Geschichte Von England Seit Der Thronbesteigung Jakob S Des Zwe
Chapter 22
[_Sunderland bestärkt den König in seinen Irrthümern._] In diesen unseligen Täuschungen wurde der König arglistigerweise durch einen Minister bestärkt, der Exclusionist gewesen war und sich noch immer einen Protestanten nannte, den Earl von Sunderland. Die Beweggründe und die Handlungsweise dieses grundsatzlosen Staatsmannes sind oft irrig dargestellt worden. Er wurde bei seinen Lebzeiten von den Jakobiten beschuldigt, daß er schon vor dem Regierungsantritte Jakob's eine Revolution zu Gunsten des Prinzen von Oranien hervorzurufen beabsichtigt und daß er zu dem Ende eine Reihe von Gewaltmaßregeln gegen die staatliche und kirchliche Verfassung des Reichs anempfohlen habe. Diese grundlose Fabel ist bis auf unsere Tage von unwissenden Schriftstellern nacherzählt worden. Aber kein gut unterrichteter Geschichtsforscher, welches auch seine vorgefaßte Meinung sein mochte, hat sich entschließen können, daran zu glauben, denn es liegt durchaus kein Beweis dafür vor, und einsichtsvolle Männer würden sich kaum durch irgend einen Beweis überzeugen lassen, daß Sunderland absichtlich Schuld und Schande auf sich lud, um eine Veränderung herbeizuführen, durch die er offenbar unmöglich etwas gewinnen konnte und durch die er in der That nachher unermeßlichen Reichthum und Einfluß verlor. Auch ist nicht der mindeste Grund zu einer so sonderbaren Annahme vorhanden, denn das Wahre liegt klar auf der Hand. So krumm auch die Wege dieses Mannes waren, das Gesetz, welches sie ihm vorzeichnete, war sehr einfach. Sein Verfahren muß dem abwechselnden Einflusse der Habgier und der Furcht auf einen für diese beiden Leidenschaften sehr empfänglichen und mehr scharfsichtigen als weitsehenden Geist zugeschrieben werden. Er wollte mehr Macht und mehr Geld haben. Mehr Macht konnte er nur auf Unkosten Rochester's erlangen, und das klar vorliegende Mittel zur Erreichung dieses Zweckes war, daß er das Mißfallen des Königs an Rochester's gemäßigten Rathschlägen nährte. Geld war am leichtesten und am reichlichsten vom Hofe von Versailles zu erlangen, und Sunderland eilte, sich diesem Hofe zu verkaufen, er hatte keine heiteren und anständigen Laster, gegen Wein und Frauenschönheit war er sehr gleichgültig; aber er besaß eine zügellose, unersättliche Begierde nach Reichthum. Eine maßlose Spielwuth beherrschte ihn und war durch ungeheure Verluste nicht vermindert worden. Er war der Erbe eines großen Vermögens, hatte lange Zeit einträgliche Ämter bekleidet und kein Mittel gescheut, wodurch er sie noch einträglicher machen konnte; aber sein Unglück am Spieltisch war so groß, daß seine Güter von Tag zu Tag mit immer neuen Schulden belastet wurden. In der Hoffnung, sich aus seinen Verlegenheiten zu reißen, verrieth er Barillon alle gegen Frankreich gerichteten Pläne, die im englischen Kabinet geschmiedet worden waren, und gab zu verstehen, daß in solchen Zeiten ein Staatssekretär Dienste leisten könne, welche gut zu bezahlen von Ludwig sehr weise gehandelt sein würde. Der Gesandte sagte seinem Gebieter, daß sechstausend Guineen die kleinste Gratification sei, die man einem so einflußreichen Minister anbieten könne. Ludwig willigte ein bis zu fünfundzwanzigtausend Kronen zu gehen, was ungefähr so viel als fünftausendsechshundert Pfund Sterling war. Man kam überein, daß Sunderland jährlich diese Summe erhalten und dagegen seinen ganzen Einfluß aufbieten sollte, um die Wiedereinberufung des Parlaments zu hintertreiben.[59]
