Geschichte Von England Seit Der Thronbesteigung Jakob S Des Zwe
Chapter 11
[Anmerkung 112: +Buccleuch MS.+; +Clarke's Life of James the Second, II. 37. 38+; +Orig. Mem.+; +Burnet, I. 645+; Tenison's Bericht in Kennet III. 432, Ausg. v. 1719.]
[Anmerkung 113: +Buccleuch MS.+]
[_Seine Hinrichtung._] Es war zehn Uhr. Der Wagen des Gouverneurs vom Tower stand bereit. Monmouth bat seine geistlichen Beistände, daß sie ihn auf den Richtplatz begleiten möchten; sie willigten ein, sagten ihm aber, daß er, ihrer Überzeugung nach, dem Tode in einem gefährlichen Seelenzustande entgegengehe und daß es ihre Pflicht sei, bis zum letzten Augenblicke Ermahnungen an ihn zu richten. Als er durch die Reihen der Garden fuhr, begrüßte er sie mit einem Lächeln und bestieg mit festem Schritte das Schaffot. Tower Hill war bis zu den Spitzen der Schornsteine mit einer unzähligen Zuschauermenge bedeckt die in ehrerbietiger, nur durch Weinen und Schluchzen unterbrochener Stille den letzten Worten des Lieblings des Volkes lauschten. »Ich werde wenig sagen,« hob er an. »Ich komme hierher, nicht um zu sprechen, sondern um zu sterben. Ich sterbe als Protestant der englischen Kirche.« Die Bischöfe unterbrachen ihn, indem sie sagten, daß er kein Mitglied ihrer Kirche sei, wenn er nicht den Widerstand als sündhaft anerkenne. Er sprach nun von seiner Henriette. Sie sei eine tugendhafte und ehrenwerthe junge Dame, sagte er; er liebe sie bis zum letzten Augenblicke und könne nicht sterben, ohne seine Gefühle zu äußern. Die Bischöfe unterbrachen ihn abermals und baten ihn, keine solche Sprache zu führen. Es entspann sich ein kurzer Wortwechsel. Man hat den Geistlichen zu große Härte gegen den Sterbenden vorgeworfen; aber sie entledigten sich nur einer ihrer Überzeugung nach heiligen Pflicht. Monmouth kannte ihre Grundsätze, und wenn er ihre lästige Zusprache nicht wünschte, so hätte er ihre Begleitung ablehnen sollen. Ihre gewöhnlichen Argumente für die Verwerflichkeit des Widerstandes äußerten keine Wirkung auf ihn. Als sie ihn aber an das Unglück erinnerten, das er über seine wackeren und ihn liebenden Anhänger gebracht, an das vergossene Blut und an die vielen Seelen, welche unvorbereitet vor den höchsten Richterstuhl gesandt worden, da ward er tief ergriffen und sagte mit sanfter Stimme: »Ja, ich gestehe es, es thut mir leid, daß es geschehen ist.« Sie beteten hierauf lange und inbrünstig mit ihm, und er stimmte in ihre Gebete ein, bis sie für den König des Himmels Segen erflehten. Hier schwieg er. »Betet Ihr nicht mit uns für den König, Sir?« fragte einer der Umstehenden. Monmouth schwieg noch eine Weile und nach einem heftigen inneren Kampfe sagte er: »Amen«. Vergebens aber forderten die Prälaten ihn auf, an die Soldaten und das versammelte Volk einige Worte über die Pflicht des Gehorsams gegen die Regierung zu richten. »Ich will keine Rede halten,« rief er aus; »nur zehn Worte, Mylord.« Er wendete sich um, rief seinen Diener und händigte ihm eine Zahnstocherbüchse ein, das letzte Unterpfand einer unglücklichen Liebe. »Dies gieb jener Person,« sagte er zu ihm. Hierauf wendete er sich zu Johann Ketch, dem Scharfrichter, einem Elenden, der schon manch muthiges und edles Opfer hingeschlachtet und dessen Namen das Volk noch ein und ein halbes Jahrhundert lang Allen, die ihm in seinem widerlichen Amte folgten, beilegte[114]. »Hier,« sagte der Herzog, »sind sechs Guineen für Euch. Aber hackt mich nicht, wie Ihr es bei Lord Russel gethan habt. Ich habe gehört, daß Ihr drei- oder viermal nach ihm schluget. Mein Diener soll Euch noch etwas Geld geben, wenn Ihr Eure Sache gut macht.« Er entkleidete sich sodann, untersuchte die Schneide des Beils, äußerte die Besorgniß, daß es wohl nicht scharf genug sei, und legte endlich das Haupt auf den Block. Währenddem riefen die Geistlichen beständig mit großem Eifer aus: »Gott nehme Eure Reue an! Gott nehme Eure unvollkommene Reue an!«
