Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Erster Band enthaltend Kapitel 1 und 2

Part 9

Chapter 93,390 wordsPublic domain

[_Taktik der Opposition im Hause der Gemeinen._] Und nun begann das gewagte Spiel, das über das Geschick des englischen Volks entschied. Auf Seite des Hauses der Gemeinen ward mit Eifer, aber auch mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit, Ruhe und Ausdauer, gespielt. An der Spitze der Versammlung standen große Staatsmänner, die weit zurück und weit hinaus zu blicken vermochten, und diese waren entschlossen, den König in eine Lage zu versetzen, daß er entweder nach den Wünschen des Parlamentes regieren, oder die heiligsten Grundsätze der Verfassung gewaltsam antasten müsse. Aus diesem Grunde bewilligten sie ihm nur kärgliche Geldunterstützungen. Der König erkannte, daß er entweder im Einverständnisse mit dem Hause der Gemeinen, oder mit allen Gesetzen im Widerspruche regieren müßte, und sein Entschluß stand bald fest: er löste sein erstes Parlament auf und erhob aus eigner Machtvollkommenheit Steuern. Nun berief er ein zweites Parlament, und fand es noch unbeugsamer als das erste. Wiederum nahm er zu dem Mittel der Auflösung seine Zuflucht, erhob, ohne den leisesten Anschein eines gesetzlichen Rechts, neue Steuern, und ließ die Führer der Opposition einkerkern. Eine neue Beschwerde, welche die eigenthümlichen Gefühle und Gewohnheiten des englischen Volks zu einer kaum erträglichen Last machten und die allen scharfblickenden Männern als eine furchtbare Vorbedeutung erschien, erregte zu derselben Zeit allgemeine Unzufriedenheit und Unruhe: es wurden Compagnien Soldaten bei dem Volke einquartiert und das Kriegsrecht verdrängte an einigen Orten die alten Rechte des Reichs.

[_Bitte um Recht._] Der König berief ein drittes Parlament, und bald ward er gewahr, daß ihm die Opposition stärker und heftiger entgegentrat, als je. Nun entschloß er sich, die Taktik zu ändern. Statt den Forderungen der Gemeinen hartnäckig entgegen zu sein, ging er nach manchem Streite und manchen Ausflüchten auf einen Vergleich ein, der, wenn er ihm treulich nachgekommen wäre, ein dauerndes Ungemach abgewendet haben würde. Das Parlament bewilligte eine namhafte Geldunterstützung; der König bestätigte feierlich das berühmte Gesetz, das unter dem Namen der Bitte des Rechts bekannt ist, und die zweite große Urkunde der Freiheiten Englands bildet. Durch die Bestätigung dieses Gesetzes legte er sich zugleich die Verpflichtung auf, nie wieder ohne Bewilligung der Häuser Geld zu erheben, nie wieder eine Person, wenn nicht der Rechtsgang dabei beobachtet, einzukerkern, und nie wieder das Volk den Kriegsgerichten zu unterwerfen.

Der Tag, an welchem nach langem Zögern dieses wichtige Aktenstück feierlich die königliche Sanktion erhielt, war ein Tag der Freude und der Hoffnung. Die an den Schranken des Hauses der Lords versammelten Gemeinen erhoben ein lautes Jubelgeschrei, als der Sekretär die Worte der Formel ausgesprochen, durch welche seit Jahrhunderten unsere Fürsten den Wünschen der Reichsstände ihre Zustimmung zu ertheilen pflegten. -- Die Stimme der Hauptstadt und der Nation war der Wiederhall dieses Jubels; aber schon nach drei Wochen zeigte es sich, daß Karl nicht die Absicht hatte, den geschlossenen Vertrag zu halten. Das von den Volksvertretern bewilligte Geld ward erhoben; das Versprechen, durch welches die Bewilligung erlangt, ward gebrochen. Es entspann sich ein heftiger Kampf. Das Parlament ward in einer Weise aufgelös't, die deutlich das Mißfallen des Königs bekundete. Einige der hervorragendsten Mitglieder wurden eingekerkert, und eins derselben, Sir Johann Elliot, starb im Gefängnisse nach jahrelangen Leiden.