Er trat deshalb der jesuitischen Cabale bei und wußte den Einfluß derselben so geschickt zu benutzen, daß er zum Nachfolger Halifax' in der hohen Stellung eines Lordpräsidenten ernannt wurde, ohne deshalb den viel einflußreicheren und einträglicheren Posten als Staatssekretär aufgeben zu müssen.[60] Er sah jedoch wohl ein, daß er nie hoffen konnte einen überwiegenden Einfluß bei Hofe zu erlangen, so lange er noch für ein Mitglied der Staatskirche galt. Ihm war jede Religion gleich, und er pflegte in Privatzirkeln oft von den heiligsten Dingen mit einer empörenden Geringschätzung zu sprechen. Er beschloß daher, dem Könige das Vergnügen und den Ruhm zu verschaffen, eine Bekehrung zu Stande gebracht zu haben. Die Sache mußte indessen mit Vorsicht und Geschick angegriffen werden. Niemand ist völlig gleichgültig gegen die Meinung seiner Nebenmenschen, und wenn sich auch Sunderland aus der Schande wenig machte, so fürchtete er doch das Schimpfliche eines öffentlichen Abfalles. Er spielte seine Rolle mit seltener Gewandtheit. Der Welt zeigte er sich als Protestanten; im königlichen Kabinet nahm er die Miene eines ernsten Wahrheitsforschers an, der schon fast dahin gebracht war, sich für römisch-katholisch zu erklären, und in Erwartung weiterer Erleuchtung vorläufig schon geneigt war, den Bekennern des alten Glaubens jeden in seiner Macht stehenden Dienst zu leisten. Jakob, der nie sehr scharfsichtig, in religiösen Dingen aber völlig blind war, ließ sich trotz Allem, was er von menschlicher Schurkerei, der Schurkerei der Höflinge im Allgemeinen und der Schurkerei Sunderland's im Besonderen erfahren hatte, zu dem Glauben verlocken, daß die göttliche Gnade das falscheste und verstockteste aller menschlichen Herzen gerührt habe. Viele Monate lang wurde der schlaue Minister am Hofe für einen hoffnungsvollen Katechumenen gehalten, ohne daß er deshalb in den Augen des Publikums als Renegat erschien.[61]
Er machte den König in Zeiten darauf aufmerksam, daß es zweckmäßig sein dürfte, einen geheimen Ausschuß von Katholiken zu bilden, der in allen die Interessen ihres Glaubens berührenden Angelegenheiten Rath zu ertheilen habe. Dieser Ausschuß versammelte sich bald in Chiffinch's Privatwohnung, bald in den amtlichen Gemächern Sunderland's, der, obgleich dem Namen nach noch Protestant, an allen ihren Berathungen Theil nahm und bald ein entschiedenes Übergewicht über die anderen Mitglieder erlangte. Jeden Freitag speiste die jesuitische Cabale bei dem Staatssekretär. Bei Tafel herrschte eine sehr freie Unterhaltung und die Schwächen des Fürsten, den die Verbündeten zu leiten hofften, wurden dabei nicht geschont. Dem Petre versprach Sunderland den Cardinalshut, Castelmaine eine glänzende Gesandtschaft in Rom, Dover ein einträgliches Commando in der Garde und Tyrconnel eine hohe Stellung in Irland. So durch die stärksten Bande des Interesses mit einander verbunden, gingen diese Männer ans Werk, die Macht des Schatzmeisters zu stürzen.[62]
[Anmerkung 59: Barillon, 16.(26.) Nov. 1685; Ludwig an Barillon, 26. Nov. (6. Dec.) In einem höchst interessanten Schriftstück, das 1687 so gut als gewiß von Bonrepaux verfaßt wurde und sich jetzt in den französischen Archiven befindet, wird Sunderland folgendermaßen geschildert: +»La passion qu'il a pour le jeu, et les pertes considérables qu'il y fait, incommodent fort ses affaires. Il n'aime pas le vin; et il haït les femmes.«+]
[Anmerkung 60: Aus dem Geheimrathsbuche geht hervor, daß er seinen Präsidentenposten am 4. Dec. 1685 antrat.]
