Geschichte Von England Seit Der Thronbesteigung Jakob S Des Zwe

Chapter 28

Chapter 283,281 wordsPublic domain

Er erklärte jetzt, daß er schon zu genädig gewesen sei, indem er sich herabgelassen habe, die Zustimmung der schottischen Stände zu seinen Wünschen zu verlangen. Sein Hoheitsrecht werde ihn nicht nur in den Stand setzen, Diejenigen zu beschützen, denen er gewogen sei, sondern auch Die zu bestrafen, die sich gegen ihn aufgelehnt hätten. Er war fest überzeugt, daß seine Dispensationsgewalt von keinem schottischen Gerichtshofe in Zweifel gezogen werden würde. Es gab damals eine schottische Suprematsacte, welche dem Souverain eine Gewalt über die Kirche verlieh, welche selbst Heinrich VIII. befriedigt haben würde. In Folge dessen wurden Papisten in Menge zu Ämtern und Ehrenstellen zugelassen. Der Bischof von Dunkeld, der als Lord des Parlaments der Regierung opponirt hatte, wurde willkürlich von seinem Sitze vertrieben und ein Nachfolger für ihn ernannt. Queensberry wurde aller seiner Ämter entsetzt und ihm befohlen, daß er so lange in Edinburg bleiben müsse, bis die Rechnungen des Schatzamts aus der Zeit seiner Verwaltung geprüft und richtig befunden worden seien.[147] Da die Abgeordneten der Städte als der unlenkbarste Theil des Parlaments erkannt worden waren, beschloß man, in jedem Wahlorte des ganzen Landes eine völlige Umgestaltung vorzunehmen. Eine ähnliche Veränderung war erst kürzlich in England durch richterliche Erkenntnisse bewirkt worden; in Schottland aber wurde ein bloßer Befehl des Fürsten für genügend erachtet. Alle Wahlen der Magistratsbeamten und der Stadträthe wurden untersagt und der König maßte sich das Recht an, die wichtigsten Municipalbehörden selbst zu ernennen.[148] In einem formellen Schreiben an den Geheimen Rath kündigte er seine Absicht an, in seinem Holyroodpalaste eine römisch-katholische Kapelle einzurichten, und er gab Befehl, daß die Richter angewiesen werden sollten, alle gegen die Papisten gerichteten Gesetze, bei Strafe seines allerhöchsten Mißfallens, für null und nichtig zu erklären. Indessen beruhigte er die protestantischen Episcopalen durch die Zusicherung, daß er zwar entschlossen sei, die römisch-katholische Kirche gegen sie in Schutz zu nehmen, sich aber ebenso auch vorgenommen habe, sie gegen jeden Übergriff seitens der Fanatiker zu beschützen. Perth schlug eine in den kriechendsten Ausdrücken abgefaßte Antwort auf diese Mittheilung vor. Der Geheime Rath enthielt jetzt viele Papisten; die noch darin sitzenden protestantischen Mitglieder waren durch des Königs Hartnäckigkeit und Strenge eingeschüchtert worden, und nur ein schwaches Murren ließ sich dann und wann noch vernehmen. Hamilton ließ sich einige Andeutungen gegen die Dispensationsgewalt entschlüpfen, die er aber schleunigst wieder wegerklärte. Lockhardt sagte, er wolle eher seinen Kopf verlieren, als einen Brief wie der vom Kanzler entworfene unterschreiben, aber er sagte dies wohlweislich so leise, daß es nur von Freunden gehört wurde. Perth's Worte wurden mit unbedeutenden Abänderungen angenommen und den königlichen Befehlen Folge geleistet; aber eine dumpfe Unzufriedenheit verbreitete sich unter jener Minorität der schottischen Nation, mit deren Hülfe die Regierung bisher die Majorität niedergehalten hatte.[149]

[Anmerkung 147: Fountainhall, 12. Juni 1686]

[Anmerkung 148: +Ibid.+ 16. Sept. 1686.]

