Geschichte Von England Seit Der Thronbesteigung Jakob S Des Zwe

Chapter 26

Chapter 263,302 wordsPublic domain

[_Hugo Speke._] Über der Zelle, die er im Kingsbenchgefängnisse bewohnte, saß ein andrer Verbrecher, dessen Character wohl verdient studirt zu werden. Dies war Hugo Speke, ein junger Mann aus guter Familie, aber von merkwürdig verderbten und gemeinem Character. Seine Neigung zu Unfug und zu dunklen, krummen Wegen war fast eine krankhafte Manie. Unheil zu stiften, ohne entdeckt zu werden, war sein Geschäft und sein Vergnügen, und er besaß ein seltenes Geschick darin, ehrliche Fanatiker zu Werkzeugen seiner kaltblütigen Bosheit zu benutzen. So hatte er vermittelst einer seiner Strohmänner den Versuch gemacht, Karl und Jakob des Verbrechens zu beschuldigen, Essex im Tower ermordet zu haben. Bei dieser Gelegenheit war man dem Treiben Speke's auf die Spur gekommen, und obgleich es ihm gelang, den größten Theil der Schuld auf den von ihm Bethörten zu wälzen, kam er doch nicht ungestraft davon. Er saß jetzt im Gefängniß, aber sein Vermögen erlaubte ihm anständig zu leben und seine Haft war so mild, daß er mit einem seiner Genossen, der eine geheime Druckerei betrieb, einen regelmäßigen Verkehr unterhalten konnte.

Johnson war ganz der Mann, wie Speke ihn für seine Zwecke brauchen konnte: eifrig und furchtlos, ein gelehrter und gewandter Polemiker, und dabei einfältig wie ein Kind. Es bildete sich ein intimes Freundschaftsverhältniß zwischen den beiden Gefangenen. Johnson schrieb eine Reihe bitterer und heftiger Artikel, welche Speke zum Druck beförderte. Als das Lager von Hounslow gebildet war, drang Speke in Johnson, eine Ansprache zu schreiben, welche die Truppen zur Meuterei reizen könne. Die Schrift wurde sogleich verfaßt und in vielen tausend Exemplaren gedruckt, welche in Speke's Zelle gebracht wurden, der sie von hier aus durch das ganze Land und namentlich unter die Soldaten verbreitete. Eine solche Herausforderung würde selbst eine mildere Regierung als die damals in England herrschende war, zu heftigem Zorne gereizt haben. Es wurde eine strenge Untersuchung eingeleitet und ein untergeordneter Agent, der zur Verbreitung der Ansprache verwendet worden war, rettete sich dadurch, daß er Johnson denuncirte, der aber nicht der Mann war, sich durch Denuncirung Speke's zu retten.

[_Prozeß gegen Johnson._] Man machte Johnson den Prozeß und erlangte ohne Schwierigkeit seine Schuldigerklärung. Julian Johnson, wie er gewöhnlich genannt wurde, ward verurtheilt, dreimal am Pranger ausgestellt und von Newgate nach Tyburn gepeitscht zu werden. Der Richter, Sir Franz Withins, sagte dem Verurtheilten, er solle dem Generalfiskal für seine große Nachsicht danken, denn er habe das Vergehen als einen Hochverrath behandeln können. »Ich bin ihm keinen Dank schuldig«, erwiederte Johnson furchtlos. »Soll ich, dessen einziges Verbrechen darin besteht, die Kirche und die Gesetze vertheidigt zu haben, mich noch dafür bedanken, daß ich wie ein Hund gepeitscht werden soll, während papistische Scribenten täglich ungestraft die Kirche beleidigen und die Gesetze übertreten dürfen?« Er sprach mit einer solchen Energie, daß die Richter sowohl als die Kronanwälte es für nöthig hielten, sich zu vertheidigen, indem sie versicherten, sie wüßten von keinen solchen papistischen Schriften, deren der Gefangene erwähnt habe. Augenblicklich brachte er einige römisch-katholische Bücher und Zierrathen zum Vorschein, welche damals mit königlicher Bewilligung überall frei verkauft wurden, las die Titel der Bücher laut vor und warf dem Kronanwalt einen Rosenkranz über den Tisch zu. »Und jetzt«, rief er dann mit lauter Stimme, »erhebe ich diese Anklage vor Gott, vor diesem Gerichtshofe und vor dem englischen Volke. Wir werden bald sehen, ob der Herr Generalfiskal seine Pflicht thut.«

