Geschichte Von England Seit Der Thronbesteigung Jakob S Des Zwe

Chapter 2

Chapter 23,284 wordsPublic domain

[_Ferguson._] Von keinem der Verbannten wurde diese Anklage mit größerer Heftigkeit und Bitterkeit erhoben, als von Robert Ferguson, dem Judas in Dryden's großer Satire. Ferguson war ein Schotte von Geburt, aber er hatte lange in England gelebt. Zur Zeit der Restauration bekleidete er eine Pfarrstelle in Kent. Er war als Presbyterianer erzogen, die Presbyterianer aber hatten ihn aus ihrer Mitte gestoßen und er war zu den Independenten übergegangen. Dann war er Vorsteher einer von den Dissenters in Islington errichteten Akademie gewesen, welche mit der Westminsterschule und dem Charterhouse concurriren sollte, und hatte bei einer Versammlung in Moorfields vor einem großen Zuhörerkreise gepredigt. Auch hatte er einige theologische Abhandlungen geschrieben, die sich vielleicht noch in den staubigen Winkeln einiger alten Bibliotheken finden; aber obgleich er beständig Bibelstellen im Munde führte, so überzeugte sich doch Jeder, der in Geldangelegenheiten mit ihm zu thun bekam, sehr bald, daß er nichts als ein Schwindler war.

Endlich entzog er der Theologie fast ganz seine Aufmerksamkeit, um sie dem schlechtesten Theile der Politik zuzuwenden. Er gehörte zu der Klasse, die ein Geschäft daraus machen, erbitterten Parteien in unruhigen Zeiten Dienste zu leisten, vor denen der Rechtschaffene aus Abscheu, der Kluge aus Furcht zurückschreckt, zur Klasse der fanatischen Schurken. Er war heftig, bösartig, unempfänglich für die Wahrheit, ohne Gefühl für die Schande, von unersättlicher Ruhmsucht erfüllt, fand an Intriguen, Aufruhr und Unheil lediglich um ihrer selbst willen Vergnügen und arbeitete viele Jahre in den dunkelsten Minen des Parteiwesens. Er lebte unter Pasquillanten und falschen Zeugen, verwaltete eine geheime Kasse, aus welcher Agenten besoldet wurden, die zu schlecht waren, als daß man sie hätte anerkennen dürfen, und war Vorsteher einer geheimen Druckerei, aus der fast täglich anonyme Pamphlets hervorgingen. Er rühmte sich, daß er Schmähschriften um die Terrasse von Windsor herum ausgestreut und selbst unter das Kopfkissen des Königs gebracht habe. Bei solcher Lebensweise mußte er zu allerhand Listen seine Zuflucht nehmen, mußte mehrere Namen führen und hatte einmal in vier verschiedenen Stadttheilen Londons vier verschiedene Wohnungen. Bei dem Ryehousecomplot war er stark betheiligt und man hat Grund zu der Vermuthung, daß er der erste Urheber der blutigen Anschläge war, welche die ganze Whigpartei so sehr in Mißcredit brachten. Als die Verschwörung entdeckt war und seinen Genossen bange wurde, nahm er lachend Abschied von ihnen, indem er ihnen sagte, sie wären Neulinge, er sei an Flucht, Verstecke und Verkleidung gewöhnt und werde Zeit seines Lebens nie aufhören, zu conspiriren. Er entkam auf den Continent, aber selbst dort schien er nicht sicher zu sein. Die englischen Gesandten an den auswärtigen Höfen waren angewiesen, ein scharfes Auge auf ihn zu haben, und die Regierung versprach Demjenigen, der ihn ergreifen würde, eine Belohnung von fünfhundert Pistolen. Es war ihm auch nicht leicht, unbemerkt zu bleiben, denn sein breiter schottischer Accent, seine lange und hagere Gestalt, seine hohlen Wangen, seine beständig von der Perrücke beschatteten stechenden Augen, sein von einem Hautausschlage geröthetes Gesicht, sein gekrümmter Rücken und sein eigenthümlich wiegender Gang machten ihn überall, wo er sich zeigte, zu einer auffallenden Erscheinung. Aber obgleich er anscheinend mit ganz besondrem Eifer verfolgt wurde, so raunte man sich doch im Stillen zu, daß dieser Eifer eben nur scheinbar sei und daß die Gerichtsbeamten geheimen Befehl hätten, ihn nicht zu sehen. Es läßt sich kaum bezweifeln, daß er wirklich ein erbitterter Unzufriedener war, aber man hat starken Grund, zu vermuthen, er habe für seine Sicherheit dadurch gesorgt, daß er in Whitehall vorgab, ein Spion gegen die Whigs zu sein und daß er der Regierung eben nur so viele Mittheilungen zukommen ließ, als zur Aufrechterhaltung seines Credits genügten. Diese Annahme erklärt auf die einfachste Weise das, was seinen Gesinnungsgenossen als eine unnatürliche Sorglosigkeit und Tollkühnheit erschien. Da ihm selbst nichts geschehen konnte, stimmte er jedesmal für den gewaltthätigsten und gefährlichsten Weg und lächelte mitleidig über den Kleinmuth von Männern, welche die schmachvolle Vorsichtsmaßregel, auf die er sich verließ, nicht getroffen hatten, und die sich daher zweimal besannen, ehe sie ihr Leben und Alles, was ihnen noch theurer war als das Leben, auf eine Karte setzten.[11]

