Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Dritter Band
Part 10
[_Militärische Hinrichtungen._] Feversham galt für einen gutherzigen Mann, aber er war ein Ausländer, der die Gesetze der Engländer nicht kannte und sich um ihre Gefühle nicht kümmerte. Er war an den kriegerischen Übermuth Frankreichs gewohnt und hatte von seinem hohen Verwandten, dem Eroberer der Pfalz, nicht erobern, sondern nur verwüsten und zerstören gelernt. Eine beträchtliche Anzahl Gefangener wurde sofort zur Hinrichtung ausgewählt. Unter diesen befand sich ein junger Mann, der wegen seiner Schnelligkeit im Laufen berühmt war. Man machte ihm Hoffnung, daß er mit dem Leben davon kommen könne, wenn er aus einem Wettlaufe mit einem Fohlen der Marschen siegreich hervorginge. Der Raum, den dieser Mann in gleichem Schritt mit dem Pferde durchlief, ist noch jetzt durch wohlbekannte Markzeichen auf dem Moore angegeben und war ungefähr dreiviertel Meile lang. Feversham schämte sich nicht, den unglücklichen Schnellläufer nach vollbrachter Leistung dennoch an den Galgen zu schicken. Am nächsten Morgen sah man eine lange Reihe von Galgen auf der Straße von Bridgewater nach Weston Zoyland, und an jedem derselben hing ein Gefangner. Vier von den Duldern ließ man in ihren Ketten verfaulen.[101]
[Anmerkung 101: +Locke's Western Rebellion+; +Stradling's Chilton Priory+; +Oldmixon, 704.+]
[_Monmouth's Flucht._] Unterdessen entfloh Monmouth, begleitet von Grey, Buyse und einigen andren Freunden, vom Schlachtfelde. In Chedzoy machte er einen Augenblick Halt, um ein frisches Pferd zu besteigen und sein blaues Knieband und seinen St. Georg[102] zu verbergen. Dann eilte er weiter nach Bristol Channel. Auf den Anhöhen im Norden des Schlachtfeldes sah er noch den Blitz und den Rauch der letzten Salve, die seine verlassenen Getreuen abfeuerten. Vor sechs Uhr war er schon zwanzig Meilen von Sedgemoor entfernt. Einige von seinen Begleitern riethen ihm, über den Kanal zu setzen und in Wales eine Zufluchtsstätte zu suchen, was unzweifelhaft das Klügste gewesen wäre. Er hätte längst in Wales sein können, ehe die Nachricht von seiner Niederlage dahin gelangte, und würde in einer so unwirthbaren, vom Sitze der Regierung weit entfernten Gegend lange unentdeckt geblieben sein. Aber er beschloß, nach Hampshire zu eilen, in der Hoffnung, sich in den Hütten der Wilddiebe unter den Eichen des Neuen Waldes so lange verbergen zu können, bis sich eine günstige Gelegenheit zum Entkommen auf das Festland darbot. Daher wendete er sich mit Grey und Buyse südöstlich. Aber der Weg war voll von Gefahren, denn die Flüchtlinge reisten durch eine Gegend, wo Jedermann den Ausgang der Schlacht schon kannte und kein Reisender von verdächtigem Aussehen sich einer genauen Untersuchung entziehen konnte. Sie ritten den ganzen Tag, indem sie Städte und Dörfer sorgfältig vermieden. Das war auch nicht so schwierig, als es jetzt scheinen mag, denn damals lebende Leute konnten sich noch sehr gut der Zeit erinnern, wo sich das Rothwild in einer Reihenfolge von Wäldern von den Ufern des Avon in Wiltshire bis zur südlichen Küste von Hampshire in ungestörter Freiheit tummelte.