Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Dritter Band
Part 1
[Zeichen _wie so_ bedeuten Gesperrt; +wie so+ bedeuten Antiqua (nicht-Fraktur); =wie so= bedeuten Fettschrift.]
Thomas Babington Macaulay's
Geschichte von England
seit der
Thronbesteigung Jakob's des Zweiten.
Aus dem Englischen.
+Vollständige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.+
Dritter Band
Leipzig, 1854. _G. H. Friedlein._
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Fünftes Kapitel.
Jakob II.
=Inhalt.=
Seite Whiggistische Flüchtlinge auf dem Festlande 5 Ihre Correspondenten in England 5 Character der Oberhäupter der Flüchtlinge 6 Ayloffe 6 Wade 7 Goodenough 7 Rumbold 7 Lord Grey 8 Monmouth 9 Ferguson 10 Schottische Flüchtlinge 13 Der Earl von Argyle 13 Sir Patrick Hume und Sir Johann Cochrane 15 Fletcher von Saltoun 16 Unverständiges Benehmen der schottischen Flüchtlinge 16 Anstalten zu einem Unternehmen gegen England und Schottland 17 Johann Locke 19 Vorkehrungen der Regierung zur Vertheidigung Schottlands 20 Unterredung Jakob's mit den holländischen Gesandten 20 Vergebliche Versuche, Argyle am Absegeln zu verhindern 20 Argyle's Abreise von Holland 22 Argyle landet in Schottland 22 Argyle's Zwistigkeiten mit seinen Begleitern 23 Stimmung der schottischen Nation 24 Argyle's Truppe zerstreut 27 Argyle gefangen genommen 28 Argyle's Hinrichtung 31 Rumbold's Hinrichtung 32 Ayloffe's Tod 33 Verwüstung von Argyleshire 34 Erfolglose Versuche, Monmouth's Abreise von Holland zu verhindern 35 Monmouth's Ankunft in Lyme 36 Seine Erklärung 37 Seine Popularität im Westen Englands 38 Zusammenstoß der Rebellen mit der Miliz in Bridport 39 Gefecht zwischen den Rebellen und der Miliz bei Axminster 41 Die Nachricht von dem Aufstande kommt nach London 41 Loyalität des Parlaments 41 Monmouth's Empfang in Taunton 44 Monmouth nimmt den Königstitel an 46 Sein Empfang in Bridgewater 49 Vorkehrungen der Regierung zum Widerstande 50 Sein Plan auf Bristol 53 Er giebt den Plan auf Bristol auf 53 Gefecht bei Philip's Norton 54 Monmouth's Verzagtheit 55 Seine Rückkehr nach Bridgewater 56 Die königliche Armee schlägt bei Sedgemoor ein Lager auf 56 Schlacht von Sedgemoor 59 Verfolgung der Rebellen 63 Militairische Hinrichtungen 64 Monmouth's Flucht 64 Seine Gefangennehmung 65 Sein Brief an den König 67 Er wird nach London abgeführt 67 Seine Unterredung mit dem Könige 68 Seine Hinrichtung 71 Wie das niedere Volk sein Andenken ehrte 73 Grausamkeiten der Soldaten im Westen 75 Kirke 75 Jeffreys reist zu den westlichen Assisen ab 79 Prozeß der Alice Lisle 79 Die blutigen Assisen 82 Abraham Holmes 85 Christoph Battiscombe 85 Die Gebrüder Hewling 86 Tutchin's Strafe 88 Deportation von Rebellen 87 Confiscationen und Erpressungen 88 Habgier der Königin und ihrer Hofdamen 89 Verfahren gegen Grey, Cochrane, Storey, Wade, Goodenough und Ferguson 91 Jeffreys zum Lordkanzler ernannt 93 Cornish's Prozeß und Hinrichtung 94 Prozeß und Hinrichtung Fernley's und der Elisabeth Gaunt 95 Prozeß und Hinrichtung Bateman's 97 Grausame Verfolgung der protestantischen Dissenters 97
[_Whiggistische Flüchtlinge auf dem Festlande._] Gegen das Ende der Regierung Karl's II. hatten einige Whigs, welche in das ihrer Partei so verderblich gewordene Complot verwickelt waren und wußten, daß man ihnen den Untergang geschworen, in den Niederlanden eine Zufluchtsstätte gesucht.
