Part 24
[_Ankunft des Expeditionscorps unter Kirke im Foylesee._] Am 15. Juni zeigte sich ein Schimmer von Hoffnung. Die Schildwachen auf dem Thurme der Kathedrale erblickten in einer Entfernung von neun Meilen Segel in der Bucht des Foylesees. Man zählte dreißig Fahrzeuge verschiedener Größe. Man gab auf den Thürmen Signale, welche von den Mastspitzen erwiedert, aber auf beiden Seiten nur unvollkommen verstanden wurden. Endlich umging ein Bote von der Flotte die irischen Schildwachen, schwamm unter dem Sperrbaum hindurch, und benachrichtigte die Besatzung, daß Kirke mit Truppen, Waffen, Munition und Lebensmitteln zum Entsatz der Stadt aus England angelangt sei.[133]
Mit der ängstlichsten Spannung harrte man in Londonderry der kommenden Dinge; aber auf wenige Stunden fieberhafter Freude folgten Wochen des größten Elends. Kirke hielt es nicht für gerathen, weder zu Lande noch zu Wasser einen Angriff auf die feindlichen Linien zu unternehmen und zog sich an die Einfahrt des Foylesees zurück, wo er mehrere Wochen unthätig vor Anker lag.
Jetzt steigerte sich die Hungersnoth mit jedem Tage. Alle Häuser der Stadt wurden auf das Genaueste durchsucht, und einige Lebensmittel, welche von Leuten, die seitdem gestorben oder geflüchtet, in den Kellern verborgen worden waren, wurden entdeckt und in die Magazine geschafft. Der Vorrath von Kanonenkugeln war fast erschöpft, und man bediente sich anstatt derselben schon mit Blei überzogener Backsteine. Krankheiten stellten sich, wie immer, im Gefolge des Hungers ein. An einem Tage starben funfzehn Offiziere am Fieber und der Gouverneur Baker selbst gehörte zu Denen, die der Krankheit erlagen. Seine Stelle wurde durch den Obersten Johann Mitchelburne ersetzt.[134]
Inzwischen wurde es in Dublin bekannt, daß Kirke mit seinem Geschwader an der Küste von Ulster lag. Die Bestürzung war groß im Schlosse. Schon vor dem Eintreffen dieser Nachricht hatte Avaux sich dahin ausgesprochen, daß Richard Hamilton den Schwierigkeiten der Situation nicht gewachsen sei. Es war daher beschlossen worden, daß Rosen den Oberbefehl übernehmen sollte, und er war unverzüglich nach dem Kriegsschauplatze abgegangen.[135]
[Anmerkung 133: Walker.]
[Anmerkung 134: Walker und Mackenzie.]
[Anmerkung 135: Avaux, 16.(26.) Juni 1689.]
[_Grausamkeit Rosen's._] Am 19. Juni kam er im Hauptquartier des Belagerungsheeres an. Zuerst versuchte er die Wälle zu unterminiren; aber sein Vorhaben wurde entdeckt und er gezwungen, es nach einem hitzigen Gefecht, in welchem über hundert seiner Leute fielen, wieder aufzugeben. Jetzt stieg seine Wuth auf eine unglaubliche Höhe. Er, ein alter Soldat, ein zukünftiger Marschall von Frankreich, in der Schule der größten Generäle erzogen und seit vielen Jahren an eine kunstgerechte Kriegführung gewöhnt, sollte sich von einem Hausen von Landjunkern, Pächtern und Krämern beschämen lassen, welche nur durch einen Wall geschützt waren, den jeder gute Ingenieur auf den ersten Blick für unhaltbar erklären mußte! Er tobte und fluchte in einer nur ihm eigenen Sprache, zusammengesetzt aus allen Dialecten, welche vom baltischen bis zum atlantischen Meere gesprochen wurden. Er wollte die Stadt der Erde gleich machen, kein lebendes Wesen sollte geschont werden, nichts, selbst die Mädchen und Säuglinge nicht. Für die Anführer sei der Tod eine zu milde Strafe, die sollten gefoltert und lebendig gebraten werden. In seiner Wuth ließ er eine Bombe mit einem Schreiben, das eine furchtbare Drohung enthielt, in die Stadt werfen. Er sagte darin, er werde alle Protestanten, welche zwischen Charlemont und dem Meere auf ihren Wohnsitzen geblieben wären, Greise, Frauen und Kinder, von denen viele durch Bande des Blutes und der Freundschaft den Vertheidigern von Londonderry nahe standen, zu einem Haufen zusammentreiben. Kein Schutz, von welcher Autorität er auch ausgehen möge, solle respectirt werden. Die so zusammengeholte Menge solle unter die Mauern von Londonderry getrieben und hier angesichts ihrer Landsleute, ihrer Freunde und ihrer Verwandten, dem Hungertode preis gegeben werden. Dies war keine leere Drohung. Es