Der Henker schickte sich an, sein Geschäft zu verrichten; aber die Worte des Herzogs hatten ihn aus der Fassung gebracht. Der erste Hieb brachte ihm nur eine leichte Wunde bei. Der Herzog erhob sich schwankend von dem Blocke und sah den Scharfrichter vorwurfsvoll an. Dann ließ er das Haupt wieder auf den Block sinken. Der Scharfrichter schlug noch einmal und noch einmal; aber noch war der Kopf nicht vom Rumpfe getrennt, der sich aufs neue bewegte. Ein Geschrei des Entsetzens und des Unwillens erhob sich unter der Menge. Mit einem Fluche warf Ketch das Beil zu Boden. »Ich kann es nicht thun«, sagte er, »das Herz bricht mir!« -- »Hebe das Beil auf, Mensch!« rief der Sheriff. »Werft ihn über das Geländer!« brüllte der Pöbel. Endlich wurde das Beil wieder aufgehoben und zwei neue Schläge verlöschten den letzten Lebensfunken; aber der Kopf mußte noch mit einem Messer vollends von den Schultern getrennt werden. Das Volk war so außer sich vor Wuth, daß der Scharfrichter in Gefahr war, in Stücke zerrissen zu werden und daß er unter starker Bedeckung abgeführt werden mußte[115].
Inzwischen wurden viele Tücher in das Blut des Herzogs getaucht, denn ein großer Theil der Menge betrachtete ihn als einen Märtyrer, der für den protestantischen Glauben gestorben war. Kopf und Rumpf wurden in einen mit schwarzen Sammet bedeckten Sarg gelegt und in aller Stille unter dem Abendmahlstische der St. Peterskapelle im Tower beigesetzt. Vier Jahre später wurden die Steinplatten des Altarplatzes wieder aufgehoben und dicht neben Monmouth's Hülle die Überreste Jeffreys' gelegt. Es giebt in Wahrheit keine traurigere Grabstätte in der Welt als dieser kleine Platz. Die dort liegenden Todten erinnern nicht, wie in der Westminsterabtei und in der Paulskirche, an Genie und Tugend, nicht, wie in unseren bescheidensten Kirchen und Gottesäckern, an Alles, was der gesellschaftlichen und häuslichen Liebe am theuersten ist, sondern an die dunkelsten Seiten des menschlichen Characters und Schicksals, an den wilden Triumph unerbittlicher Feinde, an die Unbeständigkeit, Undankbarkeit und Feigheit treuloser Freunde, an all' das Elend gefallener Größe und verblichenen Glanzes. Dorthin wurden Jahrhunderte hindurch auf den Schultern rauher Kerkerknechte, ohne Trauergeleite, die blutenden Überreste von Männern getragen, welche Befehlshaber von Armeen, Führer von Parteien, Orakel von Senaten und Zierden souverainer Höfe gewesen waren. Dorthin wurde, unter dem Fenster vorüber, an welchem Johanna Grey betete, der zerrissene Leichnam Guildford Dudley's getragen. Dort ruht Eduard Seymour, Herzog von Somerset und Protector des Reiches, an der Seite des Bruders, den er ermordet. Dort modert der kopflose Rumpf Johann Fisher's, Bischofs von Rochester und Cardinals von St. Vitalis, eines Mannes; der zu einer besseren Zeit zu leben und für eine bessere Sache zu sterben verdient hätte. Dort liegen Johann Dudley, Herzog von Northumberland und Lordgroßadmiral, und Thomas Cromwell, Earl von Essex und Lordoberschatzmeister. Dort liegt auch noch ein andrer Essex, an den die Natur und das Glück ihre herrlichsten Gaben umsonst verschwendet hatten, den Tapferkeit, Anmuth, Genie, königliche Gunst und Beifall des Volks zu einem frühzeitigen und schmachvollen Untergange führten. Nicht weit davon ruhen zwei Oberhäupter des großen Hauses Howard, Thomas, vierter Herzog von Norfolk, und Philipp, elfter Earl von Arundel. Zwischen den zahlreichen Gräbern unruhiger und ehrgeiziger Staatsmänner zerstreut schlummern daselbst auch zartere Dulder: Margarethe von Salisbury, die letzte des stolzen Namens Plantagenet, und die beiden schönen Königinnen, welche Heinrich's eifersüchtiger Wuth zum Opfer fielen. Mit solchem Staub ward Monmouth's Staub vermischt.[116]
