Part 21
[_Der Herzog von Savoyen schließt sich der Coalition an._] Dies war Victor Amadeus Herzog von Savoyen. Er war noch jung, aber schon wohl erfahren in den Künsten, in denen sich die Staatsmänner Italiens seit dem 13. Jahrhunderte stets ausgezeichnet hatten, den Künsten, durch welche Castruccio Castracani und Franz Sforza zu Macht und Ansehen gelangten und welche Macchiavel in ein System brachte. Kein Souverain im modernen Europa hat mit einem so kleinen Ländchen während eines so langen Zeitraums einen so großen Einfluß ausgeübt. Mit einem Anschein von Freudigkeit, aber mit geheimem Widerwillen und Groll hatte er sich eine Weile dem französischen Einflusse gefügt. Als der Krieg ausbrach, erklärte er sich für neutral, knüpfte aber in der Stille Unterhandlungen mit dem Hause Oesterreich an. Wahrscheinlich würde er sich noch lange verstellt haben, bis sich ihm eine Gelegenheit dargeboten hatte, einen unerwarteten Schlag zu führen, wären seine schlauen Pläne nicht durch Ludwig's Entschiedenheit und Energie vereitelt worden. Ein französisches Armeecorps unter den Befehlen Catinat's, eines Offiziers von großem Talent und Muth, rückte in Piemont ein. Der Herzog erfuhr, daß sein Verhalten Verdacht erweckt habe, den er nur durch Zulassung fremder Besatzungen in Turin und Vercelli beseitigen könne. Er überzeugte sich, daß er entweder der Sklave oder der offene Feind seines mächtigen und herrschsüchtigen Nachbars sein mußte. Seine Wahl war bald getroffen, und es begann ein Krieg, der sieben Jahre lang einige der besten Generäle und besten Truppen Ludwig's beschäftigte. Ein außerordentlicher Gesandter Savoyen's begab sich nach dem Haag, ging von da nach London, überreichte im Bankethause seine Accreditive und hielt an Wilhelm eine Anrede, welche sofort in mehrere Sprachen übersetzt und in allen Theilen Europa's gelesen wurde. Der Redner wünschte dem Könige Glück zu dem Gelingen des großen Unternehmens, welches England seine frühere Stellung unter den Nationen wiederverschafft und Europa aus seinen Ketten befreit habe. »Daß mein Gebieter,« sagte er, »es endlich wagen darf, Gesinnungen auszusprechen, die er seit langer Zeit in den Tiefen seines Herzens verbarg, ist ein Theil der Schuld, die er Eurer Majestät abzutragen hat. Sie haben ihm, nach so vielen Jahren der Knechtschaft, mit der Hoffnung auf Freiheit beseelt.«[119]
Es war beschlossen worden, daß im Laufe des herannahenden Winters ein Congreß sämmtlicher Frankreich feindlich gesinnten Mächte im Haag gehalten werden sollte. Wilhelm konnte es kaum erwarten, sich dahin zu begeben. Aber er mußte zuvor eine Parlamentssession halten. Anfang October versammelten sich die beiden Häuser wieder in Westminster. Die Mitglieder waren durchgehends in guter Stimmung gekommen. Diejenigen Tories welche überhaupt zu gewinnen waren, waren durch die Begnadigungsacte und durch den großen Antheil, den sie von den Gunstbezeigungen der Krone erhalten hatten, gewonnen worden. Diejenigen Whigs, welche überhaupt für Lehren empfänglich waren, hatten aus der Lection, welche Wilhelm ihnen gegeben, viel gelernt, und erwarteten nicht mehr, daß er vom Range eines Königs zu dem eines Parteiführers herabsteigen werde. Whigs wie Tories waren mit wenigen Ausnahmen durch die Aussicht auf eine französische Invasion beunruhigt und durch die Nachricht von dem Siege am Boyne erfreut worden. Der Souverain, der für ihre Nation und ihre Religion sein Blut vergossen hatte, stand in diesem Augenblicke in der öffentlichen Achtung höher als zu irgend einer Zeit seit seiner Thronbesteigung. Seine Thronrede erzwang sich den lauten Beifall der Lords und der Gemeinen.