Karl wagte indeß nicht, die zur Fortführung des Kriegs erforderlichen Steuern aus eigener Machtvollkommenheit ferner zu erheben; er beeilte sich demnach, Frieden mit seinen Nachbarn zu schließen, und befaßte sich von da an nur mit Britanniens politischen Angelegenheiten.

Eine neue Ära begann. Viele englische Könige hatten nur bei gewissen Gelegenheiten verfassungswidriger Handlungen sich schuldig gemacht, aber keiner hatte es noch unternommen, sich systematisch zu einem Despoten zu machen, und das Parlament bis zu einem Nichts herabzubringen. Und dies war das Ziel, nach welchem Karl unverkennbar strebte. Die Häuser wurden vom März 1629 bis zum April 1640 nicht wieder zusammenberufen. Unsere Geschichte wies keinen Zeitraum von elf Jahren nach, der zwischen einem und dem nächsten Parlamente gelegen; nur ein Mal hat es einen halb so langen Zwischenraum gegeben. Diese Thatsache allein widerlegt die Behauptung, daß Karl nur in die Fußtapfen der Plantagenets und Tudors getreten sei.

[_Die Bitte um Recht wird verletzt._] Durch Zeugnisse der eifrigsten Anhänger des Königs ist bewiesen, daß er die Bestimmungen in der Bitte um Recht in diesem Abschnitte seiner Regierung nicht nur bei einzelnen Gelegenheiten, sondern fortwährend und systematisch verletzte; daß er die Einkünfte größtentheils ohne gesetzliche Ermächtigung erhoben, und daß er der Regierung mißliebige Personen, ohne gerichtliche Vorladung und Verhör, Jahre lang im Kerker hat schmachten lassen.

Für solche Handlungen muß die Geschichte den König als persönlich verantwortlich erachten. Seit der Zeit seines dritten Parlaments war er selbst sein erster Premierminister; nur einige Personen, deren Charakter und Fähigkeiten seinen Plänen entsprachen, standen an der Spitze verschiedener Verwaltungszweige.

[_Charakter und Absichten Wentworths._] Thomas Wentworth, erst zum Lord Wentworth und dann zum Earl von Strafford ernannt, ein äußerst fähiger, beredter und muthiger Mann, aber grausamen und herrschsüchtigen Charakters, war in politischen und militärischen Angelegenheiten der vertrauteste Rath des Königs. Früher eins der bedeutendsten Glieder der Oppositionspartei, hegte er gegen die, deren Sache er verlassen, jene eigenthümliche Abneigung, die in allen Zeiten die Apostaten charakterisirt hat. Da die Gefühle, die Hilfsquellen und die Politik der Partei, der er noch vor Kurzem angehört, ihm genau bekannt waren, hatte er einen umfassenden, tief durchdachten Plan entworfen, der die kluge Taktik der leitenden Staatsmänner im Hause der Gemeinen fast vereitelt hätte. Dieses Plans erwähnte er in seiner vertraulichen Correspondenz unter der bezeichnenden Benennung: »Durch.« Er beabsichtigte, in England Alles, und mehr noch als das, zu thun, was Richelieu in Frankreich gethan; Karl zu einem so unumschränkten Monarchen zu machen, wie nur irgend einer auf dem Festlande existirte; das Vermögen und die persönliche Freiheit des ganzen Volks unter die Verfügung der Krone zu stellen; die Gerichtshöfe aller selbstständigen Macht selbst in gewöhnlichen civilrechtlichen Angelegenheiten zwischen Privatleuten zu berauben, und mit schonungsloser Härte alle die zu bestrafen, die bei Handlungen der Regierung sich unzufrieden zeigten, oder bei irgend einem Gerichtshofe um Abstellung derselben einkamen.[9]

