Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Achter Band: enthaltend Kapitel 15 und 16.

Part 9

Chapter 93,295 wordsPublic domain

[_Plan der englischen Jakobiten; Clarendon, Aylesbury, Dartmouth._] Inzwischen hatte Schomberg den Feldzug unter günstigen Auspicien eröffnet. Mit geringer Mühe hatte er Charlemont, die letzte wichtige Festung, welche die Irländer noch in Ulster behaupteten, genommen; aber das große Werk der Wiedereroberung der drei südlichen Provinzen der Insel verschob er bis zu Wilhelm's Ankunft. Wilhelm beschäftigte sich unterdessen mit den Anordnungen zur Regierung und Vertheidigung England's während seiner Abwesenheit. Er wußte sehr wohl, daß die Jakobiten auf ihrer Hut waren. Bis vor ganz Kurzem waren sie noch keine zusammenhängende und organisirte Faction gewesen. Es hatte, um Melfort's Ausdruck zu gebrauchen, zahlreiche Trupps gegeben, welche alle entweder mit Jakob im Dubliner Schlosse, oder mit Marien von Modena in Saint-Germains in Verbindung standen, unter einander aber keine Connection hatten und sich gegenseitig nicht trauten.[117] Seitdem es aber bekannt geworden war, daß der Usurpator über den Kanal zu gehen beabsichtige und daß er sein Scepter in weiblichen Händen zurücklassen wolle, hatten sich diese Trupps eng aneinander angeschlossen und eine ausgedehnte Verbindung zu bilden begonnen. Clarendon, der die Eide verweigert, und Aylesbury, der sie ehrloser Weise geleistet hatte, gehörten zu den Hauptverräthern. Dartmouth war, obgleich er den im Besitz der Macht befindlichen Souverainen Treue geschworen, einer ihrer thätigsten Feinde und er übernahm was man das Marinedepartement des Complots nennen kann. Sein Geist war beständig mit einem englischen Seemann eben nicht zur Ehre gereichenden Plänen zur Zerstörung der englischen Flotten und Arsenale beschäftigt. Er stand in enger Verbindung mit einigen Seeoffizieren, welche der neuen Regierung zwar dienten, aber doch nur ungern und mit halbem Herzen, und er schmeichelte sich, daß er diese Männer durch das Versprechen großer Belohnungen und durch geschicktes Anschüren des neidischen Hasses, mit dem sie die holländische Flagge betrachteten, dazu bewegen werde, zu desertiren und ihre Schiffe in einen französischen oder irländischen Hafen zu bringen.[118]

[_Penn._] Penn's Benehmen war kaum minder schändlich. Er war ein eifriger und geschäftiger Jakobit, und seine neue Lebensbahn war der moralischen Reinheit noch ungünstiger, als es die vorige gewesen war. Es war kaum möglich, zu gleicher Zeit ein consequenter Quäker und ein Höfling zu sein; ganz und gar unmöglich aber war es, ein consequenter Quäker und ein Verschwörer zu sein. Es ist schmerzlich es sagen zu müssen, daß Penn, während er selbst den Vertheidigungskrieg für sündhaft zu halten erklärte, doch Alles that was in seiner Macht stand, um eine fremde Armee ins Herz seines eignen Landes zu bringen. Er schrieb Jakob, daß die Anhänger des Prinzen von Oranien nichts so sehr fürchteten als einen Aufruf zu den Waffen, und daß, wenn jetzt von Frankreich oder Irland aus ein Einfall in England unternommen würde, die Zahl der Royalisten sich größer herausstellen werde als sie je gewesen. Avaux hielt diesen Brief für so wichtig, daß er Ludwig eine Abschrift davon einsandte.[119] Diese und ähnliche Mittheilungen, schrieb der schlaue Gesandte, hätten auf die Stimmung König Jakob's einen guten Eindruck gemacht, Se. Majestät sei endlich überzeugt, daß er seine Lande nur mit dem Schwerte in der Hand wieder erlangen könne. Es ist ein interessanter Umstand, daß es dem großen Friedensprediger vorbehalten sein sollte, diese Ueberzeugung im Geiste des alten Tyrannen hervorzurufen.[120] Penn's Verfahren war der Aufmerksamkeit der Regierung nicht entgangen. Man hatte Verhaftsbefehle gegen ihn erlassen und er war eingezogen worden; es hatten aber keine Beweise gegen ihn aufgebracht werden können, die eine Anklage auf Hochverrath begründet hätten; er hatte bei jeder Partei viele Freunde, die er auch trotz aller seiner Fehler zu haben verdiente, und er wurde daher bald wieder in Freiheit gesetzt, um zu seinen Comploten zurückzukehren.[121]

