Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Erster Band enthaltend Kapitel 1 und 2

Part 12

Chapter 123,406 wordsPublic domain

Aber der König ließ den günstigen Augenblick vorübergehen, und dieser Augenblick kam nie wieder. Im August 1643 belagerte er die Stadt Gloucester, die von den Einwohnern und der Garnison mit einer Hartnäckigkeit vertheidigt ward, wie sie die Anhänger des Parlamentes seit dem Beginn des Krieges nicht gezeigt hatten. Dieses Beispiel erweckte den Eifer Londons, und die Miliz der City erklärte sich bereit, nach allen Orten zu gehen, wo man ihrer Dienste bedürfe. Man sammelte schnell eine beträchtliche Streitmacht, und ließ sie nach dem Westen ausrücken. Man entsetzte Gloucester. In allen Theilen des Königreichs verloren die Royalisten den Muth, die Parlamentspartei ward von neuem begeistert, und die abtrünnigen Lords, welche jüngst von Westminster nach Oxford geflohen waren, kehrten eilig von Oxford nach Westminster zurück.

[_Erstehen der Independenten._] Neue beunruhigende Symptome zeigten sich nun in dem kranken Staatskörper. Von Anfang an hatte die Parlamentspartei Männer gehabt, die Pläne zu verwirklichen suchten, vor denen die Mehrzahl dieser Partei zurückgebebt wäre. Diese Männer waren Independenten in religiöser Beziehung. Sie waren der Ansicht, jede christliche Gemeinde sei nach Christus die höchste Gerichtsstelle in geistlichen Angelegenheiten, Berufungen an Provinzial- und National-Synoden seien der heiligen Schrift eben so sehr entgegen, als Berufungen an den erzbischöflichen Gerichtshof oder den Vatican, und Papstthum, Prälatur und Presbyterianismus seien nur drei Formen einer und derselben großen Apostasie. In der Politik waren die Independenten, um sie mit der Benennung ihrer Zeit zu bezeichnen, Wurzel- und Zweig-Männer, oder, um einen verwandten Ausdruck unserer Zeit anzuwenden, Radicale. Mit der Beschränkung der Macht des Monarchen nicht zufrieden, wollten sie auf den Trümmern des alten englischen Staats eine Republik errichten. An Zahl wie an Einfluß waren sie anfangs zwar unbedeutend gewesen, aber bevor noch der Krieg zwei Jahre gedauert, hatten sie sich, wenn auch nicht zu der größten, doch zu der mächtigsten Partei im Lande ausgebildet. Die alten parlamentarischen Führer hatte theils der Tod geraubt, theils hatten sie selbst das öffentliche Vertrauen verscherzt. Pym war mit fürstlichen Ehren neben den Plantagenets zur Gruft bestattet; Hampden war seiner würdig gefallen, indem er bei einem vergeblichen Versuche, den kühnen Reitern Ruprechts standzuhalten, seinen Leuten ein heldenmüthiges Beispiel geben wollte; Bedford war der Sache untreu geworden; Northumberland war als ein lauer Anhänger bekannt, und Essex sammt seinen Unterbefehlshabern hatte wenig Kraft und Befähigung zur Leitung der Kriegsoperationen bewiesen. Unter diesen Umständen begann die feurige, entschlossene und hartnäckige Independenten-Partei sowohl im Lager als im Hause der Gemeinen ihr Haupt zu erheben.

[_Oliver Cromwell._] Die Seele dieser Partei war Oliver Cromwell. Er war zu friedlichen Beschäftigungen erzogen, hatte aber doch, schon über vierzig Jahre alt, eine Stelle in der Parlamentsarmee angenommen. Kaum Soldat geworden, erkannte er mit dem hellen Blicke des Genie's, was Essex und Genossen, trotz aller ihrer Erfahrung, nicht erkannt hatten. Ihm ward sofort klar, worin die Stärke der Royalisten bestand, und welche Mittel zur Bewältigung derselben anzuwenden seien. Er erkannte, daß eine Reorganisation des Parlamentsheeres nothwendig, und daß zu diesem Zwecke reiches und vortreffliches Material vorhanden sei, wenn auch nicht so glänzendes, aber doch zuverlässigeres als das, aus dem die tapfern Schwadronen des Königs gebildet waren. Es mußten Rekruten beschafft werden, die nicht nur als Miethlinge dienten, sondern aus anständigen Lebensverhältnissen kamen, und einen ernsten Charakter, Gottesfurcht und Eifer für die öffentliche Freiheit besaßen. Solche Männer stellte er in die Reihen seines eigenen Regimentes, und indem er sie einer strengen, bis dahin in England unbekannten Disziplin unterwarf, wirkte er zugleich durch Reizmittel von außerordentlicher Kraft auf ihre geistige und sittliche Natur.