[103] Auf Cranbourne Chase konnten endlich die Pferde vor Erschöpfung nicht weiter. Man nahm ihnen daher Sattel und Zaum ab, welche sorgfältig versteckt wurden, und ließ sie laufen. Monmouth und seine Freunde verschafften sich nun Bauernanzüge, und so verkleidet wanderten sie zu Fuß durch den Neuen Wald. Sie brachten die Nacht unter freiem Himmel zu, aber noch vor dem Morgen waren sie auf allen Seiten umzingelt. Lord Lumley, der mit einer starken Abtheilung der Miliz von Sussex in Ringwood stand, hatte nach allen Richtungen hin Detaschements ausgesandt und Sir Wilhelm Portman mit der Miliz von Somerset vom Meeresufer bis ans nördliche Ende von Dorset eine Postenkette aufgestellt. Am siebenten um fünf Uhr Morgens wurde Grey, der sich von seinen Freunden entfernt hatte, von zwei Sussexer Spionen ergriffen. Er ergab sich in sein Schicksal mit der Ruhe eines Mannes, dem die Ungewißheit unerträglicher war als die sichere Aussicht auf seinen Untergang. »Seit unsrer Landung«, sagte er, »habe ich weder eine einzige ordentliche Mahlzeit, noch eine ruhige Nacht gehabt.« Man konnte kaum daran zweifeln, daß der Hauptrebell nicht weit entfernt war, und die Verfolger verdoppelten daher ihre Wachsamkeit und Thätigkeit. Lumley ließ alle auf dem Haidelande an den Grenzen von Dorsetshire und Hampshire zerstreut liegenden Hütten genau durchsuchen, und der Landmann, mit welchem Monmouth die Kleider gewechselt hatte, wurde entdeckt. Portman kam mit einer starken Abtheilung Reiterei und Fußvolk, um Lumley bei seinen Nachforschungen zu unterstützen. Bald wurde ihre Aufmerksamkeit auf eine Stelle gelenkt, die sich zum Versteck für Flüchtlinge vortrefflich eignete. Es war ein bedeutender Landstrich, welcher durch ein Gehege von dem offnen Lande getrennt und durch zahlreiche Hecken in kleine Feldparcellen abgetheilt war. Auf einigen dieser Felder waren der Roggen, die Erbsen und der Hafer hoch genug, um einen Menschen zu verbergen; andere waren mit Farrnkraut und Brombeersträuchern bedeckt. Eine arme Frau berichtete, daß sie in dem Gehege zwei Fremde gesehen habe, die sich zu verbergen schienen. Die nahe Aussicht auf eine Belohnung erhöhte den Eifer der Truppen. Es wurde verabredet, daß jeder Mann, der bei der Durchsuchung seine Pflicht thue, einen Antheil von den versprochenen fünftausend Pfund bekommen sollte. Die äußere Umzäunung wurde mit Wachen besetzt und der innre Raum mit unermüdlicher Sorgfalt durchforscht; mehrere gute Spürhunde durchsuchten das Gebüsch. Der Abend brach herein, ehe das Geschäft beendigt war, aber die ganze Nacht hindurch wurde sorgfältig Wache gehalten. Wohl dreißigmal wagten es die Flüchtlinge, durch die äußere Umzäunung zu blicken, aber überall fanden sie eine aufmerksam umherspähende Schildwache. Einmal wurden sie gesehen und auf sie geschossen; dann trennten sie sich und verbargen sich in verschiedenen Schlupfwinkeln.
[Anmerkung 102: Die Insignien des Hosenbandordens. D. Übers.]