[Anmerkung 149: Fountainhall, 16. Sept.; +Wodrow, III. X. 3.+]

[_Irland._] Wenn der Geschichtsschreiber dieser unruhigen Regierung den Blick nach Irland wendet, wird seine Aufgabe ganz besonders schwierig und kitzlig. Er schreitet -- um mich des schönen Bildes zu bedienen, das ein römischer Dichter in ähnlichem Falle gebraucht hat -- auf einer dünnen Schicht Asche dahin, unter der die Lava noch glüht. Das siebzehnte Jahrhundert hat in jenem unglücklichen Lande dem neunzehnten ein verhängnißvolles Erbtheil schlimmer Leidenschaften hinterlassen. Das Unrecht, das die sächsischen Vertheidiger von Londonderry und die celtischen Vertheidiger von Limerick einander angethan, hat keiner der beiden genannten Stämme dem andren jemals aufrichtig verziehen. Bis auf den heutigen Tag sind die vielen edlen Eigenschaften, welche die Kinder der Sieger auszeichnen, mit einem mehr als spartanischen Trotze vermischt, während bei den Kindern der Besiegten nur zu oft ein als Furcht und Haß zusammengesetztes Zelotengefühl zu erkennen ist. Keiner der beiden feindlichen Stämme kann von jedem Tadel freigesprochen werden; der Hauptvorwurf aber trifft den kurzsichtigen und starrköpfigen Fürsten, der in einer Lage, wo er sie hätte versöhnen können, seine ganze Macht aufbot, ihren gegenseitigen Haß noch mehr zu schüren, bis er sie endlich zu einem Kampf auf Leben und Tod zwang.

[_Zustand des irischen Rechts in Glaubenssachen._] Die Mißstände, unter denen die Mitglieder seiner Kirche in Irland litten, waren von denen, welche er in England und Schottland abzustellen versuchte, weit verschieden. Das irische Gesetzbuch, welches später durch eine ebenso barbarische Unduldsamkeit wie die der grauesten Vorzeit befleckt wurde, enthielt damals kaum eine einzige Bestimmung und nicht eine einzige bindende Bestimmung, welche über die Papisten als solche irgend eine Strafe verhängt hätte. Auf unsrer Seite des St. Georgskanals drohte jedem Priester, der einen Neubekehrten in den Schooß der römischen Kirche aufnahm, die Strafe, gehängt, geschleift und geviertheilt zu werden. Jenseit des Kanals war er keiner solchen Gefahr ausgesetzt. Ein Jesuit, der in Dover landete, setzte sein Leben aufs Spiel; in Dublin ging er vollkommen sicher einher. Bei uns konnte Niemand ein Amt bekleiden, oder sich nur als Advokat oder als Schullehrer seinen Unterhalt erwerben, wenn er nicht zuvor den Suprematseid leistete; in Irland war kein öffentlicher Beamter verbunden, diesen Eid zu leisten, wenn derselbe nicht ausdrücklich von ihm verlangt wurde.[150] Es war daher Niemand, den die Regierung anstellen wollte, dieses Grundes wegen von irgend einem Amte ausgeschlossen. Die Abendmahlsprobe und die Erklärung gegen die Transsubstantiation waren unbekannt und das Parlament keiner Religionssecte verschlossen.

[Anmerkung 150: Die Bestimmungen der irischen Suprematsacte, 2. Elis. Kap. 1. sind im wesentlichen dieselben wie die der englischen Suprematsacte, 1. Elis. Kap. 1., aber die englische wurde bald für mangelhaft befunden und der Mangel durch eine bindendere Acte, 5. Elis. Kap. 1. ersetzt. Ein solches Ergänzungsgesetz wurde in Irland nicht erlassen. Daß die im Texte erwähnte Auslegung auch auf die irische Suprematsacte angewendet wurde, erfahren wir vom Erzbischof King: +State of Ireland, chap. II. sec. 9.+ Er nennt diese Auslegung jesuitisch, ich kann sie nicht in diesem Lichte sehen.]

[_Feindseligkeit der Stämme._] Es könnte demnach scheinen, daß sich der irische Katholik in einer Lage befunden hätte, um die ihn seine englischen und schottischen Brüder wohl beneiden durften. In der Wirklichkeit aber war seine Lage trauriger und erbitternder als die ihrige, denn wurde er auch nicht als Katholik verfolgt, so wurde er doch als Irländer bedrückt. In seinem Vaterlande trennte dieselbe Scheidelinie, welche die Confessionen trennte, auch die Stämme, und er gehörte dem überwundenen, unterjochten und mit Füßen getretenen Stamme an. Auf dem nämlichen Boden wohnten zwei Bevölkerungen, örtlich mit einander vermischt, aber moralisch und politisch gesondert. Der Glaubensunterschied war keineswegs der einzige und vielleicht nicht einmal der Hauptunterschied, der zwischen ihnen stattfand. Sie waren verschiedenen Stämmen entsprossen, sie sprachen verschiedene Sprachen, sie hatten verschiedene Nationalcharactere, die einander so ganz entgegengesetzt waren, als nur irgend zwei Nationalcharactere in Europa, und endlich standen sie auch auf weit verschiedenen Stufen der Bildung. Zwischen zwei solchen Bevölkerungen konnte unmöglich eine große Sympathie herrschen, und Jahrhunderte von Drangsal und Unbill hatten sogar eine starke Antipathie erzeugt. Das Verhältniß der Minderheit zu der Mehrheit glich dem, in welchem das Heer Wilhelm's des Eroberers zu den sächsischen Bauern, oder die Mannschaft des Cortez zu den Indianern von Mexiko stand.

