Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Dritter Band
Part 19
Jeffreys sprach gegen den Antrag in der rohen und gemeinen Sprache, in der er Meister war; aber er überzeugte sich bald, daß es nicht so leicht war, die stolzen und mächtigen Barone Englands in ihrem eigenen Saale einzuschüchtern, als Advokaten, deren Existenz von seiner Gunst abhing, und Gefangene, deren Kopf in seiner Gewalt war, niederzudonnern. Ein Mann, der sein ganzes Leben damit hingebracht hat, anzugreifen und zu dominiren, spielt in der Regel eine jämmerliche Figur, wenn er mit energischem Nachdruck angegriffen wird, mögen seine Talente und sein Muth noch so groß sein, denn da er nicht gewohnt ist, sich vertheidigen zu müssen, wird er verlegen, und das Bewußtsein, daß Alle, die er gekränkt und beleidigt hat, sich über seine Verlegenheit freuen, verwirrt ihn immer mehr. Jeffreys wurde jetzt zum ersten Male, seit er ein großer Mann war, auf gleichem Fuße von Gegnern angegriffen, die ihn nicht fürchteten. Zum allgemeinen Ergötzen sprang er plötzlich vom höchsten Übermuth zur tiefsten Erniedrigung über und konnte sich nicht enthalten, aus Wuth und Ärger zu weinen.[33] Es fehlte in der That nichts zu seiner Demüthigung, denn das Haus war mit etwa hundert Peers gefüllt, eine größere Anzahl, als selbst an dem hochwichtigen Tage der Ausschließungsbill abgestimmt hatten. Auch der König war anwesend. Sein Bruder pflegte seiner Zeit den Sitzungen der Lords zum Vergnügen beizuwohnen und sagte oft, eine parlamentarische Debatte sei eben so unterhaltend wie eine Komödie. Jakob kam jedoch nicht, um sich zu amüsiren, sondern in der Hoffnung, daß die Discussion durch seine Anwesenheit in den Schranken der Mäßigung zurückgehalten werden würde. Er sah sich aber getäuscht. Das Haus sprach seine Meinung so kräftig aus, daß die Höflinge nach einer überaus kühnen Schlußrede von Halifax es nicht wagten, eine Abstimmung zu verlangen. Einer der nächsten Tage wurde zur Erwägung der Thronrede festgesetzt und der Wunsch ausgesprochen, daß jeder nicht zu weit von Westminster entfernt wohnende Peer auf seinem Platze sein möchte.[34]
[Anmerkung 31: +Teonge's Diary.+]
[Anmerkung 32: Barillon giebt uns die beste Auskunft über diese Debatte. Ich will seinen Bericht über Mordaunt's Rede hier im Auszuge anführen. +»Milord Mordaunt, quoique jeune, parla avec éloquence et avec force. Il dit que la question n'étoit pas réduite, comme la Chambre des Communes le prétendoit, à guérir des jalousies et défiances, qui avoient lieu dans les choses incertaines; mais que ce qui se passoit ne l'étoit pas, qu'il y avoit une armée sur pied qui subsistoit, et qui étoit remplie d'officiers Catholiques, qui ne pouvoit être conservée, que pour le renversement des loix, et que la subsistance de l'armée, quand il n'y a aucune guerre ni au dedans ni au dehors, étoit l'établissement du gouvernement arbitraire, pour lequel les Anglois ont une aversion si bien fondée.«+]
[Anmerkung 33: Er war sehr leicht zu Thränen zu rühren. »Wenn er kühn angegriffen wurde,« sagt der Verfasser der +Panegyric+, »kann er sich der Thränen nicht enthalten.« An einer andren Stelle heißt es: »Man spricht immer von seinem trotzigen und anmaßenden Wesen; konnte ein so hochstehender Mann seine Demuth besser beweisen als durch Weinen und Schluchzen?« In der Antwort auf die Lobrede wird gesagt: »Der Umstand, daß er seine Thränen nicht zurückhalten konnte, machte ihn unfähig zum Heuchler.«]
[Anmerkung 34: +Lords' Journals, Nov. 19. 1685+; Barillon, 23. Nov. (3. Dec.); Holländische Depesche vom 20.(30.) Nov.; +Luttrell's Diary, Nov. 19.+; +Burnet, I. 665.+ Halifax' Schlußrede wird von dem Nuntius in seiner Depesche vom 16.(26.) Nov. erwähnt. Etwa einen Monat später stellt Adda dem Talent Halifax' ein glänzendes Zeugniß aus: +»Da questo uomo che ha gran credito nel parlamento, e grande eloquenza, non si possono attendere che fieri contradizioni, e nel partito Regio non vi è un uomo da contrapporsi.«+ 21.(31.) Dec.]