wurden sofort nach allen Richtungen hin Truppenabtheilungen entsendet, um Schlachtopfer herbeizuholen. Am Morgen des 2. Juli bei Tagesanbruch wurden Hunderte von Protestanten, welche keines Vergehens beschuldigt, welche unfähig waren Waffen zu tragen und von denen viele Schutzbriefe besaßen, welche Jakob selbst ihnen gewährt hatte, vor die Thore der Stadt geschleppt. Man hoffte, der jammervolle Anblick werde den Muth der Colonisten brechen; aber er brachte keine andre Wirkung hervor, als daß er ihren Muth zu noch größerer Energie aufstachelte. Es wurde auf der Stelle ein Tagesbefehl erlassen, daß Niemand, bei Todesstrafe, das Wort Übergabe aussprechen solle, und Keiner sprach dieses Wort aus. Es befanden sich mehrere Gefangene hohen Ranges in der Stadt. Sie waren bis dahin gut behandelt worden und hatten die nämlichen Rationen erhalten, wie die Besatzung. Jetzt wurden sie in strenge Haft gebracht. Auf einer der Bastionen wurde ein Galgen errichtet und an Rosen ein Schreiben gesandt, das ihn aufforderte, sogleich einen Beichtvater in die Stadt zu schicken, der seine Freunde zum Tode vorbereiten sollte. Die Gefangenen schrieben ihrerseits in großer Angst an den wilden Liefländer, erhielten aber keine Antwort. Hierauf wendeten sie sich an ihren Landsmann, Richard Hamilton. Sie seien bereit, sagten sie, für ihren König ihr Blut zu vergießen, aber es scheine ihnen hart, in Folge der Barbarei ihrer eigenen Waffengefährten den schimpflichen Tod der Diebe zu sterben. Hamilton war, obwohl ein Mann von laxen Grundsätzen, nicht grausam. Rosen's Unmenschlichkeit hatte seinen tiefen Abscheu erregt, da er aber nur der Zweite im Commando war, so durfte er es nicht wagen, Alles offen auszusprechen was er dachte. Er machte jedoch energische Vorstellungen. Einige irische Offiziere fühlten bei dieser Gelegenheit wie es braven Männern ziemte, und erklärten unter Thränen des Mitleids und Unwillens, daß sie zeitlebens das Geschrei der unglücklichen Frauen und Kinder hören würden, welche mit der Lanzenspitze herbeigetrieben worden waren, um zwischen dem Lager und der Stadt Hungers zu sterben. Rosen beharrte zweimalvierundzwanzig Stunden in seinem Plane, viele unglückliche Geschöpfe kamen in dieser Zeit um; aber Londonderry hielt sich so tapfer als je, und er sah ein, daß sein Verbrechen nur Haß und Schmähungen erzeugen werde. So gab er endlich nach und ließ die noch Lebenden wieder abziehen. Die Besatzung entfernte in Folge dessen alsbald den Galgen, der auf der Bastion errichtet worden war.[136]
Als die Nachricht von diesen Vorgängen nach Dublin gelangte, entsetzte sich Jakob, obwohl durchaus nicht zum Mitleid geneigt, über eine Grausamkeit, von der die Bürgerkriege England's noch kein Beispiel aufzuweisen hatten, und vernahm mit großem Mißfallen, daß von ihm gewährte und mit seinem Ehrenwort verbürgte Schutzbriefe öffentlich für null und nichtig erklärt worden waren. Er beklagte sich darüber gegen den französischen Gesandten und äußerte mit einer durch die Gelegenheit vollkommen gerechtfertigten Entrüstung, daß Rosen ein barbarischer Moskowiter sei. Melfort konnte sich nicht enthalten hinzuzusetzen, daß, wenn Rosen ein Engländer gewesen wäre, er gehängt worden sein würde. Avaux begriff diese weibische Sentimentalität nicht. Seiner Ansicht nach war durchaus nichts Verwerfliches geschehen, und es wurde ihm schwer sich zu beherrschen, als er den König und den Sekretär einen Act heilsamer Strenge in starken Ausdrücken tadeln hörte.[137] Der französische Gesandte und der französische General waren einander in der That würdig. In der äußeren Erscheinung und den Manieren war allerdings ein großer Unterschied zwischen dem hübschen, eleganten und feingebildeten Diplomaten, dessen Gewandtheit und Liebenswürdigkeit an den elegantesten Höfen Europa's in hohem Rufe gestanden, und dem militärischen Abenteurer, dessen Aussehen und Stimme Alle, die mit ihm in Berührung kamen, daran erinnerte, daß er in einem halbwilden Lande geboren war, daß er sich vom gemeinen Soldaten emporgeschwungen hatte und daß er einmal wegen Marodirens zum Tode verurtheilt worden war.