Es wurde beschlossen, daß Johnson vor der Vollziehung der Strafe seiner Priesterwürde entkleidet werden sollte. Die Prälaten, denen die Verwaltung der Londoner Diöcese von der hohen Commission übertragen war, forderten ihn vor sich in das Kapitelhaus der St. Paulskathedrale. Sein Benehmen während der Ceremonie machte einen tiefen Eindruck auf alle Anwesenden. Als ihm sein heiliges Gewand ausgezogen wurde, rief er aus: »Ihr nehmt mir meinen Rock, weil ich mich bemüht habe, Euch den Eurigen zu erhalten.« Das Einzige was ihn bei der ganzen Ceremonie wirklich zu betrüben schien, war der Augenblick als man ihm die Bibel aus der Hand riß. Er sträubte sich schwach das heilige Buch herzugeben, küßte es und brach in Thränen aus. »Die Hoffnungen, die ich ihm verdanke«, sagte er, »könnt Ihr mir nicht rauben.« Es wurden einige Versuche gemacht, um den Erlaß der Peitschenstrafe für ihn zu erwirken. Ein römisch-katholischer Priester bot für die Summe von zweihundert Pfund seine Fürsprache an. Das Geld würde aufgebracht und der Priester that sein Möglichstes, aber vergebens. »Mr. Johnson«, sagte der König, »hat den Muth eines Märtyrers, und er soll deshalb auch einer werden.« Wilhelm III. sagte einige Jahre später von einem der giftigsten und unerschrockensten Jakobiten: »Er hat sich vorgenommen ein Märtyrer zu werden, und ich habe mir vorgenommen, seine Hoffnung zu vereiteln.« Diese beiden Äußerungen würden allein hinreichen, um den großen Unterschied in dem Geschick der beiden Fürsten zu erklären.

Der für die Auspeitschung festgesetzte Tag erschien. Man bediente sich einer neunschwänzigen Katze und der Verurtheilte erhielt mit derselben dreihundertsiebzehn Hiebe, ohne eine Miene zu verziehen. Er sagte nachher, der Schmerz sei fürchterlich gewesen, aber er habe sich, während er von dem Karren fortgezogen wurde, der Geduld erinnert, mit der das Kreuz einst den Calvarienberg hinauf getragen ward, und dieser Gedanke habe ihn so gestärkt, daß er, wenn er nicht befürchtet hätte, sein Benehmen könnte als eitle Prahlerei ausgelegt werden, mit eben so fester und freudiger Stimme als ob er sich im Kreise seiner Gemeinde befände, einen Psalm gesungen haben würde. Man kann sich des Wunsches nicht enthalten, daß ein solcher Heldenmuth weniger mit Leidenschaftlichkeit und Unduldsamkeit hätte gepaart sein sollen.[116]

[Anmerkung 116: Johnson's Lebensbeschreibung als Einleitung zu seinen Werken; +Secret History of the happy Revolution+, von Hugo Speke; +Collection of State Trials+; Citters, 23. Nov. (3. Dec.) 1686. Citters giebt die beste Darstellung des Prozesses. Ich habe einen Bogen gesehen, der seine Erzählung bestätigt.]