[Anmerkung 103: +Aubrey's Natural History of Wiltshire, 1691.+]
[_Seine Gefangennehmung._] Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch begann das Suchen von neuem und Buyse wurde gefunden. Er gestand, daß er sich erst vor wenigen Stunden von dem Herzoge getrennt habe. Das Getreide und das Gesträuch wurde nun mit noch größerer Sorgfalt untersucht. Endlich wurde eine abgezehrte Gestalt in einem Graben gefunden. Die Verfolger stürzten sich auf ihre Beute und einige von ihnen wollten feuern, aber Portman verbot jede Gewaltthätigkeit. Der Gefangne trug die Kleidung, eines Hirten, sein frühzeitig ergrauter Bart war seit mehreren Tagen nicht rasirt. Er zitterte heftig und konnte nicht sprechen. Selbst Diejenigen, die ihn oft gesehen hatten, zweifelten anfangs, ob dies wirklich der glänzende und liebenswürdige Monmouth sei. Portman untersuchte seine Taschen und fand darin unter grünen Erbsen, die er in seinem quälenden Hunger abgepflückt hatte, eine Uhr, eine mit Gold gefüllte Börse, ein kleines Werk über die Befestigungskunst, ein Album mit Gedichten, Recepten, Gebeten und Zaubersprüchen, und den St. Georg, mit dem König Karl II. vor vielen Jahren seinen Lieblingssohn geschmückt hatte. Es wurden nun sogleich Boten mit der erfreulichen Nachricht nach Whitehall abgesandt und der Gefangene unter starker Bedeckung nach Ringwood gebracht.[104]
So war denn Alles verloren und es blieb ihm nichts mehr übrig, als daß er sich vorbereitete, dem Tode so entgegenzugehen, wie es einem Manne ziemte, der sich nicht für unwürdig gehalten, die Kronen Wilhelm's des Eroberers und Richard's Löwenherz, des Helden von Cressy und des Helden von Agincourt zu tragen. Der Gefangne hätte sich leicht noch anderer Beispiele aus seiner Familie erinnern können, welche auf seine gegenwärtige Lage besser paßten. In einem Zeitraume von hundert Jahren waren zwei Souveraine, deren Blut in seinen Adern floß, darunter ein zartes Weib, in der nämlichen Lage gewesen, in der er sich jetzt befand. Sie hatten im Gefängniß und auf dem Schaffot einen Heldenmuth gezeigt, dessen sie in den Tagen des Glücks nicht fähig gewesen waren, und hatten ihre großen Fehler und Verbrechen zum Theil gesühnt, indem sie Alles, was ihre siegreichen Feinde ihnen zufügen konnten, mit christlicher Ergebung und majestätischer Würde ertrugen. Der Feigheit war Monmouth nie beschuldigt worden, und hätte es ihm auch an natürlichem Muthe gefehlt, so ließ sich erwarten, daß dieser Mangel durch den Stolz und die Verzweiflung ersetzt werden würde. Die Augen der ganzen Welt waren auf ihn gerichtet; die spätesten Geschlechter sollten es erfahren, wie er sich in dieser kritischen Lage gezeigt hatte. Er war es den wackeren Landleuten im Westen schuldig, ihnen zu beweisen, daß sie ihr Blut nicht für einen ihrer Aufopferung unwürdigen Führer vergossen hatten, und dem Weibe, die ihm Alles geopfert, war er es schuldig, sich so zu benehmen, daß sie wohl um ihn weinen durfte, sich seiner aber nicht zu schämen brauchte. Ihm stand es nicht an, zu jammern und um Gnade zu flehen; auch mußte ihm schon sein Verstand sagen, daß er durch Klagen und Bitten nichts erreichen würde. Er hatte etwas gethan, was nie vergeben werden konnte, und er war in der Gewalt eines Mannes, der nie vergab.
Aber Monmouth's Muth war nicht jener erhabne Muth, der das Resultat der Überlegung und der Selbstachtung ist; die Natur hatte ihm keines jener starken Herzen verliehen, denen weder Mißgeschick noch Gefahren ein Zeichen von Schwäche entreißen können. Sein Muth wuchs und sank nach Maßgabe der auf ihn einwirkenden äußeren Eindrücke. Auf dem Schlachtfelde wurde er durch die Aufregung des Kampfes, durch die Hoffnung auf den Sieg und durch den mächtigen Einfluß der Sympathie aufrecht erhalten. Alle diese Stützpunkte waren ihm jetzt entzogen. Das verwöhnte Schooßkind des Hofes und des Volks, daran gewöhnt, überall wo er sich zeigte, geliebt und vergöttert zu werden, war jetzt von finsteren Kerkermeistern umgeben, in deren Blicken er sein Schicksal las. Noch einige Stunden düstrer Abgeschiedenheit, und er mußte eines gewaltsamen und schimpflichen Todes sterben. Sein Muth war völlig gebrochen. Das Leben schien ihm werth, durch jede Erniedrigung erkauft zu werden, und sein stets schwacher, jetzt aber noch durch die Angst verwirrter Verstand sah nicht ein, daß Demüthigungen ihn herabwürdigen mußten, aber nicht retten konnten.