[_Prorogation des Parlaments._] Am folgenden Morgen kam der König in seinen Staatskleidern in das Haus der Lords. Der Thürsteher mit dem schwarzen Stabe beschied die Gemeinen vor die Schranken und der Kanzler kündigte ihnen an, daß das Parlament bis zum 10. Februar prorogirt sei.[35] Die Mitglieder, welche gegen den Hof gestimmt hatten, wurden aus dem Staatsdienste entlassen; Karl Fox ward seines Zahlmeisteramtes enthoben; der Bischof von London hörte auf, Dechant der königlichen Kapelle zu sein und wurde aus der Liste der Geheimen Räthe gestrichen.
Durch diese Prorogation wurde ein Prozeß von der höchsten Wichtigkeit beendigt. Thomas Grey, Earl von Stamford, der Sprosse eines der vornehmsten Häuser Englands, war unlängst unter einer auf Hochverrath lautenden Anklage verhaftet und im Tower in strenges Gewahrsam gebracht worden. Er war der Betheiligung an dem Ryehousecomplot angeklagt. Die große Jury der City von London hatte die Anklage begründet gefunden und sie vor die Schranken der Lords gebracht, der einzige Gerichtshof, bei dem ein weltlicher Peer während der Parlamentssession wegen eines Verbrechens, das über einem gewöhnlichen Vergehen steht, angeklagt werden kann. Der 1. December war zur Verhandlung anberaumt und schon Befehl gegeben, daß Westminster mit Sitzen und Behängen versehen werden sollte. In Folge der Prorogation aber wurde dieser Prozeß auf unbestimmte Zeit vertagt und Stamford erlangte bald seine Freiheit wieder.[36]
Außerdem waren beim Schlusse der Session noch drei andere hochangesehene Whigs in Haft. Karl Gerard, Lord Gerard von Bramdon, der älteste Sohn des Earl von Macclesfield, Johann Hampden, Enkel des berühmten Führers des Langen Parlaments, und Heinrich Booth, Lord Delamere. Gerard und Hampden waren der Theilnahme an dem Ryehousecomplot, Delamere der Unterstützung des Aufstandes im Westen angeklagt.