Diese Flüchtlinge waren größtentheils Leute von heißblütigem Temperament, aber schwachem Urtheile, und überdies waren sie von der sonderbaren Täuschung befangen, die ihrer Lage eigen zu sein scheint. Ein Politiker, welcher durch eine feindliche Partei in die Verbannung getrieben wurde, erblickt die Gesellschaft, die er verlassen, in der Regel in einem falschen Lichte. Jeder Gegenstand erhält durch den Schmerz, durch die Sehnsucht und durch den Haß eine andre Gestalt und Färbung. Jede kleine Unzufriedenheit scheint ihm eine Revolution zu verkünden, jeder Tumult dünkt ihm ein Aufstand. Er ist nicht davon zu überzeugen, daß sein Vaterland sich nicht eben so schmerzlich nach ihm sehnt, wie er sich nach demselben sehnt, er bildet sich ein, daß alle seine alten Gesinnungsgenossen, die noch in der Heimath und im ungestörten Genusse ihres Vermögens sind, von den nämlichen Gefühlen gequält werden, welche ihm das Leben zu einer Last machen. Je länger seine Verbannung dauert, um so größer wird diese Täuschung. Die Zeit, welche den Feuereifer der zurückgelassenen Freunde dämpft, schürt den seinigen nur noch mehr an. Mit jedem Monate wird sein sehnsüchtiges Verlangen nach der Heimath stärker, und mit jedem Monate denkt sein Vaterland seltener an ihn und vermißt ihn weniger. Diese Täuschung wird fast zum Wahnsinn, wenn viele Verbannte, die um der nämlichen Sache willen leiden, an einer fremden Küste beisammenwohnen. Ihre Hauptbeschäftigung ist, davon zu sprechen, was sie einst waren und was sie vielleicht noch einmal werden können, einander zum Hasse gegen den gemeinschaftlichen Feind aufzustacheln und sich gegenseitig mit überspannten Hoffnungen auf Sieg und Rache zu nähren. So werden sie reif zu Unternehmungen, welche Jedermann, den die Leidenschaft nicht der Fähigkeit beraubt hat, die Wahrscheinlichkeiten zu berechnen, von vornherein für hoffnungslos erklären würde.
[_Ihre Correspondenten in England._] In dieser Stimmung waren viele der Verwiesenen, die sich auf dem Continent gesammelt hatten. Der Briefwechsel, den sie mit England unterhielten, diente größtentheils nur dazu, ihre Gefühle noch mehr aufzureizen und ihr Urtheil irre zu führen. Ihre Nachrichten von dem Zustande der öffentlichen Meinung erhielten sie hauptsächlich von den schlimmsten Mitgliedern der Whigpartei, von Männern, welche Verschwörer und Pasquillanten von Profession waren, die von den Gerichten verfolgt wurden, die nur verkleidet durch abgelegene Gassen schleichen und sich zuweilen Wochen lang auf Böden oder in Kellern versteckt halten mußten. Die Staatsmänner, welche die Zierden der Vaterlandspartei gewesen waren, die Staatsmänner, welche später die Berathungen des Convents leiteten, würden ganz andere Rathschläge gegeben haben, als Männer wie Johann Wildman und Heinrich Danvers sie gaben.