[Anmerkung 104: +Account of the manner of taking the late Duke of Monmouth, published by His Majesty's command. Gazette de France, July 18.(28.) 1685+; +Eachard III. 770+; +Burnet I. 644+, und Dartmouth's Note; Citters, 10.(20.) Juli 1685.]
[_Sein Brief an den König._] Sogleich nach seiner Ankunft in Ringwood schrieb er an den König. Aus seinem Briefe sprach feige Angst, die kein Ehrgefühl mehr kennt. Er versicherte in Ausdrücken der heftigsten Verzweiflung, daß er seinen Verrath bereue und daß es zu der Zeit, als er seinen Verwandten versprach, keine Unruhen in England hervorzurufen, sein fester Vorsatz gewesen sei, sein Wort zu halten. Leider hätten nachher einige abscheuliche Menschen ihn seiner Unterthanentreue entfremdet, indem sie sein Blut durch Verleumdungen erhitzten und seinen Verstand durch Sophismen irreleiteten; jetzt aber verabscheue er sie sowohl als sich selbst. In kläglichen Ausdrücken flehte er um die Gunst einer Unterredung mit dem Könige. Es handle sich um ein Geheimniß, das er dem Papiere nicht anvertrauen könne, um ein Geheimniß, das in einem einzigen Worte enthalten sei und das, wenn er es ihm mittheile, den Thron gegen jede Gefahr sicherstellen werde. Am folgenden Tage schrieb er auch noch an die Königin Wittwe und an den Lordschatzmeister, die er beide dringend bat, sich für ihn zu verwenden.[105]
Das Erstaunen war groß, als es in London bekannt wurde, wie tief er sich erniedrigt hatte, und Niemand wunderte sich mehr darüber, als Barillon, der zwei blutige Proscriptionen in England erlebt und zahlreiche Opfer, sowohl von der Opposition als vom Hofe, gesehen hatte, die sich ohne weibisches Flehen und Jammern in ihr Schicksal ergaben.[106]
[Anmerkung 105: Der Brief an den König wurde damals auf besondren Befehl gedruckt, der an die Königin Wittwe befindet sich unter Sir H. Ellis' Originalbriefen; der an Rochester in Clarendon's Correspondenz.]
[Anmerkung 106: Er schrieb: +»On trouve fort à redire icy qu'il ayt fait une chose si peu ordinaire aux Anglois.«+ 13.(23.) Juli 1685.]
[_Er wird nach London abgeführt._] Monmouth und Grey blieben zwei Tage in Ringwood und wurden dann unter Bedeckung eines starken Detaschements regulärer Truppen und Milizen nach London abgeführt. Im Wagen des Herzogs saß ein Offizier, welcher Befehl hatte, den Gefangnen sofort niederzustoßen=, wenn er einen Fluchtversuch machen sollte. Auf dem ganzen Wege war in jeder Stadt die Miliz der Umgegend unter dem Commando der vornehmsten Gentry versammelt. Die Reise dauerte drei Tage und endete zu Vauxhall, wo ein von Georg Legge, Lord Dartmouth, befehligtes Regiment die Gefangenen in Empfang nahm. Sie wurden hierauf zu Wasser in einer Staatsbarke nach Whitehall gebracht. Lumley und Portman hatten abwechselnd Tag und Nacht den Herzog bewacht, bis sie ihn wohlbehalten in den Mauern des Palastes ablieferten.[107]
Sowohl Monmouth's als auch Grey's Benehmen während der Reise erfüllte jeden Beobachter mit Erstaunen; Monmouth war gänzlich zu Boden geschmettert; Grey dagegen war nicht nur gefaßt, sondern sogar heiter, sprach ganz vergnügt von Pferden und Hunden, von Jagd und Wettrennen, und machte selbst scherzhafte Anspielungen auf die gefährliche Lage, in der er sich befand.
