Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Achter Band: enthaltend Kapitel 15 und 16.

Part 4

Chapter 43,486 wordsPublic domain

[_Der König beabsichtigt sich nach Holland zurückzuziehen._] Der König verfolgte diese Ereignisse mit einer peinlichen Spannung. Er war seiner Krone müde. Er hatte es versucht, beiden streitenden Parteien gerecht zu werden; aber mit der Gerechtigkeit war keine von beiden zufrieden. Die Tories haßten ihn, weil, er die Dissenters protegirte, und die Whigs haßten ihn, weil er die Tories protegirte. Die Amnestie schien in weitere Ferne hinausgerückt, als sie es vor zehn Monaten war, da er sie zuerst vom Throne herab empfahl. Der letzte Feldzug in Irland war unglücklich ausgefallen, und es konnte wohl sein, daß der nächste noch unglücklicher ausfiel. Die Mißbräuche in der Verwaltung, welche mehr als die Ausdünstungen der Sümpfe von Dundalk dazu beigetragen hatten, die Wirksamkeit der englischen Truppen zu neutralisiren, waren aller Wahrscheinlichkeit nach so monströs als je. Jeder Verwaltungszweig war gründlich desorganisirt, und die Leute wunderten sich und ärgerten sich darüber, daß ein vor Kurzem zu ihnen gekommener Ausländer, der sie nur unvollkommen kannte und beständig in seinen Bewegungen von ihnen behindert wurde, in einem Jahre nicht die ganze Regierungsmaschine in Ordnung gebracht hatte. Die meisten seiner Minister bemühten sich, anstatt ihn zu unterstützen, Adressen und Anklagen gegen einander aufzubringen. Und doch brachen alle englischen Factionen in ein allgemeines Wuthgeschrei aus, wenn er sich seiner Landsleute bediente, auf deren Treue und Anhänglichkeit er sich verlassen konnte. Die Schurkerei des englischen Kriegscommissariats hatte eine Armee vernichtet, und doch hatte das Gerücht, daß er beabsichtige, einen geschickten, erfahrenen und zuverlässigen Commissar aus Holland anzustellen, allgemeine Unzufriedenheit erregt. Der König sah ein, daß er unter solchen Umständen der großen Sache, der er mit ganzer Seele zugethan war, keine Dienste leisten könne. Schon begann der Ruhm, den er sich durch glückliche Durchführung des wichtigsten Unternehmens jener Zeit erworben, zu erbleichen, und selbst seine Freunde fingen an zu zweifeln, ob er wirklich den Scharfblick und die Energie besitze, welche einige Monate zuvor seinen Feinden unwillkürliche Bewunderung abgenöthigt hatten. Aber er wollte seine glänzende Sklaverei nicht langer ertragen. Er wollte in sein Geburtsland zurückkehren und sich damit begnügen, der erste Bürger einer Republik zu sein, der der Name Oranien theuer war. Als solcher konnte er noch immer eine bedeutende Rolle spielen unter Denen, die sich zur Vertheidigung der Freiheiten Europa's verbündet hatten. Was die unruhigen und undankbaren Insulaner betraf, die ihn verabscheuten, weil er es nicht zulassen wollte, daß sie sich gegenseitig in Stücken zerrissen, so sollte Marie zusehen, wie sie mit ihnen fertig würde. Sie war auf ihrem Boden geboren, sie sprach ihre Sprache, sie war einigen Theilen ihrer Liturgie, die sie für wesentlich hielten und die ihm im besten Falle harmlos erschienen, nicht abhold. Verstand sie auch wenig von Politik und Krieg, so besaß sie dafür Eigenschaften, die ihr nützlicher werden konnten: weibliche Anmuth und Takt, ein sanftes Gemüth und für Jedermann ein Lächeln und ein freundliches Wort. Ihr gelang es vielleicht, die Streitigkeiten zu schlichten, welche Staat und Kirche zerrütteten, und Holland unter seiner und England unter ihrer Verwaltung konnten in herzlichem Einvernehmen zusammen gegen den gemeinsamen Feind agiren.