Wildman hatte vierzig Jahre früher im Parlamentsheere gedient, sich aber in dieser Stellung mehr als Wühler, denn als Soldat ausgezeichnet, und hatte das Waffenhandwerk bald wieder aufgegeben, um andere Zwecke zu verfolgen, die seinem Character mehr zusagten. Sein Haß gegen die Monarchie hatte ihn angetrieben, sich in eine lange Reihe von Verschwörungen einzulassen, zuerst gegen den Protector und dann gegen die Stuarts. Wildman verband jedoch mit seinem Fanatismus eine zärtliche Sorge für seine persönliche Sicherheit. Er besaß eine seltene Geschicklichkeit darin, die Schwelle des Hochverraths nicht zu überschreiten. Niemand verstand es besser als er, Andere zu verzweifelten Unternehmungen durch Worte anzureizen, welche vor Gericht unschuldig, oder schlimmsten Falls doch nur zweideutig erscheinen konnten. Seine Verschlagenheit war so groß, daß er, obgleich er beständig complotirte, obgleich er von jeher als Verschwörer bekannt war und obgleich ihn eine rachsüchtige Regierung lange Zeit mit feindseligem Argwohn beobachtete, doch immer jeder Gefahr entging und ruhig in seinem Bette starb, nachdem er zwei Generationen seiner Mitschuldigen am Galgen hatte enden sehen.[1] Danvers war ein Mensch von gleichem Schlage, heißblütig, aber kleinmüthig, durch glühende Begeisterung fortwährend bis an den Rand der Gefahr getrieben, durch die Feigheit aber immer wieder an diesem Rande zurückgehalten. Er hatte unter einem Theile der Baptisten großen Einfluß, hatte viel zur Vertheidigung ihrer sonderbaren Ansichten geschrieben und sich durch den Versuch, das Verbrechen des Matthias und Johann von Leyden zu beschönigen, den strengen Tadel der ehrenwerthesten Puritaner zugezogen. Hätte er ein wenig Muth besessen, so ist es wahrscheinlich, daß er in die Fußtapfen der Elenden getreten wäre, die er vertheidigte. Er mußte sich damals vor den Beamten der Justiz verbergen, da wegen einer grobverleumderischen Schrift, als deren Verfasser die Regierung ihn entdeckt hatte, Verhaftsbefehle gegen ihn erlassen waren.[2]
[Anmerkung 1: +Clarendon's History of the Rebellion, book XIV.+; +Burnet's Own Times, I. 546, 625+; +Wade's and Ireton's Narratives, Lansdowne M.S. 1152+; West's Anklage im Anhange zu +Sprat's True Account.+]
[Anmerkung 2: +London Gazette, Jan. 4. 1684/85+; +Ferguson M.S. in Eachard's History, III. 764+; +Grey's Narrative+; +Sprat's True Account+; +Danvers's Treatise on Baptism+; +Danvers's Innocency and Truth vindicated+; +Crosley's History of the English Baptists.+]
[_Character der Oberhäupter der Flüchtlinge._] Man kann leicht denken, welcher Art die Mittheilungen und Rathschläge waren, die solche Männer den Geächteten in den Niederlanden zukommen ließen. Nach einigen wenigen Proben wird man sich eine Vorstellung von dem allgemeinen Character der Letzteren bilden können.
[_Ayloffe._] Einer der hervorragendsten unter ihnen war Johann Ayloffe, ein Jurist, der mit den Hyde, und durch die Hyde wieder mit Jakob verwandt war. Er hatte sich schon frühzeitig durch eine sonderbare Beleidigung der Regierung bemerkbar gemacht. Zu der Zeit nämlich, als der Einfluß des Hofes von Versailles allgemeinen Unwillen erregte, hatte er einen hölzernen Schuh, bei den Engländern das feststehende Sinnbild der französischen Tyrannei, auf den Präsidentenstuhl des Hauses der Gemeinen gelegt. Später hatte er an dem whiggistischen Complot Theil genommen, aber man hat keinen Grund zu der Vermuthung, daß er um den Plan, die königlichen Brüder zu ermorden, gewußt habe. Er war ein Mann von Talent und Muth, sein moralischer Charakter aber stand auf keiner hohen Stufe. Die puritanischen Theologen raunten einander zu, daß er ein gewissenloser Gallio oder etwas noch Schlimmeres sei und daß bei all seinem Eifer für die bürgerliche Freiheit die Heiligen wohl daran thun würden, jeden Umgang mit ihm zu vermeiden.[3]
[Anmerkung 3: +Sprat's True Account+; +Burnet I. 634+; +Wade's Confession, Harl. M.S. 6845.+ Lord Howard von Escrick beschuldigte Ayloffe, daß er die Ermordung des Herzogs von York vorgeschlagen habe; aber Lord Howard war ein abscheulicher Lügner und diese Erzählung war kein Theil seines ursprünglichen Bekenntnisses, sondern wurde erst später als Supplement hinzugefügt und verdient daher durchaus keinen Glauben.]
