Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Achter Band: enthaltend Kapitel 15 und 16.

Part 6

Chapter 63,160 wordsPublic domain

Während die City in diesem aufgeregten Zustande war, kam ein durch königliche Proklamation angeordneter allgemeiner Fasttag. Die zur Motivirung dieses feierlichen Andachtsactes angeführten Gründe waren der beklagenswerthe Zustand Irland's und die bevorstehende Abreise des Königs. Es wurden Gebete für das persönliche Wohl Sr. Majestät und für den Erfolg seiner Waffen zum Himmel emporgesandt. Die Kirchen London's waren gedrängt voll, und die ausgezeichnetsten Kanzelredner der Hauptstadt, welche fast ohne Ausnahme entweder gemäßigte Tories oder gemäßigte Whigs waren, bemühten sich, das Volk zu beschwichtigen und ermahnten ihre Heerden in diesem kritischen Zeitpunkte dem Fürsten, mit dessen Geschick das Geschick der ganzen Nation verkettet sei, eine herzliche Unterstützung nicht vorzuenthalten. Burnet erzählte einer zahlreichen Gemeinde von der Kanzel herab, wie die Griechen, als der Großtürke Anstalt machte, Constantinopel zu belagern, nicht bewogen werden konnten, einen Theil ihres Reichthums der gemeinsamen Vertheidigung zum Opfer zu bringen und wie bitter sie nachher ihren Geiz bereueten, als sie gezwungen wurden, den siegreichen Ungläubigen die Schätze auszuliefern, die sie den Bitten des letzten christlichen Kaisers abgeschlagen hatten.[77]

[_Stimmung der Whigs._] Die Whigs in ihrer Gesammtheit bedurften jedoch einer solchen Mahnung nicht, denn bei all' ihrem Aerger und Unmuth erkannten sie doch sehr wohl, daß von der Stabilität des Thrones Wilhelm's Alles abhing, was ihnen am höchsten galt. Wozu einige von ihnen sich vielleicht hätten verleiten lassen, wenn sie einen andren Führer hätten finden können, wenn zum Beispiel ihr protestantischer Herzog, ihr König Monmouth noch am Leben gewesen wäre, mag dahin gestellt bleiben. Jetzt hatten sie keine andre Wahl als zwischen dem Fürsten, den sie auf den Thron gesetzt, und dem Fürsten, den sie vom Throne gestoßen hatten. Es wäre wahrhaftig sehr sonderbar gewesen, wenn sie für Jakob Partei genommen hätten, um Wilhelm zu bestrafen, dem sie keinen schlimmeren Fehler zur Last legen konnten, als daß er die rachsüchtigen Gefühle nicht theilte, mit denen sie der Tyrannei Jakob's gedachten. So sehr ihnen die Amnestiebill mißfiel, sie hatten die blutigen Assisen nicht vergessen. Sie blieben daher trotz ihrer Verstimmung ihrem eigenen Könige treu und waren, obgleich sie über ihn murrten, bereit, ihm mit Gut und Blut wider seinen Gegner beizustehen.[78]