[Anmerkung 35: +Lords'+ und +Commons' Journals, Nov. 20. 1685.+]
[Anmerkung 36: +Lords' Journals. Nov. 11, 17, 18. 1685.+]
[_Prozeß Lord Gerard's und Hampden's._] Es war nicht die Absicht der Regierung, Gerard oder Hampden mit dem Tode zu bestrafen. Grey hatte sich Schonung ihres Lebens ausbedungen, ehe er einwilligte, als Zeuge gegen sie aufzutreten.[37] Aber man hatte einen noch gewichtigeren Grund, um Nachsicht gegen sie zu üben. Sie waren die Erben großer Besitzungen, aber ihre Väter lebten noch. Der Hof konnte daher durch Confiscation sehr wenig gewinnen, um so mehr aber durch Auflegung eines Lösegeldes. Gerard wurde verhört, und nach den dürftigen Nachrichten, welche auf uns gekommen sind, scheint er sich mit viel Geist und Nachdruck vertheidigt zu haben. Er berief sich auf die Anstrengungen und Opfer, die seine Familie zu Gunsten Karl's I. aufgewendet habe und bewies, daß Rumsey durchaus keinen Glauben verdiene, da er Russell und Cornish durch zwei ganz von einander abweichende Aussagen gemordet habe. Die Jury gab nach einigem Zögern ihr »Schuldig« ab. Nach langer Haft durfte Gerard sich loskaufen.[38] Hampden hatte die politische Meinung und einen großen Theil der Fähigkeiten seines Großvaters geerbt, in Betreff der Biederkeit und des Muthes aber, durch welche Letzterer sich ausgezeichnet hatte, war er aus der Art geschlagen. Man ließ den Gefangenen mit raffinirter Grausamkeit lange in quälender Ungewißheit, um seine Familie zur Bezahlung einer großen Summe für seine Begnadigung zu bewegen. Die beständige Todesangst hatte seinen Muth völlig gebrochen, und als er vor den Schranken der Old Bailey erschien, bekannte er sich nicht nur für schuldig, sondern entehrte auch seinen berühmten Namen durch kriechende Unterwürfigkeit und demüthige Bitten. Er versicherte, daß er in den Mordplan nicht eingeweiht gewesen sei, gestand aber, daß er Revolutionsideen gehegt habe, äußerte tiefe Reue über sein Vergehen, erflehte die Fürsprache der Richter und gelobte, daß, wenn die königliche Gnade ihm zu Theil würde, er während seines ganzen Lebens seine Dankbarkeit für diese große Güte an den Tag legen wolle. Die Whigs waren empört über seinen Kleinmuth und erklärten laut, daß er weit mehr Tadel verdiene als Grey, der, obgleich er als Königszeuge aufgetreten sei, doch einen gewissen Anstand dabei beobachtet habe. Hampden's Leben wurde geschont, aber seine Familie bezahlte dem Kanzler mehrere Tausend Pfund, und einige Höflinge niederen Ranges erpreßten kleinere Summen von ihm. Der unglückliche Mann hatte noch Ehrgefühl genug, um die Erniedrigung, zu der er sich herabgelassen, schmerzlich zu empfinden. Er überlebte den Tag seiner Schande mehrere Jahre. Er lebte noch so lange, um seine Partei triumphiren zu sehen, noch einmal ein einflußreiches Mitglied derselben zu werden, eine hohe Stellung im Staate einzunehmen und seine Verfolger vor sich zittern zu sehen. Aber sein Glück wurde durch eine quälende Erinnerung verbittert. Er erlangte nie seinen heiteren Sinn wieder und starb endlich von seiner eignen Hand.[39]
[Anmerkung 37: +Burnet, I. 646.+]
[Anmerkung 38: +Bramston's Memoirs+; +Luttrell's Diary.+]
[Anmerkung 39: Der Prozeß in der +Collection of State Trials+; +Bramston's Memoirs+; +Burnet, I. 647+; +Lords' Journals, Dec. 20. 1689.+]