[_Er wird zur Aenderung seiner Absicht bestimmt._] Er ließ in aller Stille die Vorbereitungen zu seiner Abreise treffen. Nachdem er dies gethan, berief er eine kleine Anzahl seiner vornehmsten Räthe zusammen und theilte ihnen sein Vorhaben mit. Ein Geschwader, sagte er, liege in Bereitschaft, um ihn in sein Vaterland zurück zu bringen. Er habe nichts mehr mit ihnen zu thun und hoffe, daß die Königin glücklicher sein werde. Die Minister waren wie vom Donner gerührt. Alle Streitigkeiten waren mit einem Male bei Seite gesetzt. Der Tory Caermarthen auf der einen, der Whig Shrewsbury auf der andren Seite, baten und beschworen ihn mit einer rührenden Eindringlichkeit, wie sie in den Conferenzen von Staatsmännern selten vorkommt. Es wurde manche Thräne vergossen. Endlich ließ der König sich bewegen, seinen Plan, die Regierung niederzulegen, wenigstens für den Augenblick aufzugeben. Zugleich aber kündigte er eine andre Absicht an, die er sich fest vorgenommen hatte nicht aufzugeben. Da er noch an der Spitze der englischen Verwaltung bliebe, wollte er selbst nach Irland gehen und versuchen, ob die ganze königliche Autorität, auf dem Punkte, wo das Geschick des Reichs entschieden werden sollte, mit Nachdruck geltend gemacht, hinreichen würde, um Betrügereien zu verhindern und die Disciplin aufrecht zu erhalten.[46]

[_Die Whigs widersetzen sich seiner Reise nach Irland._] Daß er ernstlich im Sinne gehabt hatte, sich nach Holland zurückzuziehen, blieb nicht allein der Menge, sondern selbst der Königin noch lange ein Geheimniß.[47] Daß er aber beschlossen hatte, das Commando seiner Armee in Irland zu übernehmen, wurde bald in ganz London bekannt. Man wußte, daß sein Lagergeräth angefertigt wurde und daß Sir Christoph Wren mit der Construction eines hölzernen Hauses beschäftigt war, das der König, auf zwei Wagen gepackt, mit sich nehmen und das überall aufgeschlagen werden sollte, wo er sein Hauptquartier zu nehmen gedachte.[48] Die Whigs schrieen Zeter über den ganzen Plan. Da sie nicht wußten oder wenigstens vorgaben es nicht zu wissen, daß Wilhelm und Wilhelm ganz allein diesen Plan gefaßt und daß keiner seiner Minister es gewagt hatte, ihm zu rathen, daß er sich den irischen Schwertern und dem irischen Klima aussetzen solle, so behauptete die ganze Partei mit Zuversicht, irgend ein Verräther im Cabinet, ein Tory der die Revolution und alles aus der Revolution Hervorgegangene hasse, habe ihn dazu überredet. Würde ein wahrer Freund Seiner Majestät bei seiner schwankenden Gesundheit wohl gerathen haben, sich nicht allein den Gefahren des Kriegs, sondern auch dem bösartigen Einflusse eines Klima's auszusetzen, das neuerdings Tausenden von weit kräftigeren Leuten verderblich geworden war? Im Familienkreise lächelte der König spöttisch über diese ängstliche Besorgniß um seine Gesundheit, denn in seinen Augen war sie nichts weiter als die Besorgniß eines harten Herrn, welcher fürchtet, daß seine Sklaven arbeitsunfähig werden möchten. Die Whigs, schrieb er an Portland, fürchteten ihr Werkzeug zu verlieren, bevor ihr Werk fertig sei. »Was ihre Freundschaft anlangt,« setzte er hinzu, »so wissen Sie was diese werth ist.« Er sagte seinem Freunde, daß sein Entschluß unwiderruflich feststehe. Es stehe Alles auf dem Spiele und gehen müsse er, selbst wenn das Parlament ihn durch eine Adresse bitten sollte zu bleiben.[49]

