Part 6
Bei uns wurde er minder günstig beurtheilt. In der That, unsere Vorfahren betrachteten ihn in dem allerschlechtesten Lichte. Die Franzosen, die Deutschen und die Italiener sahen ihn aus einer solchen Entfernung, daß sie nur das Große erkannten und daß seine kleinen Fehler ihnen entgingen. Den Holländern stand er nahe, denn er war selbst ein Holländer. In seinem Verkehr mit ihnen wurde er von der vortheilhaftesten Seite betrachtet; bei ihnen fühlte er sich vollkommen heimisch, und unter ihnen hatte er sich seine ersten und theuersten Freunde gewählt. Den Engländern aber erschien er unter einem höchst ungünstigen Gesichtspunkte. Er stand ihnen zu gleicher Zeit zu nahe und zu fern. Er lebte mitten unter ihnen, so daß die geringsten Eigenheiten seines Charakters und seiner Sitten ihnen nicht entgehen konnten; dennoch aber lebte er abgesondert von ihnen und war in ihren Augen in Sprache, Neigungen und Gewohnheiten entschieden ein Fremdling.
Es war seit langer Zeit eine der Hauptfunctionen unserer Regenten, an der Spitze der Londoner Gesellschaft zu stehen. Diese Function hatte Karl II. mit ungeheurem Glück ausgeübt. Seine Leutseligkeit, seine hübschen Anekdoten, die Art und Weise, wie er tanzte und Ball spielte, der Ton seines herzlichen Lachens, waren jedem Londoner bekannt. Einmal sah man ihn unter den Ulmen von St. James Park mit Dryden über Poesie plaudern;[53] ein andermal lag sein rechter Arm auf Durfey's Schulter und der linke ruhte auf einem andren, während sein Begleiter +»Phillida, Phillida«+ oder +»To horse, brave boys, to Newmarket, to horse«+ sang.[54] Auch Jakob war, obwohl viel weniger lebhaft und leutselig, doch ebenfalls zugänglich und gegen Leute, die ihm nicht in den Weg traten, sogar artig. Diese Geselligkeit aber ging Wilhelm gänzlich ab. Er verließ nur selten sein Arbeitskabinet, und wenn er einmal in den Empfangszimmern erschien, so stand er ernst und sinnend unter dem Schwarme der Cavaliere und Hofdamen, ohne daß ein Scherz, oder nur ein Lächeln seinen Lippen entschlüpfte. Sein unfreundliches Aussehen, sein Stillschweigen und die kurzen, trocknen Antworten, die er gab, wenn er nicht länger schweigen konnte, entfremdeten ihm Adel und Gentry, welche gewohnt waren, von ihren königlichen Gebietern auf die Schulter geklopft, Jack oder Harry gerufen, wegen gewonnener Wetten beglückwünscht und mit bekannten Schauspielerinnen aufgezogen zu werden. Die Frauen vermißten die ihrem Geschlecht gebührenden Huldigungen. Sie bemerkten, daß der König selbst mit der Frau, der er so viel verdankte und die er aufrichtig liebte und achtete, in einem etwas gebieterischen Tone sprach.[55] Es amüsirte und verdroß sie zugleich, wie er, als die Prinzessin Anna einmal bei ihm speiste und die ersten grünen Erbsen auf die Tafel kamen, den ganzen Inhalt der Schüssel verzehrte, ohne Ihrer Königlichen Hoheit einen Löffelvoll davon anzubieten, und sie erklärten, dieser große Feldherr und Staatsmann sei nicht viel besser als ein niederländischer Bär.[56]
Ein Mangel, der ihm als ein Verbrechen angerechnet wurde, war sein schlechtes Englisch. Er sprach unsre Sprache, aber nicht gut. Sein Accent war ausländisch, seine Aussprache entbehrte der Eleganz und sein Vokabularium schien nicht umfänglicher zu sein, als es zur Erledigung von Geschäften nöthig war. Dem Umstande, daß es ihm schwer wurde sich auszudrücken und daß er sich seiner schlechten Aussprache bewußt war, müssen seine Schweigsamkeit und seine kurzen Antworten, die so großes Ärgerniß gaben, theilweis zugeschrieben werden. Unsre Literatur zu goutiren oder zu verstehen war er unfähig. Nicht ein einziges Mal während seiner ganzen Regierung erschien er im Theater.[57] Die Dichter, welche pindarische Verse zu seinem Lobe schrieben, beklagten sich, daß ihre sublimen Poesien über seinen Horizont gingen,[58] Wer indessen die panegyrischen Oden jener Zeit kennt, wird vielleicht der Meinung sein, daß er durch seine Unbekanntschaft damit nicht viel verlor.