Sobald er in den Niederlanden angekommen war, begann er über neue Pläne gegen die englische Regierung zu brüten und fand unter seinen Mitverbannten Männer, die seinen bösen Rathschlägen ein geneigtes Ohr liehen. Monmouth hielt sich indeß beharrlich fern von ihm, und ohne Beihülfe der ausgedehnten Popularität des Herzogs war unmöglich etwas auszurichten. Aber die Ungeduld und Tollkühnheit der Verbannten waren so groß, daß sie sich nach einem andren Führer umsahen. Sie schickten eine Gesandtschaft an den einsamen Ort am Ufer des Genfer Sees, wo Edmund Ludlow, einst ein ausgezeichneter Anführer in der Parlamentsarmee und ein hervorragendes Mitglied des hohen Gerichtshofes, sich schon seit vielen Jahren vor der Rache der wiedereingesetzten Stuarts verborgen hielt. Der ernste greise Rebell weigerte sich jedoch, seine Einsiedelei zu verlassen. Er habe das Seinige gethan, sagte er; wenn England noch zu retten sei, so müsse es durch jüngere Männer geschehen.[12]

Die unerwartete Erledigung der Krone veränderte die Gestalt der Dinge. Jede Hoffnung auf friedliche Rückkehr in ihr Vaterland, welche die verbannten Whigs vielleicht noch hegten, wurde durch den Tod eines sorglosen und gutmüthigen Fürsten und durch die Thronbesteigung eines in jeder Beziehung, ganz besonders aber in der Rache ungemein hartnäckigen Prinzen vernichtet. Ferguson war in seinem Elemente. So vollständig ihm altes Talent als Schriftsteller und Staatsmann fehlte, in so hohem Grade besaß er dagegen die nicht beneidenswerthen Eigenschaften eines Versuchers. So eilte er jetzt mit der tückischen Geschäftigkeit und Gewandtheit eines bösen Geistes von einem Verbannten zum andren, flüsterte jedem etwas ins Ohr und erregte in jeder Brust rachsüchtige Wuth und wilde Begierden.

Jetzt hoffte er auch von Neuem, daß es ihm doch noch gelingen werde, Monmouth zu verführen. Die Lage dieses unglücklichen jungen Mannes war eine ganz andre geworden. Während er im Haag tanzte und Schlittschuh lief und jeden Tag die Einladung zur Rückkehr nach London erwartete, stürzte ihn die Nachricht von seines Vaters Tode und von seines Oheims Thronbesteigung plötzlich ins tiefste Elend. Die in seiner Nähe Wohnenden konnten in der Nacht nach der Ankunft dieser Schreckensbotschaft seine Seufzer und sein lautes Jammergeschrei hören. Er verließ am folgenden Tage den Haag, nachdem er sowohl dem Prinzen als auch der Prinzessin von Oranien sein Ehrenwort gegeben, daß er durchaus nichts gegen die englische Regierung unternehmen werde, und nachdem sie ihn mit Geld zur Bestreitung seiner dringendsten Bedürfnisse versehen hatten.[13]