[_Er prorogirt das Parlament._] Er erfuhr bald, daß unverzüglich in beiden Häusern eine solche Adresse beantragt und durch die ganze Macht der Whigpartei unterstützt werden sollte. Diese Nachricht überzeugte ihn, daß es Zeit war, einen entscheidenden Schritt zu thun. Er wollte die Whigs nicht von sich stoßen, aber ihnen eine Lection geben, die ihnen sehr Noth that. Er wollte die Kette zerreißen, in die sie ihn geschmiedet zu haben glaubten. Sie sollten nicht im ausschließlichen Besitz der Macht sein und die besiegte Partei nicht verfolgen. Ihnen zum Trotz wollte er das Commando seiner Armee in Irland übernehmen. Er entwarf seinen Plan mit der ihm eigenen Besonnenheit, Festigkeit und Verschwiegenheit. Einen einzigen Engländer mußte er ins Vertrauen ziehen, denn er war unsrer Sprache nicht hinreichend mächtig, um in derselben mit seinen eigenen Worten die beiden Häuser vom Throne herab anzureden, und er pflegte deshalb bei wichtigen Gelegenheiten seine Rede französisch niederzuschreiben und sie dann ins Englische übersetzen zu lassen. Es steht fest, daß der König den bedeutungsvollen Entschluß, den er gefaßt hatte, wirklich nur einer einzigen Person mittheilte, und es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß diese Person Caermarthen war.

Am 27. Januar klopfte der schwarze Stab an die Thür des Hauses der Gemeinen, und Sprecher und Mitglieder begaben sich in das Haus der Lords. Der König war bereits auf dem Throne. Er ertheilte der Bewilligungsbill seine Genehmigung, dankte den beiden Häusern dafür, kündigte seine Absicht an, nach Irland zu gehen, und prorogirte das Parlament. Niemand konnte zweifeln, daß der Prorogation sehr bald die Auflösung folgen werde. Bei den Schlußworten: »Ich habe es für zweckdienlich gehalten, jetzt dieser Session ein Ziel zu setzen«, brachen die Tories sowohl diesseits als jenseits der Schranke in einen stürmischen Jubel aus, und der König überschaute inzwischen sein Auditorium vom Throne herab mit dem scharfen Adlerblicke, dem nichts entging. Man kann es ihm wohl verzeihen, wenn er ein wenig Schadenfreude darüber empfand, Diejenigen quälen zu können, die ihn so grausam gequält hatten. »Ich sah ellenlange Gesichter,« schrieb er den Tag darauf an Portland. »Einige wechselten vor Aerger wohl zwanzigmal die Farbe, während ich sprach.«[50]

[_Freude der Tories._] Wenige Stunden nach der Prorogation vereinigte ein Abschiedsmahl hundertfunfzig toryistische Mitglieder des Parlaments in der Apollo-Taverne in Fleetstreet. Sie waren jetzt besser auf Wilhelm zu sprechen als zu der Zeit, da sein Schwiegervater aus Whitehall vertrieben worden war. Sie hatten sich noch kaum von dem freudigen Erstaunen erholt, mit der sie vom Throne herab die Ankündigung vernommen, daß die Session zu Ende sei. Die Erinnerung an ihre Gefahr und das Gefühl der Befreiung war noch frisch in ihnen. Sie sprachen davon, sich in Pleno in den Palast zu begeben, um ihren Dank auszusprechen, gaben diese Absicht aber aus triftigen Gründen wieder auf, denn eine Schaar Squires, welche von einem Gastmahle kamen, bei dem weder Ale noch Claret gespart worden war, würde gewiß einiges unpassende Geräusch im Audienzzimmer gemacht haben. Sir Johann Lowther, der an Reichthum und Einfluß keinem Landgentleman der damaligen Zeit nachstand, wurde mit dem Danke der Versammlung in den Palast gesandt. Er spreche, sagte er zum Könige, die Gesinnung einer großen Anzahl loyaler Gentlemen aus. Seine Majestät dürfe überzeugt sein, daß sie in ihren Grafschaften ihr Möglichstes thun würden, um ihm zu dienen, und sie ließen ihm von Herzen eine glückliche Reise nach Irland, einen vollständigen Sieg, eine baldige Zurückkunft und eine lange und glückliche Regierung wünschen. Im Laufe der folgenden Woche gingen Viele, die sich seit der Revolution nicht im Zirkel von St. James hatten blicken lassen, zum Handkuß. Die, welche bis dahin als halbe Jakobiten betrachtet worden waren, drückten ihre Billigung der Politik der Regierung mit solcher Wärme aus, daß die entschiedenen Jakobiten sehr entrüstet waren und sich bitter über die traurige Verblendung beklagten, welche über die Söhne der Kirche England's gekommen zu sein scheine.[51]