Die Ereignisse des Jahres 1644 lieferten den vollständigen Beweis von der Überlegenheit seines Geistes. Im Süden, unter Essex' Oberbefehl, erlitten die Truppen des Parlaments eine schimpfliche Niederlage nach der andern; im Norden aber ward durch den Sieg bei Marston Moor ein reicher Ersatz für alles Das geboten, was andernorts verloren ging. Den Royalisten war dieser Sieg kein härterer Schlag, als der Partei, die in Westminster bis dahin das Übergewicht gehabt, denn man wußte allgemein, daß die Energie Cromwells und der ausdauernde Muth der von ihm gebildeten Truppen die Schlacht, welche die Presbyterianer schimpflich verloren, wieder gewonnen hatten.

[_Selbstverleugnungsverordnung._] Die Selbstverleugnungsverordnung und die neue Organisation der Armee waren Folgen dieser Begebenheiten. Essex und die meisten derjenigen Männer, die unter ihm hohe Posten eingenommen hatten, wurden unter schicklichen Vorwänden und mit allen Zeichen der Achtung entlassen; die Führung des Kriegs ward andern Händen übergeben. Fairfax, ein tapferer Soldat, aber ein Mann von mittelmäßigen Fähigkeiten und unentschlossenem Charakter, wurde dem Namen nach Generalissimus der Armee, Cromwell aber war das eigentliche Haupt derselben.

Cromwell organisirte nun eilig die ganze Armee nach denselben Grundsätzen, nach denen er die Organisation seines eigenen Regimentes bewirkt hatte, und mit der Vollendung dieses Werkes war auch der Ausgang des Krieges entschieden. Die Cavaliere standen nun einem natürlichen Muthe gegenüber, der nicht geringer als ihr eigener war, einem höhern Enthusiasmus, als sie selbst besaßen, und einer Disziplin, die ihnen durchaus mangelte. Daß die Soldaten des Fairfax und Cromwell von anderer Zucht seien, als die des Essex, wurde bald sprichwörtlich.

[_Sieg des Parlaments._] Der erste große Zusammenstoß der Royalisten und der neuorganisirten Armee der beiden Häuser hatte bei Naseby statt; der Sieg der Rundköpfe war vollständig und entscheidend, und andere Triumphe reiheten sich ihm in kurzer Zeit an. Wenig Monate genügten, und die Autorität des Parlaments war vollständig im ganzen Königreiche hergestellt. Karl flüchtete zu den Schotten, und diese lieferten ihn seinen englischen Unterthanen in einer Weise aus, die ihrem Nationalcharakter wenig Ehre machte.

Noch war der Ausgang des Krieges zweifelhaft, und schon hatte das Parlament den Primas hinrichten, den Gebrauch der Liturgie, soweit sich seine Autorität erstreckte, verbieten lassen, und Jedermann aufgefordert, jene berühmte Urkunde zu unterschreiben, die unter dem Namen der feierlichen Ligue und des Covenants bekannt ist. Nach beendigtem Kampfe ward das Werk der Neuerung und Rache mit erhöhtem Eifer fortgesetzt. Man veränderte die Kirchenverfassung des Königreichs und verjagte die meisten Mitglieder des alten Klerus aus ihren Pfründen. Den Royalisten, die schon durch die dem Könige gewährten reichen Unterstützungen verarmt waren, wurden so hohe Geldbußen auferlegt, daß sie völlig zu Grunde gingen. Viele Güter wurden confiscirt und viele geächtete Cavaliere fanden es gerathen, den Schutz einflußreicher Mitglieder der siegenden Partei mit großen Kosten zu erkaufen. Ausgedehnte Besitzungen der Krone, der Bischöfe und Kapitel zog man ein und vergab sie entweder an Andere, oder verkaufte sie öffentlich, so daß in Folge dieser Beraubungen ein großer Theil des Bodens von England auf einmal feilgeboten wurde. Da nur wenig Geld vorhanden, der Markt überfüllt, der Besitztitel unsicher und die Furcht vor mächtigen Kauflustigen der freien Mitbewerbung hinderlich war, waren die Preise oft nur dem Namen nach vorhanden. Spurlos verschwanden auf diese Weise viele alte und ehrenwerthe Familien, und viele bis dahin unbekannte Leute wurden in kurzer Zeit reich.

