Part 18
[_Gewaltsamkeiten der Cavaliere in dem neuen Parlamente._] Die Gemeinen eröffneten ihre Thätigkeit mit den Beschlüssen, daß jedes Mitglied bei Strafe der Ausstoßung das Abendmahl nach der Form genießen müsse, welche die alte Liturgie vorschrieb, und daß der Covenant durch Henkershand im Hofe des Palastes verbrannt werden sollte. Es wurde eine Acte durchgesetzt, welche die Macht des Schwertes nicht nur einzig und allein dem König zusprach, sondern auch bestimmte, daß in keinem auch noch so extremen Falle die beiden Häuser berechtigt sein sollten, dem König gewaltsamen Widerstand entgegen zu setzen. Eine zweite Acte, welche ebenfalls durchging, forderte von jedem öffentlichen Beamten einen Eid, daß er Widerstand gegen das Ansehen des Königs unter allen Umständen für ungesetzlich halte. Einige exaltirte Männer bemühten sich, eine Bill zur Geltung zu bringen, welche alle Gesetze, die das Lange Parlament geschaffen, mit einem Male aufheben und die Sternkammer nebst der Hohen Commission wieder herstellen sollte; bei aller Heftigkeit der Reaction aber gelang es ihr doch nicht, dies durchzusetzen. Das Gesetz, daß nach Verlauf von drei Jahren ein Parlament gehalten werden mußte, blieb in Kraft, die strengen Klauseln aber welche die Wahlbeamten anwiesen, zur bestimmten Zeit, auch ohne königliches Ausschreiben, die Wahl vorzunehmen, wurden aufgehoben. Die Bischöfe kehrten auf ihre Sitze im Oberhause zurück; die alte Kirchenverfassung und die alte Liturgie wurden ohne jede Beschränkung, welche auch nur die vernünftigsten Presbyterianer zu versöhnen geeignet gewesen wäre, wieder hergestellt. Zum ersten Male wurde jetzt die bischöfliche Ordination unerläßliche Bedingung für diejenigen, welche ein geistliches Amt bekleiden wollten. Fast zweitausend Prediger, denen ihr Gewissen nicht gestattete sich zu fügen, wurden an einem Tage abgesetzt, und frohlockend erinnerte die herrschende Partei die Dulder daran, daß das Lange Parlament, als es auf dem Gipfel seiner Macht gestanden, eine noch viel größere Anzahl von königlich gesinnten Geistlichen vertrieben habe. Dieser Vorwurf war allerdings nicht ungegründet, aber das Lange Parlament hatte den Vertriebenen wenigstens eine Unterstützung zukommen lassen, welche sie vor bitterem Mangel schützte; die Gerechtigkeit und Humanität des Adels aber, welcher von Haß bethört war, reichten nicht aus, um dieses Beispiel nachzuahmen.
[_Verfolgung der Puritaner._] Bald erschienen Strafgesetze gegen die Nichtconformisten, die in der puritanischen Gesetzgebung vergebens ihres Gleichen suchten, welche der König aber unmöglich genehmigen konnte, ohne Zusagen zu brechen, die er bei dem wichtigen Wendepunkte seines Schicksals denjenigen gegeben, in deren Händen dasselbe damals lag. Erschreckt und tief bekümmert eilten die Presbyterianer an die Stufen des Thrones, rühmten ihre jüngst geleisteten Dienste und beriefen sich auf das wiederholt verpfändete königliche Wort. Der König schwankte, seine eigne Handschrift, sein eignes Siegel, sie konnte er nicht abläugnen, und er fühlte nur zu wohl, welchen großen Dank er den Bittstellern schuldig war. Dringenden Bitten zu widerstehen war er nicht gewöhnt, ebensowenig war er verfolgungssüchtig, und wenn auch gegen die Puritaner eingenommen, so konnte diese Abneigung doch nur ein schwaches Gefühl genannt werden neben dem bitteren Hasse, von welchem Laud durchdrungen war. Er war überdies der römisch-katholischen Kirche gewogen, und sah wohl ein, daß es nicht möglich sein würde, den Bekennern derselben Freiheit des Gottesdienstes zu gewähren, ohne dieselbe Begünstigung auch auf die protestantischen Dissenters zu übertragen. Zwar versuchte er es den unduldsamen Glaubenseifer des Hauses der Gemeinen zu beschränken, aber dieses stand unter