[Anmerkung 61: Bonrepaux ließ sich nicht so leicht täuschen als Jakob: +»En son particulier il (Sunderland) n'en professe aucune (religion), et on parle fort librement. Ces sortes de discours seroient en exécration en France. Ici ils sont ordinaires parmi un certain nombre de gens du pais.«+ Bonrepaux an Seignelay, 25. Mai (4. Juni) 1687.]
[Anmerkung 62: +Clarke's Life of James the Second, II. 74, 77. Orig. Mem.+; +Sheridan MS.+; +Barillon, March 19.(29.) 1686.+]
[_Treulosigkeit Jeffreys'._] Es waren im Kabinet zwei protestantische Mitglieder, welche an dem Kampfe keinen thätigen Antheil nahmen. Jeffreys wurde um diese Zeit von einer schmerzhaften inneren Krankheit gequält, die sich durch Unmäßigkeit verschlimmert hatte. Bei einem Gastmahle, das ein reicher Alderman einigen Regierungshäuptern gab, waren der Lordschatzmeister und der Lordkanzler dermaßen betrunken, daß sie sich fast splitternackt auskleideten und nur mit Mühe abgehalten werden konnten, auf einen Schildpfahl zu klettern, auf dem sie die Gesundheit Sr. Majestät ausbringen wollten. Der fromme Schatzmeister kam mit dem bloßen Skandale davon, der Kanzler aber bekam einen heftigen Anfall seines Übels. Eine Zeit lang glaubte man sein Leben sei in ernster Gefahr. Jakob zeigte sich sehr beunruhigt durch den Gedanken an den Verlust eines Ministers, der sich so gut in ihn zu schicken wußte, und sagte, in gewissem Sinne mit Recht, daß ein solcher Mann nicht leicht zu ersetzen sei. Als Jeffreys wieder genesen war, versprach er beiden streitenden Parteien seine Unterstützung und wartete es ab, welche von ihnen sich als siegreich erweisen würde. Einige merkwürdige Beweise von seiner Doppelzüngigkeit sind noch vorhanden. Wir haben schon erwähnt, daß die ehemals in London sich aufhaltenden zwei französischen Agenten sich in den englischen Hof getheilt hatten. Bonrepaux verkehrte beständig mit Rochester, Barillon mit Sunderland. In einer und derselben Woche erfuhr Ludwig durch Bonrepaux, der Kanzler sei ganz befreundet mit dem Schatzmeister, und durch Barillon, der Kanzler habe sich mit dem Sekretär[63] verbündet.
[Anmerkung 63: +Reresby's Memoirs+; +Luttrell's Diary, Feb. 2. 1685/86+; Barillon, 4.(14.) Feb., 28. Jan. (7. Feb.); Bonrepaux, 25. Jan. (4. Feb.)]