Man kann den König wegen seines Entschlusses, daß Monmouth den Tod erleiden sollte, nicht tadeln. Wer sich an die Spitze eines Aufstandes gegen die bestehende Regierung stellt, setzt sein Leben aufs Spiel, und Auflehnung gegen die königliche Gewalt war nur der geringste Theil von Monmouth's Verbrechen. Er hatte seinem Oheim einen Krieg ohne Pardon erklärt. In dem zu Lyme erlassenen Manifeste war Jakob als Brandstifter, als Meuchelmörder, der einen Unschuldigen erdrosselt und einem Andren die Kehle abgeschnitten, und schließlich als Vergifter seines eignen Bruders der öffentlichen Verwünschung preisgegeben worden. Einen Freund zu schonen, der sich kein Gewissen daraus gemacht, zu so schändlichen Mitteln zu greifen, würde ein Act seltner, vielleicht tadelnswerther Großmuth gewesen sein; ihn aber zu empfangen und dann nicht zu schonen, dies war ein Frevel an der Humanität und der Schicklichkeit.[108] Der König beging diesen Frevel. Dem Gefangnen wurden vermittelst einer seidnen Schnur die Hände auf den Rücken gebunden, und nachdem man ihn auf diese Weise unschädlich gemacht, wurde er bei dem unversöhnlichen Verwandten, den er so schwer beleidigt hatte, eingeführt.
[Anmerkung 107: +Account of the manner of taking The Duke of Monmouth+; +London Gazette, July 16. 1685+; Citters, Juli 14.(24.)]
[Anmerkung 108: Barillon nahm unverkennbar großes Ärgerniß daran. Er schreibt: +»Il se vient de passer icy une chose bien extraordinaire et fort opposée à l'usage ordinaire des autres nations.«+ 13.(23.) Juli 1685.]
[_Seine Unterredung mit dem Könige._] Monmouth warf sich nieder und kroch bis zu den Füßen des Königs. Er weinte und versuchte mit seinen gefesselten Armen die Knie seines Oheims zu umfassen; er flehte um sein Leben, nur um sein Leben, um sein Leben um jeden Preis. Er gestand, daß er sich eines großen Verbrechens schuldig gemacht habe, versuchte es aber, die Schuld auf Andere zu wälzen, namentlich auf Argyle, der eher seine Füße in die spanischen Stiefeln gesteckt, als sein Leben durch eine solche Gemeinheit gerettet haben würde. Bei den Banden der Verwandtschaft, bei dem Gedächtniß des verstorbnen Königs, des besten und aufrichtigsten Bruders, beschwor der Unglückliche den König, einige Gnade walten zu lassen. Jakob erwiederte in ernstem Tone, diese Reue komme zu spät, er bedaure das Unglück, das der Gefangne selbst über sich gebracht habe, aber der Fall sei nicht geeignet, zur Milde zu stimmen. Der Herzog habe eine mit den abscheulichsten Verleumdungen angefüllte Erklärung erlassen und sich den Königstitel angemaßt; für einen unter so erschwerenden Umständen verübten Verrath könne es diesseit des Grabes keine Verzeihung geben. Der unglückliche Herzog betheuerte, daß er nie nach dem Besitz der Krone getrachtet habe, sondern daß er nur durch Andere zu dem unheilvollen Beginnen verleitet worden sei. Die Erklärung habe er nicht geschrieben, ja nicht einmal gelesen, er habe sie unterzeichnet, ohne sie nur anzusehen, sie sei lediglich das Werk Ferguson's, des blutdürstigen Schurken Ferguson. »Ihr werdet mich doch nicht glauben machen wollen«, sagte Jakob mit nur zu wohl verdienter Verachtung, »daß Ihr Euren Namen unter ein Dokument von solcher Bedeutung setztet, ohne den Inhalt desselben zu kennen?