Während aber die Häuser in dieser Art ihre Autorität geltend machten, ward sie plötzlich ihren Händen entrissen. Das Parlament hatte diese Autorität dadurch erlangt, daß man eine Gewalt erschaffen, der keine Schranken gesetzt werden konnten. Im Sommer 1647, nachdem ungefähr zwölf Monate verflossen, seit der letzte feste Platz der Cavaliere sich dem Parlamente ergeben, mußte das Parlament sich seinen eigenen Soldaten unterwerfen.

[_Herrschaft und Charakter der Armee._] Nun folgte ein Zeitraum von dreizehn Jahren, in dem England, wenn auch unter verschiedenen Namen und Formen, in der That durch das Schwert regiert ward. Weder vor noch nach dieser Zeit ist in unserm Vaterlande die bürgerliche Gewalt einer Militairdictatur unterworfen gewesen.

Die Armee, die nun die Hauptmacht im Staate bildete, war von allen denen sehr verschieden, die wir seitdem kennen gelernt haben. Die Löhnung des gemeinen Soldaten ist jetzt der Art, daß sie nur die unterste Klasse der Arbeiter Englands reizen kann, ihren Stand aufzugeben. Der Gemeine ist von dem höhern Offizier durch eine fast unübersteigliche Schranke getrennt. Von allen denen, die im Militairdienste avancirt sind, hat die größere Mehrzahl die Stellen erkauft. Die entfernten Besitzungen Englands sind so zahlreich und ausgedehnt, daß jeder in den Kriegsdienst Eintretende fürchten muß, entweder viele Jahre im Exile, oder einige Jahre unter Himmelsstrichen zu verleben, die auf Gesundheit und Kraft eines Europäers nachtheilig einwirken. Die Armee des langen Parlaments war für den Dienst im Inlande bestimmt; die Löhnung des gemeinen Soldaten war bedeutend höher als der Lohn, den die große Masse des Volkes durch Arbeit verdiente, und jeder, der sich durch Einsicht und Tapferkeit auszeichnete, hatte Hoffnung auf höhere Stellungen. So kam es, daß in den Reihen des Heeres Leute standen, die an Stand und Bildung die große Masse überragten, nüchtern, sittlich, fleißig und zu denken gewöhnt waren, Leute, die weder aus Hang zur Veränderung und Zügellosigkeit, noch durch die Kniffe der Werbeoffiziere veranlaßt, sondern aus religiösem und politischem Eifer und mit dem Streben nach Auszeichnung und Beförderung die Waffen ergriffen hatten. Diese Soldaten sprachen in ihren feierlichen Beschlüssen mit Stolz aus, daß sie weder durch Zwang, noch aus Gewinnsucht Dienste genommen, daß sie nicht Janitscharen seien, sondern freigeborene Engländer, die aus eigenem Antriebe für die Freiheit und die Religion Englands ihr Leben einsetzten, und deren Recht und Pflicht es wäre, die Wohlfahrt der Nation, die sie gerettet hätten, zu bewachen.

Einem aus solchen Elementen hervorgegangenen Heere konnte man ohne Nachtheil für die Wirksamkeit desselben einige Freiheiten nachsehen, die bei andern Truppen alle Disziplin aufgelöst haben würden. Gewöhnlich werfen Soldaten, die politische Klubs bilden, Abgeordnete erwählen und Beschlüsse über wichtige politische Fragen fassen, jeden Zwang ab, hören auf eine Armee zu sein und werden die schlechtesten und gefährlichsten Pöbelhaufen. In unserer Zeit würde es nicht gerathen sein, religiöse Zusammenkünfte in irgend einem Regimente zu gestatten, bei denen ein Korporal, der in der Bibel belesen, die Andachtsübungen seines weniger aufgeklärten Obersten leitete, oder einen vom Glauben abgefallenen Major Zurechtweisungen ertheilte. Aber die Krieger, die Cromwell gebildet, waren so einsichtsvoll, so ernst und so mächtig ihrer selbst, daß, unbeschadet der militairischen Organisation, eine politische und religiöse in ihrem Lager bestehen konnte. Leute, die außer dem Dienste als Demagogen und als Prediger im freien Felde verrufen waren, zeichneten sich durch Beharrlichkeit, Liebe zur Ordnung und durch strengen Gehorsam sowohl auf der Wache und bei den Exercitien, als auf dem Kampfplatze aus.