[_Godolphin und die Königin._] Der vorsichtige und schweigsame Godolphin that sein Möglichstes, um neutral zu bleiben. Seine Ansichten und Wünsche waren allerdings für Rochester; aber sein Amt nöthigte ihn, beständig in der Nähe der Königin zuzubringen, und daher wollte er natürlich nicht gern auf gespanntem Fuße mit ihr stehen. Man hat in der That Grund zu glauben, daß er mit einer romantischeren Zuneigung an ihr hing, als sie gewöhnlich in dem Herzen ergrauter Staatsmänner Platz findet, und Umstände, deren Erwähnung jetzt nöthig wird, hatten sie gänzlich der jesuitischen Cabale in die Arme geworfen.[64]
[Anmerkung 64: Dartmouth's Note zu Burnet I. 621. In einer zeitgenössischen Satyre heißt es von Godolphin:
»Mit staatsklugem Kopf er sich in Alles schickte, Wenn man ihm Muff und Handschuh nicht entrückte.«]
[_Liebeshändel des Königs._] Der König stand trotz seines unfreundlichen Charakters und seiner ernsten Haltung doch nicht viel weniger unter der Herrschaft weiblicher Reize, als ehedem sein lebhafterer und liebenswürdigerer Bruder. Allerdings fragte Jakob nicht viel nach der Schönheit, durch die sich die begünstigten Damen Karl's auszeichneten. Barbara Palmer, Eleonore Gwynn und Louise von Quérouaille gehörten zu den schönsten Frauen ihrer Zeit. Jakob hatte schon in früher Jugend um der unschönen Gesichtszüge der Anna Hyde willen seiner Freiheit entsagt, war unter seinen Rang herabgestiegen und hatte sich dadurch das Mißfallen seiner Familie zugezogen. Zum großen Ergötzen des Hofes hatte er sich bald von seiner simplen Gemahlin durch eine noch simplere Geliebte, Arabella Churchill, abziehen lassen. Seine zweite Gemahlin hatte häufig Ursache, sich über seine Unbeständigkeit zu beklagen, obgleich sie zwanzig Jahr jünger als er und von Gesicht wie von Gestalt nicht häßlich war. Aber die stärkste von allen seinen unerlaubten Neigungen war die, welche ihn an Katharine Sedley fesselte.
[_Katharine Sedley._] Diese Dame war die Tochter des Sir Karl Sedley, eines der glänzendsten aber sittenlosesten Schöngeister der Restauration. Die Schamlosigkeit seiner Schriften wird nicht durch besondere Eleganz und Lebendigkeit der Sprache aufgewogen; aber der Zauber seiner Conversation wurde selbst von ernsten Männern, die seinen Character nicht achteten, anerkannt. Es wurde als eine besondere Gunst betrachtet, im Theater neben ihm zu sitzen und sein Urtheil über ein neues Stück zu hören.[65] Dryden hatte ihm die Ehre erzeigt, ihn zu einer Hauptperson in dem Gespräch über dramatische Dichtkunst zu machen, Sedley's Lebenswandel war von der Art, daß er selbst zu jener Zeit Ärgerniß erregte. Einmal zeigte er sich nach einem schwelgerischen Gelage ohne eine Spur von Kleidungsstück auf dem Balcon eines Gasthauses unweit Coventgarden und haranguirte das vorübergehende Volk in einer so unanständigen und gottlosen Sprache, daß er deshalb gerichtlich verfolgt, zu einer schweren Geldbuße verurtheilt wurde und vom Gerichtshofe der Kings Bench einen sehr nachdrücklichen Verweis erhielt.[66] Seine Tochter hatte seine Talente und seine Schamlosigkeit geerbt. Körperliche Reize besaß sie nicht, außer einem Paar blitzender Augen, deren Glanz jedoch Männern von wirklich feinem Geschmack frech und unweiblich vorkam. Von Gestalt und Gesicht war sie hager. Karl fand zwar Gefallen an ihrer Unterhaltung, lachte aber über ihre Häßlichkeit und sagte die Priester müßten sie seinem Bruder als Bußmittel empfohlen haben. Sie wußte sehr wohl, daß sie nicht hübsch war und scherzte selbst über ihre Häßlichkeit. Sonderbarerweise aber schmückte sie sich trotzdem sehr gern und machte sich oft lächerlich, wenn sie mit Schönpflästerchen beklebt, geschminkt, in brüsseler Spitzen gekleidet, von Diamanten strahlend und alle Reize eines achtzehnjährigen Mädchens affectirend, im Theater erschien.[67]
