Part 8
Jakob rühmte sich stets seiner Fertigkeit in dem, was er Königskunstgriff nannte; und doch läßt sich kaum ein Verfahren denken, das allen Regeln der Kunst eines Herrschers so zuwider wäre, als das seine. Weise Regenten haben stets die Politik befolgt, Handlungen der Gewalt unter populären Formen zu verbergen. Augustus und Napoleon schufen auf diese Weise absolute Monarchien, indeß die Volksmenge sie nur für hervorragende Bürger hielt, denen man zeitweilig die höchste Gewalt übertragen. Die Politik Jakobs stand zu der dieser beiden Männer im schroffsten Gegensatze. Er reizte und beunruhigte seine Parlamente durch die wiederholte Erklärung, daß sie ihre Privilegien nur so lange als es ihm beliebe besäßen, und daß sie eben so wenig die Rechtmäßigkeit seiner eigenen Handlungen als die der Gottheit zu beurtheilen befugt seien. Und dennoch beugte er sich ihnen, gab einen Minister nach dem andern ihrer Rache preis, und ließ sich durch sie zu Handlungen bewegen, die seinen Lieblingswünschen durchaus nicht entsprachen. Der Unwille über seine Ansprüche wuchs gleichzeitig mit der Verachtung, die seine Zugeständnisse erregten. Seine Vorliebe für unwürdige Günstlinge und die Nachsicht mit der Tyrannei und Raubsucht derselben erhielten die Unzufriedenheit beständig wach; seine Feigheit, sein kindisches Wesen, seine Pedanterie, das Widrige in Person und Manieren und seine provinzielle Sprache machten ihn zum Gegenstande des Gespötts. Selbst in seinen Vorzügen und Talenten zeigte sich stets das Unkönigliche. In dem Verlaufe seiner Regierung verloren alle jene ehrwürdigen Ideenverbindungen, die so lange die Stütze des Thrones gewesen, nach und nach ihre Kraft. Seit zweihundert Jahren waren alle Herrscher Englands, mit Ausnahme des unglücklichen Heinrich VI., charakterfeste, stolze, muthige und wirklich fürstliche Männer gewesen, und fast alle hatten mehr als gewöhnliche Fähigkeiten besessen; es war daher kein bedeutungsloser Umstand, daß gerade am Vorabend des entscheidenden Kampfes zwischen unsern Regenten und ihren Parlamenten das Königthum stammelnd, geifernd, unmännlich weinend, vor einem gezogenen Degen bebend und bald im Tone des Narren, bald in dem eines Schulmeisters redend, der Welt sich zeigen sollte.
[_Die Kluft zwischen der Kirche und den Puritanern wird größer._] Inzwischen waren die religiösen Zwistigkeiten, die seit der Zeit Eduard VI. die Protestanten bewegt hatten, furchtbarer als je geworden. Die Kluft zwischen der ersten Generation der Puritaner einerseits und Cranmer und Jewel andererseits, war in Vergleich zu der, welche die dritte Generation der Puritaner von Laud und Hammond trennte, eine kleine. So lange Maria's Grausamkeiten noch in frischer Erinnerung standen, die Macht der katholischen Partei noch Besorgnisse erweckte, und so lange Spanien ein Übergewicht hatte und nach der Universalherrschaft trachtete, waren sich alle reformirten Sekten eines starken, gemeinsamen Interesses und eines gemeinsamen Todfeindes bewußt. Ihre Erbitterung untereinander war im Vergleich zu der, die sie gegen Rom hegten, nur schwach zu nennen. Conformisten und Nichtconformisten hatten einen aufrichtigen Bund zur Erwirkung äußerst strenger Gesetze gegen die Papisten geschlossen. Als aber mehr denn ein halbes Jahrhundert ungestörten Besitzes der Staatskirche Zuversicht eingeflößt, als neun Zehntheile des Volks aufrichtig dem Protestantismus anhingen, als England mit aller Welt in Frieden stand, als eine Gefahr, den Papismus der Nation durch fremde Waffen aufgedrängt zu sehen, nicht mehr zu fürchten war, und als die letzten Bekenner, die vor Bonner gestanden, dahin waren, änderte sich die Stimmung der anglikanischen Geistlichkeit. Ihre Abneigung gegen die römisch-katholische Lehre und Kirchendisziplin war bedeutend schwächer geworden; ihre Abneigung gegen die Puritaner aber wuchs mit jedem Tage. Die Streitigkeiten, die von Beginn an die protestantische Partei zerrissen hatten, gestalteten sich der Art, daß keine Hoffnung auf Aussöhnung blieb, und zu den alten Streitfragen gesellten sich neue von noch größerer Wichtigkeit.