Noch wenige Monate, und das friedliche Dorf Toddington in Bedfordshire sah ein noch erschütternderes Leichenbegängniß. Unweit dieses Dorfes stand ein altes, stattliches Schloß, der Stammsitz der Wentworth. Das Querschiff der Pfarrkirche war seit langer Zeit ihr Begräbnißplatz. In dieser Grabstätte ward im ersten Frühling nach Monmouth's Tode der Sarg der jungen Baronesse Wentworth von Nettlestede getragen. Ihre Familie ließ ihr ein prächtiges Mausoleum errichten; aber ein viel einfacheres Erinnerungszeichen an sie wurde lange mit weit größerer Theilnahme betrachtet. Ihr Name, von der Hand des Mannes eingeschnitten, den sie nur zu sehr liebte, war noch mehrere Jahre nachher an einem Baume des anstoßenden Parkes zu erkennen.
[Anmerkung 114: Der Name Ketch's wurde in den Spottgedichten jener Zeit oft mit dem Namen Jeffreys' in Verbindung gebracht:
»Jeffreys sitzt auf der Bank, Ketch auf dem Galgen,«
sagt ein Dichter. Das Jahr darauf nach Monmouth's Hinrichtung wurde Ketch seines Amtes entsetzt, weil er einen der Sheriffs beleidigt hatte, und ihm folgte ein Metzger, Namens Rose. Aber schon nach vier Monaten wurde Rose selbst in Tyburn gehängt und Ketch wieder in seine Stelle eingesetzt. +Luttrell's Diary, Jan. 20. & May 28. 1686.+ Siehe auch eine interessante Note von Dr. Grey im Hudibras, Th. II. Ges. 2, Zeile 1534.]
[Anmerkung 115: Bericht über die Hinrichtung Monmouth's, unterzeichnet von den Geistlichen, die ihn begleiteten. +Buccleuch MS.+; +Burnet, I. 646+; Citters, 17.(27.) Juli 1685; +Luttrell's Diary+; +Evelyn's Diary, July 15+; Barillon, 19.(29.) Juli.]
[Anmerkung 116: Ich kann nicht umhin, hier meine Entrüstung über die barbarische Thorheit auszusprechen, welche diese höchst interessante Kirche in ein Gebäude verwandelt hat, das dem Versammlungshause in einer Fabrikstadt ähnlich sieht.]
[_Wie das niedere Volk sein Andenken ehrte._] Lady Wentworth war nicht die Einzige, die das Andenken des Herzogs mit abgöttischer Liebe ehrte. Er lebte fort in den Herzen des Volks, bis das Geschlecht, das ihn gesehen hatte, verschwunden war. Bänder, Schnallen und andere geringfügige Kleinigkeiten, die er an sich getragen, wurden von Denen, welche bei Sedgemoor unter ihm gefochten hatten, wie kostbare Reliquien aufbewahrt. Alte Leute, die ihn lange überlebten, sprachen in ihrer Sterbestunde den Wunsch aus, daß man ihnen diese Kleinigkeiten mit in's Grab geben möchte. Ein Knopf von Goldlahn, der mit Mühe diesem Schicksale entging, ist noch in einem Hause zu sehen, von welchem aus man das Schlachtfeld überblickt. Das Volk hing mit einer solchen Zärtlichkeit an seinem unglücklichen Lieblinge, daß trotz der augenfälligsten Beweise, die seinen Tod betätigten, Viele noch immer die Hoffnung hegten, daß er lebe und bald wieder bewaffnet erscheinen werde. Es hieß, ein Mann, der dem Herzoge auffallend ähnlich sähe, habe sich selbst aufgeopfert, um den Helden des Protestantismus zu retten. Bei jeder politischen Krisis von einiger Wichtigkeit flüsterte das gemeine Volk sich zu, die Zeit sei nahe und König Monmouth werde sich bald zeigen. Im Jahre 1686 wurde ein Betrüger, der sich für den Herzog ausgegeben und in verschiedenen Dörfern von Wiltshire Gelder eingesammelt hatte, eingefangen und von Newgate nach Tyburn gepeitscht. Im Jahre 1698, nachdem England schon lange unter