Part 20
[_Die Häupter des Clubs verrathen einander._] Roß war der Erste, der zum Angeber wurde. Nach der Manier der Schule, in der er erzogen war, beging er diese Nichtswürdigkeit mit allen Formen der Heiligkeit. Er gab vor, sich in großer Seelenangst zu befinden, schickte nach einem berühmten presbyterianischen Geistlichen, Namens Dunlop, und jammerte kläglich: »Es liegt eine Last auf meinem Gewissen, ich weiß ein Geheimniß, das ich enthüllen sollte, aber ich kann es nicht über mich gewinnen.« Dunlop betete lange und inbrünstig. Roß schluchzte und weinte, bis endlich der Himmel durch das heftige Flehen erstürmt worden zu sein schien. Die Wahrheit kam heraus, und mit ihr viele Lügen. Der Geistliche und der Bußfertige vereinigten dann ihre Dankgebete. Dunlop eilte mit der Nachricht zu Melville, Roß begab sich nach England, um sich mit dem Hofe auszusöhnen, und er kam wohlbehalten am Orte seiner Bestimmung an, obgleich einige seiner Complicen, die von seinem reumüthigen Geständnisse gehört hatten, aber wenig davon erbaut worden waren, Anschläge geschmiedet hatten, ihm unterwegs die Gurgel abzuschneiden. In London betheuerte er bei seiner Ehre und auf sein Wort als Gentleman, daß er wider seinen Willen in das Complot gezogen worden sei, daß er dasselbe stets verabscheut habe und daß Montgomery und Ferguson die wirklichen Schuldigen seien.[103]
Inzwischen pries Dunlop überall wohin er kam, die göttliche Güte, die durch ein so bescheidenes Werkzeug wie er eine vornehme Person auf den rechten Weg zurückgeführt habe. Kaum hörte Montgomery von diesem wundervollen Gnadenwerke, so begann auch er Reue zu empfinden. Er ging zu Melville, legte demselben ein mit dem Roß'schen nicht ganz übereinstimmendes Geständniß ab und erhielt einen Paß nach England. Wilhelm war damals in Irland und Marie regierte anstatt seiner. Ihr warf sich Montgomery zu Füßen. Er versuchte ihr Mitleid rege zu machen, indem er von seinem zerrütteten Vermögen sprach, und sich bei ihr einzuschmeicheln, indem er ihr liebreiches, huldvolles Wesen pries. Er bezeichnete ihr die Namen seiner Mitverschwornen und gelobte sein ganzes Leben ihrem Dienste zu weihen, wenn sie ihm eine Anstellung verschaffte, die ihm eine anständige Existenz sicherte. Sie wurde so gerührt durch seine Bitten und Schmeicheleien, daß sie ihn der Nachsicht ihres Gemahls empfahl; Wilhelm aber konnte das gerechte Mißtrauen und den Abscheu, womit er Montgomery betrachtete, nicht überwinden.[104]
Bevor der Verräther bei der Königin vorgelassen wurde, hatte er die Zusage erlangt, unbehindert wieder abreisen zu dürfen. Diese Zusage wurde gehalten. Er hielt sich noch mehrere Monate in London verborgen und es gelang ihm in Unterhandlung mit der Regierung zu treten. Er erbot sich unter der Bedingung, daß er eine gute Stelle bekäme, als Zeuge gegen seine Mitschuldigen aufzutreten. Wilhelm aber wollte nichts weiter als Begnadigung gewähren, und so wurden die Unterhandlungen endlich abgebrochen. Montgomery ging auf einige Zeit nach Frankreich, kehrte aber bald wieder nach London zurück und brachte den freudenleeren Rest seines Lebens damit hin, daß er Complote schmiedete, die nicht zur Ausführung kamen, und Libelle schrieb, die sich durch einen eleganten und kräftigen Styl von den meisten Erzeugnissen der jakobitischen Presse vortheilhaft unterscheiden.[105]
