppe zerstreut._] Nachdem der Beschluß gefaßt war, nicht zu kämpfen, blieb nichts weiter übrig als den Schritt zu thun, den Hume anempfohlen hatte. Es war einige Möglichkeit vorhanden, daß der Earl, wenn er in aller Stille aufbrach und die ganze Nacht durch über Haiden und Moräste davoneilte, dem Feinde einen Vorsprung von mehreren Meilen abgewinnen und ohne weitere Behinderung Glasgow erreichen konnte. Man ließ die Wachtfeuer brennen und setzte sich in Marsch. Doch nun folgte ein Unglück auf das andre. Die Führer verfehlten den Weg durch die Moore und führten die Armee in weichen Sumpfboden. Eine militairische Ordnung konnte bei diesen undisciplinirten und entmuthigten Soldaten unter einem stockfinstren Himmel und auf einem trügerischen, unebenen Boden nicht aufrecht erhalten werden. Schrecken auf Schrecken verbreitete sich in den getrennten Reihen. Was man sah und hörte hielt man für ein Anzeichen vom Herannahen der Verfolger. Einige von den Officieren trugen noch zur Vermehrung der Angst bei, während es ihre Pflicht gewesen wäre, sie zu vermindern. Die Armee war ein demoralisirter Haufe geworden und dieser schmolz rasch zusammen. Große Massen entflohen unter dem Schutze der Dunkelheit. Rumbold und einige andere Tapfere, die keine Gefahr schrecken konnte, verirrten sich und waren nicht im Stande, das Hauptcorps wieder aufzufinden. Als der Tag anbrach, sammelten sich nur etwa fünfhundert erschöpfte und entmuthigte Flüchtlinge in Kilpatrick.
[_Argyle gefangen genommen._] An eine Fortsetzung des Kriegs war nicht mehr zu denken und es lag klar auf der Hand, daß es den Anführern der Expedition schwer genug werden würde, nur ihr Leben in Sicherheit zu bringen. Sie entflohen in verschiedenen Richtungen. Hume erreichte glücklich das Festland. Cochrane wurde ergriffen und nach London gebracht. Argyle hoffte unter dem Dache eines seiner alten Diener, der in der Nähe von Kilpatrick wohnte, ein sicheres Asyl zu finden. Allein er sah sich in dieser Hoffnung getäuscht und war gezwungen, über den Clyde zu gehen. Er verkleidete sich als Landmann und übernahm die Rolle eines Führers des Majors Fullarton, dessen muthvolle Treue vor keiner Gefahr zurückschreckte. Die beiden Freunde reisten mit einander durch Renfrewshire bis Inchinnan. Hier vereinigen sich der schwarze Cart und der weiße Cart, bevor sie sich in den Clyde ergießen. Diese beiden Ströme fließen jetzt durch blühende Städte und treiben die Räder zahlreicher Fabriken; damals aber ging ihr ruhiger Lauf durch Moorstrecken und Schafweiden. Die einzige Furth, durch welche die Reisenden den Fluß passiren konnten, wurde von einer Abtheilung Miliz bewacht. Fullarton versuchte es, den Verdacht auf sich zu lenken, damit sein Begleiter unbemerkt entschlüpfen könnte; aber die Frager ahneten, daß der Führer nicht der ungebildete Landmann sei, der er scheinen wollte. Sie legten Hand an ihn. Er riß sich los und sprang in's Wasser, ward aber sofort verfolgt. Eine kurze Zeit vertheidigte er sich gegen fünf Angreifer; aber er hatte keine anderen Waffen als seine Taschenpistolen, und diese waren in Folge seines Sprunges ins Wasser so naß geworden, daß sie versagten. Ein Schwerthieb streckte ihn zu Boden und er wurde festgenommen.
Er gab sich nun als den Earl von Argyle zu erkennen, wahrscheinlich in der Hoffnung, daß sein angesehener Name bei denen, die ihn ergriffen hatten, Ehrfurcht und Mitleid erwecken würde. Sie waren auch wirklich tief erschüttert, denn sie waren einfache Schotten niederen Standes, und obgleich im Dienste der Krone bewaffnet, hegten sie doch vielleicht einige Vorliebe für calvinistische Kirchenverfassung und Gottesdienst und waren überdies gewohnt, ihren Gefangenen als das Oberhaupt eines erlauchten Hauses und als einen Vorkämpfer des protestantischen Glaubens zu verehren. Doch obschon sie sichtbar ergriffen waren und obschon einige von ihnen sogar weinten, so konnten sie sich doch nicht entschließen, die versprochene ansehnliche Belohnung fahren zu lassen und sich der Rache einer unerbittlichen Regierung auszusetzen. Sie brachten daher ihren Gefangenen nach Renfrew. Der Mann, welcher bei der Verhaftung die Hauptrolle spielte, hieß Riddell. Aus diesem Grunde war das ganze Geschlecht der Riddell über ein Jahrhundert lang bei dem großen Stamme der Campbell verhaßt. Noch Lebende können sich erinnern, daß ein Riddell, der einen Markt in Argyleshire besuchte, es für rathsam hielt, einen falschen Namen anzunehmen.