[120] Beide Häuser votirten dem Könige für seine Thaten in Irland und der Königin für die Umsicht, mit der sie während seiner Abwesenheit England regiert hatte, ihren Dank.[121] So begann eine Session, die sich unter den Sessionen dieser Regierung durch Eintracht und Ruhe auszeichnete. Es ist kein Bericht über die Debatten auf uns gekommen, man müßte denn ein längst vergessenes Libell, in welchem einige von den am ersten Tage gehaltenen Reden in Knittelversen persiflirt werden, einen Bericht nennen.[122]
[_Steuerbewilligungen._] Die Gemeinen scheinen ihre Zeit hauptsächlich mit der Erörterung von Fragen hingebracht zu haben, welche aus den Wahlen des vergangenen Frühjahrs erwuchsen. Die zur Bestreitung der Kriegskosten nöthigen Gelder wurden, obwohl sie sehr bedeutend waren, gern bewilligt. Die Anzahl der regulären Truppen wurde für das nächste Jahr auf siebzigtausend festgesetzt, wovon zwölftausend Reiter oder Dragoner sein sollten. Der Kostenaufwand für diese Armee, der größten, welche England je unterhalten hatte, betrug zwei Millionen dreihunderttausend Pfund, die Unterhaltungskosten der Flotte ungefähr achtzehnhunderttausend Pfund. Die Kosten der Artillerie waren in diesen Summen mit inbegriffen und wurden auf ungefähr ein Achtel des Flotten- und ein Fünftel des Militäraufwandes geschätzt.[123] Die Gesammtsumme der dem Könige bewilligten außerordentlichen Gelder belief sich auf mehr als vier Millionen.
Die Gemeinen waren mit Recht der Ansicht, daß die außergewöhnliche Liberalität, mit der sie die Regierung unterstützt, sie auch berechtige, außergewöhnliche Sicherheiten gegen Verschwendung und Unterschleif zu verlangen. Es wurde eine Bill eingebracht, welche neun Commissare ermächtigte, die öffentlichen Rechnungen zu prüfen und festzustellen. Die Neun waren in der Bill genannt, und sie waren sämmtlich Mitglieder des Unterhauses. Die Lords traten der Bill ohne Amendements bei und der König genehmigte sie.[124]
[_Mittel und Wege._] Die Debatten über die Mittel und Wege zur Aufbringung der bewilligten Summen füllten einen beträchtlichen Theil der Session aus. Es wurde beschlossen, daß sechshundert und funfzigtausend Pfund durch eine directe monatliche Grundsteuer aufgebracht werden sollten. Ferner wurden die Accisabgaben auf Ale und Bier verdoppelt und die Eingangszölle auf rohe Seide, Leinwand, Bauholz, Glaswaaren und einige andere Artikel erhöht.[125] Soweit fand geringe Meinungsverschiedenheit statt. Bald aber wurde der ruhige Geschäftsgang durch einen Vorschlag gestört, der bei weitem populärer war als gerecht und human. Obwohl Steuern von noch nicht dagewesener Höhe ausgeschrieben waren, konnte man doch mit gutem Grunde zweifeln, ob diese Steuern ausreichen würden. Warum, fragte man, sollten nicht die irischen Insurgenten die Kosten des irischen Kriegs tragen? Die ganze Welt wisse, wie diese Insurgenten in ihrem Schattenparlamente gehandelt hätten, und es sei nicht mehr als recht und billig, daß man ihnen mit ihrem eigenen Maaße messe. Sie müßten so behandelt werden, wie sie die sächsische Colonie behandelt hätten. Jeder Acker Land, den die Ansiedlungsacte ihnen gelassen, müßte vom Staate confiscirt werden, um die Geldausgaben zu