Der Name Iren wurde damals ausschließlich den Celten und denjenigen Familien gegeben, welche, obgleich nicht celtischen Ursprungs, doch im Laufe der Zeiten celtische Sitten und Gebräuche angenommen hatten. Diese Leute, an Zahl wahrscheinlich etwas unter eine Million Seelen stark, waren mit wenigen Ausnahmen Anhänger der römischen Kirche. Unter ihnen wohnten etwa zweihunderttausend Ansiedler, die auf ihr sächsisches Blut und auf ihren protestantischen Glauben stolz waren.[151]

[Anmerkung 151: +Political Anatomy of Ireland.+]

[_Das eingeborne Landvolk._] Das große numerische Übergewicht wurde auf der andren Seite durch eine große Überlegenheit an Intelligenz, Thatkraft und Organisation mehr als aufgewogen. Die englischen Ansiedler scheinen in Kenntnissen, Energie und Ausdauer eher über als unter dem Durchschnittsmaße der Bevölkerung des Mutterlandes gestanden zu haben. Das eingeborne Landvolk dagegen befand sich fast in einem Zustande von Wildheit. Sie arbeiteten nicht eher, als bis sie den Stachel des Hungers fühlten, und waren mit geringeren Bequemlichkeiten zufrieden, als man sie in glücklicheren Ländern den Hausthieren gewährt. Schon war die Kartoffel, ein Knollengewächs, das fast ohne Kunst, Betriebsamkeit und Kapital erbaut werden kann, die Hauptnahrung des gemeinen Volks geworden.[152] Von einem so genährten Volke waren Fleiß und Sorge für die Zukunft nicht zu erwarten. Schon wenige Meilen von Dublin sah der Reisende auf dem fruchtbarsten und üppigsten Boden der Welt mit wahrhaftem Ekel die erbärmlichen Höhlen, aus denen ihm schmutzige und halbnackte Barbaren wild anstarrten.[153]

[Anmerkung 152: +Political Anatomy of Ireland, 1672+; +Irish Hudibras, 1689+; +John Dunton's Account of Ireland, 1699.+]

[Anmerkung 153: Clarendon an Rochester vom 4. Mai 1686.]

[_Der eingeborne Adel._] Der eingeborne Adel besaß noch in nicht gewöhnlichem Maße seinen Geburtsstolz, hatte aber den Einfluß verloren, den Reichthum und Macht verleihen. Seine Ländereien hatte Cromwell unter seine Anhänger vertheilt. Es war zwar ein Theil des von ihm in Beschlag genommenen großen Gebiets nach der Wiedereinsetzung des Hauses Stuart den früheren Eigenthümern zurückgegeben worden, aber den bei weitem größten Theil hatten noch immer englische Emigranten unter Garantie einer Parlamentsacte im Besitz. Diese Acte war ein Vierteljahrhundert in Kraft gewesen und während dieser Zeit hatten unzählige Verpfändungen, Verträge, Verkäufe und Verpachtungen stattgefunden. Die alte irische Gentry war über die ganze Welt zerstreut. An allen Höfen und in allen Armeen des Continents wimmelte es von Abkömmlingen milesischer Häuptlinge. Die beraubten Eigenthümer, welche in der Heimath zurückgeblieben waren, brüteten finster über ihren Verlust, sehnten sich nach dem ihnen entrissenen Reichthum und Ansehen und nährten wilde Hoffnungen auf eine neue Umwälzung. Eine dieser Klasse angehörende Person wurde von ihren Landsleuten als ein Gentleman geschildert, der reich sein würde, wenn es nach Recht und Gerechtigkeit ginge, der ein schönes Gut hätte, wenn er es nur bekommen könnte.[154] Er ergriff selten einen friedlichen Beruf, denn er betrachtete den Handel als eine entehrendere Erwerbsquelle als den Raub. Zuweilen wurde er ein Freibeuter; zuweilen fristete er auch sein Leben dem Gesetze zum Trotz durch das, was man +coshering+ nannte, das heißt, indem er sich von den ehemaligen Pächtern seiner Familie füttern ließ, welche bei allem Elend ihrer eigenen Lage doch dem Manne, den sie noch immer als ihren rechtmäßigen Grundherrn betrachteten, einen Theil ihres kümmerlichen Erwerbs nicht abschlagen konnten.[155] Der eingeborne Gentleman, der so glücklich gewesen war, etwas von seinem Grundbesitze zu behalten oder zurückzubekommen, lebte nur zu oft wie der Häuptling eines Indianerstammes und entschädigte sich für die Demüthigungen, die er von dem herrschenden Stamme ertragen mußte, dadurch, daß er seine Vasallen despotisch behandelte, sich einen rohen Harem hielt und sich täglich durch geistige Getränke um Verstand und Vernunft brachte.[156] Eine politische Bedeutung hatte er nicht. Zwar war er durch kein Gesetz vom Hause der Gemeinen ausgeschlossen, aber er hatte fast eben so wenig Aussicht, einen Sitz in demselben zu erhalten, als ein Farbiger, in den Senat der Vereinigten Staaten gewählt zu werden. Es war in der That seit der Restauration nur ein einziger Papist in das irische Parlament gewählt worden. Die ganze gesetzgebende und ausübende Gewalt war in den Händen der Ansiedler, und das Übergewicht des herrschenden Stammes wurde durch ein stehendes Heer von siebentausend Mann aufrecht erhalten, auf dessen Eifer für das sogenannte Interesse Englands man zuversichtlich rechnen konnte.[157]