Als Annandale erfuhr, daß seine beiden Complicen zu Angebern geworden waren, zog er sich nach Bath zurück und gab vor, die dortige Kur zu brauchen. Von da wurde er durch einen Verhaftsbefehl bald nach London gebracht. Er gestand ein, daß er sich zum Hochverrath habe verleiten lassen, erklärte aber, daß er zu den Plänen Anderer nur Amen gesagt habe und daß seine fast kindliche Einfalt von Montgomery, diesem schändlichsten, falschesten und unruhigsten Menschen, den es gebe, benutzt worden sei. Der edle Büßer versuchte sodann seine eigne Schuld durch Anklagen anderer Leute, Engländer und Schotten, Whigs und Tories, Schuldiger und Unschuldiger, zu sühnen. Einige klagte er auf eignes Wissen hin, Andere nach bloßem Hörensagen an. Unter Denen, die er auf eignes Wissen hin anklagte, befand sich Neville Payne, der, wie es scheint, weder von Roß, noch von Montgomery erwähnt worden war.[106]
Der durch Boten und Verhaftsbefehle verfolgte Payne war so übel berathen, daß er nach Schottland flüchtete. Wäre er in England geblieben, so würde ihm nichts geschehen sein, denn obwohl die moralischen Beweise seiner Schuld vollkommen waren, lag doch kein legaler Beweis gegen ihn vor, der eine Jury hätte überzeugen können, daß er Hochverrath begangen; er konnte der Folter nicht unterworfen werden, um ihn zur Selbstanklage zu zwingen, und eben so wenig durfte er lange in Haft gehalten werden, ohne daß man ihn vor Gericht stellte. Von dem Augenblicke an aber, wo er die Grenze überschritt, befand er sich in der Gewalt der Regierung, deren Todfeind er war. Die Rechtsforderung hatte in Fällen wie der seinige die Folter als ein statthaftes Mittel, Aufschluß zu erlangen, anerkannt, und keine Habeascorpusacte schützte ihn vor einer langen Detention. Der Unglückliche wurde festgenommen, nach Edinburg gebracht und vor den Geheimen Rath gestellt. Man war allgemein der Ansicht, daß er ein Schurke und Feigling sei und daß der bloße Anblick der spanischen Stiefeln und Daumenschrauben ihm alle die strafwürdigen Geheimnisse entlocken werde, die man ihm anvertraut hatte. Aber Payne besaß viel mehr Muth als die hochgebornen Verschwörer, mit denen er zu seinem Unglück in Verbindung gestanden hatte. Zweimal wurde er den fürchterlichsten Martern unterworfen, aber nicht ein Wort, durch das er sich selbst oder irgend jemand Andren angeklagt hätte, konnte ihm entrissen werden. Einige Räthe verließen schaudernd den Sitzungssaal. Aber der fromme Crawford präsidirte. Er ließ sich, wo ein Amalekiter im Spiele war, von der Schwäche des Mitleids nicht leicht übermannen, und zwang den Folterknecht, einen Keil nach dem andren zwischen die Knie des Gefangenen einzutreiben, bis der Schmerz so groß war, als der menschliche Körper ihn ertragen kann, ohne die Lebensfähigkeit zu verlieren. Payne wurde dann in das edinburger Schloß gebracht, wo er lange blieb, gänzlich vergessen von Denen, um derentwillen er, wie er in rührenden Worten beklagte, mehr als die Qual des Todes erduldet hatte. Doch keine Undankbarkeit vermochte die Gluth seiner fanatischen Treue zu dämpfen und noch Jahre lang entwarf er in seinem Kerker Insurrections- und Invasionspläne.[107]
[_Allgemeine Ergebung in die neue Kirchenverfassung._] Vor Payne's Verhaftung waren die Stände nach einer der bedeutungsvollsten Sessionen, welche Schottland je gesehen, vertagt worden. Die Nation fügte sich allgemein in die neue kirchliche Verfassung. Die Indifferenten, welche in jeder Gesellschaft einen beträchtlichen Theil bilden, freuten sich, daß die Anarchie vorüber war, und bequemten sich der presbyterianischen Kirche an, wie sie sich der bischöflichen Kirche anbequemt hatten. Die gemäßigten Presbyterianer waren mit der getroffenen Einrichtung im Ganzen zufrieden, und auch die meisten strengen Presbyterianer gewannen es über sich, sie