Monmouth's Aussichten waren nicht glänzend. Es war nicht wahrscheinlich, daß er aus der Verbannung zurückgerufen werden würde, und auf dein Festlande konnte er nicht länger inmitten des Glanzes und der Festlichkeiten eines Hofes leben. Seine Verwandten im Haag scheinen ihn wirklich zugethan gewesen zu sein, aber sie konnten ihn fernerhin nicht offen beschützen, ohne ernste Gefahr, einen Bruch zwischen England und Holland dadurch herbeizuführen. Wilhelm machte ihm einen gutgemeinten und verständigen Vorschlag. Der Krieg zwischen dem Kaiser und den Türken, welcher damals in Ungarn wüthete, wurde von ganz Europa mit fast eben so großem Interesse verfolgt, als fünfhundert Jahre früher die Kreuzzüge. Viele tapfere Edelleute, Protestanten sowohl als Katholiken, fochten als Freiwillige für die gemeinschaftliche Sache des Christenthums. Der Prinz rieth Monmouth, sich in das kaiserliche Lager zu begeben, und versicherte ihn, daß es ihm dann nicht an Mitteln fehlen solle, um mit dem eines vornehmen Engländers würdigem Glanze aufzutreten.[14] Dies war ein vortrefflicher Rath; der Herzog aber konnte sich nicht dazu entschließen. Er begab sich nach Brüssel, begleitet von Henriette Wentworth, Baronesse Wentworth von Nettlestede, einem Fräulein von hoher Geburt und großem Vermögen, die ihn leidenschaftlich liebte, ihm ihre jungfräuliche Ehre und die Aussicht auf eine glänzende Verbindung aufgeopfert hatte, ihm in's Exil gefolgt war und die er vor Gott als seine rechtmäßige Gattin betrachtete. Unter dem wohlthuenden Einflusse der weiblichen Freundschaft heilten auch bald die Wunden seines zerrissenen Herzens. Es schien, als hätte er in der stillen Zurückgezogenheit das Glück gefunden und vergessen, daß er einst die Zierde eines glänzenden Hofes und das Oberhaupt einer mächtigen Partei gewesen war, daß er Armeen befehligt und selbst nach dem Besitze eines Thrones gestrebt hatte.

Doch man gönnte ihm die Ruhe nicht. Ferguson wendete alle seine Versuchungskünste an. Grey, der nicht wußte, woher er noch eine Pistole nehmen sollte und der daher zu jedem, wenn auch noch so verzweifelten Unternehmen bereit war, unterstützte Ferguson. Man ließ seinen Kunstgriff unversucht, um Monmouth aus seiner Zurückgezogenheit hervorzulocken. Auf die ersten Einladungen, die er von seinem ehemaligen Bundesgenossen erhielt, antwortete er ablehnend. Er erklärte die Schwierigkeiten einer Landung in England für unüberwindlich, versicherte, er sei des öffentlichen Lebens überdrüssig, und bat darum, daß man ihn im ungestörten Genusse seines neugefundenen Glücks lassen möge. Doch er war nicht der Mann, der geschicktem und anhaltendem Drängen lange widerstehen konnte. Auch sagt man, daß er durch den nämlichen mächtigen Einfluß, der ihm seine Zurückgezogenheit so angenehm machte, überredet worden sei, dieselbe wieder aufzugeben. Lady Wentworth wollte ihn als König sehen. Ihre Einkünfte, ihre Juwelen und ihr Credit wurden ihm zur Verfügung gestellt, und obwohl Monmouth's Verstand nicht überzeugt war, so hatte er doch nicht die Kraft, solchen Bitten zu widerstehen.[15]

[Anmerkung 11: +Burnet I. 342. Wood. Ath. Ox.+ unter dem Namen Owen; +Absalom and Achitophel, part II.+; +Eachard, III. 682. 697.+; +Sprat's True Account+ an mehreren Stellen; +Nonconformist's Memorial+; +North's Examen, 399.+]

[Anmerkung 12: +Wade's Confession, Harl. M.S. 6845.+]

[Anmerkung 13: +Avaux Neg. Feb. 20. 22. 1685+; Monmouth's Brief an Jakob aus Ringwood.]

[Anmerkung 14: +The History of King William the Third, 2d. edition, 1703, vol. I. 160.+]

[Anmerkung 15: +Welwood's Memoirs, App. XV.+; +Burnet I. 630.+ Grey erzählt die Sache etwas anders, aber er erzählte sie, um sein Leben zu retten. Der spanische Gesandte am englischen Hofe, Don Pedro de Ronquillo, spöttelt in einem Briefe, den er um diese Zeit an den Statthalter der Niederlande schrieb, darüber, daß Monmouth von der Freigebigkeit eines verliebten Weibes lebe, und äußert den ganz ungegründeten Verdacht, daß des Herzogs Liebe nicht uneigennützig sei. +»Hallandose hoy tan falto de medios que ha menester transformarse en Amor con Miledi en vista de la necesidad de poder subsistir.«+ -- Ronquillo an Grana vom 30. März (9. April) 1685.]

