Part 7
[_Wilhelm's ausländische Günstlinge._] Es war wohl bekannt, daß der König, der die englische Noblesse und Gentry so unfreundlich behandelte, in einem kleinen Kreise seiner Landsleute herablassend, vertraulich und selbst heiter sein, seine Gedanken in fröhlicher Unterhaltung aussprechen und sein Glas oft, vielleicht zu oft, füllen konnte, und dies erschwerte in den Augen unserer Vorfahren seine Schuld. Unsere Vorfahren hätten jedoch so viel gesunden Sinn und Gerechtigkeitsliebe haben sollen, um zuzugestehen, daß der Patriotismus, den sie an sich selbst als eine Tugend betrachteten, bei ihm kein Fehler sein konnte. Es war ungerecht ihn deshalb zu tadeln, daß er die Liebe, die er zu seinem Geburtslande hegte, nicht mit einem Male auf unsre Insel übertrug. Wenn er in den Hauptsachen seine Pflicht gegen England erfüllte, konnte man es ihm wohl nachsehen, daß er für Holland eine zärtliche Vorliebe bewahrte. Eben so wenig verdient es einen Vorwurf, daß er in den Tagen seiner Größe Gefährten nicht entfernte, die in seiner Kindheit mit ihm gespielt, ihm durch alle Wechselfälle des Jünglings- und des Mannesalters treu zur Seite gestanden, welche den ekelhaftesten und gefährlichen Ansteckungen trotzend, an seinem Krankenlager gewacht, im heißesten Schlachtgewühl sich zwischen ihn und die französischen Schwerter geworfen, und deren Anhänglichkeit nicht dem Statthalter oder dem Könige, sondern einfach Wilhelm von Nassau galt. Auch darf man hinzusetzen, daß seine alten Freunde, wenn er sie mit seinen neuen Höflingen verglich, in seiner Achtung steigen mußten. Alle seine holländischen Kameraden verdienten, ohne Ausnahme, sein Vertrauen bis ans Ende seines Lebens. Wohl konnten sie mit ihm schmollen, und, wenn sie schmollten, hart und mürrisch sein; niemals aber, mochten sie auch noch so erzürnt und unwillig sein, hörten sie auf seine Geheimnisse zu bewahren, und mit der Treue wahrer Edelleute und Soldaten über seine Interessen zu wachen. Unter seinen englischen Rathgebern war solche Treue selten.[69] Es ist traurig, aber nicht mehr als gerecht anzuerkennen, daß er nur zu guten Grund hatte, von unsrem Nationalcharacter eine schlechte Meinung zu hegen. Dieser Character war zwar im Wesentlichen so wie er immer gewesen ist. Wahrheitsliebe, Biederkeit und männliche Unerschrockenheit waren damals wie noch jetzt den Engländern vorzugsweise eigen. Aber so allgemein verbreitet diese Eigenschaften unter der Masse des Volks sein mochten, in der Klasse, welche Wilhelm am besten kannte, waren sie nur selten zu finden. Der Maßstab der Ehre und Tugend war während seiner Regierung unter unseren Staatsmännern sehr tief gesunken. Seine Vorfahren hatten ihm einen mit allen Lastern der Restauration befleckten Hof hinterlassen, einen Hof, der von Schmarotzern wimmelte, welche bereit waren, beim ersten Umschlag des Glücks ihn zu verlassen, wie sie seinen Oheim verlassen hatten. Wohl fand sich hier und da unter dem schamlosen Haufen ein Mann von wahrer Rechtschaffenheit und echtem Gemeinsinn. Aber selbst ein solcher Mann konnte nicht lange in solcher Umgebung leben, ohne daß seine strengen Grundsätze und sein Gefühl für Recht und Unrecht in die größte Gefahr geriethen. Es war ungerecht, einen von Schmeichlern und Verräthern umgebenen Fürsten deshalb zu tadeln, daß er einige Diener in seiner Nähe behalten wollte, die er hinreichend erprobt hatte, um überzeugt zu sein, daß sie ihm bis zum Tode treu bleiben würden.