Rosen wurde nach Dublin zurückberufen, und Richard Hamilton erhielt wieder den Oberbefehl. Er versuchte mildere Mittel als die, welche seinem Vorgänger so harten Tadel zugezogen. Keine List, keine Lüge, von der sich erwarten ließ, daß sie die ausgehungerte Garnison entmuthigen würde, ward gespart. Eines Tages erscholl durch das ganze irische Lager ein allgemeines Freudengeschrei. Die Vertheidiger von Londonderry erfuhren bald, daß die Armee Jakob's wegen des Falles von Enniskillen in so freudiger Aufregung sei. Man sagte ihnen, daß sie nun keine Aussicht auf Entsatz mehr hätten, und ermahnte sie durch Kapituliren ihr Leben zu retten. Sie willigten ein zu unterhandeln. Allein sie verlangten freien Abzug unter Waffen und in militärischer Ordnung zu Wasser oder zu Lande nach ihrer Wahl. Für die Einhaltung dieser Bedingungen verlangten sie Geiseln und bestanden darauf, daß diese Geiseln auf die im Foylesee liegende Flotte gebracht werden sollten. Auf solche Bedingungen durfte Hamilton nicht eingehen; die Gouverneurs aber wollten davon nichts nachlassen; die Unterhandlung wurde abgebrochen und der Kampf begann von neuem.[138]
[Anmerkung 136: +Walker+; +Mackenzie+; +Light to die Blind, King, III. 13+; +Leslie's Answer to King+; +Life of James, II. 366.+ Ich muß sagen, daß King bei dieser Gelegenheit ungerecht gegen Jakob ist.]
[Anmerkung 137: +Leslie's Answer to King+; Avaux, 5.(15.) Juli 1689. +»Je trouvay l'expression bien forte: mais je ne voulois rien répondre, car le Roy s'estoit desja fort emporté.«+]
[Anmerkung 138: Mackenzie.]
[_Die Hungersnoth in Londonderry steigt auf's Höchste._] So war inzwischen der Juli weit vorgerückt und die Lage der Stadt wurde von Stunde zu Stunde fürchterlicher. Die Einwohner waren mehr durch Hunger und Krankheit, als durch das feindliche Feuer gelichtet worden. Doch war dieses Feuer jetzt heftiger und anhaltender als je. Eines der Thore und eine der Bastionen waren in Trümmer geschossen, aber die am Tage gemachten Breschen wurden des Nachts mit rastloser Thätigkeit wieder ausgebessert und jeder Angriff noch immer zurückgeschlagen. Aber die kämpfende Mannschaft der Besatzung war so erschöpft, daß sie sich kaum noch auf den Füßen halten konnte. Einige fielen im Gefecht gegen den Feind aus bloßer Schwäche zu Boden. Es war nur noch ein ganz kleines Quantum Getreide vorhanden, das mundvollweise vertheilt wurde. Dagegen hatte man einen beträchtlichen Vorrath gesalzener Häute, und durch Nagen an denselben beschwichtigte die Garnison die Qualen des Hungers. Hunde, mit dem Blute der Gefallenen gemästet, welche unbeerdigt rings um die Stadt lagen, waren ein Luxus, den nur Wenige bezahlen konnten. Der Preis einer einzigen Pfote war fünf Schilling sechs Pence. Neun Pferde waren noch am Leben, aber eben nur noch am Leben. Sie waren so abgemagert, daß man nur wenig Fleisch von ihnen zu erhalten hoffen durfte. Man beschloß jedoch sie zu schlachten, um sie zu verzehren. Die Leute starben so massenhaft, daß es den Überlebenden unmöglich war, sie ordentlich zu begraben. Es gab kaum einen Keller, in dem nicht ein Leichnam verweste. Die Noth war so gräßlich, daß man auf die Ratten, welche in diese grauenvollen Höhlen kamen, um zu