Eine genaue Untersuchung würde ergeben haben, daß weder das Irenthum, noch das Engländerthum einen völlig homogenen Körper bildete. Der Unterschied zwischen den Iren celtischen Geblüts und den von den Begleitern Strongbow's und De Burgh's abstammenden war noch nicht ganz verwischt; die Fitz erlaubten sich zuweilen mit Geringschätzung von den O und Mac zu sprechen, und die O und Mac vergalten diese Geringschätzung zuweilen mit Haß. Unter der vorhergehenden Generation weigerte sich einer der mächtigsten der O'Neill, einem römisch-katholischen Gentleman alt-normännischer Abkunft ein Zeichen von Achtung zu geben. »Sie sagen, die Familie sei schon seit vierhundert Jahren hier. Das bleibt sich gleich, ich hasse den Bauerklotz, als ob er erst gestern hierhergekommen wäre.«[158] Es scheint jedoch, daß solche Gesinnungen selten waren und daß die Fehde, welche lange zwischen den eingeborenen Celten und den entarteten Engländern gewüthet hatte, von der heftigeren Fehde, welche beide Racen von den neuen protestantischen Ansiedlern trennte, in den Hintergrund gedrängt worden war.

[Anmerkung 154: Bischof Malony's Brief an Bischof Tyrrel vom 8. März 1689.]

[Anmerkung 155: +Statute 10 & 11 Charles I. chap. 16+; +King's State of the Protestants of Ireland, chap. II. sec. 8.+]

[Anmerkung 156: +King, chap. II. sec. 8.+ Miß Edgeworth's »König Corny« gehört einer späteren und viel civilisirteren Generation an; aber wer dieses treffliche Charactergemälde studirt hat, wird sich ungefähr denken können, was für ein Mann König Corny's Großvater gewesen sein mußte.]

[Anmerkung 157: +King, chap. III. sec. 2.+]

[Anmerkung 158: +Sheridan MS.+; Vorrede zum ersten Bande der +Hibernia Anglicana, 1690+; +Secret Consults of the Romish Party in Ireland, 1689.+]