Im Kriege war dieser wunderbaren Armee nicht zu widerstehen. Das System Cromwells hatte den unbeugsamen Muth, der dem englischen Volke eigen ist, nicht nur geregelt, es feuerte ihn auch an. Andere Führer haben eine eben so strenge Ordnung eingeflößt und ihren Leuten nicht minder glühenden Eifer eingeflößt, aber nur in seinem Lager fand man strenge Disziplin und feurigen Enthusiasmus gepaart Mit der Genauigkeit von Maschinen, obgleich wie Kreuzfahrer fanatisirt, rückten seine Truppen zum Siege. Von der Reorganisation bis zu seiner Auflösung hat das Heer weder auf den britischen Inseln noch auf dem Festlande einen Feind gefunden, der seinem Angriffe widerstehen konnte. In England, Schottland, Irland und Flandern haben die puritanischen Soldaten, wenn auch oft mit Schwierigkeiten und nicht selten gegen eine dreifach überlegene Macht kämpfend, nicht nur stets den Sieg errungen, sie haben auch jedes ihnen entgegenstehende Heer völlig geschlagen und vernichtet, so daß sie zuletzt den Tag der Schlacht als einen Tag unfehlbaren Siegs betrachteten und mit stolzer Zuversicht den berühmtesten Bataillonen Europa's entgegenrückten. Turenne staunte über das wilde Jubelgeschrei, mit dem seine englischen Verbündeten zum Kampfe gingen, und als er erfuhr, daß die Lanzenträger Cromwells stets mit hoher Freude dem Feinde in's Angesicht sähen, sprach er die höchste Zufriedenheit des wahren Soldaten aus. Auch in den verbannten Cavalieren regte sich der Nationalstolz, als sie eine Brigade ihrer Landsleute, von den Feinden an Zahl überlegen und von ihren Verbündeten verlassen, die schönste spanische Infanterie in wirrer Flucht vor sich hinjagen und den Weg zu einer Schanze brechen sahen, die so eben erst die tüchtigsten Marschälle von Frankreich für unüberwindlich erklärt hatten.

Aber die Hauptauszeichnung der Armee Cromwells vor andern Armeen waren die strenge Moralität und Gottesfurcht, die sich in allen Reihen zeigte. Selbst die eifrigsten Royalisten haben zugegeben, daß in diesem seltsamen Lager nie ein Schwur gehört, nie Trunkenheit und Spiel gesehen, und daß in der langen Zeit der Soldatenherrschaft das Eigenthum friedlicher Bürger und die Ehre der Frauen stets heilig gehalten worden sind. Die etwa vorkommenden Excesse waren von denen, die siegreiche Armeen gewöhnlich auszuüben pflegen, sehr verschieden. Es hatte sich keine Magd über rohe Galanterie der Rothröcke zu beklagen, und kein Goldschmied, daß aus seinem Laden eine Unze Silber genommen sei; aber eine pelagianische Predigt, oder ein Fenster, auf dem die Jungfrau mit dem Kinde abgebildet war, regten die puritanischen Reihen dergestalt auf, daß die Offiziere nur mit großer Anstrengung sie wieder beruhigen konnten. Die Musketiere und Dragoner von gewaltsamen Angriffen auf die Kanzeln der Geistlichen abzuhalten, deren Reden nicht, wie man sich zu jener Zeit ausdrückte, schmackhaft waren, bot für Cromwell eine der Hauptschwierigkeiten dar, und viele unserer Kathedralen tragen jetzt noch die Zeichen des Hasses, mit dem jene strengen Geister auf jede Spur des Papstthums blickten.

[_Unterdrückung der Aufstände gegen die Soldatenherrschaft._] Es war selbst für diese Armee keine leichte Aufgabe, das englische Volk im Zaume zu halten. Sobald die Nation, an eine solche Knechtung nicht gewöhnt, den ersten Druck der militairischen Tyrannei fühlte, begann sie einen heftigen Kampf dagegen. Selbst in den Grafschaften, die während des letzten Krieges dem Parlamente die unterwürfigsten gewesen waren, brachen Aufstände los. Das Parlament verabscheute in der That seine alten Vertheidiger mehr als seine alten Feinde, und mit Karl auf Unkosten der Truppen einen Vergleich zu schließen, war sein lebhaftester Wunsch. In Schottland erstand zu derselben Zeit eine Koalition zwischen den Royalisten und einer großen Zahl Presbyterianer, welche die Lehren der Independenten verabscheuten. Bald kam der Sturm zum Ausbruch. In Norfolk, Suffolk, Essex, Kent und Wales erfolgten Aufstände. Die Themseflotte zog plötzlich die königliche Flagge auf, stach in See und bedrohte die südliche Küste. Eine große schottische Heeresabtheilung überschritt die Grenze und rückte bis nach Lancashire vor. Daß alle diese Bewegungen von einem großen Theile der Lords und der Gemeinen mit stillem Wohlgefallen betrachtet wurden, läßt sich nicht mit Unrecht vermuthen.