Alle damaligen Handlungen Wilhelm's verriethen seinen Entschluß, die Heftigkeit der Whigs fortdauernd, wenn auch mild zu zügeln und sich wo möglich die Zuneigung der Tories zu erwerben. Mehrere Personen, welche die Whigs wegen Hochverraths ins Gefängniß geworfen hatten, wurden gegen Caution in Freiheit gesetzt.[52] Die Prälaten, welche der Ansicht waren, daß sie Jakob noch Unterthanentreue schuldeten, wurden mit einer in der Geschichte der Revolutionen seltenen Schonung behandelt. Innerhalb einer Woche nach der Prorogation kam der 1. Februar, der Tag, an welchem diejenigen Geistlichen, die sich weigerten, den Eid zu leisten, definitiv ihrer Aemter entsetzt werden sollten. Mehrere von den suspendirten Geistlichen schwuren noch in den letzten Augenblicken, um sich vor dem Bettelstab zu retten. Der Primas und fünf seiner Suffragane aber blieben unbeugsam. Sie verwirkten demnach ihre Bisthümer, aber Sancroft wurde benachrichtigt, daß der König noch nicht die Hoffnung aufgegeben habe, daß es ihm gelingen werde, ein Arrangement zu treffen, welches ihn der Nothwendigkeit überhebe, Nachfolger zu ernennen, und daß die nichtschwörenden Prälaten für jetzt in ihren Palästen wohnen bleiben könnten. Ihre Einnehmer wurden zu Einnehmern für die Krone ernannt und erhoben nach wie vor die Einkünfte der erledigten Sitze.[53] Gleiche Nachsicht wurde einigen Geistlichen untergeordneten Ranges bewiesen. So bewohnte Sherlock auch nach seiner Entsetzung fortwährend ungestört sein Amtshaus nahe der Templekirche.

[_Auflösung und allgemeine Wahl._] Jetzt erschien eine Proklamation, welche das Parlament auflöste. Es wurden Ausschreiben zu einer allgemeinen Wahl erlassen und bald war das ganze Königreich in Gährung. Van Citters, der eine Reihe von ereignißvollen Jahren in England zugebracht hatte, erklärte, er habe London nie heftiger bewegt gesehen.[54] Die Aufregung wurde durch Schriften aller Art, von Predigten in sechzehn Abschnitten bis herab zu leiernden Straßenballaden, genährt. Stimmlisten wurden, zum ersten Male in unsrer Geschichte, zur Benachrichtigung der Wahlbürger gedruckt und verbreitet. Zwei von diesen Listen kann man noch heute in allen Bibliotheken sehen. Die eine davon, welche von den Whigs in Circulation gesetzt war, enthielt die Namen derjenigen Tories, welche gegen die Erklärung der Thronerledigung gestimmt hatten. Die andre von den Tories in Umlauf gesetzte Liste enthielt die Namen derjenigen Whigs, welche die Sacheverell'sche Klausel unterstützt hatten.

