Part 21
Da Maumont gefallen war, übernahm Hamilton wieder das Commando der irischen Armee. Seine Thaten als Befehlshaber trugen keineswegs zur Erhöhung seines Ruhmes bei. Er war ein eleganter Cavalier und ein tapferer Soldat, aber auf den Titel eines großen Feldherrn konnte er keinen Anspruch machen; auch hatte er noch nie in seinem Leben eine Belagerung gesehen.[94] Pusignan besaß mehr Kenntniß und Energie, aber er überlebte Maumont um wenig mehr als vierzehn Tage. Am 6. Mai um vier Uhr Morgens unternahm die Besatzung einen zweiten Ausfall, eroberte mehrere Fahnen und tödtete viele von den Belagerern. Pusignan, welcher tapfer focht, wurde durch den Leib geschossen; die Wunde war von der Art, daß ein geschickter Chirurg sie wohl hätte heilen können; aber einen solchen gab es im irischen Lager nicht und die Verbindung mit Dublin war langwierig und unregelmäßig. So starb der Unglückliche unter bitteren Klagen über die rohe Unwissenheit und Nachlässigkeit, die seine Tage abgekürzt hatten. Ein Arzt, der expreß aus der Hauptstadt abgesandt worden, traf erst nach der Beerdigung ein. Wahrscheinlich in Folge dieses beklagenswerthen Unglücks richtete Jakob eine tägliche Postverbindung zwischen dem Schlosse von Dublin und Hamilton's Hauptquartier ein. Doch selbst auf diese Art wurden die Briefe nicht rasch befördert, denn die Couriere gingen zu Fuß und machten, wahrscheinlich aus Furcht vor den Enniskillenern, einen Umweg von einem Militärposten zum andren.[95]
Der Mai verging, der Juni kam heran, und Londonderry hielt sich noch immer. Es hatten viele Ausfälle und Scharmützel mit verschiedenem Erfolge stattgehabt; im Ganzen aber war der Vortheil auf Seiten der Garnison gewesen. Mehrere hohe Offiziere waren als Gefangene in die Stadt gebracht worden, und zwei französische Fahnen, welche den Belagerern nach hartem Kampfe entrissen worden, waren als Trophäen in der Altarstätte der Kathedrale aufgehängt. Es schien nothwendig, die Belagerung in eine Blockade zu verwandeln. Ehe man aber die Hoffnung aufgab, die Stadt durch Waffengewalt zu nehmen, beschloß man noch einen energischen Versuch zu machen. Der zum Sturm ausersehene Punkt war ein Außenwerk, nicht weit vom südlichen Thore, welches der Windmühlenhügel hieß. Religiöse Anfeuerungsmittel wurden angewendet, um den gesunkenen Muth zu beleben. Viele Freiwillige verpflichteten sich eidlich in die Festungswerke einzudringen oder bei dem Versuche umzukommen. Kapitain Buttler, ein Sohn Lord Mountgarret's, übernahm es, die Eidgenossen zum Angriff zu führen. Die Colonisten waren in drei Reihen auf den Wällen aufgestellt. Die Hinteren hatten nur die Musketen der Vorderen zu laden. Die Irländer rückten kühn und mit einem entsetzlichen Geschrei heran, wurden aber nach einem langen und heißen Kampfe zurückgeschlagen. Im dichtesten Kugelregen sah man die Frauen von Londonderry, ihren Gatten und Brüdern Wasser und Munition reichend. An einer Stelle, wo der Wall nur sieben Fuß hoch war, gelang es Buttler und einigen seiner Eidgenossen, das Plateau zu erreichen; aber sie wurden sämmtlich getödtet oder gefangen genommen. Endlich, nachdem vierhundert Irländer gefallen waren, ließen ihre Anführer zum Rückzug blasen.[96]
[Anmerkung 93: Walker; Mackenzie; Avaux, 26. April (6. Mai) 1689. Unter den Protestanten von Ulster herrscht die traditionelle Meinung, Maumont sei von Murray's Hand gefallen; allein über diesen Punkt ist der Bericht des französischen Gesandten an seinen Gebieter entscheidend. In der That existiren über die Belagerung von Londonderry fast eben so viele märchenhafte Geschichten wie über die Belagerung von Troja. Die Sage von Murray und Maumont datirt von 1689. In +The Royal Voyage+, welches Stück in jenem Jahre aufgeführt wurde, wird der Kampf zwischen den beiden Helden in folgenden wohlklingenden Strophen geschildert:
»Sie trafen sich, und auf den ersten Streich Fiel Monsieur fluchend auf den staub'gen Grund Und sterbend biß er noch in's Gras.«]
[Anmerkung 94: +Si c'est celuy qui est sorti de France le dernier, qui s'appelloit Richard, il n'a jamais veu de siège, ayant toujour's servi en Roussillon.+ -- Louvois an Avaux, 3.(13.) Juni 1689.]
