Part 20
[_Der Fall Londonderry's erwartet._] Man erwartete im Lager allgemein, daß Londonderry ohne Schwertstreich fallen werde. Rosen prophezeite mit großer Zuversicht, der bloße Anblick der irischen Armee werde die Besatzung zur Übergabe bestimmen. Richard Hamilton aber, der den Character der Colonisten besser kannte, hatte schlimme Ahnungen. _Eines_ wichtigen Bundesgenossen innerhalb der Mauern der Stadt waren die Belagerer gewiß. Der Gouverneur Lundy bekannte sich zwar zum protestantischen Glauben und hatte an der Proklamirung Wilhelm's und Mariens Theil genommen, aber er stand in geheimer Communication mit den Feinden seiner Kirche und der Souveraine, denen er Treue geschworen. Einige haben vermuthet, daß er ein verkappter Jakobit gewesen sei, und sich die Revolution nur deshalb zum Schein habe gefallen lassen, um desto leichter eine Restauration herbeiführen zu helfen, doch ist es wahrscheinlich, daß sein Verhalten eher der Zaghaftigkeit und Geistesarmuth als dem Eifer für irgend eine öffentliche Sache zuzuschreiben ist. Er scheint den Widerstand für hoffnungslos gehalten zu haben, und in der That mußten die Vertheidigungsmittel Londonderry's einem militärischen Auge kläglich vorkommen. Die Festungswerke bestanden aus einem mit Gras und Unkraut bewachsenen einfachen Walle; selbst vor den Thoren war kein Graben; die Zugbrücken waren seit langer Zeit vernachlässigt, die Ketten waren verrostet und kaum noch zu gebrauchen; die Brustwehren und Thürme waren nach einem Systeme erbaut, das Schülern Vauban's wohl ein Lächeln abzwingen konnte, und diese schwachen Vertheidigungswerke waren fast auf jeder Seite von Anhöhen beherrscht. Die Erbauer der Stadt hatten allerdings nie daran gedacht, daß sie eine regelmäßige Belagerung auszuhalten haben würde, und hatten sich damit begnügt, Werke anzulegen, welche hinreichten, die Einwohner gegen einen tumultuarischen Angriff der celtischen Bauern zu schützen. Avaux versicherte Louvois, daß ein einziges französisches Bataillon solche Vertheidigungswerke leicht erstürmen werde. Und selbst wenn der Platz trotz aller dieser Nachtheile im Stande sein sollte, eine Armee zurückzuschlagen, welche von der Kenntniß und Erfahrung von Generälen, die unter Condé und Turenne gedient hatten, geführt würde, so müsse doch der Hunger den Kampf bald beendigen. Die Lebensmittelvorräthe seien gering und die Bevölkerung sei durch eine Menge von Colonisten, welche vor der Wuth der Eingebornen geflohen, um das Sieben- bis Achtfache der gewöhnlichen Zahl vermehrt worden.[82]
Lundy scheint daher von dem Augenblicke an, wo die irische Armee in Ulster einrückte, jeden Gedanken an einen ernsthaften Widerstand aufgegeben zu haben. Er sprach in einem so verzagten Tone, daß die Bürger und seine eignen Soldaten gegen ihn murrten. Er scheine es, sagten sie, darauf abgesehen zu haben, sie zu entmuthigen. Inzwischen rückte der Feind mit jedem Tage näher heran, und man erfuhr, daß Jakob selbst das Commando seiner Truppen zu übernehmen gedenke.
[Anmerkung 82: Avaux, 4.(14.) April 1689. Unter den Manuscripten im britischen Museum befindet sich ein interessanter Bericht über die Vertheidigungsmittel Londonderry's, der 1705 von einem französischen Ingenieur, Namens Thomas, für den Herzog von Ormond abgefaßt wurde.]
[_Es kommt Succurs aus England._] Gerade in diesem Augenblicke zeigte sich ein Schimmer von Hoffnung. Am 14. April gingen englische Schiffe in der Bai vor Anker. Sie hatten zwei Regimenter an Bord, welche unter den Befehlen eines Obersten, Namens Cunningham, zur Verstärkung der Garnison abgesandt worden waren. Cunningham und mehrere von seinen Offizieren kamen ans Land, um sich mit Lundy zu besprechen. Dieser rieth ihnen davon ab, ihre Mannschaften landen zu lassen, indem die Stadt sich nicht halten könne. Noch mehr Truppen hineinzuwerfen, würde daher schlimmer als nutzlos sein, denn je zahlreicher die Besatzung sei, um so mehr Gefangene würden dem Feinde in die Hände fallen. Die beiden Regimenter könnten nichts besseres thun als nach England zurückzukehren. Er gedenke, sagte er, heimlich auf und davon zu gehen, und die Einwohner müßten dann zusehen, wie sie unter möglichst vortheilhaften Bedingungen kapituliren könnten.