[_Schottische Flüchtlinge._] Die englischen Verbannten empfingen ihn mit großer Freude und erkannten ihn einhellig als ihr Oberhaupt an. Allein es gab noch eine andre Klasse von Emigranten, welche nicht gemeint waren, seinen Befehlen zu gehorchen. Regierungsfehler, wie der südliche Theil unsrer Insel sie nie gekannt, hatte viele Flüchtlinge, deren maßloser politischer und religiöser Eifer im Verhältniß zu den Bedrückungen stand, die sie erduldet, aus Schottland auf den Continent getrieben. Diese Männer aber hatten keine Lust, einem englischen Anführer zu folgen. Ihr engherziger Nationalstolz verleugnete sich selbst in Armuth und Verbannung nicht, und sie wollten es nicht zugeben, daß ihr Vaterland in ihrer Person zu einer Provinz erniedrigt würde.

[_Der Earl von Argyle._] Sie hatten einen eignen Anführer in ihren Reihen: Archibald, neunten Earl von Argyle, der als Oberhaupt des großen Stammes der Campbell bei der Bevölkerung der Hochlande unter dem stolzen Namen Mac Callum More bekannt war. Sein Vater, der Marquis von Argyle, war das Haupt der schottischen Covenanters gewesen, hatte viel zum Sturze Karl's I. beigetragen, und die Royalisten waren der Meinung, daß er dieses Verbrechen dadurch noch nicht gesühnt habe, daß er seine Einwilligung dazu gab, Karl II. den leeren Königstitel und ein Staatsgefängniß in der Form eines Palastes zu gewähren. Nach der Rückkehr der königlichen Familie wurde der Marquis hingerichtet und sein Marquisat erlosch, aber sein Sohn erhielt die Erlaubniß, das alte Earlthum zu erben, und er gehörte so noch immer zu dem höchsten Adel Schottlands. Die politische Haltung des Earl während der zwanzig Jahre, welche auf die Restauration folgten, war, wie er später meinte, sündlich gemäßigt gewesen. Zwar hatte er in einigen Fällen der Regierung, unter deren Joch sein Vaterland seufzte, opponirt; aber sein Widerstand war schwach und vorsichtig gewesen. Seine Nachgiebigkeit in kirchlichen Dingen hatte strenge Presbyterianer verdrossen, und er war so weit entfernt gewesen, irgend eine Neigung zu gewaltsamem Widerstand zu zeigen, daß, als die Covenanters durch Verfolgung zum Aufstande getrieben wurden, er eine starke Truppe von Unterthanen ins Feld stellte, um die Regierung zu unterstützen.

Dies war seine politische Laufbahn gewesen, bis der Herzog von York, mit der ganzen Autorität eines Königs bekleidet, nach Edinburg kam. Der despotische Vicekönig überzeugte sich bald, daß er von Argyle keine ungetheilte Unterstützung zu erwarten hatte. Da der mächtigste Edelmann des Königreichs nicht gewonnen werden konnte, hielt man es für nöthig, ihn aus dem Wege zu räumen. Zu dem Ende wurde er auf Verdachtgründe hin, welche so unhaltbar waren, daß der Geist der Parteilichkeit und Chikane selbst sich ihrer schämte, wegen Hochverraths in Untersuchung gezogen, überführt und zum Tode verurtheilt. Die Anhänger der Stuarts versicherten später, man habe nie beabsichtigt, dieses Urtheil zu vollziehen, und die Anklage habe nur den Zweck gehabt, um ihn durch die Angst zur Abtretung seiner ausgedehnten Jurisdiction in den Hochlanden zu bewegen. Es läßt sich jetzt nicht mehr bestimmen, ob Jakob, wie seine Feinde argwöhnten, die Absicht hatte, einen Mord zu begehen, oder nur, wie seine Freunde behaupteten, durch die Androhung eines Mordes ein Zugeständniß zu erpressen. »Ich kenne das schottische Recht nicht«, sagte Halifax zum König Karl; »soviel aber weiß ich, daß wir hier in England aus Gründen wie die, auf welche hin Mylord Argyle verurtheilt worden ist, keinen Hund hängen würden[16].«