[_Wade._] Nathaniel Wade war ebenfalls Jurist, wie Ayloffe. Er hatte lange in Bristol gewohnt und war in seiner Umgebung als ein heftiger Republikaner gepriesen worden. Einmal hatte er sich vorgenommen, nach New-Jersey auszuwandern, wo er Institutionen zu finden hoffte, die seinem Geschmacke besser zusagten als die englischen. Seine Thätigkeit bei den Parlamentswahlen hatten die Aufmerksamkeit einiger vornehmen Whigs auf ihn gelenkt, sie bedienten sich seiner als Anwalt und zogen ihn endlich zu ihren geheimsten Berathungen. Er war bei dem Insurrectionsplane stark betheiligt und hatte es unternommen, sich in seiner eignen Stadt an die Spitze eines Aufstandes zu stellen. Ebenso war er in das verwerflichere Complot gegen das Leben Karl's und Jakob's eingeweiht gewesen, aber er erklärte stets, daß er zwar davon gewußt, es aber durchaus verabscheut und sogar versucht habe, seine Mitverschwornen von der Ausführung ihres Planes abzubringen. Für einen zu bürgerlichen Berufsgeschäften herangebildeten Mann besaß Wade in seltenem Maße die Umsicht und Energie, welche die Haupterfordernisse eines guten Soldaten sind. Leider aber erwiesen sich seine Grundsätze und sein Muth nicht stark genug, um ihn nach beendetem Kampfe, als er im Gefängniß zwischen Tod und Schande zu wählen hatte, aufrecht zu erhalten.[4]
[Anmerkung 4: +Wade's Confession, Harl. M.S. 6845+; +Lansdowne M.S. 1152+; Holloway's Erzählung im Anhange zu +Sprat's True M.S. Account+. Wade gestand zu, daß Holloway nur die Wahrheit gesagt hatte.]
[_Goodenough._] Ein andrer Flüchtling war Richard Goodenough, der früher Untersheriff von London gewesen war. Diesen Mann hatte seine Partei lange zu Dienstleistungen nicht sehr ehrenwerther Art benutzt, besonders wenn es darauf ankam, Geschworne zu wählen, von denen man hoffen durfte, daß sie bei politischen Prozessen nicht allzu gewissenhaft sein würden. Er war tief verwickelt gewesen in die schwarzen und blutigen Anschläge des Whigcomplots, welche vor den achtungswertheren Whigs sorgfältig geheim gehalten wurden. Bei ihm konnte man nicht als mildernden Umstand anführen, daß er durch übergroßen Eifer für das Gemeinwohl irre geleitet worden sei, denn wir werden später sehen, daß er, nachdem er eine edle Sache durch seine Verbrechen geschändet, sie schließlich verrieth, um der wohlverdienten Strafe zu entgehen.[5]
[Anmerkung 5: +Sprat's True Account+ an mehreren Stellen.]