unter Protest als eine starke Abschlagszahlung auf die ihnen zukommende Schuld anzunehmen. Sie vermißten zwar was sie als die vollkommene Schönheit und Symmetrie der Kirche ansahen, welche vierzig Jahre früher der Stolz Schottland's gewesen war. Obgleich aber der zweite Tempel dem ersten nicht gleichkam, konnte sich das erwählte Volk nicht des Gedankens freuen, daß es nach einer langen Gefangenschaft in Babylon das Haus Gottes, wenn auch unvollkommen, auf den alten Grundmauern wieder erbauen durfte; auch konnte es ihm nicht schlecht anstehen, für den latitudinarischen Wilhelm eine dankbare Zuneigung zu fühlen, wie die zurückgeführten Juden sie für den heidnischen Cyrus gefühlt hatten.
[_Klagen der Episkopalen._] Zwei Parteien jedoch betrachteten die Ordnung von 1690 mit unversöhnlichem Abscheu. Solcher Schotten, welche aus Ueberzeugung und mit Begeisterung Episkopalen waren, gab es nur wenige, aber es befanden sich darunter einige Personen, die wenn auch vielleicht nicht in natürlicher Begabung, so doch in Gelehrsamkeit, Geschmack und Schreibfertigkeit den Theologen der jetzt zur Herrschaft gelangten Secte überlegen waren. Es würde für die abgesetzten Curaten und Professoren nicht rathsam gewesen sein, ihrem Zorne in ihrem eignen Lande Luft zu machen. Aber die englische Presse stand ihnen offen und sie waren des Beifalls eines großen Theils des englischen Volkes gewiß. Mehrere Jahre hindurch peinigten sie ihre Feinde und unterhielten das Publikum durch eine Reihe geistreicher und kecker Flugschriften. In einigen dieser Schriften sind die Drangsale, welche die gemißhandelten Priester der westlichen Grafschaften erduldet hatten, mit einer Eindringlichkeit geschildert, die unwiderstehlich Mitleid und Unwillen erregt. In anderen ist die Grausamkeit, mit der die Covenanters unter den Regierungen der beiden letzten Könige des Hauses Stuart behandelt worden waren, durch alle erdenklichen Kunstgriffe der Sophistik gemildert. Viel wird darin über das schlechte Latein einiger presbyterianischer Professoren gewitzelt, die auf Lehrstühlen saßen, welche vor kurzem große Gelehrte innegehabt hatten. Auch wurde viel über die unwissende Geringschätzung gesprochen, welche die siegreichen Barbaren gegen die Wissenschaft und Literatur an den Tag legten. Sie wurden beschuldigt, daß sie über die modernen Systeme der Naturwissenschaft als verwerflicher Ketzereien das Anathema aussprächen, daß sie die Mathematik als ein seelenverderbendes Studium verdammten und selbst von dem Studium der Sprachen abriethen, in denen die heiligen Bücher geschrieben seien. Gelehrsamkeit, wurde gesagt, werde in Schottland bald nicht mehr zu finden sein; die Universitäten siechten unter ihren neuen Leitern dahin und müßten bald zu Grunde gehen. Die Buchhändler seien schon halb ruinirt, sie kämen zu der Einsicht, daß der ganze Ertrag ihres Geschäfts die Ladenmiethe nicht mehr decken werde, und schickten sich an, in ein Land auszuwandern, wo die Wissenschaften von Denen, welche dazu berufen seien, das Volk zu belehren, in Ehren gehalten würden. Unter den Dienern der Religion gebe es keinen Bücherkäufer mehr. Der bischöfliche Geistliche sei froh, wenn er für ein Stück Brot den Ueberrest seiner Bibliothek verkaufen könne, der von den Pöbelhaufen der letzten Weihnachtszeit nicht zerrissen oder verbrannt worden sei, und die ganze Bibliothek eines presbyterianischen Geistlichen bestehe aus einer Erklärung der Apokalypse und aus einem Kommentar zum Hohen Liede.