[_Verrätherei Lundy's._] Er ließ sich die Formalität eines Kriegsraths gefallen, von dem er aber alle diejenigen Offiziere ausschloß, deren Gesinnungen er als von den seinigen abweichend kannte. Einige, die sonst immer zu solchen Berathungen gezogen worden waren und die deshalb jetzt unaufgefordert kamen, wurden aus dem Zimmer gewiesen. Was der Gouverneur sagte, wurde von seinen Creaturen bestätigt. Cunningham und seine Kameraden durften es kaum wagen, ihre Ansicht der eines Mannes entgegenzusetzen, der natürlich viel bessere Lokalkenntniß hatte als sie und dem sie überdies zu gehorchen angewiesen waren. Einer der wackeren Soldaten erhob jedoch Einwürfe. »Bedenken Sie,« sagte er, »Londonderry aufgeben heißt Irland aufgeben.« Aber seine Einwendungen wurden mit Verachtung zurückgewiesen.[83] Der Kriegsrath ging auseinander, Cunningham kehrte mit seinen Offizieren auf die Schiffe zurück und traf Anstalten zur Abreise. Unterdessen schickte Lundy heimlich einen Boten ins Hauptquartier des Feindes, mit der Versicherung, daß die Stadt auf die erste Aufforderung ohne Kampf übergeben werden würde.
[Anmerkung 83: +Commons' Journals, Aug. 12. 1689.+]
[_Die Bewohner von Londonderry beschließen sich zu vertheidigen._] Sobald aber das was im Kriegsrathe vorgegangen, in der Stadt ruchbar wurde, empörte sich der Geist der Soldaten und Bürger gegen den feigen und treulosen Anführer, der sie verrathen hatte. Viele von seinen eigenen Offizieren erklärten, daß sie sich nicht länger für verpflichtet hielten, ihm zu gehorchen. Drohende Stimmen ließen sich vernehmen, bald daß ihm der Hirnschädel eingeschlagen, bald daß er auf den Wällen der Stadt aufgehängt werden solle. Es wurde eine Deputation an Cunningham abgesandt, um ihn flehentlich zu bitten, das Commando der Stadt zu übernehmen. Er entschuldigte sich jedoch mit dem plausiblen Grunde, daß er Ordre habe, in allen Stücken den Befehlen des Gouverneurs Folge zu leisten.[84] Inzwischen ging das Gerücht, daß Einer nach dem Andren von Lundy's Vertrauten sich aus der Stadt stehle. Am Abend des 17. fand man, daß lange nach Einbruch der Dämmerung die Thore noch offen und die Schlüssel verschwunden waren. Die Offiziere, welche diese Entdeckung machten, nahmen es auf sich, die Parole zu ändern und die Wachen zu verstärken. Die Nacht ging jedoch ohne einen Angriff vorüber.[85]
Nach einigen angstvollen Stunden brach der Morgen an. Die Irländer mit Jakob an ihrer Spitze, waren jetzt nur noch vier Meilen von der Stadt entfernt. Es wurde nun ein tumultuarischer Kriegsrath der angesehensten Einwohner zusammenberufen. Einige von ihnen sagten dem Gouverneur mit Heftigkeit gerade ins Gesicht, daß er sie verrathen habe. Er habe sie, riefen sie aus, ihrem erbittertsten Feinde verkauft und habe die Truppen nicht eingelassen, die der gute König Wilhelm zu ihrer Vertheidigung gesandt habe. Während der Wortwechsel seinen Höhepunkt erreicht hatte, meldeten die auf den Wällen ausgestellten Schildwachen, daß die Vorhut der feindlichen Armee in Sicht sei. Lundy hatte Befehl gegeben, daß nicht gefeuert werden sollte, aber seine Autorität war zu Ende. Zwei tapfere Soldaten, Major Heinrich Baker und Kapitain Adam Murray, riefen das Volk zu den Waffen. Sie wurden unterstützt durch die Beredtsamkeit eines bejahrten Geistlichen, Georg Walker, Rectors der Gemeinde Donaghmore, der mit vielen seiner Amtsbrüder in Londonderry ein Asyl gesucht hatte. Die ganze Bevölkerung der überfüllten Stadt war von einem Gefühle beseelt. Soldaten, Gentlemen, Freisassen und Handwerker eilten auf die Wälle und bemannten die Geschütze. Jakob, der sich, des Sieges gewiß, dem südlichen Thore bis auf hundert Schritt genähert hatte, wurde mit dem Geschrei: »Keine Übergabe!