[_Rumbold._] Ein ganz andrer Character war Richard Rumbold. Er war Offizier in Cromwell's Leibregiment gewesen, hatte am Tage der großen Hinrichtung das Schaffot vor dem Bankethause bewacht, bei Dunbar und Worcester gefochten und stets in hohem Grade die Eigenschaften gezeigt, durch welche sich das unbesiegbare Heer, in dem er diente, auszeichnete: einen unerschütterlichen Muth, eine glühende Begeisterung, sowohl in politischer als in religiöser Hinsicht, und neben dieser Begeisterung doch die ganze Kraft der Selbstbeherrschung, welche Männern eigen ist, die in wohldisciplinirten Lagern befehlen und gehorchen gelernt haben. Nach erfolgter Auflösung der republikanischen Armee wurde Rumbold Mälzer und betrieb sein Geschäft unweit Hoddesdon in dem Hause, von dem das Ryehousecomplot seinen Namen hat. Bei den Berathungen der Heftigsten und Rücksichtslosesten unter den Mißvergnügten war vorgeschlagen, doch nicht definitiv beschlossen worden, daß bewaffnete Männer in das Roggenhaus gelegt werden sollten, um die Eskorte anzugreifen, welche Karl und Jakob von Newmarket nach London begleitete. An diesen Berathungen hatte Rumbold einen Antheil genommen, von dem er mit Abscheu zurückgebebt sein würde, wäre nicht durch den Parteigeist sein heller Verstand umnebelt und sein männliches Herz verdorben gewesen.[6]
[Anmerkung 6: +Sprat's True Account & Appendix+; Untersuchung gegen Rumbold in der +Collection of State Trials+; +Burnet's Own Times, I. 633+; Anhang zu +Fox's History No. IV.+]
[_Lord Grey._] Hoch erhaben über die bis jetzt angeführten Verbannten war Ford Grey, Lord Grey von Mark. Er war ein eifriger Exclusionist gewesen, hatte Antheil an dem Insurrectionsplane gehabt und war in den Tower gesperrt worden, wo es ihm jedoch gelang, seine Wächter betrunken zu machen und auf das Festland zu entkommen. Er besaß hervorragende Talente und gewinnende Manieren, aber ein großes häusliches Verbrechen warf einen Flecken auf sein Leben. Seine Gattin war eine Tochter des edlen Hauses Berkeley, und ihre Schwester, Lady Henriette Berkeley, durfte mit ihm, als mit einem Blutsverwandten, verkehren und correspondiren. So entstand eine verhängnißvolle Zuneigung. Der lebhafte Geist und die heftige Leidenschaft der Lady Henriette durchbrach alle Schranken der Tugend und Schicklichkeit und eine skandalöse Entführung enthüllte dem ganzen Königreiche die Schande zweier vornehmen Familien. Grey nebst einigen von den Helfershelfern, die ihm bei seinem Liebeshandel gedient hatten, wurden unter der Anklage einer Verbindung zu gesetzwidrigem Zwecke vor Gericht gestellt und es ereignete sich vor den Schranken der Kings Bench eine in den Annalen unsrer Justiz ohne Beispiel dastehende Scene. Der Verführer erschien mit frecher Stirn in Begleitung seiner Geliebten, und selbst in diesem unerhörten Falle wichen die großen whiggistischen Lords nicht von der Seite ihres Freundes. Die, welche er beleidigt, standen ihm gegenüber und wurden durch seinen Anblick zu Zornesausbrüchen gereizt. Der alte Earl von Berkeley überhäufte die unglückliche Henriette mit Vorwürfen und Verwünschungen. Die Gräfin gab unter häufigem Schluchzen ihre Zeugenaussage ab und fiel endlich in Ohnmacht. Die Geschwornen sprachen das »Schuldig« aus. Als der Gerichtshof die Sitzung aufhob, forderte Lord Berkeley alle seine Freunde auf, daß sie ihm beistehen möchten, seine Tochter zu ergreifen; die Anhänger Grey's schaarten sich um Letztere, auf beiden Seiten wurden Schwerter gezuckt, es entspann sich ein Gefecht in Westminster Hall und nur mit Mühe gelang es den Richtern und Gerichtsdienern, die Streitenden zu trennen. In unsrer Zeit würde ein solcher Prozeß den Ruf eines der Öffentlichkeit angehörenden Mannes schänden; damals aber war der Maßstab der Moralität unter den Großen so niedrig und die Parteiwuth so heftig, daß Grey nach wie vor bedeutenden Einfluß hatte, wenn auch die Puritaner, welche einen ansehnlichen Theil der Whigpartei bildeten, ihm mit einiger Kälte begegneten.[7]
Eine Seite von dem Character, oder man sollte vielleicht eher sagen von dem Schicksale Grey's verdient besondere Erwähnung: man mußte zugestehen, daß er überall, auf dem Schlachtfelde ausgenommen, einen hohen Grad von Muth bewies. Mehr als einmal zwang sein würdevolles Benehmen und die vollkommene Beherrschung aller seiner Fähigkeiten in schwierigen Lagen, wo sein Leben und seine Freiheit auf dem Spiele standen, selbst Diejenigen zu lobender Anerkennung, die ihn weder liebten noch achteten. Als Soldat jedoch zog er sich, vielleicht weniger durch eigne Schuld als durch unglücklichen Zufall den entehrenden Vorwurf persönlicher Feigheit zu.