[108] Die Kanzelberedtsamkeit der siegreichen Partei war ein unerschöpflicher Stoff zu Spötteleien. Ein kleines Büchlein betitelt: +The Scotch Presbyterian Eloquence Displayed+, machte im Süden, bei den Hochkirchlichen sowohl wie bei den Spöttern ungeheures Aufsehen und ist noch jetzt nicht ganz vergessen. Es war in der That ein Buch, das ganz für den Lesetisch eines Squire paßte, dessen Religion darin bestand, daß er extemporirte Gebete und näselndes Psalmensingen haßte. An einem regnerischen Tage, wenn es unmöglich war, zu jagen oder zu schießen, würden weder Karten- noch Bretspiel in den Pausen zwischen der Flasche und der Pastete eine so angenehme Unterhaltung gewährt haben. Man findet vielleicht nirgends eine so reichhaltige Sammlung lächerlicher Citate und Anekdoten auf einem so kleinen Raume zusammengedrängt. Einige ernste Männer jedoch, die der calvinistischen Lehre und Kirchenzucht nicht hold waren, schüttelten den Kopf über dieses sprudelnde Witzbuch und äußerten sich dahin, daß der Verfasser, indem er die absurde Rhetorik, durch welche niedrigdenkende und unwissende Menschen dunkle theologische Fragen zu erörtern und religiöses Gefühl bei der Menge zu wecken versuchten, dem Spotte preisgab, zuweilen die den heiligen Dingen gebührende Ehrerbietung aus den Augen gesetzt habe. Der Eindruck, den solche Schriften auf die öffentliche Meinung in England machten, ließ sich nicht vollkommen würdigen, so lange England und Schottland unabhängig von einander waren, zeigte sich aber sehr bald nach der Vereinigung der beiden Königreiche in einer Weise, die zu beklagen wir noch jetzt Ursache haben und auch wahrscheinlich unsere Nachkommen noch lange Ursache haben werden.
[_Die presbyterianischen Eidverweigerer._] Die extremen Presbyterianer waren eben so mißvergnügt wie die extremen Prälatisten und eben so wenig wie die extremen Prälatisten geneigt, Wilhelm und Marien den Huldigungseid zu leisten. Und in der That, obgleich der jakobitische Eidverweigerer und der cameronische Eidverweigerer ganz entgegengesetzter Ansichten waren, obgleich sie einander mit tödtlicher Aversion betrachteten, obgleich keiner von Beiden Bedenken getragen haben würde, den Andren zu verfolgen, hatten sie doch viel mit einander gemein. Sie waren vielleicht die beiden auffallendsten Beispiele von verkehrter Absurdität, welche die Welt aufzuweisen hatte. Jeder von ihnen betrachtete seine Lieblingsform der Kirchenverfassung nicht als ein Mittel sondern als einen Zweck, als das einzig Nothwendige, als die Quintessenz der christlichen Religion. Jeder von ihnen glaubte kindischerweise, in seiner Bibel eine Theorie der Civilregierung gefunden zu haben, und Keiner von Beiden erschrak vor den furchtbaren Consequenzen, zu denen seine Theorie führte. Auf alle Einwendungen hatten Beide nur die eine Antwort: So spricht der Herr. Beide stimmten in der prahlerischen Behauptung überein, daß die Argumente, welche atheistischen Politikern unwiderlegbar schienen, dem Heiligen keine Schwierigkeit darboten. Es möge vollkommen wahr sein, daß er durch Milderung der Strenge seiner Grundsätze sein Vaterland vor Knechtschaft, Anarchie und allgemeinem Ruin retten könne, aber es sei nicht sein Lebenszweck, sein Vaterland zu retten, sondern seine Seele. Er gehorche den Geboten Gottes und stelle das Weitere Gott anheim. Die eine der beiden fanatischen Secten war der Meinung, die Nation sei bis ans Ende aller Zeiten verpflichtet, dem Erben der Stuarts zu gehorchen; die andre glaubte, die Nation sei bis ans Ende aller Zeiten durch den feierlichen Bund und Covenant gebunden, und in Folge dessen betrachteten Beide die neuen Souveraine als Usurpatoren.