bestreiten, die ihr Ungestüm und ihre Verkehrtheit nothwendig gemacht hätten. Es ist nicht zu verwundern, daß ein Plan, der zu gleicher Zeit den Nationalgroll befriedigte und eine pekuniäre Erleichterung hoffen ließ, mit großer Freude begrüßt wurde. Es ward eine Bill eingebracht, die nur zu große Aehnlichkeit mit einigen von den jakobitischen Gesetzgebern in Dublin erlassenen Gesetzen hatte. Diese Bill bestimmte, daß das Eigenthum eines Jeden, der sich gegen den König und die Königin seit dem Tage ihrer Proklamation aufgelehnt, eingezogen und der Erlös desselben zur Fortführung des Kriegs verwendet werden sollte. Eine Ausnahme war zu Gunsten derjenigen Protestanten gemacht, die sich nur überlegener Gewalt gefügt hatten; gegen die Papisten aber wurde keine Nachsicht geübt. Das königliche Begnadigungsrecht wurde beschränkt. Zwar durfte der König, wenn es ihm gefiel, das Leben seiner besiegten Feinde schonen; aber es war ihm nicht gestattet, den geringsten Theil ihres Vermögens der allgemeinen Confiscation zu entziehen. Es sollte nicht in seiner Macht stehen, eine Capitulation zu bewilligen, welche den irischen Katholiken den Genuß ihres erblichen Grundbesitzes sicherte. Ja, er sollte sogar sein Wort gegen Diejenigen nicht halten dürfen, die er bereits zu Gnaden angenommen, die seine Hand geküßt und aus seinem Munde das Versprechen des Schutzes erhalten hatten. Es wurde ein Versuch gemacht, eine Klausel zu Gunsten Lord Dover's einzuschalten. Dover, der bei allen seinen Fehlern nicht ohne einige Gefühle für England war, hatte sich durch Vertheidigung der Interessen seines Geburtslandes in Dublin sowohl den Irländern als den Franzosen verhaßt gemacht. Nach der Schlacht am Boyne war seine Lage traurig geworden. Weder in Limerick noch in Saint-Germains durfte er hoffen gut aufgenommen zu werden. In seiner Verzweiflung warf er sich Wilhelm zu Füßen, versprach ruhig zu leben und erhielt die gnädige Zusicherung, daß er nichts zu fürchten habe. Obgleich diesem unglücklichen Manne das königliche Wort verpfändet zu sein schien, beschlossen die Gemeinen dennoch mit hundertneunzehn gegen hundertzwölf Stimmen, daß sein Eigenthum von der allgemeinen Confiscation nicht ausgenommen sein solle.
Die Bill kam vor die Peers; aber die Peers waren nicht gemeint, sie ohne erhebliche Abänderungen anzunehmen, und zu solchen Abänderungen war jetzt keine Zeit. Zahlreiche Erben, Anwartschaftsinhaber und Gläubiger baten das Oberhaus flehentlich, Klauseln einzuschalten, welche den Unschuldigen gegen jede Gefahr, mit dem Schuldigen zu leiden, sicher stellten. Einige Bittsteller verlangten durch das Organ ihres Anwalts gehört zu werden. Der König hatte alle Vorbereitungen zu einer Reise nach dem Haag getroffen, der Tag, über welchen hinaus er seine Abreise nicht verschieben konnte, rückte immer näher, und so wurde die Bill zum Glück für die Ehre der englischen Legislatur in das dunkle Repositorium verwiesen, in welchem die abortiven Statuten vieler Generationen einen Schlaf schlafen, der nur selten von dem Geschichtsschreiber oder Alterthumsforscher gestört wird.[126]