Welcher Art ihr Einfluß auf Jakob war, ist nicht leicht zu erklären. Er war nicht mehr jung und ein religiöser Mann, oder wenigstens bereit, für seine Religion Anstrengungen und Opfer aufzuwenden, vor denen die meisten von Denjenigen, die man religiös nennt, zurückschrecken würden. Es muß auffallend erscheinen, daß irgend welche Reize im Stande waren, ihn zu einem Lebenswandel zu verleiten, den er als höchst strafbar betrachtet haben muß; und in diesem Falle konnte man nicht einmal begreifen, wo der Reiz lag. Katharine selbst war erstaunt über die Heftigkeit seiner Leidenschaft. »Meine Schönheit kann es nicht sein«, sagte sie, »denn er muß doch sehen, daß ich eben nicht schön bin; und mein Geist kann es auch nicht sein, denn er hat nicht genug, um zu bemerken, daß ich welchen habe.«
Zur Zeit seines Regierungsantritts machte das Gefühl der auf ihn lastenden neuen Verantwortlichkeit den König besonders empfänglich für religiöse Eindrücke. Er faßte und äußerte viele gute Vorsätze, sprach öffentlich mit großer Strenge von den gottlosen und ausschweifenden Sitten der Zeit und versprach privatim der Königin und seinem Beichtvater, daß er Katharine Sedley nicht mehr sehen wolle. Er ersuchte seine Maitresse schriftlich, die Gemächer, die sie in Whitehall bewohnte, zu verlassen und ein Haus am St. James Square zu beziehen, das auf seine Kosten prachtvoll für sie eingerichtet worden war. Zu gleicher Zeit versprach er ihr einen hohen Jahrgehalt aus seiner Chatulle. Die kluge, energische, unerschrockene und sich ihrer Macht bewußte Katharine aber weigerte sich das Feld zu räumen. Schon nach wenigen Monaten raunte man sich zu, daß Chiffinch's Dienste wieder in Anspruch genommen würden und daß die Maitresse häufig durch die verborgene Thür aus- und eingehe, durch welche Pater Huddleston die Hostie an Karl's Bett gebracht hatte. Die protestantischen Minister des Königs hofften wahrscheinlich, die Verblendung ihres Gebieters für dieses Weib könne ihn von der weit gefährlicheren Verblendung heilen, die ihn antrieb, ihre Religion anzugreifen. Sie besaß alle die Talente, die sie befähigen konnten, mit seinen Gefühlen und seinen Gewissensscrupeln Scherz zu treiben und ihm die Schwierigkeiten und Gefahren, in die er sich kopfüber stürzte, mit den grellsten Farben auszumalen.
[Anmerkung 65: Pepys, 4. Oct. 1664.]
[Anmerkung 66: Pepys, 1. Juli 1663.]
[Anmerkung 67: Siehe Dorset's satyrische Verse auf sie.]
[_Intriguen Rochester's zu Gunsten der Katharine Sedley._] Rochester, der Vorkämpfer der Kirche, bemühte sich, ihren Einfluß zu vergrößern. Ormond, der gewöhnlich als die personificirte Sittenreinheit und Hochsinnigkeit des englischen Kavaliers betrachtet wird, unterstützte ebenfalls diesen Plan. Selbst Lady Rochester schämte sich nicht, das Ihrige dazu beizutragen und zwar in der abscheulichsten Weise. Ihre Aufgabe bestand darin, die Eifersucht der beleidigten Gemahlin auf eine ganz unschuldige junge Dame zu lenken. Dem ganzen Hofe fiel die Kälte und Härte auf, mit der die Königin dem armen Mädchen begegnete, auf welche der Verdacht geworfen war, aber die Ursache der üblen Laune Ihrer Majestät war ein Geheimniß. Eine Zeit lang wurde die Intrigue glücklich und unentdeckt fortgesponnen. Katharine sagte dem Könige oft keck ins Gesicht, was die protestantischen Lords des Geheimen Raths nur in den zartesten Ausdrücken leise anzudeuten wagten. Seine Krone, sagte sie, sei in Gefahr, der alte kindische Arundell und der großsprecherische Tyrconnel würden ihn ins Verderben führen. Es ist leicht möglich, daß sie durch ihre Liebkosungen noch das erreicht haben würde, was dem vereinten Zureden der Lords und Gemeinen, des Hauses Österreich und des heiligen Stuhles nicht gelingen wollte, hätte nicht ein sonderbarer Unfall die ganze Gestalt der Dinge verändert. Jakob beschloß in einem Anfalle von Zärtlichkeit, seine Geliebte zur Gräfin von Dorchester zu erheben. Katharine erkannte die ganze Gefährlichkeit eines solchen Schrittes und lehnte die gehässige Ehre ab. Ihr Geliebter aber beharrte darauf und drückte ihr selbst das Diplom in die Hand. Endlich nahm sie es unter einer Bedingung an, welche ihr Vertrauen auf ihre Macht und seine Schwäche beweist. Er mußte ihr das feierliche Versprechen geben, nicht daß er sie nie verlassen, sondern nur daß er ihr in diesem Falle seinen Entschluß selbst ankündigen und ihr eine Abschiedszusammenkunft gewähren wolle.