[_Verkehr einiger Whigs mit Saint-Germains. Shrewsbury; Ferguson._] Es gab allerdings Ausnahmen, aber es waren ihrer nur sehr wenige und sie kamen fast nur in zwei Klassen vor, deren gesellschaftliche Stellung zwar weit von einander verschieden war, die sich aber in Lauheit der Grundsätze sehr ähnelten. Alle die Whigs, von denen man weiß, daß sie mit Saint-Germains in Unterhandlung standen, gehörten nicht dem Hauptkörper der Partei, sondern entweder dem Kopfe oder dem Schweife derselben an. Es waren entweder Patrizier von hohem Range und hoher amtlicher Stellung, oder Lumpe, die schon seit langer Zeit zu den unsaubersten Parteizwecken benutzt wurden. Zur ersteren Klasse gehörte Shrewsbury, die hervorragendste Persönlichkeit der letzteren war Robert Ferguson. Von dem Tage, an welchem das Conventionsparlament aufgelöst wurde, fing Shrewsbury an in seiner Treue zu wanken; im Publikum aber bekam man davon erst lange nachher eine Ahnung. Daß Ferguson wenige Monate nach der Revolution ein wüthender Jakobit geworden, war Niemandem ein Geheimniß und konnte eigentlich auch Niemanden Wunder nehmen. Er konnte für seinen Abfall nicht einmal den erbärmlichen Entschuldigungsgrund anführen, daß er zurückgesetzt worden sei. Die schmachvollen Dienste, die er früher seiner Partei als Spion, als Anstifter von Unruhen, als Vertheiler von Bestechungen, als Verfasser von Libellen, als Einbläser falscher Zeugen geleistet hatte, waren für die Ehre der neuen Regierung nur zu freigebig belohnt worden. Ein hohes Amt konnte er daher unmöglich bekleiden. Aber es war für ihn eine Sinekure mit fünfhundert Pfund jährlichem Gehalte im Departement der Accise creirt worden. Er besaß daher was nach seinen Begriffen Reichthum war; aber Reichthum befriedigte ihn nicht. Zwar hatte er nie Bedenken getragen, für Geld Betrügereien, welche durch Heuchelei noch erschwert wurden, zu verüben; doch war die Liebe zum Gelde nicht seine stärkste Leidenschaft. Lange Gewohnheit hatte in ihm einen moralischen Krankheitszustand entwickelt, von dem Leute, welche die politische Agitation zu ihrem Lebensberufe erwählt haben, selten ganz frei sind. Er konnte nicht Ruhe halten. Das Aufwiegeln, das ursprünglich sein Geschäft gewesen, war dadurch auch sein Vergnügen geworden. Er konnte eben so wenig leben, ohne Unheil zu stiften, wie ein alter Branntweintrinker oder ein alter Opiumesser ohne seine tägliche Portion Gift leben kann. Gerade die Unbequemlichkeiten und Gefahren eines gesetzwidrigen Lebens hatten einen unwiderstehlichen Reiz für ihn. Er konnte eben so wenig in einen friedlichen und loyalen Unterthan verwandelt werden, wie der Fuchs in einen Schäferhund verwandelt werden oder wie die Weihe die Gewohnheiten des Hausgeflügels erlernen kann. Wie der rothe Indianer seine Jagdgründe cultivirten Feldern und schönen Städten vorzieht, wie der Zigeuner, wenn er unter einem behaglichen Dache wohnt und eine gesunde, frische Nahrung hat, sich noch immer nach dem zerrissenen Zelte auf dem Moor und nach der Mahlzeit von verdorbenem Fleisch zurücksehnt, eben so wurde Ferguson des Ueberflusses und der Sicherheit, seines Gehalts, seines Hauses, seiner Tafel und seiner Equipage müde und sehnte sich danach, wieder der Präsident von Gesellschaften, in welche Niemand ohne die Parole eingelassen wurde, der Vorsteher geheimer Druckereien, der Verbreiter aufrührerischer Flugschriften zu sein, die Mauern mit Signalements seiner Person und mit Belohnungsanerbietungen für seine Festnehmung bedeckt zu sehen, sechs bis sieben Namen mit einer andren Perrücke und einem andren Rocke für jeden derselben zu führen und drei Mal die Woche mitten in der Nacht die Wohnung zu wechseln. Seine Feindschaft galt nicht dem Papismus oder dem Protestantismus, dem monarchischen oder dem republikanischen System, dem Hause Stuart oder dem Hause Nassau, sondern überhaupt allem zur Zeit Bestehenden.