[_Zustand der englischen Kolonie._] Auch die Kolonie hatte ihre inneren, theils nationalen, theils religiösen Zwistigkeiten. Die Mehrzahl waren Engländer, aber eine starke Minorität war aus dem Süden Schottlands. Die eine Hälfte der Ansiedler gehörte der Staatskirche an, die andre Hälfte waren Dissenters. In Irland aber waren Schotte und Southron (Südländer) durch ihren gemeinsamen sächsischen Ursprung, und Anglikaner und Presbyterianer durch ihren gemeinsamen Protestantismus eng mit einander verbunden. Alle Kolonisten hatten eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames pekuniäres Interesse. Sie waren umgeben von gemeinsamen Feinden und konnten sich nur durch gemeinsame Vorkehrungen und Anstrengungen gegen die Angriffe derselben sichern. Daher waren denn auch die wenigen in Irland gegen protestantische Nonconformisten erlassenen Strafgesetze ein todter Buchstabe.[159] Die Bigotterie des starrsten Anglikaners widerstand dem Einflusse der Versetzung über den Georgskanal nicht. Sobald der Kavalier in Irland ankam und sich überzeugte, daß er ohne den herzlichen und muthigen Beistand seiner puritanischen Nachbarn mit seiner ganzen Familie der Gefahr ausgesetzt war, von papistischen Räubern ermordet zu werben, so schwand sein Haß gegen den Puritanismus unwillkürlich mehr und mehr und erlosch endlich ganz. Ausgezeichnete Männer beider Parteien machten die Bemerkung, daß ein Protestant, der in Irland ein Hochtory genannt wurde, in England als ein gemäßigter Whig betrachtet worden wäre.[160]

Die protestantischen Nonconformisten ihrerseits ertrugen mit mehr Geduld, als man hätte erwarten sollen, den Anblick der absurdesten kirchlichen Verfassung, welche die Welt je gesehen. Vier Erzbischöfe und achtzehn Bischöfe führten die Aufsicht über eine Anzahl von Anglikanern, welche ungefähr den fünften Theil der Gemeindemitglieder des Londoner Kirchspiels betrug. Ein großer Theil der Pfarrgeistlichen waren Pluralisten[161] und wohnten entfernt von ihren Gemeinden. Einige von ihnen bezogen von ihren Pfründen ein Einkommen von nahe an tausend Pfund jährlich, ohne daß sie jemals eine geistliche Function verrichteten. Dennoch war diese verkehrte Institution den in Irland angesiedelten Puritanern bei weitem nicht so verhaßt, als den englischen Sectirern die englische Landeskirche. Denn in Irland waren die religiösen Spaltungen den nationalen untergeordnet, und obgleich der Presbyterianer als Theolog die Hierarchie der Staatskirche verwerfen mußte, so sah er doch wieder mit einer Art von Wohlgefallen auf diese Hierarchie, wenn er sie als eine glänzende und prunkende Trophäe des Sieges betrachtete, den der große Stamm, dem er entsprossen war, errungen hatte.[162]

So hatten die Leiden des irischen Katholiken mit denen des englischen Katholiken kaum etwas gemein. Der Katholik von Lancashire oder von Staffordshire brauchte nur Protestant zu werden, um sogleich seinen Nachbarn in jeder Beziehung gleich zu stehen; wenn aber die Katholiken von Munster oder Connaught auch Protestanten geworden wären, so würden sie deshalb doch ein unterworfenes Volk geblieben sein. Alle Übel, welche der römische Katholik in England zu ertragen hatte, entsprangen aus harten Gesetzen und hätten durch eine liberalere Gesetzgebung beseitigt werden können; die Ungleichheit zwischen den beiden Bevölkerungen Irlands aber war weder durch eine Gesetzgebung entstanden, noch konnte sie durch eine solche gehoben werden. Die Herrschaft, welche eine dieser beiden Bevölkerungen über die andre ausübte, war die Herrschaft des Wohlstandes über die Armuth, der Bildung über die Unwissenheit, des civilisirten über den nicht civilisirten Menschen.

[Anmerkung 159: »Wenn auch nicht durch das Gesetz, so doch durch beiderseitiges Einverständniß bestand völlige Gewissensfreiheit.« +King, chap. III. sec. 1.+]

[Anmerkung 160: In einem Briefe an Jakob, der unter Bischof Tyrrel's Papieren gefunden wurde und der das Datum des 14. Aug. 1686 trägt, kommen einige bemerkenswerthe Äußerungen vor. »Es giebt wenig oder gar keine Protestanten in diesem Lande, die nicht mit den Whigs gegen den gemeinsamen Feind verbunden wären.« Dann wieder: »Diejenigen, welche hier (in England) für Tories galten, nahmen jenseit des Wassers öffentlich Partei für die Sache der Whigs.« Das Nämliche sagte Swift einige Jahre später zum König Wilhelm: »Ich erinnere mich, bei meinem letzten Besuche in England dem Könige gesagt zu haben, daß die strengsten Tories bei uns ganz leidliche Whigs sein würden.« Brief über den Abendmahlseid.]

[Anmerkung 161: Geistliche, welche mehrere weit von einander entfernte Pfründen inne haben, die sie zum Theil oder auch sämmtlich verwalten lassen. D. Übers.]