[_Preston._] Der Hauptverschwörer war jedoch Richard Graham, Viscount Preston, der unter der vorigen Regierung Staatssekretär gewesen war. Obgleich schottischer Peer, war er doch nur englischer Baronet. Er hatte zwar von Saint-Germains ein englisches Hochadelsdiplom erhalten; aber das Diplom war von einem späteren Datum als die Flucht, welche die Convention für eine Abdankung erklärt hatte. Die Lords hatten sich deshalb nicht nur geweigert, ihn ihrer Privilegien theilhaftig werden zu lassen, sondern sie schickten ihn sogar ins Gefängniß, weil er sich unbefugterweise einen der Ihrigen genannt habe. Da er indessen klein beigegeben und seinen Anspruch zurückgezogen, hatte er seine Freiheit wieder erlangt.[122] Obgleich die demüthige Sprache, die er bei dieser Gelegenheit zu führen sich herabgelassen, keineswegs einen Märtyrersinn verrieth, so betrachtete ihn doch seine Partei und die Welt überhaupt als einen Mann von Muth und Ehre. Er führte noch die Siegel seines Amtes und wurde von den Anhängern des unveräußerlich erblichen Rechts noch immer als der wirkliche Staatssekretär angesehen. Er stand in hoher Gunst bei Ludwig, an dessen Hofe er früher gelebt, und die französische Regierung hatte ihm seit der Revolution bedeutende Geldsummen zu politischen Zwecken anvertraut.[123]

Während Preston in der Hauptstadt mit den anderen Häuptern der Partei Berathungen pflog, häuften die auf dem Lande wohnenden Jakobiten Waffen auf, hielten Musterungen und formirten sich in Compagnien, Schwadronen und Regimenter. In Worcestershire zeigten sich beunruhigende Symptome. In Lancashire hatten viele Gentlemen von Jakob ausgestellte Offizierpatente erhalten, nannten sich Obersten und Hauptleute und entwarfen lange Listen von Unteroffizieren und Gemeinen. Briefe aus Yorkshire brachten die Nachricht, daß starke Männerschaaren, die sich in keiner guten Absicht versammelt zu haben schienen, auf den Sümpfen bei Knaresborough gesehen worden seien. Briefe aus Newcastle berichteten von einem großen Wettballspiele, das in Northumberland gehalten worden sei und von dem man stark vermuthe, das es nur als Vorwand zu einer Versammlung der Mißvergnügten gedient habe. Es sollten sich unter der Menge hundertfunfzig wohl berittene und bewaffnete Reiter befunden haben, von denen viele Papisten gewesen wären.[124]

Unterdessen gingen Briefpackete voll Verrath zwischen Kent und der Picardie und zwischen Wales und Irland beständig hin und her. Einige der Boten waren aufrichtige Fanatiker, andere aber waren bloße Miethlinge, welche aus den ihnen zur Besorgung anvertrauten Geheimnissen Gewinn zogen.

[_Die Jakobiten von Fuller verrathen._] Der interessanteste unter diesen zweifachen Verräthern war Wilhelm Fuller. Dieser Mann hat uns selbst erzählt, daß ihm in seiner Kindheit ein Buch in die Hände gefallen sei, das eine Beschreibung des verbrecherischen Lebens und des entsetzlichen Todes Dangerfield's enthielt. Die Phantasie des Knaben wurde dadurch erhitzt; er verschlang das Buch und lernte es fast auswendig; eine seltsame Ahnung stieg in ihm auf und verfolgte ihn seitdem beständig, daß sein Schicksal dem des schändlichen Abenteurers gleichen werde, dessen Geschichte er so eifrig gelesen hatte.[125] Man hätte meinen sollen, daß die Aussicht, mit zerfleischtem Rücken und ausgeschlagenem Auge in Newgate zu sterben, eben nicht viel Lockendes gehabt haben könnte; allein die Erfahrung lehrt, daß es überspannte Köpfe giebt, für welche eine gewisse Berühmtheit, selbst wenn sie mit Schmerz und Schande begleitet ist, einen unwiderstehlichen Reiz hat. Von diesem verwerflichen Ehrgeize beseelt, erreichte Fuller sein Vorbild und übertraf es vielleicht noch. Er war im römisch-katholischen Glauben erzogen und war Page bei Lady Melfort gewesen, als Lady Melfort als eine der schönsten Frauen im Hofstaate Mariens von Modena in Whitehall glänzte. Nach der Revolution begleitete er seine Gebieterin nach Frankreich, wurde wiederholt zu delikaten und gefährlichen Aufträgen verwendet und galt in Saint-Germains für einen treuen Diener des Hauses Stuart. In Wirklichkeit aber hatte er sich auf einer seiner Reisen nach London der neuen Regierung verkauft und den Glauben abgeschworen, in welchem er erzogen war. Die Ehre, wenn man es so nennen darf, aus einem werthlosen Papisten einen werthlosen Protestanten aus ihm gemacht zu haben, schrieb er mit characteristischer Unverschämtheit der klaren Logik und dem tadellosen Wandel Tillotson's zu.

