Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Erster Band enthaltend Kapitel 1 und 2

Part 13

Chapter 133,475 wordsPublic domain

Cromwell mußte indeß einen Entschluß fassen. Sollte er bei dem ohne Zweifel vergeblichen Versuche, einen König zu retten, der durch keinen Vertrag zu binden war, die Anhänglichkeit seiner Partei und Armee, seine eigene Größe, ja selbst sein Leben preisgeben? Nach vielem Kämpfen und Schwanken, vielleicht auch nach vielem Beten, ward der Entschluß festgestellt. Karl blieb seinem Schicksale überlassen. Die kriegerischen Heiligen beschlossen nun, daß der König, den alten Reichsgesetzen und der fast allgemeinen Gesinnung der Nation zum Trotz, sein Verbrechen mit dem Leben büßen solle. Eine Zeit lang glaubte er einen Tod sterben zu müssen, wie seine unglücklichen Vorgänger, Eduard II. und Richard II. Einen solchen Verrath hatte er indeß nicht zu fürchten, denn die, welche ihn unter ihren Händen hatten, waren keine nächtlichen Meuchelmörder; was sie thaten, sollte ein Schauspiel für Himmel und Erde sein und ein ewiges Andenken bleiben. Das Ärgerniß, das sie gaben, hatte für sie den höchsten Reiz. Daß die alte Verfassung und die öffentliche Meinung Englands mit dem Königsmorde im schroffsten Widerspruche standen, ließ einer Partei, die eine vollständige politische und sociale Revolution bewirken wollte, den Mord in einem verführerischen Lichte erscheinen. Die Erreichung dieses Zweckes machte das Zerbrechen jedes einzelnen Theils der Staatsmaschine nöthig, und diese Nothwendigkeit berührte sie mehr angenehm, als schmerzlich. Die Gemeinen stimmten für den Abschluß eines Vergleichs mit dem Könige; die Soldaten schlossen die Majorität gewaltsam aus. Die Lords verwarfen einstimmig den Vorschlag, den König vor Gericht zu stellen; ihr Haus ward sofort geschlossen. Kein ordentlicher Gerichtshof wollte die Verantwortung auf sich nehmen, den zu richten, der die Quelle der Gerechtigkeit repräsentirte.

[_Seine Hinrichtung._] Da ward ein revolutionaires Tribunal errichtet, und dieses Tribunal erklärte Karl für einen Tyrannen, für einen Verräther, einen Mörder und einen öffentlichen Feind. Vor Tausenden von Zuschauern, dem Banketsaale seines Palastes gegenüber ließ man seinen Kopf von dem Rumpfe trennen.

Aber bald zeigte es sich, daß die politischen und religiösen Eiferer, denen diese That beizumessen ist, nicht nur ein Verbrechen, sondern auch ein Versehen begangen hatten. Dem Fürsten nämlich, der dem Volke bisher nur durch seine Fehler bekannt gewesen, hatten sie Gelegenheit geboten, auf einer großen Bühne, Angesichts aller Nationen und Zeiten, Eigenschaften zu zeigen, die unwiderstehlich Bewunderung und Zuneigung erwecken müssen: den hohen Muth eines Helden, und die Geduld und Sanftmuth eines reuigen Christen; sie hatten selbst ihre Rache in einer Weise ausgeübt, daß derselbe Mann, der sein ganzes Leben hindurch nur auf die Vernichtung der Freiheiten Englands gesonnen, als ein Märtyrer eben dieser Freiheiten zu sterben schien. Nie hat ein Demagog so auf den öffentlichen Geist gewirkt, als dieser gefangene König, der selbst auf dem höchsten Gipfel des Unglücks seine volle königliche Würde bewahrte, dem Tode furchtlos in's Angesicht sah und den Gefühlen seines unterdrückten Volkes Ausdruck verlieh, indem er muthig seine Rechtfertigung vor einem dem Gesetze unbekannten Gerichtshofe verweigerte, von der Soldatengewalt an die Grundsätze der Verfassung appellirte, nach dem Rechte fragte, mit dem das Haus der Gemeinen seiner achtbarsten Glieder und das der Lords seiner legislativen Funktionen beraubt sei, und den weinenden Zuhörern sagte, er vertheidige nicht nur seine, sondern auch ihre Sache. Seine lange schlechte Regierung, seine unzähligen Treulosigkeiten waren nun vergessen, und in den Gemüthern des größten Theils seiner Unterthanen lebte sein Andenken mit dem an die freien Institutionen fort, die er lange zu vernichten bemüht gewesen war, denn diese freien Institutionen waren mit ihm untergegangen, und seine Stimme allein hatte sie unter dem schmerzlichen Schweigen eines durch Waffengewalt unterdrückten Staates vertheidigt. Eine Reaktion, zu Gunsten der Monarchie und des vertriebenen Königshauses, trat an diesem Tage ein und schritt so lange fort, bis der Thron in seiner vollen alten Würde wieder aufgebaut war.