[Anmerkung 53: Man vergleiche was Spence darüber in seinen +Anecdotes of the Origin of Dryden's Medals+ sagt.]
[Anmerkung 54: +Guardian, No. 67+.]
[Anmerkung 55: Man hat zahlreiche Beweise, daß Wilhelm zwar ein sehr liebevoller aber nicht immer galanter Gemahl war. Doch keinen Glauben verdient die Anekdote, welche in dem Briefe erzählt wird, den Dalrymple 1773 thörichterweise als von Nottingham herrührend veröffentlichte, in der Ausgabe von 1790 aber wohlweislich wegließ. Wie Jemand, der die geringste Kenntniß von der Geschichte der damaligen Zeit hatte, sich so gröblich irren konnte, ist schwer zu begreifen, besonders da die Handschrift durchaus keine Ähnlichkeit mit der Nottingham's hat, welche Dalrymple genau kannte. Der Brief ist offenbar ein gewöhnlicher Neuigkeitsbrief, von einem Scribenten verfaßt, der den König und die Königin nur bei einer öffentlichen Gelegenheit gesehen und dessen Anekdoten sich auf keine bessere Autorität gründen als auf Kaffeehausgeschwätz.]
[Anmerkung 56: Ronquillo; Burnet, II, 2.; +The Duchess of Marlborough's Vindication+. In einem Hirtendialog zwischen Philander und Palämon, der 1691 erschien, wird das Mißfallen erwähnt, mit welchem die vornehmen Damen Wilhelm betrachteten. Philander sagt:
Der Mann sollt' haben doch etwas mehr Verstand Sonst fällt er noch ein zweites Mal durch schwache Frauenhand.]
[Anmerkung 57: Tutchin's +Observator+ vom 16. November 1706.]
[Anmerkung 58: Prior, dem Wilhelm viel Gutes erwies und der sich sehr dankbar dafür zeigte, sagt uns, daß der König poetische Lobreden nicht verstand. Die Stelle findet sich in einer höchst interessanten Handschrift, welche Lord Lansdowne besitzt.]
[_Popularität Mariens._] Seine Gemahlin that allerdings ihr Möglichstes, um das Fehlende zu ergänzen, und sie war in der That vortrefflich geeignet, an der Spitze eines Hofes zu stehen. Sie war nicht nur von Geburt, sondern auch in ihren Neigungen und Gesinnungen eine Engländerin. Sie besaß ein hübsches Gesicht, eine majestätische Haltung, ein sanftes, heiteres Gemüth und leutselige, gewinnende Manieren. Ihr Geist war, obwohl sehr unvollkommen ausgebildet, ungemein lebhaft; ihrer Unterhaltung fehlte es nicht an weiblichem Witz und Muthwillen und ihre Briefe waren so gut abgefaßt, daß sie wohl verdient hätten, orthographisch richtig geschrieben zu sein. Sie fand viel Geschmack an den leichteren Zweigen der Literatur und trug nicht wenig dazu bei, unter den vornehmen Damen Bücher in Aufnahme zu bringen. Die makellose Reinheit ihres Privatlebens und die strenge Gewissenhaftigkeit, mit der sie ihre religiösen Pflichten erfüllte, waren um so achtungswerther, als sie durchaus frei war von Tadelsucht und den bösen Leumund eben so wenig unterstützte wie das Laster. In dem Mißfallen an üblen Nachreden stimmte sie zwar mit ihrem Gemahl vollkommen überein; aber Beide äußerten ihr Mißfallen auf verschiedene und sehr charakteristische Weise. Wilhelm beobachtete das tiefste Stillschweigen, warf aber dem Verleumder einen Blick zu, daß ihm, wie Jemand sagte, der einem solchen Blick einmal begegnet war, sich aber wohl hütete, ihm zum zweiten Male zu begegnen, die Geschichte im Halse stecken blieb.