[_Eifer der anglikanischen Geistlichkeit gegen den Papismus._] Unter den anglikanischen Geistlichen fand Johnson keine Theilnahme. Er hatte den Aufruhr zu rechtfertigen versucht, er hatte sogar eine Billigung des Königsmordes angedeutet, und so viel sie auch beleidigt und gereizt wurden, hielten sie doch noch immer fest an der Lehre vom Nichtwiderstande. Aber sie sahen mit Schmerz und Besorgniß die Fortschritte der Religion, die sie als einen schädlichen Aberglauben betrachteten, und während sie jeden Gedanken an eine Vertheidigung ihres Glaubens durch das Schwert aufgaben, griffen sie mannhaft zu Waffen andrer Art.

[_Streitschriften._] Gegen die Irrthümer des Papstthums zu predigen, betrachteten sie jetzt als eine Pflicht und eine Ehrensache. Die Londoner Geistlichkeit, welche damals in Hinsicht des Talents und des Einflusses obenan stand, gab ein Beispiel, das von ihren weniger gebildeten Amtsbrüdern im ganzen Lande wacker nachgeahmt wurde. Hätten nur einzelne kühne Männer sich diese Freiheit herausgenommen, so würden sie wahrscheinlich sofort vor die kirchliche Commission citirt worden sein; aber es war kaum möglich ein Vergehen zu bestrafen, das jeden Sonntag von Tausenden von Geistlichen, von Barwick bis Penzance, begangen wurde. Die Pressen von London, Oxford und Cambridge ruhten keinen Augenblick. Das Gesetz, welches die literarischen Erscheinungen einer Censur unterwarf, war kein ernstes Hinderniß für die Anstrengungen der protestantischen Polemiker, denn es enthielt eine Ausnahmsbestimmung zu Gunsten der beiden Universitäten und gestattete die Veröffentlichung aller theologischen Werke, die der Erzbischof von Canterbury genehmigt hatte. Es stand daher nicht in der Macht der Regierung, den Vertheidigern der Staatskirche Schweigen zu gebieten. Sie bildeten eine zahlreiche, unerschrockene und wohlgeordnete Schaar von Streitern und es befanden sich unter ihnen ausgezeichnete Redner, erfahrene Dialectiker und in den Schriften der Kirchenväter wie in allen Theilen der Kirchengeschichte gründlich bewanderte Gelehrte. Einige von ihnen kehrten später die furchtbaren Waffen, die sie gegen den gemeinsamen Feind geschwungen hatten, gegen einander und brachten durch ihr heftiges Streiten und ihr übermüthiges Triumphiren Schmach über die Kirche, die sie gerettet hatten. Gegenwärtig aber bildeten sie eine fest zusammenhaltende Phalanx. In erster Linie erblickte man eine Reihe standhafter und geschickter Veteranen: Tillotson, Stillingfleet, Sherlock, Prideaux, Whitby, Patrick, Tenison und Wake. Die ausgezeichnetsten Baccalaureen der Philosophie, deren Studienziel die Diakonatsweihe war, bildeten die Nachhut. Unter den Kämpfern, welche Cambridge ins Feld stellte, ragte einer der vorzüglichsten Schüler des großen Newton hervor, Heinrich Wharton, der einige Monate früher der beste Disputant seines Jahrescursus gewesen war und dessen bald darauf erfolgender frühzeitiger Tod von allen Parteien als ein unersetzlicher Verlust für die Wissenschaft beklagt wurde.[117] Oxford war nicht minder stolz auf einen jungen Mann, der sein großes Talent in diesem Streite zum ersten Male versuchte und der nachher vierzig ereignisvolle Jahre hindurch Kirche und Staat beunruhigte: Franz Atterbury. Von solchen Männern wurde jede Streitfrage zwischen den Papisten und den Protestanten bald in einem populären Style, den jeder Knabe und jede Frau verstehen konnte, bald mit der scharfsinnigsten Logik, bald mit einem ungeheuren Aufwand von Gelehrsamkeit erörtert. Die Anmaßungen des heiligen Stuhles, die Autorität der Überlieferungen, das Fegefeuer, die Transsubstantiation, das Meßopfer, die Anbetung der Hostie, die Verweigerung des Kelches an Laien, die Beichte, die Buße, der Ablaß, die letzte Ölung, die Anrufung der Heiligen, die Anbetung von Bildern, der Cölibat der Geistlichen, die Klostergelübde, die Anwendung einer dem Volke nicht verständlichen Sprache beim öffentlichen Gottesdienste, die Verderbtheit des römischen Hofes, die Geschichte der Reformation, der Character der wichtigsten Reformatoren: dies Alles wurde ausführlich erörtert. Eine große Anzahl abgeschmackter Sagen von Wundern, welche Heilige und Reliquien bewirkt, wurden aus dem Italienischen übersetzt und als Belege für den Pfaffentrug, der den größten Theil der Christenheit genarrt, veröffentlicht. Von den Schriften, welche von anglikanischen Geistlichen während der kurzen Regierung Jakob's II. erschienen, sind wahrscheinlich viele verloren gegangen. Diejenigen, von denen sich in unseren großen Bibliotheken noch Exemplare befinden, bilden eine Masse von nahe an zwanzigtausend Seiten.[118]

