Geschichte Von England Seit Der Thronbesteigung Jakob S Des Zwe
Chapter 20
[_Veröffentlichung hinterlassener Papiere Karl's II._] Jakob that nun einen Schritt, der die ganze anglikanische Partei bestürzt machte. In Karl's Cassette hatten sich zwei Aufsätze gefunden, in denen in gedrängter Kürze die Gründe entwickelt waren, welche die Katholiken in ihrer Polemik gegen die Protestanten geltend zu machen pflegten, und sie waren als von Karl eigenhändig geschrieben erkannt worden. Diese Papiere zeigte Jakob triumphirend mehreren Protestanten und erklärte, daß seines Wissens sein Bruder als Katholik gelebt habe und gestorben sei.[46] Einer der Männer, denen die Handschriften vorgelegt wurden, war der Erzbischof Sancroft. Er las sie tief bewegt und sagte nichts. Dieses Stillschweigen war einzig und allein die natürliche Wirkung eines Kampfes zwischen Respect und Verdruß. Jakob aber glaubte, der Primas sei vor der unwiderstehlichen Gewalt der angeführten Gründe verstummt und forderte Se. Gnaden dringend auf, mit Hülfe der ganzen Bischofsbank eine befriedigende Antwort zu entwerfen. »Legen Sie mir eine gründliche, in schicklichem Tone gehaltene Antwort vor,« sagte er, »und sie kann die von Ihnen so sehr gewünschte Wirkung haben, mich zum Übertritt in den Schooß Ihrer Kirche zu bestimmen.« Der Erzbischof entgegnete gelassen, daß seiner Meinung nach eine solche Antwort leicht zu schreiben sei, lehnte aber die Polemik unter dem Vorwande der Ehrfurcht vor dem Gedächtniß seines entschlafenen Gebieters ab. Diesen Grund hielt der König für die Ausflucht eines geschlagenen Disputanten.[47] Wäre er mit der polemischen Literatur der letzten hundertfünfzig Jahre vertraut gewesen, so würde er gewußt haben, daß die Aufsätze, auf die er so großes Gewicht legte, von jedem fünfzehnjährigen Knaben des Gymnasiums von Douay hätten verfaßt werden können, und daß sie nichts enthielten, was nach der Überzeugung aller protestantischen Geistlichen nicht schon zehntausendmal widerlegt und entkräftet war. In seinem unwissenden Enthusiasmus befahl er, daß diese Abhandlungen mit der prächtigsten typographischen Ausstattung gedruckt werden sollten, und fügte denselben, eine durch seine eigenhändige Unterschrift bekräftigte Erklärung bei, daß die Originale von seines Bruders eigener Hand seien. Er vertheilte die ganze Auflage unter seine Höflinge und unter die geringeren Leute, die sich um seinen Wagen drängten. Ein Exemplar schenkte er einem jungen Frauenzimmer niederen Standes, von der er glaubte, daß sie seine religiöse Überzeugung theile, und versicherte sie, daß sie durch die Lectüre höchlich erbaut und getröstet werden würde. Zum Lohn für seine Güte überreichte sie ihm einige Tage darauf einen Brief, durch den sie ihn beschwor, das mystische Babylon zu verlassen und den Becher der Hurerei von seinen Lippen zu stoßen.[48]
[Anmerkung 46: +Evelyn's Diary, Oct. 2. 1685.+]
[Anmerkung 47: +Clarke's Life of James the Second, II. 9. Orig. Mem.+]
[Anmerkung 48: Leeuwen, vom 1.(11.) und 12.(22.) Jan. 1686. So lang und abgeschmackt der Brief auch war, hielt man ihn doch für werth, als ein Zeichen der Zeit den Generalstaaten übersandt zu werden.]