Zwar hatten die Gründer der anglikanischen Kirche das Episkopat als eine alte, gute und passende kirchliche Einrichtung beibehalten, aber sie hatten nicht erklärt, daß diese Form der Kirchenverwaltung eine von Gott eingesetzte sei. Wie gering Cranmer das Amt eines Bischofs hielt, haben wir bereits gesehen. Jewel, Cooper, Whitgift und andere hervorragende Religionslehrer unter der Regierung Elisabeths vertheidigten die Prälatur als etwas Unschädliches und Nützliches, das der Staat einzuführen befugt sei, und wenn es einmal eingeführt, auf die Achtung jedes Bürgers Anspruch habe, aber nie läugneten sie, daß eine christliche Gemeinde ohne Bischof eine reine Kirche sein könne, sie betrachteten vielmehr die Protestanten auf dem Festlande als Glieder einer Glaubensfamilie, der sie selbst angehörten. Wohl waren die Engländer in England gehalten, die Autorität des Bischofs ebenso anzuerkennen, wie ihnen die Autorität des Sheriffs und des Coroners anzuerkennen oblag, aber diese Verpflichtung war nur eine örtliche. Ging ein Mitglied der englischen Kirche, ja selbst ein englischer Prälat, nach Holland, so fügte er sich ohne Bedenken der holländischen Staatskirche. Die Botschafter Elisabeths und Jakobs gingen im Auslande mit vollem Gepränge zu demselben Gottesdienste, den Elisabeth und Jakob in der Heimath übten, und mieden es sorgfältig, um den schwächern Brüdern kein Ärgerniß zu geben, ihre Privatkapellen nach anglikanischer Art auszuschmücken. Im Jahre 1603 erkannte die Kirchenversammlung der Provinz Canterbury die Kirche von Schottland, welche damals bischöfliche Beaufsichtigung und Ordination noch nicht kannte, feierlich als einen Theil der heiligen, allgemeinen Kirche Christi an.[6] Man hielt selbst presbyterianische Geistliche zu Sitz und Stimme in ökumenischen Konzilien als berechtigt. Als die Generalstaaten der Vereinigten Niederlande eine Synode von nicht bischöflich ordinirten Lehrern in Dortrecht versammelten, betheiligten sich ein englischer Bischof und ein englischer Dechant im Auftrag des Oberhauptes der englischen Kirche an den Sitzungen dieser Gottesgelehrten, predigten und stimmten mit ihnen über die wichtigsten theologischen Fragen ab.[7] Es befanden sich auch viel englische Pfründen in den Händen von Geistlichen, die früher in der auf dem Festlande üblichen Weise der Calvinisten zu ihrem Amte geweiht waren, und man hatte die Reordination durch einen Bischof in solchen Fällen nicht für nöthig, selbst für ungesetzlich gehalten.
Aber eine neue Art von Theologen begann in der englischen Kirche bereits aufzutauchen. Nach der Ansicht derselben war das Amt des Bischofs zur Wohlfahrt einer christlichen Gemeinschaft und zur Förderung der Wirksamkeit der feierlichsten Religionsgebräuche wesentlich. Es gehören zu jenem Amte gewisse hohe und heilige Vorrechte, die menschliche Macht weder verleihen noch entziehen könne. Eine Kirche, sagten sie, welche die apostolische Nachfolge abschaffte, könne eben so gut auch die Lehre von der Dreieinigkeit oder der Menschwerdung abschaffen, und die römische Kirche, welche bei allen ihren Verderbnissen die apostolische Nachfolge beibehalten, sei der ursprünglichen Reinheit näher, als jene reformirten Gemeinden, welche vorschnell, dem göttlichen Muster geradezu entgegen, ein von Menschen ersonnenes System aufgestellt hätten.