einem neuen Herrscherstamme constitutionelle Freiheit genoß, gab sich der Sohn eines Gastwirths bei den Freisassen von Sussex für ihren geliebten Monmouth aus und täuschte Viele, die keineswegs der untersten Klasse angehörten. Es wurden fünfhundert Pfund Sterling für ihn gesammelt, die Pächter schenkten ihm ein Pferd, ihre Frauen schickten ihm ganze Körbe voll Hühner und Enten und man sagte sogar, daß sie auch zärtlichere Gunstbezeigungen an ihn verschwendeten, denn im Punkte der Galanterie wenigstens war der Doppelgänger ein nicht unwürdiger Repräsentant des Originals. Als dieser Mensch wegen seines Betrugs in's Gefängniß geworfen wurde, verschafften ihm seine Anhänger dort alle möglichen Genüsse. Viele erschienen bei den Sitzungen der Assisen von Horsham, um ihn durch ihre Anwesenheit zu ermuthigen. Die Täuschung währte noch immer fort als Georg III. bereits drei Jahre auf dem Throne saß, bis Voltaire es endlich für nöthig hielt, allen Ernstes die Muthmaßung zu entkräften, daß der Mann mit der eisernen Maske der Herzog von Monmouth sei.[117]
Es dürfte keine minder auffallende Thatsache sein, daß bis auf den heutigen Tag die Bewohner einiger westlichen Provinzen Englands, sobald irgend eine ihre Interessen berührende Bill im Hause der Lords zur Verlesung kommt, sich für berechtigt hielten, auf die Unterstützung des Herzogs von Buccleuch, eines Nachkommen des unglücklichen Oberhauptes, für den ihre Vorfahren bluteten, Anspruch zu machen.
Die Geschichte Monmouth's würde allein genügen, um den Vorwurf der Unbeständigkeit zu widerlegen, der dem gemeinen Volke so oft gemacht wird. Allerdings ist das niedere Volk zuweilen unbeständig, weil es eben Menschen sind; daß es aber unbeständig sei im Vergleich zu den höheren Klassen, zu dem Adel und zu den Fürsten, muß entschieden geleugnet werden. Man könnte leicht Demagogen namhaft machen, deren Popularität sich nicht vermindert hat, während Souveraine und Parlamente einer langen Reihe von Staatsmännern ihr Vertrauen entzogen haben. Als Swift's Geisteskräfte sich schon viele Jahre überlebt hatten, fuhr das irische Volk noch immer fort, an seinem Geburtstage Freudenfeuer anzuzünden, zur Erinnerung an die Dienste, die er, wie sie glaubten, dem Vaterlande zu der Zeit geleistet hatte, da sein Geist noch in voller Kraft war. Während sieben Ministerien zur Macht erhoben und in Folge von Hofintriguen oder Gesinnungsveränderungen der höheren Klassen der Gesellschaft wieder vertrieben wurden, behauptete der verworfene Wilkie seine Herrschaft über einen Pöbel, den er brandschatzte und verhöhnte. Politiker, welche 1807 sich bei Georg III. in Gunst zu setzen suchten, indem sie Karolinen von Braunschweig vertheidigten, schämten sich nicht, dreizehn Jahre später die nämliche Fürstin zu verfolgen, um sich bei Georg IV. einzuschmeicheln. Die ganze Masse der arbeitenden Klassen aber war im Jahre 1820 noch eben so für sie begeistert wie 1807. So war es auch mit Monmouth. Im Jahre 1680 war er in gleichem Maße von der Gentry wie von dem Landvolke des Westens verehrt worden, und als er im Jahre 1685 wieder erschien, war er für die Gentry ein Gegenstand der Abneigung geworden, während das Landvolk ihm noch immer mit einer den Tod nicht scheuenden Liebe zugethan war, mit einer Liebe, die weder Mißgeschick und Fehler, noch die Flucht von Sedgemoor, noch der Brief von Ringwood, noch die Thränen und schmachvollen Bitten in Whitehall zu ersticken vermochten. Nicht Unbeständigkeit ist es, was man dem niederen Volke zum Vorwurf machen kann, sondern nur, daß es in der Wahl seiner Lieblinge fast stets so unglücklich ist, daß seine Beständigkeit ein Fehler und keine Tugend wird.