Anfangs schien es jedoch, als ob die Mörder des Königs in dem blutigen Sakramente, das sie eng mit einander verbunden und für immer von der großen Masse ihrer Landsleute getrennt hatte, neue Willenskraft fänden. England ward zu einer Republik umgeschaffen, und das Haus der Gemeinen, auf eine kleine Zahl von Gliedern beschränkt, ward dem Namen nach die höchste Staatsgewalt; in der That aber regierten die Armee und ihre ersten Führer. Cromwells Wahl war getroffen, er hatte sich die Herzen seiner Soldaten bewahrt und fast alle übrigen Klassen seiner Mitbürger sich entfremdet. Man konnte nicht sagen, daß er außerhalb der Grenzen seiner Lager und festen Plätze Anhänger habe. Die Elemente jener Macht, die seit dem Beginne des Bürgerkriegs sich unter einander selbst bekämpft hatten, als sämmtliche Cavaliere, die große Mehrzahl der Rundköpfe, die anglikanische, presbyterianische und römisch-katholische Kirche, England, Schottland und Irland, alle hatten sich nun gegen ihn verbunden. Aber Cromwells Genie und Entschlossenheit waren so gewaltig, daß er Alles vernichtete, was ihm auf der Bahn entgegentrat, die er eingeschlagen hatte, um sich zu einen unumschränktern Gebieter seines Vaterlandes zu machen, als irgend einer der gesetzlichen Könige desselben gewesen, und um es gefürchteter und geachteter hinzustellen, als es Generationen hindurch unter der Regierung legitimer Fürsten gestanden hatte.

England kämpfte schon nicht mehr; aber die beiden andern Königreiche, die unter dem Scepter der Stuarts gestanden, hegten gegen die neue Republik eine feindliche Gesinnung. Die irischen Katholiken und die schottischen Presbyterianer sahen gleich gehässig auf die Independenten-Partei. Beide Länder, erst kürzlich noch aufständisch gegen Karl I., huldigten jetzt der Autorität Karls II.