[_Stimmung der achtungswerthen Katholiken._] Diese Dinge machten die der Staatskirche angehörenden Tories sehr besorgt; nicht weniger unzufrieden damit war der achtungswerthere Theil des katholischen Adels. Es wäre in der That zu entschuldigen gewesen, wenn die Leidenschaft sie bei dieser Gelegenheit taub gemacht hätte gegen die Stimme der Klugheit und Gerechtigkeit, denn sie hatten viel gelitten. Die Eifersucht der Protestanten hatte sie des Ranges entsetzt, zu dem sie geboren waren, hatte den Erben von Baronen, welche die Magna Charta unterzeichnet die Thüren des Parlamentshauses verschlossen, hatte das Commando über eine Compagnie Infanterie als einen zu hohen Posten für die Nachkommen von Generälen erklärt, welche bei Flodden und Saint-Quentin gesiegt hatten. Es gab kaum einen dem alten Glauben anhängenden vornehmen Peer, dessen Ehre, Vermögen und Leben nicht in Gefahr gewesen wäre, der nicht Monate lang im Tower zugebracht, der nicht oft das Schicksal Stafford's für sich selbst gefürchtet hätte. Männern, die so lange und so herzlos unterdrückt worden waren, hätte man es wohl verzeihen können, wenn sie die erste Gelegenheit, um zu gleicher Zeit Ansehen zu erlangen und Rache zu üben, begierig ergriffen hätten. Aber weder Fanatismus, noch Ehrgeiz, weder der Groll wegen früher erlittenen Unrechts, noch der durch plötzliches Glück verursachte Rausch konnte den ausgezeichnetsten Katholiken die Einsicht nehmen, daß das Glück, dessen sie sich endlich erfreuten, nur vorübergehend war und daß es ihnen verderblich werden könnte, wenn sie nicht einen weisen Gebrauch davon machten. Schmerzliche Erfahrungen hatten sie belehrt, daß die Abneigung der Nation gegen ihren Glauben nicht eine bloße Laune sei, die der Befehl eines Fürsten vertreiben könne, sondern vielmehr ein tiefwurzelndes Gefühl, das Erzeugniß von fünf Generationen, durch alle Klassen und Parteien verbreitet und mit den Grundsätzen der Tories nicht minder eng verflochten, als mit denen der Whigs. Allerdings lag es in der Macht des Königs, durch Ausübung seines Begnadigungsrechts die Wirkung des Strafgesetzes zu suspendiren. Es konnte ihm durch behutsames Verfahren mit der Zeit gelingen, vom Parlamente die Aufhebung der Gesetze zu erwirken, welche die Bekenner seines Glaubens für nicht zulässig zu öffentlichen Ämtern erklärten. Aber wenn er es versuchte, die protestantische Gesinnung Englands durch rohe Gewaltmittel zu ersticken, so ließ sich leicht voraussehen, daß dem heftigen Drucke auf eine so starke und elastische Feder ein eben so heftiger Rückschlag folgen werde. Durch voreilige Versuche, den Weg in den Geheimen Rath und in das Haus der Lords zu erzwingen, konnten die katholischen Peers ihre Schlösser und ihre großen Besitzungen verlieren und in die Lage kommen, daß sie ihr Leben als Verräther auf Towerhill oder als Bettler an den Thüren italienischer Klöster enden mußten.
So dachte Wilhelm Herbert, Earl von Powis, welcher damals allgemein als das Haupt der römisch-katholischen Aristokratie betrachtet wurde und der, nach Oates' Aussage, für den Fall des Gelingens der papistischen Verschwörung zum Premierminister bestimmt war. Johann Lord Bellasyse hatte ganz die nämliche Ansicht von der Sache. Er hatte in seiner Jugend tapfer für Karl I. gefochten, war nach der Restauration mit hohen Ehrenstellen und Commandos belohnt worden und hatte diese nach Erlassung der Testacte niedergelegt. Mit diesen ausgezeichneten Führern stimmten alle vornehmsten und reichsten Mitglieder ihrer Kirche überein, ausgenommen Lord Arundell von Wardour, ein alter Mann, der schon anfing kindisch zu werden.
[_Cabale heftiger Katholiken._] Es gab jedoch am Hofe eine kleine Anzahl Katholiken, an deren Herzen vergangene Unbill nagte, denen ihre neuerliche Erhebung den Kopf verrückt hatte, die es nicht erwarten konnten, die höchsten Ehrenstufen im Staate zu erklimmen und denen der Gedanke an einen Tag der Wiedervergeltung wenig Sorge machte, da sie nicht viel zu verlieren hatten.