Jetzt begann der glänzendste Theil von Argyle's Laufbahn. Sein Unternehmen hatte ihm bisher nur Tadel und Spott eingetragen. Sein großer Fehler war, daß er sich nicht entschieden geweigert hatte, den Titel eines Generals, ohne die Macht desselben, anzunehmen. Wäre er ruhig in Friesland geblieben, so würde er in wenigen Jahren mit Ehren in sein Vaterland zurückgerufen worden sein und hätte dann bald eine hervorragende Zierde und Stütze der constitutionellen Monarchie erden können. Hätte er die Expedition nach seinen eigenen Ansichten in's Werk gesetzt und nur solche Begleiter mitgenommen, welche bereit waren, allen seinen Befehlen unbedingt zu gehorchen, so hätte er möglicherweise etwas Großes bewirken können, denn es scheint ihm zu einem Befehlshaber weder an Muth, noch an Thätigkeit oder Geschicklichkeit gefehlt zu haben, sondern einzig und allein an Autorität. Er hätte wissen sollen, daß von allen Mängeln dieser der verderblichste ist. Es haben schon Armeen unter Anführern gesiegt, welche eben keine hervorragenden Eigenschaften besaßen. Aber welches Heer, das von einem zanksüchtigen Clubb commandirt wurde, wäre je der Auflösung und Schande entgangen?
Das große Unglück, das Argyle betroffen, hatte das Gute, daß es ihm Gelegenheit verschaffte, durch unverkennbare Beweise zu zeigen, was für ein Mann er war. Von dem Tage, an welchem er Friesland verließ, bis zu dem, wo seine Begleiter sich in Kilpatrick von ihm trennten, hatte er nie frei handeln können. Er hatte die Verantwortlichkeit für eine Reihe von Maßregeln auf sich nehmen müssen, die sein Verstand mißbilligte. Jetzt endlich stand er allein. Die Gefangenschaft hatte ihm die edelste Art der Freiheit wiedergegeben, die Freiheit, sich in allen seinen Worten und Thaten nur durch seinen eignen Sinn für Recht und Schicklichkeit leiten zu lassen. Von diesem Augenblick war es als ob neue Weisheit und Tugend in ihm eingezogen wären. Sein Verstand schien geschärft und geläutert, sein sittlicher Character gehoben und zugleich gemildert. Der freche Übermuth der Sieger unterließ nichts, was den auf seinen alten Adel und auf sein patriarchalisches Ansehen stolzen Mann kränken und demüthigen konnte. Der Gefangene ward im Triumph durch Edinburg geschleppt. Er ging zu Fuß und entblößten Hauptes die ganze stattliche Straße entlang, welche von düsteren und riesenhaften steinernen Gebäuden beschattet wird und von Holyrood House nach dem Schlosse führt. Vor ihm her schritt der Henker mit dem fürchterlichen Werkzeuge, welches zum Viertheilen auf dem Blocke gebraucht wurde. Die siegreiche Partei hatte nicht vergessen, daß fünfunddreißig Jahre früher Argyle's Vater an der Spitze der Faction gestanden, welche Montrose dem Tode überantwortete. Schon vor diesem Ereignisse waren die Häuser Graham und Campbell einander nicht zugethan, seitdem aber hatten sie beständig in blutiger Fehde gelegen. Man nahm darauf Bedacht, daß der Gefangene durch das nämliche Thor und durch die nämlichen Straßen ging, durch welche Montrose dem gleichen Schicksale entgegen geführt worden war. Die Truppen, welche den Zug begleiteten, standen unter dem Commando Claverhouse's, dem Wildesten und Härtesten vom Geschlechte der Graham. Als der Earl auf dem Schlosse angelangt war, wurden ihm Ketten an die Füße geschmiedet und ihm angekündigt, daß er nur noch wenige Tage zu leben habe. Man hatte beschlossen, ihn nicht seines letzten Vergehens wegen vor Gericht zu stellen, sondern ihn ohne weiteres hinzurichten in Gemäßheit eines mehrere Jahre vorher gegen ihn gefällten Urtheils, eines Urtheils von so empörender Ungerechtigkeit, daß selbst die servilsten und gefühllosesten Juristen jener schlimmen Zeit nicht ohne Beschämung davon sprechen konnten.
Aber weder die schimpfliche Prozession durch High Street, noch die nahe Aussicht auf den Tod vermochte Argyle's edle und majestätische Ruhe zu erschüttern. Seine Standhaftigkeit wurde indeß auf eine noch härtere Probe gestellt. Auf Befehl des Geheimen Raths ward ihm ein Papier mit Fragen vorgelegt. Von diesen Fragen beantwortete er diejenigen, die er ohne Gefahr für seine Freunde beantworten konnte, und weigerte sich mehr zu sagen. Hierauf sagte man ihm, daß wenn er nicht vollständigere Antworten gäbe, er auf die Folter gespannt werden würde. Jakob, der es gewiß sehr bedauerte, daß er sich nicht persönlich an dem Anblicke Argyle's in den spanischen Stiefeln weiden konnte, hatte die gemessensten Befehle nach Edinburg gesandt, daß nichts versäumt werden solle, was dem Verräther Aufschluß über Alle, die bei dem Verrath betheiligt waren, erpressen könnte. Doch alle Drohungen waren vergebens. Trotz unmittelbarer Aussicht auf Folterqualen und Tod dachte Mac Callum More weit weniger an sich selbst als an seine armen Clansleute. »Ich versuchte es heute,« schrieb er aus seiner Zelle, »für sie zu unterhandeln, und ich hatte einige Hoffnung. Aber diesen Abend ist der Befehl gekommen, daß ich Montag oder Dienstag sterben müsse, und ich soll auf die Folter gelegt werden, wenn ich nicht alle Fragen beantworte und eidlich erhärte. Doch ich hoffe, Gott wird mich aufrecht erhalten.«