[_Unterwerfung Irlands und Schottlands._] Aber nichts konnte der Kraft und Geschicklichkeit Cromwells Widerstand leisten. Er besiegte in wenig Monaten Irland so vollständig, wie es in den fünfhundert Jahren, die seit der Landung der ersten normannischen Ansiedler verflossen, nie besiegt gewesen. Dem Kampfe der Volksstämme und Religionen, der so lange die Insel zerrüttet, wollte er dadurch ein Ziel setzen, daß er der englischen und protestantischen Bevölkerung die entschieden wichtigste Stellung anwies. Um diesen Zweck zu erreichen, zügelte er den wilden Fanatismus seiner Anhänger nicht mehr, führte einen Krieg, der dem Israels gegen die Kananiter glich, vernichtete die Götzendiener mit der Schärfe des Schwertes, daß große Städte fast keine Einwohner mehr hatten, trieb Tausende nach dem Festlande oder ließ sie nach Westindien führen, und füllte die dadurch entstandene Lücke mit Ansiedlern sächsischen Blutes und calvinistischen Glaubens aus. Daß das eroberte Land unter dieser eisernen Regierung sich eines zunehmenden Wohlstandes zu erfreuen schien, klingt seltsam, aber es ist wahr. Gegenden, die noch vor kurzer Zeit so unwirthbar gewesen, als jene, in denen die ersten weißen Ansiedler von Connecticut mit den rothen Männern kämpften, glichen nach wenig Jahren Kent und Norfolk. Überall erstanden neue Gebäude, Straßen und Pflanzungen; der Ertrag der Güter vermehrte sich schnell, und bald klagten die englischen Grundbesitzer über die Konkurrenz irischer Produkte auf den Märkten, und forderten Schutzgesetze.

Der siegreiche Feldherr, der nun auch dem Namen nach war, was er schon längst in Wirklichkeit gewesen, Lord General der republikanischen Heere, wandte sich von Irland nach Schottland, wo der junge König war, der zur presbyterianischen Kirche übergetreten, den Covenant unterzeichnet, und als Lohn dafür von den strengen Puritanern, die zu Edinburg die Regierung leiteten, die Erlaubniß erhalten hatte, die Krone zu tragen, und unter ihrer Oberaufsicht still und ernst einen Hof zu halten. Diese Scheinloyalität dauerte nicht lange; Cromwell vernichtete in zwei großen Schlachten die ganze Kriegsmacht Schottlands. Karl rettete sich durch die Flucht vor dem Schicksale, das seinen Vater betroffen. Zum ersten Male war nun das alte Königreich der Stuarts völlig zur Unterwürfigkeit gebracht, und von der Unabhängigkeit, die einst gegen die tüchtigsten Plantagenets so tapfer vertheidigt worden, blieb keine Spur. Das englische Parlament gab Schottland Gesetze, englische Richter hielten dort Assisen, und selbst die hartnäckige Kirche, die ihre Selbstständigkeit gegen so viele Regierungen bewahrt, wagte nicht einmal leise zu murren.

[_Das lange Parlament wird vertrieben._] Zwischen den Kriegern, die Irland und Schottland unterjocht, und den Politikern, die in Westminster beriethen, hatte bis zu dieser Frist wenigstens ein Schein von Übereinstimmung stattgefunden; aber den Bund, den die Gefahr geschlossen, löste der Sieg wieder auf. Das Parlament vergaß, daß es nur eine Kreatur der Armee war, und die Armee war jetzt weniger als sonst geneigt, sich den Verordnungen des Parlaments zu fügen. Es hatte auch in der That der geringe Mitgliederbestand, den man verächtlich den Rumpf des Hauses der Gemeinen nannte, nicht mehr Anspruch auf die Achtung, die Volksvertretern gebührt, als die Befehlshaber in der Armee. Der Streit ward bald zu einem entscheidenden Ende geführt. Cromwell füllte das Haus mit Bewaffneten, der Sprecher ward von seinem Stuhle geworfen, der Stab vom Tische genommen, der Saal geleert und die Thür verschlossen. Die Nation, die keiner der streitenden Parteien hold war, aber ohne es zu wollen, die Tüchtigkeit und Energie des Feldherrn achten mußte, sah geduldig, vielleicht auch mit Wohlgefallen zu.