Von den presbyterianischen Eidverweigerern hat man außerhalb Schottland's kaum etwas gehört, und vielleicht ist es jetzt selbst in Schottland nicht allgemein bekannt, wie lange sie noch eine abgesonderte Klasse bildeten. Sie meinten ihr Vaterland stehe in einem Vorvertrag mit dem Allerhöchsten und könne niemals, so lange die Welt existire, eine mit diesem Vorvertrage unvereinbare Verpflichtung eingehen. Ein Erastianer, ein Latitudinarier, ein Mann, der das Brot und den Wein knieend aus den Händen von Bischöfen empfange und der es sich, wenn auch ungern, gefallen ließ, in der Kirche Chorsänger in weißen Gewändern singen zu hören, könne nicht König eines unter dem Covenant stehenden Reiches sein. Wilhelm habe überdies alles Anrecht auf die Krone dadurch verloren, daß er die Sünde begangen, wegen der in alter Zeit eine auf widernatürliche Weise auf den Thron erhobene Dynastie auf widernatürliche Weise entthront worden sei. Er habe seinen Schwiegervater, diesen Götzendiener, diesen Mörder, diesen Mann Belial's, der vor den Augen des Herrn hätte in Stücken zerhackt werden sollen, wie Agag, geflissentlich entkommen lassen. Wilhelm's Verbrechen sei sogar noch schlimmer als das des Königs Saul. Saul habe nur einen Amalekiter verschont und habe die übrigen alle erschlagen. Welchen Amalekiter habe Wilhelm erschlagen? Die reine Kirche sei achtundzwanzig Jahre der Verfolgung preisgegeben gewesen, ihre Kinder seien ins Gefängniß geworfen, transportirt, gebrandmarkt, erschossen, gehängt, ersäuft, gefoltert worden. Und doch habe Der, der sich ihren Befreier nenne, ihr nicht gestattet, sich an ihren Feinden zu rächen.[109] Der blutdürstige Claverhouse sei in St. James freundlich aufgenommen worden. Der blutige Mackenzie habe bei den Uebelgesinnten in Oxford eine sichere und glänzende Freistätte gefunden. Der jüngere Dalrymple, der die Heiligen angeklagt, und der ältere Dalrymple, der über die Heiligen zu Gericht gesessen, seien groß und mächtig. Sorglose Gallios sagten, man habe nur die Wahl zwischen Wilhelm und Jakob und es sei weise, von zwei Uebeln das kleinere zu wählen. Dies sei allerdings die Weisheit dieser Welt. Aber die Weisheit, die von Oben komme, lehre uns, daß wir von zwei Dingen, welche beide in den Augen Gottes Uebel seien, gar keines wählen sollten. Sobald Jakob wieder eingesetzt werde, sei es Pflicht, ihn nicht anzuerkennen und sich ihm zu widersetzen. Gegenwärtig sei es Pflicht, seinen Schwiegersohn nicht anzuerkennen und sich ihm zu widersetzen. Es dürfe nichts gesagt und nichts gethan werden, was als eine Anerkennung der Autorität des Mannes aus Holland ausgelegt werden könne. Die Gottesfürchtigen dürften ihm keine Abgaben bezahlen, dürften unter ihm kein Amt bekleiden, dürften keine Besoldungen von ihm annehmen, dürften keine Dokumente unterzeichnen, in denen er König genannt werde. Anna folgte Wilhelm auf dem Throne und Anna wurde von Denen, die sich den Ueberrest der wahren Kirche nannten, als die vermeintliche Königin, als das schlechte Weib, als die Jesabel bezeichnet. Georg I. folgte Anna auf dem Throne, und Georg I. war der angebliche König, das deutsche Thier.