[59] Marie suchte dem Geschwätz über Entführungen, Zweikämpfe und Spielschulden dadurch ein Ende zu machen, daß sie die Schwätzer sehr ruhig aber doch nachdrücklich fragte, ob sie ihre Lieblingspredigt, die des Doctors Tillotson über den bösen Leumund, gelesen hätten. Ihre Wohlthaten spendete sie mit freigebiger Hand und richtigem Takt, und obgleich sie nie damit prahlte, wußte man doch, daß sie ihre eigenen Bedürfnisse einschränkte, um Protestanten zu unterstützen, welche die Verfolgung aus Frankreich und Irland vertrieben hatte und die in den Mansarden London's darbten. Ihr Benehmen war so liebenswürdig, daß die Ehrenwertheren unter Denen, welche die Art und Weise ihrer Erhebung auf den Thron mißbilligten, und selbst unter Denen, die sie als Königin gar nicht anerkennen wollten, allgemein mit Achtung und Liebe von ihr sprachen. In den jakobitischen Libellen der damaligen Zeit, die an Gift und Galle Alles was die neuere Zeit derartiges hervorgebracht, weit hinter sich zurücklassen, wird ihrer nicht oft mit Strenge gedacht. Sie äußerte sogar selbst zuweilen ihre Verwunderung darüber, daß Pasquillanten, die sonst nichts achteten, doch ihren Namen respectirten. Gott, sagte sie, kenne ihre schwachen Seiten. Sie sei zu empfindlich gegen Schmähungen und Verleumdungen, er habe ihr gnädig eine Prüfung erspart, die über ihre Kräfte gehe, und der beste Dank, den sie ihm dafür bezeigen könne, bestehe darin, daß sie keine boshaften Ausfälle über den Charakter Anderer dulde. Überzeugt, daß sie das volle Vertrauen und die ganze Zuneigung ihres Gemahls besaß, brach sie seinen scharfen Reden bald durch sanfte, bald durch scherzhafte Antworten die Spitze ab und verwendete die ganze Macht ihrer vielen liebenswürdigen Eigenschaften dazu, ihm die Herzen des Volks zu gewinnen.[60]
[Anmerkung 59: +Mémoires originaux sur le règne et la cour de Frédéric I., Roi de Prusse, écrits par Christophe, Comte de Dohna. Berlin 1833.+ Es ist auffällig, daß dieses interessante Werk in England fast unbekannt ist. Das einzige Exemplar, das mir zu Gesicht gekommen, erhielt ich durch die Gefälligkeit des Sir Robert Adair. +»Le Roi,«+ sagt Dohna, +»avoit une autre qualité très estimable, qui est celle de n'aimer point qu'on rendit de mauvais offices à personne par des railleries.«+ Der Marquis de la Forêt versuchte es einst, Se. Majestät auf Kosten eines englischen Cavaliers zu unterhalten. +»Ce prince,«+ schreibt Dohna, +»prit son air sévère, et, le regardant sans mot dire lui fit rentrer les paroles dans le ventre. Le Marquis m'en fit ses plaintes quelques heures après. J'ai mal pris ma bisque', dit-il; j'ai cru faire l'agréable sur le chapitre de Milord . . . ., mais j'ai trouvé à qui parler, et j'ai attrapé un regard du roi qui m'a fait passer l'envie de rire.«+ Dohna glaubte Wilhelm werde es mit dem Rufe eines Franzosen weniger genau nehmen, und versuchte ebenfalls das Experiment. Aber, sagt er, +»j'eus à peu près le même sort que M. de la Forêt.«+]
[Anmerkung 60: Vergleiche den Bericht des Whigs Burnet über Marien mit dem was der Tory Evelyn in seinem Tagebuche unterm 8. März 1694/95, und mit dem, was der Eidverweigerer über sie sagt, der 1695 den Brief an Erzbischof Tennison in Bezug auf ihren Tod schrieb. Der Eindruck, den Wilhelm's Schroffheit und Zurückhaltung und Mariens Anmuth und Liebenswürdigkeit auf das Volk machten, spricht sich in den Überresten der Straßenpoesie jener Zeit aus. Folgendes eheliche Gespräch kann man noch auf dem Originalblatte lesen:
Dann sprach Marie, unsre gnäd'ge Königin: Mein hoher König und Gemahl, wo wollt Ihr hin? Drauf sagt er rasch: Den nenn' ich keinen Mann, Der sein Geheimniß einem Weib vertrauet an. Die Kön'gin hierauf spricht bescheiden: Der güt'ge Himmel woll' Euch denn geleiten, Euch schützen vor Gefahr, mein fürstlicher Gemahl, Das wird mein bester Trost sein allzumal.