[_Verfahren gegen Torrington._] Eine andre Frage, welche die Ruhe dieser kurzen Session vorübergehend, aber auch nur vorübergehend störte, entsprang aus der unglücklichen und schimpflichen Schlacht von Beachy Head. Torrington war unmittelbar nach dieser Schlacht in den Tower geschickt worden und saß noch darin. Es hatte sich eine technische Schwierigkeit bezüglich des gegen ihn einzuleitenden Verfahrens erhoben. Einen Lord Großadmiral gab es nicht, und ob die Commissare der Admiralität befugt waren, das Kriegsrecht auszuüben, darüber waren manche Juristen nicht völlig im Klaren. Die Mehrzahl der Richter meinte, die Commissare seien competent; um aber jeden Zweifel zu beseitigen, wurde eine Bill im Oberhause eingebracht, und gegen diese Bill opponirten mehrere Lords aus höchst nichtigen Gründen. Das vorgeschlagene Gesetz, sagten sie, sei ein rückwirkendes Strafgesetz und lasse deshalb Einwendungen zu. Wenn sie dieses Argument aus Ueberzeugung geltend machten, so kannten sie die ersten Anfangsgründe der Gesetzgebungswissenschaft nicht. Ein Gesetz deshalb machen, um etwas zu bestrafen, was zu der Zeit wo es gethan wurde, nicht strafbar war, widerstreitet jedem gesunden Prinzipe. Ein Gesetz aber, das lediglich das Strafverfahren änderte, kann vollkommen schicklicherweise auf vergangene sowohl wie auf zukünftige Vergehen angewendet werden. Es würde die gröbste Ungerechtigkeit gewesen sein, dem Gesetz, welches den Sclavenhandel für Felonie erklärte, eine rückwirkende Kraft zu geben. Aber es lag nicht die geringste Ungerechtigkeit in der Verordnung, daß der Centralcriminalgerichtshof Felonien untersuchen solle, welche lange vor dem Bestehen dieses Gerichtshofes begangen worden waren. In Torrington's Falle blieb das substantielle Gesetz das was es stets gewesen war; die Definition des Vergehens und das Strafmaß blieben unverändert. Die einzige Aenderung bezog sich auf die Form des Verfahrens, und die Legislatur war vollkommen berechtigt, diese Aenderung rückwirkend zu machen. Man kann in der That kaum glauben, daß einige von Denen, die sich der Bill widersetzten, durch den Trugschluß verblendet worden sein sollten, von dem sie Gebrauch zu machen sich herabließen. Der Kastengeist war bei den Lords sehr stark und es dünkte ihnen eine Erniedrigung ihres ganzen Standes, daß einer der Ihrigen durch einen aus Plebejern bestehenden Gerichtshof auf Tod und Leben gerichtet werden sollte. Wenn ihr hochgeborner College sich vergangen hatte, so mußten Anklageartikel gegen ihn aufgesetzt werden; Westminster Hall mußte hergerichtet werden, seine Peers mußten sich in ihrem Richterornate versammeln und auf ihr Ehrenwort ihren Wahrspruch abgeben; ein Lord Oberrichter mußte das Urtel verkündigen und den Stab zerbrechen. Es war vorbei mit dem Privilegium, wenn ein Earl durch Theerjacken, welche um einen Tisch in einer Schiffskajüte saßen, zum Tode verurtheilt werden konnte. Diese Gefühle äußerten einen solchen Einfluß, daß die Bill im Oberhause mit einer Majorität von nur zwei Stimmen durchging.[127] Im Unterhause, wo die Würden und Immunitäten des hohen Adels nicht mit freundlichem Auge betrachtet wurden, herrschte nur geringe Meinungsverschiedenheit. Torrington verlangte vor der Schranke gehört zu werden und sprach daselbst sehr ausführlich, aber schwach und verworren. Er rühmte sich seiner Dienste, seiner Opfer und seiner Wunden und schmähte die Holländer, die Admiralität und den Staatssekretär. Doch die Bill durchlief ohne Abstimmung alle Stadien.[128]