Es zeigte sich bald, daß die öffentliche Meinung im Laufe des seit dem Zusammentritt der Convention verflossenen Jahres einen großen Umschwung erfahren hatte, und man kann nicht leugnen, daß dieser Umschwung, wenigstens zum Theil, die natürliche Folge und die gerechte Strafe des maßlosen und rachsüchtigen Gebahrens der Whigs war. Der City von London glaubten sie gewiß zu sein. Die Bürgerschaft hatte im vergangenen Jahre vier eifrige Whigs ohne Kampf gewählt; aber alle vier hatten für die Sacheverell'sche Klausel gestimmt, und durch diese Klausel würden viele von den Handelsfürsten von Lombard Street und Cornhill, Männer von großem Gewicht, neben denen die Goldschmiede mit gezogenem Hute unter den Arkaden der Börse auf und ab gingen, mit allen Unehren aus dem Collegium der Aldermen und aus dem Gemeinderathe gestoßen worden sein. Es war ein Kampf auf Leben und Tod; keine Anstrengungen, keine Kunstgriffe wurden gespart. Wilhelm schrieb an Portland, daß die Whigs der City in ihrer Verzweiflung sich aus nichts ein Gewissen machten und daß sie, wenn sie es so fort trieben, eine Indemnitätsacte eben so nöthig brauchen würden als die Tories. Es wurden jedoch vier Tories gewählt, und zwar mit einer so entschiedenen Majorität, daß der Tory, welcher die wenigsten Stimmen hatte, dem Whig, der die meisten hatte, um vierhundert Stimmen überlegen war.[55] Die Sheriffs, welche den Triumph ihrer Feinde so weit als möglich hinauszuschieben wünschten, bewilligten ein Scrutinium; aber obwohl die Majorität sich verminderte, blieb das Resultat unverändert.[56] Zu Westminster wurden zwei Gegner der Sacheverell'schen Klausel ohne Kampf gewählt.[57] Nichts aber bewies schlagender das durch die Proceduren des letzten Hauses der Gemeinen erregte Mißfallen, als die Vorgänge an der Universität Cambridge. Newton zog sich in sein stilles Observatorium über dem Thore von Trinity College zurück. Zwei Tories wurden mit überwiegender Majorität gewählt. Die meisten Stimmen hatte Sawyer, der erst wenige Tage vorher von der Indemnitätsbill ausgenommen und aus dem Hause der Gemeinen gestoßen worden war. Die Acten der Universität enthalten interessante Beweise dafür, daß die unkluge Härte, mit der er behandelt worden, ein enthusiastisches Gefühl für ihn geweckt hatte. Newton stimmte ebenfalls für Sawyer, und dieser bemerkenswerthe Umstand berechtigt uns zu der Annahme, daß auch der große Philosoph, auf dessen Genie und Tugend die Whigpartei mit Recht stolz ist, das starrsinnige und rachsüchtige Benehmen dieser Partei mit Schmerz und Mißfallen betrachtet hatte.[58]

Es stellte sich bald klar heraus, daß die Tories im neuen Hause der Gemeinen das Uebergewicht haben würden.[59] Indessen erlangten alle leitenden Whigs, bis auf einen einzigen, einen Sitz darin. Johann Hampden blieb ausgeschlossen und seine Abwesenheit wurde nur von den intolerantesten und unvernünftigsten Mitgliedern seiner Partei bedauert.[60]