[_Delamere's Prozeß._] Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß Delamere die königliche Gnade erlangt haben würde, wenn er ihrer bedurft hätte. Soviel ist wenigstens gewiß, daß jeder Vortheil, den der Buchstabe des Gesetzes der Regierung gewährte, ohne Bedenken und ohne Scham gegen ihn benutzt wurde. Er befand sich in einer ganz andren Lage als Stamford. Die Anklage gegen Letzteren war während der Parlamentssession vor die Schranken der Lords gebracht worden und konnte daher vor dem Wiederzusammentritt des Parlaments nicht weiter verfolgt werden; dann konnten alle Peers ihre Stimmen abgeben, um sowohl über das Rechtliche als über das Thatsächliche zu entscheiden. Delamere's Anklage aber war erst nach der Prorogation als begründet erkannt worden.[40] Er stand daher unter der Jurisdiction des Gerichtshofes des Lordgroßrichters. Dieser Gerichtshof, welcher, so lange das Parlament nicht versammelt ist, über alle von weltlichen Peers begangenen Kapitalverbrechen (+treasons and felonies+) zu erkennen hat, war damals so zusammengesetzt, daß kein Gefangener, der eines politischen Vergehens angeklagt war, ein unparteiisches Urtel zu erwarten hatte. Der König ernannte den Lordgroßrichter und dieser ernannte nach seinem Gutdünken gewisse Peers, welche über ihren angeklagten Collegen richten sollten. Die Zahl derselben war unbestimmt und eine Appellation gegen ihren Ausspruch nicht statthaft. Eine einfache Majorität, vorausgesetzt, daß sie aus zwölf Personen bestand, genügte zur Schuldigerklärung. Über die Rechtsfrage entschied nur der Lordgroßrichter, und die beisitzenden Lords bildeten eine bloße Jury, die über den Thatbestand zu entscheiden hatte. Jeffreys wurde zum Lordgroßrichter ernannt. Er wählte dreißig Peers und seine Wahl war für den Mann wie für seine Zeit bezeichnend. Alle Dreißig waren entschiedene politische Gegner des Gefangenen. Fünfzehn davon waren Regimentsobersten und konnten vom Könige nach Belieben ihres einträglichen Commando's enthoben werden. Unter den übrigen Fünfzehn befanden sich der Lordschatzmeister, der erste Staatssekretär, der Obersthofmeister, der Haushofmeister, der Hauptmann der königlichen Leibgarde, der Kammerherr der Königin und andere Personen, welche durch starke Bande des Interesses an den Hof geknüpft waren. Dessenungeachtet hatte Delamere einige große Vortheile über die untergeordneteren Angeklagten, welche vor die Old Bailey gefordert waren. Hier waren die Geschwornen heftige Parteigänger, welche von höfischen Sheriffs auf einen Tag aus der Masse der Gesellschaft genommen wurden, um sogleich darauf wieder unter dieser Masse zu verschwinden, durch keine Rücksichten des Schamgefühls gebunden, und da sie wenig daran gewöhnt waren, Beweise sorgfältig zu erwägen, so folgten sie unbedenklich den Weisungen der Richter. Beim Gerichtshofe des Lordgroßrichters dagegen war jeder beisitzende Lord ein Mann von einiger Geschäftserfahrung. Jeder von ihnen nahm eine hohe Stellung in der Gesellschaft ein, jeder mußte einzeln aufstehen und vor einem zahlreichen Zuhörerkreise auf Ehre und Gewissen sein Urtheil abgeben, und dieses Urtheil wurde mit seinem Namen versehen, der ganzen Welt bekannt gemacht und lebte in der Geschichte fort. Dazu kam noch, daß, obgleich die ausgewählten Adeligen sämmtlich Tories und fast durchgehends öffentliche Beamte waren, doch schon viele von ihnen angefangen hatten, mit Besorgniß die Schritte des Königs zu betrachten und zu fürchten, daß sie wohl bald in den nämlichen Fall kommen könnten wie Delamere.