[_Torrington's Prozeß und Freisprechung._] Zu Anfang Decembers wurde Torrington unter Eskorte den Strom hinab nach Sheerneß geschickt. Hier versammelte sich das Kriegsgericht an Bord einer Fregatte, der Kent genannt. Die Untersuchung dauerte drei Tage, und während dieser drei Tage war die Aufregung in London groß. An der Börse, in den Kaffeehäusern und selbst an den Kirchthüren hörte man von nichts als von Torrington sprechen. Alle Parteien waren heftig aufgeregt, es wurden ungeheure Wetten gemacht, jede Stunde kamen Gerüchte zu Lande oder zu Wasser, und jedes Gerücht wurde unterwegs übertrieben oder entstellt. Von dem Tage, an welchem die Nachricht von der schimpflichen Schlacht eintraf, bis zum Vorabende der Prozeßverhandlung war die öffentliche Meinung dem Gefangenen sehr ungünstig gewesen. Gleichzeitige Pamphletisten erzählen uns, daß sein Name fast nie ohne eine Verwünschung genannt wurde. Als aber der Augenblick, in welchem sein Schicksal sich entscheiden sollte, heranrückte, trat eine Reaction ein, wie dies in unsrem Lande sehr häufig geschieht. Man erinnerte sich aller seiner Verdienste, seines Muthes, seiner Gutherzigkeit, seiner treuen Anhänglichkeit an den protestantischen Glauben in den schlimmen Zeiten. Daß er in Trägheit und Genußsucht versunken war, daß er um seiner Vergnügungen willen das wichtigste Geschäft vernachlässigte und daß er einem Zechgenossen oder einer Maitresse nichts abschlagen konnte, war unmöglich zu leugnen; aber man fand Entschuldigungen und milde Bezeichnungen für diese Fehler. Seine Freunde wendeten ohne Bedenken alle Mittel an, welche ein Nationalgefühl zu seinen Gunsten erwecken konnten, und ihre Bemühungen erhielten eine mächtige Stütze durch die Nachricht, daß der Haß, den man in Holland gegen ihn empfand, sich in Unanständigkeiten gegen einige seiner Landsleute Luft gemacht habe. Das allgemeine Geschrei war, ein tapferer, lebenslustiger, freigebiger englischer Gentleman, dem man nichts Schlimmeres nachsagen könne als daß er Wein und Weiber liebte, sollte erschossen werden, um den Rachedurst der Holländer zu stillen. Der Verlauf des Prozesses war ganz geeignet, das Volk in dieser Ansicht zu bestärken. Die meisten Zeugen, welche gegen den Gefangenen auftraten, waren holländische Offiziere. Der holländische Contreadmiral, der die Rolle des Anklägers übernahm, vergaß sich soweit, daß er die Richter der Parteilichkeit beschuldigte. Als endlich Torrington am Abend des dritten Tages für nicht schuldig erklärt wurde, schienen Viele, die noch vor kurzem sein Blut verlangt hatten, sich über seine Freisprechung zu freuen. Er kehrte frei und mit dem Degen an der Seite nach London zurück. Als er auf seiner Yacht die Themse hinauffuhr, salutirte ihm jedes Schiff, an dem er vorüberkam. Er nahm seinen Sitz im Hause der Lords ein und wagte es sogar, bei Hofe zu erscheinen. Aber die meisten Peers begegneten ihm mit Kälte, Wilhelm ließ ihn nicht vor sich und befahl ihn seines Dienstes zu entheben.[129]
[_Erbitterung der Whigs gegen Caermarthen._] Es gab noch einen Gegenstand, über den von keinem der beiden Häuser ein Beschluß gefaßt wurde, über den aber sehr wahrscheinlich in beiden eine lebhafte Discussion stattfand. Waren auch die Whigs minder heftig als im vorhergehenden Jahre, so konnten sie es doch nicht geduldig mit ansehen, wie Caermarthen so nahe daran war Premierminister zu sein, als es ein englischer Unterthan unter einem Fürsten von Wilhelm's Character überhaupt sein konnte. Obgleich Niemand eine hervorragendere Stelle in der Revolution gespielt, und obgleich Niemand von einer Contrerevolution mehr zu fürchten hatte als der Lord Präsident, konnten doch seine alten Feinde nicht glauben, daß er im Herzen den Willkürdoctrinen entsagt habe, denen er einst eifrig angehangen, oder daß er einer aus dem Widerstande hervorgegangenen Regierung wirklich treu sein könne. Während der letzten Hälfte des Jahres 1690 wurde er in Spottliedern arg mitgenommen. Bald war er König Thomas, bald Tom der Tyrann.