[_Hoffnungen der Jakobiten._] Den Jakobiten war dieser neue Verbündete sehr willkommen, denn sie beschäftigten sich gerade mit Plänen, bei denen sie der Hülfe eines alten erfahrenen Verschwörers dringend bedurften. Von dem Tage, an welchem bekannt gemacht worden war, daß Wilhelm beschlossen habe, das Commando in Irland zu übernehmen, war eine große Bewegung unter ihnen entstanden und sie sahen seiner Abreise mit ungeduldiger Hoffnung entgegen. Er war ein Fürst, gegen den man es nicht leicht wagte, die Fahne der Empörung aufzupflanzen. Sein Muth, sein Scharfblick, die Verschwiegenheit seiner Räthe, der Erfolg, der bis dahin alle seine Unternehmungen gekrönt hatte, imponirten der Menge, und selbst seine erbittertsten Feinde fürchteten ihn mindestens eben so sehr als sie ihn haßten. So lange er noch in Kensington war, bereit, jeden Augenblick zu Pferde zu steigen, begnügten sich die Uebelgesinnten, denen ihr Kopf und ihr Vermögen lieb war, damit, ihrem Hasse dadurch Luft zu machen, daß sie auf den Untergang seiner Habichtsnase tranken und mit bedeutungsvoller Energie die Orange, das Emblem seines Hauses, zusammendrückten. Aber ihr Muth stieg bei dem Gedanken, daß nun bald das Meer zwischen ihm und unsrer Insel liegen würde. Bei den militärischen und politischen Berechnungen der damaligen Zeit hatten dreißig Meilen Wasser ebenso viel zu bedeuten wie jetzt dreihundert Meilen. Wind und Wellen unterbrachen häufig alle Communication zwischen England und Irland. Es geschah zuweilen, daß zwei bis drei Wochen lang keine Nachricht von London nach Dublin gelangte. Zwanzig englische Grafschaften konnten unter den Waffen stehen, bevor man in Ulster nur erfuhr, daß ein Aufstand befürchtet werde. Zu Anfang des Frühjahrs versammelten sich daher die dirigirenden Mißvergnügten in London, um einen umfassenden Operationsplan zu entwerfen, und correspondirten eifrig sowohl mit Frankreich als mit Irland.

[_Zusammentritt des neuen Parlaments._] So war die Stimmung der englischen Parteien, als das neue Parlament am 20. März seine Sitzungen eröffnete. Das erste Geschäft welches die Gemeinen vorzunehmen hatten, war die Wahl eines Sprechers. Lowther schlug Trevor vor, der auch ohne Opposition gewählt und mit dem herkömmlichen Ceremoniell vorgestellt und bestätigt wurde. Hierauf hielt der König eine Rede, in der er den beiden Häusern ganz besonders zwei wichtige Gegenstände zur Berathung anempfahl: die Feststellung der Staatseinkünfte und die Bewilligung einer Amnestie. Er hob nachdrücklich die Nothwendigkeit der Beschleunigung hervor. Jeder Tag sei kostbar, der Augenblick zum Handeln rücke heran. »Lassen Sie uns nicht,« sagte er, »die Zeit mit Debatten hinbringen, während unsere Feinde im Felde stehen.«[79]

[_Feststellung des Staatseinkommens._] Der erste Gegenstand, den die Gemeinen in Berathung nahmen, war der Stand des Staatseinkommens. Ein großer Theil der Steuern war seit der Thronbesteigung Wilhelm's und Mariens unter der Autorität von auf kurze Zeit erlassenen Acten erhoben worden, und es war jetzt Zeit, endgültige Anordnungen zu treffen. Es wurde dem Hause ein Verzeichniß der Besoldungen und Pensionen vorgelegt, für welche Deckung zu beschaffen war, und der Betrag der dafür ausgeworfenen Summen rief wohlbegründete Klagen seitens der unabhängigen Mitglieder hervor, unter denen sich Sir Karl Sedley durch seinen sarkastischen Humor auszeichnete. Eine geistreiche Rede, die er gegen die Stelleninhaber hielt, wurde heimlich gedruckt und weit verbreitet; sie ist seitdem oft neu aufgelegt worden und beweist, daß seine Zeitgenossen sich nicht irrten, indem sie ihn für einen Mann von Talent und lebendigem Geiste hielten, was man bei Lesung seiner Gedichte und Schauspiele versucht wird zu bezweifeln. Leider verpuffte die üble Laune, welche der Anblick der Civilliste erregte, in Späßen und Invectiven, ohne irgend eine Reform herbeizuführen.

Das ordentliche Einkommen, welches der Regierung vor der Revolution zur Verfügung gestanden hatte, war theils erblich gewesen, theils aus Steuern gezogen worden, welche jedem Souverain auf Lebenszeit bewilligt waren. Das erbliche Einkommen war mit der Krone auf Wilhelm und Marien übergegangen. Es floß aus den Erträgnissen der königlichen Domainen, aus Sporteln, Geldbußen und Weinlicenzen, aus den Erstlingen und Zehnten der Pfründen, aus den Einnahmen des Postamts und aus demjenigen Theile der Accise, welcher unmittelbar nach der Restauration Karl II. an Stelle der unseren früheren Königen schuldigen Lehndienste für alle Zeiten bewilligt worden war. Das Einkommen aus allen diesen Quellen wurde auf vier- bis fünfhunderttausend Pfund geschätzt.[80]