[110] Georg II. folgte Georg I. auf dem Throne, und Georg II. war ebenfalls ein angeblicher König und wurde beschuldigt, die Ruchlosigkeit seiner ruchlosen Vorgänger noch übertroffen zu haben, indem er ein dem göttlichen Gesetze, welches befiehlt, daß keine Hexe am Leben gelassen werden dürfe, Hohn sprechendes Gesetz genehmigt habe.[111] Georg III. folgte Georg II. auf dem Throne, und noch immer fuhren diese Leute fort, mit unverminderter Beharrlichkeit, wenn auch in weniger heftiger Sprache als früher, einem nicht unter dem Covenant stehenden Souverain jede Anerkennung zu verweigern.[112] Noch im Jahre 1806 erklärten sie es öffentlich für eine Sünde, die Regierung eines solchen Königs durch Entrichtung der Abgaben, durch Annahme von Accislicenzen, durch Anschluß an die Freiwilligen oder durch Arbeiten bei öffentlichen Werken anzuerkennen.[113] Die Zahl dieser Zeloten verminderte sich immer mehr, bis sie endlich so dünn über Schottland verstreut waren, daß sie nirgends mehr zahlreich genug waren, um ihr eignes Bethaus haben zu können, weshalb man sie Nichthörer nannte. Sie versammelten sich jedoch noch zu Andachtsübungen in Privathäusern und betrachteten sich fortwährend als das auserwählte Geschlecht, als die königliche Priesterschaft, als die heilige Nation, als das besondere Volk, das inmitten der allgemeinen Entartung allein den Glauben an ein besseres Zeitalter beibehalten hatte. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß dieser Aberglaube, der unvernünftigste und ungeselligste, zu welchem das protestantische Christenthum je durch menschliche Vorurtheile und Leidenschaften verfälscht worden, in einigen obscuren Pächterwohnungen noch immer fortbesteht.
[_Wilhelm unzufrieden mit den kirchlichen Einrichtungen in Schottland._] Der König war mit der Art und Weise, wie die kirchliche Verfassung Schottland's geordnet worden, nur theilweis zufrieden. Er meinte die Episkopalen seien hart behandelt worden, und fürchtete sie könnten noch härter behandelt werden, wenn das neue System erst vollständig organisirt sei. Er hatte dringend gewünscht, daß die Acte, welche die presbyterianische Kirche als Staatsreligion einführte, von einer andren Acte begleitet sei, welche Nichtmitgliedern dieser Kirche gestattete, ihre religiösen Versammlungen ungehindert zu halten, und er hatte Melville speciell beauftragt, dafür zu sorgen.[114] Einige populäre Prediger aber haranguirten in Edinburg so heftig gegen die Gewissensfreiheit, die sie das Mysterium der Unbilligkeit nannten, daß Melville den Instructionen seines Gebieters nicht nachzukommen wagte. Der Entwurf einer Toleranzacte wurde dem Parlamente durch ein Privatmitglied vorgelegt, aber kalt aufgenommen und fallen gelassen.[115]