[130] Man beschwor Wilhelm, nicht nach dem Kontinent zu gehen und seinen schlimmsten Feind als Rathgeber der Königin zurückzulassen. Halifax, den die Whigs im vorhergehenden Jahre ungroßmüthig und undankbar verfolgt hatten, wurde jetzt mit Achtung und Bedauern von ihnen genannt, denn er war der Feind ihres Feindes.[131] Das Gesicht, die Gestalt, die körperlichen Gebrechen Caermarthen's wurden lächerlich gemacht.[132] Der Verkehr mit dem französischen Hofe, in den er vor zwölf Jahren mehr durch sein Unglück als durch eigne Schuld verwickelt worden war, wurde in den schwärzesten Farben geschildert. Sein Anklageprozeß und seine Gefangenschaft wurden ihm vorgeworfen. Einmal sei er glücklich davon gekommen; aber die Rache könne ihn immer noch ereilen und London das lange hinausgeschobene Vergnügen genießen, den alten Verräther an dem blauen Bande, das er entehre, von der Leiter gestoßen zu sehen. Sämmtliche Mitglieder seiner Familie, Gattin, Sohn und Töchter, wurden mit wüthenden Schmähungen und beleidigenden Sarkasmen überhäuft.[133] Jeder, von dem man vermuthete, daß er durch politische Bande an ihn geknüpft war, erhielt seinen Theil von diesen Schmähungen, und Niemand wurde reichlicher bedacht als Lowther. Die Gesinnung, die sich in diesen Satyren aussprach, war unter den Whigs im Parlamente stark vertreten. Mehrere von ihnen beriethen sich über einen Angriffsplan und waren der Hoffnung, daß es ihnen gelingen werde, einen Sturm heraufzubeschwören, der es ihm unmöglich machte, an der Spitze der Geschäfte zu bleiben. Sein Einfluß im königlichen Cabinet scheint damals nicht mehr so groß gewesen zu sein, als er früher war. Godolphin, den er nicht liebte und über den er keine Gewalt hatte, dessen finanziellen Kenntnisse aber während des Sommers schmerzlich vermißt worden waren, kehrte wieder ins Schatzamt zurück und wurde zum ersten Commissar ernannt. Lowther, die rechte Hand des Lord Präsidenten, saß zwar noch im Collegium, führte aber nicht mehr den Vorsitz darin. Allerdings war damals kein solcher Unterschied zwischen dem ersten Lord und seinen Collegen als jetzt. Doch war die Aenderung immerhin wichtig und bezeichnend. Marlborough, dem Caermarthen ebenfalls nicht gewogen war, genoß in militärischen Angelegenheiten nicht weniger Vertrauen als Godolphin in finanziellen Dingen. Die Siegel, welche Shrewsbury im Sommer abgegeben hatte, lagen seitdem in Wilhelm's geheimem Schubfache. Der Lordpräsident erwartete wahrscheinlich zu Rathe gezogen zu werden, ehe sie vergeben wurden; allein er sah sich in dieser Erwartung getäuscht. Man ließ Sidney aus Irland kommen und ihm wurden die Siegel übergeben. Die erste Anzeige, welche der Lordpräsident von dieser wichtigen Ernennung erhielt, erfolgte nicht in einer Weise, welche geeignet gewesen wäre, seine Gefühle zu besänftigen. »Begegneten Sie dem neuen Staatssekretär, als er fortging?« fragte Wilhelm. »Nein, Sire,« antwortete der Lordpräsident, »ich begegnete Niemandem als Mylord Sidney.