[_Castelmaine._] Einer von diesen war Roger Palmer, Earl von Castelmaine in Irland, Gemahl der Herzogin von Cleveland. Es war notorisch, daß er seinen Titel mit seiner eignen und seiner Gemahlin Entehrung erkauft hatte. Er besaß nur ein unbedeutendes Vermögen und sein von Natur unfreundlicher Character war durch häusliche Zwistigkeiten, durch öffentliche Vorwürfe und durch die in den Tagen des papistischen Complots erduldeten Leiden noch mehr verbittert worden. Nachdem er lange in Gefangenschaft zugebracht, war ihm endlich der Prozeß auf Tod und Leben gemacht worden. Zu seinem Glück wurde er erst als die Wuth des Volks sich einigermaßen gelegt hatte und der Credit der falschen Zeugen erschüttert war, vor Gericht gestellt. So war er mit knapper Noth dem Tode entgangen.[49]
[Anmerkung 49: Siehe seinen Prozeß in der +Collection of State Trials+ und sein 1681 gedrucktes merkwürdiges Manifest.]
[_Jermyn._] Mit Castelmaine eng befreundet war einer der bevorzugtesten von den hundert Liebhabern seiner Frau, Heinrich Jermyn, den Jakob kürzlich mit dem Titel Lord Dover zum Peer erhoben hatte. Jermyn hatte sich vor mehr als zwanzig Jahren durch seine Liebeshändel und verzweifelten Duelle ausgezeichnet, war jetzt durch das Spiel zu Grunde gerichtet und strebte eifrig danach, seinen zerrütteten Finanzen durch einträgliche Stellen, von denen ihn das Gesetz ausschloß, wieder aufzuhelfen.[50]
[Anmerkung 50: +Mémoires de Grammont+; +Pepys's Diary, Aug. 19. 1662+; Bonrepaux an Seignelay, 1.(11.) Febr. 1686.]
[_White._] Zu der nämlichen Partei gehörte ein ränkevoller unternehmender Irländer, Namens White, der viel im Auslande zugebracht, dem Hause Österreich als ein Zwitterding von Gesandten und Spion gedient hatte und für seine Dienste mit dem Titel eines Marquis von Albeville belohnt worden war.[51]
[Anmerkung 51: Bonrepaux an Seignelay, 1.(11.) Febr. 1686.]
[_Tyrconnel._] Bald nach der Prorogation erhielt diese verwegene Partei eine wichtige Verstärkung. Richard Talbot, Earl von Tyrconnel, der Heftigste und Unbeugsamste von Allen, welche die Freiheiten und die Religion Englands haßten, kam von Dublin am Hofe an. Talbot stammte aus einer alten normännischen Familie, die lange in Leinster ansässig gewesen, dort in Verfall gerathen war, die Sitten der Celten angenommen hatte, gleich diesen der alten Religion anhing und sich bei dem Aufstande von 1641 denselben angeschlossen hatte. In seiner Jugend war er einer der bekanntesten Schwindler und Raufbolde Londons gewesen. Als Karl und Jakob in Flandern in der Verbannung lebten, war er ihnen als ein Mann vorgestellt worden, der zu dem abscheulichen Dienste, den Protector zu ermorden, geschickt und bereit war. Bald nach der Restauration versuchte es Talbot, durch einen noch schändlicheren Dienst die Gunst der königlichen Familie zu erlangen. Man bedurfte eines Vorwandes, um den Herzog von York deshalb zu rechtfertigen, daß er das Eheversprechen brach, durch welches er von Anna Hyde den höchsten Beweis von weiblicher Liebe erlangt hatte. Talbot unternahm es in Verbindung mit einigen seiner ausschweifenden Genossen, einen solchen Vorwand zu liefern. Es wurde verabredet, die junge Dame als ein Geschöpf ohne Tugend, Scham und Ehrgefühl darzustellen und einen langen Roman von zärtlichen Zusammenkünften und heimlichen Gunstbezeigungen zu erdichten. Talbot insbesondere erzählte, wie er bei einem seiner heimlichen Besuche so unglücklich gewesen sei, das Dintenfaß des Kanzlers über einen Stoß von Papieren zu schütten und wie geschickt sie der Entdeckung dadurch vorgebeugt habe, daß