schmausen, eifrig Jagd machte und sie gierig verschlang. Ein im Flusse gefangener kleiner Fisch war nicht mit Geld zu erkaufen; der einzige Preis, für den ein solcher Schatz zu erlangen war, waren einige Händevoll Hafermehl. Der Aussatz, wie er durch ungewohnte und ungesunde Kost erzeugt wird, machte das Leben zu einer fortwährenden Qual. Die ganze Stadt wurde durch den Gestank verpestet, den die Körper der Todten und Halbtodten verbreiteten. Daß unter Leuten, welche solches Elend erduldeten, Beispiele von Unzufriedenheit und Insubordination vorkamen, war unvermeidlich. Einmal hatte man Walker in dem Verdachte, daß er irgendwo Lebensmittel versteckt halte und im Geheimen schwelge, während er Andere ermahnte, für die gute Sache muthig zu leiden. Eine genaue Durchsuchung seines Hauses erwies seine vollkommene Unschuld; er erlangte seine Popularität wieder, und die Garnison, mit dem Tode vor Augen, drängte sich nach der Kathedrale, um ihn predigen zu hören, sog mit Wonne seine eindringlichen Worte ein und verließ das Gotteshaus mit leichenhaften Gesichtern und schwankenden Schritten, aber mit noch ungebrochenem Muthe. Es wurden allerdings einige geheime Complotte geschmiedet; einige obscure Verräther setzten sich mit dem Feinde in Verbindung. Aber solches Treiben mußte sorgfältig verborgen gehalten werden, und Niemand wagte öffentlich andere Worte als Worte des Trotzes und der hartnäckigen Entschlossenheit auszusprechen. Selbst in dieser entsetzlichen Noth war der allgemeine Ruf: »Keine Übergabe!« Und es fehlte nicht an Stimmen, welche leise hinzusetzten: »Zuerst die Pferde und die Häute, dann die Gefangenen, dann Einer den Andren!« Es wurde später halb scherzweise, aber nicht ohne eine fürchterliche Beimischung von Ernst erzählt, daß ein wohlbeleibter Bürger, dessen Körperumfang mit den ihn umgebenden Skeletten seltsam contrastirte, es für rathsam hielt, sich vor den zahlreichen Augen zu verbergen, die ihn mit cannibalischen Blicken verfolgten, sobald er sich auf der Straße zeigte.[139]
Die Leiden der Garnison wurden nicht wenig dadurch vermehrt, daß die englischen Schiffe während dieser ganzen Zeit weit draußen im Foylesee zu sehen waren. Jede Communication zwischen der Flotte und der Stadt war fast unmöglich. Ein Taucher, der den Sperrbaum zu passiren versucht hatte, war ertrunken. Ein Andrer wurde ergriffen und aufgehängt. Die Signalsprache war kaum verständlich. Am 13. Juli jedoch kam ein in einen Rockknopf genähtes Stück Papier in Walker's Hände. Es war ein Brief von Kirke und enthielt die Zusicherung baldiger Erlösung. Aber mehr als vierzehn Tage des größten Elends waren seitdem verstrichen, und die Herzen auch der Sanguinischsten begannen zu verzweifeln. Keine Kunst vermochte es einzurichten, daß die Lebensmittel noch zwei Tage ausreichten.[140]
[Anmerkung 139: +Walker's Account.+ »Der fette Mann in Londonderry« wurde eine sprüchwörtliche Bezeichnung für eine Person, deren Wohlstand den Neid und die Habgier seiner minder glücklichen Nebenmenschen erweckte.]
[Anmerkung 140: So lautete, nach Narcissus Luttrell, der Bericht des Kapitains Withers, eines Offiziers, der sich später sehr auszeichnete und auf den Pope eine Grabschrift machte.]