Dies war sein Ziel, und den einzigen Weg, der zu diesem Ziele führte, kannte er genau. Hätte er bei seiner wirklich klaren, zusammenhängenden und bestimmten Anschauungsweise nicht ein seinem Vaterlande und seinen Mitmenschen so verderbliches Ziel verfolgt, er würde die gerechtesten Ansprüche auf hohe Bewunderung gehabt haben. Daß es nur ein einziges Werkzeug gab, seine großen und kühnen Pläne auszuführen, und daß dieses Werkzeug ein stehendes Heer sei, sah er klar ein. Mit der ganzen Energie seines kräftigen Geistes strebte er nun nach der Errichtung eines solchen Heeres. In Irland, wo er Vicekönig war, gelang ihm wirklich die Einführung eines militärischen Despotismus, nicht nur über die eingeborene Bevölkerung, sondern auch über die englischen Colonisten, und er konnte sich mit Recht rühmen, daß der König auf dieser Insel so unumschränkt sei, als nur irgend ein Fürst der Welt.[10]

[Anmerkung 9: Die Correspondenz Wentworths scheint mir das im Text Gesagte völlig zu bestätigen. Alle Stellen abzuschreiben, die mich zu dem erlangten Schlusse geführt, würde eben so unmöglich sein, als es nicht leicht ist, eine bessere Auswahl zu treffen, als Mr. Hallam bereits getroffen hat. Aber ich mache den Leser besonders auf die vortreffliche Schrift aufmerksam, die Wentworth über die Angelegenheiten der Pfalz verfaßte. Sie ist vom 31. März 1637 datirt.]

[Anmerkung 10: Dies sind Wentworths eigene Worte. Siehe seinen Brief an Laud vom 16. Decbr. 1634.]

[_Charakter Laud's._] Die Verwaltung der Kirche leitete indeß hauptsächlich Wilhelm Laud, der Erzbischof von Canterbury. Mehr als alle Prälaten der anglikanischen Kirche ist Laud von den Grundsätzen der Reformation abgewichen, und Rom nahegetreten. Seine theologischen Ansichten entfernten sich von denen der Calvinisten mehr, als selbst die der holländischen Arminianer. Seine maßlose Vorliebe für Ceremonien, seine Verehrung der Festtage, Vigilien und geheiligten Orte, seine übel verhehlte Abneigung gegen die Ehe der Priester, sein glühender und von Eigennutz nicht völlig freier Eifer, mit dem er den Anspruch des Clerus auf das ehrerbietige Benehmen der Laien vertrat, würden ihm den Haß der Puritaner zugezogen haben, auch wenn er nur gesetzliche und milde Mittel zur Erreichung seiner Pläne verwendet hätte. Aber sein Verstand war ein beschränkter, und mit der Welt hatte er nur in geringem Verkehre gestanden. Er war heftig und reizbar von Natur, lebhaft empfindlich, wenn es seine eigene Würde galt, kalt für die Leiden Anderer, und zu dem bei abergläubischen Menschen gewöhnlichen Irrthume geneigt, die eigenen mürrischen und gehässigen Launen für die Regungen eines gottesfürchtigen Eifers zu halten. Jeder Winkel des Reichs ward unter seiner Leitung einer unausgesetzten und scharfen Beaufsichtigung unterworfen; jeder kleine Separatisten-Verein ward ausgespürt und aufgelöst, selbst die Privatandachtsübungen der Familien entgingen den Späherblicken seiner Kundschafter nicht. Die Furcht vor seiner Härte war so groß, daß der tödtliche Haß gegen die allgemeine Kirche, der sich unzähliger Herzen bemächtigt, unter dem äußern Scheine voller Übereinstimmung mit derselben allgemein verborgen ward. Selbst an dem Vorabende der für ihn und seinen Stand so verhängnißvollen Unruhen konnten ihm die Bischöfe mehrerer umfangreichen Diöcesen noch berichten, daß in ihren Sprengeln auch nicht ein Dissidenter mehr zu finden sei.