Jeffreys benahm sich wie gewöhnlich übermüthig und ungerecht. Allerdings hatte er einen alten Groll, der seinen Eifer aufstachelte. Er war Oberrichter von Chester gewesen, als Delamere, damals Mr. Booth, diese Grafschaft im Parlamente vertrat. Booth hatte sich bei den Gemeinen bitter beschwert, daß die theuersten Interessen seiner Wähler einem trunksüchtigen Narren anvertraut seien.[41] Der rachsüchtige Richter schämte sich nun nicht, Kunstgriffe zu Hülfe zu nehmen, die selbst bei einem gewöhnlichen Advokaten strafbar gewesen wären. Er erinnerte die beisitzenden Lords in sehr bezeichnender Sprache daran, daß Delamere im Parlamente sich der Verurtheilungsbill gegen Monmouth widersetzt habe, eine Beschuldigung, die weder bewiesen war, noch bewiesen werden konnte. Doch Jeffreys war nicht der Mann, der eine Versammlung von Peers einschüchtern konnte, wie er gewöhnliche Geschworne einzuschüchtern pflegte. Der Beweis für die Krone würde auf der Rundreise im Westen oder in den Assisenverhandlungen der City wahrscheinlich für vollkommen genügend erachtet worden sein, konnte aber nicht einen Augenblick Männern imponiren wie Rochester, Godolphin und Churchill, die überdies auch, bei allen ihren Fehlern, noch nicht so verdorben waren, daß sie den einfachsten Regeln der Gerechtigkeit zuwider einen Nebenmenschen hätten zum Tode verurtheilen können. Grey, Wade und Goodenough wurden als Zeugen vorgeführt, konnten aber nur das wiederholen, was sie Monmouth und Wildman's Emissären hatten sagen hören. Der Hauptzeuge für die Anklage, ein Schurke, Namens Saxton, der an dem Aufstande Theil genommen hatte, und sich jetzt bemühte, seine Begnadigung zu erlangen, indem er gegen alle der Regierung mißliebige Personen eidliches Zeugniß ablegte, war durch eine Menge unverwerflicher Beweise überführt, eine Reihe von Lügen ausgesagt zu haben. Sämmtliche beisitzende Lords, von Churchill an, der als jüngster Baron zuerst sprach, bis hinauf zu dem Lordschatzmeister, erklärten bei ihrer Ehre, daß Delamere nicht schuldig sei. Der Ernst und das Gepränge des ganzen Gerichtsverfahrens machte selbst auf den Nuntius, der an die Ceremonien Roms gewöhnt war, welche an Feierlichkeit und Glanz Alles übertreffen, was die übrige Welt aufweisen kann, einen tiefen Eindruck.[42] Der König, welcher anwesend war und gegen ein so offenbar gerechtes Urtheil nichts einwenden konnte, gerieth in Wuth gegen Saxton und gelobte, daß der Schurke zuerst wegen Meineids vor Westminsterhall an den Pranger gestellt und dann in den Westen geschickt werden solle, um wegen Verraths gehängt, gcschleift und geviertheilt zu werden.[43]
[Anmerkung 40: +Lords' Journals, Nov. 9, 10, 16. 1685.+]
[Anmerkung 41: Siehe über die Verderbtheit der Richter in Lord Delamere's Werken, 1694.]
[Anmerkung 42: +»Fa una funzione piena di gravità, di ordine, e di gran speciosità.«+ Adda vom 15.(25.) Jan. 1686.]
[Anmerkung 43: Der Prozeß in der +Collection of State Trials+. Leeuwen, 15.(25.) und 19.(29.) Januar 1686.]