[_Zusammentritt der Generalversammlung der schottischen Kirche._] Wilhelm war jedoch fest entschlossen es nicht zuzugeben, daß die herrschende Religionspartei ihre Verfolgungsgelüste befriedigte und er nahm sehr bald Gelegenheit, diesen seinen Entschluß kund zu thun. Die erste Generalversammlung der neueingeführten Landeskirche fand bald nach seiner Zurückkunft aus Irland statt. Es war nothwendig, daß er einen Commissar ernannte und ein Handschreiben erließ. Einige eifrige Presbyterianer hofften, daß Crawford dieser Commissar werden würde, und die edinburger Geistlichen veröffentlichten eine Schrift, in der sie sehr verständlich andeuteten, daß dies ihr Wunsch sei. Wilhelm wählte jedoch Lord Carmichael, einen Edelmann, der sich durch Einsicht, Humanität und Mäßigung auszeichnete.[116] Das königliche Schreiben an die Versammlung war höchst verständigen Inhalts und in sehr eindringlicher Sprache abgefaßt. »Wir hoffen,« schrieb der König, »Ihr Benehmen wird von der Art sein, daß wir keine Ursache haben zu bereuen was wir gethan. Wir konnten nie der Meinung sein, daß Gewaltthätigkeit der Ausbreitung wahrer Religiosität förderlich sei; auch haben wir nicht die Absicht, unsre Autorität jemals zum Werkzeuge der zügellosen Leidenschaften irgend einer Partei werden zu lassen. Mäßigung ist es was die Religion vorschreibt, was die Nebenkirchen von Ihnen erwarten und was wir Ihnen anempfehlen.« Die Sechzig und ihre Genossen würden wahrscheinlich gern in einer Sprache geantwortet haben, ähnlich derjenigen, welche, wie einige von ihnen sich noch recht wohl erinnern konnten, der Klerus gegen Karl II. während seines Aufenthalts in Schottland geführt hatte. Aber sie hatten eben erst erfahren, daß man in England entschieden für die gemißhandelten Curaten eingenommen sei und daß es unter solchen Umständen von einer Körperschaft, welche die presbyterianische Kirche repräsentirte, Wahnsinn gewesen sein würde, sich mit dem Könige zu verfeinden.[117] Die Versammlung gab daher eine dankende und ehrerbietige Antwort auf das königliche Schreiben und versicherte Sr. Majestät, daß sie zu viel von Unterdrückung gelitten hätten, um jemals Unterdrücker werden zu können.[118]
[_Lage der Dinge auf dem Continent._] Unterdessen bezogen die Truppen auf dem ganzen Kontinent ihre Winterquartiere. Der Feldzug war überall unentschieden geblieben. Der Sieg, den Luxemburg bei Fleurus erfochten, hatte keinen erheblichen Eindruck gemacht. Am Oberrheine hatten große Armeen einander Monate lang gegenüber gestanden, ohne einen Schlag zu thun. In Catalonien waren einige kleine Festungen genommen worden. Im Osten Europa's waren auf einigen Punkten die Türken, auf anderen die Christen siegreich gewesen, und das Ende des Kampfes schien ferner zu sein als je. Die Coalition hatte im Laufe des Jahres ein werthvolles Mitglied verloren, und ein andres gewonnen. Der Herzog von Lothringen, der geschickteste Feldherr in kaiserlichen Diensten, war nicht mehr. Er war gestorben, wie er gelebt hatte: als ein umherirrender Verbannter, und hatte seinen Kindern nichts als seinen Namen und seine Rechte hinterlassen. Man pflegte zu sagen, die Coalition hätte eher dreißigtausend Soldaten entbehren können als einen solchen General. Doch die verbündeten Hofe hatten kaum Trauer um ihn angelegt, als sie durch die Nachricht getröstet wurden, daß ein andrer Prinz, an Macht ihm überlegen und weder an Feldherrntalent noch an Muth ihm nachstehend, dem Bunde gegen Frankreich beigetreten sei.