[_Sternkammer und Hohe Commission._] Die Gerichtshöfe gewährten den Unterthanen gegen die bürgerliche und geistliche Tyrannei jener Periode keinen Schutz. Die Richter des gemeinen Rechts, die ihre Stellen nur so lange bekleideten, als es dem Könige beliebte, zeigten sich in empörender Weise willfährig; aber ungeachtet ihrer Willfährigkeit waren sie dennoch nicht so bereitwillige und wirksame Werkzeuge der Willkür-Gewalt, als eine Klasse von Gerichtshöfen, die noch jetzt, nach mehr als zweihundert Jahren, in dem Andenken des Volks tief verabscheut wird. An der Spitze dieser Gerichtshöfe, durch Macht und Ehrlosigkeit gleich ausgezeichnet, standen die Sternkammer und die Hohe Commission; die Erstere war ein politisches, die Letztere ein religiöses Inquisitionsgericht, und keins von Beiden war aus der alten Verfassung Englands hervorgegangen. Die Sternkammer war von den Tudors umgestaltet, und die Hohe Commission hatten sie erschaffen. War die Gewalt dieser Höfe schon vor der Thronbesteigung Karls ausgedehnt und furchtbar gewesen, so zeigte sie sich jetzt in einer Gestalt, daß jene nur gering erscheint. Von dem gewaltigen Geiste des Primas hauptsächlich geleitet, und von der parlamentarischen Aufsicht befreit, bethätigten sie eine Raubgier, eine Grausamkeit und eine boshafte Energie, die man in frühern Zeiten nie gekannt hatte. Mit Hilfe derselben war es der Regierung möglich, nach Willkür Geldstrafen aufzuerlegen, einzukerkern, an den Pranger zu stellen und zu verstümmeln. Zu York hatte ein besonderer Rath unter dem Präsidium Wentworths seinen Sitz, der, im Widerspruch mit dem Gesetz und nur durch die eigene Machtvollkommenheit des Königs ernannt, eine fast maßlose Gewalt über die nördlichen Grafschaften ausübte. Alle diese Gerichtshöfe, der Autorität von Westminsterhall Hohn und Trotz bietend, verübten täglich Excesse, welche selbst von den hervorragendsten Royalisten hart getadelt wurden. Nach Clarendons Bericht gab es kaum einen bedeutenden Mann im Königreiche, der die Härte und Gier der Sternkammer nicht aus eigener Erfahrung kennen gelernt; die Hohe Commission verfuhr in einer Weise, daß ihr kaum noch ein Anhänger im Lande geblieben, und durch die Tyrannei des Raths von York war nördlich vom Trent die Magna Charta zu einem todten Buchstaben geworden.

Bis auf einen Punkt war nun die englische Regierung eben so despotisch, als die französische; aber dieser eine Punkt enthielt eine hohe Bedeutung: es gab noch kein stehendes Heer, und folglich auch keine Sicherheit dafür, daß nicht das ganze Gebäude der Tyrannei an einem Tage zertrümmert werden könne. Wollte aber der König aus eigener Machtvollkommenheit Steuern zum Unterhalte eines Heeres auferlegen, so hatte man, aller Wahrscheinlichkeit nach, sofort den heftigen Ausbruch eines Aufstandes zu fürchten. Durch diese Schwierigkeit ward Wentworth mehr als durch jede andere in Verlegenheit gesetzt. Man griff nun begierig zu einem Auskunftsmittel, das Finch, der Lord Siegelbewahrer, in Übereinstimmung mit andern der Regierung dienenden Rechtsgelehrten, empfohlen hatte.