Im Frühjahr 1690 wünschte Marie von Modena ihren Correspondenten in London einige sehr wichtige Depeschen zukommen zu lassen. Da diese Depeschen zu voluminös waren um in den Kleidern eines einzelnen Boten verborgen werden zu können, mußte man sich zweier Vertrauten bedienen. Der Eine war Fuller, der Andre war ein eifriger junger Jakobit, Namens Crone. Vor ihrer Abreise erhielten sie noch genaue Instructionen von der Königin selbst. Bei einer gewöhnlichen Untersuchung war an ihnen kein Schnitzchen Papier zu entdecken; aber ihre Knöpfe enthielten mit unsichtbarer Tinte geschriebene Briefe.

Das Paar reiste nach Calais. Der Gouverneur dieser Stadt lieferte ihnen ein Boot, das sie unter dem Schutze der Nacht an der flachen und sumpfigen Küste von Kent unweit des Leuchtthurmes von Dungeneß absetzte. Von hier gingen sie nach einer Meierei, verschafften sich Pferde und schlugen verschiedene Wege nach London ein. Fuller eilte nach Schloß Kensington und überreichte dem Könige die ihm anvertrauten Papiere. Der erste Brief, den Wilhelm entfaltete, schien nur überschwengliche Complimente zu enthalten; aber es wurden Holzkohlen angezündet und eine den damaligen Diplomaten wohlbekannte Flüssigkeit auf das Papier gebracht; das Zimmer füllte sich mit einem übelriechenden Dampfe und Zeilen sehr ernsten Inhalts begannen sichtbar zu werden.

[_Crone verhaftet._] Die Hauptsache war jetzt vor Allem, daß man Crone's habhaft zu werden suchte. Unglücklicherweise hatte er Zeit gehabt, seine Briefe abzugeben, bevor er festgenommen wurde; aber man hatte ihm eine Schlinge gelegt, in die er leicht ging. Die aufrichtigen Jakobiten waren im Allgemeinen sehr unzuverlässige Verschwörer; es gab unter ihnen eine ungewöhnlich große Anzahl Dummköpfe, Prahler und Schwätzer, und dazu gehörte auch Crone. Wäre er klug und vorsichtig gewesen, so würde er öffentliche Orte gemieden, seine Zunge streng bewacht und sich bei Tische mit einer Flasche begnügt haben. Anstatt dessen sahen die Agenten der Regierung, wie er an einer Wirthshaustafel in Gracechurch Street auf die Gesundheit König Jakob's trank und bombastisch von der kommenden Restauration, von der französischen Flotte und den Tausenden rechtschaffener Engländer sprach, welche nur das Zeichen erwarteten, um sich für ihren rechtmäßigen Souverain bewaffnet zu erheben. Er wurde in das Sekretariatsbureau nach Whitehall gebracht. Anfangs schien er ganz ruhig und unbefangen zu sein; als er aber unter den Umstehenden Fuller in Freiheit und elegant gekleidet, mit einem Degen an der Seite erblickte, sank dem Gefangenen der Muth und er war kaum im Stande ein Wort hervorzubringen.[126]