« und mit einer Kanonensalve von der nächsten Bastion empfangen. Ein Offizier von seinem Stabe fiel neben ihm todt nieder. Der König und seine Begleiter beeilten sich, aus dem Bereiche der Kanonenkugeln zu kommen. Lundy, der jetzt in der größten Gefahr schwebte, von denen die er verrathen hatte, in Stücken zerrissen zu werden, verbarg sich in einem entlegenen Gemache. Hier blieb er den Tag über, und während der Nacht entkam er unter dem großmüthigen und weisen Beistande Murray's und Walker's, als Lastträger verkleidet.[86] Noch jetzt wird der Theil des Walles gezeigt, wo er sich herunterließ, und noch lebende Leute rühmen sich die Früchte eines Birnbaumes gekostet zu haben, der ihm das Herabsteigen erleichtert hatte. Sein Name ist noch heutigen Tages den Protestanten im Norden Irland's ein Greuel und sein Bild wurde lange und wird vielleicht jetzt noch alljährlich mit ähnlichen Zeichen des Abscheus, wie sie in England dem Guy Faux zu Theil werden, aufgehängt und verbrannt.
[Anmerkung 84: Den besten Bericht über diese Vorgänge findet man in den Verhandlungen des Hauses der Gemeinen vom 12. August 1689. Siehe auch die Erzählungen von Walker und Mackenzie.]
[Anmerkung 85: +Mackenzie's Narrative.+]
[Anmerkung 86: Walker und Mackenzie.]
[_Ihr Character._] Jetzt war Londonderry ohne alle militärische wie bürgerliche Obrigkeit. Niemand in der Stadt hatte das Recht einem Andern zu befehlen, die Vertheidigungsmittel waren schwach, die Vorräthe gering, und ein wüthender Tyrann stand mit einer zahlreichen Armee vor den Thoren. Drinnen aber herrschte ein Geist, der oft in Augenblicken verzweifelter Bedrängniß das gesunkene Glück von Nationen wieder aufgerichtet hat. Obwohl verrathen und verlassen, desorganisirt, von Hülfsmitteln entblößt und von Feinden umringt, war die edle Stadt doch noch immer keine leichte Eroberung. Was auch ein Ingenieur von der Stärke ihrer Mauern halten mochte: hinter diesen Mauern war der intelligenteste, muthigste und hochsinnigste Theil der englischen Bevölkerung von Leinster und Nordulster versammelt. Die Anzahl der waffenfähigen Männer betrug siebentausend Mann, und die ganze Welt hätte nicht siebentausend Männer liefern können, welche besser geeignet gewesen wären, einer furchtbaren Nothwendigkeit mit klarem Urtheil, unerschütterlichem Muthe und trotziger Geduld die Stirn zu bieten. Sie waren sämmtlich Protestanten und der Protestantismus der Mehrzahl hatte eine puritanische Färbung. Sie hatten viel Ähnliches von der nüchternen, entschlossenen und gottesfürchtigen Klasse, aus welcher Cromwell sein unbesiegbares Heer gebildet. Die eigenthümliche Lage aber, in die sie versetzt waren, hatte einige Eigenschaften in ihnen entwickelt, die im Mutterlande vielleicht nicht zur Geltung gekommen sein würden. Die englischen Bewohner Irland's waren eine aristokratische Kaste, die durch höhere Bildung, durch festes Zusammenhalten, durch rastlose Wachsamkeit und durch kaltblütige Unerschrockenheit in den Stand gesetzt worden war, eine zahlreiche und feindliche Bevölkerung in Unterwürfigkeit zu erhalten. Fast Jeder von ihnen war mehr oder weniger zu militärischen wie zu politischen Functionen herangebildet worden. Fast Jeder war mit dem Gebrauche der Waffen vertraut und gewohnt, an der Justizverwaltung Theil zu nehmen. Zeitgenössische Schriftsteller sagten, daß die Colonisten etwas von dem castilischen Stolze, aber nichts von der castilischen Indolenz hätten, daß sie ein ausgezeichnet reines und correctes Englisch sprächen und daß sie sowohl als Milizen wie als Geschworne hoch über ihres Gleichen im Mutterlande ständen.