[_Schiffsgeld._] Es hatten nämlich die alten englischen Könige die Bewohner nicht nur der in der Nähe Schottlands liegenden Grafschaften zur Vertheidigung der Grenze unter die Waffen gerufen, sondern auch die Grafschaften an dem Meere aufgeboten, Schiffe zur Vertheidigung der Küste auszurüsten; statt der Schiffe hatte man mitunter Geld genommen. Diesen alten Gebrauch beschloß man jetzt, nach einem langen Zeitraume, nicht nur wieder einzuführen, sondern auch auszudehnen. Früher hatten die Fürsten nur zur Zeit des Krieges Schiffsgeld erhoben -- jetzt forderte man es in einer Zeit tiefen Friedens ein. Wenn früher die Fürsten, selbst in den gefährlichsten Kriegen, das Schiffsgeld nur in den Küstengegenden erhoben hatten, so nahm man es jetzt von den Grafschaften des Binnenlandes. Früher hatte man das Schiffsgeld eingefordert, um eine Vertheidigung des Landes zur See zu bewirken; jetzt trieb man es ein, wie die Royalisten selbst zugestehen, nicht um eine Flotte zu unterhalten, sondern um dem Könige Gelder zu verschaffen, deren Betrag er nicht nur nach Belieben ausdehnen, sondern auch zu jedem beliebigen Zwecke verwenden konnte.

Die ganze Nation gerieth in Aufregung und Entrüstung. John Hampden, ein reicher Gentleman aus guter Familie in Buckinghamshire, der in seiner nähern Umgebung hoch geachtet, aber in weitern Kreisen des Königreichs noch wenig bekannt war, hatte zuerst den Muth, der ganzen Gewalt der Regierung entgegenzutreten und auf eigene Kosten und Gefahr die Hoheitsrechte zu bestreiten, die der König in Anspruch nahm. Der Fall ward den Richtern der Schatzkammer zur Entscheidung vorgelegt; wie abhängig und knechtisch auch die Richter waren, es lagen so starke Gründe gegen die Ansprüche der Krone vor, daß die Majorität gegen Hampden so klein als nur möglich ausfiel -- aber es war immer eine Majorität. Die Ausleger der Gesetze hatten erklärt, daß der königliche Machtspruch eine große, ergiebige Steuer auferlegen könne, und Wentworth bemerkte sehr richtig, ihr Urtheil sei nur durch Gründe zu rechtfertigen, die direct zu einem Schlusse führten, den zu ziehen sie nicht gewagt haben würden. -- War es gesetzmäßig, daß zur Unterhaltung einer Flotte ohne Zustimmung des Parlamentes Geld erhoben werden konnte, so ließ sich schwer in Abrede stellen, daß auch Geld zum Unterhalte einer Armee ohne Zustimmung des Parlaments erhoben werden dürfe.

Dieser Richterspruch vermehrte die Erbitterung des Volks. Ein Jahrhundert früher würde eine minder große Erbitterung einen allgemeinen Aufstand bewirkt haben; aber die Unzufriedenheit äußerte sich jetzt nicht so rasch als in früherer Zeit durch Empörung, denn Reichthum und Gesittung der Nation waren seit lange in stetem Wachsen gewesen, und seit siebzig Jahren, seit der Zeit nämlich, als die großen nordischen Grafen die Waffen gegen Elisabeth ergriffen, hatte kein Bürgerkrieg stattgefunden. So lange die englische Nation existirte, war nie eine so lange Zeit ohne innern Zwist verflossen. Das Volk hatte sich an den Betrieb friedlicher Gewerbe gewöhnt, und so erbittert es auch war, so zögerte es doch lange, ehe es zum Schwerte griff.