Die Nachricht, daß Fuller als Königszeuge aufgetreten, Crone verhaftet und Wilhelm wichtige Briefe aus Saint-Germains in die Hände gefallen seien, flog rasch durch ganz London und verbreitete Schrecken unter Allen, die sich schuldig fühlten.[127] Allerdings war die Aussage eines Zeugen, wäre dieser Zeuge auch ein achtbarerer Mann als Fuller gewesen, gesetzlich nicht hinreichend, um Jemanden des Hochverraths zu überführen. Aber Fuller hatte die Sache so einzurichten gewußt, daß mehrere Zeugen vorgeführt werden konnten, die seine Aussage gegen Crone bestärkten, und wenn Crone in der Todesangst Fuller's Beispiel nachahmte, so fielen die Köpfe der Oberhäupter der Verschwörung in die Gewalt der Regierung. Der Muth der Jakobiten wuchs jedoch, als sie erfuhren, daß Crone, obgleich zu wiederholten Malen von Denen verhört, die ihn in ihrer Gewalt hatten, und obgleich überzeugt, daß nichts als ein offenes Geständniß ihm das Leben retten konnte, ein entschlossenes Stillschweigen bewahrt habe. Welchen Eindruck eine Verurtheilung und die nahe Aussicht des Todes auf ihn machen würde, stand noch zu erwarten. Seinen Complicen war durchaus nichts daran gelegen, daß seine Standhaftigkeit auf eine so harte Probe gestellt werde, und sie wendeten daher eine Menge erlaubter und unerlaubter Kunstgriffe an, um eine Ueberführung zu hintertreiben. Eine Frau, Namens Clifford, bei der er gewohnt hatte und die einer der thätigsten und schlauesten Agenten der jakobitischen Partei war, wurde mit dem Geschäft betraut, ihn standhaft zu erhalten und ihm Dienste zu leisten, vor denen skrupulöse oder ängstliche Agenten zurückgeschreckt sein würden. Als der gefürchtete Tag kam, war Fuller zu unwohl, um in der Zeugenloge zu erscheinen und die Sitzung wurde daher verschoben. Er behauptete, daß seine Krankheit keine natürliche sei, daß man ihm in einer Speise etwas Schädliches beigebracht habe, daß seine Nägel sich entfärbt hätten, daß ihm die Haare ausfielen und daß geschickte Aerzte ihn für vergiftet erklärten. Aber solche Geschichten müssen, selbst wenn sie sich auf eine bessere Autorität als auf die eines Fuller gründen, stets mit großem Mißtrauen aufgenommen werden.

Während Crone seiner Untersuchung entgegensah, wurde auf dem Wege zwischen Dover und London ein zweiter Agent des Hofes von Saint-Germains, Namens Tempest, verhaftet, und er erwies sich als der Ueberbringer zahlreicher Briefe an Mißvergnügte in England.[128] Es stellte sich mit jedem Tage klarer heraus, daß der Staat von Gefahren umgeben war, und doch war es durchaus nothwendig, daß das geschickte und entschlossene Staatsoberhaupt in diesem kritischen Augenblicke seinen Posten verließ.

[_Schwierigkeiten Wilhelm's._] Mit peinlicher Besorgniß, die nur ein Mann wie er unter dem Anschein stoischer Heiterkeit zu verbergen vermochte, traf Wilhelm seine Anstalten zur Abreise. Marie war tief bekümmert, und ihr Kummer ging ihm mehr zu Herzen als Diejenigen ahneten, die aus seinem Benehmen auf den Zustand seines Innern schlossen.[129] Er wußte auch, daß er sie umringt von Schwierigkeiten, mit denen zu kämpfen ihre Gewohnheiten sie nicht befähigt hatten, zurücklassen sollte. Sie bedurfte gewiß beständig einsichtsvollen und wohlmeinenden Rathes; und wo war solcher Rath zu finden? Es gab zwar unter seinen Dienern viel tüchtige und auch einige tugendhafte Männer; aber selbst wenn er anwesend war, hatten ihre politischen und persönlichen Animositäten nur zu oft sowohl ihre Talente wie ihre Tugenden nutzlos für ihn gemacht. Konnte man also wohl erwarten, daß die sanfte Marie im Stande sein werde, den Parteigeist und die Eifersüchteleien zu zügeln, welche ihr energischer und kluger Gemahl nur sehr unvollkommen hatte in Schranken halten können? Hätte man das innere Cabinet, das die Königin unterstützen sollte, ausschließlich aus Whigs oder aus Tories zusammengesetzt, so würde die halbe Nation unzufrieden gewesen sein. Bestand es aus Whigs und Tories, so konnte man wieder gewiß sein, daß beständige Uneinigkeit herrschen werde. Wilhelm befand sich in einer Lage, die ihm nur die Wahl zwischen verschiedenen Uebeln ließ.