[Anmerkung 69: De Foe entschuldigt Wilhelm im zweiten Theile seines +True Born Englishman+ folgendermaßen:
Wir tadeln Wilhelm, daß er hat zu viel Gefallen An Deutschland's, Frankreich's, Holland's Söhnen allen Und selten mittheilt Großes von dem Staat Den Männern, welche sitzen in seinem brit'schen Rath. Der Grund davon ist nicht schwer beizubringen: Weil wir nur gar zu oft ihn hintergingen. Und in der That, das Narrenhaus ihm würd' gebühren, Wenn er getraut hätt' England's Cavalieren. Die Fremden stets gehorsam mit ihm zogen, Und nur von Engländern er immer ward betrogen.]
[_Allgemeine schlechte Verwaltung._] Und dies war nicht der einzige Punkt, in welchem unsere Vorfahren sich ungerecht gegen ihn zeigten. Sie hatten erwartet, daß ein so ausgezeichneter Feldherr und Staatsmann, sobald er an der Spitze der Regierung stände, einen glänzenden Beweis -- was für einen wußten sie selbst nicht recht -- von Genie und Thatkraft geben werde. Unglücklicherweise ging während der ersten Monate seiner Regierung fast Alles schlecht. Seine bitter getäuschten Unterthanen maßen ihm die Schuld bei und begannen zu zweifeln, ob er den Ruf verdiene, den er sich beim ersten Eintritt ins öffentliche Leben geschaffen und den der glänzende Erfolg seiner letzten großen Unternehmung auf den höchsten Punkt gesteigert hatte. Wären sie in einer Stimmung gewesen, um unbefangen urtheilen zu können, so würden sie eingesehen haben, daß er für die schlechte Verwaltung, über die sie sich mit gutem Grunde beschwerten, nicht verantwortlich war. Er konnte für jetzt nur mit der Maschinerie arbeiten, die er vorgefunden hatte, und diese Maschinerie war eitel Rost und Verfall. Von der Zeit der Restauration bis zur Zeit der Revolution war die erfolgreiche Thätigkeit jedes Zweiges der Verwaltung fast beständig durch Nachlässigkeit und Betrug gehemmt worden. Ehrenstellen und öffentliche Ämter, Peers- und Baronetstitel, Regimenter, Fregatten, Gesandtschaftsposten, Gouverneursstellen, Commissariate, Pachtungen von Krongütern, Lieferungscontracte auf Bekleidungsstücke, Lebensmittel und Munition, Begnadigungen für begangene Mordthaten, Diebstähle und Brandstiftungen wurden in Whitehall fast eben so offen verkauft wie Spargel in Coventgarden oder Heringe in Billingsgate. Kupplerisches Volk hatte beständig in den Umgebungen des Hofes nach Kundschaft umhergespäht, und unter ihnen hatten zu Karl's Zeiten die Courtisanen, zu Jakob's Zeiten die Priester das meiste Glück gehabt. Von dem Palaste aus, welcher der Hauptsitz dieser Pestilenz gewesen war, hatte sich die Ansteckung über alle Ämter und über alle Klassen der Beamten verbreitet und überall Schwäche und Desorganisation hervorgerufen. Die Verderbtheit machte so reißende Fortschritte, daß acht Jahre nach der Zeit, da Oliver Cromwell der Schiedsrichter Europa's gewesen, der Donner der Kanonen de Ruyters im Tower von London gehört wurde. Die Krebsschäden, die jene große Demüthigung über das Land gebracht, hatten seitdem immer tiefer und immer weiter um sich gegriffen. Man muß Jakob die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er einige von den gröbsten Mißbräuchen, welche die Marineverwaltung schändeten, abgeschafft