Unter diesen Umständen schwebten die Freiheiten unsers Vaterlandes in der größten Gefahr. Die Gegner der Regierung begannen an dem Schicksale ihres Vaterlandes zu verzweifeln, und mancher von ihnen hielt die Wildnisse Amerika's für die einzige Zufluchtsstätte bürgerlicher und geistiger Freiheit. Einige entschlossene Puritaner, welche für ihre Religion weder das Toben des Oceans, die Beschwerden des uncivilisirten Lebens, die Klauen wilder Thiere, noch die Tomahawks wilder Menschen fürchteten, hatten dort inmitten der Urwälder Dörfer angebaut, die jetzt große, reiche Städte sind, und durch alle Schicksalswechsel Spuren des ihren Gründern angestammten Charakters bewahrt haben. Die Regierung sah mit gehässigen Blicken auf diese jungen Colonien und suchte gewaltsam dem Strome der Auswanderung nach denselben zu steuern; sie konnte aber nicht verhindern, daß die Einwohnerschaft Neu-Englands aus allen Theilen des alten Englands durch unerschrockene und gottesfürchtige Männer ansehnlich vermehrt wurde. Jetzt jubelte Wentworth ob des nahen Gelingens seines »Durch«. Wahrscheinlich hätten nur wenig Jahre zur Ausführung seines großen Planes genügt, und wäre strenge Sparsamkeit beobachtet, jeder Krieg mit auswärtigen Mächten vermieden, so hätte man nicht nur die Schulden der Krone bezahlen, sondern auch Fonds zum Unterhalte einer großen Militärmacht beschaffen können, und diese Macht konnte bald den widerspenstigen Geist der Nation zügeln.

[_Widerstand gegen die Liturgie in Schottland._] In dieser Krisis ward die ganze Gestalt der öffentlichen Angelegenheiten durch einen Akt wahnsinniger Bigotterie plötzlich verändert. Wäre der König weise gewesen, so hätte er so lange eine vorsichtige und milde Politik gegen Schottland verfolgt, bis er der Herr des Südens geworden; denn von allen seinen Reichen war in Schottland die größte Gefahr vorhanden, daß ein Funke zur Flamme, und eine Flamme zu einer Feuersbrunst werden konnte. Eine constitutionelle Opposition, wie man sie ihm in Westminster entgegenstellte, hatte er allerdings in Edinburg nicht zu fürchten, da das Parlament seines nördlichen Königreichs ein ganz anderer Körper als der war, der in England denselben Namen führte. Es war schlecht zusammengesetzt, ward wenig geachtet und hatte nie einem seiner Vorgänger ernste Schranken gezogen. Die drei Stände beriethen in einem Hause; die Bevollmächtigten der Flecken betrachtete man nur als von den großen Edelleuten abhängige Personen, und kein Gesetz konnte eingebracht werden, bevor nicht die Lords der Artikel, -- ein Ausschuß, den die Krone in der That, wenn auch nicht der Form nach ernannte -- ihre Billigung ausgesprochen hatten. War nun auch das schottische Parlament ein fügsames, so hatte sich doch das schottische Volk stets als ein unruhiges und unlenksames gezeigt. Es hatte seinen ersten Jakob in dem Schlafzimmer niedergemetzelt, mehr als einmal die Waffen gegen Jakob II. erhoben, Jakob III. auf dem Schlachtfelde erschlagen, durch Ungehorsam Jakob V. das Herz gebrochen, Maria entthront und eingekerkert, hatte den Sohn derselben gefangen gehalten, und war noch eben so unbändig als sonst. Alle seine Gewohnheiten waren roh und kriegerisch. An der ganzen südlichen Grenze, sowie auf der ganzen Landstrecke zwischen den Hoch- und Niederlanden wüthete beständig ein Raubkrieg; in jedem Landestheile war man gewohnt, den Beschwerden über erlittenes Unrecht mit kräftiger Faust abzuhelfen, und wie groß auch die frühere Anhänglichkeit der Nation an die Stuarts gewesen sein mochte, sie war während der langen Abwesenheit derselben erkaltet. Der mächtigste Einfluß auf die öffentliche Stimmung theilte sich unter zwei Klassen von Mißvergnügten: unter die der Grundherren und die der Prediger -- Grundherren, von demselben Geiste beseelt, der so oft die alten Douglas zum Widerstande gegen das königliche Haus angetrieben, und Prediger, welche Knox's repulikanische Ansichten und den Starrsinn desselben geerbt hatten. Sowohl die nationalen als die religiösen Gefühle der Bevölkerung waren gleich tief verletzt worden; alle Stände klagten, daß ihr Vaterland, einst so ruhmvoll um seine Unabhängigkeit gegen die fähigsten und muthigsten Plantagenets kämpfend, jetzt durch seine eigenen Fürsten eine englische Provinz, wenn auch nicht dem Namen nach, doch in der That geworden sei. Die calvinistische Lehre und Kirchenordnung hatte in keinem andern Theile Europa's einen so starken Haltpunkt in der öffentlichen Meinung gewonnen; die große Masse des Volks sah auf die römische Kirche mit einem Hasse, der mit vollem Rechte ein grimmiger zu nennen war, und die Kirche von England, die täglich der von Rom ähnlicher zu werden schien, war der Gegenstand einer nicht minder großen Abneigung.