[_Benehmen Shrewsbury's._] Alle diese Schwierigkeiten wurden noch vermehrt durch das Benehmen Shrewsbury's. Das Studium des Characters dieses Mannes ist höchst interessant. Er schien das verwöhnte Schooßkind der Natur wie des Glücks zu sein. Vornehme Geburt, hoher Rang, große Besitzungen, schöne Talente, umfassende Kenntnisse, angenehme Persönlichkeit, ungemein anmuthige und gewinnende Manieren vereinigten sich bei ihm, um ihn zu einem Gegenstande der Bewunderung und des Neides zu machen. Aber trotz aller dieser Vorzüge hatte er einige moralische und intellectuelle Eigenheiten, die ihn sich selbst und Allen, welche mit ihm in Berührung kamen, zur Last machten. Sein Benehmen zur Zeit der Revolution hatte der Welt eine hohe Meinung nicht nur von seinem Patriotismus, sondern auch von seinem Muthe, seiner Energie und seiner Entschiedenheit beigebracht. Doch wahrscheinlich hatten damals seine jugendliche Begeisterung und die durch öffentliche Sympathie und Beifall verursachte Freude ihn über sich selbst erhoben. Fast keine andre Epoche seines Lebens war mit diesem glänzenden Anfang aus einem Gusse. Er war kaum Staatssekretär geworden, als es sich auch schon zeigte daß seine Kräfte für einen solchen Posten nicht ausreichten. Die tägliche Anstrengung, die schwere Verantwortlichkeit, die Täuschungen, die Kränkungen und der Tadel, welche von der Macht unzertrennlich sind, brachen seinen Muth, verbitterten seine Gemüthsstimmung und untergruben seine Gesundheit. Naturen wie die seinige scheinen der aufrechthaltenden Kraft starker religiöser Grundsätze ganz besonders zu bedürfen, und leider hatte Shrewsbury, indem er das Joch des Aberglaubens abschüttelte, in dem er erzogen war, sich auch von heilsameren Banden befreit, welche seinen von Haus aus schwachen Character vielleicht zur Festigkeit und Rechtschaffenheit gestählt haben würden. Da er dieser Stütze entbehrte, war er bei all' seinen ausgezeichneten Gaben ein schwacher Mensch und konnte trotz vieler liebenswürdiger und gewinnender Eigenschaften ein braver Mann nicht genannt werden. Um glücklich zu sein hätte er entweder viel besser oder viel schlechter sein müssen. So wie er war, kannte er weder den edlen Seelenfrieden, der der Lohn der Rechtschaffenheit ist, noch den verächtlichen Seelenfrieden, der aus Schamlosigkeit und Unempfindlichkeit entspringt. Wenige Leute, die so wenig Kraft hatten, der Versuchung zu widerstehen, haben von Reue und Scham so grausam gelitten wie er.