Aber so war das Joch der Armee nicht abzuwerfen. Während Fairfax die Erhebungen in der Umgebung der Hauptstadt niederdrückte, schlug Cromwell die Insurgenten von Wales, zerstörte ihre festen Plätze und rückte gegen die Schotten vor. Gegen die angreifenden Truppen waren die seinigen nur gering an Zahl, aber er war nicht gewohnt, seine Feinde zu zählen. Die schottische Armee ward völlig vernichtet. Nun erfolgte eine Veränderung in der schottischen Regierung; in Edinburg setzte man eine dem Könige feindliche Verwaltung ein, und Cromwell, mehr als je von seinen Soldaten geliebt, kehrte triumphirend nach London zurück.

[_Verfahren gegen den König._] Nun bildete sich ein Plan zu einer festen Form aus, den Niemand bei dem Beginne des Bürgerkrieges auch nur anzudeuten gewagt haben würde und der mit der feierlichen Ligue und dem Covenant eben so im Widerspruche stand, als mit den alten Gesetzen von England. Seit mehrern Monaten hatten die finstern Krieger, welche die Nation beherrschten, eine furchtbare Rache an dem gefangenen Könige ersonnen. Wann und wie dieser Plan zuerst entstanden, ob er von dem Generale in die Reihen der Soldaten, oder von diesen zu dem Generale seinen Weg gefunden, ob er der Politik beizumessen ist, welche den Fanatismus als ihr Werkzeug benutzte, oder dem Fanatismus, der die Politik jäh mit sich fortriß, sind Fragen, die sich selbst heute noch nicht mit voller Sicherheit beantworten lassen. Im Allgemeinen aber läßt sich annehmen, daß der, der zu leiten schien, in der Wirklichkeit folgen mußte, und daß er bei diesem, wie einige Jahre später bei einem andern Anlasse, sein eigenes Urtheil und seine eigenen Neigungen den Wünschen des Heeres zum Opfer brachte; denn die von ihm erschaffene Macht konnte er selbst nicht immer zügeln, und um nach der Regel befehlen zu können, mußte er mitunter auch gehorchen. Er gab öffentlich die Erklärung ab, daß er weder die Sache angeregt habe, noch um die ersten Schritte wisse, daß er dem Parlamente die Ausführung des Streichs nicht habe anrathen können, aber daß er seine eigenen Gefühle der Macht der Verhältnisse untergeordnet, von der er geglaubt, sie deute die Zwecke der Vorsehung an. Man hat gewöhnlich diese Bekenntnisse für Beweise der Heuchelei gehalten, die man ihm beizumessen pflegte; aber selbst die, die ihn für einen Heuchler halten, werden es gewiß nicht wagen, ihn einen Narren zu nennen, und deshalb werden sie darthun müssen, daß er zu irgend einem Zwecke das Heer heimlich reizte, den Weg zu betreten, den er offen zu empfehlen nicht wagte. Die Annahme wäre widersinnig, daß er, dem selbst die achtbarsten Feinde weder muthwillige Grausamkeit noch unversöhnliche Rachsucht beigemessen haben, den wichtigsten Schritt seines Lebens aus reiner Bosheit gethan haben solle. Er war viel zu klug, um nicht wissen zu können, daß er durch das Einwilligen, das geheiligte Blut zu vergießen, eine That verübe, die nichts sühnen konnte, und welche nicht nur die Royalisten, sondern auch neun Zehntheile der Parlamentspartei mit Schmerz und Abscheu erfüllen würde. Mögen Andere Phantomen nachgehangen haben, er dachte sicher weder an eine Republik nach antikem Muster, noch an das tausendjährige Reich der Heiligen. Wenn er selbst schon danach strebte, eine neue Dynastie zu gründen, so wäre Karl I. offenbar ein weniger zu fürchtender Mitbewerber gewesen, als Karl II. Von dem Augenblicke an, in dem Karl I. starb, würde jeder Cavalier seine Loyalität unverkürzt auf Karl II. übertragen haben. Karl I. war ein Gefangener, Karl II. lebte in der Freiheit. Karl I. war selbst bei denen ein Gegenstand des Mißtrauens und der Abneigung, die bei dem Gedanken an seine Ermordung zurückbebten; Karl II. würde alle die Theilnahme für sich gehabt haben, die unglückliche Jugend und Unschuld erregen. Es läßt sich unmöglich annehmen, daß dem scharfsinnigsten Politiker jener Zeit so naheliegende und inhaltschwere Betrachtungen entgangen sein sollten. Das Wahre ist, daß Cromwell eine Zeit lang die Absicht hegte, zwischen dem Throne und dem Parlamente zu vermitteln und unter der Sanktion des königlichen Namens den zerrütteten Staat durch die Macht des Schwertes wieder aufzubauen. An dieser Absicht hielt er so lange fest, bis er durch den widerstrebenden Geist seiner Soldaten und die unheilbare Treulosigkeit des Königs sie aufzugeben gezwungen ward. Eine Partei im Lager forderte den Kopf des Verräthers, der mit Agag zu unterhandeln vorschlug. Es wurden Verschwörungen angezettelt, mit Anklagen laut gedroht, und eine Meuterei brach aus, die Cromwell mit aller seiner Kraft und Entschlossenheit kaum zu unterdrücken vermochte. Stellte er auch durch eine kluge Vereinigung von Strenge und Milde die Ordnung wieder her, so entging es ihm doch nicht, daß es im höchsten Grade schwierig und gefährlich sei, die Wuth von Kriegern bezähmen zu wollen, die den gefallenen Tyrannen nicht nur als ihren eigenen Feind, sondern auch als den Feind Gottes betrachteten.