hatte. Doch trotz seiner Reformbestrebungen entlockte die Marineverwaltung Männern, welche das Seewesen Frankreich's und Holland's kannten, nur ein mitleidiges Achselzucken. Noch schlechter war die Militärverwaltung. Die Höflinge ließen sich von den Obersten bestechen, die Obersten betrogen die Soldaten, die Kriegscommissare schickten lange Rechnungen über Dinge ein, welche nie geliefert worden waren, die Arsenalinspectoren verkauften die öffentlichen Vorräthe und steckten den Erlös in ihre Tasche. Obgleich aber diese Krebsschäden unter der Regierung Karl's und Jakob's entstanden und zur Reife gediehen waren, machten sie sich doch erst unter Wilhelm's Regierung ernstlich fühlbar. Denn Karl und Jakob hatten sich damit begnügt, die Vasallen und Pensionäre eines mächtigen und ehrgeizigen Nachbars zu sein; sie unterwarfen sich seinem Übergewicht, sie vermieden mit kleinmüthiger Ängstlichkeit Alles, was ihn hätte beleidigen können, und so beugten sie auf Kosten der Unabhängigkeit und Würde der alten, ruhmvollen Krone, welche zu tragen sie nicht werth waren, einem Kampfe vor, der sofort gezeigt haben würde, wie ohnmächtig unter ihrer verkehrten Regierung das einst mächtige Reich geworden war. Es lag weder in Wilhelm's Macht noch in seinem Character, in die Fußtapfen ihrer schimpflichen Politik zu treten. Nur durch Waffengewalt konnte die Freiheit und die Religion England's gegen den furchtbarsten Feind geschützt werden, der unsre Insel bedroht hatte, seitdem die Hebriden mit den Trümmern der Armada bedeckt worden. Der Staatskörper, der im Zustande der Ruhe einen oberflächlichen Anschein von Gesundheit und Kraft gezeigt hatte, war jetzt in die Nothwendigkeit versetzt, jeden Nerv zu einem Kampfe auf Leben und Tod anzuspannen, und es zeigte sich sofort, daß er der Anstrengung nicht gewachsen war. Gleich nach den ersten Versuchen stellte sich eine völlige Muskelerschlaffung, ein gänzlicher Mangel an Übung und Erfahrung heraus. Diese Versuche schlugen, mit kaum einer Ausnahme, fehl, und jeden Fehlschlag legte das Volk nicht _den_ Regenten, deren schlechte Verwaltung die Gebrechen des Staats hervorgerufen, sondern _dem_ Regenten zur Last, unter welchem die Gebrechen des Staats sichtbar wurden.
Wäre Wilhelm ein so unumschränkter Herrscher gewesen als Ludwig, so hätte er allerdings diejenigen energischen Heilmittel anwenden können, welche der englischen Staatsverwaltung sehr bald die Elasticität wiedergegeben haben würde, die ihr seit Oliver's Tode fehlte. Aber die augenblickliche Beseitigung tief eingewurzelter Mißbräuche war eine Aufgabe, welche weit über die Kraft eines schon durch das Gesetz, und noch mehr durch die Schwierigkeiten seiner Stellung sehr eingeengten Fürsten ging.[70]
[Anmerkung 70: Ronquillo war so einsichtsvoll und gerecht, Einräumungen zu machen, welche die Engländer nicht machten. Nachdem er in einem Schreiben vom 1.(11.) März 1689 den traurigen Zustand des Heer- und Seewesens geschildert, sagt er: +»De esto no tiene culpa el Principe de Oranges; per que pensar que se han de poder volver en dos meses tres Reynes de abaxo arriba es una extravagancia.«+ Der Lordpräsident Stair sagt in einem ungefähr vier Wochen später aus London datirten Briefe, daß die Verzögerungen in der englischen Verwaltung den Ruhm des Königs geschmälert hätten, »doch ohne seine Schuld.«]