[Anmerkung 95: Walker; Mackenzie; Avaux an Louvois, 2.(12.), 4.(14.) Mai 1689; Jakob an Hamilton vom 28. Mai (8. Juni) in der Bibliothek der Royal Irish Academy. Louvois schrieb sehr entrüstet an Avaux: +»La mauvaise conduite que l'on a tenue devant Londonderry a cousté la vie à M. de Maumont et à M. de Pusignan. Il ne faut pas que sa Majesté Britannique croye qu'en faisant tuer des officiers generaux comme des soldats, on puisse ne l'en point laisser manquer. Ces sortes de gens sont rares en tout pays et doivent estre menagez.«+]
[Anmerkung 96: Walker; Mackenzie; Avaux, 16.(26.) Juni 1689.]
[_Die Belagerung in eine Blokade verwandelt._] Es blieb nun nichts weiter übrig als die Wirkung des Hungers zu versuchen. Man wußte, daß die Lebensmittelvorräthe der Stadt nur gering waren, ja man wunderte sich sogar, daß sie so lange ausgereicht hatten. Jetzt wurden alle Maßregeln getroffen, um die fernere Zufuhr von Lebensmitteln abzuschneiden. Alle zur Stadt führenden Landwege wurden auf das Sorgfältigste bewacht. Auf der Südseite am linken Ufer des Foyle lagerten die Reiter, welche Lord Galmoy aus dem Barrowthale begleitet hatten. Ihr Anführer war von allen irischen Offizieren derjenige, den die Protestanten am meisten fürchteten und verabscheuten. Denn er hatte seine Mannschaft mit seltener Geschicklichkeit und Sorgfalt disciplinirt, und man erzählte sich haarsträubende Geschichten von seiner Grausamkeit und Perfidie. Lange Reihen Zelte, bedeckt mit der Infanterie Buttler's und O'Neils, Lord Slane's und Lord Gormanstown's, den Leuten aus Westmeath unter Nugent, den Leuten aus Kildare unter Eustace und den Leuten aus Kerry unter Cavanagh.[97] Der Fluß war mit Forts und Batterien besäumt, welche kein Schiff ohne große Gefahr passiren konnte. Nach einiger Zeit beschloß man, zur noch größeren Sicherheit ungefähr anderthalbe Meile unterhalb der Stadt eine Barrikade quer durch den Strom aufzuwerfen. Zu dem Ende wurden mehrere mit Steinen beladene Böte versenkt und eine Reihe Pfähle in den Grund des Flusses eingerammt. Starke Fichtenstämme, fest an einander gebunden, bildeten einen über eine Viertelmeile langen Sperrbaum, der mit fußdicken Tauen an beiden Ufern wohl befestigt war.[98] Ein großer Steinblock, an welchem das Tau am linken Ufer befestigt war, wurde viele Jahre später fortgeschafft, um behauen und zu einer Säule verarbeitet zu werden. Die Idee wurde jedoch wieder aufgegeben und die rohe Steinmasse liegt noch jetzt nicht weit von ihrem ursprünglichen Platze unter den Bäumen, welche ein reizendes Landhaus, Boom Hall genannt, beschatten. Dicht daneben befindet sich der Brunnen, aus dem die Belagerer tranken, und ein Stück weiter hin ist der Begräbnißplatz, wo sie ihre Gefallenen beerdigten und wo noch in unseren Tagen der Spaten des Gärtners in geringer Tiefe unter dem Rasen und den Blumen auf zahlreiche Schädel und Gebeine gestoßen ist.
[Anmerkung 97: Über die Disciplin der Galmoy'schen Reiter siehe Avaux' Brief an Louvois vom 10.(20.) September. Entsetzliche Geschichten von der Grausamkeit des Obersten sowohl wie seiner Leute werden in der +Short View, by a Clergyman, 1689+, und in mehreren anderen Flugschriften aus diesem Jahre erzählt. In Bezug auf die Vertheilung der irischen Truppen sehe man die damals erschienenen Pläne der Belagerung. Eine Liste der Regimenter, die vermuthlich ein Seitenstück zu der im zweiten Buche der Iliade vorkommenden Liste bilden sollte, findet man in der Londeriade.]