Zur Zeit Eduards VI. und Elisabeths hatten die Vertheidiger des anglikanischen Rituals, sich gewöhnlich mit dem Ausspruche begnügt, daß das Ritual ohne Sünde angewendet werden könne, und jeder, der sich weigere, es auf Verordnung der Obrigkeit anzuwenden, sei ein störrischer, ungehorsamer Unterthan. Die neu erstehende Partei aber, die für die Institutionen der Kirche einen himmlischen Ursprung bezeichnete, begann ihren religiösen Handlungen eine Würde und Bedeutung beizulegen. Man deutete an, daß der Fehler des eingeführten Gottesdienstes, wenn er überhaupt einen habe, in seiner zu großen Einfachheit bestehe, und daß die Reformatoren in dem Eifer des Streites mit Rom viel alte Ceremonien abgeschafft, die man füglich hätte beibehalten können. Man zollte gewissen Tagen und Orten wiederum eine mystische Verehrung; Gebräuche, die man lange außer Anwendung gesetzt und als abergläubische Spielereien betrachtet, wurden wieder hervorgerufen; Gemälden und Schnitzwerken, welche der Zerstörungswuth der ersten Generation der Protestanten entkommen waren, ließ man nun wieder eine Verehrung angedeihen, die Viele für götzendienerisch hielten.
Die Reformatoren verabscheuten keinen Theil des alten Kirchensystems mehr, als die dem Cölibate gezollte Hochachtung. Sie waren der Ansicht, daß schon der Apostel Paulus die römische Lehre über diesen Punkt als die des Teufels prophetisch verdammt habe, und sprachen gern und viel über die Verbrechen und Ärgernisse, welche diese schreckliche Anklage zu begründen den Anschein hatten. Luther hatte seine Ansicht, indem er eine Nonne heirathete, sehr klar an den Tag gelegt. Einige der ausgezeichnetsten Bischöfe und Priester, die unter der Regierung Maria's den Feuertod erlitten, hatten Frauen und Kinder hinterlassen. Jetzt aber tauchte das Gerücht auf, der alte Mönchsgeist lasse sich in der englischen Kirche wieder verspüren, höhern Orts hege man Abneigung gegen verheirathete Priester, Laien, die Protestanten seien, hätten in Bezug auf das Cölibat Entschlüsse gefaßt, die fast Gelübden glichen, und selbst ein Diener der Staatskirche habe ein Nonnenkloster gegründet, in welchem ein Verein gottgeweihter Jungfrauen um Mitternacht Psalmen sängen.[8]
Dies war jedoch nicht Alles. Eine Klasse von Fragen, über welche bei den Gründern der anglikanischen Kirche und der ersten Generation der Puritaner wenig oder gar keine Meinungsverschiedenheit herrschte, rief nach und nach einen heftigen Streit hervor. Die Controversen, welche die protestantische Partei in ihrer Kindheit schon entzweit, hatten sich fast ausschließlich auf Kirchenregiment und Kirchengebräuche bezogen, und über Punkte der metaphysischen Theologie war es zwischen den streitenden Parteien zu einem ernsten Kampfe nicht gekommen. Die Lehren von Erbsünde, Glauben, Gnade, Prädestination und Gnadenwahl, an denen die Häupter der Hierarchie festhielten, waren die, welche man gewöhnlich calvinisch nannte. Der Erzbischof Whitgift, ihr Lieblingsprälat, entwarf im Verein mit dem Bischof von London und andern Theologen gegen das Ende der Regierung Elisabeths die berühmte Schrift, die unter dem Namen der »Lambeth-Artikel« bekannt ist. Es werden darin die stärksten calvinistischen Lehren mit einer Bestimmtheit behauptet, die vielen Calvinisten unserer Zeit anstößig sein würde. Ein Geistlicher, der entgegengesetzter Ansicht war und sich hart über Calvin äußerte, wurde von der Universität Cambridge dieser Vermessenheit wegen angeklagt, und entging der Strafe nur dadurch, daß er sich öffentlich zu den Lehren von der Verdammniß und dem endlichen Beharren bekannte, und seine Reue über die Beleidigung aussprach, die er frommen Männern durch seine Angriffe auf den großen französischen Reformator zugefügt habe. Zwischen Cranmer's und Lauds Schulen steht jene theologische, deren Haupt Hooker war, in der Mitte, und die Arminianer haben Letztern in der neueren Zeit als ihren Genossen betrachtet; aber dennoch erklärte Hooker Calvin für einen Mann, der allen andern Theologen, die Frankreich je hervorgebracht, an Weisheit überlegen sei, für einen Mann, dem Tausende ihre Kenntniß der göttlichen Wahrheit verdankten, er selbst aber, Calvin, sei nur Gott zu Danke verpflichtet. Als in Holland der arminianische Streit begann, standen die englische Regierung und die englische Kirche der calvinistischen Partei kräftig bei, und jene Flecken, welche durch die Einkerkerung des Grotius und den Justizmord des Barneveldt auf dieser Partei haften, trägt auch zum Theil der englische Name.