Argyle entkam verkleidet nach England und begab sich von da nach Friesland. In dieser entlegenen Provinz hatte sein Vater ein kleines Gut gekauft, das der Familie in bürgerlichen Unruhen als Zufluchtsort dienen sollte. Unter den Schotten hieß es, daß dieser Ankauf in Folge der Prophezeiung eines celtischen Sehers geschehen sei, dem die Offenbarung geworden, daß Mac Callum More dereinst von seinem alten Stammsitze in Inverary vertrieben werden würde[17]. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß der kluge Marquis mehr durch die Zeichen der Zeit als durch die Visionen eines Propheten gewarnt wurde. In Friesland lebte Earl Archibald einige Zeit so ruhig, daß es nicht allgemein bekannt wurde, wohin er geflohen war. Er unterhielt an seinem Zufluchtsorte einen regelmäßigen Briefwechsel mit seinen Freunden in Großbritannien, nahm Theil an der Whigverschwörung und entwarf mit den Oberhäuptern dieser Verschwörung den Plan zu einem Einfall in Schottland[18]. In Folge der Entdeckung des Ryehousecomplots gab er diesen Plan auf; nach der Erledigung der Krone aber wurde derselbe wieder ein Gegenstand seines Nachdenkens.

Während seines Aufenthalts auf dem Continent hatte er über religiöse Fragen mehr nachgedacht, als in den vergangenen Jahren seines Lebens. Dieses Nachdenken hatte in einer Beziehung verderblich auf seinen Geist eingewirkt. Seine Vorliebe für die synodalische Form der Kirchenverfassung stieg jetzt bis zur Bigotterie. Wenn er bedachte, wie lange er sich dem eingeführten Gottesdienste unterworfen hatte, ward er von Scham und Reue ergriffen und zeigte sich nur zu sehr geneigt, seine Abtrünnigkeit durch Gewaltschritte und Unduldsamkeit wieder gut zu machen. Bald fand er indeß Gelegenheit zu beweisen, daß seine Furcht vor einer höheren Macht und seine Liebe zu derselben ihn zu den furchtbarsten Kämpfen gestählt hatte, durch welche die menschliche Natur geprüft werden kann.

Für seine Leidensgefährten war sein Beistand vom höchsten Gewicht. Obgleich geächtet und geflüchtet, war er doch in gewissem Sinne noch der mächtigste Unterthan des britischen Reiches. An Reichthum stand er wahrscheinlich, selbst vor seiner Verurtheilung, nicht nur dem hohen englischen Adel, sondern auch manchem begüterten Squire von Kent und Norfolk nach. Aber sein patriarchalisches Ansehen, ein Ansehen, das kein Reichthum geben und keine Verurteilung entziehen konnte, machte ihn als Oberhaupt eines Aufstandes wahrhaft furchtbar. Kein südlicher Lord hätte darauf rechnen können, daß wenn er es wagen würde, sich der Regierung zu widersetzen, auch nur seine Wildhüter und Jäger treu zu ihm gestanden wären. Ein Earl von Bedford oder ein Earl von Devonshire konnte sich nicht anheischig machen, zehn Mann ins Feld zu stellen. Mac Callum More dagegen konnte, obgleich ohne Mittel und seines Earlthums beraubt, jeden Augenblick einen ernsten Bürgerkrieg hervorrufen. Er brauchte sich nur auf der Küste von Lorn zu zeigen und binnen wenigen Tagen hatte er eine Armee um sich versammelt. Die bewaffnete Macht, die er unter günstigen Verhältnissen ins Feld stellen konnte, belief sich auf fünftausend Streiter, die ihm unbedingt gehorchten, an den Gebrauch des Schildes und des breiten Schwertes gewöhnt waren, einen Kampf mit regulären Truppen selbst im offenen Felde nicht scheuten und solchen Truppen vielleicht in den Eigenschaften überlegen waren, welche zur Vertheidigung in Nebel gehüllter und von reißenden Gießbächen zerklüfteter rauher Gebirgspässe erforderlich sind. Was eine solche Macht bei umsichtiger Leitung selbst gegen kriegserfahrene Regimenter und geschickte Anführer auszurichten vermochte, das zeigte sich wenige Jahre später bei Killiecrankie.