[Anmerkung 98: +Life of Admiral Sir John Leake, by Stephen M. Leake, Clarencieux King at Arms, 1750.+ Von diesem Buche wurden nur funfzig Exemplare gedruckt.]
[_Seegefecht in der Bantry-Bai._] Während diese Ereignisse im Norden stattfanden, hielt Jakob seinen Hof in Dublin. Bei seiner Wiederankunft daselbst von Londonderry erhielt er die Nachricht, daß die französische Flotte unter dem Commando des Grafen von Chateau Renaud in der Bantry-Bai vor Anker gegangen sei und eine große Masse von Kriegsvorräthen sowie eine Geldsendung ans Land geschafft habe. Herbert, der eben mit einem englischen Geschwader nach jenen Gewässern abgegangen war, um die Verbindung zwischen der Bretagne und Irland abzuschneiden, erfuhr wo der Feind lag und segelte in die Bucht mit der Absicht, eine Schlacht zu liefern. Doch der Wind war ihm ungünstig, die feindliche Flotte war der seinigen weit überlegen, und nach einem kurzen Feuer, das auf keiner Seite erhebliche Verluste herbeiführte, hielt er es für rathsam, die hohe See wieder zu gewinnen, während die Franzosen sich tiefer in den Hafen zurückzogen. Er steuerte nach Scilly, wo er Verstärkungen zu finden hoffte, und Chateau Renaud, zufrieden mit dem Ruhme, den er sich erworben, und besorgt, daß er denselben durch längeres Verweilen wieder verlieren möchte, eilte trotz der dringenden Aufforderung Jakob's, nach Dublin zu kommen, nach Brest zurück.
Beide Theile machten Anspruch auf den Sieg. Die Gemeinen zu Westminster beschlossen albernerweise ein Dankvotum für Herbert, Jakob ließ, nicht minder albernerweise, Freudenfeuer anzünden und ein Te Deum singen. Aber diese Freudenbezeigungen befriedigten Avaux keineswegs, denn seine Nationaleitelkeit war selbst noch stärker als die Klugheit und Courtoisie, durch die er sich auszeichnete. Er beschwerte sich, daß Jakob so ungerecht und undankbar sei, den Ausgang des kürzlichen Gefechts dem Widerstreben zuzuschreiben, mit dem die englischen Seeleute gegen ihren rechtmäßigen König und ihren alten Commandeur gefochten hätten, und daß Se. Majestät eben nicht sehr erfreut gewesen zu sein scheine, als er gehört habe, daß sie, von den siegreichen Franzosen verfolgt, über den Ocean flüchteten. Auch Dover sei ein schlechter Franzos. Er scheine sich eben so wenig über die Niederlage seiner Landsleute gefreut zu haben, und man habe ihn äußern hören, daß das Gefecht in der Bantry-Bai den Namen einer Schlacht nicht verdiene.[99]
[Anmerkung 99: Avaux, 8.(18.) Mai, 26. Mai (5. Juni) 1689; London Gazette vom 9. Mai; +Life of James, II. 370+; +Burchet's Naval Transactions+; +Commons' Journals May 18, 21.+ Aus den Memoiren der Frau von la Fayette ersieht man, daß dieses unbedeutende Treffen in Versailles nach Gebühr gewürdigt wurde.]
[_Ein von Jakob einberufenes Parlament tagt in Dublin._] Den Tag darauf, nachdem in Dublin zu Ehren dieses unentschiedenen Gefechts ein Te Deum gesungen worden war, eröffnete das von Jakob zusammenberufene Parlament seine Sitzungen. Die Zahl der weltlichen Peers von Irland betrug bei seiner Ankunft in diesem Königreiche ungefähr hundert. Davon kamen nicht mehr als vierzehn seiner Aufforderung nach, und von diesen vierzehn waren zehn Katholiken. Durch Umstoßen früherer Verurtheilungen und durch neue Creirungen wurden noch siebzehn Lords, sämmtlich Katholiken, ins Oberhaus gebracht. Die protestantischen Bischöfe von Meath, Ossory, Cork und Limerick erschienen, ob aus der aufrichtigen Überzeugung, daß sie rechtmäßigerweise selbst einem Tyrannen den Gehorsam nicht verweigern könnten, oder in der eitlen Hoffnung, daß selbst das Herz eines Tyrannen durch ihre Geduld erweicht werden möchte, in der Mitte ihrer Todfeinde.