[_Veränderungen in den executiven Verwaltungszweigen._] Unterdessen traf der König in fast jedem Zweige der ausübenden Verwaltung Aenderungen, welche der durch die allgemeine Wahl in der Beschaffenheit des gesetzgebenden Körpers bewirkten entsprachen. An die Bildung eines Ministeriums nach unseren jetzigen Begriffen dachte er jedoch nicht. Insbesondere behielt er sich die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten noch immer selbst vor und überwachte mit größter Aufmerksamkeit alle Anstalten für den bevorstehenden Feldzug in Irland. In seinen vertraulichen Briefen beklagte er sich, daß er mit wenig oder gar keinem Beistande die Organisation der desorganisirten militärischen Einrichtungen bewerkstelligen müsse. Es sei ein schweres Stück Arbeit, sagt er; aber es müsse durchgeführt werden, denn Alles hänge davon ab.[61] Im Allgemeinen war die Verwaltung noch immer in unabhängige Departements eingetheilt und in jedem Departement waren noch immer Whigs und Tories mit einander vermischt, wenn auch nicht ganz in dem früheren Verhältnisse. Im Jahre 1689 war das whiggistische Element entschieden vorherrschend gewesen; im Jahre 1690 herrschte das toryistische Element vor, obwohl nicht so entschieden.

Halifax hatte das Geheimsiegel abgegeben und es wurde Chesterfield angetragen, einem Tory, der in der Convention für eine Regentschaft gestimmt hatte. Chesterfield aber weigerte sich, sein Landhaus und seine Gärten in Derbyshire mit dem Hofe und dem Berathungszimmer zu vertauschen, und das Siegel wurde daher einer Commission anvertraut.[62] Caermarthen war jetzt der Hauptrathgeber der Krone in allen auf die innere Verwaltung und auf die Leitung der beiden Parlamentshäuser bezüglichen Angelegenheiten. Den weißen Stab und die damit verbundene ungeheure Macht aber war Wilhelm noch immer entschlossen niemals einem einzelnen Unterthan zu übertragen.

[_Caermarthen erster Minister._] Caermarthen blieb daher nach wie vor Lordpräsident, bezog aber eine Reihe von Gemächern in St. James Palace, was für eine nur dem Premierminister zustehende Bevorzugung galt.[63] Er hatte während des vorhergehenden Jahres sein seltenes Erscheinen im Staatsrathe mit schwankender Gesundheit entschuldigt, und die Entschuldigung war nicht unbegründet, denn seine Verdauungsorgane hatten einige krankhafte Eigenthümlichkeiten, welche das ganze Collegium der Aerzte außer Fassung brachten; seine Gesichtsfarbe war blaß, seine Gestalt hager und sein Gesicht, obgleich hübsch und geistvoll, hatte einen verstörten Ausdruck, der eben so wohl ein fortwährendes Leiden wie einen rastlosen Ehrgeiz verrieth.[64] Sobald er jedoch wieder Minister war, widmete er sich eifrig den Staatsgeschäften und arbeitete täglich vom frühen Morgen bis zum Abend mit einer Energie, welche Jedermann, der seine geisterhaften Züge und seinen unsicheren Gang sah, in Erstaunen setzte.

Hatte er nun auch für sich selbst das Schatzmeisteramt nicht erlangen können, so war doch sein Einfluß im Schatzamte groß. Monmouth, der erste Commissar, und Delamere, der Kanzler der Schatzkammer, zwei der heftigsten Whigs in England, gaben ihre Sitze auf. Bei dieser, wie bei vielen anderen Gelegenheiten zeigte es sich, daß sie nichts als ihren Whiggismus mit einander gemein hatten. Der oberflächliche Monmouth, der sich wohl bewußt war, daß er keine von den Eigenschaften eines Finanzmannes besaß, scheint sich nicht persönlich verletzt gefühlt zu haben, daß er von einem Posten entfernt wurde, den er nie hätte einnehmen sollen. Er nahm mit Dank eine Pension an, die er bei seinen verschwenderischen Gewohnheiten sehr gut brauchen konnte, und fuhr fort, den Staatsrathssitzungen beizuwohnen, den Hof zu frequentiren und die Functionen eines Kammerherrn zu versehen.[65] Auch versuchte er sich in militärischen Angelegenheiten nützlich zu machen, die er wenn nicht gut, doch besser verstand als die meisten seiner vornehmen Standesgenossen, und er bezeigte einige Monate lang Caermarthen große Achtung. Delamere war dagegen in ganz andrer Stimmung. Umsonst bezahlte man ihm seine Dienste überreichlich mit Ehren und Reichthümern. Er wurde zum Earl von Warrington creirt und erhielt alle Jesuiten gehörenden Ländereien, welche in fünf oder sechs Grafschaften entdeckt werden konnten. Eine von ihm geltend gemachte Forderung wegen Ausgaben, die er zur Revolutionszeit gehabt, wurde ihm ebenfalls zugestanden und er nahm als Lohn für seine patriotischen Anstrengungen eine Summe mit sich in seine Zurückgezogenheit, die der Staat schwer entbehren konnte. Doch sein Unmuth war dadurch nicht zu beschwichtigen und er beklagte sich bis an sein Ende bitter über den Undank, mit dem man ihm und seiner Partei gelohnt habe.[66]