Vor dem Zusammentritt der holländischen Synode hatte indeß jene Partei der anglikanischen Geistlichkeit, die dem calvinistischen Kirchenregimente und dem calvinistischen Gottesdienste besonders abhold war, angefangen, die calvinistische Metaphysik mißfällig zu betrachten, und dieses Mißfallen ward natürlich durch die auffallende Ungerechtigkeit, Anmaßung und Grausamkeit der in Dortrecht vorherrschenden Partei noch vermehrt. Die arminianische Lehre, nicht so streng logisch als die der früheren Reformatoren, aber den Volksbegriffen von der göttlichen Gerechtigkeit und Güte entsprechender, fand eine rasche und weite Verbreitung. Auch der Hof ward bald davon ergriffen. Ansichten, die zur Zeit der Thronbesteigung Jakobs kein Geistlicher aussprechen durfte, ohne den Verlust seines Priesterrockes befürchten zu müssen, gaben jetzt den besten Anspruch auf Beförderung. Ein Geistlicher jener Zeit, der von einem schlichten Landedelmann befragt ward, was die Arminianer denn eigentlich behaupteten, gab die eben so wahre als witzige Antwort: sie behaupten die besten Bisthümer und Dekaneien Englands.
Zu gleicher Zeit, als ein Theil des anglikanischen Clerus die ursprünglich eingenommene Stellung nach einer Richtung hin verließ, wich ein Theil der Puritaner gerade in entgegengesetzter Richtung von den Grundsätzen und Gewohnheiten seiner Väter ab. Die von den Separatisten erlittene Verfolgung war zwar hart genug gewesen, um zu erbittern, aber zu gelind, um zu vernichten; man hatte sie nicht bis zur Unterwürfigkeit gezähmt, sondern bis zur Wildheit und Unbeugsamkeit emporgestachelt. Wie alle unterdrückten Sekten, hielten auch sie ihre eigenen Rachegefühle für fromme Regungen, erhöhten durch Lesen und Nachdenken den Hang, über ihre Leiden zu brüten, und bildeten sich ein, wenn sie sich bis zum Hasse gegen ihre Feinde aufgeregt, daß sie die Feinde des Himmels haßten. Wenn sich auch im neuen Testamente nur wenig fand, was selbst bei unredlich verfälschter Auslegung dem Ergeben gehässiger Leidenschaften scheinbar Nachsicht gewährte, so enthielt doch das alte Testament die Geschichte eines Volks, das von Gott zum Zeugen seiner Einheit und zum Diener seiner Rache auserwählt worden, und dem er besonders mancherlei Dinge zu thun befohlen, die, ohne sein ausdrückliches Geheiß verübt, die gräßlichsten Verbrechen gewesen wären. In einer solchen Geschichte Vieles zu finden, was sich durch Verdrehung den betreffenden Wünschen entsprechend machen ließ, konnte erbitterten und düstern Gemüthern nicht schwer fallen. Bei den extremen Puritanern begann sich nun eine Vorliebe für das alte Testament zu bilden, die sich in ihrer ganzen Denkart und in allen ihren Gebräuchen zeigte, wenn sie es auch sich selbst nicht offen eingestehen mochten. Der hebräischen Sprache zollten sie eine Verehrung, die sie der Sprache versagten, in welcher uns die Unterredungen Jesu und die Briefe des Paulus überliefert worden; ihren Kindern gaben sie in der Taufe nicht die Namen christlicher Heiligen, sondern die hebräischer Patriarchen und Krieger; den wöchentlichen Festtag, den die Kirche von den ältesten Zeiten an zum Andenken an die Auferstehung des Herrn begeht, verwandelten sie, ungeachtet der ausdrücklichen und wiederholten Erklärungen Luthers und Calvins, in einen jüdischen Sabbath; Rechtsgrundsätze suchten sie in den mosaischen Bestimmungen, und Vorgänge, die ihrem gewöhnlichen Verhalten als Muster dienen sollten, in den Büchern der Richter und Könige; ihre Gedanken und Gespräche dreheten sich meistens um