[_Uneinigkeit unter den Staatsdienern._] Einige der größten Schwierigkeiten seiner Lage entsprangen aus dem Benehmen der Minister, auf die er sich als Neuling in den Details der englischen Staatsangelegenheiten hinsichtlich der ihm nöthigen Aufschlüsse über Menschen und Dinge verlassen mußte. Es fehlte seinen vornehmsten Rathgebern zwar nicht an Befähigung; aber die eine Hälfte ihrer Befähigung wurde dazu angewendet, der andren Hälfte entgegenzuwirken. Zwischen dem Lord-Präsidenten und dem Geheimsiegelbewahrer bestand eine tief eingewurzelte Feindschaft.[71] Diese Feindschaft hatte zwölf Jahre vor der Zeit begonnen, als Danby Lord Schatzmeister, ein Verfolger der Nonconformisten und hartnäckiger Vertheidiger der Kronrechte wurde, und als Halifax als einer der beredtesten Führer der Vaterlandspartei zur Auszeichnung gelangte. Unter der Regierung Jakob's hatten beide Staatsmänner der Opposition angehört, und ihre gemeinsame Feindschaft gegen Frankreich und gegen Rom, gegen die Hohe Commission und gegen das Dispensationsrecht hatte eine anscheinende Aussöhnung herbeigeführt; sobald sie aber wieder zusammen im Amte waren, erwachte die alte Abneigung von neuem. Man hätte meinen sollen, daß der Haß der Whigpartei gegen Beide ein festeres Zusammenhalten zwischen ihnen bewirken müßte; in Wahrheit aber sah Jeder von ihnen mit Wohlgefallen die dem Andren drohende Gefahr. Danby bemühte sich, eine starke Phalanx von Tories um sich zu schaaren. Unter dem Vorwande geschwächter Gesundheit zog er sich vom Hofe zurück, kam selten in den Staatsrath, dem zu präsidiren seine Pflicht war, brachte viel Zeit auf dem Lande zu, und nahm kaum einen andren Antheil an den Staatsgeschäften, als daß er über alle Maßregeln der Regierung mäkelte und spottete, auf seinen Privatvortheil spekulirte und seinen persönlichen Günstlingen Stellen verschaffte.[72] In Folge dieses Abfalls wurde Halifax Premierminister, insoweit man unter dieser Regierung einen Minister überhaupt Premierminister nennen konnte. Eine ungeheure Geschäftslast fiel auf ihn, und er war nicht im Stande, diese Last zu tragen. An Geist und Beredtsamkeit, an umfassendem Verständniß und scharfer Unterscheidungsgabe hatte er unter den Staatsmännern seiner Zeit nicht seines Gleichen. Aber eben diese Fruchtbarkeit, eben dieser Scharfsinn, die seiner Unterhaltung, seinen Reden und seinen Schriften einen besondern Reiz verliehen, machten ihn zur schnellen Entscheidung praktischer Fragen untauglich. Gerade sein ungewöhnlicher Scharfsinn machte ihn langsam, denn er sah so viele Gründe für und wider jedes mögliche Verfahren, daß er mehr Zeit brauchte, um zu einem Entschlusse zu kommen, als ein beschränkter Kopf gebraucht haben würde. Anstatt mit seinem ersten Gedanken zufrieden zu sein, replicirte er sich selbst immer und immer wieder. Wer ihn sprechen hörte, mußte zugeben, daß er wie ein Engel sprach; aber wenn er Alles was sich sagen ließ erschöpft hatte und zum Handeln kam, war nur zu oft der rechte Augenblick zum Handeln vorüber.