Die Accis- und Zolleinnahmen, welche Jakob auf Lebenszeit bewilligt worden waren, hatten am Schlusse seiner Regierung die Summe von ungefähr neunhunderttausend Pfund erreicht. Wilhelm wünschte natürlich dieses Einkommen in derselben Weise zu beziehen, wie sein Oheim es genossen hatte, und seine Minister thaten ihr Möglichstes, um seine Wünsche zu befriedigen. Lowther beantragte, daß die Bewilligung für des Königs und der Königin gemeinschaftliche und für jedes Einzelnen Lebenszeit gelten solle, und er sprach wiederholt und nachdrücklich zur Vertheidigung dieses Antrags. Er hob Wilhelm's Ansprüche auf die öffentliche Dankbarkeit und das öffentliche Vertrauen hervor, die Befreiung der Nation von Papismus und Willkürherrschaft, die Befreiung der Kirche von Verfolgung und die der Verfassung gegebene feste Grundlage. Könnten die Gemeinen einem Fürsten gegenüber knausern, der mehr für England gethan habe, als irgend einer seiner Vorgänger in so kurzer Zeit für dasselbe gethan, mit einem Fürsten, der jetzt im Begriff stehe, sich feindlichen Waffen und einem ungesunden Klima auszusetzen, um die englische Colonie in Irland zu erhalten, mit einem Fürsten, für den man in jedem Winkel der Welt bete, wo sich eine protestantische Gemeinde zum Gottesdienste versammeln dürfe?[81] Doch über diesen Gegenstand sprach Lowther umsonst. Sowohl Whigs als Tories waren der festen Meinung, daß die Freigebigkeit der Parlamente die Hauptursache des Unheils der letzten dreißig Jahre sei; daß der Freigebigkeit des Parlaments von 1660 die schlechte Verwaltung der Cabale, der Freigebigkeit des Parlaments von 1685 die Indulgenzerklärung zugeschrieben werden müsse und daß es unverantwortlich von dem Parlamente von 1690 sein würde, wenn es eine lange, schmerzliche und unveränderliche Erfahrung nicht benutzte. Nach langer Discussion kam ein Vergleich zu Stande. Der Theil der Accise, welcher Jakob auf Lebenszeit bewilligt gewesen war und den man auf dreihunderttausend Pfund jährlich schätzte, wurden Wilhelm und Marien auf gemeinschaftliche und auf jedes Einzelnen Lebenszeit bewilligt. Man nahm an, daß Ihre Majestäten mit dem erblichen Einkommen und mit den dreihunderttausend Pfund aus der Accise, unabhängig von parlamentarischer Controle zwischen sieben- und achthunderttausend Pfund jährlich haben würden. Von diesem Einkommen waren die Kosten des königlichen Haushaltes und diejenigen Civilämter zu bestreiten, von denen dem Hause eine Liste vorgelegt worden war. Daher wurde dieses Einkommen die Civilliste genannt. Jetzt ist der Aufwand für den königlichen Haushalt von den Kosten der Civilverwaltung völlig getrennt; aber durch eine sonderbare Sinnverdrehung ist der Name Civilliste dem zur Bestreitung des königlichen Haushalts bestimmten Theile der Einkünfte geblieben. Noch sonderbarer ist es, daß mehrere Nachbarvölker diesen unpassendsten Namen von der Welt der Entlehnung werth gehalten haben. Diejenigen Zollgebühren, welche Karl und Jakob nach einander auf Lebenszeit zuerkannt worden waren und die sich in dem Jahre vor der Revolution auf sechshunderttausend Pfund belaufen hatten, wurden der Krone nur auf vier Jahre bewilligt.[82]