Handlungen, die man sicherlich nicht als nachahmungswürdige Beispiele für uns niedergeschrieben hat. Der Prophet, der einen gefangenen König in Stücke hieb, der ungehorsame Feldherr, der das Blut einer Königin den Hunden gab, das Weib, das ungeachtet eines gegebenen Versprechens und der morgenländischen Gastfreundschaft zum Trotz, mit einem Nagel das Gehirn des flüchtigen Bundesgenossen durchbohrte, der an ihrem Tische gesessen und unter ihrem Zelte schlief, diese alle wurden den unter der Tyrannei von Fürsten und Prälaten leidenden Christen als Muster aufgestellt. Moral und Sitten wurden von einem Codex abhängig gemacht, der dem der Synagoge in ihrem schlechtesten Zustande glich. Kleidung, Haltung, Sprache, Studien und Vergnügungen dieser strengen Sekte waren nach Grundsätzen geregelt, ähnlich denen der Pharisäer, die im Stolze auf ihre rein gewaschenen Hände und breiten Gedenkzettel den Erlöser als einen Sabbathschänder und Säufer schmähten. Einen Maibaum mit Kränzen zu schmücken, die Gesundheit eines Freundes zu trinken, einen Falken fangen zu lassen, einen Hirsch zu jagen, Schmachtlocken zu tragen, die Halskrause zu stärken, das Spinett zu schlagen oder die Königin der Feen zu lesen, war eine Sünde. Vorschriften dieser Art, die dem freien und fröhlichen Geiste Luthers unerträglich, und dem hellen philosophischen Verstande Zwingli's verächtlich erschienen sein würden, breiteten ein mehr als mönchisches Duster über das ganze Leben. Die Gelehrsamkeit und Redekunst, durch die sich die großen Reformatoren so hoch auszeichneten, und denen sie größtentheils ihre Erfolge verdankten, betrachtete die neue Schule der Protestanten mit Argwohn, wenn nicht selbst mit Abneigung. -- Einige der Rigorösesten trugen sogar Bedenken, aus der lateinischen Grammatik Unterricht ertheilen zu lassen, weil die Namen Mars, Bacchus und Apollo darin vorkamen. Die schönen Künste waren so gut wie verpönt; der feierliche Klang der Orgel erschien abergläubisch; die leichte Musik von Ben Jonson's Maskenspielen galt für unsittlich; die eine Hälfte der schönen Gemälde in England war götzendienerisch, die andere unanständig. Den extremen Puritaner konnte man sofort an seinem Gange, seiner Kleidung, seinem glatten Haare, der kalten Feierlichkeit seines Gesichts, dem emporgekehrten Weißen der Augen, der näselnden Sprache und vor Allem an seiner eigenthümlichen Ausdrucksweise erkennen. Bei jeder Gelegenheit wendete er Bilder und Styl der heiligen Schrift an. Hebräismen, gewaltsam in die englische Sprache verflochten, und Metaphern, der kühnsten lyrischen Poesie eines fernen Zeitalters und Landes entlehnt, und auf die gewöhnlichsten Angelegenheiten des englischen Lebens angewendet, waren die hervorragendsten Eigenthümlichkeiten dieses Sprachgemisches, das mit vollem Rechte den Spott der Prälatisten sowohl als der Freigeister nach sich zog.
Das politische und religiöse Schisma, das im sechzehnten Jahrhunderte sich gebildet hatte, ward im ersten Viertheile des siebzehnten Jahrhunderts stets größer. In Whitehall waren Theorien Mode, die sich dem türkischen Despotismus näherten; der größte Theil des Unterhauses huldigte Theorien, die sich dem Republikanismus zuneigten. Die eifrigen Prälatisten, die bis auf den letzten Mann für das Hoheitsrecht kämpften, und die eifrigen Puritaner, welche eben so heftig für die Privilegien des Parlaments stritten, standen sich mit einer viel größern Erbitterung gegenüber, als in der vorangegangenen Generation je zwischen Katholiken und Protestanten geherrscht hat.