dem Einflusse tieferer Überzeugungen und heftigerer Leidenschaften, als der König. Nach einigem scheinbaren Sträuben gab er nach, und genehmigte mit einem Anschein von Bereitwilligkeit eine Reihe gehässiger Maßregeln gegen die Separatisten. Es galt für ein Verbrechen, dem Gottesdienste der Dissenters beizuwohnen, ein gewöhnlicher Friedensrichter konnte ohne Jury verurtheilen, und über denjenigen, welcher zum dritten Male das Verbot übertrat, die Deportation auf sieben Jahre verhängen. Mit überlegter Grausamkeit ward festgesetzt, daß der Übertreter des Gesetzes nicht nach Neu-England transportirt werden sollte, wo er die Aussicht hatte, gleichgesinnte Freunde anzutreffen, und kehrte er vor Ablauf der festgesetzten Verbannungszeit in sein Vaterland zurück, so sollte er der Todesstrafe verfallen sein. Ein neuer, unsinniger Eid wurde von den Geistlichen verlangt, welche man ihrer Pfründen beraubt hatte, weil sie sich nicht conformiren wollten, und Alle die sich weigerten diesen Eid zu leisten, durften nicht auf fünf Meilen in die Nähe einer Stadt kommen, welche von einer Gemeindecorporation verwaltet wurde, oder im Parlamente vertreten war, oder auch einer Stadt, wo sie als Geistliche ihren Wohnsitz gehabt. Die Magistratspersonen, welche diese strengen Bestimmungen in Ausführung zu bringen hatten, waren fast durchgängig von Parteigeist erfüllte Männer, entflammt durch die Erinnerung an Leiden, welche sie während der Republick erduldet hatten. Die Kerker waren daher sehr bald mit Dissenters überfüllt, und unter diesen Unglücklichen befanden sich nicht wenige, deren Genie und Tugend eine Zierde jeder christlichen Gesellschaft gewesen sein würden.
[_Eifer der Geistlichkeit für die erbliche Monarchie._] Die englische Kirche erkannte den Schutz, dessen sie sich von Seiten der Regierung erfreute, dankbar an. Sie hatte seit dem Anfange ihres Bestehens Anhänglichkeit an die Monarchie gezeigt, aber während des Vierteljahrhunderts, welches der Restauration folgte, überstieg ihr Eifer für königliches Ansehen und erbliches Recht jede Grenze. Sie hatte mit dem Hause der Stuarts gelitten, und war mit ihm wieder zu Geltung gekommen; sie war mit ihm durch gemeinschaftliche Interessen, Freundschaften und Feindschaften eng verknüpft. Es schien unmöglich, daß jemals eine Zeit eintreten könnte, wo die Bande, welche sie mit den Nachkommen des erlauchten Märtyrers vereinte, zerrissen, wo die Loyalität, deren sie sich rühmte, aufhören würde, ihr eine angenehme und vortheilhafte Pflicht zu sein. Sie pries deshalb in den widerlichsten Phrasen jenes Vorrecht, welches stets bemüht war sie zu vergrößern und zu vertheidigen, und verdammte auf das Behaglichste die Ruchlosigkeit derjenigen, welche durch Bedrückung, die sie selbst nicht zu erwarten hatte, zum Aufruhr verleitet wurden. Die Verwerfung des Widerstandes war ihr Lieblingsthema, und diese Lehre trug sie ohne jede Einschränkung vor und entwickelte sie bis zu den äußersten Consequenzen. Ihre Anhänger wiederholten unaufhörlich, daß selbst wenn England das Unglück haben sollte von einem König wie Busiris oder Phalaris heimgesucht zu werden, welcher zum Hohne der Gesetze ohne alle rechtlichen Gründe täglich hunderte von unschuldigen Opfern zu Folterqualen und Tod verdammte, überhaupt kein Fall denkbar sei, wo alle Stände des Königreichs insgesammt berechtigt sein würden, dem Tyrannen physische Gewalt entgegenzustellen. Glücklicherweise gewährt der menschliche Charakter hinreichende Bürgschaft, daß derartige Theorien eben nur Theorien bleiben werden. Als der Tag der Prüfung kam, da standen die Männer, welche laut und aufrichtig diese grenzenlose Loyalität zur Schau getragen hatten, fast in allen Grafschaften Englands dem Throne mit den Waffen in der Hand gegenüber.