Wilhelm gefiel dieses Arrangement keineswegs. Es schien ihm ungerecht und undankbar, daß ein Volk, welches er gerettet hatte, die Höhe seines Einkommens von seinem guten Verhalten abhängig machte. »Die Herren Engländer,« sagte er zu Burnet, »trauten Jakob, der ein Feind ihrer Religion und ihrer Gesetze war, und mir, dem sie die Erhaltung ihrer Religion und ihrer Gesetze verdanken, wollen sie nicht trauen.« Burnet erwiederte ihm sehr richtig, daß es keinen Beweis von persönlichem Vertrauen gebe, den Se. Majestät nicht zu verlangen berechtigt wäre, daß aber die hier vorliegende Frage keine Frage des persönlichen Vertrauens sei. Die Stände des Reichs wünschten ein allgemeines Prinzip festzustellen; sie wünschten einen Präcedenzfall zu haben, der die späte Nachwelt gegen Uebel sichere, wie sie die sorglose Freigebigkeit früherer Parlamente erzeugt habe. »Von diesen Uebeln hat Eure Majestät die gegenwärtige Generation befreit. Durch Annahme der Gabe der Gemeinen unter den offerirten Bedingungen wird Eure Majestät auch ein Befreier zukünftiger Generationen sein.« Wilhelm war nicht überzeugt, aber er besaß zuviel Weltklugheit und Selbstbeherrschung, um seiner üblen Laune freien Lauf zu lassen und er nahm mit freundlicher Miene, an was er nicht umhin konnte als unfreundlich gegeben zu betrachten.[83]

[_Jahrgeld der Prinzessin von Dänemark._] Die Civilliste war mit einer Annuität von zwanzigtausend Pfund für die Prinzessin von Dänemark belastet, als Zuschuß zu den dreißigtausend Pfund, die ihr zur Zeit ihrer Vermählung ausgesetzt worden waren. Dieses Arrangement war das Resultat eines Vergleichs, der mit vieler Mühe und nach langen heftigen Streitigkeiten zu Stande gebracht worden war. Der König und die Königin hatten seit dem Antritte ihrer Regierung niemals auf besonders gutem Fuße mit ihrer Schwester gestanden. Daß Wilhelm einer Frau nicht gefallen konnte, die eben nur so viel Verstand hatte, um zu bemerken, daß ihm ein mürrisches Wesen und ein abstoßendes Benehmen eigen waren, und die seine höheren Eigenschaften durchaus nicht zu würdigen vermochte, ist nicht zu verwundern. Für Marien aber war es ein Bedürfniß geliebt zu werden. Eine so liebenswürdige und geistvolle Frau konnte nicht viel Vergnügen an dem Umgange mit Anna finden, die, wenn bei guter Laune, heiter einfältig, wenn bei schlechter Laune mürrisch einfältig war. Indessen würde die Königin, die auch der geringste ihrer Dienstleute wegen ihrer Herzensgüte liebte, sich schwerlich eine Person zum Feinde gemacht haben, deren Freundschaft zu gewinnen ihre Pflicht und ihr Interesse erheischte, wäre nicht ein ungewöhnlich mächtiger und ungewöhnlich bösartiger Einfluß unablässig bemüht gewesen, den Frieden des königlichen Hauses zu stören. Die Zuneigung der Prinzessin Anna zu Lady Marlborough war so stark, daß man dieselbe in einem abergläubischen Zeitalter einem Talisman oder einem Zaubertranke zugeschrieben haben würde. Nicht nur daß die beiden Freundinnen in ihrem vertraulichen Verkehr mit einander alle Ceremonien und Titel bei Seite geworfen hatten und schlechtweg Mrs. Morley und Mrs. Freeman geworden waren, selbst Prinz Georg, der sich um das Ansehen seiner Geburt eben so wenig kümmerte wie um irgend etwas Andres außer Claret und marinirten Lachs, ließ es sich gefallen, Mr. Morley genannt zu werden. Die Gräfin rühmte sich, den Namen Freeman deshalb gewählt zu haben, weil er der Offenheit und Keckheit ihres Characters ganz besonders entspreche, und man muß ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie ihre despotische Herrschaft über die schwache Prinzessin nicht durch gewöhnliche Höflingskünste begründete und lange behauptete. Sie besaß wenig von dem Takte, der das characteristische Talent ihres Geschlechts ist, und sie war viel zu heftig, um schmeicheln oder sich verstellen zu können; aber ein seltener Zufall hatte sie einem Character entgegengeführt, auf den gebieterisches Wesen und Widerspruch wie Zaubertränke wirkten. In dieser grotesken Freundschaft waren Hingebung, Geduld und Selbstverleugnung ganz auf Seiten der Herrin, während die Launen, der übermüthige Stolz und die Ausbrüche von Heftigkeit auf Seiten der Dienerin waren.