[_Angriff auf den Sperrbaum._] Gerade in diesem Augenblicke erhielt Kirke eine Depesche aus England mit dem bestimmten Befehl, Londonderry zu entsetzen. In Folge dessen entschloß er sich endlich einen Versuch zu machen, den er, soweit es sich beurtheilen läßt, schon sechs Wochen früher mit mindestens gleicher Aussicht auf Erfolg hätte unternehmen können.[141]
Unter den Kauffahrteischiffen, welche unter seinem Geleite in den Foylesee gekommen waren, befand sich eines, welches der Mountjoy hieß. Der Patron desselben, Micajah Browning, gebürtig aus Londonderry, hatte eine bedeutende Ladung Lebensmittel aus England mitgebracht. Er hatte sich zu wiederholten Malen sehr nachdrücklich über die Unthätigkeit des Geschwaders ausgesprochen; endlich erbot er sich, den gefährlichen Versuch, seinen Mitbürgern Unterstützung zu bringen, zuerst zu unternehmen, und sein Anerbieten wurde angenommen. Andreas Douglas, Kapitain des Phönix, der eine große Quantität Mehl aus Schottland an Bord hatte, erklärte sich bereit, die Gefahr und die Ehre zu theilen. Die Fregatte Dartmouth von sechsunddreißig Kanonen, unter den Befehlen des Kapitains Johann Leake, der später ein berühmter Admiral wurde, sollte die beiden Kauffahrer begleiten.
Es war der 30. Juli. Die Sonne war eben untergegangen, die Abendpredigt in der Kathedrale war vorüber und die muthlose Versammlung war auseinandergegangen, als die Schildwachen auf dem Thurme die Segel der drei Schiffe den Foyle heraufkommen sahen. Das irische Lager gerieth bald in Alarm. Mehrere Meilen weit auf beiden Ufern des Flusses waren die Belagerer auf den Beinen. Die Schiffe waren in der größten Gefahr, denn der Wasserstand war niedrig und das einzige schiffbare Fahrwasser zog sich sehr nahe am linken Ufer hin, wo sich das Hauptquartier des Feindes befand und wo die Batterien am zahlreichsten waren. Leake erfüllte seine Pflicht mit einer Geschicklichkeit und einem Muthe, die seines edlen Berufes würdig waren, setzte seine Fregatte dem feindlichen Feuer aus, um die Kauffahrer zu decken und ließ seine Geschütze sehr wirksam spielen. Endlich erreichte das kleine Geschwader die gefährlichste Stelle. Hier segelte der Mountjoy voran und fuhr gerade auf den Sperrbaum los. Die mächtige Barrikade krachte und brach; aber der Stoß war so heftig gewesen, daß der Mountjoy zurückprallte und im Schlamme festsaß. Ein Triumphgeschrei erscholl auf beiden Ufern und die Irländer eilten zu ihren Böten, um das gestrandete Schiff zu entern; aber der Dartmouth schickte ihnen eine wohlgezielte Breitseite zu, die sie in Unordnung brachte. In diesem Augenblicke fuhr der Phönix gegen die Bresche an, welche der Mountjoy gemacht hatte, und war im Nu auf der andren Seite der Sperrung. Mittlerweile stieg die Fluth rasch, der Mountjoy wurde wieder flott und bald hatte auch er die zerbrochenen Balken und schwimmenden Sparren wohlbehalten passirt. Aber sein wackerer Kapitain war nicht mehr. Eine Kugel von einer der Batterien hatte ihn getroffen, und er starb den beneidenswerthesten Tod, angesichts der Stadt, die sein Geburts- und Wohnort war und die er so eben durch seinen Muth und seine Selbstverleugnung von der fürchterlichsten Art des Unterganges gerettet hatte. Die Dunkelheit war schon vor dem Beginn des Kampfes am Sperrbaum hereingebrochen; aber die abgemagerte, geisterbleiche Menge, welche die Wälle der Stadt bedeckte, sah den Blitz und hörte den Donner der Geschütze. Als der Mountjoy auf den Grund lief und das Triumphgeschrei der Irländer auf beiden Ufern ertönte, brach den armen Belagerten das Herz. Einer, der die namenlose Angst jenes Augenblicks ertragen hatte, erzählt uns, daß sie einander leichenblaß vor Entsetzen anstarrten. Und selbst nachdem die Barrikade passirt war, durchlebten sie noch eine fürchterliche halbe Stunde angstvoller Ungewißheit. Es war zehn Uhr, als die Schiffe am Quai anlangten. Die ganze Bevölkerung