[Anmerkung 117: Siehe die Vorrede zu Heinrich Wharton's hinterlassenen Predigten.]

[Anmerkung 118: Dies kann ich aus meinen eigenen Nachforschungen bestätigen. Im Britischen Museum befindet sich eine vorzügliche Sammlung. Birch sagt uns in seiner Lebensbeschreibung Tillotson's, daß der Erzbischof Wake nicht einmal im Stande gewesen sei, einen vollständigen Katalog aller in dieser Streitsache erschienenen Schriften anzufertigen.]

[_Die römisch-katholischen Theologen besiegt._] Die römischen Katholiken ließen sich nicht ohne Widerstand besiegen. Einer von ihnen, Namens Heinrich Hill, war zum Buchdrucker des königlichen Hauses und der Hofkapelle ernannt und vom Könige an die Spitze einer großen Officin in London gestellt worden, aus der Hunderte von theologischen Abhandlungen hervorgingen. Obadja Walker's Presse in Oxford war nicht weniger thätig. Aus diesen Anstalten ging jedoch außer einigen schlechten Übersetzungen der herrlichen Werke Bossuet's nichts hervor, was nur den geringsten Werth gehabt hätte. Kein verständiger und wahrheitsliebender Katholik konnte in der That leugnen, daß die Vorkämpfer seiner Kirche in jedem Talent und Wissen vollständig besiegt waren. Den fähigsten von ihnen würde von der andren Seite kaum der dritte Rang eingeräumt worden sein. Viele von ihnen wußten das was sie sagen wollten, nicht auf die rechte Weise zu sagen. Sie waren wegen ihres Glaubens von den englischen Schulen und Universitäten ausgeschlossen gewesen und hatten bis zur Thronbesteigung Jakob's England nie als einen angenehmen oder auch nur sicheren Aufenthalt betrachtet. Daher hatten sie den größten Theil ihres Lebens auf dem Continente zugebracht und ihre Muttersprache fast völlig verlernt. Wenn sie predigten, erregte ihr ausländischer Accent das spöttische Lächeln der Zuhörer und ihre Orthographie glich der der Waschweiber. Ihre Sprache war durch ausländische Redensarten entstellt und wollten sie einmal recht beredtsam sein, so ahmten sie so gut sie konnten den Styl nach, der auf den italienischen Akademien, deren Rhetorik den höchsten Grad der Verderbtheit erreicht hatte, für schön galt. Disputanten, welche mit solchen Nachtheilen zu kämpfen hatten, würden selbst wenn sie die Wahrheit auf ihrer Seite gehabt hätten, kaum im Stande gewesen sein, Männern die Spitze zu bieten, deren Styl sich durch einfache Reinheit und Eleganz in hohem Grade auszeichnete.[119]