Höchst merkwürdig ist das Verhältniß, in welchem die beiden Frauen zu Mr. Freeman standen, wie sie Marlborough nannten. Im Auslande wußte fast Jedermann, daß Anna von den Churchill geleitet wurde. Ebenso bekannt war es, daß der Mann, der sich ihrer Gunst in so hohem Grade erfreute, nicht nur ein großer Feldherr und Staatsmann, sondern auch einer der schönsten Cavaliere seiner Zeit war, daß er von Gesicht und Gestalt auffallend hübsch, daß sein Character zugleich sanft und entschlossen, seine Manieren zugleich gewinnend und edel waren. Nichts war natürlicher, als daß körperliche und geistige Vorzüge wie die seinigen ein weibliches Herz leicht erobern mußten. Viele Leute auf dem Festlande glaubten daher auch, er sei Anna's begünstigter Anbeter, und er wurde in gleichzeitigen französischen Libellen, welche längst vergessen sind, als solcher dargestellt. In England jedoch fand diese Verleumdung selbst bei dem großen Haufen niemals Glauben, und man findet selbst in dem gemeinsten Gassenhauer, der in unseren Straßen gesungen wurde, keine Spur davon. Die Prinzessin scheint sich in der That nie eines mit ihren ehelichen Pflichten unverträglichen Gedankens schuldig gemacht zu haben. In ihren Augen war Marlborough mit all' seiner Genialität und Tapferkeit, seiner Schönheit und Liebenswürdigkeit nichts weiter als der Gatte ihrer Freundin. Einen directen Einfluß auf Ihre Königliche Hoheit besaß er nicht; nur durch Vermittelung seiner Gattin konnte er auf sie einwirken, und seine Gattin war kein passives Werkzeug. Obgleich es nicht möglich ist, in irgend etwas was sie gethan, gesagt oder geschrieben hat, das geringste Anzeichen von höherer Verstandesbildung zu entdecken, setzten ihre heftigen Leidenschaften und ihr starker Wille sie doch oftmals in den Stand, einen Gatten zu beherrschen, der zum Gebieter über ernste Senate und über mächtige Heere geboren war. Sein Muth, ein Muth, den die gefahrvollsten Situationen des Kriegs nur noch kälter und unerschütterlicher machten, verließ ihn beim Anblick der leichtfließenden Thränen und wortreichen Vorwürfe, der schmollenden Lippen und des traurig gesenkten Hauptes seiner Sara. Die Geschichte führt uns wenige Schauspiele vor, welche merkwürdiger waren, als das eines großen und gelehrten Mannes, der, wenn er weitumfassende und tiefdurchdachte politische Pläne entworfen hatte, dieselben nur dadurch ins Werk setzen konnte, daß er ein oft unlenksames, thörichtes Weib vermochte, ein andres noch thörichteres Weib zu lenken.

In einem Punkte stimmten der Earl und die Gräfin vollkommen überein: sie liebten Beide den Geldgewinn, nur daß er das gewonnene gern aufhäufte, sie aber nicht abgeneigt war, es wieder auszugeben.[84] Die Gunst der Prinzessin betrachteten sie Beide als ein werthvolles Besitzthum. Schon unter der Regierung ihres Vaters hatten sie angefangen, durch Anna's Freigebigkeit reich zu werden. Sie war von Natur zur Sparsamkeit geneigt und selbst als sie auf dem Throne saß, waren ihre Equipagen und ihre Tafel keineswegs prächtig.[85] Man sollte daher meinen, daß, während sie noch Unterthanin war, dreißigtausend Pfund jährlich und eine Wohnung im Palaste für alle ihre Bedürfnisse mehr als ausreichend hätte sein müssen. Es gab vielleicht im ganzen Königreiche nicht zwei Edelleute, die ein solches Einkommen besaßen. Aber um den Gelddurst Derer zu stillen, die sie beherrschten, war kein Einkommen groß genug. Sie hatte zu wiederholten Malen Schulden gemacht, welche Jakob immer bezahlte, doch nicht ohne sein Erstaunen und Mißfallen darüber zu äußern.