sie die Schuld an dem Unfalle auf ihren Affen schob. Diese Geschichten, die, selbst wenn sie wahr gewesen wären, nur über die Lippen des gemeinsten Menschen hätten kommen können, waren reine Erfindungen. Talbot war auch bald genöthigt, dies einzugestehen, und er that es ohne zu erröthen. Die verleumdete Dame wurde Herzogin von York. Wäre ihr Gemahl ein wirklich rechtschaffener und ehrenwerther Mann gewesen, so würde er die Schurken, die sie verleumdet hatten, mit Entrüstung und Verachtung aus seiner Nähe verbannt haben. Aber es war eine characteristische Eigenheit Jakob's, daß er eine auch noch so schändliche und gemeine Handlung nicht für verwerflich hielt, wenn sie in der Absicht begangen war, seine Gunst zu gewinnen. Talbot hatte nach wie vor Zutritt bei Hofe, erschien täglich mit frecher Stirn vor der Fürstin, die er hatte ins Verderben stürzen wollen und erhielt bald den einträglichen Posten eines Hauptkupplers ihres Gemahls. Nicht lange darauf wurde Whitehall plötzlich durch die Nachricht erschreckt, daß Dick Talbot, wie er gewöhnlich genannt wurde, einen Plan zur Ermordung des Herzogs von Ormond geschmiedet habe. Der Bravo wurde in den Tower geschickt, aber schon nach wenigen Tagen stolzirte er wieder in den Galerien umher und beförderte Briefchen zwischen seinem Gebieter und den schamlosesten Hoffräuleins. Vergebens drangen ergraute und besonnene Rathgeber in die königlichen Brüder, diesen abscheulichen Menschen nicht zu begünstigen, dessen einzige Empfehlung sein einnehmendes Äußere und sein guter Geschmack in der Kleidung sei; Talbot war nicht nur willkommen im Palaste, wenn die Flasche oder der Würfelbecher die Runde machten, sondern er wurde auch in Staatsangelegenheiten aufmerksam angehört. Er spielte die Rolle eines irischen Patrioten und vertheidigte mit großer Unverschämtheit und zuweilen mit Erfolg die Sache seiner Landsleute, deren Vermögen confiscirt worden war, ließ sich aber jederzeit seine Dienste gut bezahlen und erwarb sich theils durch den Handel mit seinem Einflusse, theils durch das Spiel, theils durch Kuppelei ein Vermögen von dreitausend Pfund jährlicher Einkünfte. Denn unter dem äußeren Scheine des Leichtsinns, der Verschwendung, der Sorglosigkeit und der maßlosesten Unverschämtheit, war er der feilste und schlaueste Mensch, den es geben konnte. Jetzt war er nicht mehr jung und büßte mit schweren körperlichen Leiden die Ausschweifungen seiner Jugend; aber weder Alter noch Krankheit hatten eine wesentliche Änderung in seinem Character und in seinen Sitten hervorgebracht. So oft er den Mund öffnete, tobte, fluchte und schwur er noch immer mit so rasender Heftigkeit, daß flüchtige Beobachter ihn für den unbändigsten Wüstling hielten. Der große Haufe begriff nicht, daß ein Mann, der selbst im nüchternen Zustande sich prahlerischer und wüthender geberdete, als Andere in der Trunkenheit, und der vollkommen unfähig zu sein schien, irgend eine Gefühlsregung zu verbergen oder ein Geheimniß zu bewahren, in der Wirklichkeit ein kaltherziger, weitsehender und wohlberechnender Speichellecker sein könne. Gleichwohl war Talbot solch ein Mensch. Seine Heuchelei war von weit höherer und seltenerer Art als die, welche in Barebone's Parlament florirt hatte. Denn nicht Derjenige ist ein vollendeter Heuchler, der seine Lasterhaftigkeit hinter einem Schein von Tugend zu verbergen weiß, sondern Der, welcher das Laster, das er sich nicht scheut offen zur Schau zu tragen, als Larve zur Verhüllung schwärzerer und einträglicherer Laster benutzt, welche zu verbergen in seinem Interesse liegt.