König, Lords und Gemeine waren nach und nach bewältigt und vernichtet und Cromwell erschien nun als der einzige Erbe der Machtbefugnisse die jene zusammen besessen hatten; aber die Armee selbst, der er seine ausgedehnte Autorität verdankte, legte ihm gewisse Beschränkungen auf. Dieser sonderbare Körper bestand größtentheils aus eifrigen Republikanern, die ihr Vaterland frei zu machen wähnten, indem sie es der Knechtschaft überlieferten. Das von ihnen allgemein verehrte Buch enthielt ein Beispiel, dessen sie häufig erwähnten. Es murrte die unwissende und undankbare Nation gegen ihre Befreier, wie einst ein anderes auserwähltes Volk gegen den Mann gemurrt, der es auf mühseligen und traurigen Pfaden aus der Knechtschaft in ein Land geführt, wo Milch und Honig floß; und dennoch hatte dieser Führer seine Brüder wider ihren Willen befreit, auch eben so wenig Anstand genommen, diejenigen zum abschreckenden Beispiele furchtbar zu züchtigen, welche die dargebotene Freiheit verachteten, und sich nach den Fleischtöpfen, den Frohnvögten und Götzenbildern Egyptens zurücksehnten. Das Ziel der kriegerischen Heiligen, die Cromwell umgaben, war die Gründung einer freien, frommen Republik. Zur Erreichung dieses Ziels waren sie bereit alle Mittel, selbst gewaltthätige und ungesetzliche, ohne Bedenken anzuwenden. Es lag daher die Möglichkeit vor, mit ihrer Hilfe eine dem Wesen nach absolute Monarchie zu errichten, aber eben so auch die Wahrscheinlichkeit, daß sie ihre Hilfe sofort einem Herrscher entziehen würden, der selbst unter streng constitutionellen Formen, den Namen und die Würde eines Königs anzunehmen wagte.

Cromwell dachte anders; er war nicht mehr, was er gewesen, und die Veränderung in seinen Ansichten nur als eine Wirkung selbstsüchtigen Ehrgeizes ansehen zu wollen, würde ungerecht sein. Er brachte, als er zu dem langen Parlamente trat, wenig Bücherkenntniß aus seiner ländlichen Einsamkeit mit, und besaß weder Erfahrung in wichtigen Angelegenheiten, wohl aber eine durch lange Tyrannei der Regierung und der Hierarchie gereizte Stimmung. Während der folgenden dreizehn Jahre hatte er eine politische Schule nicht gewöhnlicher Art durchgemacht. In einer Reihe von Revolutionen hatte er bedeutende Rollen gespielt; er war lange die Seele und zuletzt das Haupt einer Partei gewesen; er hatte Heere befehligt, Schlachten gewonnen, Verträge abgeschlossen, und Königreiche unterjocht, beruhigt und geordnet. Es wäre in der That seltsam gewesen, wenn er stets dieselben Ansichten behalten, die er damals besessen hatte, als sein Geist sich nur mit den Feldern und der Religion beschäftigte, als ein Viehmarkt oder eine fromme Versammlung in Huntingdon die Hauptereignisse waren, die in den einförmigen Lauf seines Lebens Abwechselung brachten. Er sah ein, daß manche jener früheren Neuerungspläne, für die er eiferte, mochten sie nun an sich gut oder schlecht sein, der allgemeinen Stimmung des Landes nicht entsprachen, und daß er, wenn er auf diesen Plänen beharrte, stets mit Unruhen zu schaffen haben würde, die nur durch unausgesetzte Anwendung des Schwertes unterdrückt werden könnten. Deshalb beabsichtigte er, in allen wesentlichen Punkten jene alte Verfassung wieder herzustellen, welche der große Theil des Volks stets geliebt hatte, und nach der es sich jetzt sehnte. Das Verfahren, das später Monk anwendete, konnte Cromwell noch nicht beobachten. Der große Königsmörder ward durch die Erinnerung an einen furchtbaren Tag von dem Hause Stuart für immer getrennt; ihm blieb nichts, als den alten englischen Thron zu besteigen und im Sinne der alten englischen Staatsverfassung zu regieren. Gelang ihm dies, so durfte er hoffen, daß die Wunden des zerfleischten Staatskörpers bald wieder verharrschen würden; es hätten sich viele redliche und besonnene Männer um ihn gesammelt, und diejenigen Royalisten, die mehr an den Institutionen als den Personen, mehr an dem königlichen Amte als an König Karl I. oder Karl II. hingen, würden bald die Hand des Königs Oliver geküßt haben. Es würden die Peers, die still auf ihren Landgütern wohnten und mürrisch die Theilnahme an öffentlichen Angelegenheiten verweigerten, mit Freuden ihre alten Functionen wieder übernommen haben, wenn sie das Ausschreiben eines im Besitz des Thrones befindlichen Königs zu ihrem Hause gerufen hätte; Northumberland und Bedford, Manchester und Pembroke würden stolz gewesen sein, wenn sie dem Manne, der die Aristokratie wiederhergestellt, Krone und Sporen, Scepter und Reichsapfel hätten vorantragen können; das Volk würde nach und nach durch ein Gefühl der Loyalität mit der neuen Dynastie verbunden worden sein und bei dem Tode des Gründers dieser Dynastie wäre die königliche Würde unter allgemeiner Billigung auf seine Nachkommen übergegangen.