Inzwischen bemühten sich die beiden Staatssekretäre fortwährend, ihren Gebieter nach direct einander entgegengesetzten Richtungen zu ziehen. Jeder Plan, jede Person, welche der Eine empfahl, ward von dem Andren verworfen. Nottingham wurde nicht müde zu wiederholen, daß die alte Rundkopfpartei, die Partei, welche Karl I. um's Leben gebracht und gegen das Leben Karl's II. conspirirt hatte, im Prinzip republikanisch und daß die Tories die einzig wahren Freunde der Monarchie seien. Shrewsbury entgegnete, daß die Tories wohl Freunde der Monarchie sein könnten, daß sie aber Jakob als ihren Monarchen betrachteten. Nottingham erzählte beständig im königlichen Kabinet von tollen Hirngespinnsten, mit denen sich einige alte Kalbskopfesser, die Überreste der einst mächtigen Partei Bradshaw's und Ireton's, in den Wirthshäusern der City noch immer beschäftigten. Shrewsbury zeigte wüthende Pasquille vor, welche die Jakobiten tagtäglich in den Kaffeehäusern vertheilten. »Jeder Whig,« sagte der Torysekretär, »ist ein Feind der Prärogative Eurer Majestät.« -- »Jeder Tory,« sagte der Whigsekretär, »ist ein Feind des Rechtstitels Eurer Majestät.«[73]
Auch im Schatzamte gab es nichts als Eifersüchteleien und Zänkereien.[74] Der erste Commissar, Mordaunt, und der Kanzler der Schatzkammer, Delamere, waren zwar Beide eifrige Whigs; aber obgleich sie dem nämlichen politischen Glauben anhingen, waren sie doch von ganz verschiedenem Character. Mordaunt war flatterhaft, verschwendrisch und großmüthig. Die Schöngeister der damaligen Zeit witzelten über die Art und Weise, wie er von Hampton-Court nach der Börse und von der Börse zurück nach Hampton-Court flog; man konnte nicht begreifen wie er Zeit fand zu seinem Anzuge, zu den Staatsgeschäften, zu Liebschaften und zum Balladendichten.[75] Delamere war finster und empfindlich, streng in seinen Privatsitten und pünktlich in seinen Andachtsübungen, aber gierig nach unedlem Gewinn. Die beiden ersten Finanzbeamten wurden daher Feinde und harmonirten nur in dem Hasse gegen ihren Collegen Godolphin. Wie kam er in dieser Zeit des protestantischen Übergewichts nach Whitehall, er, der mit Papisten im Amte gesessen, der sich kein Gewissen daraus gemacht hatte, Maria von Modena in den Götzendienst der Messe zu begleiten? Der kränkendste Umstand aber war, daß Godolphin, obgleich sein Name in der Commission die dritte Stelle einnahm, thatsächlich der erste Lord des Schatzes war. Denn in financiellem Wissen und in Geschäftserfahrung waren Mordaunt und Delamere im Vergleich zu ihm wahre Schulknaben, und dies erkannte Wilhelm sehr bald.[76]
Ähnliche Fehden wütheten auch in den übrigen großen Amtscollegien wie in allen untergeordneten Schichten der Staatsdiener. In jedem Zollhause, in jedem Arsenale gab es einen Shrewsbury und einen Nottingham, einen Delamere und einen Godolphin. Die Whigs beklagten sich, daß es keinen Verwaltungszweig gäbe, in welchem nicht Creaturen der gestürzten Partei zu finden wären. Umsonst führe man zur Rechtfertigung an, daß diese Männer in den Geschäftsdetails erfahren, daß sie im Besitz amtlicher Traditionen seien und daß die Freunde der Freiheit, nachdem sie Jahrelang von den öffentlichen Ämtern ausgeschlossen gewesen, unmöglich befähigt sein könnten, mit einem Male die ganze Leitung der Geschäfte auf sich zu nehmen. Die Erfahrung habe allerdings ihren Werth, sicherlich aber sei die erste aller Qualificationen eines Dieners die Treue, und kein Tory könne ein wahrhaft treuer Diener der neuen Regierung sein. Wenn König Wilhelm klug wäre, so würde er sich lieber auf Neulinge, die von Eifer für sein Interesse und für seine Ehre beseelt wären, als auf Veteranen verlassen, welche zwar Geschick und Kenntnisse besitzen könnten, dieses Geschick und diese Kenntnisse aber zur Herbeiführung seines Untergangs anwenden würden.