Bei dieser Gemüthsstimmung der Menschen ward das Land nach einem langjährigen Frieden in einen Krieg verwickelt, der große Anstrengungen nöthig machte. Durch diesen Krieg ward die große constitutionelle Krisis beschleunigt. Der König brauchte eine starke Militär-Macht, diese konnte er ohne Geld nicht erlangen, und Geld war ohne Zustimmung des Parlaments auf gesetzlichem Wege nicht zu erheben. Hieraus ging hervor, daß er entweder im Sinne des Hauses der Gemeinen regieren, oder eine Verletzung der Grundgesetze des Landes wagen mußte, die man seit mehreren Hundert Jahren nicht mehr kannte. Die Plantagenets und Tudors hatten zwar bei vorkommenden Gelegenheiten einen Ausfall in ihren Einkünften durch freiwillige oder gezwungene Anleihen gedeckt, aber diese Aushilfsmittel waren immer nur vorübergehend. Die regelmäßigen Bedürfnisse eines langen Kriegs durch regelmäßige Steuern, ohne Einwilligung der Stände des Reichs ausgeschrieben, zu decken, war ein Verfahren, dessen Ausführung selbst Heinrich VIII. nicht gewagt haben würde. So schien die entscheidende Stunde zu nahen, in der entweder das englische Parlament das Schicksal der festländischen Senate theilen, oder das höchste Übergewicht im Staate erlangen müsse.
[Anmerkung 6: +Canon 55. of 1603.+]
[Anmerkung 7: Joseph Hall, damals Dechant von Worcester und später Bischof von Norwich, war einer jener Abgeordneten. In seiner Selbstbiographie sagt er: »Meine Unwürdigkeit wurde zu einem Theilnehmer an dieser ehrenwerthen, wichtigen und verehrungswürdigen Versammlung ernannt.« Diese Demuth wird Hochkirchenmännern nicht recht am Platze erscheinen.]
[Anmerkung 8: +Peckard's Life of Ferrar.+ Das arminianische Nonnenkloster, oder eine kurze Beschreibung der vor Kurzem gestifteten klösterlichen Anstalt, das arminianische Nonnenkloster genannt, zu Little Gidding in Huntingdonshire, 1641.]
[_Thronbesteigung und Charakter Karls I._] In dieser verhängnißvollen Zeit starb Jakob, und Karl I. bestieg nach ihm den Thron. Die Natur hatte ihn mit einem größern Verstande, mit einem stärkern Willen und einem strengern, festern Charakter begabt, als seinen Vater. Die politischen Theorien desselben hatte er nicht nur geerbt, er war auch weit mehr als jener geneigt, sie praktisch auszuführen. Er war wie jener ein eifriger Anhänger der bischöflichen Kirche, außerdem, was der Vater nie gewesen, ein eifriger Arminianer, und sah, obgleich kein Papist, dennoch einen Papisten lieber, als einen Puritaner. Man würde ungerecht sein, wollte man läugnen, daß Karl einige der Eigenschaften eines guten, ja selbst eines großen Fürsten besaß. Er schrieb und sprach nicht mit der Genauigkeit eines Professors, wie sein Vater, sondern wie ein intelligenter, wohlunterrichteter Edelmann. Sein Geschmack in Literatur und Kunst war vortrefflich, seine Manieren waren würdevoll, wenn auch nicht gewinnend, und sein häusliches Leben tadellos. Treulosigkeit war der Hauptgrund zu seinem Mißgeschick, und bildet den schwärzesten Fleck auf seinem Andenken, denn er besaß wirklich einen unheilbaren Hang, dunkle und krumme Wege zu gehen. Es erscheint seltsam, daß sein Gewissen ihn dieses großen Lasters wegen nie plagte, während es bei unbedeutenden Gelegenheiten sich ziemlich empfindsam zeigte; man muß indeß mit gutem Grunde annehmen, daß er nicht nur aus Neigung und Gewohnheit, sondern aus Grundsatz treulos war. Man möchte glauben, er habe von den Theologen, die er hoch schätzte, gelernt, daß zwischen ihm und seinen Unterthanen kein gegenseitiger Vertrag bestehe, daß er sich seiner despotischen Autorität, auch wenn er wollte, nicht entäußern dürfe, und daß in jedem seiner Versprechen der stillschweigende Vorbehalt liege, es im Falle der Nothwendigkeit wieder brechen zu können, und daß ihm allein die Entscheidung zustehe, ob dieser Nothfall eingetreten sei.