Die scharfsinnigsten Royalisten hielten dafür, daß diese Ansichten richtig seien, und daß, wenn Cromwell nur nach seinem Urtheile hätte verfahren können, die vertriebene Dynastie nie wieder zur Regierung gelangt wäre; aber sein Plan widersprach völlig den Gefühlen jener Klasse, der einzigen, die er nicht zu reizen wagte. Den Soldaten war der Name des Königs verhaßt. Einige derselben haßten selbst eine Verwaltung, die sich in den Händen einer einzelnen Person befand; und war der große Theil auch geneigt, den General, als den gewählten ersten Beamten einer Republik, gegen alle Factionen zu schützen, die seine Autorität nicht anerkennen würden, so wollten sie doch nicht zugeben, daß er sich den Königstitel beilege, oder daß die Würde, die nur der gerechte Lohn für seine persönlichen Verdienste sei, für erblich in seiner Familie erklärt werde. Ihm blieb nun nichts weiter übrig, als der neuen Republik eine der alten Monarchie so ähnliche Verfassung zu geben, als es die Armee nur irgend gestattete. Damit nun seine Erhebung zur Macht nicht als ein Akt persönlichen Ehrgeizes erscheinen möchte, berief er einen Rath, der theils aus Personen zusammengesetzt war, auf deren Unterstützung er zählen, theils aus solchen, deren Opposition er ohne Gefahr Trotz bieten konnte. Nachdem diese, von ihm Parlament genannte Versammlung, von dem Volke aber nach einem seiner hervorragendsten Mitglieder »Barebones Parlament« getauft, sich eine Zeit lang der allgemeinen Verachtung ausgesetzt hatte, gab sie dem General die von demselben empfangenen Vollmachten zurück und überließ ihm allein, einen Verfassungsplan zu entwerfen.

[_Oliver Cromwell's Protektorat._] Sein Plan hatte Anfangs nur eine große Ähnlichkeit mit der alten Verfassung; nach Verlauf einiger Jahre aber glaubte er weiter gehen und fast alle Theile des alten Systems unter neuen Namen und Formen wiederherstellen zu dürfen. Der Königstitel ward nicht wieder verwendet, aber die Vorrechte des Königs wurden einem Lord Groß-Protektor bewilligt. Man nannte den Souverain nicht »Se. Majestät«, sondern »Se. Hoheit.« Man krönte und salbte ihn nicht in der Westminsterabtei, aber man ließ ihn feierlich den Thron besteigen, mit einem Staatsschwerte umgürtet und einem Purpurmantel angethan, und in der Westminsterabtei schenkte man ihm eine prachtvolle Bibel. Man hatte sein Amt nicht für erblich erklärt, aber ihm erlaubt, seinen Nachfolger zu ernennen, und Niemand zweifelte, daß er seinen Sohn wählen würde.