Im ganzen Königreiche wechselte jetzt das Grundeigenthum seine Besitzer. Die Verkäufe der Nationalgüter, welche das Parlament nicht bestätigt hatte, erklärten die Gerichtshöfe für ungültig. Der König, die Bischöfe, die Dechanten, die Capitel, der hohe und niedere royalistische Adel: sie alle traten wieder in den Besitz ihrer eingezogenen Güter, und verdrängten selbst diejenigen Käufer, welche die angemessensten Preise dafür bezahlt hatten. Die Verluste, welche dem Adel während des Übergewichtes seiner Gegner erwachsen waren, wurden theilweise ersetzt, aber eben nur theilweise. Die allgemeine Amnestie schloß alle Klagen über entzogene Nutzungen aus, und eine Menge von Royalisten, welche zur Abzahlung von auferlegten Geldstrafen an das Parlament, oder um sich die Gunst mächtiger Rundköpfe zu erkaufen, Grundeigenthum unter dem wirklichen Werthe veräußert hatten, mußten die gesetzlichen Folgen ihrer Handlungsweise tragen.
[_Veränderung in den Sitten der Gesellschaft._] Während die erwähnten Veränderungen stattfanden, trat ein anderer noch bedeutungsvollerer Wechsel in den Sitten und Gebräuchen der Gesellschaft ein. Leidenschaften und Neigungen, welche die strenge Herrschaft der Puritaner gezügelt hatte, so daß dieselben, wenn es überhaupt geschah, nur mit großer Vorsicht befriedigt werden konnten, brachen jetzt, wo das Hemmniß beseitigt war, mit maßloser Gewalt hervor. Man suchte unsittliche Vergnügungen und strafbare Genüsse mit einer Begierde, welche nach den Gesetzen der Natur nur in Folge langer und erzwungener Enthaltsamkeit entstehen kann. Durch die öffentliche Meinung wurde dieses Treiben nicht beschränkt. Die Nation, voll Widerwillen gegen die gottseligen Reden, argwöhnisch gegen alle Ansprüche auf Heiligkeit, und dabei immer noch leidend unter den Nachwehen der erlittenen Tyrannei von Gebietern, welche sauer waren im Leben und heiß im Gebet, blickte eine Zeit lang wohlgefällig auf die angenehmeren und freundlicheren Laster. Noch weniger Beschränkungen erlaubte sich die Regierung. Es gab in der That keine Ausschweifung, welche nicht durch die unverhohlene Lasterhaftigkeit des Königs und seiner Günstlinge sanktionirt worden wäre. Nur einige bejahrte Räthe Carls I. bewahrten noch den sittlichen Ernst, welcher dreißig Jahre früher in Whitehall geherrscht hatte. Zu ihnen gehörten Clarendon selbst, sowie seine Freunde Thomas Wriothesley, Earl von Southampton, Lord-Schatzmeister, sowie Jacob Butler, Herzog von Ormond, der, nachdem er unter wechselnden Verhältnissen ritterlich für seines Königs Sache in Irland gekämpft hatte, dieses Königreich jetzt als Statthalter regierte. Aber weder das Andenken an die Verdienste dieser Männer noch ihre hohe Stellung im Staate schützte sie vor den Sarkasmen, welche neumodische Laster so gern auf veraltete Tugend schleudern. Der Ruf feiner Bildung und angenehmer Manieren war kaum zu erlangen, wenn man sich nicht zur Verletzung der Schicklichkeit entschloß. Bedeutende und vielseitige Talente unterstützten die Verbreitung dieses moralischen Übels nach Kräften. Die Moralphilosophie hatte in neuerer Zeit eine Gestalt angenommen, welche ganz geeignet war, einer Generation zu gefallen, welche der Monarchie wie dem Laster mit gleichem Eifer ergeben war. Thomas Hobbes hatte in einer bestimmteren und glänzenderen Sprache, als je ein anderer metaphysischer Schriftsteller sie gebraucht, die Behauptung aufgestellt, der Wille des Fürsten sei der Maßstab für Recht und Unrecht, und jeder gute Unterthan müsse bereit sein, auf Befehl des Königs zum Papstthum, Mahomedanismus oder Heidenthume überzutreten. Tausende, welche das wirklich Gediegene in seinen Ansichten nicht zu würdigen verstanden, begrüßten freudig eine Theorie, welche zu gleicher Zeit das königliche Ansehen erhöhte, die Bande der Moralität lockerte, und die Religion zu einer bloßen Staatsangelegenheit herabwürdigte. Der Hobbismus wurde bald ein wesentlicher