Die Tories dagegen beklagten sich, daß ihr Antheil an der Regierung in keinem Verhältniß zu ihrer Anzahl und zu ihrem Gewicht im Lande stehe, daß überall alte und nützliche Staatsdiener um keines andren Verbrechens willen, als weil sie Freunde der Monarchie und der Kirche wären, von ihren Posten vertrieben worden seien, um Ryehouseverschwörern und Conventikelbesuchern Platz zu machen. Diese Emporkömmlinge, wohlerfahren in der Kunst der Parteibewegungen, aber unwissend in Allem was zu ihrem neuen Beruf gehöre, würden erst anfangen etwas zu lernen, wenn sie durch ihre Fehler die Nation ruinirt hätten. Von einem hochgestellten Beamten müsse man doch sicherlich mehr verlangen, als daß er nur ein Rebell und Schismatiker sei. Was solle aus den Finanzen, was aus der Marine werden, wenn Whigs, die nicht den einfachsten Rechnungsabschluß verständen, das Staatseinkommen verwalten, wenn Whigs, die in ihrem Leben kein Seemagazin betreten, die Flotte ausrüsten sollten?[77]
Das Wahre ist, daß die Beschuldigungen, welche die beiden Parteien gegen einander erhoben, in beträchtlicher Ausdehnung wohl begründet, der Tadel aber, den Beide auf Wilhelm warfen, ungerecht war. Geschäftliche Erfahrung war fast ausschließlich nur unter den Tories, aufrichtige Anhänglichkeit an die neue Ordnung der Dinge fast nur unter den Whigs zu finden. Der König konnte nichts dafür, daß Kenntniß und Eifer, welche vereinigt einen schätzbaren Diener des Staats bilden, damals nur getrennt oder gar nicht vorhanden waren. Stellte er Leute der einen Partei an, so lief er große Gefahr, Fehlgriffe zu thun. Stellte er Leute der andren Partei an, so lief er große Gefahr, verrathen zu werden. Stellte er Leute beider Parteien an, so war immer noch einige Gefahr, daß er Fehlgriffe that oder Verräther wählte, und zu diesen Gefahren kam dann noch die Gewißheit der Uneinigkeit. Er konnte Whigs und Tories nebeneinanderstellen, sie zu verschmelzen lag nicht in seiner Macht. Mochten sie auch in dem nämlichen Amte, an dem nämlichen Pulte arbeiten, sie waren und blieben Feinde und stimmten nur darin überein, daß sie gegen den Fürsten murrten, der es versuchen wollte, den Vermittler zwischen ihnen zu spielen. Unter solchen Umständen mußte die Verwaltung, die fiscalische, wie die militärische und maritime, unvermeidlich schwach und schwankend sein; nichts konnte ganz auf die richtige Art und ganz zur rechten Zeit geschehen; die Uneinigkeiten, von denen kaum eine Staatsbehörde frei war, mußten Calamitäten erzeugen und jede Calamität mußte die Spaltung verschlimmern, aus der sie entstanden war.
[Anmerkung 71: +Burnet II. 4.+; +Reresby's Memoirs.+]
[Anmerkung 72: +Reresby's Memoirs+; +Burnet MS. Harl. 6584.+]
[Anmerkung 73: +Burnet II. 3, 4, 15.+]
[Anmerkung 74: +Burnet II. 5.+]
[Anmerkung 75:
Woher nimmt er die Stunden, sagt, Die er dem Hofe widmet und der Stadt, Den Staatsgeschäften und der Liebe Macht, Der Eitelkeit und auch der Geistes Saat?