Das Haus der Gemeinen bestand fast ausschließlich aus Irländern und Papisten. Zugleich mit den königlichen Ausschreiben hatten die Wahlbeamten von Tyrconnel Briefe erhalten, in denen die Personen namhaft gemacht waren, die er gewählt zu sehen wünschte. Die größten Wahlkörper des Königreichs waren damals sehr klein, denn außer den Katholiken wagte kaum Jemand sein Gesicht zu zeigen, und katholische Freisassen gab es damals sehr wenige, in manchen Grafschaften nicht mehr als zehn bis zwölf. Selbst in so bedeutenden Städten wie Cork, Limerick und Galway überstieg die Zahl Derer, welche nach den neuen Städteordnungen stimmberechtigt waren, nicht vierundzwanzig. Ungefähr zweihundertfunfzig Mitglieder nahmen ihre Sitze ein, und davon waren nur sechs Protestanten.[100] Die Namenliste giebt hinreichenden Aufschluß über die politische und religiöse Gesinnung der Versammlung. Es war das einzige irische Parlament jener Zeit, das mit Dermots und Grohagans, mit O'Neils und O'Donovans, mit Macmahons, Macnamaras und Macgillicuddies angefüllt war. Die Führung übernahmen einige Männer, deren Fähigkeiten durch juristische Studien oder durch in fremden Ländern erworbene Erfahrung entwickelt worden waren. Dem Generalfiskal, Sir Richard Nagle, der die Grafschaft Cork vertrat, gaben selbst die Protestanten das Zeugniß eines scharfsinnigen und gelehrten Juristen. Franz Plowden, der Commissar für die Staatsrevenüen, der für Bannow im Parlamente saß und als erster Finanzbeamter fungirte, war ein Engländer, und da er ein Hauptagent des Jesuitenordens in Geldangelegenheiten gewesen, läßt sich wohl annehmen, daß er ein ausgezeichneter Geschäftsmann war.[101] Oberst Heinrich Luttrell, Mitglied für die Grafschaft Carlow, hatte lange in Frankreich gedient und von dort in sein Heimathland einen geschärften Verstand und verfeinerte Sitten, eine glatte Zunge, einige Geschicklichkeit im Kriege und sehr viel Geschicklichkeit im Intriguiren mitgebracht. Sein älterer Bruder, Oberst Simon Luttrell, Vertreter der Grafschaft Dublin und Militärgouverneur der Hauptstadt, hatte ebenfalls in Frankreich gelebt und spielte, obwohl er seinem Bruder Heinrich an Talent und Thätigkeit nachstand, doch eine sehr hervorragende Figur unter den Anhängern Jakob's. Das andre Mitglied für die Grafschaft Dublin war Oberst Patrick Sarsfield. Diesen tapferen Offizier betrachteten die Eingebornen als einen der Ihrigen, denn seine Vorfahren von Vaters Seite waren zwar ursprünglich Engländer, gehörten aber zu den ersten Colonisten, von denen man sprüchwörtlich sagte, daß sie irischer geworden seien als Irländer. Seine Mutter war von edlem celtischen Geblüt und er war ein treuer Anhänger des alten Glaubens. Als der Erbe eines Vermögens, das ihm etwa zweitausend Pfund jährlicher Einkünfte gewährte, war er einer der reichsten Katholiken des Landes. Von den Höfen und Feldlagern besaß er eine Kenntniß wie nur wenige seiner Landsleute. Er war lange Offizier bei der englischen Leibgarde gewesen, hatte viel mit Whitehall verkehrt und hatte unter Monmouth auf dem Continente und gegen Monmouth bei Sedgemoor tapfer gefochten. Er hatte, wie Avaux schrieb, mehr persönlichen Einfluß als irgend Jemand in Irland und war wirklich ein Gentleman von ausgezeichneten Verdiensten, tapfer, bieder, ehrenwerth, auf das Wohlbefinden seiner Leute im Quartier bedacht und am Tage der Schlacht stets an ihrer Spitze. Seine Unerschrockenheit, seine Freimüthigkeit, seine grenzenlose Gutherzigkeit, seine Statur, welche die gewöhnlicher Menschen hoch überragte, und die Körperkraft, welche er im Einzelkampfe entwickelte, hatten ihm die Zuneigung und Bewunderung der Massen erworben. Es ist bemerkenswerth, daß die Engländer ihn allgemein als einen tapferen, geschickten und hochherzigen Feind achteten und daß er selbst in den rohesten Possen, welche von gemeinen Comödianten in Smithfield aufgeführt wurden, stets von den entehrenden Beschuldigungen ausgenommen ward, welche man damals auf die irische Nation zu schleudern gewohnt war.[102]