[87] Leute in der Lage der Angelsachsen in Irland haben zu allen Zeiten eigenthümliche Fehler und eigenthümliche Tugenden gehabt, die Fehler und Tugenden von Herren im Gegensatz zu den Fehlern und Tugenden von Sklaven. Das Mitglied eines dominirenden Stammes ist in seinem Verkehr mit dem unterworfenen Stamme zwar selten falsch -- denn Falschheit ist das Hülfsmittel des Schwachen -- aber gebieterisch, anmaßend und grausam. Gegen seine Brüder aber zeigt er sich im allgemeinen gerecht, gütig und selbst edel. Seine Selbstachtung bestimmt ihn alle seinem Stamme Angehörenden zu achten. Sein Interesse treibt ihn an, ein gutes Einvernehmen mit Denen zu unterhalten, deren prompten, kräftigen und muthigen Beistand er vielleicht einmal zur Erhaltung seines Eigenthums und seines Lebens bedürfen kann. Er ist stets der Wahrheit eingedenk, daß sein persönliches Wohl von dem Übergewicht der Klasse abhängt, der er angehört. Dadurch wird selbst sein Egoismus zum Gemeinsinn, und dieser Gemeinsinn wird durch Sympathie, durch das Verlangen nach Beifall und durch die Furcht vor Entehrung zu wilder Begeisterung aufgestachelt. Denn die einzige Meinung, auf die er Werth legt, ist die Meinung seiner Standesgenossen, und ihrer Ansicht nach ist treue Hingebung für die gemeinsame Sache die heiligste aller Pflichten. Der so constituirte Character hat zwei Seiten. Von der einen Seite angesehen, muß er von jedem Rechtschaffenen und Unbefangenen mit Mißbilligung betrachtet werden. Von der andren Seite gesehen, erzwingt er sich unwiderstehlich Beifall. Der Spartaner erregt unsren Abscheu, wenn er den unglücklichen Heloten schlägt und mit Füßen tritt. Den nämlichen Spartaner können wir nicht ohne Bewunderung betrachten, wenn wir ihn an dem Tage, von dem er wohl weiß, daß es sein letzter sein wird, im Engpaß von Thermopylä ruhig sein Haar ordnen sehen und seine lakonischen Scherze aussprechen hören. Dem oberflächlichen Beobachter mag es sonderbar vorkommen, daß soviel Böses und soviel Gutes beisammen gefunden werden können. In der That aber stehen dieses Gute und dieses Böse, die auf den ersten Anblick fast unvereinbar scheinen, in innigem Zusammenhange und haben einen gemeinsamen Ursprung. Weil der Spartaner gelernt hatte, sich als einem Herrschergeschlechte angehörend zu betrachten und auf jeden Nichtspartaner als auf einen tief unter ihm Stehenden herabzusehen, deshalb hatte er kein Mitgefühl für die elenden Sklaven, welche vor ihm im Staube krochen, und deshalb kam ihm nie, selbst nicht in der höchsten Noth, der Gedanke, sich einem fremden Herrn zu unterwerfen oder vor einem Feinde zu fliehen. Etwas von diesem nämlichen, aus Tyrannei und Heroismus zusammengesetzten Character hat man bei allen den Nationen gefunden, welche über zahlreichere Nationen dominirten. Nirgend aber hat sich im modernen Europa dieser Character so augenfällig gezeigt wie in Irland. Mit welcher Verachtung, mit welcher Abneigung die herrschende Minderzahl in diesem Lande lange Zeit die unterworfene Mehrzahl betrachtete, kann man am besten aus den gehässigen Gesetzen ersehen, welche noch zu einer Zeit, deren sich gegenwärtig Lebende erinnern, das irische Gesetzbuch schändeten. Diese Gesetze wurden endlich abgeschafft, aber der Geist, der sie zu Tage gefördert hatte, überlebte sie und macht sich noch jetzt zuweilen in Excessen Luft, welche dem Gemeinwohl zum größten Nachtheil und der protestantischen Religion zur Unehre gereichen. Dessenungeachtet kann man unmöglich leugnen, daß die englischen Colonisten mit leider zu vielen Fehlern einer herrschenden Kaste alle edelsten Tugenden einer solchen verbanden. Die Fehler haben sich ganz natürlich im schlimmsten Grade zu Zeiten des Gedeihens und der Ruhe gezeigt, wie die Tugenden sich am glänzendsten in Zeiten der Noth und Gefahr bewährt haben, und nie traten diese Tugenden sichtbarer in den Vordergrund als bei den Vertheidigern von Londonderry in dem Augenblicke da ihr Commandant sie im Stich gelassen und das Lager ihres Todfeindes vor den Mauern ihrer Stadt aufgeschlagen war.