Die Lage Englands im Jahre 1686 kann nicht besser geschildert werden, als mit den Worten des französischen Gesandten. »Die Unzufriedenheit,« schrieb er, »ist groß und allgemein, aber die Furcht vor noch schlimmeren Übeln hält Jeden zurück, der etwas zu verlieren hat. Der König äußert unverhohlen seine Freude darüber, daß er sich in der Lage befindet, kühne Streiche führen zu können. Er hört es gern, wenn man ihm dazu gratulirt. Er hat mit mir darüber gesprochen und mir versichert, daß er nicht nachgeben wird.«[120]

[Anmerkung 119: Kardinal Howard sprach sich in Rom gegen Burnet sehr streng über diesen Gegenstand aus. (Burnet I. 662.) Eine interessante Stelle ähnlichen Inhalts findet sich auch in einer Depesche von Barillon, aber ich habe die Nachweisung verlegt.

Einer der katholischen Geistlichen, die an dieser Polemik Theil nahmen, ein Jesuit, Namens Andreas Pulton, den Oliver in seiner Geschichte des Ordens für einen Mann von ausgezeichneter Befähigung erklärt, gesteht seine Mängel selbst offen ein: »Da A. P. achtzehn Jahre außerhalb seines Vaterlandes zugebracht hat, so macht er auf Vollkommenheit in der englischen Ausdrucksweise und Rechtschreibung noch keinen Anspruch.« Seine Orthographie ist in der That erbärmlich; in einem seiner Briefe schreibt er +wright+ für +write+ und +woed+ für +would+. Er forderte Tenison auf, lateinisch mit ihm zu diputiren, damit sie mit gleichen Waffen kämpften. In einer zeitgenössischen Satire, betitelt +»The Advice«+ finden sich folgende zwei Zeilen:

Laßt Pulton in Busby's Schule die Ruthe geben, Damit er sich im Druck nicht mehr zum Narren macht.

Ein andrer römischer Katholik, Namens Wilhelm Clench, schrieb eine Abhandlung über die Suprematie des Papstes und widmete sie der Königin in italienischer Sprache. Folgende Probe seines Styls mag genügen: +»O del sagro marito fortunata consorte! O dolce alleviamento d'affari alti! O grata ristoro di pensieri noiosi, nil cui pello latteo, lucente specchio d'illibata matronal pudicizia, nil cui seno odorato, como in porto d'amor, si ritira il Giacomo! O beata regia coppia! O felice incerto tra l'invincibil iconi e le candide aquile!«+

Clench's Englisch ist nicht besser wie sein Toskanisch. Zum Beispiel: +»Peter signifies an inexpugnable rock, able to evacuate all the plots of hell's divan, and naufragate all the lurid designs of empoisoned heretics.«+ Eine andre katholische Schrift, betitelt: +The Church of England truly represented+, beginnt damit uns zu sagen, »daß das Irrlicht der Reformation, das durch viele Plünderungen und Räubereien zu einem Kometen angewachsen, gereinigt von dem Schmutze, den es zwischen den Alpenseen angenommen habe, in England eingeführt worden sei.«]

[Anmerkung 120: Barillon, 19.(29.) Juli 1686.]