Ein Haus der Gemeinen war ein nothwendiger Bestandtheil der neuen Verfassung. Bei der Gestaltung dieses Instituts zeigte der Protektor Weisheit und Gemeinsinn, die seine Zeitgenossen nicht gebührend gewürdigt haben. Waren die Fehler des alten Vertretungssystems auch nicht so bedeutend, als sie später wurden, so hatten sie scharfblickende Männer dennoch schon bemerkt. Cromwell reformirte dieses System nach denselben Grundsätzen, nach denen Pitt einhundertdreißig Jahre später es zu verbessern versuchte, und nach denen es endlich in unserer Zeit wirklich verbessert wurde. Den kleinen Flecken entzog man mit noch schonungsloserer Strenge als 1832 das Wahlrecht und die Zahl der Grafschaftsmitglieder ward vergrößert. Nur wenig Städte, die nicht vertreten waren, hatten sich bis dahin zu einer Bedeutung erhoben; zu diesen wenigen gehörten Manchester, Leeds und Halifax, und diese erhielten Vertreter. Die Zahl der Mitglieder, die für die Hauptstadt wählten, wurde vermehrt. Das Wahlrecht ward dergestalt geordnet, daß jeder Besitzende, mochte sein Eigenthum in Freisassengütern bestehen oder nicht, eine Stimme in der Grafschaft hatte, in der er angesessen war. Nur wenig Schotten und wenige der englischen Colonisten von Irland wurden zu der Versammlung berufen, die in Westminster allen Theilen der britischen Inseln Gesetze geben sollte.

Ein Haus der Lords zu errichten, war eine schwierigere Aufgabe. Die Demokratie kann die Stütze der Verjährung entbehren, die Monarchie hat oft ohne sie bestanden, aber ein Patrizierstand ist das Werk der Zeit. Cromwell fand einen reichen, hoch geehrten und in allen untern Volksklassen so populären Adel vor, als nur je der Adel gewesen ist. Wenn er als König von England, gemäß dem alten Brauche des Königreichs, die Pairs zu dem Parlamente berufen hätte, es würden viele derselben ohne Zweifel dem Rufe gefolgt sein; dies durfte er nicht, und daß er den Häuptern erlauchter Familien in seinem neuen Senate Sitze anbot, blieb ohne Erfolg, denn sie sahen ein, daß sie einer neuerstandenen Versammlung nicht beitreten konnten, ohne auf ihr Geburtsrecht zu verzichten und ihren Stand zu verrathen. Der Protektor sah sich nun genöthigt, sein Oberhaus mit neuen Männern zu besetzen, die sich in der letzten Zeit der Aufregung hervorgethan hatten. Diese seiner Einrichtungen, die allen Parteien mißfiel, war die unglücklichste. Die nach allgemeiner Gleichheit strebende Partei -- Levellers -- zürnte ihm darüber, daß er eine bevorzugte Klasse schuf; die Menge, welche für die großen geschichtlichen Namen des Landes Achtung und Liebe hegte, verlachte sonder Scheu ein Haus der Lords, das glückliche Kärrner und Schuhmacher zu Gliedern zählte und wenige der alten Adeligen, die sich fast alle verächtlich davon abwandten, berufen hatte.

Die Art und Weise der Einrichtung von Cromwells Parlamenten war praktisch von untergeordneter Bedeutung, da er die Mittel besaß, auch ohne die Unterstützung und ungeachtet der Opposition derselben die Verwaltung zu führen. Eine verfassungsmäßige Regierung, und an Stelle der Schwertherrschaft die der Gesetze zu stellen, scheint in seinem Wunsche gelegen zu haben. Aber ihm ward bald klar, daß er nur bei einer unumschränkten Verwaltung sicher sein konnte, da Royalisten und Presbyterianer ihn haßten. Das erste Haus der Gemeinen, auf seinen Befehl vom Volke gewählt, zog seine Autorität in Frage; es ward aufgelöst, ohne daß es auch nur eine Akte durchgebracht hatte. Sein zweites Haus der Gemeinen, das ihn zwar als Protektor anerkannte und ihn gern zum Könige gemacht haben würde, weigerte sich dessenungeachtet hartnäckig, seine neuen Lords anzuerkennen. Ihm blieb nichts übrig, als das Parlament aufzulösen. Als er schied, rief er aus: Gott sei Richter zwischen Euch und mir!