[_Eindruck seiner Freisprechung._] Die Freude des Publikums über Delamere's Freisprechung war groß. Die Schreckensherrschaft war also vorüber, die Unschuldigen begannen wieder freier zu athmen und die falschen Ankläger zu zittern. Einen bei dieser Gelegenheit geschriebenen Brief kann man kaum lesen, ohne zu Thränen gerührt zu werden. Russell's Wittwe erfuhr in ihrer Abgeschiedenheit die frohe Nachricht mit verschiedenartigen Gefühlen. »Ich danke Gott,« schrieb sie, »daß er dem Blutvergießen in diesem unglücklichen Lande Einhalt gethan hat. Aber während ich mich mit den Fröhlichen freuen sollte, suche ich einen einsamen Winkel auf, um darin zu weinen. Ich fühle, daß ich keiner Freude mehr fähig bin, denn jeder neue Umstand, und gerade die Vergleichung meiner kummervollen Nacht nach solch' einem Tage, mit ihren Tagen der Freude, zerreißt mein gebrochenes Herz, ich mag die Sache betrachten, von welcher Seite ich will. Obwohl ich weit entfernt bin, ihren Tagen ein Ende zu wünschen, wie das der meinigen, so kann ich doch nicht umhin, es zuweilen zu beklagen, daß das meinige nicht war wie das ihrige«.[44]
Jetzt trat ein entscheidender Wendepunkt ein. Der Tod Stafford's, den das gemeine Volk, dessen Wuth er geopfert worden war, mit Äußerungen der innigsten Theilnahme und Reue angesehen hatte, bezeichnet das Ende der einen Proscription, die Freisprechung Delamere's bezeichnet das Ende der andren. Die Verbrechen, welche Shaftesbury's stürmisches Tribunat geschändet hatten, waren furchtbar gesühnt, das Blut unschuldiger Papisten war mehr als zehnfältig durch das Blut eifriger Protestanten gerächt. Auch eine andre große Reaction hatte begonnen. Die Parteien erfuhren eine schnelle Umgestaltung, alte Verbündete trennten sich und alte Feinde verbanden sich. Unzufriedenheit verbreitete sich rasch durch alle Reihen der unlängst noch herrschenden Partei; eine allerdings noch schwache und unbestimmte Hoffnung auf Sieg und Rache beseelte die andre, welche kurz zuvor schon vernichtet zu sein schien. Unter solchen Umständen ging das ereignißvolle und sturmbewegte Jahr 1685 zu Ende und das Jahr 1686 begann.
[Anmerkung 44: Lady Russell an +Dr.+ Fitzwilliam vom 15. Jan. 1686.]
[_Parteien am Hofe._] Die Prorogation hatte den König von den sanften Vorstellungen der beiden Häuser befreit, aber er mußte noch andere Vorstellungen anhören, welche Ähnliches bezweckten, wenn sie auch in einem noch vorsichtigeren und unterwürfigeren Tone ausgesprochen wurden. Einige Männer, die ihm mit einem nur zu großen, ihrem eigenen Rufe wie dem öffentlichen Wohle nachtheiligen Eifer gedient hatten, begannen von schlimmen Ahnungen ergriffen zu werden und wagten es bei Gelegenheit, einen kleinen Theil ihrer Gefühle schwach anzudeuten.
[_Stimmung der protestantischen Tories._] Seit vielen Jahren waren der Eifer des englischen Tory für die erbliche Monarchie und sein Eifer für die Staatskirche nebeneinander aufgewachsen und hatten sich gegenseitig gekräftigt. Nie war es ihm in den Sinn gekommen, daß diese beiden unzertrennlich und sogar identisch scheinenden Gefühle sich eines Tages nicht nur als verschieden, sondern sogar als unverträglich erweisen könnten. Seit dem Beginn des Streites zwischen den Stuarts und den Gemeinen waren die Sache der Krone und die Sache der Hierarchie allem Anscheine nach Eins gewesen. Die Kirche hatte Karl I. als ihren Märtyrer betrachtet. Wenn Karl II. gegen sie complottirt hatte, so hatte er es nur im Geheimen gethan. Öffentlich hatte er sich stets als ihren dankbaren und ergebenen Sohn erklärt, hatte an ihren Altären gekniet und es war ihm bei aller seiner Sittenlosigkeit gelungen, der großen Masse ihrer Anhänger einzureden, daß er eine aufrichtige Vorliebe für sie hege. Welche Kämpfe der ehrliche Kavalier daher auch gegen Whigs und Rundköpfe zu bestehen gehabt hatte, er war bisher wenigstens nicht durch Kämpfe in seiner eigenen Brust beunruhigt worden. Er hatte den Pfad der Pflicht klar vor sich gesehen. Er mußte im Glück wie im Unglück der Kirche und dem Könige treu bleiben. Wenn nun aber diese beiden erhabenen und ehrwürdigen Mächte, welche bisher so eng mit einander verbunden zu sein schienen, daß wer der einen treu war, der andren nicht untreu werden konnte, durch tödtliche Feindschaft getrennt wurden, welchen Weg sollte dann der orthodoxe Royalist gehen? Konnte es eine schwerere Prüfung für ihn geben, als die ihm dann bevorstehende: zwischen zwei gleich heiligen Pflichten, zwischen zwei gleich starken Sympathien hin und her geworfen zu werden? Wie sollte er dem Kaiser geben was des Kaisers war, ohne Gott einen Theil dessen zu entziehen, was Gottes war? Wer diese Gefühle hegte, konnte den Streit zwischen dem Könige und dem Parlamente in der Testfrage nicht ohne tiefe Betrübniß und düstere Ahnungen verfolgt haben. Wenn Jakob wenigstens jetzt noch bewogen werden konnte, sein Verfahren zu überlegen, die Häuser wieder einzuberufen und sich ihren Wünschen zu fügen, so konnte noch Alles gut gehen.