hatte sich hier versammelt, um sie zu bewillkommnen. Eine Verschanzung von mit Erde gefüllten Fässern wurde eiligst errichtet, um den Landungsplatz vor den Batterien des andren Flußufers zu schützen, und dann ging es an's Ausladen. Zuerst wurden Fässer, welche sechstausend Bushels Mehl enthielten, an's Ufer gerollt. Dann kamen große Käse, Tonnen voll Rindfleisch, Speckseiten, Kübel mit Butter, Säcke mit Erbsen, und Zwieback und Branntweingebinde. Einige Stunden vorher war jedem der Kämpfer ein halbes Pfund Talg und dreiviertel Pfund gesalzene Haut mit karger Genauigkeit zugewogen worden. Die Ration, welche nun Jeder erhielt, bestand aus drei Pfund Mehl, zwei Pfund Fleisch und einer Pinte Erbsen. Man kann leicht denken, mit welchen Thränen der Freude bei den Mahlzeiten dieses Abends das Tischgebet gesprochen wurde. Von Schlaf war auf beiden Seiten des Walles wenig die Rede. Die Freudenfeuer flackerten lustig den ganzen Wallgürtel entlang. Die irischen Geschütze brüllten die ganze Nacht durch, und die ganze Nacht hindurch antworteten die Glocken der geretteten Stadt den irischen Geschützen mit herausforderndem Geläute. Auch noch den ganzen 31. Juli spielten die feindlichen Batterien. Aber bald nach Sonnenuntergang sah man im Lager Flammen auflodern und als der Morgen des 1. Augusts zu grauen begann, bezeichnete nur noch eine Reihe rauchender Trümmer die Stätte, welche die Zelte der Belagerer kürzlich eingenommen, und die Bürger sahen in weiter Ferne die lange Colonne von Piken und Standarten, die sich das linke Ufer des Foyle entlang auf Strabane zurückzog.[142]
[Anmerkung 141: Die Depesche, welche Kirke den bestimmten Befehl brachte, den Sperrbaum anzugreifen, war von Schomberg unterzeichnet, der bereits zum Oberbefehlshaber sämmtlicher englischen Streitkräfte in Irland ernannt war. Eine Abschrift davon befindet sich unter den Nairne'schen Manuscripten in der Bodlejanischen Bibliothek. Wodrow schreibt auf keine andre Autorität hin als das Gerede einer Landgemeinde in Dumbartonshire, den Entsatz Londonderry's den Ermahnungen eines heldenmüthigen schottischen Predigers, Namens Gordon zu. Ich möchte glauben, daß ein peremtorischer Befehl von Schomberg weit mehr Einfluß auf Kirke hatte, als die vereinte Beredtsamkeit einer ganzen Synode von presbyterianischen Geistlichen.]
[Anmerkung 142: +Walker+; +Mackenzie+; +Histoire de la Revolution d'Irlande, Amsterdam 1691+; +London Gazette, Aug. 5.(15.) 1689+; Brief von Buchan unter den Nairne'schen Manuscripten; +Life of Sir John Leake+; +The Londeriad+; +Observations on Mr. Walker's Account of the Siege of Londonderry, licensed Oct. 4. 1689.+]
[_Die Belagerung von Londonderry aufgehoben._] So endete diese große Belagerung, die denkwürdigste in den Annalen der britischen Inseln. Sie hatte hundertfünf Tage gedauert und die Garnison war von einem Effectivbestande von ungefähr siebentausend Mann auf etwa dreitausend reducirt worden. Der Verlust der Belagerer kann nicht genau angegeben werden. Walker schätzte ihn auf achttausend Mann. Aus den Depeschen Avaux' geht mit Gewißheit hervor, daß die Regimenter, welche von der Blokade zurückkehrten, dergestalt zusammengeschmolzen waren, daß viele von ihnen nicht mehr als zweihundert Mann zählten. Von sechsunddreißig französischen Artilleristen, welche die Kanonade geleitet hatten, waren einunddreißig getödtet oder dienstunfähig gemacht.[143] Die Angriffs- wie die Vertheidigungsmittel waren unzweifelhaft von der Art, daß sie die großen Heerführer des Continents zum Lachen gereizt haben würden; aber eben dieser Umstand verleiht der Geschichte des ganzen Kampfes ein so eigenthümliches Interesse. Es war ein Kampf nicht zwischen Ingenieuren, sondern zwischen zwei Nationen, und der Sieg blieb der Nation, welche zwar an Zahl der andren nachstand, ihr aber in Civilisation, in Fähigkeit zur Selbstherrschaft und in Beharrlichkeit überlegen war.[144]