[Anmerkung 117: +Observator, Aug. 1. 1685+; +Gazette de France, Nov. 2. 1686+; Brief von Humphrey Wanley vom 25. Aug. 1698 in der Aubrey'schen Sammlung; +Voltaire, Dict. Phil.+ In der Pepys'schen Sammlung befinden sich mehrere nach Monmouth's Tode geschriebene Balladen, in denen er als noch lebend dargestellt und seine baldige Rückkehr prophezeit wird.]
[_Grausamkeiten der Soldaten im Westen._] Während Monmouth's Hinrichtung die Gemüther der Londoner beschäftigte, mußten die Grafschaften, die sich gegen die Regierung erhoben hatten, alle Unbilden ertragen, die eine zügellose Soldateska nur ersinnen kann. Feversham war an den Hof eingeladen worden, wo ihn Ehren und Gunstbezeigungen erwarteten, die er wenig verdiente. Er wurde zum Ritter des Hosenbandordens ernannt und erhielt den Befehlshaberposten über die erste und am besten besoldete Abtheilung der Leibgarde; aber Hof und Stadt lachte über seine militairischen Heldenthaten und Buckingham's Witz sprühte seine letzten schwachen Funken gegen den General aus, der im Bett eine Schlacht gewonnen hatte.[118]
[Anmerkung 118: +London Gazette, Aug. 3. 1685+; +The Battle of Sedgemoor, a Farce.+]
[_Kirke._] Feversham übertrug das Commando in Bridgewater dem Obersten Percy Kirke, einem Abenteurer, dessen Laster in der schlechtesten aller militairischen Schulen, in Tanger, entwickelt worden waren. Kirke hatte einige Jahre hindurch die Besatzung dieser Stadt commandirt und war beständig in Feindseligkeiten mit fremden Barbarenstämmen verwickelt gewesen, welche die Regeln und Gesetze der Kriegführung gebildeter und christlicher Nationen nicht kannten. Innerhalb der Mauern seiner Festung war er ein despotischer Fürst und seine Tyrannei wurde nur durch die Furcht, von der entfernten und sorglosen Regierung zur Verantwortung gezogen zu werden, einigermaßen in Schranken gehalten. Er konnte sich daher ohne Gefahr die frechsten Ausschweifungen der Raubgier, der Sittenlosigkeit und der Grausamkeit erlauben. Er lebte in zügelloser Üppigkeit und Verschwendung und verschaffte sich durch Erpressungen die Mittel, um seinen Lüsten zu fröhnen. Keine Waaren konnten verkauft werden, ohne daß Kirke das Vorkaufsrecht geltend machte, keine Rechtsfrage konnte entschieden werden, bevor Kirke bestochen war. Einst ließ er aus bloßer übermüthiger Laune im Keller eines Weinhändlers alten Fässern den Boden einschlagen; ein andermal vertrieb er alle Juden aus Tanger und überlieferte zwei von ihnen der spanischen Inquisition, die sie ohne weiteres verbrannte. Und unter dieser eisernen Herrschaft ward kaum eine Klage laut, da der Haß durch die Furcht wirksam niedergehalten wurde. Zwei Personen, die sich widersetzlich gezeigt hatten, wurden ermordet gefunden, und man war allgemein der Überzeugung, daß sie auf Kirke's Befehl umgebracht worden waren. Wenn er mit seinen Soldaten nicht zufrieden war, peitschte er sie mit schonungsloser Strenge, entschädigte sie aber wieder dafür, indem er ihnen erlaubte, auf der Wache zu schlafen, betrunken durch die Straßen zu taumeln und Kaufleute und Handwerker auszuplündern, zu prügeln und auf jede Weise zu quälen.