Dies waren die Gedanken zweier Verwandten des Königs, der Earls von Clarendon und von Rochester. Die Macht und die Gunst dieser beiden Edelleute schienen in der That groß zu sein. Der jüngere Bruder war Lordschatzmeister und Premierminister, der ältere war, nachdem er einige Monate das Geheimsiegel verwahrt hatte, zum Lordlieutenant von Irland ernannt worden. Der ehrwürdige Ormond trat auf die nämliche Seite. Middleton und Preston, welche als Führer des Hauses der Gemeinen neuerdings aus Erfahrung gelernt hatten, wie theuer die Staatskirche der loyalen Gentry Englands war, stimmten ebenfalls für gemäßigte Beschlüsse.
Gleich zu Anfang des neuen Jahres erfuhren diese Staatsmänner und die große Partei, die sie repräsentirten, eine tiefe Kränkung. Daß der verstorbene König im Herzen ein Katholik gewesen, war zwar seit einigen Monaten vermuthet und leise angedeutet, aber doch noch nicht förmlich angekündigt worden. Allerdings mußte diese Eröffnung auch großes Ärgerniß erregen. Karl hatte sich unzählige Male für einen Protestanten erklärt und hatte das Abendmahl stets von Bischöfen der Staatskirche empfangen. Diejenigen Protestanten, die im Unglück treu zu ihm gehalten und ihm noch immer ein liebevolles Andenken bewahrten, mußten mit Scham und Unwillen erfüllt werden, wenn sie erfuhren, daß sein ganzes Leben eine Lüge gewesen war, daß er, während er vorgab, ihrem Bunde anzugehören, in Wirklichkeit sie als Ketzer betrachtete, und daß die Demagogen, die ihn als einen verkappten Papisten dargestellt, die Einzigen gewesen waren, die seinen Character richtig beurtheilt hatten. Selbst Ludwig begriff den Stand der öffentlichen Meinung Englands hinreichend, um einzusehen, daß die Enthüllung der Wahrheit schaden könne und hatte daher aus eigenem Antriebe versprochen, Karl's Übertritt streng geheim zu halten.[45] So lange Jakob's Macht noch neu war, hatte er es für rathsam gehalten, in diesem Punkte vorsichtig zu sein, und es nicht gewagt, seinen Bruder nach dem Gebrauche der römischen Kirche begraben zu lassen. Eine Zeit lang stand es daher einem Jeden frei, zu glauben, was er wollte. Die Papisten nahmen den verewigten Fürsten als ihren Proselyten in Anspruch, die Whigs verwünschten ihn als einen Heuchler und Renegaten, die Tories hielten das Gerücht von seinem Abfall für eine Verleumdung, deren Verbreitung aus verschiedenen Gründen im gemeinschaftlichen Interesse der Papisten und der Whigs lag.
[Anmerkung 45: Ludwig an Barillon, 10.(20.) Febr. 1685/86.]