Diese Zerwürfnisse hatten jedoch durchaus keinen Einfluß auf die energische Verwaltung des Protektors. Dieselben Soldaten, die ihm das Tragen des Königstitels nicht gestatten wollten, unterstützten ihn bei Ausführung solcher Gewaltmaßregeln, wie sie je ein englischer König nur versucht hat. So war die Regierung der Form nach republikanisch, in Wahrheit aber eine durch die Weisheit, Mäßigung und Großherzigkeit des Despoten gemilderte Despotie. Das Land war in Militairbezirke getheilt, die unter den Befehlen von Generalmajors standen. Jede aufständische Bewegung ward im Keime erstickt und bestraft. Die Macht des Schwertes in einer so starken, unbeugsamen und erfahrenen Hand dämpfte den Muth der Cavaliere und der Levellers. Die loyale Gentry erklärte, sie sei zwar immer noch bereit, für die alte Verfassung und Dynastie das Leben einzusetzen, wenn nur eine schwache Hoffnung auf Erfolg vorhanden wäre; aber an der Spitze von Dienern und Pächtern sich den Lanzen von Brigaden entgegenzustellen, die in hundert Schlachten und Belagerungen siegreich gewesen, sei eine unsinnige Verschwendung unschuldigen und schätzenswerthen Blutes. Da sich von offenem Widerstande nichts hoffen ließ, begannen Royalisten und Republikaner schwarze Mordpläne zu ersinnen; aber des Protektors Kundschafter waren gut, und seine Wachsamkeit ward nicht lästig; nur in der Mitte der blanken Schwerter und Harnische seiner getreuen Garden verließ er die Mauern seines Palastes.

Wäre Cromwell ein grausamer, ausschweifender und raublustiger Regent gewesen, so hätte die Nation vielleicht in der Verzweiflung Muth gefunden und sich durch eine krampfhafte Anstrengung von der Militairherrschaft zu befreien gesucht; aber waren auch die Bedrückungen, unter denen das Land seufzte, stark genug, um ernstliche Unzufriedenheit zu erregen, so konnten sie doch die große Masse nicht bewegen, Leben, Vermögen und die Wohlfahrt der Familien einer furchtbaren Macht gegenüber auf das Spiel zu setzen. Die Last der Steuern war, wenn auch drückender als unter den Stuarts, mit den Nachbarstaaten verglichen und nach den Hilfsquellen Englands beurtheilt, eine leichte zu nennen. Das Eigenthum war sicher, und selbst der Cavalier, wenn er die neue Verfassung unangetastet ließ, genoß in Frieden, was ihm die bürgerlichen Unruhen gelassen hatten. Nur in Fällen, in denen es sich um die Sicherheit der Person und der Regierung des Protektors handelte, wurden die Gesetze überschritten; aber in Streitsachen zwischen Privaten ward die Justiz mit einer Strenge und Unparteilichkeit geübt, wie man sie zuvor nie gekannt. Seit der Reformation hatten unter keiner englischen Regierung so wenig religiöse Verfolgungen stattgefunden. Betrachtete man auch die unglücklichen Katholiken als dem Bereiche der christlichen Kirche nicht mehr angehörig, so gestattete man dennoch dem gestürzten anglikanischen Klerus, seinen Gottesdienst unter der Bedingung abzuhalten, daß seine Predigten alle Politik ausschlössen. Es durften selbst die Juden, denen seit dem dreizehnten Jahrhundert der öffentliche Gottesdienst untersagt gewesen, sich trotz der Opposition neidischer Kaufleute und fanatischer Theologen in London eine Synagoge bauen.