Doch solcher Männer waren nicht viele in dem Hause der Gemeinen, das sich zu Dublin versammelt hatte. Es ist kein Vorwurf für die irische Nation, eine Nation, welche seitdem ihr volles Contingent von beredten und gebildeten Senatoren gestellt hat, wenn man sagt, daß von allen Parlamenten, welche je auf den britischen Inseln zusammengetreten sind, Barebone's Parlament nicht ausgenommen, es dem von Jakob einberufenen am meisten an den Eigenschaften gebrach, die eine Legislatur besitzen muß. Die strenge Herrschaft einer feindlichen Kaste hatte die Geisteskräfte des irischen Gentleman gelähmt. War er so glücklich Grundeigenthum zu besitzen, so hatte er sein Leben in der Regel unter Jagd, Fischfang, Trinkgelagen und Liebeshändeln mit seinen Unterthanen zugebracht. War sein Vermögen confiscirt worden, so war er von Schloß zu Schloß und von Hütte zu Hütte gewandert, um kleine Geldbeiträge zu erheben und auf Kosten Anderer zu leben. Er hatte nie im Hause der Gemeinen gesessen, hatte niemals thätigen Antheil an einer Wahl genommen, und war nie Magistratsbeamter gewesen; kaum daß er einmal Mitglied einer großen Jury gewesen war. Daher fehlte es ihm an aller und jeder Erfahrung in öffentlichen Angelegenheiten. Der englische Squire war zwar auch kein besonders gelehrter und erleuchteter Politiker, aber im Vergleich mit dem katholischen Squire von Munster oder Connaught war er ein Staatsmann und Philosoph.
Die Parlamente Irland's hatten damals kein bestimmtes Versammlungslocal. Sie kamen in der That so selten zusammen und gingen so bald wieder auseinander, daß es kaum der Mühe werth gewesen wäre, einen Palast zu ihrem ausschließlichen Gebrauche zu erbauen und einzurichten. Erst als die hannöversche Dynastie schon lange auf dem Throne saß, erstand in College Green ein Senatshaus, das mit den schönsten Bauwerken von Inigo Jones einen Vergleich aushält. An der Stelle wo jetzt der Porticus und die Kuppel der Four Courts auf den Liffey herniedersehen, stand im siebzehnten Jahrhundert ein altes Gebäude, das einst ein Dominikanerkloster gewesen, seit der Reformation aber den Männern des Gesetzes zur Benutzung angewiesen worden war und den Namen King's Inns führte. Dieses Gebäude war zur Aufnahme des Parlaments eingerichtet worden. Am 7. Mai nahm Jakob, in königliche Gewänder gekleidet und eine Krone tragend, seinen Sitz auf dem Throne im Hause der Lords ein und ließ die Gemeinen vor die Schranken entbieten.[103]
Er sprach hierauf den Eingebornen Irland's seinen Dank dafür aus, daß sie treu zu ihm gehalten, als das Volk seiner anderen Königreiche ihn verlassen habe. Seinen Entschluß, alle religiösen Disabilitäten in allen seinen Landen abzuschaffen, erklärte er für unerschütterlich feststehend. Er forderte das Haus auf, die Ansiedelungsacte in Erwägung zu ziehen und die Beeinträchtigungen zu redressiren, über welche die alten Eigenthümer des Bodens sich zu beschweren Ursache hätten. Zum Schluß erkannte er in warmen Ausdrücken an, wie sehr er dem Könige von Frankreich verpflichtet sei.[104]
Nach beendeter Thronrede ersuchte der Kanzler die Gemeinen, sich in ihre Kammer zurück zu begeben und einen Sprecher zu wählen. Sie wählten den Generalfiscal Nagle, und die Wahl wurde vom Könige bestätigt.[105]