Das anglikanische System über die ganze Insel auszudehnen, war schon lange der Wunsch der Regierung gewesen, und in dieser Absicht hatte sie bereits verschiedene, jedem Presbyterianer höchst ärgerliche Änderungen vorgenommen. Eine Neuerung aber, die kühnste von allen, weil sie von dem Volke unmittelbar aufgefaßt werden mußte, hatte man noch nicht versucht. Es war nämlich der öffentliche Gottesdienst in der bei dem Volke gern gesehenen Weise bisher abgehalten; Karl und Laud beschlossen aber jetzt, den Schotten die englische Liturgie oder vielmehr eine Liturgie aufzudringen, die nach dem Urtheile aller strengen Protestanten nicht nur von der englischen abwich, sondern auch in den abweichenden Punkten schlechter war, als jene.

Diesem rein aus tyrannischem Übermuthe und in sträflicher Unkenntniß oder noch strafwürdigerer Verachtung der Volksgefühle unternommenen Schritte verdankt unser Vaterland seine Freiheit. Der erste Gottesdienst mit den neuen Ceremonien hatte einen Aufruhr zur Folge, und der Aufruhr ward schnell zu einer Revolution. Ehrgeiz, Vaterlandsliebe und Fanatismus brausten auf in einem gewaltig reißenden Strome; die ganze Nation stand unter den Waffen. Zwar war die Macht Englands, wie sich einige Jahre später auswies, stark genug, um Schottland im Zügel zu halten; aber ein großer Theil des englischen Volks theilte die religiösen Gefühle der Aufständischen, und viele Engländer, denen Wechselgesänge, Kniebeugen, Altäre und Chorhemden keine Scrupel erregten, sahen mit Freuden auf die Fortschritte einer Empörung, die Aussicht auf Vereitelung der Willkürpläne des Hofes und auf die Einberufung eines Parlaments bot.

Für diesen unklugen Einfall, der solche Wirkungen hervorbrachte, ist Wentworth nicht verantwortlich zu machen,[11] denn er verwirrte in der That alle seine Pläne. Eine Nachgiebigkeit anzurathen, lag jedoch nicht in seiner Natur. Es ward versucht, den Aufstand durch das Schwert zu dämpfen; aber die militärischen Kräfte und Talente des Königs waren dem Unternehmen nicht gewachsen. Unter diesen Umständen und im Widerspruche mit den Gesetzen neue Steuern aufzuerlegen, wäre Wahnsinn gewesen; es blieb keine andere Aussicht als ein Parlament, und im Frühjahr 1640 ward ein solches einberufen.

[Anmerkung 11: Siehe seinen Brief an den Grafen von Northumberland, d. d. 30. Juli 1638.]