Nachdem Talbot von Jakob zum Earl von Tyrconnel erhoben war, hatte er während der neun Monate zwischen dem Tode Karl's und dem Beginn der Lordstatthalterschaft Clarendon's die Truppen in Irland befehligt. Als der neue Lordlieutenant im Begriff war, sich von London nach Dublin zu begeben, wurde der General von Dublin nach London berufen. Dick Talbot war lange Zeit wohlbekannt gewesen auf dem ganzen Wege, den er zurückzulegen hatte; es gab zwischen Chester und der Hauptstadt kein Gasthaus, in welchem er nicht Händel gehabt hätte. Wohin er kam, preßte er dem Gesetze zum Hohn Pferde, fluchte über die Köche und Postillone, und veranlaßte durch seine unverschämten Rodomontaden fast Aufläufe. Die Reformation, sagte er zu dem Volke, habe Alles ruinirt, aber es würden schon wieder gute Zeiten kommen, die Katholiken würden bald wieder obenauf sein und dann sollten die Ketzer für Alles bezahlen. So unaufhörlich tobend und lästernd wie ein Besessener kam er am Hofe an.[52] Sobald er angelangt war, verband er sich auf das Engste mit Castelmaine, Dover und Aldeville. Diese Leute schrieen einstimmig nach Krieg gegen die Kirchen- und Staatsverfassung. Sie sagten ihrem Gebieter, daß er es seiner Religion und der Würde seiner Krone schuldig sei, sich durch das Geschrei der ketzerischen Demagogen nicht irre machen zu lassen und dem Parlament gleich anfangs zu verstehen zu geben, daß er trotz aller Opposition der Herr zu bleiben gedenke und die Opposition nichts Andres bewirken werde, als ihn zu einem harten Herrn zu machen.
[Anmerkung 52: +Mémoires de Grammont+; +Life of Edward, Earl of Clarendon+; Correspondenz Heinrich's Earl von Clarendon an mehreren Stellen, besonders der Brief vom 29. Dec. 1685; Sheridan Mspte. unter den Stuart-Papieren; Ellis' Correspondenz vom 12. Jan. 1686.]
[_Gesinnung der fremden Gesandten._] Jede der beiden Parteien, in die der Hof gespalten war, hatte eifrige ausländische Verbündete. Die Gesandten Spaniens, des deutschen Reichs und der Generalstaaten waren jetzt eben so eifrig bemüht, Rochester zu unterstützen, wie sie früher Halifax unterstützt hatten. Barillon bot seinen ganzen Einfluß in entgegengesetzter Richtung auf, und er wurde darin von einem im Range unter ihm stehenden, in Talenten aber ihm weit überlegenen andren französischen Agenten unterstützt: von Bonrepaux. Barillon war zwar nicht ohne diplomatische Befähigung und besaß in hohem Grade die Liebenswürdigkeit und die feine Bildung, durch die sich der damalige französische Adel auszeichnete. Aber sein Verstand war den Anforderungen seines wichtigen Postens nicht gewachsen. Er war phlegmatisch und bequem geworden, liebte gesellige Vergnügungen und Tafelfreuden mehr als die Geschäfte und entwickelte bei wichtigen Vorgängen gewöhnlich erst dann eine energische Thätigkeit, wenn er Ermahnungen und selbst Verweise aus Versailles erhalten hatte.[53] Bonrepaux hatte sich durch die Umsicht und Thätigkeit, die er als Sekretär bei der Marineverwaltung gezeigt, aus der Dunkelheit emporgeschwungen und er galt für eingeweiht in die Geheimnisse der Handelspolitik. Zu Ende des Jahres 1685 wurde er mit mehreren besonderen Aufträgen von hoher Wichtigkeit nach London geschickt. Er sollte einen Handelsvertrag anbahnen, sollte den Zustand der englischen Flotten und Werfte ermitteln und darüber berichten, und endlich den hugenottischen Flüchtlingen, von denen man voraussetzte, sie würden durch Mangel und Verbannung so zahm geworden sein, daß sie fast jede Bedingung der Wiederaussöhnung dankbar annehmen würden, gewisse Vorschläge machen. Der neue Gesandte war plebejischen Ursprungs, seine Gestalt war zwergartig, sein Gesicht lächerlich häßlich und sein Dialect der seiner gascognischen Heimath; aber sein heller Verstand, sein seltener Scharfblick und sein witziger Geist befähigten ihn ganz vorzüglich für seinen