Bestandtheil des Charakters eines vollendeten Gentleman. Die leichteren Zweige der Literatur erhielten einen starken Anstrich von der herrschenden Sittenlosigkeit; die Dichtkunst wurde eine Kupplerin der gemeinsten Begierden; der Witz, anstatt Schuld und Irrthum zu züchtigen, wandte seine verletzenden Pfeile gegen Unschuld und Wahrheit. Die wiederhergestellte Kirche machte zwar einen Versuch gegen die herrschende Sittenlosigkeit anzukämpfen, aber es geschah ohne alle Energie und mit getheiltem Herzen. Obgleich die Würde ihres Charakters es erheischte, die irrenden Kinder zu ermahnen, so geschahen diese Ermahnungen doch auf höchst lässige Weise. Ihre Aufmerksamkeit war nach einer anderen Seite hin beschäftigt, ihre ganzen Kräfte concentrirten sich in der Absicht, die Puritaner zu vernichten, und ihre Jünger zu zwingen, dem Kaiser zu geben was des Kaisers sei. Sie war beraubt und niedergehalten worden durch die Partei, welche strenge Sittlichkeit predigte; Wüstlinge hatten sie wieder zu Ehren und Ansehen gebracht. Ob auch die Männer der Lust und Mode nicht geneigt waren, ihre Lebensweise nach den Vorschriften der Kirche einzurichten, so ließen sie sich doch jeden Augenblick willig finden, für ihre Kathedralen und Paläste, für jeden Buchstaben ihrer Gesetze und jeden Faden ihrer Gewänder bis an die Knie im Blute zu kämpfen. Der ausschweifende Edelmann besuchte zwar Bordelle und Spielhäuser, aber er mied wenigstens die Conventikel; wenn auch sein Mund nur gotteslästerliche und unzüchtige Reden führte, so machte er das einigermaßen durch seinen Eifer wieder gut, Baxter und Howe in den Kerker zu werfen, weil sie Predigten und Gebete abgehalten hatten. So bekämpfte der Klerus längere Zeit die Schismatiker mit einem Eifer, der ihm wenig Muße ließ dem Laster entgegen zu treten. Die Zweideutigkeiten Ethereges und Wycherley's wurden in Anwesenheit und mit besonderer Genehmigung des Kirchenoberhauptes in weiblichen Versammlungen von Frauen öffentlich vorgetragen, während der Verfasser von des »Pilgers Reise« für das Verbrechen, den Armen das Evangelium verkündet zu haben, im Kerker schmachtete. Es ist eine feststehende und lehrreiche Thatsache, daß zu der Zeit, als die politische Macht der anglikanischen Kirche ihren Höhepunkt erreicht hatte, die Moral der Nation sich auf der niedrigsten Stufe befand.
[_Verworfenheit der Politiker._] Kaum ein Rang und Beruf entging der Ansteckung durch die allgemeine Unsittlichkeit, diejenigen aber, welche sich hauptsächlich mit Politik beschäftigten, bildeten vielleicht den schlechtesten Theil der verderbten Gesellschaft, indem sie nicht blos unter den schädlichen Einflüssen standen, welche die Nation im Allgemeinen berührten, sondern noch einer besonderen Verderbniß der schlimmsten Art ausgesetzt waren. Ihr Charakter hatte sich mitten unter häufigen Revolutionen und Contrerevolutionen herangebildet; im Laufe weniger Jahre hatten sie den wiederholten Wechsel der kirchlichen und bürgerlichen Verfassung ihres Vaterlandes beobachtet. Sie hatten gesehen, wie die bischöfliche Kirche die Puritaner verfolgte, wie die puritanische Kirche die Bischöflichen verfolgte, und wie die bischöfliche Kirche dann wieder die Puritaner verfolgte. Sie hatten die Vernichtung und Wiedererstehung der erblichen Monarchie gesehen, hatten beobachtet, wie das Lange Parlament dreimal die Oberherrschaft im Staate errang, und dreimal unter Verwünschungen und Hohngelächter von Millionen wieder zusammenstürzte. Sie hatten erlebt, wie eine neue Dynastie sich rasch auf den Gipfel der Macht und des Ruhmes erhob, um bald darauf ohne allen Kampf wieder vom Thronsessel herabgeschleudert zu werden. Sie hatten gesehen, wie ein neues System der Volksvertretung entworfen, versucht und wieder aufgegeben worden war. Sie hatten ein neues Haus der Lords eben so schnell entstehen wie vergehen sehen. Sie hatten gesehen, wie Massen von Eigenthum auf