« Jetzt blieb nur noch eine Stufe der Infamie übrig, und selbst zu dieser stieg der Gefangne herab. Er war vorzugsweise als Vertheidiger der protestantischen Religion aufgetreten. Das Interesse dieses Glaubens war der Vorwand gewesen, unter dem er sich gegen die Regierung seines Vaters verschwor und die Drangsale eines Bürgerkrieges über sein Vaterland brachte; dennoch schämte er sich nicht, anzudeuten, daß er geneigt sei, sich mit der römischen Kirche wieder auszusöhnen. Der König bot ihm bereitwilligst geistlichen Beistand an, sagte aber kein Wort von Begnadigung oder Aufschub. »Ich habe also keine Hoffnung?« fragte Monmouth. Jakob wendete sich schweigend von ihm ab. Der Herzog raffte nun seinen ganzen Muth zusammen, erhob sich und verließ mit einer Festigkeit, die er seit seinem Sturze noch nicht gezeigt hatte, das Gemach.[109]
Nach ihm wurde Grey eingeführt. Er benahm sich mit so edlem Anstande und solcher Fassung, daß selbst der finstre und rachsüchtige König davon ergriffen wurde, gestand seine Schuld offen ein, versuchte es nicht, sich zu entschuldigen, und ließ sich nicht ein einziges Mal herab, um sein Leben zu bitten. Beide Gefangene wurden zu Wasser in den Tower geschickt. Es gab keinen Tumult, aber viele Tausende suchten mit ängstlicher und betrübter Miene einen Blick auf die Gefangenen zu werfen. Den Herzog verließ seine Festigkeit wieder, sobald er dem Könige aus dem Gesicht war. Auf dem Wege in sein Gefängniß bejammerte er laut sein Geschick, klagte seine Anhänger an und bat in erniedrigender Weise Dartmouth um seine Verwendung. »Ich weiß, Mylord,« sagte er zu ihm, »daß Sie meinen Vater liebten. Um seinetwillen und um Gotteswillen versuchen Sie es, Gnade für mich zu erwirken!« Dartmouth antwortete ihm, der König habe die Wahrheit gesagt: ein Unterthan, der sich den Königstitel angemaßt, habe sich selbst jeder Hoffnung auf Gnade begeben.[110]
Bald nach seiner Ankunft im Tower wurde Monmouth gemeldet, daß seine Gemahlin auf königlichen Befehl zu ihm gesandt sei, um ihn zu besuchen. Sie war begleitet vom Geheimsiegelbewahrer, Earl von Clarendon. Ihr Gemahl empfing sie sehr kalt und sprach fast nur mit Clarendon, den er dringend um seine Fürsprache bat. Der Earl machte ihm keine Hoffnung, und noch den nämlichen Abend kamen zwei Prälaten, Turner, Bischof von Ely, und Ken, Bischof von Bath und Wells, mit einer feierlichen Botschaft vom Könige in den Tower. Es war Montag Nacht. Am Mittwoch Morgen sollte Monmouth sterben.
Er war heftig erschüttert, alles Blut trat aus seinen Wangen, und es dauerte eine Weile, ehe er sprechen konnte. Den größten Theil der kurzen Zeit, die ihm noch vergönnt war, verschwendete er in nutzlosen Versuchen, wenn nicht Begnadigung, doch einen Aufschub zu erlangen. Er schrieb klägliche Briefe an den König und an mehrere Höflinge, aber vergebens. Von Seiten des Hofes wurden einige katholische Geistliche zu ihm gesandt, sie überzeugten sich jedoch bald, daß er zwar gern durch Abschwörung des Glaubens, als dessen Vertheidiger er sich ganz speciell erklärt hatte, sein Leben erkaufen würde, daß er aber, wenn er einmal sterben müßte, eben so gern ohne ihre Absolution als mit derselben sterben würde.[111]