Posten. Trotz seiner niederen Herkunft und seines abstoßenden Äußeren war er sehr bald als ein höchst angenehmer Gesellschafter und gewandter Diplomat bekannt. Während er mit der Herzogin von Mazarin scherzte, mit Waller und St. Evremond wissenschaftliche Fragen erörterte und mit La Fontaine correspondirte, wußte er sich eine genaue Kenntniß der englischen Staatsangelegenheiten zu erwerben. Seine Geschicklichkeit im Seewesen empfahl ihn Jakob, der schon seit vielen Jahren den Geschäften der Admiralität eine große Aufmerksamkeit zugewendet hatte und diese Geschäfte so gut verstand, als er überhaupt etwas zu verstehen fähig war. Sie unterhielten sich Tag für Tag offen über den Zustand der Schiffe und der Werfte. Das Resultat dieses intimen Verkehrs war, wie es sich erwarten ließ, daß der kluge und wachsame Franzose Jakob's Fähigkeiten und Character gründlich verachten lernte. Er sagte, die Welt habe seine Großbritannische Majestät weit überschätzt, denn sie besitze weniger Befähigung und nicht mehr Tugenden als Karl.[54]
Obgleich die beiden Gesandten Ludwig's den nämlichen Zweck verfolgten, so schlugen sie doch wohlweislich verschiedene Wege ein. Sie theilten sich in den Hof; Bonrepaux verkehrte hauptsächlich mit Rochester und dessen Umgebungen, Barillon stand namentlich mit der entgegengesetzten Partei in Verbindung. Die Folge davon war, daß sie zuweilen das nämliche Ereigniß von verschiedenen Gesichtspunkten betrachteten. Die besten Aufschlüsse, die es über den Streit giebt, welcher damals Whitehall bewegte, findet man in ihren Depeschen.
[Anmerkung 53: Siehe seine spätere Correspondenz an mehreren Stellen; St. Evremond desgl.; die Briefe der Frau von Sévigné zu Anfang des Jahres 1689. Auch vergleiche man die Instructionen für Tallard nach dem Frieden von Ryswick, in den französischen Archiven.]
[Anmerkung 54: Memoiren St. Simon's, 1697, 1719; St. Evremond; La Fontaine; Bonrepaux an Seignelay, 28. Jan. (7. Febr.) und 8.(18.) Febr. 1686.]
[_Spaltung zwischen dem Papste und der Gesellschaft Jesu._] Wie jede der beiden Parteien am Hofe Jakobs an auswärtigen Fürsten eine Stütze hatte, so wurde auch jede von ihnen durch eine kirchliche Autorität, vor der Jakob große Achtung hatte, unterstützt. Der Papst war für ein gesetzliches und gemäßigtes Verfahren und die Organe seiner Ansichten waren der Nuntius und der apostolische Vikar.[55] Auf der andren Seite stand eine Körperschaft, deren Gewicht sogar dem Gewichte des Papstthums gleichkam: der mächtige Jesuitenorden.
Daß sich bei dieser Gelegenheit diese beiden großen geistlichen Mächte, welche einst untrennbar verbunden zu sein schienen, feindlich gegenüberstanden, ist ein sehr wichtiger und bemerkenswerther Umstand. Während eines Zeitraums von mehr als tausend Jahren war die Ordensgeistlichkeit die Hauptstütze des heiligen Stuhles gewesen. Dieser Stuhl hatte sie gegen bischöfliche Einmischung beschützt und den ihnen gewährten Schutz hatten sie reichlich vergolten. Ohne ihre Anstrengungen wäre der Bischof von Rom wahrscheinlich nur das Ehrenoberhaupt einer großen Prälaten-Aristokratie gewesen. Mit Hülfe der Benedictiner war Gregor VII. im Stande, zu gleicher Zeit die fränkischen Kaiser und die weltliche Priesterschaft zu bekämpfen. Mit Hülfe der Dominikaner und Franziskaner vernichtete Innocenz III. die albigensischen Sectirer.
[Anmerkung 55: Adda, 16.(26.) Nov., 7.(17.) Dec. und 21.(31.) Dec. 1685. Adda giebt in diesen Depeschen gewichtige Gründe für einen Vergleich durch Abschaffung der Strafgesetze und Beibehaltung des Eides. Er nennt den Streit mit dem Parlamente eine +»gran disgrazia«+, und deutet wiederholt an, der König habe durch ein verfassungsgemäßes Verfahren für die Katholiken viel erlangen können, der Versuch aber, ihre Lage durch gesetzwidrige Mittel zu verbessern, werde wahrscheinlich großes Unheil über sie bringen.]