+The Modern Lampooners. Ein Gedicht von 1690.+]
[Anmerkung 76: +Burnet II. 4.+]
[Anmerkung 77: Ronquillo nennt die Whigbeamten +»Gente que no tienen practica ni experiencia.«+ Er setzt hinzu: +»Y de esto proce de el pasarse un mes y un otro, sin executarse nada.«+ 24. Juni 1689. In einem der unzähligen »Gespräche«, welche damals erschienen, wirft der toryistische Interlocutor die Frage auf: »Meint Ihr, die Regierung würde mit Geschäftsunkundigen besser daran sein?« Der Whig antwortet: »Besser unwissende Freunde als vielwissende Feinde.«]
[_Das Departement der auswärtigen Angelegenheiten._] Ein Departement gab es jedoch, das gut verwaltet wurde: das Departement der auswärtigen Angelegenheiten. Hier leitete Wilhelm Alles, ohne weder den Rath noch den Beistand irgend eines englischen Staatsmannes in Anspruch zu nehmen. Nur einen unschätzbaren Gehülfen hatte er zur Seite: Anton Heinsius, welcher einige Wochen nach Beendigung der Revolution Großpensionär von Holland wurde. Heinsius war als Mitglied der Partei, welche auf die Macht des Hauses Oranien eifersüchtig war und gern auf freundschaftlichem Fuße mit Frankreich stehen wollte, ins öffentliche Leben eingetreten. Im Jahre 1681 aber war er mit einer diplomatischen Mission nach Versailles geschickt worden, und ein kurzer Aufenthalt daselbst hatte eine vollständige Änderung in seinen Ansichten herbeigeführt. Bei näherer Bekanntschaft wurde er beunruhigt durch die Macht und gereizt durch die Anmaßung dieses Hofes, von dem er, so lange er ihn aus der Entfernung gesehen, eine vortheilhafte Meinung gehegt hatte. Er fand, daß sein Vaterland verachtet wurde, er sah seine Religion verfolgt, und sein officieller Character schützte ihn nicht vor einigen persönlichen Kränkungen, die er bis zum letzten Tage seiner langen Laufbahn nicht vergaß. Als treuer Anhänger Wilhelm's und unversöhnlicher Feind Ludwig's kehrte er nach Hause zurück.[78]
Das Amt des Großpensionärs war immer ein wichtiges Amt, ganz besonders aber dann, wenn der Statthalter vom Haag abwesend war. Wären Heinsius' politische Ansichten noch dieselben gewesen wie früher, so hätten alle großen Pläne Wilhelm's scheitern können. Zum Glück aber bestand zwischen diesen beiden ausgezeichneten Männern eine vollkommene Freundschaft, die bis zu dem Tage, wo der Tod sie löste, nicht einen Augenblick durch Argwohn oder Mißhelligkeiten getrübt wurde. Über alle großen Fragen der europäischen Politik waren sie gleicher Meinung, und sie correspondirten lebhaft und rückhaltlos mit einander, denn es hielt zwar schwer, ehe Wilhelm Jemandem Vertrauen schenkte, wem er es aber schenkte, dem schenkte er es ganz. Die Correspondenz ist noch vorhanden und gereicht Beiden zur größten Ehre. Die Briefe des Königs würden allein schon zur Genüge beweisen, daß er einer der größten Staatsmänner war, welche Europa hervorgebracht hat. So lange er lebte, begnügte sich der Großpensionär damit, der gehorsamste, zuverlässigste und verschwiegenste Diener zu sein; nach dem Ableben des Gebieters aber erwies sich der Diener als befähigt, die Stelle des Gebieters mit seltenem Geschick zu vertreten, und er war in ganz Europa als ein Mitglied des großen Triumvirats berühmt, das den Stolz Ludwig's XIV. demüthigte.[79]
[Anmerkung 78: +Négociations de M. le Comte d'Avaux, 4. Mars 1683+; +Torcy's Memoirs.+]
[Anmerkung 79: Die Originalcorrespondenz zwischen Wilhelm und Heinsius ist holländisch. Eine französische Übersetzung sämmtlicher Briefe Wilhelm's, und eine englische Übersetzung einiger Briefe Heinsius' befinden sich unter den Mackintosh-Manuscripten. Der Baron Sirtema de Grovestins, dem die Originale zu Gebote standen, führt in seiner +»Histoire des luttes et rivalités entre les puissances maritimes et la France«+ häufig Stellen daraus an. Zwischen seiner Version und der meinigen ist zwar im Style ein bedeutender Unterschied, im Wesentlichen aber ein sehr geringer.]