[Anmerkung 16: Prozeß gegen Argyle in der +Collection of State Trials+; +Burnet, I. 521+; +A true and plain Account of the Discoveries made in Scotland, 1684+; +The Scotch Mist cleared+; +Sir George Mackenzie's Vindication+; +Lord Fonntainhall's Chronological Notes.+]

[Anmerkung 17: Untersuchung gegen Robert Smith im Anhange zu +Sprat's True Account+.]

[Anmerkung 18: +True and plain Account of the Discoveries made in Scotland.+]

[_Sir Patrick Hume und Sir Johann Cochrane._] So großen Anspruch aber auch Argyle auf das Vertrauen der verbannten Schotten hatte, gab es doch eine Partei unter ihnen, die ihn nicht mit wohlwollendem Auge betrachtete und sich nur seines Namens und seines Einflusses bedienen wollte, ohne ihn mit einer wirklichen Gewalt zu betrauen. Das Oberhaupt dieser Partei war ein Edelmann aus dem schottischen Niederlande, der in das Whigcomplot verwickelt gewesen und nur mit Mühe der Rache des Hofes entgangen war: Sir Patrick Hume, von Polwart in Berwickshire. Gegen seine Rechtschaffenheit sind starke Zweifel erhoben worden, aber ohne haltbaren Grund. Soviel kann man jedoch nicht in Abrede stellen, daß er seiner Sache durch Verkehrtheit eben so viel schadete, als es durch Verrath hätte geschehen können. Er war eben so unfähig zum Führen wie zum Folgen, eingebildet, streitsüchtig und launenhaft, ein endloser Schwätzer, zaghaft und langsam bei Unternehmungen gegen den Feind, und nur thätig gegen seine eigenen Verbündeten. Mit Hume eng verbunden war ein andrer schottischer Verbannter von hohem Ansehen, der viele von den nämlichen Fehlern hatte, wenn auch nicht in gleichem Grade: Sir Johann Cochrane, zweiter Sohn des Earl von Dundonald.

[_Fletcher von Saltoun._] Eine weit höhere Stufe gebührte Andreas Fletcher von Saltoun, einem Manne, der sich ebensowohl durch wissenschaftliche Bildung und Beredtsamkeit, als durch Muth, Uneigennützigkeit und Gemeinsinn auszeichnete, aber ein reizbares und unlenksames Temperament besaß. Gleich vielen seiner berühmtesten Zeitgenossen, wie Milton, Harrington, Marvel und Sidney, hatte auch ihm die schlechte Regierung mehrerer aufeinanderfolgenden Fürsten einen entschiedenen Widerwillen gegen die erbliche Monarchie eingeflößt. Jedoch war er kein Demokrat. Er war das Oberhaupt eines alten normännischen Hauses und stolz auf seine Abkunft, war ein feiner Redner und Schriftsteller und bildete sich auf seine geistige Überlegenheit etwas ein. Als Gentleman wie als Gelehrter blickte er mit Geringschätzung auf das gemeine Volk herab und war so wenig geneigt, demselben eine politische Macht anzuvertrauen, daß er es sogar unfähig für den Genuß der persönlichen Freiheit hielt. Merkwürdig ist der Umstand, daß dieser Mann, der rechtschaffenste, furchtloseste und unbeugsamste Republikaner seiner Zeit, der Urheber eines Planes war, welcher dahin zielte, einen großen Theil der arbeitenden Klassen Schottlands zu Sklaven zu machen. Er hatte große Ähnlichkeit mit jenen römischen Senatoren, die, während sie den Königstitel haßten, doch mit unbeugsamem Stolze ihre Standesvorrechte gegen die Eingriffe der Menge vertheidigten und ihre Sklaven und Sklavinnen durch Block und Peitsche regierten.

Amsterdam war der Ort, wo sich die schottischen und englischen Führer der Emigranten versammelten. Argyle kam aus Friesland, Monmouth aus Brabant dahin. Es zeigte sich sehr bald, daß die Flüchtlinge kaum etwas Andres gemein hatten als den Haß gegen Jakob und den ungeduldigen Drang, aus der Verbannung in die Heimath zurückzukehren. Die Schotten waren eifersüchtig auf die Engländer, die Engländer eifersüchtig auf die Schotten. Monmouth's hohe Ansprüche verdrossen Argyle, der, stolz auf seinen alten Adel und auf seine legitime Abstammung von Königen, durchaus nicht geneigt war, dem Sprossen einer flüchtigen und unedlen Liebe zu huldigen.