Sobald die Nachricht von ihrer Erhebung bekannt wurde, kam der ganze Palast in Aufruhr. Das heiße italienische Blut kochte in den Adern der Königin. Stolz auf ihre Jugend und ihre Reize, auf ihren hohen Rang und ihre makellose Tugend konnte sie sich nicht ohne tiefen Schmerz und Zorn um einer solchen Nebenbuhlerin willen verlassen und beleidigt sehen. Rochester, der sich vielleicht erinnerte, wie geduldig sich Katharine von Braganza nach kurzem Widerstreben darein gefügt hatte, die Maitresse Karl's höflich zu behandeln, hatte erwartet, daß auch Marie von Modena nach ein wenig Murren und Schmollen so fügsam sein werde. Aber dem war nicht so. Sie versuchte es gar nicht, die Heftigkeit ihrer empörten Gefühle vor den Augen der Welt zu verbergen. Tag für Tag bemerkten die Höflinge, welche herbeikamen, um sie speisen zu sehen, daß die Schüsseln unberührt von ihrer Tafel wieder abgetragen wurden. Im Beisein sämmtlicher Minister und Gesandten ließ sie ihren Thränen freien Lauf, und zum Könige sprach sie mit wilder Heftigkeit. »Lassen Sie mich!« rief sie aus, »Sie haben Ihre Dirne zur Gräfin gemacht, machen Sie sie auch zur Königin, setzen Sie ihr meine Krone aufs Haupt. Nur gestatten Sie mir, mich in einem Kloster zu verbergen, damit ich sie nicht mehr sehe.« Dann fragte sie ihn ein wenig ruhiger, wie er sein Benehmen mit seinen religiösen Ansichten vereinigen könne. »Sie sind bereit«, sagte sie, »um Ihres Seelenheils willen Ihr Königreich aufs Spiel zu setzen, und doch werfen Sie Ihre Seele um eines solchen Geschöpfes willen weg.« Pater Petre stimmte auf den Knieen liegend in diese Vorstellungen ein. Dies war seine Pflicht, und er erfüllte sie nur um so eifriger, da sie mit seinem Interesse zusammenfiel. Der König fuhr noch eine Zeit lang fort zu sündigen und zu bereuen. In seinen Stunden der Zerknirschung legte er sich strenge Bußübungen auf. Marie bewahrte die Geißel, mit der er das ihr zugefügte Leid an seinen eigenen Schultern schonungslos gerächt hatte, sorgfältig auf bis an ihr Ende und vermachte sie dem Kloster von Chaillot. Nur Katharinen's Entfernung konnte diesem Kampfe zwischen schmachvoller Liebe und schmachvollem Aberglauben ein Ziel setzen. Jakob bat sie und befahl ihr schriftlich, abzureisen. Er leugnete es nicht, daß er ihr versprochen habe, persönlich Abschied von ihr zu nehmen. »Aber«, setzte er hinzu, »ich weiß nur zu gut, welche Gewalt sie über mich ausüben. Ich werde nicht Seelenstärke genug haben, um meinen Vorsatz auszuführen, wenn ich Sie sehe.« Er bot ihr eine Yacht an, damit sie mit allen Ehren und Bequemlichkeiten nach Flandern gehen könne, und drohte ihr, daß er sie mit Gewalt entfernen lassen werde, wenn sie nicht gutwillig gehe. Einmal suchte sie ihn dadurch zu erweichen, daß sie sich krank stellte. Dann nahm sie die Miene einer Märtyrin an und nannte sich unverschämterweise eine Dulderin für die protestantische Religion. Dann sprach sie wieder in dem Style Johann Hampden's. Sie forderte den König heraus, sie fortbringen zu lassen, sie werde den Rechtsweg gegen ihn einschlagen, so lange die Magna Charta und die Habeas-Corpus-Acte im Lande Gesetzeskraft hätten, werde sie leben, wo es ihr gefalle. »Und vollends nach Flandern!