gewaltsame Weise bald den Edelleuten, bald den Rundköpfen zur Beute wurden. Unter solchen Umständen konnte Niemand als Staatsmann sich bewegen und gedeihen, der sich nicht willig finden ließ, je nach den Verhältnissen die Farbe zu wechseln. Nur in stiller Zurückgezogenheit war es möglich, für die Dauer den Charakter eines guten Royalisten oder eines starren Republikaners zu behaupten. Wer unter solchen Zeitverhältnissen bürgerliche Größe zu erlangen wünscht, muß jeden Gedanken an konsequentes Festhalten aufgeben. Anstatt inmitten unaufhörlicher Veränderungen nach Unveränderlichkeit zu streben, muß er beständig umherspähen, um die ersten Kennzeichen einer nahenden Reaktion zu entdecken und muß den richtigen Augenblick erfassen, um eine verlorne Sache aufzugeben. Nachdem er fest zu einer Partei gehalten, so lange sie die Oberhand hatte, muß er sie plötzlich verlassen, wenn sie in schwierige Lagen kommt, muß sich gegen sie waffnen, sie verfolgen, und mit den neuen Bundesgenossen eine neue Bahn einschlagen, auf der ihm Macht und Glück entgegenleuchten. Seine Lage bildet in ihm nothwendig eine besondere Klasse von Fähigkeiten, wie eine besondere Klasse von Lastern bis zur höchsten Vollkommenheit aus. Schnelligkeit im Beobachten verbindet sich mit Fruchtbarkeit an Hilfsmitteln. Ohne Mühe eignet er sich den Ton jeder Sekte oder Faktion an, mit der ihn der Zufall zusammenführt. Er erkennt die Zeichen der Zeit mit einem Scharfblick, den die Menge wunderbar findet, mit einem Scharfblick, ähnlich dem eines alten Polizeimannes, welcher die schwächsten Anzeichen eines Verbrechen aufzufinden versteht, oder eines Mohawk-Kriegers, der in den Wäldern eine Spur verfolgt.
Bei Staatsmännern von derartiger Bildung wird man aber freilich nur selten Redlichkeit und Ausdauer, oder eine von denjenigen Tugenden antreffen, welche dem edlen Stamme der Wahrheit entsprossen sind. Er besitzt weder Glauben an eine Lehre, noch Eifer für eine Angelegenheit. Vor seinen Augen sind so viele alte Institutionen untergegangen, daß er keine Achtung vor langem Bestehen kennt. Er hat so viele neue Einrichtungen, welche zu großen Erwartungen berechtigten, entstehen und Enttäuschung hervorbringen sehen, daß er keine Hoffnung auf den Fortschritt setzt; und diejenigen, welche ängstlich bemüht sind _zu erhalten_, verlacht er nicht minder wie die, welche es sich angelegen sein lassen _zu verbessern_. Es giebt im Staate nichts, zu dessen Erhaltung oder Vernichtung er nicht ohne alle Gewissensbisse und ohne Erröthen mitwirken könnte; treu zu bleiben seinen Überzeugungen und seinen Freunden, ist in seinen Augen Beschränktheit und Verkehrtheit; die Politik ist für ihn nicht eine Wissenschaft, die sich mit dem Wohle der Völker beschäftigt, sondern ein aufregendes Spiel des Zufalls und der Geschicklichkeit, in welchem der begünstigte Spieler ein Landgut, eine Adelskrone oder wohl gar eine Königskrone gewinnen, aber auch durch eine unüberlegte Bewegung Gut und Leben verlieren kann. Der Ehrgeiz, welcher in friedlichen Tagen bei guten Menschen eine halbe Tugend ist, wird jetzt, jedem edleren und menschenfreundlicheren Gefühle entfremdet, eine selbstsüchtige Begierde, fast so unedel, als die Habsucht. Unter den Staatsmännern, welche von der Restauration bis zum Regierungsantritt des Hauses Hannover sich an der Spitze der großen Parteien des Vaterlandes befunden haben, lassen sich nur sehr Wenige auffinden, deren Ruf nicht durch Eigenschaften befleckt ist, denen man in unserem Zeitalter die Namen von grober Untreue und Verdorbenheit geben würde. Es ist schwerlich eine Übertreibung, wenn man sagt, daß öffentliche Männer ohne alle Grundsätze, welche in neuerer Zeit an den Staatsgeschäften Theil genommen haben, als uneigennützig und gewissenhaft betrachtet zu werden verdienten, wollte man sie nach dem Maaßstabe beurtheilen, der in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts geltend war.