Als Tanger aufgegeben wurde, kehrte Kirke nach England zurück. Er behielt das Commando über seine bisherigen Soldaten, welche zuweilen als das erste Regiment von Tanger, zuweilen auch als das Regiment der Königin Katharine bezeichnet wurden. Da diese Mannschaft zu dem Zwecke ausgehoben war, um gegen eine ungläubige Nation Krieg zu führen, so hatte sie ein christliches Emblem, das Osterlamm, auf ihrer Fahne. In Anspielung auf dieses Zeichen und in einem bitter ironischen Sinne wurden diese Leute, die rohesten und wildesten Soldaten der englischen Armee, Kirke's Lämmer genannt. Das gegenwärtige zweite Linienregiment führt noch heute dieses alte Fahnenzeichen, das aber durch ehrenvolle, in Ägypten, Spanien und Asien verdiente Dekorationen in den Schatten gestellt worden ist.[119]
Ein solcher Befehlshaber und solche Soldaten waren jetzt gegen die Bevölkerung von Somersetshire losgelassen. Von Bridgewater marschirte Kirke nach Taunton. Zwei Karren mit verwundeten Rebellen, deren Wunden nicht verbunden waren, und ein langer Zug von Gefangenen, welche paarweis zusammengefesselt zu Fuß gingen, begleiteten ihn. Sogleich nach seiner Ankunft in Taunton ließ er mehrere von diesen ohne jede gerichtliche Formalität hängen; sie durften nicht einmal von ihren nächsten Verwandten Abschied nehmen. Der Pfahl, an welchem das Schild des Gasthofes »zum weißen Hirsche« hing, diente als Galgen. Die schauerliche Execution soll unter den Fenstern des Zimmers stattgefunden haben, in welchem die Offiziere des Tanger'schen Regiments zechten, und bei jedem Toaste soll ein Unglücklicher aufgeknüpft worden sein. Während die Beine des Verscheidenden im letzten Todeskampfe zuckten, ließ der Oberst die Trommeln rühren; er sagte, er wolle den Rebellen zu ihrem Tanze Musik machen. Die Sage erzählt, daß einem der Gefangenen nicht einmal die Vergünstigung eines schnellen Todes zu Theil wurde; zweimal wurde er emporgezogen und zweimal wieder abgeschnitten; zweimal ward er gefragt, ob er seinen Verrath bereue, und zweimal antwortete er, wenn es noch einmal losginge, werde er das Nämliche thun. Dann wurde er endlich zum letzten Male aufgeknüpft. Es wurden so viele Leichname geviertheilt, daß der Henker bis an die Knöchel im Blute stand. Zur Beihülfe hatte er einen armen Mann, dessen Loyalität verdächtig war und der sein Leben dadurch loskaufen mußte, daß er die Überreste seiner Freunde in Pech sott. Dieser Mann, der sich zu einer so grauenvollen Arbeit hergegeben hatte, kehrte nachher zu seinem Pfluge zurück. Aber er behielt für seine Lebenszeit ein Kainszeichen, indem er von Stund an im ganzen Dorfe Tom Boilman (Siedemann) genannt wurde. Die Landleute der dortigen Gegend erzählten sich noch lange nachher, daß er sich durch seine sündliche und schändliche That zwar vor der Rache der »Lämmer« schützte, aber der Rache einer höheren Gewalt nicht entging. Bei einem starken Gewitter trat er unter eine Eiche und wurde vom Blitze erschlagen.[120]
Die Anzahl der Menschen, welche auf solche Art hingeschlachtet wurden, läßt sich jetzt nicht mehr ermitteln; neun wurden in die Kirchenregister von Taunton eingetragen, aber diese Register enthalten nur die Namen Derer, welche ein christliches Begräbniß erhielten. Die Zahl Derjenigen, die in Ketten gehängt oder deren Köpfe und Glieder in die umliegenden Dörfer geschickt wurden, muß viel bedeutender gewesen sein. In London glaubte man damals, daß Kirke in der Woche nach der Schlacht hundert Gefangene hinrichten ließ.[121]
Die Grausamkeit war indessen nicht die einzige Leidenschaft dieses Mannes; er liebte das Geld und war kein Neuling in Erpressungskünsten. Ein sicheres Geleit mußte man ihm mit dreißig bis vierzig Pfund Sterling bezahlen, und wenn ein solcher Geleitsbrief auch keine gesetzliche Gültigkeit hatte, so setzte er den Inhaber wenigstens in den Stand, die Posten der »Lämmer« ungehindert zu passiren und einen Seehafen zu erreichen, um ins Ausland entfliehen zu können. Die nach Neuengland bestimmten Schiffe waren zu jener Zeit so mit Flüchtlingen von Sedgemoor angefüllt, daß sie Gefahr liefen, mit ihren Wasser- und Lebensmittelvorräthen nicht auszureichen.[122]