[Anmerkung 162: Den Reichthum und die Nachlässigkeit der anglikanischen Geistlichen Irlands erwähnt der Lordlieutenant Clarendon, einer der unverwerflichen Zeugen, in den stärksten Ausdrücken.]

[_Verfahren, welches Jakob hätte beobachten sollen._] Jakob selbst schien beim Beginn seiner Regierung diese Wahrheiten vollkommen erkannt zu haben. Die Verwirrungen in Irland, sagte er, entspringen nicht aus der Spaltung zwischen Katholiken und Protestanten, sondern aus der Spaltung zwischen Irländern und Engländern.[163] Die Folgerungen, die er aus diesem ganz richtigen Vordersatze hätte ziehen können, lagen nahe genug; zum Unglück für ihn und für Irland entgingen sie ihm.

Wenn nur der nationale Haß hätte gemildert werden können, so unterliegt es kaum einem Zweifel, daß auch die religiöse Erbitterung, welche nicht wie in England durch harte Strafgesetze und durch strenge Testacte wach erhalten wurde, von selbst erloschen sein würde. Die Dämpfung eines nationalen Hasses wie der, welcher die beiden Irland bewohnenden Volksstämme gegen einander beseelte, konnte allerdings nicht das Werk einiger Jahre sein. Indessen war es ein Werk, zu dem ein weiser und guter Fürst viel hätte beitragen können, und Jakob würde es mit Vortheilen unternommen haben, wie sie keinem seiner Vorgänger oder seiner Nachfolger zur Seite standen. Als Engländer und zugleich Katholik gehörte er halb der herrschenden, halb der unterworfenen Kaste an und war daher ganz besonders zu einem Vermittler zwischen beiden geeignet. Es ist auch nicht schwer, den Weg zu bezeichnen, den er hätte einschlagen sollen. Er hätte die Unverletzbarkeit der bestehenden Vertheilung des Grundbesitzes beschließen und diesen Beschluß in einer Weise ankündigen sollen, welche die Besorgnisse der neuen Eigenthümer beruhigte und die etwaigen kühnen Hoffnungen der alten Eigenthümer niederschlug. Ob bei dem großen Besitzwechsel Ungerechtigkeiten vorgekommen wären oder nicht, war unwesentlich; dieser Besitzwechsel, mochte er nun gerecht oder ungerecht gewesen sein, hatte vor so langer Zeit stattgefunden, daß ein Umstoß desselben die Grundlagen der Gesellschaft erschüttert haben würde. Es muß für alle Rechte eine Verjährungsfrist geben. Nach fünfunddreißig Jahren factischen Besitzes, nach fünfundzwanzig Jahren eines durch das Gesetz feierlich verbürgten Besitzes, nach zahllosen Verpachtungen und Pachtveränderungen, Verpfändungen und Vermächtnissen war es zu spät, nach Mängeln in den Rechtstiteln zu suchen. Es hätte deshalb immer etwas geschehen können, um die verwundeten Gefühle der irischen Gentry zu heilen und ihrem gesunkenen Wohlstande wieder aufzuhelfen. Die Ansiedler lebten in sehr guten Verhältnissen. Sie hatten ihre Besitzungen durch Bauten, Anpflanzungen und Einzäunungen bedeutend verbessert; die Grundrente hatte sich im Laufe weniger Jahre verdoppelt, der Handel blühte und die Staatseinkünfte, die sich jährlich auf ungefähr dreihunderttausend Pfund beliefen, deckten nicht nur reichlich alle Verwaltungskosten, sondern ergaben auch noch einen Überschuß, der nach England geschickt wurde. Es unterlag keinem Zweifel, daß das nächste in Dublin zusammenkommende Parlament, obgleich es fast ausschließlich das englische Interesse vertrat, in Anerkennung des königlichen Versprechens, dieses Interesse in allen seinen gesetzlichen Rechten zu wahren, bereit sein würde, dem Könige eine sehr bedeutende Summe zu bewilligen, um damit solche eingeborene Familien, welche rechtswidrig beraubt worden waren, wenigstens theilweis zu entschädigen. Auf diese Weise schlichtete in unsrer Zeit die französische Regierung die Streitigkeiten, welche durch die ausgedehnteste Güterconfiscation, die jemals in Europa stattgefunden, hervorgerufen worden waren. So würde auch Jakob, wenn er sich durch seine loyalsten protestantischen Rathgeber hätte leiten lassen, eines der Hauptübel, welche auf Irland lasteten, wenigstens bedeutend gemildert haben.[164]