Die Gemeinen votirten nun zunächst Resolutionen, welche sowohl Jakob als Ludwig innigen Dank darbrachten. Es wurde sogar vorgeschlagen, durch eine Deputation Avaux eine Adresse überreichen zu lassen; der Sprecher aber setzte die grobe Unziemlichkeit eines solchen Schrittes auseinander, und sein Dazwischentreten hatte bei dieser Gelegenheit den gewünschten Erfolg.[106] Sonst war jedoch das Haus selten geneigt, auf Vernunftgründe zu hören. Die Debatten waren eitel Geschrei und Tumult. Der Richter Daly, ein Katholik, aber ein rechtschaffener und begabter Mann, konnte nicht umhin, die Unschicklichkeit und Thorheit zu beklagen, mit der die Mitglieder seiner Kirche das Werk der Gesetzgebung betrieben. Diese Herren, sagte er, seien kein Parlament, sondern ein bloßer Pöbelhaufen; sie glichen auf ein Haar den Fischern und Gemüsehändlern, welche in Neapel zu Ehren Masaniello's brüllten und die Mützen emporwarfen. Es sei schmerzlich, ein Mitglied nach dem andren tollen Unsinn über seine Verluste schwatzen und nach dem geraubten Vermögen schreien zu hören, während das Leben Aller und die Unabhängigkeit des gemeinsamen Vaterlandes in Gefahr seien. Diese Worte wurden privatim gesprochen, aber einige Ohrenbläser hinterbrachten sie den Gemeinen. Es brach ein heftiger Sturm los. Daly wurde vor die Schranken gefordert, und es unterlag kaum einem Zweifel, daß man mit Strenge gegen ihn verfahren würde. In dem Augenblicke aber als er die Schwelle überschritt, stürzte ein Mitglied mit dem Ausrufe herein: »Gute Nachrichten! Londonderry ist genommen!« Das ganze Haus erhob sich, alle Hüte flogen in die Luft, und drei laute Hurrahs ertönten. Jedes Herz wurde durch die frohe Botschaft zur Milde gestimmt. Niemand wollte in einem solchen Augenblick etwas von Bestrafung hören. Der Befehl zu Daly's Erscheinen wurde unter dem Rufe: »Keine Unterwürfigkeit! keine Unterwürfigkeit! wir verzeihen ihm!« wieder aufgehoben. Wenige Stunden später erfuhr man, daß Londonderry sich noch so hartnäckig hielt wie je zuvor. Dieser an sich unbedeutende Vorfall verdient erwähnt zu werden, weil er beweist, wie sehr es dem Hause der Gemeinen an den Eigenschaften fehlte, die in dem großen Rathe eines Landes gefunden werden müssen. Und diese Versammlung, die weder Erfahrung noch würdevollen Ernst, noch Mäßigung besaß, sollte jetzt über Fragen entscheiden, welche dem Scharfsinne der größten Staatsmänner viel zu schaffen gemacht haben würden.[107]
[Anmerkung 100: +King, III. 12+; +Memoirs of Ireland from the Restoration, 1716.+ Listen beider Häuser findet man im Anhang zu King.]
[Anmerkung 101: Beweise für Plowden's Connection mit den Jesuiten fand ich in einem Briefbuche des Schatzamts unterm 12. Juni 1689.]
[Anmerkung 102: +»Sarsfield«+, schrieb Avaux unterm 11.(21.) October 1689 an Louvois, +»n'est pas un homme de la naissance de mylord Galloway«+ (vermuthlich Galmoy) +»ny de Makarty; mais c'est un gentilhomme distingué par son mérite, qui a plus de crédit dans ce royaume qu'aucun homme que je connaisse. Il a de la valeur, mais surtout de l'honneur et de la probité à toute épreuve ... homme qui sera toujours à la tête de ses troupes, et qui en aura grand soin.«+ -- Leslie sagt in seiner +Answer to King+, daß die irischen Protestanten Sarsfield's Rechtschaffenheit und Ehre Gerechtigkeit widerfahren ließen. In der That wird Sarsfield selbst in rohen Possen, wie die +Royal Flight+, gebührende Anerkennung zu Theil.]
[Anmerkung 103: +Journal of the Parliament in Ireland, 1689.+ Der Leser darf nicht glauben, daß dieses Tagebuch einen officiellen Character habe. Es ist eine bloße Compilation von einem protestantischen Pamphletisten und in London gedruckt.]
[Anmerkung 104: +Life of James, II. 335.+]
[Anmerkung 105: +Journal of the Parliament in Ireland.+]
[Anmerkung 106: Avaux, 20. Mai (5. Juni) 1689.]
[Anmerkung 107: +A True Account of the Present State of Ireland, by a Person that with Great Difficulty left Dublin, 1689+; Brief aus Dublin vom 12. Juni 1689; +Journal of the Parliament in Ireland.+]