Diese Strophen befinden sich in einer werthvollen Sammlung, welche Mr. Richard Holer anlegte und die jetzt Eigenthum des Mr. Broderip ist, der so gefällig war, sie mir zu leihen. In einem der zügellosesten jakobitischen Pasquille vom Jahre 1689 wird Wilhelm, seiner Gemahlin gegenüber, als ein »Bauerlümmel« bezeichnet, über den sie sich nur lustig mache.]
[_Das Hoflager wird von Whitehall nach Hampton Court verlegt._] Hätte sie noch lange die beste Gesellschaft London's um sich versammelt, so würde ihre Freundlichkeit und Leutseligkeit wahrscheinlich noch viel dazu beigetragen haben, den ungünstigen Eindruck, den sein finstres und abstoßendes Wesen machte, zu verwischen. Leider war es ihm jedoch seiner Gesundheit wegen unmöglich, in Whitehall zu residiren. Die Luft von Westminster, vermischt mit den feuchten Ausdünstungen des Flusses, der bei Springfluthen die Höfe des Palastes überschwemmte, mit dem Steinkohlenrauche von zweimalhunderttausend Schornsteinen und mit den mephitischen Dünsten des Kothes, den man damals ungehindert in den Straßen sich anhäufen ließ, war ihm unerträglich, denn er hatte eine schwache Brust und außerordentlich feine Geruchsnerven. Sein unheilbares Asthma machte reißende Fortschritte, und seine Ärzte erklärten es für unmöglich, daß er das Ende des Jahres erleben könne. Sein Gesicht war so leichenhaft, daß er kaum noch zu erkennen war. Diejenigen, welche mit ihm zu verkehren hatten, hörten ihn mit Entsetzen nach Athem ringen und husten, daß ihm die Thränen über die Wangen liefen.[61] Und sein Geist, so stark er übrigens war, litt mit dem Körper. Wohl war sein Urtheil noch so klar und scharf als je; aber seit einigen Monaten war eine merkliche Erschlaffung der Energie eingetreten, durch die er sich früher ausgezeichnet hatte; selbst seine holländischen Freunde flüsterten einander zu, daß er nicht mehr der Nämliche sei, der er im Haag gewesen.[62] Es war schlechterdings nothwendig, daß er London verließ, und er verlegte daher seine Residenz in die reinere Luft von Hampton Court. Dieses von dem prachtliebenden Wolsey begonnene Schloß war ein schönes Muster der Architectur, welche unter den ersten Tutors in England blühte; die Gemächer desselben aber waren nach den Begriffen des 17. Jahrhunderts nicht ganz geeignet für eine königliche Wohnung. Unsere Souveraine hatten daher seit der Restauration diese Residenz nur selten und nur dann benutzt, wenn sie einige Zeit recht eingezogen leben wollten. Da aber Wilhelm gesonnen war, das verlassene Gebäude zu seinem Hauptwohnsitze zu erwählen, mußte er Bauten und Anpflanzungen vornehmen, was ihm im Grunde gar nicht unlieb war. Denn, wie die Mehrzahl seiner Landsleute, fand er Vergnügen daran, ein Landhaus auszuschmücken, und nächst der Jagd waren Baukunst und Gärtnerei seine Lieblingszerstreuungen. Er hatte bereits in einer sandigen Haide von Geldern ein Paradies geschaffen, das viele Neugierige aus Holland und Westphalen herbeizog. Marie hatte den Grundstein zu dem Schlosse gelegt, und Bentinck hatte die Anlage der Fischteiche geleitet. Es gab dort Wasserfälle und Grotten, eine große Orangerie und ein Vogelhaus, das Hondekoeter zahlreiche Exemplare buntgefiederter Vögel lieferte.[63] Der König sehnte sich in seiner glänzenden Verbannung nach dieser Lieblingsresidenz und fand einigen Trost darin, daß er sich an den Ufern der Themse ein zweites Loo schaffen konnte. Bald war eine große Bodenfläche mit regelmäßigen Alleen und Gartenanlagen bedeckt. Viel müßiger Scharfsinn wurde aufgeboten, um das verwickelte grüne Labyrinth anzulegen, das fünf Generationen von Londoner Sonntagsbesuchern mit Staunen und Freude erfüllt hat. Dreißigjährige Linden wurden aus den benachbarten Wäldern dahin verpflanzt, um die Alleen zu beschatten. Künstliche Springbrunnen warfen ihren Wasserstrahl zwischen den