Sobald der erste Ausbruch der durch Lundy's Treulosigkeit erregten Wuth sich gelegt hatte, ergriffen Die, welche er verrathen, mit einer der berühmtesten Senate würdigen Kaltblütigkeit und Umsicht Maßregeln zur Aufrechthaltung der Ordnung und zur Vertheidigung der Stadt. Es wurden zwei Gouverneurs, Baker und Walker, erwählt. Baker übernahm das militärische Kommando, und Walker's specielles Geschäft bestand in der Erhaltung der inneren Ruhe und in der Vertheilung der Bedürfnisse aus den Magazinen.[88] Die kampffähigen Einwohner wurden in acht Regimenter eingetheilt und Obersten, Hauptleute und Subalternoffiziere ernannt. In wenigen Stunden kannte Jedermann seinen Posten und war bereit, sich beim ersten Trommelschlage auf denselben zu begeben. Das Verfahren, durch welches Cromwell in der vorhergehenden Generation unter seinen Soldaten eine so glühende und beharrliche Begeisterung erhalten hatte, wurde auch hier wieder mit nicht minder vollständigem Erfolge angewendet. Ein großer Theil des Tages ward mit Predigen und Beten hingebracht. Achtzehn Geistliche der Landeskirche und sieben bis acht nonconformistische Priester befanden sich in der Stadt. Sie alle strengten sich mit unermüdlichem Eifer an, den Muth des Volks zu heben und zu erhalten. Unter ihnen selbst herrschte für diese Zeit vollkommene Einigkeit. Aller Streit über Kirchenregiment, Stellungen und Ceremonien war vergessen. Der Bischof hatte sich, als er gesehen, daß seine Sermone über den passiven Gehorsam selbst von den Episkopalen bespöttelt wurden, zuerst nach Raphoe und dann nach England begeben, wo er jetzt in einer londoner Kapelle predigte.[89] Auf der andren Seite war ein schottischer Fanatiker, Namens Hewson, der die Presbyterianer ermahnt hatte, nicht mit Leuten, die sich weigerten den Covenant zu unterschreiben, gemeinschaftliche Sache zu machen, dem wohlverdienten Abscheu und Hohn der gesammten Protestanten verfallen.[90] Die Kathedrale gewährte einen eigenthümlichen Anblick. Auf der Höhe des breiten Thurmes, der jetzt durch einen von andrer Bauart ersetzt ist, waren Kanonen aufgefahren, unter den Bogengängen war Munition aufgehäuft und im Chore wurde jeden Morgen die Liturgie der anglikanischen Kirche verlesen. Am Nachmittag versammelten sich die Dissenters zu einem einfacheren Gottesdienst.[91]
Jakob hatte vierundzwanzig Stunden gewartet, wahrscheinlich in der Hoffnung, daß Lundy seine Versprechungen erfüllen werde, und diese vierundzwanzig Stunden hatten hingereicht, um die Anstalten zur Vertheidigung Londonderry's zu vollenden. Am Abend des 19. April erschien ein Trompeter am südlichen Thore und fragte, ob die vom Gouverneur eingegangenen Verpflichtungen erfüllt werden würden. Die Antwort lautete, daß die Männer, welche diese Mauern bewachten, mit den Verpflichtungen des Gouverneurs nichts zu thun hätten und entschlossen wären, sich bis aufs Äußerste zu vertheidigen.