Ken und Turner waren mit seiner Gemüthsverfassung nicht viel zufriedener. Die Lehre von der Verwerflichkeit des Widerstandes war nach ihrer eigenen wie nach der Ansicht ihrer Berufsgenossen das unterscheidende Merkmal der anglikanischen Kirche. Die beiden Bischöfe drangen in Monmouth, er solle zugestehen, daß er durch seine bewaffnete Auflehnung gegen die Regierung eine große Sünde begangen habe; aber sie fanden ihn in diesem Punkte entschieden heterodox. Und dies war nicht seine einzige Ketzerei. Er behauptete, sein Verhältniß mit Lady Wentworth sei in den Augen Gottes tadellos. Er sei schon als Knabe vermählt worden und habe sich nie um die Herzogin gekümmert; er habe daher das Glück, das er in seiner Häuslichkeit nicht gefunden, in einer Reihenfolge lockerer Liebschaften gesucht, welche die Religion und die Moral verdammten. Henriette habe ihn seinem lasterhaften Lebenswandel entrissen, ihr sei er beständig treu geblieben. In gemeinschaftlichem Gebet hätten sie den Himmel um seine göttliche Leitung angefleht und nach solchem Gebet hätten sie ihre gegenseitige Zuneigung jedesmal stärker gefunden, so daß sie nicht länger hätten zweifeln können, daß ihre Verbindung in den Augen Gottes so gut wie eine gesetzliche Ehe sei. Die beiden Bischöfe waren so entrüstet über diese Auffassung des ehelichen Verhältnisses, daß sie sich weigerten, dem Gefangenen das Abendmahl zu reichen. Alles, was sie von ihm erlangen konnten, war das Versprechen, daß er in der letzten Nacht, die er noch zu leben hatte, den Himmel um Erleuchtung bitten wolle, wenn er im Irrthum sei.
Am Mittwoch Morgen kam auf sein besonderes Ansuchen +Dr.+ Thomas Tenison, welcher damals Vikar zu St. Martin war und sich in diesem wichtigen Amte die hohe Achtung des Publikums erworben hatte, in den Tower. Der Herzog erwartete von Tenison, dessen gemäßigte Ansichten bekannt waren, mehr Nachsicht als Ken und Turner gegen ihn zu üben geneigt waren. Welcher Ansicht aber Tenison auch in Betreff des Nichtwiderstandes sein mochte, den letztem Aufstand hielt er für übereilt und strafbar, und Monmouth's Begriff von der Ehe betrachtete er als einen höchst gefährlichen Irrwahn. Monmouth blieb jedoch hartnäckig bei seiner Meinung. Er habe Gott gebeten, daß er ihn erleuchten möge, sagte er; aber seine Ansichten seien unverändert geblieben, und er könne daher nicht zweifeln, daß es die richtigen seien. Tenison's Ermahnungen waren indessen in einem milderen Tone gehalten als die der Bischöfe. Aber auch er war, gleich ihnen, der Meinung, daß er es nicht verantworten könne, wenn er einem Manne, dessen Bußfertigkeit so unbefriedigend sei, das Abendmahl reichte.[112]
Die Stunde rückte immer näher heran, jede Hoffnung war geschwunden, und Monmouth's kleinmüthige Angst hatte sich in gefühllose Verzweiflung verwandelt. Seine Kinder wurden in Begleitung ihrer Mutter bei ihm eingeführt, damit er Abschied von ihnen nehme. Er sprach freundlich, aber ohne Rührung mit seiner Gemahlin. Obgleich sie eine Frau von großer Seelenstärke war und wenig Ursache hatte, ihn zu lieben, so war ihr Schmerz doch so heftig, daß keiner der Umstehenden sich der Thränen enthalten konnte. Er allein blieb ungerührt.[113]
[Anmerkung 109: +Burnet I. 644+; +Evelyn's Diary, July 15.+; +Sir J. Bramston's Memoirs+; +Reresby's Memoirs+; Jakob an den Prinzen von Oranien vom 14. Juli 1685; Barillon, 16.(26.) Juli; +Buccleuch MS.+]
[Anmerkung 110: Jakob an den Prinzen von Oranien vom 14. Juli 1685; Holländische Depesche von dem nämlichen Datum; Luttrell's Tagebuch; Dartmouth's Anmerkung in Burnet I. 646.]
[Anmerkung 111: +Buccleuch MS.+; +Clarke's Life of James the Second, II. 37+; +Orig. Mem.+; Citters, 14.(24.) Juli 1685; +Gazette de France, Aug. 1.(11.)+]