Blumenbeeten empor. Ein neues Residenzschloß, zwar nicht vom reinsten Styl, aber stattlich, geräumig und bequem, erstand unter Wren's Leitung. Das Wandgetäfel war mit dem reichen und zarten Schnitzwerk eines Gibbons verziert. Die Treppenhäuser entzückten das Auge durch Verrio's herrliche Fresken. In jedem Winkel des Gebäudes zeigte sich ein Überfluß von reizenden Tändeleien, welche englischen Augen noch ungewohnt waren. Marie hatte aus dem Haag eine Liebhaberei für chinesisches Porzellan mitgebracht, und sie legte jetzt in Hampton Court eine große Sammlung häßlicher Figuren und Gefäße an, auf denen Häuser, Bäume, Brücken und Mandarine in haarsträubendstem Widerspruch mit allen Regeln der Perspective abgemalt waren. Diese Mode, welche so von der liebenswürdigen Königin eingeführt wurde, verbreitete sich rasch und weit. Nach wenigen Jahren enthielt fast jedes vornehme Haus im Königreiche ein Museum solcher grotesker Spielereien. Selbst Staatsmänner und Generäle schämten sich nicht des Rufes, den Werth von Theekannen und Drachen richtig schätzen zu können, und die Satyriker wiederholten lange Zeit hindurch, daß eine schöne Dame ihr buntbemaltes Porzellangeschirr eben so hoch halte als ihren Affen und viel höher als ihren Gatten.[64] Doch der neue Palast wurde auch mit Kunstwerken andrer Art ausgeschmückt. Es ward eine Gallerie für die Cartons von Raphael gegründet. Diese herrlichen Bilder, damals und noch heute die schönsten diesseits der Alpen, waren durch Cromwell vor dem Schicksale bewahrt worden, das die meisten anderen Meisterwerke der Sammlung Karl's I. getroffen; aber man hatte sie viele Jahre in ihren hölzernen Kisten ruhen lassen. Jetzt wurden sie aus dem Dunkel hervorgezogen, um von den Künstlern mit Bewunderung und Verzweiflung betrachtet zu werden. Die Kosten der Bauten und Einrichtungen von Hampton Court waren ein Gegenstand bitterer Beschwerde für viele Tories, welche die grenzenlose Verschwendung, mit der Karl II. die Wohnung der Herzogin von Portsmouth gebaut und umgebaut, möblirt und anders möblirt, nur sehr mild getadelt hatten.[65] Die Kosten waren jedoch nicht der Hauptgrund der Unzufriedenheit, welche Wilhelm's Residenzwechsel erregte. Es gab keinen Hof mehr in Westminster; Whitehall, einst der tägliche Sammelplatz der Vornehmen und Mächtigen, der Schönen und Heiteren, der Ort, wohin Dandies kamen, um ihre neuen Perrücken zu zeigen, Ritter der Galanterie, um mit schönen Damen zu liebäugeln, Politiker, um ihr Glück zu verfolgen, Müßiggänger, um Neuigkeiten zu hören, Landedelleute, um die königliche Familie zu sehen, war jetzt, zur lebhaftesten Zeit des Jahres, während London mit Fremden und Einheimischen gefüllt und das Parlament versammelt war, gänzlich verödet. Eine einsame Schildwache schritt auf dem von Gras überwucherten Pflaster vor dem Eingange auf und ab, der einst zu eng gewesen war für die sich begegnenden Ströme der kommenden und gehenden Höflinge. Die Dienste, welche die Hauptstadt dem Könige geleistet, waren groß und noch neu, und man meinte, er habe diese Dienste wohl besser vergelten können, als damit, daß er London behandelte, wie Ludwig Paris behandelt habe. Halifax hatte den Muth, dies anzudeuten; aber wenige Worte, die keine Erwiederung zuließen, brachten ihn zum Schweigen. »Wollen Sie, daß ich sterbe?« sagte Wilhelm in gereiztem Tone.[66]
[Anmerkung 61: +Burnet II. 2.+; +Burnet M.S. Harl. 6584.+ Ronquillo spricht sich noch viel umständlicher aus: +»Nada se ha visto desfigurado+; +y, quantas veces he estado con el, le he visto toser tanto que se le saltaban las lagrimas, y se ponia moxado y arrancando; y confiesan los medicos que es una asma incurable.«+ 8.(18.) März 1689. Avaux schrieb in demselben Sinne aus Irland: +»La santé de l'usurpateur est fort mauvaise. L'on ne croit pas qu'il vive un an.«+ 8.(18.) April.]