Am folgenden Tage wurde ein Bote höheren Ranges gesandt: Claudius Hamilton, Lord Strabane, einer der wenigen römisch-katholischen Peers von Irland. Murray, der zum Obersten eines der acht Regimenter ernannt war, in welche die Besatzung eingetheilt worden, ging hinaus vor das Thor und es fand eine kurze Besprechung mit dem Parlamentair statt. Strabane war ermächtigt, große Versprechungen zu machen. Die Bürger sollten volle Verzeihung für alles Geschehene haben, wenn sie sich ihrem rechtmäßigen Landesherrn unterwürfen. Murray selbst sollte ein Oberstenpatent und tausend Pfund Sterling an Gelde bekommen. »Die Männer von Londonderry,« antwortete Murray, »haben nichts gethan, was der Verzeihung bedürfte, und erkennen keinen andren Souverain als König Wilhelm und Königin Marie an. Es dürfte nicht rathsam für Eure Lordschaft sein, noch lange hier zu verweilen oder in gleicher Absicht wiederzukommen. Gestatten Sie mir die Ehre, Sie bis über die Linien hinaus zu geleiten.«[92]
Jakob war versichert worden und hatte mit Bestimmtheit erwartet, daß die Stadt sich ergeben würde, sobald sein Erscheinen vor den Mauern derselben zur Kenntniß der Einwohner gelangte. Als er sich jedoch in dieser Erwartung getäuscht sah, wollte er von Melfort's Rath nichts mehr wissen und er beschloß, sofort nach Dublin zurückzukehren. Rosen begleitete den König und die Leitung der Belagerung wurde Maumont übertragen. Unter ihm standen Richard Hamilton als Zweiter, und Pusignan als Dritter im Commando.
[Anmerkung 87: Siehe +The Character of the Protestants of Ireland, 1689+, und +The Interest of England in the Preservation of Ireland, 1689.+ Erstere Flugschrift ist das Werk eines Feindes, letztere das eines warmen Freundes.]
[Anmerkung 88: Es entspann sich nachher ein müßiger Streit über die Frage, ob Walker wirklich Gouverneur gewesen sei oder nicht. Mir scheint es vollkommen unzweifelhaft, daß er es war.]
[Anmerkung 89: +Mackenzie's Narrative+; +Funeral Sermon on Bishop Hopkins, 1690.+]
[Anmerkung 90: +Walker's True Account, 1689.+ Siehe auch +The Apology for the True Account+ und +The Vindication of the True Account+, beide in dem nämlichen Jahre erschienen. Ich habe diesen Mann mit dem Namen bezeichnet, unter welchem er in Irland bekannt war. Sein wirkliche Name aber war Houstoun. Er wird häufig in dem wunderlichen Buche, betitelt: +Faithful Contendings Displayed+, erwähnt.]
[Anmerkung 91: +A View of the Danger and Folly of being publicspirited, by William Hamill, 1721.+]
[Anmerkung 92: Siehe +Walker's True Account+ und +Mackenzie's Narrative.+]
[_Londonderry belagert._] Die Operationen begannen nun ernstlich. Die Belagerer fingen damit an, daß sie die Stadt beschossen, und bald brannte sie an mehreren Stellen. Dächer und obere Stockwerke stürzten ein und erschlugen die Hausbewohner. Eine kurze Zeit lang schien die Besatzung, von der Viele noch niemals die Wirkung eines Bombardements gesehen, durch das Gekrach der einstürzenden Schornsteine und durch den Anblick der mit entstellten Leichnamen vermischten Trümmerhaufen entmuthigt zu werden. Aber das Vertrautwerden mit Gefahr und Greueln brachte binnen wenigen Stunden die natürliche Wirkung hervor. Der Muth des Volks steigerte sich bis zu einem solchen Grade, daß seine Anführer es für zweckmäßig hielten, die Offensive zu ergreifen. Am 21. April wurde unter Murray's Commando ein Ausfall gemacht. Die Irländer hielten ihrerseits entschlossen Stand und es kam zu einem heftigen und blutigen Kampfe. Maumont eilte an der Spitze eines Reitertrupps nach der Stelle, wo das Gefecht wüthete. Eine Flintenkugel traf ihn am Kopfe und streckte ihn todt nieder. Die Belagerer verloren außerdem noch mehrere andere Offiziere und ungefähr zweihundert Mann, bevor es gelang, die Colonisten in die Stadt zurückzuwerfen. Murray entkam mit knapper Noth. Sein Pferd war ihm unter dem Leibe getödtet worden und er war von Feinden umringt, aber er vertheidigte sich noch so lange gegen dieselben, bis einige von seinen Freunden, mit dem greisen Walker an der Spitze, aus dem Thore heraus stürzten und ihn befreiten.[93]