Um diese Zeit stellte sich klarer als je heraus, daß man dem Könige nicht trauen dürfe. Die eigenen Laster hatten Karl völlig umstrickt, wobei allerdings auch Laster waren, die in schwierigen Lagen doppelt stark hervorzutreten pflegen. Die List ist dem Schwachen das natürlichste Vertheidigungsmittel, und ein Fürst, der auf dem Gipfel seiner Macht Täuschungen aus Gewohnheit ausübte, wird in schwierigen Lebenslagen und Bedrängnissen sich wahrlich der Aufrichtigkeit nicht befleißigen. So gewissenlos Karl in der Kunst zu heucheln war, eben so unglücklich war er auch darin, denn keinem Staatsmanne sind soviel Betrügereien und Unwahrheiten unwiderleglich nachgewiesen, als ihm. Er erklärte öffentlich die Häuser zu Westminster als ein gesetzliches Parlament, und gleichzeitig gab er im geheimen Rathe die Erklärung ab, daß diese Anerkennung nichtig sei. Er verwahrte sich öffentlich, daß er nie daran denke, fremde Hilfe gegen sein Volk in das Land zu rufen; heimlich suchte er Hilfe bei Frankreich, Dänemark und Lothringen. Er leugnete öffentlich, daß er Papisten in seine Dienste nähme; gleichzeitig sandte er seinen Generalen im Geheimen die Weisung, jeden Papisten, der dienen wolle, anzunehmen. Er nahm öffentlich zu Oxford das Sakrament darauf, daß er das Papstthum in England nie begünstigen wolle; im Geheimen gab er seiner Gattin die Versicherung, daß er das Papstthum in England dulden werde, und Lord Glamorgan ermächtigte er zu dem Versprechen, daß das Papstthum in Irland eingeführt werden solle; dann versuchte er, sich auf Kosten dieses Bevollmächtigten rein zu waschen: Glamorgan empfing von der Hand des Königs geschriebene Verweise, die zum Lesen für Andere bestimmt waren; aber auch lobende Anerkennungen, die nur er allein lesen solle. Und wahrlich, es beherrschte in der That die Falschheit den ganzen Charakter des Königs dergestalt, daß seine treuesten Freunde sich nicht enthalten konnten, sich gegenseitig mit bitterm Schmerze und tiefer Scham über seine unredliche Politik zu beklagen. Seine Niederlagen, äußerten sie, verursachten ihnen weniger Kummer als seine Intriguen. Seit dem Beginne seiner Gefangenschaft suchte er jeden Theil der siegreichen Partei durch Schmeicheleien und Umtriebe zu berücken, aber keiner seiner Versuche war je so unglücklich ausgefallen, als der, Cromwell durch Schmeicheleien zu täuschen und zu stürzen.