« -- »Er ist der neue Sekretär,« sagte Wilhelm. »Er wird genügen, bis ich einen geeigneten Mann finde, und sobald ich einen solchen Mann finde, wird er bereit sein zu resigniren. Jeder Andre, den ich ernennen könnte, würde sich beleidigt halten, wenn ich ihn wieder entfernen wollte.« Hätte Wilhelm Alles gesagt was er dachte, so würde er wahrscheinlich hinzugesetzt haben, daß Sidney zwar kein großer Redner oder Staatsmann, wohl aber einer von den wenigen englischen Politikern war, auf die man sich eben so fest verlassen konnte, wie auf Bentinck oder Zulestein. Caermarthen vernahm die Mittheilung mit einem bitteren Lächeln. Es sei etwas Neues, sagte er später, einen Edelmann in das Sekretariat gesetzt zu sehen, wie man einen Bedienten in eine Theaterloge setze, nur um einen Platz so lange einzunehmen, bis man einen Besseren gefunden habe. Doch hinter diesem Scherze verbarg sich eine ernste Kränkung und Besorgniß. Die Stellung des Premierministers war unangenehm und selbst gefährlich, und die Dauer seiner Macht würde wahrscheinlich kurz gewesen sein, hätte das Glück ihm nicht gerade in diesem Augenblicke die Mittel in die Hand gegeben, seine Gegner durch einen wichtigen Dienst, den er dem Staate leistete, zu beschämen.[134]
[_Ein jakobitisches Complot._] Im August hatte es geschienen, als ob die Jakobiten vollständig niedergeworfen worden wären. Der Sieg am Boyne und der durch das Erscheinen von Tourville's Geschwader an der Küste von Devonshire veranlaßte unwiderstehliche Ausbruch des Nationalgefühls hatten auch die kühnsten Vorkämpfer des erblichen Rechts entmuthigt. Die Mehrzahl der Hauptverschwörer brachte einige Wochen in Haft oder in Verstecken zu. Doch so weit die Verzweigungen der Verschwörung sich auch erstreckten, nur ein Verräther erlitt die Strafe für seine Verbrechen. Dies war ein Mann, Namens Gottfried Croß; der am Strande unweit Rye einen Gasthof besaß und der Tourville mit Kundschaft versehen hatte, als die französische Flotte an der Küste von Sussex lag. Als es sich zeigte, daß dieses einzelne Beispiel für genügend erachtet wurde, als die Gefahr einer Invasion vorüber war, als die durch diese Gefahr entzündete Begeisterung des Volks sich gelegt und als die Nachsicht der Regierung einigen Verschwörern erlaubt, ihre Gefängnisse zu verlassen, und Andere ermuthigt hatte, sich aus ihren Verstecken hervorzuwagen, begann die Partei, welche zu Boden geworfen und betäubt gewesen war, neue Lebenszeichen von sich zu geben. Die alten Verräther hielten wieder Zusammenkünfte an den alten Versammlungsorten, wechselten bedeutungsvolle Blicke und hastiges Geflüster und zogen aus ihren Taschen Pasquille auf den Hof von Kensington und mit Milch und Citronensaft geschriebene Briefe vom Hofe von Saint-Germains. Preston, Dartmouth, Clarendon, Penn gehörten zu den geschäftigsten. Mit ihnen war der eidverweigernde Bischof von Ely verbunden, den die Regierung noch immer in dem ihm nicht mehr gehörenden Palaste zu wohnen erlaubte und der noch vor kurzem den Himmel zum Zeugen angerufen hatte, daß ihm der Gedanke, Fremde zu einer Invasion in England aufzufordern ein Greuel sei. Eine günstige Gelegenheit sei versäumt worden, aber es stehe eine andre in Aussicht, und die dürfe man sich nicht entgehen lassen. Der Usurpator würde bald wieder außerhalb England's sein und die Verwaltung in den Händen einer schwachen Frau und eines getheilten Rathes liegen. Das zu Ende gehende Jahr sei allerdings ein unglückliches gewesen, aber das neue könne glückbringender sein.