[_Zustand Schottlands._] Mittlerweile waren in anderen Theilen des Reichs Ereignisse von ernster Wichtigkeit eingetreten. Die Lage der bischöflichen Protestanten Schottlands war von der ihrer englischen Glaubensbrüder weit verschieden. Im Süden der Insel war die Staatsreligion auch die Volksreligion und besaß eine von der Unterstützung der Regierung völlig unabhängige Kraft. Die aufrichtigen Conformisten waren viel zahlreicher als die Papisten und die protestantischen Dissenters zusammengenommen. Die Landeskirche Schottlands war die Kirche einer kleinen Minorität. Die Bevölkerung des Niederlandes hielt zum größten Theil fest an der presbyterianischen Kirchenverfassung. Die große Masse der schottischen Protestanten verabscheute das Prälatenthum als eine schriftwidrige und zugleich ausländische Einrichtung. Die Schüler Knox' betrachteten es als ein Überbleibsel von den Gräueln des großen Babylon. Es erinnerte ein auf das Andenken Wallace's und Bruce's stolzes Volk schmerzlich daran, daß Schottland, seitdem seinen Herrschern ein schöneres Erbtheil zugefallen, nur noch dem Namen nach unabhängig sei. Auch stand die bischöfliche Verfassung in den Augen des Volks mit allen den Übeln, welche eine fünfundzwanzigjährige schlechte und grausame Verwaltung heraufbeschworen hatte, in der engsten Verbindung. Dennoch erhielt sich diese Verfassung, wenn auch auf einer schmalen Grundlage und unter furchtbaren Stürmen, noch immer aufrecht; sie schwankte zwar zuweilen, wurde aber durch die weltliche Obrigkeit gestützt und verließ sich bei eintretender ernster Gefahr auf die Macht Englands. Die Archive des schottischen Parlaments wimmeln von Gesetzen, welche Denen mit Strafe drohen, die in irgend einer Richtung die vorgezeichnete Grenze überschritten. Nach einem zu Knox' Zeiten erlassenen Gesetze, das ganz seinen Geist athmete, war es ein schweres Vergehen, die Messe zu hören und im zweiten Wiederholungsfalle war es ein Kapitalverbrechen.[121] Eine neuerdings auf Andringen Jakob's erlassene Verordnung setzte die Todesstrafe auf das Predigen in irgend einem presbyterianischen Conventikel und sogar auf den bloßen Versuch eines solchen unter freiem Himmel abgehaltenen Conventikels.[122] Das heilige Abendmahl war zwar nicht, wie in England, zu einem bürgerlichen Prüfstein herabgewürdigt worden; aber es konnte Niemand ein Amt bekleiden, im Parlament sitzen, oder nur an der Wahl eines Mitgliedes theilnehmen, ohne an Eidesstatt eine Erklärung zu unterschreiben, welche in den stärksten Ausdrücken die Grundsätze der Papisten wie der Covenanters verdammte.[123]

[Anmerkung 121: Parlamentsacten vom 24. Aug. 1560 u. 15. Dec. 1567.]

[Anmerkung 122: Desgl. vom 8. Mai 1685.]

[Anmerkung 123: Desgl. vom 31. Aug. 1681.]

[_Queensberry._] Im schottischen Geheimen Rathe gab es zwei Parteien, welche Denen entsprachen, die in Whitehall einander kämpfend gegenüberstanden. Wilhelm Douglas, Herzog von Queensberry, war Lordschatzmeister und wurde seit einigen Jahren als erster Minister betrachtet. Er war durch Verwandtschaft, durch Ähnlichkeit der Meinungen und durch Ähnlichkeit des Characters mit dem Schatzmeister Englands eng verbunden. Beide waren Tories; Beide hatten ein heißblütiges Temperament und starke Vorurtheile; Beide waren bereit, ihren Gebieter bei jedem Angriff auf die bürgerlichen Freiheiten seines Volks zu unterstützen; Beide waren aufrichtige Anhänger der Staatskirche. Queensberry hatte dem Hofe in Zeiten angekündigt, daß er sich an keiner Neuerung betheiligen könne, die etwa in Betreff dieser Kirche beabsichtigt werden dürfte. Dagegen befanden sich unter seinen Collegen einige ebenso grundsatzlose Männer als Sunderland. Der Geheime Rath von Edinburg war in der That ein Vierteljahrhundert lang eine Pflanzschule aller öffentlichen und Privatlaster und einige von den Staatsmännern, deren Character dort gebildet war, besaßen eine Hartherzigkeit und einen Starrsinn, von denen Westminster selbst in jener schlimmen Zeit kaum ähnliche Beispiele aufweisen konnte.