[Anmerkung 62: +»Hasta decir los mismos Hollandeses que lo desconozean«+, sagt Ronquillo. +»Il est absolument mal propre pour le rôle qu'il a à jouer à l'heure qu'il est,«+ sagt Avaux. +»Slothful and sickly,«+ sagt Evelyn, 29. März 1689.]
[Anmerkung 63: Siehe Harris' Beschreibung von Loo, 1699.]
[Anmerkung 64: Wer die Werke Pope's und Addison's kennt, wird sich ihrer Sarkasmen über diese Mode erinnern. Lady Marie Wortley Montague schlug sich auf die andre Seite. »Alte Chinoiserien,« sagt sie, »machen Niemandes Geschmack Unehre, da der Herzog von Argyle Gefallen daran fand, dessen Einsicht niemals, weder von seinen Freunden noch von seinen Feinden, in Zweifel gezogen worden ist.«]
[Anmerkung 65: Über die Bauten in Hampton Court siehe +Evelyn's Diary, Juli 16. 1689+; +The Tour through Great Britain, 1724+; +the British Apelles+; +Horace Walpole on Modern Gardening+; +Burnet II. 2, 3.+
Als Evelyn 1662 in Hampton Court war, waren die Cartons noch nicht zu sehen. Die Triumphe von Andrea Montegna galten damals für die schönsten Gemälde des Palastes.]
[Anmerkung 66: +Burnet, II. 2+; +Reresby's Memoirs.+ Ronquillo schreibt wiederholt in diesem Sinne. Zum Beispiel: +»Bien quisiera que el Rey fuese mas comunicable, y se acomodase un poco mas al humor sociable de los Ingleses, y que estubiera en Londres: pero es cierto que sus achaques no se lo permiten.«+ 8.(18.) Juli 1689. Avaux schreibt um dieselbe Zeit aus Irland an Croissy: +»Le Prince d'Orange est toujours à Hampton Court, et jamais à la ville: et le peuple est fort mal satisfait de cette manière bizarre et retirée.«+]
[_Der Hof in Kensington._] Es zeigte sich bald, daß Hampton Court zu weit vom Hause der Lords und der Gemeinen wie von den öffentlichen Ämtern entfernt war, um der gewöhnliche Wohnsitz des Souverains werden zu können. Anstatt jedoch nach Whitehall zurückzukehren, beschloß Wilhelm, eine andre Residenz zu beziehen, welche zur Leitung der Regierungsgeschäfte nahe genug bei der Hauptstadt lag, doch aber nicht so nahe, um im Bereiche der Atmosphäre zu sein, in der er keine Nacht zubringen konnte ohne Gefahr, zu ersticken. Einmal dachte er an Holland House, die Villa der vornehmen Familie Rich, und er residirte wirklich einige Wochen daselbst.[67] Endlich aber entschied er sich für Kensington House, den Landsitz des Earl von Nottingham. Es wurde für achtzehntausend Guineen angekauft, und dem Ankaufe folgten neue Bauten, neue Anpflanzungen, neue Geldausgaben und neue Unzufriedenheit.[68] Gegenwärtig wird Kensington House als zu London gehörend betrachtet; damals aber war es ein Landsitz und konnte zu jenen Zeiten der Straßenräuber und nächtlichen Ruhestörer, der kothigen Straßen und schlechten Beleuchtung, nicht füglich der Sammelplatz der vornehmen Gesellschaft sein.
[Anmerkung 67: Mehrere von seinen Briefen an Heinsius sind von Holland House datirt.]
[Anmerkung 68: +Narcissus Luttrell's Diary+; +Evelyn's Diary, Feb. 25. 1689/90.+]