[Anmerkung 7: +Grey's Narrative+; sein Prozeß in der +Collection of State Trials+; +Sprat's True Account.+]
[_Monmouth._] In dieser Beziehung war er ganz verschieden von seinem Freunde, dem Herzoge von Monmouth. Monmouth war tapfer und unerschrocken auf dem Schlachtfelde, sonst aber überall weibisch und zaghaft. Seine Geburt, sein persönlicher Muth und sein einnehmendes Äußere hatten ihm eine Stellung verschafft, für die er sich durchaus nicht eignete. Nachdem er den Untergang der Partei, deren nominelles Oberhaupt er gewesen war, mit angesehen, hatte er sich nach Holland zurückgezogen. Der Prinz und die Prinzessin von Oranien erblickten nicht mehr einen Nebenbuhler ihn ihm, und sie gewährten ihm daher eine gastliche Aufnahme, denn sie hofften, sich durch freundliche Behandlung des Herzogs Anspruch auf den Dank seines Vaters zu erwerben. Sie wußten, daß die väterliche Zuneigung noch nicht erloschen war, daß Monmouth noch immer im Geheimen Geldunterstützungen von Whitehall erhielt und daß Karl es sehr ungnädig aufnahm, wenn Jemand von seinem Sohne Übles sprach, in der Hoffnung, sich dadurch bei ihm beliebt zu machen. Man hatte den Herzog in der Erwartung bestärkt, daß er, wenn anders er keine neue Veranlassung zu Mißfallen gab, bald in sein Vaterland zurückgerufen und in alle seine Ehrenstellen und Befehlshaberposten wieder eingesetzt werden würde. Von solchen Erwartungen beseelt, war er während des verflossenen Winters der Lebensnerv des Haags gewesen. Auf einer Reihe von Bällen in dem prächtigen Oraniensaale, dessen Wände in dem herrlichsten Farbenreichthum eines Jordaens und Hondthorst prangen, hatte er die hervorragendste Figur gespielt.[8] Er hatte die holländischen Damen mit dem englischen Contretanz bekannt gemacht und seinerseits von ihnen auf den Kanälen Schlittschuh laufen gelernt. Die Prinzessin hatte ihn bei seinen Ausflügen auf dem Eise begleitet, und es hatte oft die Verwunderung und die Heiterkeit der auswärtigen Gesandten erregt, wenn sie dort, in kürzeren Röcken, als sie in der Regel von so vornehmen, das strengste Decorum beobachtenden Damen getragen wurden, auf einem Beine dahinglitt. Der Einfluß des bezaubernden Engländers schien den düstern Ernst, der den Hof des Statthalters characterisirte, verscheucht zu haben, und selbst der finstre, gedankenvolle Wilhelm wurde heiterer gestimmt, wenn sein glänzender Gast erschien.[9]
Inzwischen vermied Monmouth sorgfältig Alles, was an dem Orte, von woher er Schutz erwartete, Anstoß erregen konnte. Er verkehrte überhaupt mit wenigen Whigs und gar nicht mit den heftigen Männern, welche in den schlimmsten Theil des Whigcomplots verwickelt gewesen waren. Daher beschuldigten ihn seine ehemaligen Gesinnungsgenossen laut der Unbeständigkeit und Undankbarkeit.[10]
[Anmerkung 8: In der Pepys'schen Sammlung befindet sich ein Kupferstich, der einen der Bälle darstellt, welche zu jener Zeit von Wilhelm und Marien im »Oranje Zaal« gegeben wurden.]
[Anmerkung 9: +Avaux Neg. Jan. 25. 1685.+ Brief von Jakob an die Prinzessin von Oranien vom Januar 1684/85, unter Birch's Auszügen im Britischen Museum.]
[Anmerkung 10: +Grey's Narrative+; +Wade's Confession, Lansdowne M.S. 1152.+]