[_Sir Johann Lowther._] Sir Johann Lowther wurde erster Lord des Schatzes und er war Derjenige, dem Caermarthen hauptsächlich die Leitung der ostensiblen Geschäfte im Hause der Gemeinen überließ. Lowther war ein Mann von altem Adel, von bedeutendem Vermögen und von großem parlamentarischen Einfluß. Obwohl noch kein alter Mann, war er doch schon ein alter Senator, denn er war noch vor erreichter Volljährigkeit seinem Vater als Parlamentsmitglied für die Grafschaft Westmoreland gefolgt. Die Vertretung von Westmoreland war in der That fast eben so gut ein Erbtheil der Familie Lowther, wie ihr Stammschloß. Sir John besaß höchst achtungswerthe Talente, sein Benehmen war, obwohl es in gleichzeitigen Schmähschriften zu ceremoniös genannt wird, ungemein artig, sein persönlicher Muth war nur zu bereit sich durch die That zu dokumentiren und seine Moralität war tadellos. Seine Zeit war zwischen nützlicher Thätigkeit und anständigen Vergnügungen getheilt, seine Hauptbeschäftigungen bestanden im Besuche des Hauses der Gemeinen und im Präsidiren auf der Richterbank; seine Hauptvergnügungen waren Lectüre und Gartenbau. Seiner politischen Meinung nach war er ein sehr gemäßigter Tory. Er war der erblichen Monarchie und der Staatskirche zugethan, hatte aber an der Revolution Theil gehabt und hegte keine Skrupel wegen Wilhelm's und Mariens Rechtstitel; er hatte ihnen ohne stillschweigenden Vorbehalt Treue geschworen und scheint seinen Eid streng gehalten zu haben. Mit Caermarthen war er nahe befreundet. Sie hatten bei dem Aufstande im Norden in herzlichem Einvernehmen gewirkt und stimmten in ihren politischen Ansichten soweit überein, als ein schlauer Staatsmann und ein ehrlicher Landgentleman in diesem Punkte übereinstimmen konnten.[67] Durch Caermarthen's Einfluß wurde Lowther jetzt auf einen der wichtigsten Posten im Königreiche erhoben. Unglücklicherweise war es ein Posten, der ganz andere Eigenschaften erheischte, als man braucht, um ein schätzbares Parlamentsmitglied und ein tüchtiger Präsident bei Quartalsitzungen zu sein. Der neue erste Lord des Schatzes besaß weder die für sein Amt nöthige Beredtsamkeit, noch war sein Character dazu hinreichend gestählt. Er hatte weder die nöthige Gewandtheit, um die Spötteleien und Vorwürfe, denen er in seiner neuen Eigenschaft als Hofmann und Staatsbeamter ausgesetzt war, zu pariren, noch die nöthige Kraft, dieselben zu ertragen. Und dann hatte er etwas zu thun, wozu er zu gewissenhaft war, etwas, was Wolsey oder Burleigh nie gethan hatten, etwas, was kein englischer Staatsmann unsrer Generation je gethan hat, was aber von den Zeiten Karl's II. bis zu den Zeiten Georg's III. eine der wichtigsten Obliegenheiten eines Ministers war.