« rief sie, »dahin gehe ich nimmermehr! Eines habe ich von meiner Freundin, der Herzogin von Mazarin gelernt, und das ist, mich nie einem Lande anzuvertrauen, wo es Klöster giebt.« Endlich wählte sie Irland als Verbannungsort, wahrscheinlich, weil der Bruder ihres Gönners Rochester dort Vicekönig war. Nach langem Zögern reiste sie endlich ab und räumte so der Königin das Feld.[68]
Die Geschichte dieser merkwürdigen Intrigue würde unvollständig sein, wenn wir nicht hinzusetzten, daß noch eine religiöse Betrachtung existirt, die der Lordschatzmeister mit eigner Hand an dem Tage niederschrieb, an welchem sein Versuch, den König durch eine Concubine am Gängelbande zu führen, von Bonrepaux nach Versailles berichtet wurde. Kein Werk Ken's oder Leighton's athmet den Geist einer glühenderen und exaltirteren Frömmigkeit als diese Herzensergießung. Heuchelei kann man hier nicht vermuthen, denn der Aufsatz war offenbar nur für den Verfasser selbst bestimmt und wurde erst veröffentlicht, als dieser schon über hundert Jahre im Grabe lag. So viel wunderbarer als Dichtung ist oft die Geschichte, so wahr ist es, daß die Natur Launen hat, welche die Kunst nicht nachzuahmen wagt. Ein dramatischer Dichter würde es schwerlich wagen, einen am Abend seines Lebens stehenden ernsten Fürsten auf die Bühne zu bringen, der bereit wäre, seine Krone den Interessen seines Glaubens zu opfern, der unermüdlich dahin wirkte, Proselyten zu machen, und der bei alledem eine Gemahlin, mit Jugend und Schönheit begabt, um einer verworfenen Maitresse willen, die keines von beiden besitzt, verließe und beleidigte. Womöglich noch weniger würde ein dramatischer Dichter es wagen, einen Staatsmann auf der Bühne darzustellen, der sich zu dem gemeinen und entehrenden Amte eines Kupplers hergäbe, sich in diesem schmachvollen Geschäft durch seine Gattin unterstützen ließe und sich dabei doch in seinen Mußestunden in ein stilles Kämmerlein zurückzöge, um hier im Verborgenen sein Herz in reuigen Thränen und frommen Stoßseufzern gegen Gott auszuschütten.[69]
[Anmerkung 68: Die Hauptquellen für die Geschichte dieser Intrigue sind die Depeschen von Barillon und Bonrepaux vom Anfang des Jahres 1686. Siehe Barillon, 25. Jan. (4. Febr.), 28. Jan. (7. Febr.), 1.(11.) Febr., 8.(18.) Febr. u. 19.(29.) Febr., und Bonrepaux unter den vier erstgenannten Daten. Ferner +Evelyn's Diary, Jan. 19+; +Reresby's Memoirs+; +Burnet, I. 682+; +Sheridan MS.+; +Chaillot MS.+ und Adda's Depeschen vom 22. Jan. (1. Febr.) u. 29. Jan. (8. Febr.) 1686. Adda schreibt wie ein frommer, aber schwacher und unwissender Mann. Er kannte jedenfalls Jakob's vergangenes Leben nicht.]