[_Abfall Perth's und Melfort's._] Der Kanzler, Jakob Drummond, Earl von Perth, und sein Bruder, der Staatssekretär Johann Lord Melfort, suchten Queensberry zu verdrängen. Der Kanzler hatte bereits ein unbestreitbares Recht auf die königliche Gunst. Er hatte eine kleine stählerne Daumenschraube eingeführt, welche so fürchterliche Schmerzen verursachte, daß sie schon Männern, bei denen Seiner Majestät Lieblingsinstrument, der spanische Stiefel, vergebens angewendet worden war, Geständnisse abgepreßt hatte.[124] Aber es war wohl bekannt, daß selbst die Grausamkeit kein so sicherer Weg zu Jakob's Herzen war als Abfall vom Glauben. Zu diesem nahmen daher Perth und Melfort mit einer frechen Gemeinheit, der kein englischer Staatsmann gleichzukommen hoffen durfte, ihre Zuflucht. Sie erklärten, daß die in der Cassette Karl's II. gefundenen Papiere sie Beide zum wahren Glauben bekehrt hätten und sie begannen zu beichten und die Messe zu hören.[125] Wie wenig die Überzeugung mit Perth's Religionswechsel zu thun hatte, bewies er deutlich, indem er wenige Wochen später in directem Widerspruch mit den Vorschriften der Kirche, in deren Schooß er eben erst übergetreten war, seine leibliche Cousine zur Gattin nahm, ohne eine Dispensation abzuwarten. Als der gute Papst dies erfuhr, sagte er mit wohlbegründeter Verachtung und Entrüstung, dies sei eine sonderbare Bekehrung.[126] Jakob aber war leichter zufrieden zu stellen. Die beiden Renegaten stellten sich ihm in Whitehall vor und empfingen so warme Versicherungen seiner Gunst, daß sie es wagten, directe Beschuldigungen gegen den Schatzmeister zu erheben. Die Grundlosigkeit dieser Beschuldigungen war jedoch so in die Augen springend, daß Jakob sich genöthigt sah, den verklagten Minister freizusprechen, und Viele waren der Meinung, daß der Kanzler durch seinen boshaften Eifer, seinen Nebenbuhler zu stürzen, sich selbst gestürzt habe. Einige Andere urtheilten richtiger. Halifax, gegen den Perth einige Besorgniß äußerte, antwortete spöttisch lächelnd, es habe keine Gefahr. »Sei guten Muths, Mylord,« setzte er hinzu; »Dein Glaube hat Dir geholfen.« Die Prophezeiung bestätigte sich, Perth und Melfort kehrten als die wahren Oberhäupter der Regierung ihres Vaterlandes nach Edinburg zurück.[127] Noch ein andres Mitglied des schottischen Geheimen Rathes, Alexander Stuart, Earl von Murray, Nachkomme und Erbe des Regenten, schwor ebenfalls den Glauben ab, dessen erster Vorkämpfer sein erlauchter Ahnherr gewesen war, und erklärte sich zum Mitgliede der römischen Kirche. So ergeben Queensberry von jeher der Sache der Hoheitsrechte gewesen war, gegen Nebenbuhler, welche bereit waren, die Gunst des Hofes um solchen Preis zu verkaufen, konnte er sich nicht behaupten. Er mußte eine Reihe von Kränkungen und Demüthigungen ertragen, ähnlich denen, welche um die nämliche Zeit seinem Freunde Rochester das Leben zu verbittern begannen.

[Anmerkung 124: +Burnet, I. 584.+]

[Anmerkung 125: +Ibid. I. 652, 653.+]

[Anmerkung 126: +Ibid. I. 678.+]

[Anmerkung 127: +Burnet, I. 653.+]