Für einen Mann von solchem Character muß die Stellung eines Staatsministers während des auf die Revolution folgenden Jahres eine beständige Qual gewesen sein. Die Schwierigkeiten, von denen die Regierung auf allen Seiten umlagert war, die Böswilligkeit ihrer Feinde, die Unbilligkeit ihrer Freunde, die Erbitterung mit der die feindlichen Parteien über einander und über jeden Vermittler, der sie zu trennen versuchte, herfielen, hätten allerdings auch einen entschlossenen Character entmuthigen können. Shrewsbury war noch kein halbes Jahr im Amte, als er Herz und Kopf vollständig verloren hatte. Er begann Briefe an Wilhelm zu schreiben, von denen sich kaum denken läßt, daß ein so energischer Fürst sie ohne ein Gemisch von Mitleid und Verachtung gelesen haben kann. »Ich fühle,« -- dies war der stete Refrain dieser Episteln -- »daß ich meinem Posten nicht gewachsen bin. Ich bin keiner Anstrengung mehr fähig. Ich bin nicht mehr der Nämliche, der ich vor einem halben Jahre war. Meine Gesundheit wird immer schwankender, meine Seele leidet Folterqualen, mein Gedächtniß ist geschwächt; nur Ruhe und Zurückgezogenheit kann mich wiederherstellen.« Wilhelm gab freundliche und besänftigende Antworten, und eine Zeit lang beruhigten diese Antworten das zerrüttete Gemüth seines Ministers.[130] Endlich aber versetzten die Auflösung des Parlaments, die allgemeine Wahl, die Veränderungen in den Friedensrichterstellen und in den Milizen, und schließlich die Debatten über die beiden Abschwörungsbills Shrewsbury in einen an Wahnsinn grenzenden Zustand. Er zürnte den Whigs, daß sie den König schlecht behandelten, und doch zürnte er noch mehr dem Könige, daß er die Tories begünstigte. In welchem Augenblicke und durch welchen Einfluß der unglückliche Mann bewogen wurde, einen Verrath zu begehen, dessen Bewußtsein einen dunklen Schatten auf sein ganzes ferneres Leben warf, ist nicht genau bekannt. Sehr wahrscheinlich aber ist es, daß seine Mutter, die, obgleich das verworfenste Weib von der Welt, große Gewalt über ihn hatte, eine schwache Stunde, wo er erbittert darüber war, daß man seinen Rath verschmäht und den von Danby und Nottingham vorgezogen hatte, in verderblicher Weise benutzte. Sie war noch Mitglied der Kirche, von der ihr Sohn sich losgesagt, und meinte vielleicht dadurch daß sie ihn von seinen Empörungsgedanken zurückbrachte, die Verletzung ihres Ehegelübdes und den Mord ihres Gemahls einigermaßen wieder gut zu machen.[131] Gewiß ist soviel, daß Shrewsbury noch vor Ende des Frühjahrs 1690 Jakob seine Dienste angeboten und Jakob sie angenommen hatte. Man verlangte einen Beweis von der Aufrichtigkeit des Convertiten: er mußte die Siegel aufgeben, die er aus der Hand des Usurpators angenommen.[132] Es ist wahrscheinlich, daß Shrewsbury seinen Fehler kaum begangen hatte, als er ihn auch schon zu bereuen begann. Aber er besaß nicht Characterstärke genug, um auf dem Wege des Bösen umzukehren. Seine eigne Schändlichkeit verabscheuend, eine Entdeckung fürchtend, die seiner Ehre verderblich werden mußte, vor dem Weitergehen eben so wohl wie vor dem Umkehren zurückschreckend, litt er Qualen, an die man unmöglich ohne Mitleid zurückdenken kann. Die wahre Ursache seiner Seelenangst war noch ein tiefes Geheimniß; seine inneren Kämpfe und seine Ansichtswechsel aber waren allgemein bekannt und lieferten der Stadt einige Wochen lang Stoff zur Unterhaltung. Eines Nachts, als er eben in sehr aufgeregtem Gemüthszustande mit den Siegeln in der Hand sich in den Palast begeben wollte, wurde er durch Burnet überredet, seine Demission noch um einige Stunden zu verschieben. Einige Tage später wurde Tillotson's Beredtsamkeit zu dem nämlichen Zwecke angewendet.[133] Drei- oder viermal legte der Earl die Insignien seines Amtes auf den Tisch des königlichen Cabinets und eben so oft ließ er sich durch das freundliche Zureden des Gebieters, dem Unrecht gethan zu haben er sich bewußt war, bewegen, dieselben wieder mit sich zu nehmen. So verzögerte sich sein Rücktritt bis zum letzten Tage vor der Abreise des Königs. Die fortwährende Gemüthsbewegung hatte Shrewsbury ein schleichendes Fieber zugezogen, so daß Bentinck, der noch einen letzten Versuch machen wollte, ihn zur Fortführung seines Amtes zu bewegen, ihn im Bett und zu unwohl fand, um mit ihm sprechen zu können.[134] Die so oft eingereichte Entlassung wurde daher endlich angenommen und einige Monate lang war Nottingham der einzige Staatssekretär.

[_Der Neunerrath._] Es war keine kleine Vermehrung der Sorgen Wilhelm's, daß in einem solchen Augenblicke seine Regierung durch diesen Austritt geschwächt würde. Er that indessen sein Möglichstes mit den ihm noch verbleibenden Kräften und wählte schließlich neun Mitglieder des Geheimen Raths, deren Rathschläge Marie befolgen sollte. Vier davon, Devonshire, Dorset, Monmouth und Eduard Russell, waren Whigs; die übrigen fünf, Caermarthen, Pembroke, Nottingham, Marlborough und Lowther, waren Tories.[135]